Ichwarne unbefangene Leute, sich in diese Geschichte einzulassen, die sich aus Kriminalitäten und Unwahrscheinlichkeiten zusammensetzt und vielleicht nicht einmal zeitgemäß scheint. Es werden in ihr die Menschen weder verdorben noch zu jenen dekorativen Läuterungen aufgerufen, mit denen der dichtende Schwert-Adel heute seine Unvollkommenheit zu echter Männlichkeit behängt. Man wird die Bürger darin am Leben gelassen und die Arbeiter nicht mit Verbeugungen bedacht finden und weder um Generäle noch um Kapitäne der Kohle jenes Wesen gemacht sehen, das nicht ihnen, sondern der Geschichte zukommt.
Man wird eine lächerlich phantastische Angelegenheit hinzunehmen haben, die vielleicht nicht einmal gut erzählt ist, weil sie desNachts statt in einem Eisenbahnabteil in einer abscheulichen Landkutsche erzählt wurde, die zu heftig nach Apfelsinen und Zigaretten roch, um nicht Kopfschmerzen zu machen. Ich klage den Chef der Bahnen nicht an, daß unser Jahrhundert zerrüttet ist, vielmehr versuche ich für den Leser die Verbindung zu einer Zeit herzustellen, wo die Launen der Menschen noch stichhaltigere Werte waren wie heute ihre Verzweiflung. Man wird gewiß heute einen Mord ebenso zu kaufen bekommen wie eine verbotene Banknote, aber der Hunger und die Geschäfte der Börse werden die Erinnerung daran zerstört haben, daß es Zeiten gab, die so unmenschlich vollendet schienen, daß es Genies bedurfte, um sich jene Anregungen der Herzen zu verschaffen, die man Leidenschaften heißt.
Sie sind billig wie die Äpfel geworden und nichts erscheint heute im neunten Jahr des Dreißigjährigen Krieges, den die Herren Creusot und Stinnes, oder wie ihre Nachfolger heißen werden, sich liefern, um die lothringischen Erze zum Ruhrkoks oder den Ruhrkoks zu den lothringischen Erzen zu bringen, nichts scheint bewunderswerter als ein kaltes Herz.
Diese Geschichte in der Tat, welche aus der mathematischen Sicherheit eines Zeitalters hinausführt, von dem uns erst zehn Jahre zu trennen scheinen, das uns aber legendär wie ein Roman Jules Vernes erscheinen will, hat die fatale Absicht, sich in Gegenden zu verirren, die heute an der Tagesordnung, früher kaum in Romanen sichtbar waren. Ich fürchte, man wird mit phantastischen Darstellungen langweilen oder sich stets dann lächerlich machen, wenn die Gegenwart die unglaubhafteste Phantasie selbst ist.
Ohne Zweifel wäre es richtiger, nur engelhafte Wesen in dieser Zeit darzustellen, wo Frauen uns dadurch entwürdigt werden, daß wir sie bei allen jenen abscheulichen Maschinen an die Arbeit geschmiedetfinden, die das letzte Jahrhundert zu erfinden die Bosheit hatte, und daß wir kaum erschrecken, wenn wir sie mit den Wahlzetteln in der Hand auf dem Weg finden, unsere Schicksale, den Staat, ja sogar die Führung der Kriege und Grausamkeiten zu beeinflussen.
Einer derart barbarisch verwilderten Zeit gehörten Frauenbilder, die wie in Walter-Scott-Romanen jene Anmut hätten, deren Anblick allein vergöttlichte Gedanken hervorruft. Die wahre Literatur hat immer nur Frauen dargestellt, die uns beglücken und die Herzen wie beim Anblick einer hinreißend süßen Natur erheben sollen oder solche, die sich durch das Böse, das sich in ihrer Schönheit, wenn es einmal in sie eingedrungen ist, nur um so verhängnisvoller auswirkt, zu unserer Vernichtung verschworen haben.
Die Sitten der Nationen waren immer von solcher Haltung, daß sie, sofern sie die Frauen nicht die Äcker bebauen ließen, ihnen jedenfalls die Freiheit nahmen, in jenem Sinne frei zu sein, der für eine Frau den Untergang bedeuten muß. Eine Frau darf nicht über jene Schwelle treten, wo sie das Geheimnis ihrer erhabensten Wirkung verlieren muß.
Eine Frau, die einer tragischen Schuld unterliegt, und jene Mädchen, welche mit den herrlichsten Gedanken der Sehnsucht auf den Lippen sterben, sind immer von dem verehrungsvollen Zauber verhüllt, den die männliche Gesellschaft bei den Frauen als ein Erbteil des Rittertums anbetet, welches seine Stärke demütig zu machen suchte, wo es jene wundervolle Schwäche fand, welche Frauen so unermeßlich erhebt. Die Literatur täte gut daran, wo heute die einen Frauen leiden, weil sie ihre Angehörigen auf den Schlachtfeldern getötet sehen oder die anderen in den Fabriken sie um die Sonne geschunden oder die meisten sie am Hunger zu Grundegehen sehen, nur Frauen von einer unermeßlichen Lichtkraft darzustellen, deren Anblick allein erhebt.
Allein, wo die Furien der sozialen Aufklärung oder die Agentinnen der kriegerischen Verhetzung durch die Straßen jagen und dafür noch sich bezahlen lassen, scheint es nicht weniger für die Entdeckung der Geographie des menschlichen Herzens bedeutsam, einen Heroismus in der Literatur wieder darzustellen, der aus Spielerei und Spleen sich entfaltete und dabei keineswegs geringer an Freude und Schmerzen zugeteilt bekam als andere. Die Zeiten jener unbeschreiblichen Leidenschaft, welche Nonnen und Krieger, oder Arme und Adlige, sich verbluten ließ, sind verschwunden in dem Augenblick, wo man der Frau als sichtbarsten Fortschritt die Erlaubnis gab, sich der Freiheit des Mannes zu bedienen, und damit die Frauen vernichtete. Die Frauen mußten in einer Freiheit zerstört werden, die sie zu albernen Karrikaturen der Männer erniedrigte oder ihnen jenen zarten Reiz nahm, der sie manchmal himmlisch wirken ließ und der in ihrer Unfähigkeit, auf sich selbst gestellt zu leben, bestand.
Indem man den Frauen die Brutalität gab, sich Eisenbahnplätze vor dem Mann zu erobern oder ihn auf dem Motorrad zu überholen, tat man das gleiche, wie wenn man den Engeln Grünewalds Revolver oder den Jungfrauen Holbeins Strümpfe in die Hand gegeben hätte, man tötete sie. Man vernichtete die Leidenschaften und gab unruhvollen Herzen auf, sich Rebusse zu erfinden, um die Welt in ihren Widersprüchen bis zu jener Tollheit zu erleben, die manchmal mit dem Tod bezahlt wurde aber unvergeßlich war.
Es ist selbstverständlich, daß man derartige Launen heute leicht wie Capricen auffaßt und darin eher eine dumme Koketterie als eine Leidenschaft erblicken will. Ohne Zweifel war vor einemDezennium, als die kriegerischen Wölfe noch in den Höhlen Europas schliefen, jene Laune einer Frau nur ihr unbewußter Drang zu einer Übertreibung des Gefühls, durch die es erst unsterblich wird. Es ist aber genau so ungeheuer offensichtlich, daß diejenige Frau, die sich soweit gegen die Gesetze ihres Schicksals und der Zeit stellte, vernichtet werden mußte.
Die Literatur kennt viele Beispiele, daß ein Dichter Vorwürfe wählt, die aus einem Leben von Höhepunkten in eine grauenhafte Kriminalistik münden, oder die in Absonderlichkeiten enden, die wahnsinnig sind. Die Pole gesicherten Lebens scheinen die mystische Anziehungskraft der umstürmten Pole schicksalhaft zu spüren. Es ist bekannt, daß Balzac sich der Listen der Gerichte bediente, um edle Menschen in ihren abscheulichsten Paragraphen aufzuhenken. Die Romane Dostojewskis sind in der Regel Scheußlichkeiten des täglichen Lebens, die ein Genie mit einem bewundernswerten Grad von Reichtum beschenkte, der sie über das Menschliche erhob. Stendhal mußte in der Kartause von Parma zeigen, daß in den erhabensten Seelen Mörderbanden steckten, die sich entfalteten, wenn die geringste Leidenschaft ihnen die Besinnung nahm, und welch unbeschreiblich edle Herzen hat er geschildert! Stiege man in die Jahrhunderte hinunter, wäre von Iweins Fahrten bis zu den Jünglingen im Feuerofen, von Muspilli bis zum Kastellan von Coucy, von Rabelais bis zu den beispiellosen Epen Krestien von Troies der Gleichklang von Adeligkeit und Verbrechen in einem Maße auffindbar, der sich fast über die gesamte Literatur erstreckte. Erinnert man sich nicht jener Prinzessin, die in der siebenjährigen Gefangenschaft ihres Turmes ihre Gefährtinnen verspeiste, um endlich erlöst zu werden, mit einem Lächeln, das die Unschuld der ganzen Welt auf ihre Stirne trieb?
Diese junge Frau, die mir gegenüber in einer nach Lysol und Zigaretten riechenden Arztkutsche saß, die, wie vom Teufel gejagt, über aufgepflügte Äcker sauste, weil durch irgendeine der Verwicklungen der ehrgeizigen östlichen Staaten die Bahnen eingestellt waren, hatte keinen anderen Wunsch, als von mir eine Erklärung gerade über diese Angelegenheiten des Herzens zu erfahren, nachdem sie die Torheit begangen hatte, mich in ihr Schicksal hineinschauen zu lassen. Man wird verstehen, warum ich, statt abzukürzen, so lange mich mit den Launen der Frauen beschäftige, weil dies in jener Zeit der Achtzehnjährigen, in der die Keime zu den Schicksalen der Menschheit von Dreißig heute gelegt wurden, tatsächlich die einzigen Möglichkeiten waren, Schicksale, die töten, zu erleben.
Die junge Frau war einer Puppe ähnlicher wie einer Dreißigjährigen und hatte, soweit man bei der unmöglichen Beleuchtung sehen konnte, die eigentlich nur aus der Gewöhnung des Auges an eine klassische Dunkelheit bestand, eine tiefe Melancholie über ihr Gesicht gleiten lassen, hinter der man die Spuren von Tränen zu sehen glaubte, die zu oft geflossen waren, um sich wiederholen zu können. Der Schmerz schien diese Figur, die auch unter dem fürchterlichen Tempo eines Wagens, der keine Federung besaß und querfeldein sprang, eine bemerkenswerte Elastizität zeigte, förmlich verstrickt zu haben.
Das Leben dieser jungen Frau war in einem Maße von ihm infiziert, daß sie gar nicht daran dachte, aufzuhören, über ihr Schicksal nachzudenken. Sie hatte sich ihm nicht ergeben, obwohl der Schmerz in einer fürchterlichen Form Gewalt über sie erlangt hatte. Die Art, wie sie von ihrem Leben sprach, bewies die Glut, mit der sie es erhofft hatte und die Enttäuschung, die sie mitgleicher Größe überrumpelt hatte und mit der sie sich noch auseinandersetzte.
Sie hatte, kurz, in einem wahnsinnigen Schicksal noch die Kraft, es abzuleugnen oder vielmehr nach seinem Sinn zu suchen, weil, wenn sie es anerkennen und sich die Schuld zuschreiben müßte, sie sofort daran zu Grunde gehen würde.
Das gab ihrer Haltung eine merkwürdige Eleganz, eine Süßigkeit der Bewegungen, die vom Tod gelähmt aber von einer wundervollen Energie noch gehalten wurden. Ihr Körper hatte eine Lässigkeit, die Frauen oft besitzen, denen der Sport einmal eine Beherrschung aller Muskeln geschenkt hat, die sie nun besitzen, aber nicht mehr auszuüben vermögen. Es war nicht möglich, ihren Kopf, der mit dem matten Schein einer fremden Blume aus dem Pelz herauskam, in der Beleuchtung zu sehen, man vermochte ihn aber mit seinen blassen Lippen, den etwas schrägen aber mandelgroßen hellblauen Augen und der Stirn, die an den Schläfen eigensinnig nach vorn gewölbt war, irgendwo zu vermuten, obgleich man, wenn sie sprach, bemerkte, daß man ihn vorher an einem falschen Platz geglaubt hatte. Der Kopf besaß also die Einprägsamkeit, daß man ihn deutlich körperlich wahrnahm, selbst, wenn er unsichtbar war, was für seinen Reiz sprach. Der Charme des Kopfes lag wohl mehr in jenem Teil, wo die Stirnwurzeln über dem Nasenbogen sitzen und wo die Erlebnisse dem Kopf die Charakternoten geben, als in dem Mund, der von Entsagungen nichts zu wissen schien, ja einen fast leblosen Eindruck machte. Die Glut, die diesen Kopf hinter den Augen bewohnte, war die des Untergangs und nicht der Reiz der Zukunft.
Es war offensichtlich, daß diese Frau nach etwas nur hungerte und das war, daß man sie tröstete, indem man ihr Leben bejahte.
Für den Mann, der das Leben jeder Frau nur mit seinem eigenen vergleichen und nur nach dem Weg seines eigenen beurteilen kann, wenn es wie der Mond dieses begleitet und ihm daher untertan war, ist nicht in der Lage, dies zu tun. Eine Frau wird kein Glück haben, wenn sie die Lebenskurve einen Mann prüfen läßt, der darin nichts erkennt als seine eigenen Bewegungen, seine eigene Freiheit, alle jene Torheiten, aber Bestimmungen seiner Männlichkeit, die nun einmal zu einer Frau nicht gehören.
Er kann den harten Stahl, die scharfe Linie, die Exponiertheit eines weiblichen Daseins nicht ertragen, das ihm verwildert, entzaubert, geschändet vorkommt; er kann es nicht anders sehen wie eine Frau, die ihm in seinen eigenen Kleidern entgegentritt. Der Mann hat ein tiefes und unerschütterliches Gefühl der Zuneigung zu jedem weiblichen Schicksal, das sich im Glanz der weiblichen Schwäche, die er als Stärke verehrt, vollzieht. Er will die Frau anbeten, aber sie nicht als Konkurrentin erblicken. Er vermag den Schein an ihr nur zu verstehen, der ihm in seinen dunklen Minuten von seiner eigenen Flamme entfacht von ihrer Stirn zurückscheint.
Er wird ein auf den Spuren der männlichen Energie abenteuerndes Frauenschicksal nur verehren, wenn es Spuren des schöpferischen Genius an sich trägt wie das der Dido, der Sappho, der Jeanne d’Arc, der Cortey, der Bettina, der Rahel, der Sand. Er wird diesen Frauen jenen äußersten Respekt der Verehrung in seinem Herzen einräumen, den er den großen Ausnahmen der Natur: Gewittern, Lawinen, Erdbeben, Vulkanen entgegenbringt. Er wird wissen, daß die Erscheinung dieser Frauen diesen wunderlichen Entladungen der Natur ähnlich und tödlich, jedenfalls unberechenbar aber toll aus Größe ist. Er wird sie anerkennen, aberals Frauen nicht begehren. Er wird ihnen ausweichen und sich vorlügen, daß ihr Leben ihn nichts angehe, wenn ihre Produkte nur das Siegel des Genius tragen, und wird versuchen, sich an die Werke zu halten, wobei er bei letzter Ehrlichkeit sogar hier noch widerstrebt.
Es gehört die Schwäche eines romantischen Zeitalters, die Melancholie Mussets, die Verzweiflung Constants dazu, sich herrischen Naturen wie der Sand und der Tochter Neckers in einer Liebe hinzugeben, die eine Tyrannei werden mußte und in unfruchtbarer Verzweiflung endete.
Frühere Epochen, die sich durch die Tugend einer Männlichkeit auszeichneten, die, sicher auf der Erdkugel stehend, das Gesicht selbstbewußt nach allen Seiten zu kehren wußte, haben einen Schlag Frauen verehrt, der ihnen wohl mit der Üppigkeit eines Rubens, mit der süßen Erscheinung der Lady Alice in schottischen Balladen, mit den visionären Überirdischkeiten eines Grünewald, den sanften Traumfiguren des Botticelli, den verstrickten zarten Klarheiten des Holbein als die wahrhaftigen Erfüllerinnen der tiefen Sehnsuchtsträume des Mannes erscheinen, und die, so verschieden sie kamen, mit schicksalstreuer Gewalt irgendwo mädchenhaft blieben. Sie hatten einen Hintergrund der Demut, die wohl eine Abart des Stolzes sein konnte, aber dann sicher immer nur der süße Trotz der Schwäche war.
Diese Hilflosigkeit kann der Mann verehren, sie kann ihm als das wundervollste aller begnadeten Dinge erscheinen, er kann sich in diesem unwahrscheinlichen, ja himmlischen Mysterium der Schwäche als der notwendige Ergänzer vorkommen, den die Vorsehung dazu bestimmte. Die Griechen, die in ihren Anfängen wohl Männer gewesen zu sein scheinen, haben vermutlich gewußt, warum,wer Diana sah, dem Tod verfallen, wer aber Aphrodite sah, gesegnet war.
Diese junge Frau, die mir gegenüber die Stöße des Wagens mit einer bemerkenswerten Ruhe ertrug, hatte die unverzeihliche Sünde begangen, die die Natur nie verzeiht, sich auf die Pfade des Mannes zu begeben und seine Freiheiten zu ihren zu machen, eine Sünde, die nur dadurch entschuldigt wird, daß sie die einzige Kühnheit einer Zeit war, die den Namen Hindenburg noch nicht kannte, nicht wußte, daß mit dem Namen eines Amerikaners, Wilson, sich die größten Enttäuschungen, mit denen des General Foch vollständige Änderungen in der Geographie der Nationen Europas einstellen würden. Aus den Klammern der Feiertage und Eisenbahnzeiten, der narrenhaften Versteifung der Gesellschaft, in der nur die Ränge, aber nicht die Bedeutungen entschieden, in einer Zeit, die cäsarisch angelegt aber mit den Methoden eines Warenhauses verwaltet war, aus dieser Zeit vermochten nur Capricen jener furchtbaren Art zu erlösen, die die Frau aus ihren gesellschaftlichen Banden heraus in Abenteuer gegen die erstarrte Gesellschaft trieb. Es war ein aufregendes Spiel, weil der gesellschaftliche Untergang stets das Atout war, mit dem gespielt wurde, und das dann Sieger bleiben mußte, wenn einen Herzschlag lang die Haltung nicht größer war als die Gefahr.
Ich will die Frauen nicht verteidigen, indem ich sie entschuldige, ich will sie zeigen. Man muß dem Elend einer Zeit, das seine Frauen zu Wölfen und Maschinen, statt zu Müttern und zarten Geliebten erzieht, das sie aufklärt über Geheimnisse, die eine Frau nie ausgesprochen hören darf, die sie mit Männern zusammen in den Universitäten belehrt über Angelegenheiten, von denen eine Frau keine Ahnung haben dürfte, man muß dem Elend einersolchen gegenwärtigen Zeit nicht ein falsch und herrlich gemaltes Bild der vorangegangenen Zeit entgegensetzen, um sie zu belehren. Die Frauen in der Tat, welche freudig bereit ihre Söhne in den Tod eines Krieges entließen, dessen Sinn sie nicht verstanden, die aber später in dem Ruin der Revolutionen und Friedensschlüsse fast zu Hyänen erniedrigt wurden, die fast an nichts als die Befriedigung ihres Hungers denken durften, waren ohne Zweifel ein Übergang. Sie waren im Besitz einer Freiheit, deren Anwendung man ihnen nicht erlaubte. Sie waren bereits Halbemanzipierte dem Mann gegenüber, sie lagen nicht mehr tief gebettet im Schoß der Familie, die sie vor den harten Forderungen des Lebens behütet, sondern sie klammerten sich gerade noch an die Türen der Familie, deren Schein sie noch umschwebte, aber den sie abzustreifen begannen. Trotzdem aber war es damals möglich, oft Frauen zu sehen, die jene Scham kannten, die unter Blicken errötet und die sich bewußt waren, daß es Sünde gibt, obwohl sie nicht wußten, daß sie unschuldig waren. Es gehört die Kühnheit eines Looping the Loop-Fahrers dazu, sich aus diesem durch tödliche Strafen gerade noch gehaltenen Zersetzungszustandes der Familie hinauszustürzen, aber diese Kühnheit war der Mut des Frevels und nicht jener der Entdeckung und der Opferungsbereiten.
Die junge Frau, die nun unter den verrückten Stößen des Wagens zu seufzen begann, hatte diesen Sprung getan, sie war nun der Ruin aller Vorzüge, die sie einst hatten vergöttern lassen, und sie hatte jetzt nur die eine Hoffnung im Herzen, während sie zu dem Sterbelager ihres letzten Kindes fuhr, daß ich ihrem Leben recht gab, das ich verabscheute. Ich hatte diese Gestalt, die aus der Ferne in ihrem gestreiften zusammengesetzten Pelz, wie ihn die Engländerinnen um diese Zeit trugen, mitten in den Äckern vorzwei Tagen angetroffen, wo sie mehr einem Tier aus der Entfernung als einer Frau glich, die im Zusammenbrechen noch die Kraft hatte, nach ihrem Kinde zu rufen.
Dieser Ruf, der mich, als sie zu sich kam, in ihr Leben mit einzuziehen schien, war der Grund, daß sie ihr Schicksal vor mir öffnete, ohne daß ich es gewünscht hätte. Wir hatten zwei Tage, beide abgeschnitten durch den Streik der Bahnen und die sich daran schließenden kriegerischen Unternehmungen irregulärer Banden, die uns eines Nachts mit Kugeln verpfefferten, als ob sie aufunsere Pelzen sich einschießen wollten, den Fluß nach einer Überfahrt abgesucht, die mich den dritten Teil meiner Barschaft kostete. Ihre Sehnsucht, selbst auf die tollste Weise nach Deutschland zu kommen, hatte mich gerührt, obwohl ich keineswegs eilte und mit Vergnügen die Entwicklung dieses Bauernkrieges aus Kowno durch die Zeitungen verfolgt hätte.
Dieser Wagen kostete mich das zweite Drittel meiner Barschaft, das letzte Drittel würdedenjenigen das Leben kosten, der es begehrte, da ich entschlossen war, es an der Grenze der Dame einzuhändigen, um sie nicht schutzlos zu lassen. Ich gestehe, daß ich unter ihren Geständnissen ebenso litt wie ich erstaunt war, daß sie hingegen über sich selbst und ihren Namen ein tiefes Geheimnis breitete. Sie hatte mich mit einem unwiderstehlichen Blick gebeten, sie an der Grenze allein zu lassen. Man hörte zwischen den Windstößen, die den Regen auf den Boden schlugen, den Kutscher abgerissen die Pferde anfeuern, plötzlich sank der linke Teil des Wagens auf die Seite. Der Sturz hatte die Unbekannte auf meine Kniee geschleudert.
„Vertrauen Sie mir,“ flüsterte ich ihr zu, da ich fürchtete, daß der Wagen umstürzen werde. Im gleichen Augenblick rissen ihndie Pferde aus der Mulde und jagten weiter. Die junge Frau hatte die Nervosität abgelegt, die Frauen an den Tag legen, die ihr Leben selbst zu bestimmen gedenken und sich der Führung des Mannes anzugliedern nicht entschließen können. Der Druck ihres mädchenhaften Körpers hatte eine bezaubernde Vertrauenswilligkeit gezeigt. Sie war so zerschmettert vom Leben und so in Eile, einem furchtbaren Verhängnis vorzugreifen, daß sie weich genug war, zu glauben.
Dieser Moment, wenn ein Herz sich bezwingt, hat etwas von überwältigender Größe, und ich hätte ihr die Hände geküßt, wenn ich nicht gefürchtet hätte, sie in ihrem Schmerz zuverletzen. Ich stand ohne Zweifel als Verteidiger vor einem Schicksal, das ich ablehnte und war entflammt für eine Frau, der ich es nicht zeigen durfte und deren Leben davon abhalten mußte, daß sie mir gefiel. Dazu waren wir in Lebensgefahr. Ich fürchtete, daß sie unter den grotesken Sprüngen, die der Wagen immer öfter vornahm, vor Schmerzen ohnmächtig werden müßte.
Man mußte eine belebte Gegend erreicht haben, obwohl es noch weit zur Grenze sein durfte, denn man hörte von Zeit zu Zeit das Rufen von Stimmen, denen unser litauischer Kutscher antwortete. Plötzlich wurde an den Zügeln gerissen. Diesem schlug der Kutscher die Peitsche quer durch das Gesicht, das wie ein Gespenst am Fenster vorbeifiel. Jedesmal in solchen Augenblicken fühlte ich, daß mein Gegenüber zitterte wie nur eine Frau zittern kann, deren letzte Zuflucht, deren Glaube an die Güte der Welt und ihres Schöpfers auf dem Spiel stand und die zu dem Lager ihres Kindes wie eine Wahnsinnige, die sich kalt stellt, floh.
Ich vermutete ihre Augen zu sehen, obwohl das Dunkel fast undurchdringlich war, und ich hatte den Eindruck, daß ihr Lichtetwas Verklärtes habe, trotzdem es verwirrt war, als habe der Tod hineingeschienen und in die Süßigkeit dieses Lächelns den Zauber gebracht, der es erst unübertrefflich macht. „Glauben Sie, daß wir es erreichen?“ murmelte sie. „Vertrauen Sie,“ sagte ich und begriff, wie sehr sie litt, denn diese Fahrt entschied über ihr Leben.
Sie war sich als Kind eines Luxus bewußt gewesen, der ihr fast alle Neigungen gestattete, und sie hatte nicht mehr als den unbewußten Gebrauch gemacht, der ihr als selbstverständlich erschien und von dem sie annahm, daß alle Menschen über ihn verfügten. Das Gold hat genug Kraft, die edelsten Menschen, die in seiner Umgebung aufgewachsen, in einer wunderbaren Weise über die Leiden der Welt im ungewissen zu lassen.
Die Kinder des Luxus leben wie die der Armut in einer gleichen Unklarheit, die einen über die Tiefen, die anderen über die Höhen des Daseins. Das Bewußtwerden erst dieser furchtbaren Kluft schafft in diesen Kreisen die Emporkömmlinge, die krepieren werden oder die Macht zwischen den Schenkeln haben wollen, und jene Messiasse, die im Dunkeln ein Selbstgenügen predigen, das in dem Munde dessen eine Lüge sein muß, der aus dem Reichtum kommt. Es wird nur eine Vermischung, aber keine Versöhnung der Klassen möglich sein, indem die Elenden sich bereichern und die Begüterten etwas verarmen und zwischen ihnen die Schranken fallen, denn es ist offenbar, daß die Armen die Notwendigkeit des Luxus und die Reichen die Entsetzlichkeit des Elends gegenseitig immer weniger verstehen, als ein Chinese einen Marabu, oder ein vollblütiger Franzose einen deutschen General verstehen kann.
Diese Blindheit unter den einzelnen Völkern ist das Schicksal unseres Jahrhunderts, das bestimmt scheint, diese Mißverständnisse als das hinzunehmen, was sie keineswegs sind: nämlich als die furchtbarsten Bürgerkriege.
Die unbekannte junge Frau, die mit mir durch ein in Flammen des Hasses aufgehendes Land in einer um ein Vermögen gekauften Kutsche unserer Großeltern jagte, war die Tochter eines Vaters, dessen Liebe ihr zum Verhängnis ward, mehr fast als seine Strenge. Dieser aus Deutschland eingewanderte und später in England naturalisierte Mann (der seine Nationalität nach der Sitte damalig freier Männer nicht aus Schwäche, sondern aus ausdrücklichem Bekenntnis zur neu gewählten Heimat änderte) war mit der fast kindischen Sorgfalt bestrebt, das Häßliche von seiner Tochter fernzuhalten und das Schöne und Vortreffliche um sie zu versammeln. Er hatte die Schwäche der Männer, die ihre Frau überirdisch geliebt haben und in der Tochter ihr Bild weiter verehren wollen.
Sie überhäufen ihre Kinder mit einem Maß von Güte, die jene nicht zu ertragen vermögen, und züchten den Geist eines Widerstandes, der um so mehr aus dem schlummernden Bösen kommt, je höher man die liebenswerten Seiten ihres Gefühles belastet. Ein Haus in London und das Sterbehaus der Mutter in Kairo standen ihr zur Verfügung, ihr Vermögen war in Holland angelegt, was so gut war, als sei es Gott in die Hand gegeben. Ihr Vater hatte geschworen, daß sie ihr Glück machen werde, und darum hatte vielleicht, weil dies ein Frevel ist, der Teufel sich bemüht, in ihr Herz die Widerstände zu säen, die das unmöglich machen sollten.
Je mehr der Vater sich versteifte, sie mit Geschenken, Aufmerksamkeiten, Überraschungen zu überhäufen, um so erbitterter sann dieses schöne und edle Mädchen darauf, sich dem entgegenzusetzen,wobei sie sich ihrer Handlung kaum mehr als eines fast schelmischen Trotzes bewußt ward. Diese Situation war furchtbar, denn sie liebte ihren Vater, der, wiederum aus Liebe, sie vor der Welt abschloß. Der alte Starrkopf, der seine Tochter vortrefflich machen wollte, sperrte das Kind vor jeder Gefahr ab. Er war ebenso eifersüchtig auf sie, für die er sich auf die Stelle die Hand hätte abschlagen lassen, wie voll ständiger Ängstlichkeit, so daß er sie unter anderem jeden Monat zu allen Spezialisten schleifte, um von allen die Versicherung ihrer Gesundheit zu erhalten.
Der Alte war bereit, ein Vermögen für jede ihrer lächerlichsten Wünsche auszugeben. Das junge Mädchen zeigte sich bedürfnislos. Es hätte keine noch so phantastische Angelegenheit gegeben, die der Alte ihr nicht zu Füßen gelegt hätte. Sie hätte den Eifelturm abreißen und eine eigene Bahnlinie nach Dover verlangen können, es wäre ihr ebenso sicher gewesen, wie daß sie keine Sekunde allein an diesen Genüssen hätte teilhaben können. Ihr Vater ließ sie keinen Schritt ohne Begleitung tun, nicht weil er mißtraute, sondern weil er um sie bangte, und gerade dies ist es, was junge Mädchen mit entzündlicher Phantasie zu Dämonen verwandeln kann. Es machte seine Güte so nutzlos wie einen verwilderten Garten. Das Mädchen begann diese Aufmerksamkeit zu hassen und sich vor der Liebe zurückzuziehen, die ihr Herz mit Entzückungen erwidert hätte, wenn sie weniger pendantisch sich gezeigt hätte.
Dieser Kampf zwischen der elterlichen Liebe, die bevormundete, und der Liebe des Kindes, die sich ihr entzog, und damit der Teuflischkeit zuwandte, dauerte bis zum achtzehnten Jahr dieses noblen Herzens, an welchem Tag sie verschwand.
Sie reiste ein Jahr, doch das genügte, sie völlig zu verderben. Sie reiste ein Jahr, ohne das geringste zu erleben. Ihr Vater, dendie Entfernung der Tochter wie ein Schlag traf, ließ sie nicht im Stich, sondern bemühte sich erst recht, sie auf die Entfernung zu beeinflussen. Das trieb das merkwürdige Geschöpf, das selbst in dieser furchtbaren Nacht, halb dem Tod überliefert und von so vielen Leiden zusammengeschlagen, noch einen unbegreiflichen Schein von Reinheit um sich hatte, in einen entsetzlichen Widerstand. Die Briefe ihres Vaters, der sie mit Beweisen seiner Sorge in Gestalt von Detektiven, Auskunfteien, vorausbestellten Schiffen, Hotels und Zügen, ja mit Menschen, die plötzlich auftraten und ihr Geschick zu beeinflussen wagten, überschwemmte, bewirkten in ihr eine Anzahl launenhafter Widerstände, die verrückt bezeichnet werden müssen.
Die Geschichte ihrer Erlebnisse, mit denen ihr Vater sie ins Verderben jagte, hat hier keinen Sinn. Seine Güte ermangelte der Strenge, ohne die Liebe keinen Zweck hat. Statt sie arretieren zu lassen und sie an einen Mann von Vermögen, Sicherheit, Stellung und nicht zuviel Geist zu verheiraten, dessen männliche Nüchternheit ihr die versteifte Romantik abgenommen hätte, benutzte er ihr Entweichen zu verdoppelten Beweisen seiner Zärtlichkeit. Ein Jahr lang hatte sie alle Angriffe abgewiesen, ja sich eine Frau für ihre Toilette und eine zur Wahrung ihres Rufes gehalten, währenddem sie ihren Vater aus Trotz im Glauben ließ, sie reise allein und sei eine Emanzipierte, die sie in keiner Weise war, ein Jahr lang hatte sie über die Männer lachen können, bis allzuviele Warnungen sie ihnen in die Hände trieb.
Ihr Spleen trieb dieses im Grunde sanftmütige Mädchen in die Hände eines Mannes, den sie offensichtlich nicht liebte, als sie sich ihm gab, der sie nicht einmal reizte, in dem sie nach wenigen Wochen aber einen Verbrecher fand. Diese Erkenntnis,die sie fast zum Wahnsinn brachte, vermochte, daß sie sich entschloß, ihren Mann zu lieben.
Die Tyrannei des Verbrechens hatte die wunderbare Kraft, dieses edle Geschöpf anzuziehen und zu einer Hingebung zu bringen, welche die Liebe, vor der sie sich auf der Flucht befand, nie erreicht hatte. Diese furchtbaren Umstände sind bei leidenschaftlichen Menschen deshalb bis zur Unerschütterlichkeit bestimmend, weil die ersten Schritte, die sie von der Familie und den der Frau vorgeschriebenen Gesetzen abseits tun, bereits die Tragödie mit der unendlichen Kraft des Untergangs herbeigerufen haben.
Das Mädchen hielt mit einer Treue zu dem Mann, der weder ihren Geist noch ihre Vornehmheit des Charakters besaß, die einer beispielhaften Ehe jede Ehre gegeben hätte. An dem ungelösten Körper dieser Frau, deren Mädchenhaftigkeit durch ihren Kummer nicht vertrieben worden war, konnte man heute noch sehen, daß sie eine wahre befreiende Liebe nie gekannt hatte. Sie hatte sich aus Laune in eine Verliebtheit hineingestürzt, die von der glühenden Zartheit einer mädchenhaften Neigung unendlich entfernt war. Sie liebte einfach ihr Schicksal wie alle starken Naturen, die auch zu ihren Fehlern und Niederlagen stehen.
Die Spannkraft, die ein menschliches Herz für soviel Leiden hinzugeben hat, besitzt eine Grenze, und sie schien es mit dem Zittern, das sie hin und wieder grundlos überlief, zu ahnen.
Ihr Vater, der sie dem Mann entreißen wollte, hatte den Fehler begangen, es nicht mit jener Brutalität zu tun, die Halunken dieser Art allein einschüchtert, nämlich nach ihrer Entlarvung ihnen den Prozeß zu machen und sie henken zu lassen. Die Möglichkeit hierzu war gegeben, von einem Skandal spricht man einen Monatund in bewegten Zeiten eine Woche, und wenn es sich um ein vornehmes Herz mit großem Vermögen und einer gewissen Schönheit handelt, drei Tage. Er fürchtete, seine Tochter zu verletzen und gab ihr nach, er kaufte sie dem Mann ab, der mit einer großen Summe Geld verschwand. Er ließ eine Frau zurück, die ein zweijähriges Kind in der Wiege und eines unter dem Herzen trug und ihrem Vater diesen Streich nie verzieh.
Sie holte ihren Mann ein, der sich nicht weigern konnte, sie aufzunehmen, vielmehr die Waffe umdrehte und auf Grund seiner tatsächlichen Schandtaten ihren Vater erpreßte, dessen Angst vor Skandal größer war als sein Zorn. Dieser Balte, dessen Name keine Erwähnung fand, verpraßte einen Teil des väterlichen Vermögens auf eine schwachsinnige Weise. Er liebte diese Frau nicht, weil sie ihm ergeben war, und suchte Anregungen in Angelegenheiten, die er seinem damaligen Vermögensstand nach nicht gebraucht hätte. Er war ein Spieler, der auf jeden Zufall versessen war und den der Krieg, der erbarmungsvoll hauste, staatenlos und also zu den verrücktesten Unternehmungen geeignet fand. Sein Vermögen nahm in einer beängstigenden Weise ab, worauf er, bei der Unmöglichkeit, für einige Monate aus England Geld zu beziehen, da die Konten der ehemaligen Deutschen gesperrt waren, seine Frau kurzerhand verkaufte.
Man wird fragen, wie eine Frau, die jede Freiheit hatte und über eine Familie und Vermögen verfügte, dazu der übermenschlichen Liebe eines Vaters sicher war, diese Ungeheuerlichkeit ertragen konnte, zumal von der Seite eines Mannes, den sie nur in der Einbildung lieben konnte. Sie ertrug es, und diese Heldentat ist eines jener tiefen Mysterien der weiblichenSeelen, die, wenn sie von der Natur zur Reinheit bestimmt sind, alle Höllen desLasters und der Erniedrigung durchlaufen können, ohne daß ihr Wesen auch nur im geringsten leidet.
Zu spät ließ ihr Vater den Mann verhaften, er setzte seine Ehre aufs Spiel, die er verlor, und erreichte, daß seine Tochter ihn haßte und das Jahr, bis ihr Mann aus dem Gefängnis entfloh, diesem glühende Briefe in seine Verlassenheit schrieb. Dieser Elende behandelte sie mit einer Kälte und Brutalität, die mit ihrer Liebewuchs. Entflohen, verbot er ihr zu folgen. Sie folgte ihm. Ihr Vater hatte England, gebeugt, verlassen müssen, der Skandal seines Schwiegersohns hatte ihn zertrümmert. Die Kälte seiner Tochter brachte ihn zur Verzweiflung. Innerhalb zweier Jahre war der Alte um dreißig Jahre gealtert. Die drei Menschen lebten jahrelang in einer furchtbaren Verfolgung. Der Gatte diente seinen dunklen und abenteuerlichen Neigungen, die ihn jeden Tag in Gefahr brachten, mit den Gesetzen sich zu verwickeln. Seine Frau suchte seinen Aufenthalt auszukundschaften und bei ihm zu leben, wovon sie keine Erniedrigung abhielt. Ihr Vater bemühte sich, ihr Herz zu erweichen, mit ihm in sichere Verhältnisse zurückzukehren, Europa zu verlassen und ein Glück zu suchen, das ihr nach soviel Schmerzen vorbehalten sein mußte ... aber was er erreichte, war, daß sein Vermögen zerfiel. Er hatte es sich zur Aufgabe gemacht, wie früher seine Tochter, so ihren Mann zu bespitzeln, und, um ihr Herz zu gewinnen, ihrem Mann ein Leben zu verschaffen, das ihn sorglos machen mußte.
Diese Geschichte der Liebe ist furchtbar, weil sie sinnlos bis zum Äußersten ist, denn jeder dieser Liebenden beging Verbrechen gegen die Liebe. Sie zerstörten sich in einer grauenerregenden Weise, während sie sich zu nutzen suchten.
Der Alte, der durch den Untergang Deutschlands zu einer rührenden Liebe zu seinem Heimatland gebracht wurde, legte sein Vermögen in Deutschland an, was seinen Schwiegersohn bald zur Raserei brachte, und als er es ablösen wollte, war es bereits ruiniert. Der Schlag, den Deutschland empfing, war auch mit derselben Teufelei in den Nackenwirbel des Alten gehauen. Er hatte sich mit der Freiheit seiner großzügigen Denkungsart von seinem Vaterland geschieden, als dessen unfeiner Reichtum ihm mißfiel.Als er es elend und am Boden fand, sah er die Möglichkeit, es wieder zu lieben, und kam in eine Begeisterung, die ebenso großartig und bewundernswert wie vernichtend war.
Er starb an dieser letzten Leidenschaft, die ihn unfähig gemacht hatte, vernünftig zu denken, was ein Lebensalter lang seine Stärke gewesen war. Er fiel mit dem Stolz seiner Heimat und begrub sein Vermögen im Sturz der deutschen Mark, deren wahnsinniges ungeheuerliches Vernichten sein letzter Seufzer war. Es war ihm nicht gelungen, seine Tochter wiederzugewinnen.
Als sie seinen Tod erfuhr, stand sie am Sarg ihrer zweiten Tochter, ohne zu wissen, wo ihr Mann sich befand, der ein Vergnügen darin suchte, sie mit einer Öffentlichkeit zu betrügen, deren nur ein Neger fähig ist. Die rohste Natur hat vor einem Grad des Leides jene Ehrfurcht, die der Zauber der Frau auch bei Kannibalen auszulösen vermag. Dieser Balte, dessen slawisches Blut seine deutsche Güte, dessen deutsche Rohheit seine slawische Weichheit vertrieben hatte, dieser Verbrecher, den die verfluchten Fehler zweier Nationen gezeugt hatten, ohne eine einzige Tugend außer einer schwachköpfigen Kühnheit ihm zu verleihen, fand einen beispiellosen Genuß daran, seine Frau zu demütigen. Es gibt wohl keine Schande, in die er sie nicht verwickelt hatte.
Wäre die junge Frau nicht mit einem so ungeheuren Stolz von der Natur versehen worden, so wäre sie ohne Zweifel durch das Übermaß der Erniedrigung dazu gebracht worden, diesen Mann zu vernichten. Sie hielt ihrem Schicksal eine beispiellose Treue, sie überwand das Verbrechen sogar, indem sie sich nicht wehrte. Es gelangte nicht bis in ihre Seele.
Als sie ihren Mann erreichte, fand sie ihn in Fesseln. Ihr wohltrainierter Körper war durch die Kinder und die Sorgen mitgenommen,unterhöhlt, aber nicht aufgerieben. Sie sah ihren Mann, den es, nachdem er die Familie seiner Frau zerstört hatte, wie alle Abenteurer nach dem Osten trieb, dessen wildes Chaos ihnen voll wunderbarer Reize scheint, an einer Mauer stehen. Sie lief aus dem Wagen in eine Umzäunung, ein Tuch in der Hand, als von der anderen Seite einmal die Trommel gerührt wurde. Darauf erschollen Schüsse, ihr Mann fiel vor ihren Augen langsam um, ohne sie anzublicken. Die Soldaten, die aus Bewunderung über den Mut des Mannes, der mit keiner Wimper gezuckt hatte, in die Hände klatschten, fanden sie auf dem Rücken liegen. Sie war am Abend bereits wieder bei Sinnen.
Eine Sekunde hatte genügt, sie ihre tiefe Schuld begreifen zu lassen. Eine geheimnisvolle Stimme hatte im Augenblick der Salve, als ihr Mann, der von Wuchs und Aussehen von vollkommener Schönheit war, fiel, gesagt, daß vom Augenblick ihrer Entfernung von ihrem Hause alle Schuld und alles Elend, das in ihrem Kreis geschehen sei, auf ihr liege, sie empfand unwiderleglich auch die Erschießung ihres Mannes als einen bewundernswerten Heldentod.
Sie fühlte mit einer Klarheit, die fast erhebend war, die Last dreier vernichteter Leben auf ihrer Seele und war einsichtig genug, daran nicht zu sterben, sondern ihren Glauben mit jener Tapferkeit, die schon überirdisch wirkte, auf ihr Kind zu setzen.
In diesem Kind und seiner Zukunft schien ihrer mütterlichen Seele der Sinn ihres Lebens und die Frage ihrer Schuld sich zu lösen oder zu knüpfen, und sie hatte ein Maß der Gläubigkeit darüber, das keinen Zweifel gestattete. Doch hat die Natur der Spannkraft eines Herzens Grenzen gesetzt, die nicht übertreten werden dürfen, ohne zu vernichten. Sie erfuhr die Erkrankungdieses Kindes, das sich in Dresden befand. Gleichzeitig brachen die Bahnen ab. Sie schien zurückgestoßen von einem Schicksal, das sie nach Jahren des Leidens zur Klarheit hatte erwachen lassen. Das Leben dieses Kindes ward das Ziel eines grauenhaften Wettlaufs, den sie mit dem Schicksal unternahm. Sie wäre ohne Schuhe bis an das Ende der Welt gelaufen, um dieses Kind wieder in die Arme zu nehmen und den Erfolg ihres vernichteten Lebens in jener Erkenntnis dem Kinde zuzuführen, das in einer Erziehung sich geäußert hätte, die die Fehler der ihren vermied und die Liebe so aus der Hand gab, daß sie genommen werden konnte, ohne in die Schuld hinauszutreiben.
Diese Frau konnte nur ein ganz ungeheures Glück retten, konnte nur ein sie dauernd in Sicherheit hüllendes Ereignis am Leben erhalten.
Sie hatte die Grenze des Lebens fast schon überschritten, und jede Enttäuschung war ihr sofortiger Tod. Ihre Seele war an das Leben ihres Kindes angebunden wie ein Flügel an den anderen bei einem Falter, sie würde sich mit diesem Kind in das Leben wieder retten oder mit ihm zusammen zerfallen müssen. Sie befand sich in dem Zustand einer gewissen Übererhöhtheit des Lebens, wie es in Augenblicken eintritt, an denen die Qual und das Leid so übertrieben sind, daß sie überirdisch scheinen. Die Frau schien von einer Zartheit der Seele zu sein, daß man nicht gewagt hätte, ihren Körper ohne Not zu berühren, aus Angst, er könne im Zustand dieser Verklärtheit zusammenbrechen. Man mußte diese Seele in eine Behandlung nehmen wie einen Lichtschein, den man nicht mit dem Schatten der Hand verderben möchte.
Diese Seele war nur in der Lage, die Welt in einer Verschleierung aufzunehmen, die sie ermunterte. Jeder Zweifel warschon der Tod für dieses Wesen, das nur einer Medizin, nämlich der Bejahung und des Trostes und der Zuversicht bedürftig war.
Man mußte diesem Körper, auch wenn man die Unwahrheit verabscheute, Lügen zuführen, die allein ihr die Kraft geben konnten, die nächsten Stunden zu überleben, kurz, ich war gezwungen, wenn auch ohne Begeisterung, so mit der Leidenschaft, die sie in mir entflammte, zu lügen.
Da sie eine Frau von Geist war, konnte man die Literatur zu Hilfe ziehen, die ähnliche Schicksale wie die ihren bejaht hat, ihnen sogar eine bestimmte Größe des Ruhmes zugewiesen hat, aber man mußte die fast tödlich verzogene Frage auf ihrem Munde lesen, welches denn die Gründe seien, die große Schriftsteller veranlassen konnten, ihre Wesen in Verbrechen zu führen, statt die ausgezeichneten Bahnen einer Literatur einzuschlagen, welche jenseits des Kriminellen genug Maße für höchste Leidenschaften findet. Der Abbé Prevost hat seinem Desgrieux, der ohne Zweifel ein Halunke aus Liebe war, ein großes Monument errichtet. Zwischen dem Rolla des Alfred de Musset und Karl Moor besteht nur der Unterschied, daß der Franzose Vernunft, der Deutsche nur Verzweiflung kennt, daß aber ein Schicksal beide mit einem Fangarm erreicht, dessen Rumpf eine verzweiflungsöde Epoche ist. Der Marquis de Sade hat die Verbrechen offenbar der Wollust unterlegt, während Shakespeares Halunken das Böse so genial verkörpern, daß ihre verwandtschaftliche Nähe zu den Engeln deutlich ist. Es bedarf nur einer kleinen Wendung des Charakters, um sie zu unsäglichen Heilbringern zu verwandeln. Die Antike, ähnlich dem britischen Genie, kannte nur Verstöße gegen heilige Institutionen der Götter, deren Verstoß aber ungeheuerlicher Frevel war. Zwischen Verbrechen und Heldentaten machten sie so wenig Unterschied wiealle Stämme, denen mit der Kriegerischkeit ein Sinn für große Ideen verliehen war.
Die Natur scheint die Gesetze des Blutes und der Familie mit einem ungeheuren Schutz umgeben zu haben, der in ihrer Reinhaltung die beste Auslese unter der menschlichen Rasse bewirken zu wollen schien. Die ungeheuerlichen Strafen für den Frevel an der Familie sind mit einem anderen Sinn nicht erklärbar. Es gibt Geheimnisse, in die alle Nationen einbezogen sind, und in denen die Reinheit der Frau als wundervollste Säule der Familie und des gewaltigen Bauwerks eines stolzen Staates mit nicht beweisbarer aber beispielloser Gesetzlichkeit verwoben sind.
Man mußte dieser in ihrem Elend bezaubernden Frau eine dünne Limonade der Ewigkeit brauen, wenn man ihr diese Gesetze verschwieg und aus der Literatur einen Saft zog, der vielleicht von großen Dichtern, aber schlechten Kennern des Schicksals stammte. Es hieß ihr die Welt mit wohlwollender, aber zitternder Hand verschleiern und erbeben unter der Hast und dem Glück, mit dem sie diese schwache Weisheit in sich sog.
Man konnte ihr auf die Frage, die am Anfang dieser Geschichte angeschnitten steht, schließlich sagen, daß die Dichter den Weg ins Verbrechen deshalb immer wieder suchten, weil in den närrischsten und grundlosesten Leidenschaften sie den unendlichen Goldgrund der besten Herzenstugenden am schönsten schimmern sehen, aber man konnte diese akademische Phrase nur loswerden, weil man das Geschöpf, an das sie gerichtet war, liebte. Das Bangen der jungen Frau hatte etwas von jener Gläubigkeit und Unberührtheit, deren Nähe niemand verlassen kann, ohne einer tiefen Rührung zu verfallen. Ich hätte meinen Kopf gegeben, wenn ich in diesem Augenblick die Hände der jungen Frau hätte an mich ziehen undihr zuflüstern können, daß diese Neugeburt zur Mädchenhaftigkeit, die das Schicksal mit einer kurzen, vielleicht in Stunden schon beendeten aber jetzt in unvergleichlichem Glanz erstrahlenden Frist ihr verliehen hatte, mich in meiner tiefsten Seele getroffen habe.
Ich war in der verdammten Lage, sie ohne Pause belügen zu müssen. „Washätten Sie gehabt,“ rief ich wohl etwas zu prahlerisch, „wenn Sie ohne das Erlebnis so gewaltiger Schmerzen Ihr Leben verbracht hätten? Die Literatur zeigt, daß die Unschuld, wenn sie mit dem Verbrechen zusammentrifft, die wundervollsten Menschenblumen hervorbringt. Sie hätten ohne Zweifel einen Gatten und Kinder besessen, aber Sie wären sich nicht mehr der Welt bewußt gewesen, als daß Sie die wirtschaftlichen Mächte, unter denen wir stehen, mit einem geringen Stolz gespürt hätten. Das heißt, Sie hätten reich gewohnt, den sozialen Aufstieg Ihres Gatten bewundert, Ihre Kinder gekleidet, die Menüpläne Ihrer Köchinnen berichtigt und mit Verehrung oder Verachtung auf die Gesellschaft um Ihr Leben herumgeblickt, je nachdem sie im Rang über oder unter Ihnen gestanden wäre. Was wäre aus Ihrem Herzen geworden? Soviel an Großmut und soviel an spätem ungeheurem Glück, wie Sie es heute zu verlangen haben, vermag ein durchschnittliches Leben nie zu geben, und die Tugend, die nie an den Abgrund geschleppt ward, hat keinen Anspruch, ein Herz zu besitzen, das durch den Tod wie durch die Liebe mit derselben Kühnheit hindurchgeschritten ist.“ Man wird mir zugestehen, daß ich mit Feuer log, obwohl mein Gefühl offenbar geneigt war, in Tränen auszubrechen, denn je mehr ich michbegeisterte, um so furchtbarer empfand ich, welch verabscheuenswerten Unsinn ich sprach.
Sie seufzte, als ob sie alle Liebe der Welt einsauge, und das brachte mich fast von Sinnen. Nur als ich mit der falschen Kühnheit,die Verliebten eigen ist, fragte: „Was hätten Sie gehabt?“ schien sie wie ohnmächtigzurückzufallen. Ein Blick, den ich durch ein Licht, das aufglomm, auf ihrem Gesicht mit göttlicher Ergebung aufgeschlagen sah, belehrte mich, daß sie an ihren Vater dachte. In diesem Augenblick schienen wir umzingelt zu sein.
Um uns herum erschollen Stimmen. Der Kutscher hielt den Wagen an und gab sichtlich Auskunft. Ich öffnete die Wagentür nach der einen Seite und schloß sie im gleichen Augenblick. Offenbar hatte man sich an der Stelle zusammengeknäuelt, um eine Auskunft einzuziehen. Ich riß den anderen Schlag auf, zog die junge Frau heraus, und wir liefen über die Wiese. Als wir hinter Buschwerk kamen, zitterte sie so, daß ich sie tragen mußte. Als wir den Wald erreichten, fing eine sinnlose Schießerei an, überall loszuknallen. Wir standen hinter Bäumen, um nicht getroffen zu werden. In diesem Augenblick war ihr Herz auf der Höhe der Gefahr. Eine Verwundung hätte sie niedergeworfen und getötet. Denn dieses wundgelaufene Herz hatte nur noch eine kurze Frist, die die Natur ihr verliehen hatte, zu leben oder auszusetzen, und diese Frist langte noch bis zum Lager ihres Kindes, aber litt keine Minute Verzögerung.
Es gibt eine Zärtlichkeit bei Männern, die in Augenblicken der Gefahr für das geliebte Wesen sich in nichts von der Liebe unterscheidet, die das schönste Recht der Mütter ist. Ich hätte diese Frau, deren Schmerz und deren Schicksal ich offenbar wie ein Wahnsinniger liebte, mit meinem Körper zudecken mögen, um sie vor den Kugeln zu schützen, wenn diese Bewegung nicht eine Narrheit gewesen wäre und die Soldaten auf uns gelenkt hätte. Sie war im Augenblick der Gefahr von einer fast übermenschlichen Kühle. Als wir eine halbe Stunde durch den Niederwald geranntwaren, kamen wir auf eine Straße. Wir hatten die Vorposten hinter uns und waren in Sicherheit.