Und nun kamen die Ferien, und Hans von Windemuth, der Herr Fahnenjunker, zog in Schwarzhausens Hallen ein.
Und nun kamen die Ferien, und Hans von Windemuth, der Herr Fahnenjunker, zog in Schwarzhausens Hallen ein.
»Das ist also Hans?« fragte sich selbst Bertold von Eiken, der mit einer Mischung von begeisterter Erwartung und leiser Eifersucht der Bekanntschaft entgegengesehen hatte.
»Das ist Hans!« bestätigte strahlend LiselotteWindemuth, und der Herr Fahnenjunker brauchte gar nichts zu sagen, dem sah man das stolze Bekenntnis schon auf drei Schritte weit an: »Ich bin Hans von Windemuth!«
Die dreiundzwanzig Puppen wurden in die tiefsten Tiefen des Schrankes versenkt und Puppe Emmy ohne Kopf ganz besonders fest und weitab verstaut, denn der Fahnenjunker fand sie »scheusälig«. Bertold wunderte sich über all diese Dinge, wunderte sich auch, daß Liselotte so fröhlich und gleichmütig blieb und nur leise ihm zuflüsterte: »Weißt du, Bertold, die Puppen verreisen jetzt ins Bad, und Puppe Emmy kommt zu einem Kopfspezialisten. Wenn dann Hans abgereist ist, holen wir die Puppen wieder von der Bahn ab, und dann spielen wir weiter.«
»Puppe Emmy hat dann aber immer noch keinen Kopf,« gab Bertold zu bedenken.
»O, ich hab’ mir das alles überlegt,« meinte Liselotte. »Dann ist eben die Operation nicht geglückt, – es kommt oft vor bei großen Leuten, nur daß ich eben meine süße Emmy nicht sterben lasse.«
Liselotte sah ernsthaft und wichtig aus; dann zog sie Bertold mit sich nach Hause in das große, tiefe Zimmer, in welchem der prächtige Bechsteinflügel stand, und sagte: »Nun wirst du gleich nicht mehr an die Puppen denken, denn Hans will uns vorspielen.«
Der Fahnenjunker betrachtete etwas spöttisch seine gespannt dasitzende Zuhörerschaft, – die kleine, strahlendeBase, den ernsthaften Jungen und die Base Juliane, welche Tränen vergoß, wenn er den »guten Mond«, den »schönen Schweizerbub« oder »das Gebet der Jungfrau« vom Stapel ließ, während sie bei Chopin und Grieg in der Stube herumwirtschaftete, mit Scheren und Fingerhüten, Messern und Gabeln, Gläsern und Tellern viel Spektakel vollführte und schließlich türschlagend das Zimmer verließ.
Hans von Windemuth war ein künstlerischer Dilettant.
Die schwersten Sachen perlten unter seinen weißen, wohlgepflegten Händen, Grieg und Schumann, Chopin, Liszt, er spielte sie alle herunter, und Bertold und Liselotte starrten ihn an, als sei er etwas ganz Unglaubliches.
Das gefiel dem jungen Krieger über die Maßen.
»So, nun spielt ihr,« meinte er gnädig und überließ seinen Platz am Flügel der kleinen Base.
Aber sie kam nicht zum Spielen, denn die Tür war mit leisem Klapp hinter Bertold zugefallen, – er ging ohne Abschiedswort.
»So ist er nun,« klagte Liselotte. »Du hastzuschön gespielt, dann kann er immer kein Wort sagen.«
»Er hat keine Manieren,« meinte Hans von Windemuth streng.
Bertold aber war nach Hause gelaufen, hatte seine Geige aus dem Kasten gerissen, und in den tiefsten Tiefen des Riesenkleiderschrankes ließ er das, wasseine Seele bewegte, ausklingen. Dann stieg er langsam aus dem Schranke heraus, sah sich vorsichtig um und huschte in das Zimmer von Hieronymus Teichmann.
»Gott steh’ mir bei und soll mich bewahren, Büblein, was ist in dich gefahren?« fragte dieser erschrocken, als er den blassen Jungen sah.
»O Teichmann, – Teichmann –« murmelte Bertold.
»Du siehst ja aus, als wolltst du versaufen, – welche Laus ist dir über die Leber gelaufen?«
Ein stoßweises Schluchzen brach aus der Brust des Knaben.
»Teichmann, er verhunzt mir den Grieg – –«
»Büblein, – wo soll Krieg sein?«
»Ach, Teichmann, ich meine ja den Komponisten, – – der Hans von Windemuth spielt ihn und verhunzt ihn, ich kenne ihn nicht wieder, – – hör’ nur mal, Teichmann – (Bertold nahm hastig die Geige und fuhr mit ein paar Strichen darüber hin) – hör’ nur, das Grollen und Stöhnen der Nordsee, das Kreischen der Möwen, die Klagen des Mädchens – – o undsospielt er das, – – Teichmann, ichkanndas nicht mit anhören, und die Liselotte ist doch ganz begeistert.«
»Büblein, ich kann dich nicht recht verstehn, – Grieg? sagst du, oder wer und wen?«
»Teichmann, du wirst doch den großen Griegkennen? Kantor Brennstoff hat dir doch so viel von ihm vorgespielt.«
Der Alte strich sich besinnend über die Stirn.
»DengroßenGrieg, sagst du? Ich kenne nureinenGroßen, das ist der alte Beethoven. Schweig’ still, Büblein, sag’s dem Brennstoff nicht, er zieht dann gleich so’n närrisch Gesicht, – er steckt so ganz im Wagner drin und, weiß es Gott, ich lieb’ auchihn, aber sie sind nicht zu vergleichen. Ob der eine den andern mag erreichen, – ich weiß es nicht, mich kümmert’s nicht. Nur eins tu’ ich mir ausbedingen, zu jedem Tag, zu jeder Stund’, man soll mir immer den Wagner singen, so lange ich lebe und bin gesund. Aber in Krankheitstagen, in bangen, will ich nach meinem ›Großen‹ langen, – und die Fünfte Symphonie führ’ mich zur ew’gen Harmonie.
Büblein, was schaust du mich so an?«
Bertold sah in der Tat ganz selbstvergessen in das Gesicht das alten Faktotums.
»Rektor Dillen fragte heute, ob wir schon mal ’n Dichter gesehen hätten – – –« antwortete er stockend, »und da riefen wir alle ›nö‹, aber nun, – aber nun, – bistduein Dichter, Teichmann?«
Der alte Diener sah sehr ärgerlich aus, weit ärgerlicher und grimmiger, als er eigentlich war, denn er war in der Hauptsache verlegen.
»Ein Dichter! Wie kann ein kluger Junge so dummerhaft fragen! Schiller, Goethe, Lessing undUhland sind Dichter, und dann die Loreley und die Wacht am Rhein und Heil dir im Siegerkranz, verstanden?«
»O, Teichmann, jetzt hast du nicht ein einziges Mal gereimt, wie kommt das?«
»Junge, du bist genau wie deine Mutter war, – die fragte mich auch immer das Blaue vom Himmel runter. Ich kann dir aber nichts Gescheites antworten. Das kommt eben vom Himmel geflogen, daß es dann so mit den Wörtern paßt.«
»Aber nun, Teichmann, aber nun? Es paßt ja gar nicht – – –«
»Weil ich in Wehmut und Aufregung bin, Bertold. Dann verliert sich das. Sobald milde Denkart eintritt, kommt das andere so sachtchen mit, ich merk’ es freilich selber nicht, Freund Brennstoff steckt mir auf das Licht, und Thereschen freundlich auf mich blickt und sagt: Mein Teichmann, du bist verrückt.«
Bertold lachte.
»Wie einem gleich froh ums Herz wird, wenn man bei dir ist, Teichmann. Ich war ganz unglücklich und zerschlagen vorhin. Vielleicht ist auch Grieg zu schwer und wunderlich. Er dürfte nur von musikalischen Menschen gespielt werden. Gelt, Teichmann, du verstehst mich doch, daß ich das so einfach sage? Klingt es sehr eingebildet? Denn ich spiele ja Grieg – o so gern!«
»Musik ist eine Gottesgabe.Ichkann nichts dafür,daß ich sie habe, und dir geht es ebenso, sei darüber ganz ruhig und froh!«
»Sieh, Teichmann, weil der Grieg so leichtaussieht, da meinen alle, sie könnten ihn spielen, und mein Vater sagte – – –: ›Das kleinste lyrische Stück von ihm sollte man erst einmal ein Jahr lang durchleben, ehe man wagte, es mit einem Instrument anzufassen‹.« –
Teichmann antwortete nicht. Vielleicht verstand sein einfacher Sinn nicht diese Tiefe der Auffassung, – aber sein feines Gefühl spürte aus den Worten des Knaben und aus der Art, wie dieser den Vater erwähnte, die grenzenlose Verehrung, welche dem verachteten Toten bewahrt wurde. Und mit einem Male fühlte er auch, daß das Leben dieses jungen Menschenkindes ein Dornenweg sein würde, voll Stacheln, voll Lieblosigkeit und Häßlichkeiten, wie der seiner Mutter. Und das Ende des Dornenweges?
Teichmann schüttelte seinen grauen Kopf. »Was kümm’re und vergrübel’ ich mich? Da oben ist einer klüger als ich.«
»Was murmelst du da, Teichmann? – Wenn sie nun morgen wieder mit mir spielen wollen, und ich kann es doch nicht mit anhören?«
»Ich will dir etwas sagen, Bertold.« Der alte Mann geriet in Begeisterung. »Du nimmstBeethovenmit. Ganz einfach Beethoven! Und den spielt ihr! Himmelherrgott, –denkönnen sie einfach nicht verhunzen,– siekönnen’snicht. Der bleibt immer Beethoven, – verstehst du, Sohn? Und wenn sie ihn dreschen und hacken oder schludern und verludern, – Junge, er bleibt Beethoven. Das ist einer, das ist einer!«
»Teichmann, du hast wieder nicht gereimt!«
Der Alte sah den Knaben starr an.
»Dashörst du? Auf solchen Kram achtest du, wenn ich von dem Großen rede? Schäm’ dich, Bertold! Und könntestduirgendeinen Reim auf Beethoven finden? Ich nicht! Schäm’ dich, Bertold!«
Drei ganze Tage ließ Bertold dahingehen, ehe er sich den Spielkameraden wieder zugesellte.
Aber diese drei Tage dünkten ihm Jahre. Frau Franziska sah bekümmert aufihrenJungen, der mit großen Augen sehnsüchtig aus dem Fenster schaute in der Richtung, in welcher man den Giebel des roten Windemuthhauses erblickte.
Die leise Eifersucht regte sich wieder in ihrer Brust. Drei Tage war ihr Junge verändert und scheu, bis sie selbst ihm zurief: »Du warst so lange nicht bei Liselotte, habt ihr euch gezankt?«
Da leuchtete sein Blick. »Mutter, – ich gehe! Darf ich lange bleiben? Ich nehme die Geige mit! Mutter, und Beethoven nehme ich mit. Den können sie mir nicht verhunzen! Den nicht! Teichmann hat’s gesagt.«
Frau Franziska strich sanft über sein dunkles Haar.
»Du Wilder! Geh nur – geh! Sei brav! Und kehr’ mir gesund wieder!«
Ihre eigenen Worte hallten in ihr nach, als sie ihrem Jungen nachblickte, wie er mit dem Geigenkasten dahinschritt durch die Eichenstraße und immer wieder zurückwinkte nach der Mutter.
Er war dochihrJunge.
Du Wilder! Sei brav! Diese Worte sprach ihr Herz und ihr Mund täglich unzählige Male und hatte sie gesprochen beinahe von dem Tage an, da man ihr den Knaben zuerst in die Arme gelegt hatte.
Denn vom ersten Atemzug an war er ein ungebärdiges Büblein gewesen. Als der Verstand kam, wurde er merkwürdig still, nachdenklich und ernst. Aber daneben wucherte ein Kräutlein auf, das giftige, verderbliche, zerstörende Erbteil der Eik vonEichens, – der Jähzorn.
Wie Franziska Malcroix diesen Jähzorn haßte! Die Chronik des Hauses war erfüllt von Beispielen seiner unheimlichen Macht über die Eiks.
Er überschlug aber immer eine Generation.
So war sie selbst verschont geblieben von diesem unseligen Temperament, das ihren Vater bis zur Sinnlosigkeit beherrschte und einen gehaßten, gefürchteten, gemiedenen Mann aus ihm gemacht hatte.
Aber ihr Junge, ihr lieber Trost, ihr ein und alles, den sie herausgerettet aus einer tief unglücklichen Ehe,welche der Tod zur rechten Zeit noch getrennt hatte! Sie hatte schon geglaubt, daß das böse Erbteil vor ihm haltmache, hatte dankbar die Hände gefaltet, daß ihr Sohn weder den haltlosen Leichtsinn seines Vaters, noch den lodernden Jähzorn des Großvaters geerbt, hatte sich in der Sicherheit gewiegt, daß ihm ein gütiges Geschick nur die heilige Wahrheitsliebe und den eisernen Fleiß der Eik von Eichens in die Wiege gelegt habe – bis vor drei Jahren.
Ja, so lange war es her.
Da hatte sie an einem heißen Nachmittage arbeitend am Fenster gesessen, ihr Mann war wieder einmal auf »Kunstreisen«, von welchen er immer haltloser denn je und oft in zweifelhafter Gesellschaft heimkehrte, – – ihre Gedanken weilten bei dem Fernen, dem sie von Tag zu Tag fremder wurde, – da hatte sie gellendes Kindergeschrei gehört und war auf die Straße gestürzt, ohne Hut, ohne Tuch, wie sie gerade war.
Zur rechten Zeit kam sie, um Bertolds kleine, feste Fäuste aus dem dunkeln Schopf eines Spielkameraden loszulösen, aber ganze Büschel Haare blieben trotzdem in der Hand des Raufenden.
Frau Franziska hatte entsetzt in die entstellten Züge ihres Knaben gesehen.
Dunkelrot das kleine Gesicht, schneeweiß die Lippen und die Nasenspitze, und die Augen sprühend vor Zorn.
»Er liegt, Mama, er liegt!« Mehr konnte der Junge nicht hervorkeuchen.
Ja, das war der Eiksche Jähzorn.
Eine Menschenmenge hatte sich damals angesammelt, o sie wußte es so genau noch. Der Vater des gemißhandelten Jungen war dazu gekommen und hatte von »Zwangserziehung« gesprochen. Böse Reden waren gegen sie und Bertold geflogen – – welche Schmach für die feinfühlige Frau!
Und ihr kleiner, guter, stolzer Junge!
Als die lodernde Aufregung nachließ, weinte er bitterlich und war ganz krank. Es hatte sich um eine Kinderei gehandelt, um eine Unwahrheit, wie sie unter Kindern im täglichen Spiel oft vorkommt, aber dem streng wahrheitsliebenden Jungen war sie unerhört erschienen.
An all dies dachte Frau Franziska und dachte auch an die große Ähnlichkeit zwischen Großvater und Enkel.
Zug für Zug glich der junge Bertold dem alten Bertold.
Nichts hatte er von seinem Vater bekommen, als etwa die dunkeln Augen, die bei Lotar Malcroix aber übermütig gestrahlt hatten, während Bertold gewöhnlich ernst dreinschaute.
Auch die große Figur und die kerzengerade, aufrechte Haltung würde er gleich dem Großvater haben, ebenso die dichten, schöngeschwungenen Augenbrauen, den energischen Mund und – – den Jähzorn.
An all dies dachte Frau Franziska, als sie ihremfröhlichen Knaben nachschaute, wie er federnden Ganges mit seiner geliebten Geige dahinschritt, und an all dies dachte sie, als er nach kaum einer halben Stunde totenblaß zu ihr ins Zimmer zurückkam und sich vor ihr auf die Knie warf, den wirren Lockenkopf in ihren Schoß drückte und nur immer wieder stammelte: »Mutter, ach Mutter!«
»Was war geschehen?« So fragte sie sich selbst, als sie nur einen Augenblick in das verstörte, gramvolle Gesicht ihres Buben geschaut hatte, das so traurig, so krank aussah, daß sie die Frage gar nicht laut stellen mochte.
»Mutter, ach Mutter!« Wieder ein wehes Aufschluchzen.
»Werde ruhig, mein Herzensjunge!«
»Ich kann nicht ruhig werden, nie wieder, Mutter! Mutter – sag’ – ist es wahr? War der Papa, –meinPapa, – – sie sagen, er wäre ein Schuft gewesen.«
Das Gespenst! Da stand es wieder vor Franziska Malcroix und grinste sie an. Es würde nie verschwinden, das wußte sie. Und ob sie fliehen würde weit über die lieben Thüringer Berge, das Gespenst ihres befleckten Namens würde neben ihr schreiten oder hinter ihr drein laufen und sie immer wieder einholen.
Frau Franziska weinte bitterlich. »Mein Junge, mein armer Junge!«
Bertold strich sich die feuchten Locken aus dem verweinten Gesicht und sah die Mutter an. »Du sagst nichts, Mutter? Ist es wahr?«
Ihre Augen sahen über ihn hinweg ins Weite.
»Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet!« sprach sie laut und hart, und dann schlossen sich ihre Lippen fest. Ein unendlicher Jammer lag in ihren Augen, und Bertold fühlte, daß er nicht fragen, daß er nur trösten müsse.
Seine Arme umschlangen sie fest, und so saßen Mutter und Sohn schweigend mit ihren übervollen Herzen.
Die Abendsonne stahl sich herein und wob überall lichte Kränzlein: das eine legte sie um Bertolds dunkeln Lockenkopf, der an der Brust seiner Mutter ruhte, ein anderes flimmerte an dem Rahmen, der ein Pastellbild des alten Eik von Eichen aus seiner Knabenzeit darstellte, ein drittes tanzte auf Bertolds poliertem Geigenkasten.
Und als die Sonne unterging, ließ sie das Licht dieser drei Kränzlein in den Herzen von Mutter und Sohn zurück. –
Franziska küßte die Stirn des Knaben.
»Erzähle mir alles,« bat sie.
Bertold bettete seinen Kopf wieder fest an ihre Schulter.
»Mutter, sie spielten wieder Grieg, als ich hinkam, die Ballade, die – – die Väterchen noch vorseinem Tode mit uns aus der Partitur las, – oh – weißt du noch?« Die Erinnerung überwältigte das Kind förmlich.
»Ich weiß,« flüsterte Frau Franziska.
»Ich hatte die Hände an den Ohren, denn ich konnt’s nicht ertragen, wie der Hans von Windemuth alles herunterspielte, – du weißt ja, wie Vater so eine Technik haßte, die nur Technik war. Irgend was spielte Hans, nur eben Grieg war es nicht. – Dann sollte ich sagen, es sei herrlich gewesen, die Liselotte verlangte es. – Ich rief nur immer, der Hans spiele sehr schön und fertig, und das war ihnen denn auch genug. Dann legte ich still den Beethoven auf das Pult, – es war nur der Auszug aus Vaters Lieblingssymphonie, – wir spielten es zu deinem letzten Geburtstag zusammen, und du sangst uns damals die Worte dazu: ›Still sank der Abendsonne Gold hinunter an das Himmelszelt, in Abendfrieden süß und hold ruht um uns her die ganze Welt‹ – – –«
»Mein Junge!« stöhnte Franziska, denn alles Leid und alle kargen Freudenstunden der Vergangenheit wurden in diesem Liede lebendig.
Bertold hatte den Kopf aufgerichtet und sah jetzt mit leuchtenden Augen in den dämmernden Abend.
Sein Kindergesicht sah reif und ernst aus, als habe die Hand des Schicksals heute darüber gestreift und die harmlose Freude daraus mitgenommen.
»›O wohnte doch im Herzen mein so tiefer Friedefür und für; mein Gott, laß mich dein Eigen sein, den Frieden find’ ich nur bei dir!‹ Mutter, – als du das sangst, da hielt uns Vater beide umschlungen und war so gut, so gut – –«
Bertold drückte sich wieder fest in den Arm der Mutter, als könne dieser allein ihm Schutz gewähren vor dem Furchtbaren, das heute auf ihn geschleudert worden war. –
Und die Mutter hielt ihn fest, so fest – aber sie schwieg.
Dies Kindergemüt war ihr zu heilig, zu zart noch, um es auch nur schattenhaft ahnen zu lassen, wie furchtbar sie unter dem genialen Künstler Malcroix gelitten, wie selbst die härtesten Beschuldigungen, die fremde Menschen aussprachen, noch nicht die Wirklichkeit erreichten – – –
Der Knabe schrie plötzlich weh auf, und seine Fäuste ballten sich.
»Ein schlechter Kerl!Mutter, – Mutter – einen schlechten Kerl nannte ihn der Hans, und die Liselotte nickte dazu, – ja Mutter, das tat sie. Und ich hatte ihnen doch nichts zuleide getan, – – war nur ein paarmal aufgesprungen und hatte gerufen: ›Es,es, um Gottes willenes‹, – kannst du dir vorstellen, Mutter, daß der Hansespielte inAs-dur? Da lachten sie über mich, und das machte mich so wütend; und immer mehr lachten sie, und dann verhunzten sie den Beethoven weiter – – – und Teichmannhatte doch gesagt – – – es ginge gar nicht – – – da riß ich Hans die Geige aus der Hand und schlug – – –«
»Bertold!!!«
Der Knabe war aufgesprungen, – starrte seiner Mutter ins Gesicht, und es war, als käme er durch ihren Ruf erst langsam zur Besinnung. Langsam strich er sich über die Stirn. »Mutter,« stammelte er, »ich glaube, ich habe ihn sehr geschlagen,sehr, Mutter, – er gab ja dem Beethoven Schimpfnamen, und dann – dir – und dann – – dem Vater – – ich solle nicht mit ihm prahlen, – er sei ein großer Künstler gewesen, aber ein schlechter Kerl, – ein ganz, ganz schlechter Kerl – – –«
»Schweig!« rief Franziska außer sich. »Du sollst das Wort nicht sagen, ich kann es nicht hören.« Sie schüttelte ihren Knaben in Zorn und Weh und hielt ihn dann doch wieder umschlungen, ihren Einzigen, – ihren Augen- und Herzenstrost.
So brach die Nacht herein über den beiden, – die große Trösterin.