Chapter 9

Nur mit einem aufgescheuchten Wespennest konnte man anderntags Schwarzhausen vergleichen.

Nur mit einem aufgescheuchten Wespennest konnte man anderntags Schwarzhausen vergleichen.

Es war ganz unerhört, was geschehen war.

Der Wagen des Herrn KreisphysikusDr.Hempel hielt vor Professor Windemuths Hause, undDr.Hempelselbst hatte beim üblichen Abendschoppen im »Weißen Roß« sehr freimütig erzählt, daß der kleine schwarze Satan, Bertold Eik von Eichen,aliasMalcroix, dem hübschen Fahnenjunker Hans von Windemuth die Geige buchstäblich auf dem Kopfe zerschlagen habe. »Kaput, – ganz kaput!«

»Um Gottes willen, der Kopf?«

»Nein, die Geige.«

Und wieder sprach man von Zwangserziehung und »Rauhem Haus«, wieder erörterte jeder Vetter und jede Base, vom Bürgermeister an bis herunter zum Nachtwächter, daß der Knabe erblich belastet sei, und daß es wohl nureinMittel gebe: eine feste Hand und gebietende Persönlichkeit über ihn zu setzen, und für die Schwarzhausener konnte diese Persönlichkeit nur Herr Baldamus Eik von Eichen sein, dessen Zuneigung für Frau Franziska stadtbekannt war. Aber würde seine Liebe groß genug sein, um sich aufzuopfern für eine Frau mit beflecktem Namen und mit einem mißratenen Buben, wie dieser Bertold war?

Der eine ganze Stadt durch sein bisheriges Wohlverhalten und Ehrbarkeit getäuscht hatte?

Der schon an seinem letzten Aufenthalt reif für eine Besserungsanstalt gewesen war und dessen schlechter Charakter noch gerade zeitig genug zum Vorschein kam?

Das Haus Windemuth konnte die Zahl der teilnehmendenFrager kaum fassen, – freilich sah der Professor immer aus, als nähme er am liebsten die Mitbürger beim Kragen und würfe sie zur Tür hinaus; aber man hielt sich an Base Juliane, die bereitwillig und ausführlich die Schreckensszene immer wieder schilderte und stundenlang schwatzend vor der Haustür stehen konnte. »Zerrissen und zerschunden sei das hübsche Gesicht des Fahnenjunkers,« berichtete sie, »und die Kopfhaut an zwei Stellen genäht, und die wertvolle Geige – – –«

»Sei sofort vom alten Herrn Eik von Eichen ersetzt worden, und zwar durch eine weit wertvollere,« war hier Hieronymus Teichmann eingefallen, der gerade vorbeiging und sich ausnahmsweise und nur zum Steuer der Wahrheit in die Verhandlung mischte.

»Nun ja freilich – ersetzt,« murrte Base Juliane, »als ob damit alles abgetan sei! Der Hieronymus Teichmann war eben Partei. In seinen Augen, das wußten alle, waren die Eik von Eichens geborene Engel, und sie hätten auch einen Raubmord begehen können, Teichmann würde doch noch Entschuldigungsgründe für seine langjährige Dienstherrschaft gefunden haben.«

Aber man wollte in Schwarzhausen nicht so lange warten, bis etwas ganz Schreckliches durch diesen Bertold Malcroix geschah; man wollte den Brunnen zudecken, ehe das Kind hereinfiel, und da man nicht den Mut hatte, zum alten Eik zu gehen, der nun doch einmal die meisten Steuern zahlte, und ihm zu sagen: »Nimmdein Enkelkind aus der Schule heraus, es stört da unsere sorgfältig erzogenen Sprößlinge«, so bearbeitete man eben jene sorgfältig Erzogenen, und diese isolierten den Bertold.

Er fand sich immer allein, beim Spiel und beim Lernen, beim Plaudern, beim Stillsitzen und beim Frühstücken.

Während der ersten Tage nach jenen bösen Jähzornsstunden fehlte Liselotte ganz in der Schule. Der Anblick ihres leeren Platzes gab dem Jungen immer einen Stich ins Herz, mehr noch die kummervollen Augen des Rektors Tüllen, zu welchem die aufgebrachten Schwarzhausener gesagt hatten: »Entweder der jähzornige Bengel geht, oder wir nehmen unsere Kinder fort.« Es war verlorene Liebesmühe des braven Rektors gewesen, daß er alle guten Seiten des Knaben hervorgehoben hatte; man machte die Frage einfach zu einer Existenzfrage für den Rektor und seine brave Schwester.

Als Liselotte zum ersten Male wieder in der Schule erschien, hatte sie etwas Merkwürdiges mitgebracht, ein längliches, sauber zusammengeschnürtes Paket, das sie hastig unter die Bank steckte.

Erst als die lange Pause kam, holte sie das Päckchen vor und begab sich mit ihm nach dem Grasgarten. Bertold folgte ihr dorthin, wie er es ja immer getan hatte, ehe er sich durch sein strafwürdiges Verhalten die Pforten zum Paradiese verschloß.

Und ein Stück Paradies war ihm das Windemuthhausgewesen. – Die ganze Klasse wollte den beiden nachstürmen, aber Rektor Tüllen stand sozusagen mit feurigem Schwerte vor der kleinen, grün angestrichenen Tür, die zum Grasgarten führte, und sein Lineal, mit dem er wild umherfuchtelte, glänzte leuchtend in der Sonne. »Weg da,« rief er und scheuchte die Neugierigen fort, »in das Grasgärtchen dürfen nur die besten Schüler.«

Das war die Wahrheit, und das half auch. –

Liselotte setzte sich, Bertold stand vor ihr mit bekümmerter, ernster Miene. Liselotte hatte das Paket auseinandergeschnürt, und nun lag »Puppe Emmy ohne Kopf« auf ihrem Schoß.

»Liselotte, bist du böse mit mir?« begann Bertold das Gespräch.

Das kleine Mädel schaute nicht auf, ihre Augen guckten nur die Puppe an, und dann erwiderte sie:

»Sieh mal, liebe Puppe Emmy, ich darf doch nicht mit dem bösen Bertold sprechen, weil er ein schrecklicher Bengel ist. Nun habe ich dich mitgenommen, und du kannst ihm alles sagen.«

Der Schatten eines Lächelns flog über des Knaben Gesicht, als er die List der kleinen Evastochter verstanden, aber es war nur ein Augenblick, dann fragte er ganz ernst: »Puppe Emmy, ist Liselotte Windemuth mir böse?«

Und die kopflose Puppe Emmy besaß ein furchtbar erregtes Stimmchen, das antwortete: »Gräßlich böseist Liselotte, und aus und vorbei ist’s. Hans von Windemuth ist ganz schwach und dösig, er hat so schauderhaft geblutet und liegt immer noch zu Bett. Nie darfst du wieder zu Liselotte kommen, – du wärst ein Rowdy, hat Vater gesagt. Und wenn du wieder Geigen zerschlügst, solltest du lieber deine eigene Geige an deinem eigenen Kopf zertrümmern.«

»Meine Amati!« stammelte Bertold.

»Jawohl, deine Amati,« bestätigte Puppe Emmy ohne Kopf ungerührt. »Und es ist eine ganz schreckliche Geschichte. Hans wartet jetzt bloß, bis du ein Mann bist, dann fordert er dich zum Duell, hat er gesagt, und schießt dich tot.«

Bertold wollte laut rufen, daß er doch auch dabei den Hans totschießen könnte, aber sein Gerechtigkeitsgefühl verbot es ihm, und im Bewußtsein seiner Schuld senkte er tief den Kopf.

»Darf ich auch nicht, bis ich tot bin, mit Liselotte spielen?« fragte er zaghaft.

»Nein,« lautete Puppe Emmys unbarmherzige Antwort. »Die Liselotte mag auch gar nicht. Alle Leute sagen, du wärst so ein Zornnickel, daß man seines Lebens nicht sicher wäre.«

In Bertold begann sich schon wieder etwas zu regen, – es stieg ihm heiß ins Gesicht, und Tränen des Zorns füllten seine Augen.

»Wie die Nachtwächter habt ihr Beethoven gespielt,«brach er leise grollend los, »und dann nachher – – –«

»Wenn es doch aberwahrist –« eiferte Puppe Emmy und stürzte sich in des Wortes vollster Bedeutung unüberlegt und »kopflos« in eine höchst gefährliche Situation, – »dein Vaterhatdoch auch –«

»Schweig!« schrie Bertold und sah mit seinen erhobenen Fäusten so schreckenerregend aus, daß Liselotte einen gellenden Schrei ausstieß.

Auf diesen Ausbruch lief sofort Rektor Tüllen herbei, und auch seine Schwester kam aus der Küche gelaufen, und die übrigen Kinder verließen ihre Spiele und schauten neugierig in das verbotene Gebiet des Grasgärtchens.

Da stand der Junge, der beste Schüler, der seit wenigen Tagen das schwarze Schaf des Städtchens war, mit rollenden Augen und knirschenden Zähnen, aber in Gegenwart des Herrn Rektors fürchtete sich Liselotte nun nicht mehr. Sie raffte Puppe Emmy an sich, nestelte an ihrer Tasche, die sich ziemlich dick und auffällig unter ihrer Schulschürze bauschte, und dann flog etwas vor Bertolds Füße, und noch etwas und noch etwas.

»Da! – da! und da!« rief diesmal nicht Puppe Emmy, sondern Liselotte, die ebenso blaß war, wie ihr ehemaliger Freund rot; und alle Schwarzhausener Kinder sahen mit Genugtuung, daß hier eine von ihnen längst geneidete Freundschaft in Stücke ging.

Unzählige Bildchen flatterten zur Erde vor Bertolds Füße, viele seltene Steinchen, getrocknete Vierkleeblättchen und bunte Glaskugeln – lauter Sachen, die Bertold ach so mühselig einst gesammelt und der kleinen, geliebten Freundin dargebracht hatte. Auch seine wertvollsten Marken waren darunter und selbstgezeichnete Bildchen – – es lag nun alles im Kies des Grasgärtchens, und viele schmutzige Kinderhände bückten sich danach und schlugen sich darum. – – –

Totenblaß, aber mit hoch erhobenem Kopf schritt der Knabe über all die verschmähten Liebesgaben hinweg, die Hände hatte er tief in den Taschen vergraben, seine Augen schauten geradeaus – – – so ging er zur Schultür und zum Hause hinaus, ohne sich nur ein einziges Mal umzusehen.

Zum erstenmal seit ungezählten Jahren stand Rektor Tüllen wieder im Hause Eichen vor dem alten Herrn, der einst sein Gönner und Brotgeber gewesen war.

Und daran, daß er dort wirklich wieder stand, konnte der Rektor die Kraft der Liebe ermessen, die ihn mit seinem kleinen Schüler verband.

Diese Kraft allein hatte ihn über die Schwelle des Hauses gezogen, aus dem er einst fortgewiesen wurde, und das er mit einem jungen Herzen voll Haß und Bitterkeit verlassen hatte.

Jetzt war er alt und mild geworden, und der Greis, der ihm einst wilde, harte Worte zugerufen, streckte ihm heute die Hand entgegen. Dabei wetterleuchtete es förmlich in dem alten Gesicht, – er setzte auch ein paarmal zu einer Begrüßung an, aber das Reden war nie eigentlich seine Sache gewesen, und er fühlte wohl, wie schwer es war, nach fünfundzwanzig Jahren plötzlich eine Anknüpfung zu finden, besonders bei einem so jäh zerrissenen Faden.

Aber sein Händedruck war ehrlich und fest, und Rektor Tüllen erwiderte ihn ebenso.

Herr Eik von Eichenseniorführte seinen Gast zu einem der tiefen Sessel in seinem Arbeitszimmer, und beide setzten sich.

»Erzählen!«

Es war nur ein barsch geknurrtes Wort, aber der Rektor hatte ein scharfes Auge und ein feines Ohr, er sah, daß sein Gegenüber heftig erregt war, und er hörte aus der Art, wie das einzige Wort hervorgestoßen wurde, etwas heraus, das ihn veranlaßte, sofort zu willfahren.

Ruhig und mit mildem Ernst setzte er dem alten Herrn alles auseinander, schilderte mit etwas trockener Sachlichkeit die Freundschaft des Knaben Bertold mit der kleinen Liselotte Windemuth, schilderte den Auftritt im Hause des Professors, soweit er ihn vom Hörensagen kannte, und betonte den heftigen Jähzorn des Knaben, der sich am letzten Schultage wieder erschreckendgezeigt und die Schwarzhausener von neuem aufgeregt habe. Er selbst, der Rektor, würde den Knaben nie aus der Schule gewiesen haben, denn Bertold sei ein kluger Kopf und lerne fleißig, im übrigen sei es ihm, Rektor Tüllen, gleichgültig, was seine Mitbürger dächten, aber Bertold habe vor drei Tagen die Schule freiwillig verlassen und sei bis heute nicht zurückgekehrt, deshalb sei er hier und wolle Herrn Eik von Eichen gut überlegte Vorschläge unterbreiten. –

Rektor Tüllen fühlte plötzlich bei dieser Unterredung, daß ein Diplomat an ihm verloren gegangen war.

Mit keiner Silbe lobte er den Jungen, dem sein ganzes altes Herz gehörte, mit keinem Worte beschönigte er Bertolds Jähzorn, – und von dem gottbegnadeten, wunderbaren musikalischen Talent des Knaben sprach er mit einer Nüchternheit, daß der argwöhnische Zuhörer auch nicht schattenhaft die Sorge spürte, welche Rektor Tüllen beseelte, wenn er an eine Erfolglosigkeit seiner Mission dachte. Er hatte ja vor diesem Gang eine lange Unterredung mit dem Organisten Brennstoff gehabt, und dieser hatte ihn nach allen Regeln der Diplomatie bearbeitet.

»Immer an den Wahlspruch des Alten denken: ›Nun gerade‹. Nicht das Herz ›weghuppen‹ lassen, wir müssen das Kind für Frau Musika retten, und dazu brauchen wir den alten Isegrimm. Rektor, reden Sie vorsichtig, Rektor, machen Sie keine Dummheiten!«

Der alte Eik war aufgesprungen und lief wild im Zimmer umher. Es schüttelte ihn wie ein Sturm. »Bande!« knirschte er, »Bande! Sie sind um kein Haar besser geworden, meine lieben Schwarzhausener. Was nicht im Geleise geht mit hü und hott, das wird einfach verfemt und totgeschlagen, – ich kenne sie, o ich kenne sie!«

Immer wieder durchmaß er das tiefe, große Zimmer mit wuchtigen Schritten, und sein schweres, stoßweises Atmen begleitete jeden Schritt.

Mit hartem Ruck blieb er endlich vor dem Lehrer stehen.

»Und Sie wollen sich überwinden, Herr Tüllen, und täglich hierher kommen, meinen Enkel weiter unterrichten?« fragte er ungläubig.

»Ja, das will ich,« bestätigte der Rektor. Plötzlich reckte er seine schmächtige Gestalt hoch auf und sah dem alten Eik furchtlos in die düsteren Augen. »Unter zwei Bedingungen will ich’s.«

Eik von Eichenseniorerstaunte. Er kannte seit seiner frühesten Jugend nur gebückte, demütige Kreaturen, oder hämische und schadenfrohe, immer aber furchtsame Seelen, die ihm, wenn möglich, weit aus dem Wege gingen.

Daß dieser »hungrige Lehrer«, der ganz mit seiner Existenz auf die Milde der Schwarzhausener Bürger angewiesen war, und der offenbar ihn doch jetzt auch brauchte, – – ihm Bedingungen zu stellen wagte,war ihm mindestens neu, und deshalb interessierte es ihn.

»Bedingungen?« lachte er kurz auf. »Und die wären?« –

»Daß ich niemals Herrn Baldamus von Eik zu sehen brauche, und daß ich niemals für meine geistige Arbeit an dem Knaben Bertold irgendein Honorar anzunehmen brauche.« – – –

»Was für eine Verrücktheit!« rief Eik von Eichensenior. »Was wollen Sie damit? Meinen Sie, ich lasse mir etwas von Ihnen schenken?«

Lehrer Tüllen sah ihn ruhig an.

»Das müssen Sie wohl, Herr von Eik, – oder Sie verzichten eben auf mich. Nur die – – Anhänglichkeit an Frau Franziska, meine ehemalige Schülerin, führte mich nach fünfundzwanzig Jahren über diese Schwelle, und der Gedanke, daß Bertold Eik von Eichen zu schade ist, um in die Schablone der Schwarzhausener eingepreßt zu werden.«

Eine lange Pause entstand.

Unverwandt schaute der Greis mit den düsteren Augen auf den kleinen Lehrer, der wieder zusammengesunken, wie unter einer großen Anstrengung, in dem tiefen Lehnsessel saß.

»Ich nehme beide Bedingungen an.« Wieder streckte sich die große Hand aus, und der Lehrer legte die seine hinein.

»Herr Baldamus von Eik, mein Pflegesohn, willin den nächsten Wochen eine Auslandsreise antreten. Vorher will er sehen, ob sich einige Wünsche und Hoffnungen von ihm verwirklichen lassen, – – – hm – – das würde dann große Veränderungen in meinem Hause bedingen, die auch den Knaben mit betreffen würden. Vorläufig – – sehe ich Sie also täglich hier, mein Arbeitszimmer isttabufür jedermann,« (wieder lachte er rauh), »Sie werden niemandem hier begegnen. Ich stelle aberaucheine Bedingung.«

Lehrer Tüllen sah gespannt fragend auf.

»Sie erwähnten vorhin, daß mein Enkel im Hause Windemuth musiziert habe, ich hörte aus Ihren wenn auch noch so bedachten Worten heraus, daß Bertold das Talent seines Vaters erbte, – ich will davonniewieder etwas hören, merken Sie wohl auf. In dem Augenblick, da auch nur ein Ton des verfluchten Instrumentes an mein Ohr dringt, ziehe ich meine Hand von meinem Enkel ab.«

Wieder ging die große Gestalt mit dröhnenden Schritten auf und ab.

»Das ist eine sehr harte – – und eine ungerechte Bedingung,« tönte die ruhige Stimme des Lehrers.

»Darüber habeichzu entscheiden,« lautete die schroffe Erwiderung. »Ich habe dem Bengel Windemuth die zerstörte Geige ersetzt, – wie ein Hohn war’s auf die ganze Vergangenheit, – ich – Eik von Eichen kaufte eine Geige – –« Wieder das heisere, rauheLachen, und wieder der Unterton dabei, nur dem feinen Ohre des Lehrers vernehmbar, ein Ton des grollenden Schmerzes, der vom bitteren Hasse kaum mehr zu unterscheiden war.

Lehrer Tüllen stand auf.

Er überlegte, daß er heute genug erreicht hatte, er wußte wenigstens, daß der Junge ihm für einige Zeit wieder gehörte, und daß die Förderung dieser jungen Menschenseele die köstlichste Aufgabe für ihn sein werde. Ruhig verabschiedete er sich vom Herrn des Hauses. Es wurde kein Wort weiter gewechselt, dann fiel die schwere Eichentür hinter ihm ins Schloß.

Ganz erschöpft saß der Rektor dann noch eine Stunde in dem Stübchen von Hieronymus Teichmann, der gemeinsam mit Kantor Brennstoff auf ihn mit Spannung gewartet hatte. Das Wiedersehen mit dem alten Vater seiner einstigen Liebe griff den Rektor ungemein an. Er war ja kein Jüngling mehr, und es stürmten seit einiger Zeit zu viel neue Eindrücke auf ihn ein. Fast mechanisch berichtete er über seine Unterredung mit Herrn von Eik, und der alte Teichmann saß ihm stumm und bedrückt gegenüber. Jeder erlösende Reim schien ihm abhanden gekommen zu sein.

Desto lebhafter und aufgeregter war Brennstoff.

»Diese ganze Sache ist nur ein Danaergeschenk,« grollte er. »Himmelherrgott, was nützt uns alles, wenn diese verrückte, tolle, hirnverbrannte Bedingung mitder Geige bestehen bleibt. Diese ist sozusagen die Hauptsache im Leben des jungen Eik, wie Frau Musika überhaupt das A und O eines jeden musengeküßten Individuums sein müßte. Wenn Jung-Bertold auch weder schreiben, noch lesen könnte, – mit seinem Geigenspiel allein käme er durch die ganze Welt. Musik macht gut und groß und erbt in jedem Falle den Himmel, und die heilige Cäcilie ist wahrhaft anbetungswürdig!«

»Brennstoff, stoppe ein wenig!« bat jetzt Hieronymus. »Mir scheint, das Schicksal hat’s schon gut gemeint. Unser Junge, der Bertold, in sicherer Hut, – der Gedanke belebt schon meinen Mut. Paßt auf, – was heute noch meilenweit, das kommt schon näher mit der Zeit.«

»Unsinn, Hieronymus! Frau Musika ist ’n ungeduldiges Weibsen. Das wartet nicht. Und so’n Talent verkommen lassen, – was sag’ ich, Talent? – – so’n Genie!« – – –

»Ein Genie bricht sichimmerBahn,« warf Rektor Tüllen ruhig und etwas müde ein, reichte den beiden still die Hand und ging.

»Billige Brombeerenweisheit,« rief ihm Brennstoff nach. »Herrgott,ichhätte dem alten Eik gegenüber stehen sollen,« tobte er weiter und vergaß ganz, daß er vor kaum zwei Stunden noch ausgerufen hatte: »Mönchlein, Mönchlein, du gehst einen schweren Gang, Gott sei gepriesen, daß ich mit dem Schlagetot nicht allein zu sein brauche!« – –

Schwarzhausen selbst stürmte, brauste und gärte in ungeheurer Aufregung. – Daß man den Bertold nicht sofort auf den Schub gebracht und irgendwohin expediert hatte, war so echt Eikensch. Alles sah dem alten Einsiedler in Eichenborn aufs Haar ähnlich nach der Meinung der Schwarzhausener Bürger:

Daß er dem Herrn Professor Windemuth wieder nachträglich die ersetzte Geige mit einem groben Brief abgejagt und sie dem Bertold geschenkt habe, damit dieser ein großer Künstler werde, daß er den »Rektor Dillen« mit unerhörten Drohungen gezwungen habe, den Unterricht des Knaben im Hause Eichen zu übernehmen, und daß er mit dem jähzornigen Enkel zusammen nun einen bitteren Haß gegen alle gut gesinnten Bürger der Stadt fühle und immer neu schüre, so daß man sich ja wohl seines Lebens nicht mehr sicher fühlen könne. Wie wohl der ehrenfeste Herr Baldamus Eik darunter litt. Er sah in letzter Zeit recht schlecht aus – – – ein Jüngling war er ja gerade auch nicht mehr, und es wäre wohl die höchste Zeit für ihn gewesen, sich nach einer Hausfrau umzusehen, die dann vielleicht die Macht gehabt hätte, etwas mehr Zucht und Ordnung in den Eichenborn zu bringen. Das, was einige munkelten, – – Herr Baldamus stiege noch immer der schönen Witwe Malcroix nach, die ihn einstens verschmähte, war natürlich Unsinn, – die hätte wohl mit beiden Händen zugegriffen, wenn ihr Gelegenheit geboten wäre, sich warm und unabhängig vomVater in Eichenborn festzusetzen. Denn Herr Baldamus besaß ein großes, eigenes Vermögen. – – –

Durch die dicken Mauern des Eichenborns drangen diese Gerüchte nicht.

»Wie kann ich Ihnen danken!« hatte Franziska Malcroix mit hellen Tränen in ihren schönen Augen den Rektor gefragt, als er zum erstenmal den Unterricht beginnen wollte.

»Ichhabe zu danken!« lautete die ruhige Antwort, »daß Sie so viel Vertrauen hatten, mir dies seltene, liebe Kind zu überlassen.«

über die Bedingungen, die von beiden Parteien gestellt waren, sprachen sie nicht. Bertold, dem Nächstbeteiligten, war der Befehl seines Großvaters unbekannt geblieben.

Seine Freunde, von denen ja die Mutter sein allerbester war, wollten ihn nicht zum bewußten Ungehorsam verleiten, aber sie wollten auch nicht die Schuld auf sich laden, dies herrliche Talent verkümmern zu lassen, so ging Bertold jeden Tag eine Stunde in das Haus von Kantor Brennstoff, und dieser gab ihm gediegenen theoretischen Unterricht mit dem innerlichen, heißen Wunsche, Gott möge ein Wunder tun und irgendeinen großen Meister nach Schwarzhausen führen, der dann den Jungen mit sich fortnehmen würde.

Inzwischen führte Bertold ein strenges Leben der Arbeit.

Er sah so wenig frohe Menschen, es war, alsob die Luft des Hauses Eichenborn jedes Lachen im Keime erstickte.

Und Bertold hatte doch so gern gelacht.

Seine Mutter bemühte sich wohl, in seiner Gegenwart heiter und froh zu erscheinen, aber sein feines Empfinden fühlte deutlich das Bemühen und den Schein heraus. Zudem glaubte er, daß sein häßlicher Jähzorn die Ursache von Frau Franziskas Tiefstimmung sei, und er grämte sich darum.

Täglich wurde sein nachdenkliches Gesichtchen etwas schmaler, trotzdem ihm seine Mutter die sorgsamste körperliche Pflege angedeihen ließ, trotzdem im Parke Luft- und Sonnenbäder errichtet waren für ihn und der Großvater, den er aber selbst kaum jemals zu Gesicht bekam, ihn auf vier Wochen nach Borkum geschickt hatte, unter Aufsicht des Herrn Rektors Tüllen, seines verehrten Lehrers.

War es die Scheu, täglich unter so vielen, fremden Menschen zu sein, war es die Sehnsucht nach seiner geliebten Mutter, die beim Großvater zurückgeblieben war, – – Bertold kam noch ein wenig blasser und hagerer, sowie gänzlich appetitlos aus dem Seebade zurück.

Sie forschten und fragten und ergingen sich in Mutmaßungen, aber keiner ahnte, daß es ein kleines, quecksilbriges Persönchen war, das dem Knaben beständig vorschwebte, – daß Liselottes altkluges Reden, ihr unermüdliches Interesse, ihre frische Lebendigkeitihm fehlte, – wo er ging und stand, – ach so sehr fehlte!

Aber über seine Lippen kam kein Wort, und auf seinem ausdrucksvollen Knabengesicht lag ein neuer Zug, – etwas wie Verachtung; der war an jenem Tage entstanden, als seine kleine Freundin ihm so mitleidlos das liebevoll aufgespeicherte Sammelsurium vor die Füße warf. –


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