Am andern Tage ging es in der Schule weit lebhafter zu als am ersten.
Am andern Tage ging es in der Schule weit lebhafter zu als am ersten.
Denn in den letzten zwölf Stunden des vergangenen Tages und der vergangenen Nacht hatte man in Schwarzhausen so viel Neues erfahren, wie sonst nicht in Wochen, und in jeder Familie, die schulpflichtige Kinder besaß, ermahnte man die Kinder, den Bertold Malcroix ein bißchen auszuhorchen und vor allen Dingen es nicht zu leiden, daß er während der Pausen sich mit Liselotte Windemuth verkrümele.
Rektor Dillen war beim alten Herrn Eik von Eichen gewesen, das wußte man auch, und er hatte dort verbrieft und versiegelt vorgefunden, daß der Bertold wirklich Eik von Eichen hieß und daß der durch leichtsinnige und schlechte Streiche des verstorbenen Malcroix besudelte Name durchaus verschwinden solle. Das heißt, wenn dies Frau Fama, das geschwätzigste aller Weiber, das in Schwarzhausen Ehrendienstwohnung besaß, zuließ. Vorläufig nannte man den Bertolderst rechtMalcroix, und es war ein fortgesetzter Ärger von den Schwarzhausenern, daß der hergelaufene Junge nicht auf ihn hörte, sondern den Rufenden höchstens mit ernsten, stillenAugen ansah, – mit höchst unbequemen Augen, vor denen man sich beinahe schämte.
Ja, einer schämte sich so gründlich, daß er ein guter, zuverlässiger Freund von Bertold wurde, trotzdem er wenige Minuten vor diesem Schamprozeß recht hämisch quer über die Straße gerufen hatte: »Komm einmal her, kleiner Malcroix!«
Dieser Mann, dem dann der abweisende, ernste, tiefe Kinderblick »bis an die Nieren« gegangen war, war der Apotheker von Schwarzhausen, Herr Nothnagel, – und da er zu den gewichtigen Leuten zählte, konnte sich Bertold zu dessen plötzlicher Freundschaft wohl beglückwünschen.
Und Herr Nothnagel bekräftigte diese Freundschaft mit einem halben Pfund »Abfallschokolade«, die er einem geheimnisvollen Fache seiner Apotheke entnahm und die Bertold und Liselotte auf einen Hieb vertilgten.
Darauf bekamen sie drei Tage heftigen Durchfall, ohne zu ahnen, daß sie ihn der plötzlich erwachten Zuneigung des Herrn Nothnagel verdankten.
In der Pause saßen Bertold und Liselotte doch wieder eng aneinander geschmiegt im Grasgärtchen.
Sie hörten gar nicht auf das Höhnen und die Schmährufe der anderen Kinder, sie waren auf der fernen, glückseligen Insel der Jugendfreundschaft und des ersten rückhaltlosen Vertrauens.
Liselotte erzählte stürmisch und temperamentvoll die wichtigsten Ereignisse ihres jungen Daseins.
Daß ihre Lieblingspuppe Emmy ein schleichendes Fieber habe und schon seit einem Jahre ohne Kopf daliege, aber »zu süß« sei und gescheiter und netter als alle anderen dreiundzwanzig Puppenkinder, – daß ihr Papa ein grundgelehrter Professor sei und »Väterchen« heiße, daß ihre Mama schon seit vier Jahren im Himmel sei, gerade dort, wo er am Tage am allerblauesten sei und wo des Nachts der Abendstern stünde – – – so hätte es Väterchen ihr erzählt. Und daß die Base Juliane den Haushalt führe und die alte Trine koche und flicke und stopfe und schimpfe, aber sonst beinahe so lieb sei, wie Puppe Emmy, – nur eben leidermitKopf.
Bei der Trine waren auch alle Puppen in »Penzion«, denn die Base Juliane erlaube nicht, daß Liselotte viel mit ihnen spiele, und es seien doch ihre Kinder, ihre süßen, wonnigen Kinder, die der Storch gebracht habe und der habe sie Liselotte, ganz richtig ins Bein gebissen, sie könne Bertold jeden Augenblick ihre große Zehe zeigen, wo die Narbe noch dran wäre.
Liselottes Phantasie war großartig und ging jeden Tag zwölfmal mit ihr durch, aber für den ernsten Jungen war es ein tiefes Glück, in die begeisterten Augen seiner kleinen Gespielin zu schauen.
»Bring’ mir nur deine Puppen,« meinte er, »ich will sie auch lieb haben.«
Diese Aussicht überwältigte Liselotte dermaßen, daß sie die Ärmchen um seinen Hals legte und ihm einenKuß gab, worauf sie sich beide den Mund abwischten.
»Du bist einlieberJunge,« rief Liselotte, »willst du Puppe Emmy heiraten, oder lieber Vater sein?«
»Vater sein,« erklärte Bertold, und die Sache war abgemacht.
Als Rektor Dillen die Pause für beendet erklärte, hatte man sich schon für denselben Nachmittag verabredet, um fünf Uhr nach den Schularbeiten auf Windemuths Oberboden zusammen zu kommen, und zwar sollte Bertold seine Amati mitbringen und Liselotte ihre sämtlichen Puppen.
»Und wenn Base Juliane es nicht erlaubt, dann werde ich brüllen und um mich schlagen, daß das Haus wackelt,« erklärte Liselotte, »dann darf ich’s schon, denn Väterchen braucht Ruhe.«
Bertold lachte wieder sein herzliches, tiefes Lachen. Dann meinte er sinnend: »Meine Mutter hat früher auch immer mit Puppen gespielt, sie erzählt mir wunderschöne Geschichten davon. Deine Base Juliane ist wahrscheinlich nie Mutter gewesen.«
Dies rührende Kinderwort sollte später die Schwarzhausener darin bestärken, daß Bertold »Malcroix« ein grundverdorbener Bengel sei.
Denn als der Kampf mit Base Juliane an demselben Nachmittag wirklich entbrannte und Liselotte wie eine Löwin um ihre Jungen kämpfen mußte, rief dasKind ihrer Base empört zu: »Sag’ mal, bist du mal Mutter gewesen?«
Und auf die wütende Gegenfrage der alten Jungfrau: »Wer, – wer wagt es, so gemein zu fragen?« kam die Antwort: »Der Bertold.«
In all solchen Dingen handelte Schwarzhausen immer unglaublich rasch und holte die zehntausend Meilen, die es sonst in der Kultur zurück war, oft in einer Stunde ein.
Schon am Nachmittag brachte es Base Juliane dem Professor Windemuth, der natürlich gerade in einer wichtigen archäologischen Arbeit saß, unter Tränen, Wut, Zittern und schamhaftem Erröten bei, daß, – (o du mein himmlischer Vater, Vetter Windemuth, ich kann’s dir kaum andeuten), daß der hergelaufene Bengel Malcroix an ihrer, Julianes, Jungfrauschaft frech gezweifelt hätte, und der nun sehr aufgebrachte Professor, der sich ohnedem nach seiner schnöde unterbrochenen Arbeit zurücksehnte, rief: »Der Junge darf mir selbstverständlich nie ins Haus.«
Und am selben Abend wußte es ganz Schwarzhausen mit Ausnahme des Hauses Eik von Eichen, daß der neunjährige Bertold ein ganz und gar verdorbenes Früchtchen sei.
»Sie sind alle wild und verrückt,« plauderte Liselotte und sah ihren neuen Freund, der mit dem sorglich behüteten Geigenkasten vor ihr stand, ängstlich an.»Du darfst nicht rein zu uns, Bertold, ich soll nicht mit dir spielen.«
Ganz schwarz wurden seine Augen in der Schmach dieser Minute. Wortlos drehte er Liselotte den Rücken und ging zurück ins Eichenhaus. Sie sah ihm nach und begriff mit der ganzen Stärke ihres Empfindens seinen Schmerz, und nun schrie und tobte Liselotte so ausgiebig, wie sie sich’s am Vormittag vorgenommen, und weinte die Hausbewohner zusammen mit dem unerklärlichen Jammerwort: »Ohhh, er wollte Vater sein und ihr erlaubt es nicht.«
Ja, Schwarzhausen, das moralische Schwarzhausen, ging schweren Zeiten entgegen.
Im »Eichenborn« gab es einen Raum, ein echtes, rechtes Poetenwinkelchen, das hatte sich der alte Hieronymus Teichmann, der im übrigen eine schöne, geräumige Dienstwohnung besaß, ganz besonders für sich ausbedungen, und in diese heiligen Hallen verirrte sich nicht einmal seine liebe, gute, runde Frau.
Fingerdick lag der Staub allüberall, aber alles, was er bedeckte, waren für Hieronymus Heiligtümer und unantastbare Geheimnisse.
Nur einmal hatte Frau Thereschen Teichmann in diese Blaubartkammer hineingeschaut, und nachdem sie einen Schrei der Entrüstung ausgestoßen, hatte siesich schnurstracks Wassereimer und Schrubber, grüne Seife, Besen, Schaufel und Wischtuch geholt.
Aber der unmelodische Schrei hatte die beiden Hüter des Heiligtums herbeigelockt, und Frau Thereschen fand sich einem Doppelposten gegenüber, der ihr den Eintritt samt den Abzeichen ihrer Hausfrauenwürde wehrte.
»Bei allem Respekt vor deiner Weiblichkeit, Teichweibchen, – halt’s Maul,« rief ihr der Gatte Hieronymus entgegen. »Staub ist alles hier auf Erden, auch du sollst einst zu Staube werden. Und nun mache kein Federlesen und heb’ dich hinweg mit deinem Besen.«
Frau Therese warf noch drei vorwurfsvolle Blicke zurück, den einen auf ihren Gatten, den andern auf den Staub und den dritten auf den Organisten Brennstoff.
Das war der andere Teil des Doppelpostens, der beste und geliebteste Freund ihres Hieronymus, an welchen niemand auch nur »tippen« durfte. Vom sechsten Jahre ihres Lebens an waren die beiden unzertrennliche Kameraden.
Brennstoff, selbst Lehrerssohn, hatte Musik studieren dürfen, gab sämtlichen Musikunterricht in Schwarzhausen und war Organist der Stadtkirche; Hieronymus Teichmann dagegen war der Nachfolger seines eigenen Vaters geworden, – die Teichmanns dienten seit Menschengedanken den Eik von Eichens, waren Schloßverwalter, Silberdiener und Haushofmeisterseit Generationen. Originale waren sowohl Brennstoff wie Teichmann.
Beide liebten in ihrer Jugend das gleiche Mädchen, aber Teichmann durfte sie heiraten und hatte es nie bereut.
Thereschen Balian aber ahnte nichts von Kantor Brennstoffs Liebe und so wurde sie Teichweibchen.
»Das paßt und klingt gut,« meinte der Kantor entsagungsvoll. »Der Teichmann und das Teichweibchen. Hingegender›Brennstoff‹, und weiter gar nichts, noch mehr Brennstoff bringt nur Explosion.«
Ganz allmählich waren aus den zwei FreundenvierUnzertrennliche geworden, es hatten sich Beethoven und Wagner zu ihnen gesellt.
Auf irgendeinem spinnewebdunkeln Oberboden des grauen Hauses hatte ein Spinett gestanden; Hieronymus erhielt die Erlaubnis, es sich herunterzuholen, und auf diesem Spinett tippte er leise und andächtig in seinen Mußestunden herum, bis dann abends Organist Brennstoff kam und mit weichen, großen Händen wunderbare Töne daraus hervorlockte.
Diese Töne wühlten das Innere auf und sänftigten es wieder, diese Töne ließen die beiden alten Herzen wunderbar schwingen, also daß die Hände, die zu den Herzen gehörten, sich falten mußten.
»Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre!«
»Herrgott, lieber Zacharias Brennstoff, – gibt es denn nur noch so etwas auf dieser Erden! Man könntewahrlich närrisch werden, – spiel’ weiter, Brennstoff, – damit ich mein’, es musizieren die Engelein.«
Dann präludierte der Stadtorganist weiter, und die schlichten Töne verdichteten sich zu einem Gemälde, und es war den beiden Alten, als hinge das Adagio der fünften Symphonie in breitem, wunderbarem Goldrahmen an der Wand über dem alten Spinett.
Aber den Beschluß machte immer dasselbe Lied, das so gut zu dem glutroten Ball stimmte, der allabendlich hinter den Tannen des Thüringer Waldes versank:
»Fahr wohl, du goldne Sonne,Du gingst zu deiner Ruh,Und voll von deiner WonneGehn mir die Augen zu.Schwer sind die Augenlider,Du nimmst das Lied mit fort,Fahr wohl, wir sehn uns wieder,Hier unten oder dort.Und trägt des Tods GefiederMich statt des Traums empor,Dann schau’ ich selbst herniederZu dir aus höherm Chor.«
»Fahr wohl, du goldne Sonne,Du gingst zu deiner Ruh,Und voll von deiner WonneGehn mir die Augen zu.Schwer sind die Augenlider,Du nimmst das Lied mit fort,Fahr wohl, wir sehn uns wieder,Hier unten oder dort.Und trägt des Tods GefiederMich statt des Traums empor,Dann schau’ ich selbst herniederZu dir aus höherm Chor.«
»Fahr wohl, du goldne Sonne,Du gingst zu deiner Ruh,Und voll von deiner WonneGehn mir die Augen zu.Schwer sind die Augenlider,Du nimmst das Lied mit fort,Fahr wohl, wir sehn uns wieder,Hier unten oder dort.Und trägt des Tods GefiederMich statt des Traums empor,Dann schau’ ich selbst herniederZu dir aus höherm Chor.«
»Fahr wohl, du goldne Sonne,
Du gingst zu deiner Ruh,
Und voll von deiner Wonne
Gehn mir die Augen zu.
Schwer sind die Augenlider,
Du nimmst das Lied mit fort,
Fahr wohl, wir sehn uns wieder,
Hier unten oder dort.
Und trägt des Tods Gefieder
Mich statt des Traums empor,
Dann schau’ ich selbst hernieder
Zu dir aus höherm Chor.«
So war es jahrelang gewesen, – da sah und hörte und fühlte der Organist Brennstoff zum ersten Male Bayreuth.
Ein Stipendium, eine Fahrkarte und eine Berechtigungskarte für den Nibelungenring fiel vom Himmel hernieder in seine Hand, – so meinte erheute noch, und doch hatte er den eingeschriebenen Brief dem Postboten selbst abgenommen.
Wie im Traum war er damals aus Bayreuth zurückgekommen, und die Schwarzhausener merkten es nicht, daß die heiligen Hallen der Stadtkirche sich mit Wotans und Siegfrieds Gesängen füllten, und daß sich von dem Platze ihres Organisten aus ein goldener Regenbogen spannte, auf dem der verzückte Orgelspieler geradeswegs in Walhalla einzog.
Es war ein Glück, daß Hieronymus Teichmann eine so gleichgestimmte Seele war, – Meister Richard Wagner brauchte gar nicht lange auf dieser Harfe zu schlagen, da hatte er den ganzen Menschen schon mit Haut und Haar.
Alles ersparte Geld ging beinahe auf Partituren drauf, die Brennstoff dem Freunde mit himmelhochjauchzender Begeisterung vorspielte, und Hieronymus sang beim Silberputzen: »Winterstürme wichen dem Wonnemond« und »Heialaweia«.
Und jedesmal, wenn die beiden Freunde über Wagner philosophierten, schlossen sie ihr Zwiegespräch: »Es war ein herrlicher Mann und ein göttlicher Musiker, aber auch der, der uns die Bayreuther Karten gab, soll bis in die Knochen gesegnet sein!«
»Uns« – sagten sie, – denn wenn auch nur der eine im gnadenreichen Bayreuth gewesen war, – sie fühlten sich eben beide als dieser eine.
Heute waren sie wieder einmal in Walhall gewesen,– hatten dann den herabsinkenden Sonnenball mit Beethoven heimgeleitet und wollten nun selbst die Ruhe aufsuchen, als der Organist plötzlich sagte: »Meister Beethoven hängt tatsächlich in der Luft. Mir ist’s, als hätte ich ihn heute immerfort in den Ohren, auch wenn dieses Klavizimbel schweigt, – hörst du nichts, Hieronymus?«
»Freilich, – ich wollt’ es nur nicht wagen, und dir von der Erscheinung sagen, – hör’ nur – – als ob’s hier oben wär’. Oder kommt es von draußen her?«
Die beiden Freunde sahen sich an und lauschten wieder.
Es war wie der Gesang einer Äolsharfe.
Aber Äolsharfen pflegen nicht Beethoven zu säuseln, und doch unterschieden die beiden alten Freunde gar genau, wenn auch nur harfenfein, die Töne.
»Heil’ge Nacht, o gieße duHimmelsfrieden in dies Herz – – –«
»Heil’ge Nacht, o gieße duHimmelsfrieden in dies Herz – – –«
»Heil’ge Nacht, o gieße duHimmelsfrieden in dies Herz – – –«
»Heil’ge Nacht, o gieße du
Himmelsfrieden in dies Herz – – –«
Sie forderten sich nicht zu irgendeiner Tat auf, – wann wären sie jemals uneins in ihren Gedanken gewesen?
Mit dem Finger auf dem Mund stiegen sie die gewundenen, schnörkeligen Holztreppen hinauf, und auf dem zweiten Absatz kam Beethoven schon deutlicher zu Wort. Aber nirgends eine Spur von dem Sänger oder Spieler, nur – die Tür eines uralten Schrankes klaffte ein wenig, allein dem strengen Auge eines ordentlichenHaushofmeisters bemerkbar, und dann zogen die Freunde aus den Tiefen des Riesenschrankes das Geigerlein hervor, das ganz betäubt war von Dunkelheit, Musik und – Mottenpulver.
»Jesus! Unser Junker Bertold!« rief Hieronymus »Nun sag’ nur mal, wie kommst du rein in diesen dunkeln Kleiderschrein?«
Bertold blinzelte die beiden an.
»Ach, nirgends darf ich spielen, – und nun hast du mich auch hier gefunden, Hieronymus. Wirst du es dem Großvater sagen?«
Der Alte schüttelte begütigend den Kopf und zog ihn mit sich die Treppe hinunter. Organist Brennstoff aber hatte vorsichtig die Geige dem Knaben abgenommen und prüfte nun beim Dämmerlicht, das durch das Flurfenster fiel, die herrliche Maserung des alten Holzes und erkannte schließlich mit andächtigem Entzücken den Namen auf dem Boden der Geige durch das geschwungeneShindurch.
»Heilige Cäcilie, ich halte eine Amati in der Hand, – Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren.« Brennstoff drohte zu explodieren, »Das, was ich sagte, ist keine Gotteslästerung, – das sei ferne von mir, – aber es ist etwas Heiliges um eine Amati, und dieser Jungherr scheint zu wissen, was er Kostbares hegt.«
Sie waren wieder in das Poetenwinkelchen eingetreten.
»Ja, ich weiß es,« entgegnete Bertold ernsthaft. »Vater hat sie mir ja gegeben, ehe – ehe er starb. Heiligtum, sagte er nur, und dann – – –«
Die Augen des Knaben waren wieder ganz schwarz vor Erregung, und Hieronymus strich ihm hastig über den dunkeln Kopf. Still bei sich dachten beide Männer dasselbe.
Daß der Name Malcroix auch ehemals ein Heiligtum gewesen sei und durch die Schuld des Mannes, der eine Geige so hoch hielt, zu einem wertlosen Fetzen geworden war, den man seinem Knaben zum eigenen Besten fortgenommen.
»Nun spiele,« brach Hieronymus das Schweigen, »hier ist mein Reich, und ich kann wehren, wer uns hier etwa wollte stören.«
Und der Knabe spielte.
Ob auch die goldene Sonne längst zur Ruhe gegangen war, es lag ein lichter Schein um das Haupt des Kindes.
Das jubelte und jauchzte, das klagte und zitterte in den Saiten, es war ein gewaltiges, sehnsüchtiges Klingen. – Spielte wirklich nur ein kleiner, schwarzlockiger Junge, oder meisterte unsichtbar ein anderer die Saiten des wunderherrlichen Instrumentes?
Organist Brennstoff saß mit gefalteten Händen da, und Träne auf Träne tropfte auf sie herab.
Er war nicht imstande, dem Jungen auch nur ein Wort zu sagen, als dieser endlich den Bogen sinkenließ und mit leisem, ernsten »Gute Nacht« das Zimmer verließ.
Aber dann brach es los bei ihm, – wie ein Sturzbach kamen die ungestümen Worte:
»Ich hab’ mich vermessen, Freund Hieronymus. Ich wollte ihn unterrichten und fühle,denkann ich nichts mehr lehren. Heilige Cäcilie, wie ist’s möglich, daß ein Kind so wunderbar spielt! Ich will dir etwas sagen, Freund, – dies Spielen hat ihn sein Vater gelehrt. O, ich habe die Fräulein Franziska immer verstanden, daß sie diesem Rattenfänger von Hameln folgte, – »sie mußten alle hinterdrein«. Und so ein zartes Weibchen, so eine schöne Seele in einem schwächlichen Gefäß – was sollte sie wohl widerstehen? Und wir zwei, Hieronymus, wir müssen diesem kleinen Musikus das Andenken seines Vaters retten, denn wo viel Licht ist, ist viel Schatten, und jener Malcroix war ein Genie. Heilige Cäcilie, es kommt wieder echte Musik nach Schwarzhausen, es kommt wieder Klang in unsere verdudelte Leierkastenatmosphäre – Hieronymus, die Manen Beethovens und Wagners schwebten heute in diesem gesegneten Raume!« – –
Er war ganz außer sich, der lange, hagere Organist, raffte seinen Hut und seine große Pelerine zusammen und stürzte zur Tür hinaus, kaum noch hörend, was Teichmann ihm unter Kopfschütteln nachrief: »Gute Nacht, gute Nacht! Allen Müden sei’s gebracht.« –