Chapter 5

Bertold Malcroix stand mit sehr unbehaglichen Gefühlen in der Schulstube und wartete mit zwanzigandern Kindern, Knaben und Mädchen, auf den Herrn Rektor.

Bertold Malcroix stand mit sehr unbehaglichen Gefühlen in der Schulstube und wartete mit zwanzigandern Kindern, Knaben und Mädchen, auf den Herrn Rektor.

Es war eine Vorschule, die er bis zum zehnten oder elften Jahre besuchen sollte, je nachdem er für reif erklärt wurde, ins Gymnasium nach E. zu kommen. Auch Mädchen waren in der Klasse, die entweder beim Herrn Rektor bis zu ihrem vierzehnten Jahre »weitergingen« und dann in einen Dienst traten, oder – eine Gouvernante bekamen. Die Rektorschule erfreute sich eines großen Zuspruches und ungeteilter Beliebtheit nicht nur im Orte, sondern auch in der Umgegend.

Denn, was der Herr Rektor lehrte, das saß fest.

Ja selbst die ganz Vernagelten profitierten noch etwas von ihm, ehe sie abgingen; den dummen Buben gab er den ehrlichen Rat, nie zu heiraten, damit diese Rasse ausstürbe, und den »törichten Jungfrauen« schenkte er wenigstens »Kochrezepte«.

Zu jedem einzelnen dieser Unbegabten aber meinte er gütig:

»Du Brät! Sag’s nur kei’ Menschen, wie dei Lehrer geheißen hat.« – –

Rektor Dillen war eigentlich kein Rektor, er hatte nur das zweite Examen bestanden, aber zu seinem 50. Geburtstage beschloß man in Schwarzhausen, ihn zu ehren, indem man ihn von diesem Tage an »Rektor« nannte. Ihm selbst bekam die Standeserhöhung verhältnismäßig gut, aber seine zarte, kleine, bescheidene Frau, die sogar vor der Köchin des Herrn Bürgermeisterseinen tiefen Knicks hinsetzte, war dem nicht mehr gewachsen, und sie flüchtete sich aus dieser Welt der Titulaturen.

Das war nun fünf Jahre her, und seitdem führte »Fräulein Rektor«, seine alte Schwester, ihm die Wirtschaft.

Sie pflegte zu sagen: »Ich habe bei Präsidents und bei Rats und bei Majören gedient, – nu werd’ ich wohl genug Benehmigung for’n Rektor Dillen, meinen Herrn Bruder, haben.«

Doch auch der Name des Rektors war falsch, er hieß eigentlich »Tüllen«. Aber mit so unerhörten sprachlichen Anstrengungen befaßt sich der echte »Dhiringer« nicht, und der Mann selbst stellte sich vor: »Mei Name is Dillen.«

Und als diesen Biederen einmal ein junger Kreisschulinspektor anschrie: »Herr, wenn Sie Tüllen heißen, warum nennen Sie sich nicht so?«, da antwortete er: »Es glingt so ibermit’ch, – – wenn ich ämol Gultusminister bin, – dann!«

Und zu ihm kam Bertold Malcroix, d. h. vorläufig noch nicht, denn es war erst acht Uhr und Rektor Dillen hatte die Angewohnheit, das akademische Viertel innezuhalten, das einzige Zugeständnis, das er einer glorreichen Vergangenheit machte, – er hatte einst Theologie studieren sollen. – An seinem fünfzehnten Geburtstage war ihm diese schwindelnde Aussicht eröffnet worden, die sich dann auch als Schwindel erwies.Denn er bekam nach und nach vierzehn Geschwister, und die fraßen ihm mit ihren hungrigen Mäulern die Zukunftshoffnungen auf, wenigstens knabberten sie so lange an der »Kanzel« herum, bis nur ein schlichtes »Katheder« übrig blieb. –

Vor diesem Katheder wartete Bertold Malcroix, bis es ein Viertel nach acht sein würde, sämtliche Mitschüler und Mitschülerinnen standen um ihn herum, aber sie redeten ihn nicht an, sie kicherten nur, schubsten ihn ein wenig oder traten ihm auf die Füße, es mußte irgend etwas Ehrenrühriges darin liegen, ein »Neuer« zu sein.

Aber fünf Minuten vor ein Viertel auf neun flog ein kleines Mädchen zur Tür herein, bahnte sich mit zwei rührigen Ellbogen durch die Kinderschar eine Gasse und stand nun vor Bertold, den sie von allen Seiten mit prüfenden Blicken musterte.

»Du hast ja gar keinen Buckel!« rief sie dann. Das war ihre Begrüßung. Bertold lachte.

Es war ein herzliches, sonniges, frohes Kinderlachen, so recht aus dem Innersten heraus, wie man es sonst nur bei ganz jungen Dreijährigen hört, und das Gesicht des kleinen Mädchens erstrahlte bei diesem Lachen, sie nahm den Jungen gleich fest bei der Hand.

»Warum sollte ich denn einen Buckel haben?« Und wieder lachte Bertold. Diesmal war’s ein Duett mit dem Mädel.

»Sie sagten’s alle, – aber es ist gut, daß dukeinen hast, denn sonst hätte ich sanft mit dir sein müssen, meinte Trine.«

»Wer ist Trine?«

»Trine ist – Trine.«

»Wie heißt du denn?«

»Liselotte Windemuth. Aber halt jetzt nur den Mund, da ist der Herr Rektor.«

Rektor Dillen sah erst den kleinen Ankömmling gar nicht, so groß und schlank das Bürschchen auch war.

Oderwollteer ihn nicht sehen?

Wurde die Erinnerung zu mächtig in ihm, die Erinnerung an die Mutter dieses Knaben, die mit so sonnigen Augen in diese düstere Welt und insbesondere in die düstere Welt der Eichenborns geschaut hatte, und die seine Lieblingsschülerin gewesen war?

Neunzehn Zeigefinger fuhren in die Höhe, der zwanzigste lag still geborgen in der Hand des einundzwanzigsten Schülers.

Bertold hielt Liselottes Händchen fest umklammert.

»’s is ein Neuer da! Herr Rektor.«

»Ruhig, liebe Kinder! Wir wollen erst unser Morgenlied singen.«

»Unsern Eingang segne Gott,Unsern Ausgang gleichermaßen,Segne unser täglich Brot,Segne unser Tun und Lassen,Segne uns in sel’gem Sterben,Und mach’ uns zu Himmelserben.«

»Unsern Eingang segne Gott,Unsern Ausgang gleichermaßen,Segne unser täglich Brot,Segne unser Tun und Lassen,Segne uns in sel’gem Sterben,Und mach’ uns zu Himmelserben.«

»Unsern Eingang segne Gott,Unsern Ausgang gleichermaßen,Segne unser täglich Brot,Segne unser Tun und Lassen,Segne uns in sel’gem Sterben,Und mach’ uns zu Himmelserben.«

»Unsern Eingang segne Gott,

Unsern Ausgang gleichermaßen,

Segne unser täglich Brot,

Segne unser Tun und Lassen,

Segne uns in sel’gem Sterben,

Und mach’ uns zu Himmelserben.«

Schon bei dem ersten Vers, lange ehe die Strophe zu Ende ging, hatte der Lehrer die Geige sinken lassen, – denn eine helle, glockenreine Knabenstimme führte den Chor fest und sicher bis zu Ende.

»Tausend Wetter, mein lieber Junge,« rief Rektor Dillen in ehrlicher Begeisterung, aber dann mußte er sich umständlich die Nase schneuzen, weil die Bewegung ihn übermannte. Zwei wunderschöne tiefe Kinderaugen schauten ihn an, wie früher die stahlblauen Augen der Franziska, und dieselbe klare Kinderstimme, die einst das Schulstübchen mit Wohllaut erfüllte, rief ihm zu: »Ich soll Sie von der Mutter grüßen, und sie würde ihren verehrten Lehrer bald aufsuchen.«

»Schön, schön, mein Junge.« Wieder schluckte er heftig. »Und nun sage mir noch, wie du heißt und wie alt du bist.«

»Ich bin neun Jahre alt, und ich heiße: Bertold Eik von Eichen.«

Es ging ein Summen und Tuscheln durch die Kinderschar.

»Is ja gar nich wahr.«

»Malcroix, – Malcroix –«

»Wieheißt du, Kleiner? Besinne dich einmal!«

»Bertold Eik von Eichen. Großvater hat es gesagt, ich sollte so antworten.«

»Ahhh! So so – gut und schön! Setz’ dich! Oder nein, lies mir gleich einmal ein Stückchen aus dem Kinderfreund. Seite einhundertachtundsechzig oben, damitich sehe, was du kannst. Liselotte Windemuth, ich glaube gar, du willst schon frühstücken, das ist sehr ungehörig.«

Liselotte wurde rot, aber es achtete niemand darauf, denn der neue Bertold las ganz unerhört schön und gänzlich fehlerfrei das schwierige Lesestück.

»Das war ja sehr gut, Bertold.« Die guten Augen des Lehrers strahlten. »Ich sehe schon, du bist der echte Sohn meiner braven Schülerin Franziska.«

Sei es nun, daß seine Stimme bei diesen Worten bebte, oder war es sonst etwas, – Bertold Eik warf plötzlich beide Arme auf den Tisch, legte sein Gesicht darauf und fing an bitterlich zu weinen. –

Liselotte Windemuth saß verstört neben ihm, – – die anderen waren je nach Veranlagung frech oder verlegen, beinahe aber alle stellten innerlich fest, daß es noch nie so »fein« in der Schule gewesen sei, – Mütter und Tanten würden Augen und Ohren aufsperren, was sie heute erführen.

Und Rektor Dillen stellte bei sich fest, daß die erste Stunde recht unruhig verlaufen sei und die Kinder wenig in ihr gelernt hätten, – nur ihm selbst hatte sie einen Gewinst gebracht.

Durch schöne, reine Kinderaugen hatte er in ein schönes, reines Kinderherz geschaut, ein Erlebnis, das einem Lehrer wohl einen ganzen Tag verklären konnte.

Er beschloß, die Pause heute etwas zu verlängern, um den Kindern Gelegenheit zu geben, ihre Neugierdezu befriedigen und sich zu sammeln. Und den arg verweinten Kinderaugen wollte er erlauben, sich zu waschen und zu kühlen, damit sie wieder hell würden für den Rest des Tages.

Rektor Dillen war ein erfahrener Lehrer, der ja auch in den dreißig Jahren seiner pädagogischen Tätigkeit viel hatte strafen müssen, aber Kindertränen waren seinem liebevollen Herzen immer etwas Heiliges gewesen. –

Kaum hatte das kleine, heisere Schulglöckchen, von Fräulein Rektor in Bewegung gesetzt, den Stundenschluß verkündigt, so wandte sich der Rektor gleich an Bertold.

»Du kannst in das Grasgärtchen gehen, mein Sohn, und die Liselotte wird dich begleiten, wenn du sie bittest.«

»Er braucht nicht zu bitten,« rief Liselotte rasch, »und ich hatte mir gerade dasselbe ausgedacht, während er das lange Lesestück vorlas. Komm, Bertold.«

Ihre schlanken Beinchen liefen sehr schnell, Bertold konnte kaum folgen, und dann saßen sie einträchtig auf dem kleinen Holzbänkchen in der Geißblattlaube.

»Warum hast du geweint, Bertold?« fragte die Kleine energisch.

»Ich weiß es nicht.« Seine Augen wurden schon wieder verdächtig blank.

»O, dann ist es sehr dumm. Man weint doch nicht, wenn man’s nicht weiß. Man hat schon genugzu weinen bei Ungerechtigkeiten und Leibweh. Willst du jetzt wieder heulen, oder kann ich dich viel fragen?«

»Frag’ mich nur.«

»Ich möchte wissen, ob wir sehr gut zusammen passen. Sieh mal, du bist schon neun und ich erst sieben, das paßt doch schon nicht. Aber sag’ mal, bist du auch altklug, Bertold?«

»Das weiß ich nicht, – bist du es denn?«

»Freilich, – sie sagen’s alle in Schwarzhausen. Es tut nicht weh, aber es ist nichts Schönes.«

»Nun dann sei es doch nicht.«

»Phh! Als ob das so ginge. Das ist so was Festgewachsenes, wie Haare und Augen.«

»Das glaube ich nicht.«

»Dann laß es bleiben.«

Eine Pause entstand.

»Schade wär’s, wenn wir gar nicht paßten,« meinte die Kleine endlich nachdenklich. – »Und dann habe ich auch absolutes Tonbewußtsein!«

»Was ist denndas?« rief Bertold in ungemessenem Erstaunen.

»Junge, du weißt aber auch rein nichts. – Das ist so: Wenn ich a singe, denn ist es auch a.«

»So? Und wenn du nun b, c, d, e, f, g, h, i, k, l, m, n, o, p singst?«

Da lachten sie beide und es klang wie zwei Glocken, eine hohe und eine tiefe, und der alte Rektor, der in einiger Entfernung an der Geißblattlaube vorbeiging,meinte, sie läuteten gewiß eine schöne, frohe Lehrstunde ein.

»Sag’ mal, Liselotte,« fragte jetzt Bertold, »warum meintet ihr denn alle, ich hätte einen Buckel?«

»Ach so! – Na ja, du hattest so ’ne Erhöhung auf dem Rücken, sagte die Frau Postverwalter, wie du aus der Postkutsche stiegst.«

»I, seid ihr komische Menschen! Das war meine Geige!«

»Eine Geige? Eine ganz wirkliche Geige? Und du kannst richtig spielen? Ist es eine kleine Kindergeige? Darf ich mal drauf probieren?«

»Oho, das ist nicht so einfach. Meine Geige ist außerdem eine echte Amati.«

»Was ist denn das?«

»Oho, nun fragst du auch, und ich könnte dir sagen: du weißt aber auch gar nichts. Amati und Stradivarius, das waren die zwei berühmtesten Geigenbauer.«

»Ach so, dann will ich Väterchen bitten, daß er mir Stra–ti–«

»Stradivarius – – –«

»Ja, – so ein Stratifarius kauft.«

»O du Dummerchen! Weißt du denn, wo man ihn so schnell kriegt? Meine Amati hat Vater in Nürnberg gefunden, auf einer Bodenkammer, in einer alten Truhe von einem alten Fräulein, die gar nicht wußte,wer sie da mal reingelegt hatte, und dann machte Vater sie zurecht, und nun soll sie fünfzigtausend Mark kosten.«

»So!!« Liselotte sah sehr nachdenklich aus. »Ich habe nur achtunddreißig Pfennige. Von Herrn Organisten Brennstoff. Das ist ein guter, lieber Mann. Immer, wenn er mich sieht, sagt er: Sing mal a, dann tu’ ich’s und dann zieht er die Stimmgabel raus und probiert und dann ruft er: Heil’ge Cäcilie, es stimmt! Du bist doch ä Luderchen. Und dann schenkt er mir einen Pfennig.«

»Achtunddreißigmal!« rief Bertold, »das muß sehr lustig für dich sein. Aber eine Stradivarius kriegst du nicht dafür.«

»Das ist einerlei, – ich habe ja auch noch ’ne Akkordzither.«

Herr Rektor Dillen zog jetzt die beiden aus ihrem Plauderwinkel.

»Kinder, Kinder, ’s is die hechste Zeit, – schreiben missen mer.«

Das war eine weitere Eigentümlichkeit des Herrn Rektors, – er sprach in der Aufregung, im Zorn und in der Begeisterung immer arg thüringisch, aber sobald er in Ruhe war, redete er ein völlig einwandfreies Hochdeutsch.

Und sie schrieben eine ganze Stunde lang Sprichwörter, und wieder mußte Rektor Dillen den Neuen loben, der eine geradezu vorbildliche Handschrift hatte.

»Aber ich kann nicht dahinter kommen, was du mitdiesemSprichwort gemeint hast, Bertold – –«

Und der Lehrer las aus des Knaben Heft vor: »Wer achtunddreißigmal a sagt, muß auch b sagen.«

Da lachte die ganze Klasse schallend, Bertold und Liselotte lachten auch ihr schönes, klingendes Glöckchenduett, und Rektor Dillen legte dem Knaben die alte runzlige Hand auf den dunkeln Lockenkopf und sagte leise: »Lache nur zu, mein Junge, – die im Eichenhause können Sonne brauchen.«

Dann war der Unterricht beendet.

Man konnte von diesem Tage an von Schwarzhausen das Bild gebrauchen: »Sturm im Wasserglase«.

Früher hatte es der alte gallige Herr Eik von Eichen öfter einen stehenden Teich genannt, – Teich mit Entengrün.

Es hatte ihm immer ungeheuern Spaß gemacht, ab und zu ein Steinchen hereinzuwerfen in die grünüberzogene Stille, aber der Stein, den sein eigenes, vergöttertes Kind durch kopflose Heirat und heimliches Durchbrennen in den Teich warf, war zu schwer und wuchtig gewesen. Der hatte einen brodelnden Morast aufgewühlt, dessen übelriechende Dünste dem alten Vater das Leben, mindestens aber die letzten zehn Jahre vergiftet hatten.

Jetzt war das Wasser heller und reinlicher geworden, aber es stürmte, brauste und zischte, wie eitel Kohlensäure.

Also der Name Malcroix sollte einfach abgetan werden?

Und der Knabe war etwas ganz Besonderes? Der die ganze Stunde hindurch über den Schellenkönig gelobt wurde und in den Pausen in Herrn Rektors Grasgärtchen sitzen durfte, damit nur ja kein Schwarzhausener Kind ihn necke und hänsele?

Man erwog ernstlich, ob der Rektor nicht etwa zu alt und kindisch würde und durch eine strammere Kraft ersetzt werden müsse. –

Franziska aber zog ihren Jungen mit einem Jubelruf in die Arme, sie war nur vier Stunden von ihm getrennt gewesen, aber ihr hatten es Tage gedünkt, und Bertold schmiegte sich innig an die Mutter und plauderte von seinen neuen Eindrücken und Erlebnissen.

Nur die Tränen des plötzlichen Heimwehs verschwieg er ihr, vielleicht, weil sie zu rasch getrocknet waren durch Liselottes Plaudereien. Immer wieder kam der Name des kleinen Geschöpfes in Bertolds Erzählungen vor: »Da sagte Liselotte, – da meinte Liselotte, – und da lachte Liselotte, – und ich soll sie besuchen. Und denk dir, Mutter, sie ist altklug und hat absolutes Tonbewußtsein und eine Akkordzither, und sie hat noch nie gewußt, was ’ne Amati ist.« –

Durch Frau Franziskas Herz war während dieser Erzählungen ihres Jungen etwas gehuscht, über das sie sich selbst ausschalt.

Wäre es möglich, daß sie Eifersucht empfand?

Aber sie war bis heute so ausschließlich das A und O ihres Jungen gewesen, bisher hatte er nach jedem Schultag so aus Herzensgrund gerufen: »Gottlob, Mutter, daß ich wieder bei dir bin!« Deshalb erblaßte sie heute leicht, als dies Jubelwort fehlte und Bertold statt dessen sagte: »Und nachher will ich Liselotte besuchen.«

Herr von Eichenseniorkam ihr zu Hilfe. Er hatte dem Plaudern des Knaben mit ganz merkwürdigem Gesichtsausdruck zugehört. –

»Daraus wird nichts,« erklärte er finster. »Die Schule bringt Unruhe genug. Das fehlte noch gerade, daß mir hier kreischende, polternde, unzurechnungsfähige Sprößlinge fremder Leute ins Haus kämen – – –«

»Da bin ich,« sagte in diesem Augenblicke eine frohe Kinderstimme und ein warmes, kleines Händchen schob sich vertrauensvoll in die behaarte große Rechte des Scheltenden. »Ihr habt gewiß schon gewartet, aber ich konnte wirklich nicht eher, immer muß ich von dem Bertold erzählen, die Leute sind schrecklich neugierig. Und kein Mensch wollte es glauben, daß ich zu dir dürfte, denk bloß – –«

Und Liselotte Windemuth lachte silberhell und lehnte ihr weiches Körperchen an den grimmigen alten Herrn, so daß ihre blonden langen Locken über seinen grauen Flaus fielen.

Niemand von der Tafelrunde, die um den Familientisch der Eik von Eichens saß, sprach ein Wort. Aber vondem einen Ende des Tisches kam ein häßliches, meckerndes, hölzernes Lachen, und dies Lachen berührte um so verwunderlicher, als es aus dem Munde des »schönen Eiks« kam. So nannte man Eik von Eichenjunior, den Pflegesohn und Haupterben der Eichenschen Besitztümer, den vorbildlichen Prachtmenschen, den korrekten, fleißigen, wohltätigen Handels-, Fabriks- und Gutsherrn, den »Heiligen von Schwarzhausen«.

Liselotte warf einen etwas scheuen Blick auf ihn, dann drückte sie rasch die Hand des stummen, alten Herrn und küßte sie, wie sie es von ihrem Vater gewohnt war, darauf wandte sie sich an den Jungen:

»Komm, Bertold, – komm rasch und zeige mir deine Geige,« rief sie, anscheinend höchst froh, aus der stummen Gesellschaft fortzukommen. »O, ich kann’s ja gar nicht erwarten, die Amati zu sehen, und Herrn Organist Brennstoff habe ich auch schon davon erzählt, der freut sich halbtot. Stunden will er dir geben, hat er gesagt, und etwas Großes aus dir machen, und er rief immer: Heilige Cäcilie, habe Dank!«

Das Kind verstummte, denn der alte Herr von Eichen hatte sich langsam aufgerichtet und sein verändertes Gesicht war furchtbar anzusehen. Die Adern lagen wie große, blaurote Schwielen auf der breiten Stirn und die grauen, düsteren Augen schossen Blitze. Schwer fiel seine Faust auf den Tisch, daß das Kaffeegeschirr tanzte und klirrte. –

»Die Geige« – keuchte er und faßte das Handgelenk seiner Tochter, die blaß und schreckensbang zu ihm aufschaute. »Du hast es gewagt, Franziska, sie mitzubringen?« – –

Und nun folgte ein Jähzornsausbruch, so gewaltig, so wuchtig und tobend, daß die jahrhundertealten Wände zu beben schienen. »Hinaus!« schrie er mit einer Stimme, die nichts Menschliches an sich hatte, und Frau Franziska nahm mit zitternden Händen die beiden Kinder und flüchtete mit ihnen auf die große Diele. Von hier aus lief sie, wie gejagt, in ihr eigenes Zimmer, während Bertold und Liselotte sich erschreckt ansahen.

Liselotte strich sich die wirren Locken hinter die Ohren.

»Na so was!« meinte sie empört. »Daserzähle ich aber zu Hause, – das ist ja ffffurchtbar nett, daß ich nun auch den schlechten Kerl mal gesehen habe.«

»Meinen Großvater,« stammelte Bertold, blaß bis in die Lippen.

»I wo, den mein’ ich ja gar nicht. Ich mein’ natürlich deinen Onkel, der so gräßlich lacht und grinst.« – – –

Sie streichelte liebevoll den verstörten Kameraden. »Fürchte dich nur nicht, Bertold, ich beschütz’ dich schon. Weißt du, ich hab’s furchtbar gern, wenn einer so losballert wie dein Großvater, mein Väterchen tutauch so, wenn die Base ihm Papiere verkramt, – komm, Bertold, komm zur Amati.«


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