Chapter 7

Im Frühstückszimmer des Hauses Eichen herrschte die Stimmung wie nach dem Gewitter. Eben war die schwere Tür mit lautem Krach zugeflogen, und die wilden Flüche und Reden des alten Herrn hingen noch in der Luft. Erschreckt und blaß saß Frau Franziska auf ihrem Stuhl, und ihre Augen standen voll Tränen.

Im Frühstückszimmer des Hauses Eichen herrschte die Stimmung wie nach dem Gewitter. Eben war die schwere Tür mit lautem Krach zugeflogen, und die wilden Flüche und Reden des alten Herrn hingen noch in der Luft. Erschreckt und blaß saß Frau Franziska auf ihrem Stuhl, und ihre Augen standen voll Tränen.

Sie starrte gequält vor sich hin, und vielleicht ohne daß sie es wollte, kamen die Worte von ihren Lippen: »O Gott, soll das nun immer so fortgehen?«

Ihr gegenüber saß Herr Baldamus Eik von Eichen.

Er hatte sich mit keiner Silbe an dem vorhergegangenen Wortwechsel beteiligt.

Er liebte das Reden nicht und war zu korrekt für eine Einmischung. Er verabscheute Aufregungen und mied sie auch aus gesundheitlichen Gründen, – die wilden Jähzornsanfälle des Pflegevaters waren ihm höchst unsympathisch, und da er immer logisch dachte, so versuchte er jetzt, nachdem er mit großer Seelenruhe eine echte Importe in Brand gesetzt, seiner Pflegeschwester Franziska den einzig möglichen Schritt zur Vermeidung solcher Auftritte anzuraten.

»Tue Bertold von hier fort in eine Knabenpension,« meinte er in seiner leisen, lauernden Art, die immer sofort auf die Antwort horchte.

»Niemals!« war die rasche Erwiderung. »Mein Junge entbehrt schon den Vater in so jungen Jahren,michsoll er wenigstens behalten.«

»Hm.« – – Herr Baldamus bog sich etwas vor, um ihr besser in die Augen schauen zu können. »Und die Geige, – sein Wimmerholz – möchtest du ihm nicht fortnehmen? Dann wäre docheinStein des Anstoßes fort.«

»Aber auch seine einzige Freude,« rief Franziska leidenschaftlich.

»Ich denke, die einzige Freude bistdu?« fragte die verhaltene Stimme des Mannes.

Sie sah ihn jetzt ruhig an.

»Bertold, die Geige und ich sind eins,« sagte sie langsam und betonend. »Und wo man dies eine verjagt, da verjagt man uns drei.«

Das unsympathische Lachen, welches die kleine Liselotte so sehr empört hatte, tönte wieder zu der jungen Frau hinüber, aber heute war es nicht so meckernd, – heute schwang etwas anderes mit, ein Unterton, der Franziska erschreckte, denn sie kannte dies Lachen ihres Pflegebruders von ihren Kindertagen her; es sollte oft sein Temperament verbergen, das er immer sorgsam gezügelt hatte vor anderen.

»Franziska – – komm zu mir!«

Sie sah ihn ohne Verständnis an.

»Franziska!!!« Er war sachte aufgestanden und trat mit lautlosen Schritten zu ihr. »InmeinemHause hat dir niemand etwas zu verbieten, und ich will deinen Knaben und« – jetzt kam doch das meckernde Lachen, – »auch das Marterholz will ich schützen.«

»Wir schützen uns schon selbst.« Ganz ruhig klang es. »Vater ist maßlos in seinem Zorn, aber – ich habe ja auch gefehlt und muß es büßen.«

»Du sollst aber nicht büßen, und duwillstmich nicht verstehn,« flüsterte eine heiße Stimme, »Franziska, – hör’ mich, komm, – Franziska – –«

Er bebte vor Leidenschaft und suchte sie in seine Arme zu ziehen. Ganz weiß war ihr Gesicht und eisigkalt Stirn und Hände, – sie war aufgesprungen und wich vor ihm weit ins Zimmer zurück.

»Ich bitte dich, mein Trauerkleid zu achten, das ich um meinen Mann trage,« sagte sie tonlos.

»Wie lange noch?« fragte er lauernd.

»Immer!«

Er sah aus, als wolle er sich auf sie stürzen, – – aber da klopfte es an die Tür, und Hieronymus Teichmann meldete, daß Herr Eik von Eichenseniordie Frau Tochter zu sprechen wünsche und recht matt wie nach einem schweren »Anfall« in seinem Zimmer liege.

Teichmann brachte seine Meldung, wie immer, in Reimen vor, ohne aber eine Miene dabei zu verziehen.

»Alter Schwätzer!« murmelte Herr Baldamus, während Franziska hastig zum Vater eilte.

Hieronymus sah den jüngeren Eik ernst an, – es lagen tausend schwere Worte in diesem einen Blick. –

»Du wirst noch deine Stelle verlieren, Bruder,« meinte Fräulein Rektor klagend und hob eindringlich die rechte Hand, in der sie einen großen Holzlöffel hielt, von dem es unaufhörlich blutrot herabtropfte, ohne daß sie es merkte.

Sie kochte Saft in der Küche.

»So will ich sie lieber verlieren,« meinte Rektor Dillen ruhig, »aber es geht nicht so rasch mit dem Absetzen.« –

»Gott, dieser Leichtsinn in deinen alten Tagen! Und alles wegen so ’nem Bengel. Du hast ’n Narren an ihm gefressen, wie früher an seiner Mutter, und eines schönen Tages wird er auch durchgehen.«

»Das gehört hier gar nicht her.« Der Bruder war plötzlich sehr ernst geworden. »Und in meiner Schule habeichzu sagen.«

Die Schwester lief ärgerlich in die Küche zurück, und auf dem Teppich in der Studierstube blieb eine kleine Blutlache vom Saftlöffel zurück, als Zeichen des harten Kampfes.

Sturm im Wasserglase.

Die Schwarzhausener litten durchaus das liebe, köstliche Plauderviertelstündchen nicht, welches Bertold mit Liselotte alltäglich pflegte, und sie machten der braven Rektorschwester die Hölle heiß und das Leben sauer. Aber Rektor Dillen lief wie eine brave Glucke um seine zwei Kücken herum und verscheuchte jedenjungen Habicht, der es wagte, die beiden zu stören. Das tiefe, gute Lachen des Knaben und das altkluge Geplauder des Blondchens waren jetzt die Freude seines einförmigen, stillen Lebens geworden. Er wollte sie sich nicht rauben lassen durch Weibergeschwätz und Kleinstadtklatsch. – Er liebte den Eichenborn, er war mit dem Hause Eik verwachsen und mit ihm durch Höhen und Tiefen geschritten, trotzdem Jahrzehnte dazwischen lagen, seitdem er den Eichenborn das letztemal betreten.

Aber er war doch einmal ein Jemand gewesen, der in dem langen grauen Hause etwas zu sagen hatte, – der Hauslehrer des jungen stattlichen Baldamus von Eichen.

Aber der Volksschulmeister, der von früher Jugend an von jedem geduckt wurde, von vielen über die Achsel angesehen, die es wahrlich nicht nötig hatten, der spielte oft eine klägliche Rolle in dem Herrenhause.

Sein Brotgeber war der jähzornige Eichensenior, der damals noch nicht alt, dafür aber noch maßloser heftig war, als ihm jetzt die Leute andichteten, und sein Schüler war der schöne Pflegesohn, der sich nichts sagen lassen wollte von einem »Seminaristen«.

Und unbequem war es ja, daß auch Seminaristen helle, scharfe Augen haben und eine unbegreifliche Art, das Unrecht auch Unrecht zu nennen, selbst wenn es von reichen Zöglingen begangen wird.

Nun hätte der Seminarist TüllenaliasDillen ja ruhig und unbehelligt alles von dem verwöhntenBaldamusdenkenkönnen, nur daslauteDenken war sehr unvorsichtig von ihm.

Eik von Eichenseniorverbat es sich auch einfach, denn trotzdem er den Lehrer Tüllen schätzte, so reichte das doch nicht an den Stolz und die Liebe, mit denen er an seinem Pflegesohn hing.

Baldamus Eik war schon als Knabe unfehlbar in den Augen seines Pflegevaters, der dem höchst anfechtbaren und zweischneidigen Wahlspruch huldigte: »Nun gerade!«

Unter den Schwarzhausener Bürgern waren keine Pestalozzis, und auch der junge Lehrer Tüllen war keiner.

Hätte er nur ein einziges Mal Herrn von Eichenseniorals lohnendes Erziehungsobjekt angesehen und sich überlegt, daß er ihn mit seinem eigenen Wahlspruch schlagen und auf den richtigen Weg bringen konnte, – er hätte sich wahrhaft Verdienste erworben, – aber krumme oder schwachbeleuchtete Wege waren vor Herrn Lehrer Tüllens Augen verborgen, und er tat aus Gewissenhaftigkeit, was die Schwarzhausener aus Freude am Schelten und Nörgeln taten, er sagte Herrn von Eichensenior, daß sein Neffe Baldamus sich zum Schleicher und Taugenichts auswachse. Aber der Wahlspruch: »Nun gerade« ließ die Ankläger als grobe Lügner scheinen. Mut besaß der kleine Seminarist damals für zwei, das mußte man ihm lassen, doch nachdem sich Herr von Eichen von seiner Verblüffung über dieDreistigkeit des Hauslehrers erholt, warf er ihn hinaus.

Das ließ sich Lehrer Tüllen auch gefallen, denn er war schmächtig und klein, und die Faust des alten Eiks hatte schon Stärkere geworfen, aber er ließ es sich nicht gefallen, daß Baldamus, sein Schüler, ihn auf offener Straße verhöhnte, sondern er verabreichte ihm eine ganz gepfefferte Ohrfeige vor allen Leuten, welche die Beleidigung angehört.

Diese Ohrfeige vergaß Baldamus nie, und auch Lehrer Tüllen hatte vollauf Ursache, sich stets ihrer zu erinnern, denn sie war sozusagen der Stein, über den er fortgesetzt in seiner Laufbahn stolperte, der Knüppel, der ihm ins Rad flog, der Balken, der sich vor jede Tür legte, durch welche er in ein besseres Amt schreiten wollte.

Schon hatte er sich es als das Beste ausgedacht, seine Heimat ganz zu verlassen, als sich etwas sehr Verwunderliches ereignete.

Die guten Schwarzhausener waren bibelfest, aber sie hielten sich zumeist an das Alte Testament, das gar kräftig »Auge um Auge, Zahn um Zahn« predigte, das Neue Testament mit dem Evangelium der Liebe war ihnen noch fremd.

Und so begriffen sie es niemals, daß Lehrer Tüllen ohne weiteres die rasenden Pferde aufhielt, welche das Gefährt des Baldamus und ihn selbst darin hinter sich herschleiften.

Arg zerschunden und zerrissen hing der Lehrer am Zügel des Handpferdes, das endlich zitternd stand, während der junge Herr Baldamus zwar blaß, aber nach dem bewährten Sprichwort: »Unkraut vergeht nicht«, doch völlig gesund aus dem Wagen kletterte, ohne seinem Todfeind ein Dankeswort zu gönnen.

Dafür dankte Eik von Eichen ihm mit der leitenden Stelle an der Rektorschule, und Lehrer Tüllen nahm sie ohne weiteres an. Hatte er doch eine alte, verwitwete Mutter und eine Menge halbwüchsige Geschwister zu unterstützen. Er nahm sie auch an, weil sein Herz ein energisches Veto gegen das Verlassen von Schwarzhausen einlegte, sein Herz, das gar nicht einmal mehr ihm gehörte, sondern der wunderlieblichen, ach so fröhlich-sonnigen Anna Teichmann, der Tochter des alten Hieronymus.

Er hatte sie schon als Kind geliebt, das Ännchen, und obgleich ihre Augen nachtdunkel waren, für ihn waren sie die Sonne.

Freilich war das Mädel viel jünger als er, aber er hatte sich innerlich jung, rein und herzwarm gehalten; der Vater Hieronymus liebte ihn, und das Ännchen vertraute ihm alle ihre Geheimnisse.

Nur das eine nicht, – – und er war doch jahrelang ihr treuester Freund, der nur auf ihren achtzehnten Geburtstag wartete, um die inhaltreiche Frage zu tun: »Hast du mich lieb, Ännchen?«

Zu spät, du dummer, gescheiter Herr Lehrer.

Denn an ihrem achtzehnten Geburtstage zog man Ännchen aus dem Mühlenteich, das kleine, liebevolle, vertrauende Mädel, das dem Lehrer Tüllen zu jung gedünkt hatte für die heilig-tiefe Frage – – –

Und wie er damals den rasenden Pferden in die Zügel fiel, so tat er es jetzt mit dem rasenden Vater Hieronymus, er nahm ihm den Revolver aus der Hand.

Schlaf ruhig, Ännchen!

Dein alter braver Vater soll nicht zum Mörder werden und – dein Liebster ist keinen Schuß Pulver wert.

Lehrer Tüllen betrat Haus Eichenborn nicht wieder.

Wenn er und Vater Hieronymus Teichmann sich begegneten, dann grüßten sie sich stumm mit schweren Blicken; gesprochen hatten sie nicht wieder miteinander.

Wie lange war das alles schon her!

Ewigkeiten!

Die Thüringer Edeltanne auf Ännchens Grab war schon ein stattlicher Baum, beinahe so stattlich, wie der Herr Baldamus Eik von Eichen. – – –

»Rektor Dillen« mußte jetzt manchmal dieser alten Zeiten gedenken, und er jagte nicht, wie früher, die düsteren Gedanken fort, sondern vertiefte sich in sie.

Denn er liebte den kleinen Bertold Malcroix und ahnte mit dieser Liebe, daß von dem glatten, korrekten, angesehenen und hochgeachteten Herrn Baldamus ein Unheil für den Knaben ausgehe.

Bertold und Liselotte saßen wieder im Grasgärtchen zusammen.

»Nun kommen bald Ferien,« lachte das Mädchen, »und dann kommt Hans.«

»Hans? Ist das dein Bruder?«

»O nein! Ein Vetter. Hans von Windemuth!«

»Wie komisch! Du bist doch nicht ›von‹!«

»Nein. Väterchen sagt, drei Buchstaben tun’s nicht, wenn’s nicht drin steckt.«

»Verstehst du das, Liselotte?«

»Ach – ich weiß nicht, ich denke nicht stark dran. Weißt du es denn? Du bist nur zwei Jahr älter als ich.«

Bertold reckte sich. »Zwei Jahre sind sehr viel. Ja, ich weiß, was dein Vater meint. ›Wenn man dumm und schlecht ist, dann kann einem der adlige Name nichts nützen.‹«

»Hans von Windemuth ist aber nicht dumm und schlecht.«

»O, den meine ich auch gar nicht. Erzähl’ mir von ihm, was ist er?«

»Kadett ist er. Schon beinahe Fahnenjunker. In Groß-Lichterfelde ist das Kadettenhaus.«

»Ist es ein guter Junge?«

»Hm – – ja – ich glaub’ – –«

»Klug?«

»Klüger als die meisten Menschen. Er weiß alles, das sagt er selbst.«

»Meinst du, daß er mich gern haben wird?«

»Aber natürlich. Du spielst ja Geige. Er spielt ja so prachtvoll Klavier, schon ganz rasend schwere Stücke. O, es ist zu fein, daß Hans kommt, dann können wir zusammen musizieren. Du Geige, – ich und der Hans begleiten dich abwechselnd – – –«

»Ja, das wird herrlich!« rief Bertold lebhafter, als es sonst seine Art war. »Du kannst mir nun jeden Tag von dem Vetter erzählen, damit ich ihn richtig kennen lerne. Und wenn er so furchtbar klug ist, dann will ich mich ordentlich auf die Hosen setzen.«

»Sitzt du denn nicht immer drauf, Bertold?«

Der Junge lachte. »Wie du ernsthaft fragst. Es ist nur so ’ne Redensart. Ich mein’ damit, ich will noch strammer arbeiten.«

Liselotte erhob Einspruch. »Das kannst du gar nicht, Bertold. Herr Rektor sagt, du wärst der Beste von uns allen.«

Bertold zuckte die Achseln. »Na weißt du, Liselott, viel gehört da nicht zu. Findest du nicht, daß die Kinder sehr faul sind?«

Liselotte zog ihr nachdenkliches Gesichtchen. »Weiß nicht. Aber es ist am Ende einerlei. Bertold, ich hab’ Sorgen, Puppe Emmy kommt gar nicht aus dem Fieber raus. Weißt du, die Base versteht gar nichts von Kinderkrankheiten, sie meint, Fieber käme nur vom Kopf, und Puppe Emmy hätte keinen, und deshalb könnte sie auch kein Fieber haben, aber das ist ja Unsinn. Wenn die Base ’ne Mutter wär’, wie ich, und an die vierundzwanzigKinder hätte, dann würde sie nicht so dumm reden. Was meinst du, Bertold?«

Der Knabe sah voll Ernst und Mitgefühl in das Gesichtchen der Spielgefährtin, das im Schmerz um die kranke Puppe einen ganz rührenden Ausdruck zeigte. Er hätte es um die Welt nicht vermocht, ihr einen wehtuenden Vortrag über kopflose Geschöpfe zu halten, trotzdem etwas in ihm sagte: »Sie ist doch ein furchtbar dummes kleines Mädchen.«

»Puppe Emmy ist schwer krank,« meinte er zögernd, »weißt du, Liselotte, wenn der Kopf fehlt, wirft sich alles aufs Innerliche – – –«

Sie nickte ernst und sah beruhigt aus. »Du hast recht, Bertold. Es wird eine Sägespänentzündung sein. Gott, was hat man für Sorgen mit seinen Kindern!«

Dann schritten sie wieder zum gemeinsamen Unterricht, und so vergingen die Tage und Wochen im gleichmäßigen Einerlei.

Aber doch nicht ganz.

Denn Bertold war die feierliche Erlaubnis zuteil geworden, in das Haus von Professor Windemuth zu kommen. Die Base war zwar noch immer von tiefem Mißtrauen gegen ihn erfüllt und überhaupt gegen alles, was von dem alten »Eik« abstammte, aber Liselotte war wenigstens beschäftigt, wenn sie mit dem Freunde zusammen war, und die Base konnte nichts Anstößiges entdecken, wenn sie einmal »revidierte«, was gewöhnlich in der Weise geschah, daß sie auf Filzpantoffelnzu der Kinderstube schlich und mit einem ganz plötzlichen Ruck die Tür aufriß.

Weder Bertold noch Liselotte waren nervös, sie guckten manchmal kaum von ihrem Spiel auf, während die Base doch gewohnt war, bei derartigen Überfällen, z. B. der Dienstboten, diese mit glühend roten, arg verlegenen Gesichtern verschiedenes verbergen und fortpacken zu sehen. So ließ sie jetzt tagelang die beiden unbehelligt. Noch lieber freilich war es dem Bertold, wenn er zu Professor Windemuth ins Arbeitszimmer durfte. Im Gegensatz zum Großvater war der Gelehrte nicht wortkarg oder mürrisch und ernst, sondern ein herzensheiterer, mitteilsamer Mann, der mehr als einmal einen lustig sprühenden Humor zu Hilfe nahm und mit ihm gegen Base Juliane zu Felde zog. Für alle kleinen Herzensnöte seines Töchterchens hatte Professor Windemuth offene Augen und Ohren, und daher kam es, daß Liselotte die längst verstorbene Mutter gar nicht vermißte, vielmehr noch nie darüber nachgedacht hatte, was ihrem Leben eigentlich mangelte. Der Vater ersetzte ihr alles und nahm sie auch gegen allzu heftige An- und Übergriffe der Base kraftvoll in Schutz.

Der Professor hatte längst erkannt, daß seine kleine wilde Hummel nur gewinnen könne, wenn Bertold ihr Spielkamerad bliebe, es hatte ihm imponiert, daß der Junge streng das einstmalige Verbot, das Haus zu betreten, innehielt. Von wem er wohl diesen festenGehorsam hatte? Vom Großvater sicherlich nicht, der sich in seinem ganzen Leben noch niemandem gebeugt, und von der Mutter, die das vierte Gebot so wenig geachtet, daß sie bei Nacht und Nebel aus dem Hause entwich, um ihrem Liebsten zu folgen, doch sicher auch nicht.

Gewiß hielt der ehrenfeste Herr Baldamus von Eichen seine strenge Hand über den Knaben. Dieser Sproß des Hauses ging wenigstens seine geraden Bahnen, wie sie Schwarzhausen jedem seiner Bürger vorschrieb – – – sympathisch war er ja dem Professor nicht, aber das lag wohl mehr daran, daß Eik ein vollständiger Zahlenmensch war, während bei ihm, Professor Windemuth, das Herz öfter mal mit dem Verstande durchging. Vom weiblichen Einfluß hielt Professor Windemuth nicht viel. Seine eigene, früh verstorbene Gattin war ein hilfsbedürftiges Wesen ohne jede eigene Meinung gewesen, der Inbegriff aller zarten Weiblichkeit. Liselottes Geburt kostete ihr das Leben, und da ihre Nachfolgerin in Küche und Haus, Base Juliane, das genaue Gegenteil von ihr bildete, mürrisch, ungehobelt, lärmend, aber tüchtig und umsichtig schaltete, so nahm der Professor an, daß Frauenzimmer unberechenbare Geschöpfe seien, durchaus keine Logik und erwiesenermaßen anderthalb Lot Gehirn weniger besäßen.

Das alte Fräulein Adelgunde von Eichen aber, das am liebsten das ganze Deutsche Reich umhäkelt hätte, zählte überhaupt nicht mit.

Armer, kleiner Bertold!

So sollte er wenigstens ein klein wenig den Zuspruch eines gebildeten Mannes genießen. –

Vielleicht hätte sich das Schicksal dem jungen Bertold ein bißchen gnädiger erweisen sollen; es wäre so gut gewesen, wenn Liselotte ihr feines musikalisches Gehör vom Vater geerbt hätte, anstatt von der früh heimgegangenen Mutter, die ihren Gatten nun nicht mehr darauf aufmerksam machen konnte, daß da in unmittelbarer Nähe ein Genie steckte. Infolgedessen bekam Bertold keinen weiteren Unterricht und hatte nichts als die beinahe vergötternde Zustimmung von Brennstoff und Teichmann, bei denen er noch allabendlich musizierte, ein gelegentliches Melden beim Großvater, der aber den Enkel so wenig als möglich zu sehen wünschte, ferner einen täglichen einstündigen Besuch bei Tante Adelgunde von Eik und ihrer sprichwörtlichen Häkelei und – seine Mutter.

Frau Franziska Malcroix war so jung, so schön und – so ernst. Sie lebtenurfür ihren Bertold, – sie erhob sich des Morgens um vier Uhr und blieb, nachdem sie abends neun Uhr mit ihrem Knaben gebetet, noch ein Stündchen in dem neben Bertolds Schlafstube befindlichen Zimmer, wo sie arbeitete und schrieb und auf die regelmäßigen Atemzüge ihres Einzigen lauschte. An den Tag, der ihr den Knaben nehmen und in das Gymnasium nach E. führen würde, dachte sie mit Grauen. Jetzt gehörte er ihr noch,wenn sie auch mit leisem Schmerz fühlte, daß sie seine Liebe mit der kleinen Liselotte teilen müsse.

So handelte sie wie eine echte Mutter und nahm auch das Mädelchen noch an ihr Herz, – ja sie ließ die beiden kaum von sich, denn sie waren der sicherste Schutz gegen die Besuche ihres Vetters Baldamus. –

Franziska Malcroix hatte Angst vor ihm.

Sie konnte sich selbst nicht begreifen, denn sie war doch sonst so energisch und zielbewußt gewesen.

Sie hatte Angst vor Herrn Baldamus, wenn dieser auch ganz ruhig und scheinbar in ein interessantes Buch oder eine Zeitung vertieft in seinem Lehnstuhl saß, oder wenn er Bertold etwas erklärte, der seinen Wissensdurst stillte, wo immer er eine Quelle fand. Ja, sie hatte Angst, auch wenn er nur Bertolds Geige zur Hand nahm, – Angst, daß er das Instrument mit einem Griff seiner schmalen, weißen Hände zerbrechen könne. Sie hatte Angst, daß er irgendein Mittel besitzen oder ergreifen könne, sie zu zwingen, sein Weib zu werden.

Denn er war beinahe allmächtig in Schwarzhausen, das konnte sie täglich erfahren, und sie wäre wohl mit einem Male wieder angesehen in dem Städtchen gewesen, wenn sie plötzlich die Braut des hochmögenden Herrn Baldamus wurde.

Wie sie dieser Gedanke schauern machte und ihre Arme so fest um ihren Bertold legen ließ, ja er ließ sogar den Schmerz um den verachteten, toten Gattenmilder werden und die Liebe heller leuchten, die doch die Vergangenheit geheiligt hatte.

Merkwürdig war es, daß der Vater, Herr Eik von Eichensenior, sich in keiner Weise in die Angelegenheiten des Pflegesohnes Baldamus mischte, – er, der die Tochter einst verstieß, weil sie diesem Pflegesohn einen Korb gab um eines Unwürdigen willen.

Die Liebe der Schwarzhausener hatte Herrn Eikseniorkopfscheu gemacht. »Nun gerade!« war und blieb sein Wahlspruch, und der Pflegesohn sank um so viel Grade in seiner Wertschätzung, wie er in der seiner Vaterstadt stieg. Die verachtete Tochter aber kam dem alten, verbitterten Vaterherzen wieder näher, während der Junge, der Bertold, weit, weit von ihm abrückte, denn von diesem Knaben erzählten die Leute Wunderdinge; und besonders Rektor Tüllen und Hieronymus Teichmann taten sich in begeisterten Lobeserhebungen hervor.


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