Chapter 4

Motto:Dort an der Ecke das alte HausWird doch noch stehn?An dem die Leute tagein, tagausVorübergehn?– – – – – – – – –O heil’ge Heimat, ich grüße dichAn jedem Ort – – –Carmen Sylva.

Motto:

Dort an der Ecke das alte HausWird doch noch stehn?An dem die Leute tagein, tagausVorübergehn?– – – – – – – – –O heil’ge Heimat, ich grüße dichAn jedem Ort – – –

Dort an der Ecke das alte HausWird doch noch stehn?An dem die Leute tagein, tagausVorübergehn?– – – – – – – – –O heil’ge Heimat, ich grüße dichAn jedem Ort – – –

Dort an der Ecke das alte HausWird doch noch stehn?An dem die Leute tagein, tagausVorübergehn?– – – – – – – – –O heil’ge Heimat, ich grüße dichAn jedem Ort – – –

Dort an der Ecke das alte Haus

Wird doch noch stehn?

An dem die Leute tagein, tagaus

Vorübergehn?

– – – – – – – – –

O heil’ge Heimat, ich grüße dich

An jedem Ort – – –

Carmen Sylva.

Da stand es noch. – Genau wie einst im Schatten der uralten Eichen.

Grau und langgestreckt mit einer langen Reihe niedriger Fenster. Und aus dem Giebelfenster schauten die steinernen Pferdeköpfe, beide von einem steinernen Eichenkranz umschlungen.

Wie ging noch die Sage? Die Sage vom Eichenborn?

Im Jahre 1298 hatte von diesem Fenster aus ein Jungfräulein Eik von Eichen nach ihrem Liebsten ausgeschaut.

Das war ein Musikant gewesen, »ein fahrender Schüler, ein wilder Gesell«, den erst die allmächtige Liebe zahm gemacht. Der ergrimmte Vater hatte gesprochen:

»Ebensowenig wie meine Rösser hier oben in deine Kemenate steigen, sich unser Wappen umhängen und aus dem Fenster hinabschauen ins Tal der wilden Gera, ebensowenig sollst du und dein Buhle jemals es tun.«

Aber da hatte es plötzlich getrammst und getrappelt, und die beiden Rosse waren die gewundenen Treppen hinaufgestiegen, umschlungen von einem Eichenkranz. Sie hatten sich eng aneinander geschmiegt und schauten ins Tal der wilden Gera, darinnen der herzwunde, einsame Spielmann seines Weges zog.

Darauf gab es eine fröhliche Hochzeit und – wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch.

Es gab kaum einen alten Mann oder eine alte Frau in Schwarzhausen, die nicht auf diese Legende schworen.

Hinter dem schloßähnlichen Gebäude lag der weite, große, grasbestandene Hof, in seiner Mitte standen steinerne Bänke um einen Riesentisch, und über diesem Platz wölbte ein alter Nußbaum seine Riesenzweige.

O wie duftete ein Blatt von diesem Baum, wenn man es in die warme Kinderhand nahm – – –

Alles kann man vergessen in der raschen, hastenden, lockenden Welt da draußen, aber diesen Duft nicht, – niemals – – –

Und auch jenen leisen Klang nicht, so eng verwachsen mit der Kinderzeit, – jenes melancholischeRieseln und Rauschen des alten Brunnens im Grashof, der unter einem knorrigen Fliederstrauch stand.

Hatte man sich müde gespielt, dann setzte man sich unter den Nußbaum, oder lief nach dem Fliederstrauch und pflückte sich schwere zartlila Dolden. Die kleinen Blütchen steckte man ineinander und hing sich dann die langen Ketten um den Hals, – wie stolz sah man aus! Nicht nur die Gespielen, – nein, alle Hühner und Enten und der große, kollernde Truthahn und der bunte, häßlich schreiende Pfau bewunderten die kleine Tochter des Hauses.

Und ab und zu lief man nach dem Brunnen und besprengte die lila Fliederdolden – – oh – Nußbaum und Fliederstrauch – – –

Schwer seufzte die junge Frau auf.

»Mutter, sind wir jetzt daheim?« fragte eine klare Knabenstimme.

Da konnte sie zum erstenmal wieder weinen.

»Ja, Bertold, wir sind daheim!«

Und sie nahm den Knaben fest an der Hand und schritt mit ihm über die Schwelle ihres Vaterhauses.

In der dämmerigen Diele, in die sie eintraten, war es köstlich kühl. Die schwere Eichentür schloß sich hinter ihnen und sperrte die sengende Mittagsglut eines heißen Julitages ab.

Der von langer Postfahrt ermüdete Junge atmete hoch auf. »Hier ist’s schön, Mutter.«

Rings an den Wänden hingen Ölbilder. Ehrbare, ernste Gesichter in steifen Ratsherrnkrausen sahen aus schwarzen, strengen Augen auf die beiden Ankömmlinge nieder.

»Sind das die Onkel und Tanten, zu denen wir wollen, Mutter?« fragte der Knabe.

»Nein, Bertold, – diese hier sind lange tot.«

»Aber Großvater lebt!«

»Ja, mein Junge.«

Es fröstelte plötzlich die junge Frau.

Sie setzte sich auf die schmale Bank, die sich rings an der Diele entlang zog, und lehnte den Kopf an die Holztäfelung.

Die feinen Nasenflügel bebten und sogen den Duft des Heimathauses ein. Thymian und Lavendel. –

Spurlos war die Zeit an diesem Hause vorübergegangen – – alles deutete auf Thymian und Lavendel.

Der kleine Bertold schlief auf der harten Holzbank und seine Mutter saß und dachte nach in schwerer Beklommenheit.

Sie wußte, daß jetzt niemand kam.

Die Tante hielt ihren Mittagsschlaf, der Vater – war wohl auch, wie früher, zu dieser Stunde in seinem Arbeitszimmer, und Herr Eik von Eichenjuniorkam nie in diesen Flügel des ausgedehnten Gebäudes.

Sie sehnte sich plötzlich nach einer Menschenstimme.

Wenn doch der alte Teichmann käme oder seine Frau, oder irgendeiner der alten dienstbaren Geister.

Sie wußte, daß auch in ihren Reihen die letzten acht Jahre keine Veränderung gebracht hatten.

Nervös strich sie an ihrem Trauergewand herunter. Herrgott, wie die Gedanken auf sie einstürmten!

Sie krochen aus den Wänden und aus den Fugen der Holztäfelung, sie schwebten wie kleine Spukgeisterchen in der Luft und hingen in den Verschnörkelungen der Goldrahmen.

»Weißt du noch?« fragten sie wieder und wieder.

Und die junge Frau dachte daran, wie sie vorhin scheu aus der Postkutsche gestiegen war, damit der Postverwalter sie nicht sehen sollte und auch seine Frau nicht, die hinter dem »Spion« saß und strickte.

Sonst würde es ja sofort jeder im Orte wissen –

Und wie sie den schwarzen, fadenscheinigen Regenschirm aufgespannt und in der brennenden Mittagsglut unter seinem Schutze an den Häusern entlang geschlichen war.

Nur niemandem begegnen von den Menschen da draußen, – von den guten Freunden, getreuen Nachbarn – – und desgleichen.

Aber jetzt – jetzt sehnte sie sich nach einem Willkomm, – nach einem einzigen, kurzen, guten Wort.

»Alle guten Geister loben Gott den Herrn, – da sitzt Fräulein Franziska!«

Mit einem Schrei sprang sie auf, man wußte nicht, war’s ein Wehlaut oder ein Jubelruf, und der alte Mann, der aus einem Seitengang hervorgetreten war, setzte sich mit zitternden Knien auf dieselbe Stelle, wo sie vorhin geruht, und starrte die Dame an.

Der Knabe war jäh erwacht. Er rieb sich die Augen.

»Bist du der Großvater?« fragte er beherzt.

»Gott soll mich bewahren in meinen alten Jahren. Wie sollt’ ich mich vermessen, auch nur zum Schein, und dein Großvater sein?«

»Hieronymus!« jubelte die blasse junge Frau, – »alter Hieronymus Teichmann! Du bist’s noch! Gott Lob und Dank! Als du vorhin riefst: ›Da sitzt Fräulein Franziska‹, gab es mir einen Stich ins Herz. Er reimt nicht mehr, mein alter Teichmann – – – dachte ich, – aber nun –«

Der alte Diener hatte die runzligen Hände vor das Gesicht geschlagen, schwere Tränen quollen zwischen den Fingern hervor.

»Herrgott, es war der erste Schreck, den hatt’ ich weg,« stammelte er und trocknete sich die Augen.

»Guter, lieber Teichmann!«

Die junge Frau liebkoste seine rauhe Hand, sie lachte und weinte in einem Atem. »Teichmann, ich bin daheim!«

Der Alte war immer noch fassungslos. Er deutete auf den Knaben.

»Ja, Teichmann, das ist mein Junge, – hab’ ihn lieb, hörst du?«

Er nickte lebhaft.

»Herrgott, das Fräulein ist wieder da. Gott sei gepriesen, halleluja!« murmelte Hieronymus Teichmann.

***

An diesem Abende wurden drei Dinge in die Annalen der Schwarzhausener Geschichte aufgenommen.

Da waren zum ersten die neuen Gaslaternen angekommen und aufgestellt, zum zweiten war Franziska Malcroix, geborene Eik von Eichen wieder heimgekehrt, nachdem ihr plötzlich verstorbener Mann sie völlig mittellos und mit beflecktem Namen zurückgelassen, und drittens sollte Fräulein Adelgunde Eik von Eichen so etwas wie der Schlag getroffen haben, weil die verlorene Tochter des Hauses ihr die acht Jahre lang geführten Schlüssel abverlangt und sich wieder an die Spitze des Haushaltes gestellt hatte.

Der Provisor der Apotheke hatte unter dem Siegel der Verschwiegenheit einigen Honoratioren erzählt, daßDr.Hempel im Hause Eichenborn Schröpfköpfe gesetzt habe, wem?, wußte er nicht zu sagen.

Aber mit ungewissen Dingen gaben sich die Schwarzhausener ungern ab und wenn auch dem schlechten Kerl, dem alten Eiken zuzutrauen war, daß er aus reiner Bosheit seinen Familienmitgliedern Schröpfköpfe setzenließ, – so löste der Gedanke an einen Schlaganfall Fräulein Adelgundens doch mehr Befriedigung aus in den Herzen der lieben Mitmenschen. –

Der nächste Tag war ein Sonntag.

Die Schwarzhausener waren heute alle in der Kirche, und der alte Herr Pfarrer Klingenreuter lächelte fein, als er die Kanzel bestieg.

Er hatte halb Schwarzhausen getauft, konfirmiert und getraut, er kannte seine schwarzen und weißen Schäflein als getreuer Hirte. Er sah durch ihre fromm emporgerichteten Stirnen in ihre unfrommen Gedanken. Und predigte sehr schön und höchst unbequem heute vom Splitter im Auge des Nächsten und vom Balken im eigenen Auge. Man war nicht befriedigt. Vom Hören nicht und auch vom Sehen nicht. Denn der Kirchenstuhl der Eik von Eichens blieb leer, und Fräulein Adelgunde, die nach dem schweren Schlaganfall eigentlich auf dem Schragen liegen sollte, saß am Fenster und häkelte ihre bekannte Gardinenspitze, von der Böswillige behaupteten, sie ginge schon um das ganze Fürstentum herum. –

Es ward ein höchst langweiliger Sonntag vom Morgen bis zum Abend. Denn man hatte gehofft, wenigstens an einem der Fenster des »Eichenhauses«, wie es kurzweg genannt wurde, einen Schatten von Franziska Malcroix oder ihrem Sprößling zu sehen, und vom Mittagessen an pilgerte ganz Schwarzhausen dort vorbei, – vergebens. Nur der alte Teichmann,der so unverständig war, nie einen Ton über seine Herrschaft zu sagen, der er seit fünfzig Jahren diente, – ihn nur erspähte man. Er saß auf seinem bekannten Platz, auf einer der steinernen Bänke im Grashof, hatte sich das stadtbekannte Luftkissen untergeschoben, welches seit zehn Jahren schadhaft war und von der guten Frau Teichmann unentwegt aufgeblasen wurde. Man fürchtete sich etwas vor Hieronymus Teichmann, denn man begriff immer noch nicht seine wunderliche Art zu reden, trotzdem er schon als zehnjähriges Kind derselbe Reimschmied gewesen war. Ja, die verstorbene Hebamme von Schwarzhausen behauptete unter ihrem Eide, er sei »mit’n Versch« auf die Welt gekommen.

Was sie damit sagen wollte, verstand niemand, aber unheimlich war’s.

Nur Fräulein von Bebeleben, eine der zwanzig Stiftsdamen des adligen Klosters Schwarzhausen, fürchtete sich nicht vor ihm und überhaupt vor keinem Menschen und keinem †††.

Deshalb stelzte sie mit großen Schritten in den Grashof, und nun stand sie vor dem ungeheuer pfiffig Dreinschauenden.

»Warum waren Sie heute nicht in der Kirche, Teichmann? Es könnte Ihnen doch wahrhaftig nichts schaden, sich mit unserm Herrgott ein bißchen auf du und du zu stellen.«

Die Antwort war unbefriedigend.

»Bei allem Respekt vor der Heiligkeit,« meinteTeichmann bedächtig, »ich hatte dazu heut keine Zeit, und wo soviel Schafe im christlichen Stall, kann so’n alter Hammel wohl fehlen mal, der liebe Gott ist ’n braver Mann, aber ich schau’ ihn ganz gern von ferne an.«

»Ketzer!« rief die Stiftsdame entsetzt und wendete ihm den Rücken. Da lachte der alte Teichmann wieder sein feines, pfiffiges Lachen und nahm sein geliebtes Buch vor seine große Hornbrille, das Buch, das er Sonntags kaum aus den Händen legte, – das Neue Testament.

Aber die Frau Postverwalterin Nehring war heute die Heldin des Tages.

Sie hatte ja die schwarzgekleidete Fremde, welche mit der Post ankam, gesehen und – erkannt.

»Blaß, – liebe Damen, war sie und verweint.« So lautete später ihr Bericht. »Weiß wie mein Tischtuch, wenn ich’s Sonntags auflege, und der Schirm zerlöchert; und das Kleid, – höchstens eine Mark fünfzig Pfennig das Meter bei Dingelmann und Sohn. Und der kleine Junge machte ’ne närr’sche ›Fichur‹, – ich weiß nicht, hat er ’n Buckel, oder war’s ’n Rucksack.«

Die Schwarzhausener beschlossen, daß es ein Buckel gewesen sei.

Acht Tage später waren schon in aller Morgenfrühe die Fenster samt den Spionen in Schwarzhausen besetzt, und junge und alte Leute drückten sich die Nasen platt, – Franziska Malcroix brachte ihren Sohn zur Schule.Und vor dem Schulhause nahm sie das schöne Köpfchen in beide Hände und küßte ihn auf die Augen. Dann ging sie heim.

»Na, nun werden wir doch endlich was zu wissen kriegen.«

»Wundern kann’s einen doch, daß der reiche Eik von Eichen dem Enkel keinen Hauslehrer hält.«

»Wenigstens bis zum richtigen Gymnasium.«

»Man kann gespannt sein, was es für ein Früchtchen ist.«

»Nun, auf den Kopf gefallen sind ja die Eik’s nicht.«

»Die Franziska schon mal gar nicht.«

»Und der Lump, der Malcroix, auch nicht, sonst wäre er nicht mit der reichsten Schwarzhausener durchgegangen.«

»Du lieber Gott, man freut sich ja wahrhaftig, wenn die Vaterstadt sich durch Zuwachs vergrößert, ob aber der Buckolorum uns Ehre unters Dach trägt – der Enkel von so einem – und der Sohn von so einem – – –«

Nun, jedenfalls schärfte man den Kindern der Schule ein, heute tüchtig aufzupassen und gleich, aber auch gleich nach Schulschluß heimzuspringen, ohne erst vorher Stinnerte zu spielen. – – –


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