Nach einer halben Stunde fanden wir unseren Wagen. Zwei Stunden später erreichten wir die Station. Hatte ich unrecht, daß ich ihr, als wir mit einer gewissen Heiterkeit die letzten Wagenstunden machten, eine Geschichte nicht vorenthielt, die ihr Herz stärken konnte? Da sie aus dem Leben stammte und mit ihren bekannten Figuren aus der Wahrheit wie aus einem Bilderbogen geschnitten war, hatte sie mehr Überzeugungskraft als die Literatur, die nur beweist, aber nicht atmet.
Ich wagte kaum zu zittern, als wir uns der Station näherten, ich war besinnungslos von einer Leidenschaft, die ich nicht zeigen durfte, und ich war genötigt, ihren Befehl zu respektieren, der mich zurückstieß. „Zeichnen Sie diese Geschichte auf,“ sagte sie mit einem so verheißungsvollen Lächeln, daß mir die Tränen kamen, „und senden Sie es mir morgen nach als einen Beweis, der mich stärken wird.“ Sie hatte eine wundervolle Zartheit im Klang, daß ich fürchtete, ich würde sie nicht wiedersehen. An der Grenzeempfingen uns Soldaten. Plötzlich sahen wir uns an, von Fackelschein übergossen.
Dieses Gesicht, das lange nicht geweint hatte und auf dem Spuren unzähliger Schmerzen wie ein Verhängnis schwebten, trug die Spuren von Tränen. Ich reichte ihr die Hand, um auszusteigen, und bemerkte an dem Druck ihrer Hand, daß es Tränen der Freude, ja der Erlösung waren. In diesem Augenblick trat ihre ganze Seele, die noch nie gelebt hatte, auf ihr Gesicht, und ich wurde eines so himmlischen Glanzes ansichtig, daß mich die Besinnung verließ.
„Ich danke Ihnen mit aller Herzlichkeit, die soviel Unglück übrig gelassen hat,“ flüsterte die Unbekannte mit hinreißender Anmut und gab mir eine Adresse, unter der ich ihr schreiben konnte. Sie empfing mit dem Nicken einer Vertrautheit, die nicht mehr menschlich war, mein Portefeuille.
Man fand mich auf dem Platz hingestreckt wie einen Toten. In der Nacht schrieb ich die Geschichte eines Frevels auf, dem ein Glück, das der Sühne, abzugewinnen ich meine Natur in unerhörter Weise zwang. Denn um das Glück der Sühne zu ertragen, bedarf es eines kalten Herzens. Das Kind mußte leben, oder sie starb. Ich blieb nach diesem Wettlauf mit der Wahrheit, der mein Innerstes zerriß, drei Tage besinnungslos in meinem Zimmer liegen. Ich war gezwungen, mich zur Herstellung meiner Natur ins Gebirge zu begeben, da mein Körper gewohnt war, alles zu ertragen, die härtesten Strapazen und die irrsinnigsten Enttäuschungen, aber nicht den Kampf gegen die Gesetze der Seele, die ihn regieren.
Es gibt vielleicht eine einzige Möglichkeit, ihn diesen Streit ertragen zu lernen, das ist, ihn zum Siege zu führen. Man hatte mir versichert, daß am Abend ein Zug gehe, der ihr als einHerold meinen Brief senden sollte, der eigentlich mein Schicksal war, auf dessen Echo ich wie ein Verrückter warten mußte. Ich verbrachte diesen Tag mit einer so unheimlichen Getrenntheit meines Wesens, daß ich mit den Kerzen plötzlich vor den Spiegel sprang.
Ich reiste an diesem Tag in dem furchtbaren Hotelzimmer, während ich gleichzeitig Bogen auf Bogen hinter verschlossenen Läden füllte, an der Erinnerung der Nacht jede Minute zurück und badete mich, füllte meine Seele mit jeder Bewegung und jeder Silbe, welche die Unbekannte von sich gegeben. Gleichzeitig wußte ich, daß bei jedem Buchstaben, den ich für sie schrieb, sie der Ungewißheit entgegenfuhr, ob dieses Kind sie verflucht hatte, ehe es starb, oder ob es mit einem Lächeln sie ansehen würde, das der Anfang eines unfaßbaren Glückes war. Die Frist war kurz, in der dieses bewundernswerte Herz lieben durfte, und ich hätte nicht Gott sein mögen, in dessen Hand es lag, und der es vielleicht zertrümmern mußte.
Man wird mich nach der Geschichte, die ich aufzeichnete, fragen, ich verheimliche sie nicht. Sie besitzt jene Kostbarkeit, die Erlebnisse erst adelt, wenn sie ein Herz enthüllt oder getröstet haben. Man darf der Literatur nur dann jene Liebe, die sie zu Beweiszwecken benutzt, zuwenden, wenn die Literatur jenes geheimnisvolle Herz besitzt, das mit den wahren Leidenschaften der Menschen gefüllt ist. Dieses Herz kann sich plötzlich öffnen, und die Menschen sind in der phantastischen Stunde dieses Zufalls in der Lage, darin ihre Seele zu sehen. Eine vortreffliche Literatur wird ihre Bewunderer durch dieses Mysterium unbeschreiblich entzücken, eine erbärmliche wird sich in den Sekunden, wo man ihrer bedarf, als das akademische Geplapper entlarven, das nur sich selber liebt. Das Herz des Menschen ist der Ort, wo die Gegenstände, dieEreignisse und die Sitten der Welt gemessen werden und ihren Rang erhalten. Ausgezeichnet wird lediglich, was die Größe hat, dem Herzen gleich zu sein oder den Ehrgeiz besitzt, es zu übertreffen.
Es gibt in der Literatur einen Opfermut und eine Kühnheit von Gefühlen, die weit über das hinaus wollen, was menschlichem Ertragen und menschlicher Spannkraft möglich ist. Diese Literatur ist ohne Zweifel die höchste in den verschiedenen Klassen des Schrifttums, in dem der Zynismus die niedrigste, die Weisheit die erhabendste ist. Es ist unmöglich für ein gleichzeitig kluges wie feuriges Temperament, eine Literatur anzuerkennen, die ihr Wesen nur durch sich selbst erhält und wie Narziß sich von den Menschen und ihren Beispielen fernhält. Die Dichtkunst, meint Balzac, sei die Einleitung zum Staatsmann. Napoleon, Julius Cäsar, der große Friedrich, der erste Franz von Frankreich, Machiavell, ja selbst Goethe, Richelieu, der Kardinal Retz, Disraeli, Bulwer und Constant haben dieser These recht gegeben, indem sie ihren Geist, der das Schöne zu formen wußte, derart disziplinierten, daß er das Gebäude des Staates unter den letzten Gesetzmäßigkeiten der Vernunft, der Gerechtigkeit und der Harmonie erblickte.
Der Staat ist aber jene wundervolle Handschrift der Vorsehung, welche die Leidenschaften der Menschen auf den Rücken der Ewigkeit gezeichnet hat und in dem alle Linien des menschlichen Herzens enthalten sind. Wer diesen Kreis, den das Gebet eines unschuldigen Mädchens bis zur Grenzenlosigkeit der himmlischen Satzungen durchläuft, verläßt, begeht einen Frevel, den nur ein Opferwille sühnen kann, welcher stärker ist als die Natur. Wer kann die Erde aufhalten? Wer vermag die Sonne zu verdunkeln? Zur Sühne ist dem menschlichen Herzen die Kraft, zum Verzeihendie Größe gegeben. Zum Widerstand gegen die Gesetze der Natur besitzt es nur das Dulden, welches die Trotzigen und seit Prometheus ewig Zerschmetterten manchmal bis zu himmlischem Licht erhebt. Hier ist die Geschichte:
Im Jahre neunzehnhundertelf ereigneten sich drei Dinge, die an verschiedenen Stellen der Welt einen geheimnisvollen Zusammenhang schafften. Es war das Jahr, wo, drei Jahre vor den Schüssen von Serajewo, die Mitteleuropas Vernichtung und unsere Armut veranlaßten, einige Menschen anfingen, sich in die Luft zu schwingen, andere das Meer einige hundert Meter unter der Oberfläche mit Tauchbooten zu durchfliegen und jenen Kampf begannen, den ein ehrgeiziges Geschlecht mit seinen Maschinen der Natur ansagte. In einem zarten Vorspiel, das vier Jahre lang die grandiosen Schlachten ankündigte, die unsere Nachfolger mit Stumpf und Stiel hinwegrotten werden, hat sich gezeigt, daß die Natur diese Provokationen auf ihre Urheber zurückwirft.
Wenn in einem Landhaus in York Lady Grace ihr Leben in einer auffallenden Weise verließ, von einem Tag auf den anderen aus der behütetsten Dame in einer Reihe von Verbrechen sprang, bedarf es nur der einen Erklärung, daß sie von jener Krankheit erfaßt war, welche alle leidenschaftlichen Naturen in dieser Zeit erfaßt hatte: daß sie dieser Welt kein Interesse abzugewinnen vermochte. Besonders glänzende Figurenwußten damals sich allerdings in ihrem Innern zu beruhigen und für die Zeit aufzusparen, wo die künstliche Sicherheit dieses Jahrzehntes in Flammen aufging, und die Menschheit sich in die grauenhaftesten Kämpfe stürzen mußte, die diese Erde gesehen hat. Andere, welche mit der Kühnheit eine Unsicherheit des Glaubens vereinten, begannen jene furchtbaren Herausforderungen, welche die Natur nicht unbeantwortetließ, indem sie die Versucher mit einem Lächeln abschüttelte, das die Welt mit Blut überschwemmte. Andere, zu denen Lady Grace offensichtlich gehörte, wechselten plötzlich ihre Seele aus.
Diese Menschen, die damals nicht zahlreich waren, scheinen unter ihrer Seele eine andere zu besitzen, die plötzlich die erste völlig verdrängt. Diese Annahme ist aber ohne Zweifel ein Irrtum, denn eine Seele kann nur durch den Tod den Menschen verlassen. Wenn ein erhabener Mensch sich plötzlich in furchtbarer Weise verändert, so beweist das nur, daß er den Weg, welchen das Schicksal ihm vorgeschlagen hat, völlig verläßt, und daß die Keime des Bösen, die in ihm lagen, tief in ihn eingedrungen sind. Es bedarf nur der Rückkehr mit gläubigem Herzen, um eine solche Figur wieder zum schönsten Licht zu entfachen.
Die Entschlüsse, die einen Menschen von großer Leidenschaft wie dieses kühle Mädchen, von ihrer klaren Bahn und aus der Familie wegtreiben, liegen oft mit der Kraft eines Abgrundes da in Momenten, wo sie am wenigsten erwartet werden. Der Übergang kann sich mit einer Plötzlichkeit vollziehen, der alle ratlos macht, welche die Zusammenhänge nicht erkennen, welche die Gesetze der Natur selbst mitten durch die Seele eines reinen Mädchens gelegt haben. Sie passieren zehnmal am Tage jene Stelle, wo ihr Leben furchtbar bedroht ist, ohne es zu wissen, und gehen in jenem Augenblick mit nachtwandlerischer Kraft in das Böse hinein, wo ihre Leidenschaft eine Laune gebiert, die jenseits ihres Gemütes liegt.
Diese Übergänge sind nicht weiter mit der Vernunft erklärbar, sie müssen nur bestimmt und von denen, die sie vornehmen, ausgetragen und erduldet werden. Das Schicksal ist gewaltig genugin jener gewitterhaften Güte, diees selbst über die Schuldigsten verteilt, auch an das Ende dieses Frevels ein Licht zu stellen.
Man kann nach Belieben bei Lady Grace alle jene Vorzüge voraussetzen, die eine Schilderung abkürzen werden, ihren Geist, ihre Erziehung, die Stellung ihres Vaters, ihre Lieblichkeit in gewissen Augenblicken, ihre körperlichen Fähigkeiten. Ihr Alter beträgt sechsundzwanzig Jahre, was erstaunlich ist, da ihr Vermögen auch das Leben ihres bevorzugten Bewerbers hätte ändern können. Ihre Nase, über jener schon sprichwörtlichen Verlängerung der Oberlippe hatte von der Seite einen leicht geschwungenen Bogen, sah von vorn aber fast etwas gesträubt und trotzig aus. Das gab ihr zwei Gesichter, ein durchgängig kühnes und ein romantisches, was sich sehr apart mischte. Ihre Figur, mehr groß als mittel, ward von jenem Dunkel der Augenfarben beherrscht, von denen man in gewissen Momenten erschrocken feststellt, daß sie hell wie das Meer und fast blau wie Perlmutt sind. Sie gehörte zu jenen Mädchen, die in den Mondnächten die Nachtigallen um ihren Gesang beneiden, in ihre Kissen weinen und selbst erstaunt sind, am Tag diese rätselhaften Spannungen aus sich gewichen zu sehen. Sie sind dabei von einer Verstandesschärfe, die nur jene Unerwecktheit ist, mit welcher die Mädchen in unbegreiflichem Instinkt unter den Erfahrungen her die Welt durchschauen und wohin sie erst durch die Weisheit der Leidenszeit wieder gelangen werden, ein Zustand, vor dem junge Männer zurückweichen, weil sie Überlegenheit und Stolz dahinter fürchten. Sie besaß dabei neben dem Weltblick, den ihre Erziehung ihr mitgegeben, eine Kameradschaftlichkeit, die jene Distanz der Männer zu ihr noch vergrößerte, weil sie so traumhaft sicher hingegeben ward.
Diese Sicherheit war es, die sie wie einen Diamant aufleuchten ließ, wenn sie im Abendkleid und phantastischem Schmuck in der Halle erschien. Es war ein unbeschreiblich siegreicher Schmelz in dem mit der Plötzlichkeit eines Schusses aufglühenden Lächeln, daß man, obwohl man sie haßte, ihr eine unvergleichliche Karriere voraussagte. Den Zorn der Frauen, die sich die Männer neideten, erregte sie erst durch ihre völlige Teilnahmlosigkeit für Bewerber. Man hielt sie für wählerisch und berechnend und nahm an, daß sie sich für den Besten aufhebe und vor Hochmut bis zum sechsundzwanzigsten Jahre noch keinen so Vortrefflichen gefunden habe, der ihren Träumen entsprach, während sie in Wahrheit ihre Seele noch nicht gefunden hatte und eigentlich eine Romantische war.
Diese Mädchen scheinen kalt, weil ihre Herzen glühender als die Möglichkeiten sind, die ihnen zu Gebot stehen, diese Herzen daran zu erproben. Man muß bedenken, daß das Fest, welches auf der Terrasse des Landhauses stattgefunden hatte, eigentlich eines der romaneskesten war, das die damalige englische Gesellschaft kannte, und daß Lady Grace bis zum Tod bleich und gelangweilt davon schien. Es war in den zarten und traumhaften Kostümen Gainsbroughs getanzt worden, dann hatte es geregnet, und nun gingen in der roten Dämmerung die Fenster alle auf und es roch nach dem Boden des Parks. In diesem Augenblick erregte es das Erstaunen eines jungen Mannes, daß ihr Auge sich auf ihn richtete.
Der junge Mann, der den Vorzug hatte, in Indien gekämpft zu haben, was seine Blässe und Melancholie mit einem dicken Kontrast unterstrich, war vor Schreck darüber fast erstarrt, in welcher Weise sich ihr Blick, während er auf ihm ruhte, veränderte. Ihmschwindelte ein wenig und er fühlte sich halb umstrickt, halb durchbohrt. Er folgte ihr, als sie das Auge zur Tür gleiten ließ: „Kann ich auf Sie vertrauen?“ frug sie mit grauenhafter Kälte. „Vergessen Sie nicht, daß ich das Leben von fünfhundert Menschen, die mir dienten, monatelang in Händen hatte,“ rief er. „Wollen Sie mir dienen, Charley?“ sagte sie mit einer Stimme, die ihn erzittern machte. „Diese Frage,“ sagte er ergriffen, „beleidigt das Herz, das nie etwas anderes tat.“ „Sie werden mich verlassen, wenn ich es wünsche?“ sagte sie ruhig. Er nickte betroffen. „Sorgen Sie für zwei Wagen. Vergessen Sie Ritch nicht abzuholen. Sie wohnt im Gartenhaus. Ich brauche einen älteren Begleiter. Nehmen Sie Davis und geben Sie ihm Geld, daß er einen Kammerdiener mitnimmt. Zweihundert Meter von der Parktür warten Sie auf mich in einer Stunde.“ Sie nickte und zog sich zurück. Zwei Stunden später fuhr das Mädchen nach Dover, ohne sich die Mühe zu nehmen, ihr Kleid zu wechseln, das sie unter einem Staubmantel verbarg.
Ritch war ein schwarzes Faktotum, das ihren Vater aus den Kolonien begleitet hatte und auf das sie sich blindlings verließ. Diese Negerin war eigentlich javanischen Blutes, fast schön, nur zu dunkel, stark wie ein Tier und von der Wachsamkeit eines Hundes. Was im zweiten Auto folgte, war ein Greis mit Kammerdiener und einer alten Gouvernante. Sir Davis war von der senilen Schwäche eines Lebemanns, der nicht genügend Mittel hatte, seine Leidenschaften in der Jugend zu befriedigen, in diese Hörigkeit zu jungen Damen angekommen, die nichts begehrt, als ihnen zu Diensten zu sein. Sie opfern sich auf für den Beruf einer Attrappe und würden ihr Leben hingeben dafür, daß sie in der Nähe dieser Wesen trotz des Zustandes ihrer Zähne noch bleiben dürfen. Siewerden nicht beachtet, auch nicht bedankt und erfüllen die Dienste des Hofmarschalls mit größerer Leidenschaft, als diejenigen des Liebhabers, als sie noch Wünsche hatten.
In der Nacht fuhren sie noch über und setzen die Autos auf die Strecke Paris, Dijon, Valence, Montélimar, Avignon.
Ehe sie Calais verließen, frug Lady Grace, als sie den Fuß auf die Dampfbarkasse setzte: „Ist das Telegramm abgegangen?“ „Es ist durch meinen Bruder vom Foreign Office aufgeliefert worden,“ antwortete Charley mit dem Ton eines Menschen, der etwas unerhört Schweres erledigt hat. „Dann kehren Sie zu Gaby zurück,“ rief sie mit jener Härte, die nur unverbrauchte Herzen über sich gewinnen, weil sie nicht wissen, wie unendlich sie damit schmerzen. Man muß wissen, daß sich bei ihrer Abreise eine Szene abspielte, deren Helden ihre Windspiele waren. Diese Tiere, die sie auf allen Einladungen, so auch nach York begleiteten, von denen einige noch von ihrem Vater kurz vor seinem Tod eingestellt waren, wollten sie nicht verlassen, holten die Autos ein und rannten eine Weile neben ihnen her. Sie hörten die Locktöne ihrer Herrin und wußten nicht, daß diese sie zum erstenmal zurücktrieb. Plötzlich begann ihr Lieblingstier Gaby etwas Unerwartetes, Ungeheures, es sprang über das hinrasende Auto. Diese Sprünge wiederholten sich, bis Lady Grace halten ließ. Man mußte die Tiere anbinden. Nun kommandierte sie den jungen Mann zum Schutz ihrer Tiere, ohne zu bedenken, ob er gemerkt habe, daß sie innerlich weinte, als Gaby ihre unglaublichen Sätze begann. Er konnte denken, daß sie ihn zu ihren Liebsten sandte, aber er vermochte sich dabei nicht voll Bitterkeit zu verschweigen, daß sie die Hunde mehr liebte als ihn. Ein englischer Junge dieser Kreise hat zum Glück genug Einfältigkeit, die Launen einer Frau zu prüfen. Er war tödlichgekränkt, aber, da er liebte, machte er sich ohne Umstände an den Anfang.
Das zweite Ereignis, das in jenem seltsamen Zusammenhang mit dieser Abreise stand, war der General-Appell des Mégroz-Clubs in New York, von dessen Bestand Lady Grace ebensowenig ahnte wie dieser Club von der Tatsache, daß eine glänzend schöne Frau sich anschickt, ein tödliches Wettrennen mit seinen besten Mitgliedern zu beginnen. Dieser Club, der sich nach einem der berühmtesten Eiskünstler nannte, vereinigte seine Mitglieder zum Curling. Das ist ein Spiel, welches, dem italienischen Bocca ähnlich, auf der Eisfläche geschossen wird und Kraft mit Gewandtheit verbindet. Man hielt sich jahrüber eine eigene geschlossene Eisbahn, was gewisses Aufsehen erregte, da dieser Sport in Amerika fast unbekannt war. Der Club hatte sehr strenge sportliche Satzungen, spielte Inter-League-Games und unterstand dem Olympischen Komitee. Man wird nicht vermuten, daß diese ernste Angelegenheit, die jeder Prüfung standhielt (denn keine menschliche Fähigkeit wird so genau kontrolliert wie das grausamste Spiel der modernen Zeit, der Sport) eine Lächerlichkeit sei.
Diese Sportleute fanden das Curling erbärmlich langweilig, es war ein Gesicht, das sie sich vorhielten, um ein anderes zu verstecken. Diese Zeit vor den Erfindungen der Tanks und der Vernichtungslust mußte Gefühle verstecken und mit den Kräften, die keine Auswirkung fanden, auf einer so gefährlichen Ebene zu spielen beginnen, daß sie ihr Leben und ihren Geist riskierten. Es gab so wenig Widerstände, daß man welche erfinden mußte wie jene Dächse tun, die sich Bauten so kompliziert anlegen, daß sie sie teilweise wieder zerstören müssen, um in ihren Hauptkessel zu gelangen. Hätte jemand vermutet, daß dieser Sport den Bedürfnissenseiner Mitglieder genügte, hätten sie ihn im Inneren für einen Verrückten gehalten. In der Tat hatten diese Leute eine ingeniöse Erfindung gemacht, sich das Geheimnis zu beschwören, nach dem sie lechzten. Das war eine Tambola der Gefahr, eine Machinerie der Leidenschaften, ein wahrhaftiger Apparat, dessen Einrichtung von genialem Irrsein war.
In dieser Einrichtung war ihr Schicksal mit einem Raffinement verbunden, das jeden von ihnen täglich mit aller Furchtbarkeit wahllos erfassen konnte, kurz, diese Leute waren begabte Spieler, die statt um Geld, das sie besaßen, um Erlebnisse spielten, bei denen mehr zu verlieren war als Vermögen. Vor allem verband sie, der Zuchtlosigkeit entgegen, die jedem erlaubte, nach Gutdünken zu leben, eine eiserne Disziplin, gegen welche der Gehorsam der Armeen ein Kinderspiel war.
Was sie beherrschte und im Notfall bestrafte, war ihnen nämlich unbekannt. Sie hatten sich eine geheimnisvolle Macht erfunden, die sie mit aller Tyrannei beherrschte, womit sie glücklich waren. Die Zucht, die diesen Haufen von Spielern, Abenteurern, Soldaten der Kolonialarmeen, Kenner oder Adepten des Wunderbaren, Blasierte und vom Leben Gezüchtigte zusammenhielt, verwickelte sie in fast jede scheinbar unmögliche Angelegenheit. Es wird nicht erstaunen, daß Curling nur ein liebenswürdiges Lächeln gegen die Welt darstellte, hinter dem sie zwischen halsbrecherischen Gefahren ja Verbrechen, sich jene Genugtuung ihrer Nerven verschafften, die verrückt, aber bewundernswert war.
Der eigentliche Vorgang war folgendermaßen: Das Haus war derart gebaut, daß es allen Entdeckungen auch durch Mitglieder gewachsen war und jede Manipulation erlaubte, die nötig schien. Jährlich wurden fünfzig Metallkapseln im Dunkeln gezogen, ineiner befand sich der Schlüssel zu einem Verschlag, dessen Vorderseite eine viereckige Uhr war. Keiner, selbst der Besitzer des vorigen Jahres, wußte, in wessen Hand der Schlüssel kam. In dem Haus waren sechzig Kabinen aus Stahl, in denen die Mitglieder sich zu maskieren hatten, wenn sie aufgerufen wurden, einem Appell Folge zu leisten. Auch die Einrichtung der Kabinen, ihre Numerierung und die jedesmalige Verteilung der Nummern schloß jedes gegenseitige Erkennen aus. Ihre Vermummungen und die Art ihres Eintritts in den Hauptraum sowie die Abdämpfung der Lichter genügte ebenfalls, daß man nicht wußte, in wessen Nähe man sich befand.
Vor allem darf nicht vergessen werden, daß diese Leute das Geheimnis liebten, das sie eingesetzt hatten und toll gewesen wären, wenn sie es gelüftet hätten. Diese Leute flüchteten aus ihrer ungeheuren Macht in die Unsicherheit und waren damit beschäftigt, das Gift eines Frevels zu genießen und nicht, es zu enthüllen. Diese geheime Legion der Männlichkeit, die ihr Jahrhundert verachtete und seine Garantien wie seine Einrichtungen verlachte, besaß nur eine Abhängigkeit, das war jener Wille, der von dem Träger des Schlüssels ausging, welcher ihr Leben und Tod nach völligem Belieben in der Hand hielt. Wenn eine Sache dieser Welt groß oder verrückt genug schien, sich daran zu bewähren, berief er den Appell.
Zu diesem Zweck erschien irgendein Mann im Club und frug nach einem Glas Whisky. Dieser Mann mußte einen Satz sagen, der lautete: „Die Uhr ist aufgestellt, meine Herrn.“ Diese Uhr war die Seele des Clubs. Da sie Schicksale bestimmte, war das Grausen auf sie übergegangen, das man der Vorsehung schuldet. Durch eine Vorrichtung war es möglich, daß am Tag nach der Ankündigungjeder der Vermummten, wenn er den Schlüssel besaß, sich, ohne aufzufallen, in den Raum hinter der Uhr begeben konnte. Dies geschah durch eine liftartige Versenkung, die lautlos alle Etagen durchglitt. Man konnte von fünf Etagen über zwei Dutzend Gänge in den Saal kommen, es war unmöglich festzustellen, wer in die Uhr eintrat.
Diese Uhr ruhte auf drei Säulen und hatte einige ovale Öffnungen. Die Mitglieder mußten in den dämmerigen Raum vor die Uhr, einer nach dem anderen, treten, in dem Verschlag zur Seite die Maske lüften und weitergehen. Jeder tat dies mit dem furchtbaren Gefühl, daß hinter der Milchglasscheibe einer in sein Gesicht sah und über sein Leben bestimmte. Dies geschah so, daß der Mann, der nach Whisky fragte, einen Brief abgab, der in der Regel nur einen aus einer Zeitung gerissenen Wisch enthielt. In den kurzen Nachrichten der Journale sind in trockener Form die ungeheuerlichsten Dramen enthalten.
Der Fall, der diese Geschichte mit England und einem ereignisvollen Teile der Geschichte Asiens verknüpft, hatte ein schauderhaftes Aufsehen unter den Mitgliedern gemacht. Ihr unverbrüchliches Schweigen bewies, daß sie zitterten vor Erregung. Die ersten Dreißig waren ergebnislos passiert. Da blitzte ein weißes Licht und rollte in einen Ausschnitt der Uhr, daneben glomm in dem Schalter auf der Platte der Name George Good auf. Bei dem zweiundvierzigsten wiederholte sich eine Linie tiefer dasselbe. Der Name hieß nur: Capt. Pound.
Diese Uhr trug übrigens an der Seite ein Verzeichnis aller Namen des Clubs, hinter denen in einem breiten Feld ebenfalls kleine Glasgitter von verschiedenen Farben glühten. Dieses Verzeichnis konnte mit Auszeichnungen im Team gedeutet werden,es betraf aber die Frage, ob diese Leute sich im Spiel mit den Gesetzen berühmt gemacht hatten, ob sie unterlegen waren oder ob sie wegen Verräterei aus der Welt geschafft werden mußten. Das gelbe Licht war Verrat, das rote Verdacht, das weiße bezeichnete besonderen Ruhm, das grüne war der Durchschnitt, das schwarze das Todeszeichen. Dieses Register war für den, der es studierte, von den Schauern des Furchtbaren umweht, ein erschreckendes Thermometer jener Leidenschaften, die sich unterwarfen, um sich auszutoben. Bei besonderen Anlässen war dieses Register verhüllt.
Hinter den Namen Good und Capt. Pound glänzten die Scheiben grün, das Signal, daß, nachdem die Auszeichnung auf sie gefallen war, ihre Tätigkeit begann, die nunmehr neutral beurteilt ward. Jede Leistung begann auf diese Weise, aber keiner vermochte zu sagen, mit welcher dieser erschreckenden Farben sie aufhörte, weil noch verfehmter als das Mißlingen jene Untreue gerächt ward, die das Ziel aufgab oder dem Sinn des Auftrags sich entgegenstellte. Diese letzte Frage war diejenige, welche den Bann tödlich machte, der die Männer vereinte, weil sie mit letzter Raffiniertheit das Schicksal herausforderte, jenes Schicksal, das mit Vorliebe in menschliche Handlungen eingreift und sowohl ihre Kurve als auch ihren Sinn ins Gegenteil verkehrt.
Man muß gestehen, daß diese Vorkehrungen mit höllischer Genauigkeit getroffen waren. Nachdem die beiden Namen bekannt waren, gingen die Männer auf verschiedenen Ausgängen auseinander. Beim Curling hätte jeder sich eher die Zunge abgebissen, als daß er ein Wort über diese Dinge von sich gegeben hätte. Es versteht sich, daß das Geheimnisvolle halb gewesen wäre, wenn man es mit einer Silbe erwähnt hätte. Die Sitte des Verschweigensgestattet, das Ungeheuerlichste zu erleben. Es gibt keine Verschwörung, wenn man ihr die grauenhafte Größe nimmt, indem man davon spricht.
Am folgenden und den drei nächsten Tagen wurden an allen Börsen eine Masse Aktien der Nord W. L. Schiffahrtsgesellschaft gekauft. Der Agent, der das Paket erworben hatte, gab den telephonischen Auftrag zum Kauf von zwei Fabriken, in der einen wurden gewisse Sorten Edelstahl gewalzt, in der anderen wurden die Platten zu verschiedenen Zwecken zusammengesetzt. Am folgenden Tage erhielten die beiden Unterleiter des Direktoriums der Schiffahrtsgesellschaft einen seltsamen Besuch. Besuche verrückter Art sind in Amerika häufig, man schützt sich davor, indem man Leute in die Besuchszimmer der Direktoren setzt, die nicht die Direktoren sind, sie aber scheinen und in Haltung und Überlegenheit nachahmen, um die Besucher auszuforschen. Diese Täuschung ist eine der geringsten, welche die Handelswelt seit der Erfindung der alles zertrümmernden Trusts gegen die Menschheit vornimmt. Sie hat den Vorteil, daß von den großen Betrügern die kleinen entlarvt und die Narren beseitigt werden.
„Halloooo meine Herren,“ sagte Capt. Pound, der ein Stelzbein hatte, „ich besitze dieses Paket Aktien. Die Nummern finden Sie hier eingetragen. Hier ist die Bescheinigung des Notars. Die Mäntel liegen bei Hallgarten. Telephonieren Sie.“ Die Klerks blieben rührungslos, sie schienen aus Wachs, wie man es in Läden für Konfektion sieht. „Und was,“ sagte einer, aber es war nicht zu erkennen, welcher, „hat dieses Ihr Eigentum mit Ihren Wünschen zu tun?“
Sie sahen gar nicht auf die Papiere, die Pound auf den Tisch geworfen hatte. „Dies,“ sagte Capt. Pound, ohne im geringstenauf die beiden zu achten, „sind Beurkundungen, daß ich Besitzer der Rollway-Fabriken bin. Hier ist der Kaufvertrag. Hier die beeidigte Beglaubigung. Hier die letzte Bilanzabschrift des Unternehmens.“ Und er warf sie auf den Tisch. „Und,“ sagte einer der beiden Wachsmänner, die vermuteten, er wolle seinem Geschrei nach das Personal aus dem Hause treiben, „welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen den beiden abgegebenen Erklärungen?“ „Darüber,“ sagte Capt. Pound, „werde ich mit dem sprechen, der am Ende dieses Gegenstandes sitzt,“ und er schlug mit dem Stock auf einen großen Kautschukbecher, der die Gespräche aufnahm, und wandte sich einer dichtwattierten Tür zu, die sich von selbst vor diesem unerschrockenen Besucher öffnete.
Den Tag darauf begannen Arbeiter der Rollway-Fabriken den Einbau einer unerhört gesicherten Stahlkabine in den Dampfer „Leviathan“. Ein Mann mit Stelzbein kontrollierte. Die Arbeit mußte in fünf Tagen beendet sein, sie war es nach viereinhalb, weil Pounds Anwesenheit zauberhaft wirkte, er verstand mehr von dem Geschäft als seine Ingenieure. Außerdem ließ er nachts arbeiten. Der geheimnisvolle Mann ließ die Arbeiter dauernd wechseln und übertrug jedem nur einen geringen Teil der Beschäftigung, auf diese Weise übersahen sie in der Tat in keiner Weise, was sie arbeiteten.
Dieser Mann, der sie beaufsichtigte, machte auf alle den fürchterlichsten Eindruck. Dieser Capt. hatte in einem Krieg, den einige Jahre vorher seine Nation mit Spanien geführt hatte, sein Bein verloren. Obwohl niemand heute die Tatsache für möglich halten wird, daß eine edelmütige Nation wie die amerikanische mit dem friedlichsten Volk der Welt in kriegerische Verwicklungen kommen konnte, da man vergißt, daß die kubanischen Erze dieWirtschaftskapitäne beider Länder wie die Irrsinnigen lockte, trotzdem schoß eine der damals noch kindlich primitiven Kugeln eines kleinkalibrigen Geschützes ihm in das Knie, fetzte den unteren Teil ab und Capt. Pound sah sein Bein ins Wasser fallen. Einer seiner Leute holte es wieder heraus. Er ließ es präparieren und führte es zu jeder Zeit mit sich. Man hätte diesen eleganten Mann für einen Professionel im Boxen gehalten, er war Ende der Dreißig, hatte das Gesicht eines quadratischen Orang und eine furchtbare Stimme.
Was jetzt geschah, ist aufs äußerste geheimnisvoll. Das Schiff fuhr nach Beendigung der Arbeiten ab, durchfuhr eine Reihe von Tagen das Meer und kreuzte einen Tag an einem Teil der chinesischen Küste. Die Nacht erhielt es Signale und einen Lotsen und botete die meisten Leute aus. Die Europäer und Amerikaner standen neugierig auf dem Verdeck und betrachteten in der Morgendämmerung eine grauenhafte Szene. Sie sahen einen Kilometer lang eine Treppe gegen das Meer herunterkommen, die sich oben in einer Wolke verlor. Sie schien aus dem Himmel förmlich herabzufallen, was noch geheimnisvoller dadurch war, daß die Sonne vom Meer her das ganze Bild grell beleuchtete.
Zuerst rannten einige Tiere, die man als Kamele erkannte, auf den Stufen herunter. Es waren vier Tiere, von denen zwei stürzten und mit zertrümmerten Knochen von Stufe zu Stufe herabglitten. Dann kamen Stelzenläufer. Die paar Mann an Bord rissen die Augen auf und lachten über die possierlichen Sprünge. Hinter ihnen her kam ein Trupp, der die Treppenknäufe besetzte. Ihnen auf dem Fuß folgte eine Kompagnie mit Fahnen an sehr hohen Stangen. Hinter diesem Trupp, der übrigens von einer herabrennenden Schar Musikleute begleitet war, kam ein Kamel, das sehr langsam geführt wurde und ein Zelt auf dem Rücken trug.Die Leute, welche Ferngläser besaßen, konnten dann Falkenträger mit ihren Tieren erkennen, zwei bronzene Löwen, die getragen wurden, Fächerträger und einige Leute, die sehr breite, kurze Banner hielten. Es schien sich eine große Zeremonie zu entfalten, aber man vermochte nicht zu erkennen, wozu.
Es folgte offenbar in einem Wall von Speerträgern ein rotausgeschlagener kleiner, fast ovaler Sarg, dahinter ein Heer von Papageien und Reihern, die fürchterlich schrien. Dahinter liefen Leute die Treppe herunter, die mit Bällen jonglierten, unter ihnen bewegten sich andere, die Goldfischgläser mit eiserner Ruhe trugen, davor ein majestätischer gelber Sonnenschirm, unter dem sich niemand befand, zuletzt eine ebenfalls leere Sänfte. Die Treppe führte direkt ins Meer, verbreiterte sich aber bei der Mündung in eine riesenhaft mit breiten Stufen herabkommende Terrasse.
An diesem untersten Teil der Stufe hielt eine Motorbarkasse des „Leviathan“. Nun traten, während sichtlich verhandelt wurde, ein Teil der angeschwollenen Menge, die sich vermischt hatte, zurück, und endlich wurde der kleine Sarg mit einem Dutzend Begleiter in die Barkasse übernommen, die sofort abfuhr. In diesem Augenblick fingen sämtliche Menschen, die die Treppe hinuntergezogen waren, an sie in einer entsetzlichen Flucht hinaufzurennen und man hörte in der Ferne ein Signal von Hörnern, die abwechselnd weich und lang und dazwischen scharf geblasen wurden. Dieser Vorgang war ungewöhnlich, in seiner Eile verwirrend, das Schreckliche daran bestand in der Atmosphäre der Unheimlichkeit, die er ohne Grund hinterließ.
Diese wurde aufs Furchtbarste erhöht. Es waren drei Personen übrig geblieben, die nun etwa zwanzig Stufen herabstiegen,bis sie links und rechts auf die Brüstung kamen, die schon über dem Wasser hing. An dieser Stelle erschossen sie sich und stürzten in das Meer. Der letzte trat bis an die unterste Stufe, setzte sich und schnitt sich den Leib auf. Er schnitt, nachdem er die Kleider bei Seite geschoben hatte, eine lange langsame Linie, die Eingeweide fielen ins Meer, er stürzte zurück und blieb liegen. „By Jove,“ sagte ein Mann am Reeling „er hat keinen Jonny Rumford, der sie ihm herausholt wie das Bein von Capt. Pound“. Der Matrose drehte sich um und bemerkte, daß Capt. Pound nicht anwesend war. Auf diesen Mann konnte sich Capt. Pound wie auf das Sakrament verlassen, er hatte jedoch, obwohl er in Kuba neben ihm gefochten hatte, vermieden, ihn von seiner Abwesenheit zu benachrichtigen. In diesen Augenblicken, die zwischen Grauen und Verständnislosigkeit schwanken, ist der Anblick eines verdutzten Gesichts eine wundervolle Rettung für den Verstand. Die Matrosen lachten, sie wieherten vor Vergnügen. Im selben Augenblick legte die Barkasse an.
Durch ein Signal wurde das Deck geleert. Die Leute, die heraufgestiegen, erblickte kein Auge. Sie nahmen Besitz von einem Teil des Schiffs, der nicht zugänglich war.
Das Geheimnis dieser Vorgänge ist völlig banal. Man wird es heute weniger verstehen, daß es Aufsehen machte als morgen und die Bedeutung, die man ihm beilegte, damit verstehen, daß in diesen Jahren der Untergang eines Eisbergs durch ein Schiff, das mit ihm zusammenstieß, die wahrscheinliche Ermordung einer Mutter durch die rothaarige Frau Steinheil in Paris oder die Flucht einer sächsischen Prinzessin mit einem italienischen Walzerkomponisten sensationelle Geschehnisse waren, die den Atem der Gesellschaft für Monate gepreßt hielten. Das Geheimnis, das nach Jahrennoch nicht gelöst ward, hätten zwei Menschen leicht entschleiern können.
Der erste war natürlich Capt. Pound, der am Abend an Land gegangen, die Verhandlungen mit den Leuten über jener Treppe geführt hatte und sich daraufhin verabschiedet und mit einem Auto nach der nächsten Station hatte bringen lassen. Man war der Ansicht, daß er nach Peking fahren wolle. Der hühnenhafte Stelzfuß war drei Stunden am Strand zurückgelaufen und in der Nähe der Treppe trotz seinem Holzzusatz am rechten Bein nach dem Schiff zurückgeschwommen. Er hatte ungesehen seine Kajüte erreicht.
Hier nahm er ein Musterwerk der Mechanik vor, indem er eine Wand über seinem Bett öffnete, in einen Korridor geriet, von diesem in eine Stahlkabine, die allerdings nicht hoch genug war, um darin stehen zu können, dafür ein Ruhebett besaß, das sie in fünfundvierzig Grad diagonal durchschnitt. Der übrige Raum dieser Kabine war aufs verständigste ausgenutzt, um Lebensmittel, Wasser und Zigaretten unterzubringen. Der Mann hatte die Klappen hinter sich geschlossen, untersuchte die Nietungen, brummte, untersuchte die Nietungen an der anderen Seite der Kabine und nahm befriedigt Platz: „Diese Fabrik,“ sagte er, „fertigt die anständigste Präzisionsarbeit der Welt. Es lohnt sich, eine Zeitlang schräg zur Erde sich aufzuhalten. Im übrigen werde ich sie behalten, denn sie scheint ausbaubar zu sein.“
Dann erst sah er in einen Apparat, der einem Stereoskop glich. Es war der Beginn eines Scherenfernrohrs. Er vermochte durch zwei winzige Löcher, die der Ventilation dienten, von der Decke der Kabine, die er hatte einbauen lassen, diesen ganzenRaum zu übersehen. Er befand sich durch fünfzig Zentimeter besten Stahl getrennt neben dieser Kabine.
Diese wurde am Morgen geöffnet, einige Leute betraten sie und untersuchten zwei Stunden lang. Sie benutzten dazu nicht nur Instrumente, sondern auch die Zunge, um geheime Ritzen zu erkennen. Capt. Pound, der offenbar wie auf die Auferstehung auf die Zuverlässigkeit der Mechanik vertraute, konnte es nicht unterlassen, während dieser Zeit Zigaretten zu rauchen. Der tollkühne Bursche hatte die Frechheit der Abenteurer, die jeden Einsatz auf der höchsten Quote spielen, ähnlich den Seiltänzern eines verschwundenen Jahrhunderts, die lieber zwischen Kirchtürmen, als in mittlerer Höhe und mit einem Netz geschützt laufen. Es gibt eine Berufsehre, die den Militärs mit den Verbrechern gemeinsam ist und die beide veranlaßt, mit der möglichsten Kühnheit zu leben.
Als die Untersuchungen abgeschlossen waren, wurde mitten in dem Raum, der vorher mit Blendlaternen übertaghell erleuchtet war, der Sarg, offen, aufgestellt, worauf der Raum in einem leichten grünen Licht schwamm. Daraufhin wurde die große Stahltür geschlossen und man konnte eine Scheibe aus meterdickem Glas darin beobachten, die trotzdem durchsichtig genug war, den Raum zu kontrollieren. Die Leute, die diesen Transport zu erledigen hatten, hatten scheinbar die Tür plombiert und mit Wachen umzingelt, denn das Schiff begann sich zu bewegen.
„Capt. Pound,“ sagte der Matrose Jonny Rumford, „ist nicht zurückgekehrt. Er wird seine Gründe haben. Wir sind nicht allein. Sein Bein ist da.“ Er ahnte nicht, daß Pound seine Ruhe, die er vor Kuba behalten hatte, als er ihm sein Bein überreichte,verloren hatte. Capt. Pound hatte damals, obwohl er vor Schmerz weiß geworden war, gesagt: „Das nächstemal deines, Junge, ich werde es dir bringen.“ Capt. Pound starrte wie ein aufgeregter Verrückter in das Fernrohr. In dem offenen kleinen Sarg lag jene schauerliche Sache, die diesen Mann in seinem kleinen Käfig fast ersticken ließ, und deren Anziehungskraft stark genug war, ein junges Mädchen aus einem völlig vortrefflichen Dasein in das Verbrechen hineinzujagen, dem sie ebenso überlegen war wie den Tugenden.
Der zweite Mann, der das Geheimnis kannte, aber gelächelt hätte, wenn dieses Wort an sein Ohr gedrungen wäre, bedarf einer Minute Pause, um ihn einzuführen, weil die Literatur seinen Namen mit jenem Pomp behängt hat, den armselige Skribenten anwenden, wenn ihnen ein Begriff die Mühe ersetzen soll, einen Menschen darzustellen, dessen Schilderung sie nicht gewachsen sind. Eine gute Literatur tut gut daran, einen Menschen so zu bringen, daß man seine Stellung nicht kennt, denn die unbegabten Schriftsteller haben um gewisse Sachen einen Lärm gemacht, daß die Leser unter dem Namen schon Vorstellungen empfangen, die die erlesenste Schilderung nicht mehr beseitigen kann. Diese schlechten Zauberkünstler haben es fertig gebracht, daß ein Feldherr etwas Vollendetes erscheint und unmöglich pucklig und feig geglaubt wird, daß ein Flieger schlank und kühl sich vorgestellt wird, während das in der Regel neurasthenische Affen sind, daß man eine französische Frau kokett und eine englische langweilig findet, während die einen nur natürlich, die anderen höchst amüsant sind. Diese Schriftsteller haben es in hunderten von Fällen fertig gebracht, daß man sich entschuldigen muß, eine Illusion zu zerstören, die im Grunde nichts wie eine Bequemlichkeit unfähiger Leute war.
Die Kunst des Schreibens besteht in vielem darin, daß, wenn etwa von einer Wendeltreppe die Rede ist, der Leser nicht begeistert mit dem Zeigefinger eine Spirale in die Luft haut, sondern sprachlos vernimmt und glaubt, daß sie viereckig ist. In der Tat ist schon bei den Ägyptern eine Wendeltreppe stets ein im Grunde quadratischer Aufbau gewesen, und die Römer sind ihnen darin ebenso gefolgt wie die Früh-Germanen und Juden.
Diese Person ohne Zweifel, die der Anlaß einer immer schneller dem Ende sich nähernden Geschichte ist, ist von berückender Schlichtheit. Sie hatte das Unglück, eine Kette, die nicht den geringsten Wert besitzt, da sie keiner der bekannten Edel- oder Halbedelstein-Arten zugehört, zu zerreißen. Diese Person hatte Gründe, die nicht verheimlicht werden sollten, diese Kette in Europa reparieren zu lassen.
Diese Zusammenhänge sind von kläglicher Einfältigkeit. Würde ich Sie fragen, wie Sie sich den chinesischen Kaiser vorstellten, würden Sie ihn dick und würdevoll, offenbar mit der Unbequemlichkeit einer Krone, eines Szepters und eines Baldachins vorstellen und damit eine beklagenswerte Dummheit der Zivilisation vollziehen. Das in der Tat Wunderbare ereignet sich allerdings sekündlich in aller Öffentlichkeit dieses mechanisierten Zeitalters, ohne beachtet zu werden. Man hat sich jedoch, wahrscheinlich als Entschuldigung für soviel Blindheit einige phantastische Vorstellungen aufgebahrt, an denen nicht gerüttelt wird. Man begeht in fröhlicher Laune die Vergewaltigung, Menschen und Vorgänge, die unter den wirtschaftlichen Gesetzen der modernen Zeit stehen wie wir auch, zu geheimnisvollen, fast göttlicher Einwirkung fähigen Sachen zurechtzudenken.
Diese Kritik an der Zeit wäre im Munde eines Räsoneurs in der Tat voll großer Möglichkeiten. Diese Geschichte ist nicht im Stile Diderots geschrieben, sondern in einem verbrecherisch stoßenden Wagen erzählt und handelt von Halunken, deren Tempo und Technik auch die Erzählung anzunehmen hat. Dieser junge, elegante Mann also, dessen Stirn ein großes Nachdenken gefaltet, eine noch tiefere Weisheit aber wieder geglättet hat, der in dieser Nacht im Auto ankam und am Morgen auf dem Meer den „Leviathan,“ auf der anderen Seite des Hügels einen Garten mit Springbrunnen, kleinen Kindern und Pelikanen beobachtete, wäre ohne Zweifel zusammengestürzt unter der Welle von Reflexionen, zu denen selbst Schiller und Moliere ihren Teil gegeben haben, wenn er unter jenem Titel vorgeführt worden wäre, dessen Machtvorstellungen ihn einfach zertrümmert hätten.
Dieser junge Mann, den jene Wolke nebst seinem Haus den Blicken Jonny Rumfords und seiner Kameraden entzog, war in der peinlichen Lage, vor einer der Legenden zu fliehen, die die Stütze eines Staates und der Dynastie, aber den Beteiligten ein Stachelbett der Unbequemlichkeiten sind. Er versuchte sich eines Wunders zu entledigen, dessen Tatsache die Leute so verrückt zu machen schien, daß sie es in der Tat erlebten. Jene zerrissene Kette, die unter Pounds Kontrolle auf dem Meer schwamm, sollte eine Kraft haben, die einer vertausendfachten Leidenschaft glich, das heißt, wer sie sah, ward von der Begierde angefallen, sie zu besitzen.
Diese Albernheit, die einer Anzahl Menschen, welche die Tradition lieben, zum Verhängnis und Tod gedieh, veranlaßte den klügeren Besitzer, sie aus dem Lande zu bringen, bis er den Gerüchten der Masse das Gerücht entgegensetzen konnte,sie sei in der Tat wieder vollendet zurückgekehrt. Man mußte sich einer Legende bedienen um eine Legende zu parieren ebenso, wie Achilleus sich in ein Löwenfell wickeln ließ, um einen Löwen zu erwürgen. Es ist bezeichnend für die Dummheit der Menschen, daß selbst Leute von der überlegenen Klugheit Europas, die dieses Metier der gutwilligen Fälschung in Kriegen und Revolutionen brillant verstanden, auf den Leim eines Wunders gingen, von dem der Urheber sich halb ärgerlich gerade befreit, der Urheber, den man als Kaiser vorzustellen freilich ohne diese Vorbereitung nicht den Mut besitzen konnte. In diesem Sinne waren selbst jene Menschen, die ihr Leben einsetzten um dieser banalen Sache willen, vollkommen Betrogene, aber es ist zu ihrer Erläuterung zu sagen, daß die Ziele eines Herzens in dieser Welt nicht wichtig sind, die Erlebnisse des Herzens aber ungeheuer gewogen werden.
Bald darauf, vor Genua, kam Lady Grace an Bord. Das Telegramm des Foreign Office hätte ihr die gepflegteste Aufmerksamkeit gesichert, wenn man sie ihr nicht von selbst gewidmet hätte. „Gehen Sie,“ sagte sie, als sie das Schiff betrat, zu Sir Davis, der ihren schwarzen Shawl auf dem Arm hatte „und erzählen Sie mir beim Lunch, was Sie mir bieten wollen auf diesem Floß, auf das Sie mich geschleppt haben.“
„Sie ist sechsundzwanzig,“ sagte Sir Davis zu dem Kapitän, der von ihrem Lächeln nicht rasch genug entzückt war, „aber sie besitzt die Linie von achtzehn und den Verstand von fünfunddreißig, wo er gerade groß genug ist, auch vom Genuß noch ein paar Jahre etwas zu haben.“
„Wir,“ sagte der Kapitän, der jenen amerikanischen Typ Männlichkeit verkörperte, der halb weibisch, halb mulattisch wirkt, und steckte die Hände in die Manschetten, „wir, die zehn Monatedes Jahres unter Männern und auf dem Wasser sind, haben, wie mir scheint, die gleichen Ideen wie die Herren vom Land.“
Er salutierte und dachte dabei an Ritch. Er fand Grace zu mager. Mit der Geschicklichkeit der Leute, die das für sie Unerreichbare aus ihrem Geschmack ausschalten, hatte er infolge ihrer runden Formen die Javanerin, die ein hübsches Tuch als Turban trug, bereits in sein Herz geschlossen. Sir Davis konnte Grace von dem Geheimnis erzählen, über welches das Schiff munkelte. Ritch erhielt gewisse Befehle. Der Kapitän widerstand der Neugier einer so hochstehenden Dame. Der chinesische Sekretär vermochte in der Angehörigen eines der höchsten englischen Beamten keine Feindin seiner Aufgabe zu sehen. Auf diese Weise erblickte Lady Grace die Kette durch das Glas.
Capt. Pound kam in die Lage, durch sein Scherenfernrohr zum erstenmal eine beispiellos schöne Frau zu sehen, die die Kette besichtigte. Er sah dieses Gesicht öfters und es prägte sich ihm ein. Pound empfand einen Haß gegen dieses Gesicht, das sich mit seinen meerblauen Augen an die Kette festsaugte und von dem er bemerkte, daß es zitterte. Es bebte nicht mit den Nerven oder mit den Augen, es zitterte mit der ganzen Gewalt einer Gefangenheit, die hinter einem kühlen Gesicht sich bäumt. „Ich gehe meine Bären füttern,“ sagte sie im Scherz, wenn sie hinunterschlüpfte. In der Tat, sie hatte etwas von der Leidenschaft der Dompteusen, die ihre Macht über die Tiere genießen und dabei selbst etwas von der Grazie und der Gefährlichkeit ihrer Tiere angenommen haben.
Sie hatte die blitzhafte Kraft in der Wirkung ihrer Erscheinung beibehalten, aber es war ein wenig von der geheimnisvollen Gefahr der Steine auf ihr Gesicht getreten. Ihre Anmut schien voll tödlicherSchrecken, ihre Gefahr aber war ihre Anmut. Lachend verwöhnte sie die Wärter mit Früchten und Zigaretten. Die kleinen Chinesen aßen ihr aus der Hand wie einem Wärter die Katzen. Vor Marseille gab sie ihnen Opiumzigaretten, sie wirkten nicht und sie mußte das Experiment vertagen. Inzwischen hatte Ritch eingesehen, daß der Kapitän gewisse Eigenschaften, die ihn auszeichnen müßten, ebensowenig besaß als Schlüssel.
„Dieses Glas,“ sagte Sir Davis eines Tages vor der Stahlkabine, „muß eine luftleere Füllung besitzen, sonst wäre das Gestein nicht zu sehen.“ „Zehn Jahre auf dem Ozean,“ sagte der Kapitän, „und es interessiert Sie nichts mehr als eine Frau.“ „Aber,“ sagte Sir Davis, „deshalb vermag doch ein gewisses Quantum Luftleere zwischen dem Glas sich zu befinden“. „Möglich,“ erwiderte der Kapitän und nahm eine Pfeife in den Mund und pfiff, „ich kümmre mich nicht darum.“ Diese Hoffnung ging für Grace verloren. Ritch verschaffte ihr aus dem Zimmer des Sekretärs den Schlüssel, nachdem sie ihn narkotisiert hatte. Man war vor Lissabon, die Wärter hatten ein Mittel im Bauch, das sie wie Klötze liegen ließ. Der Dampfer hatte schon angelegt und sollte am nächsten Tag nach Rotterdam fahren.
Das Mädchen trug einen schwarzen Ledermantel mit einer ähnlichen Mütze. Als sie den Schlüssel umdrehte, der nach einer besonderen Weisung gedreht werden mußte, brach er ab. In dem gleichen Augenblick sah sie einen furchtbar aussehenden Mann eine Tür aus der gegenüberliegenden Wand herausdrücken und sich blitzschnell nach dem kleinen rot ausgeschlagenen Sarg hin bewegen. Ehe er zugriff, schoß Lady Grace einmal in das Glas. Es war nicht luftleer gefüllt und die Kugel prallte ab. Den zweitenSchuß gab sie in das Schloß, die Kugel drang ein, blieb aber stecken.
Zwischen den beiden Schüssen sah sie plötzlich von der Decke einen Matrosen herabstürzen. Dieser Mann war ohne Zweifel schön und bei anderer Zeit hätte man ihn bewundert. Er hatte eine klare weiße, fast zu hohe Stirn, was seinem Kopf eine Bedeutung gab, die etwas zu stark war für die banale Schönheit seiner Mund- und Augenpartien. Die Nase war nicht gerade edel, aber stolz genug, die übrigen Gesichtsfehler zu beherrschen und einheitlich zu machen. Seine blauschwarzen Haare setzten mit einem Halbbogen wie bei Jüdinnen an und waren tief und lang zurückgestrichen. Dieser Mann, der eine Spur zu gewandt war, um nicht weichlich zu wirken, griff nach der Kette. Es war zweifellos, daß er kein Matrose war.
Capt. Pound rollte die Augen, als ob er sterben wolle. Dieser Mann war George Good, sein Partner, der ihm die Beute abjagte und den er nicht berühren durfte, solange dieser nicht einen Verrat beging. In diesem Augenblick, den ihre Pupillen sich ineinanderbissen, griffen beide nach der Kette, es ward dunkel. Man stürzte auf die Schüsse herbei. Da man den Eingang durch die Kugel versperrt fand, mußte die halb wahnsinnige Grace den Eingang von der anderen Seite erklären. Man fand, wie sie gesagt hatte, durch Capt. Pounds ehemalige Kabine keinen Eingang, kam jedoch durch ein Loch über den Schornstein herein.
Ein Mann, der tagelang mit einer Rauchmaske gearbeitet haben mußte, hatte mit einer Unmenge Säure den Stahl zerstört. Im Innern fand man die Mechanik der Klapptüre, aber man kam nicht weiter, da die Öffnung nach dem Korridor und PoundsKabine nur durch ein seltsames System von Druck- und Klopfbewegungen herzustellen war. Die beiden Männer mußten durch den Schornstein geflohen sein. Mittlerweile hatte Lady Grace jene Kälte angenommen, die unbegreiflich ist, wenn man sie vorher kannte. „Laternen“ schrie sie sofort, während die anderen noch untersuchten, Davis ins Ohr.
„Sechsundzwanzig Jahre,“ flüsterte der alte Seigneur, als er die Blendlaternen rollen ließ, „aber das Genie eines Feldherrn.“ Sie entdeckten zwei Boote und folgten mit einem der kleinen Motore, die heruntergelassen waren. An der im glatten Hafenwasser noch stehenden Furche sahen sie, daß sie einen Motor vor sich hatten. Auf der Verfolgung hörten sie Ruderschläge. Sir Davis, der einen Scheinwerfer bediente, richtete ihn nach der Seite. Sie hatten zwei Matrosen bei sich und schossen durch ein Gewirr von Dampfern. Die Ruderschläge gingen nach der Seite und sie sahen einen Kahn, der, von einem Tollen gerudert, gerade an einem Segler anlegte. Sie schossen hinüber.
Bei ihrer Ankunft hatte der Mann sich an Bord begeben; indem er einen ganz unglaublichen Sprung, aufs Ruder gestützt, gemacht und ein Tau erreicht hatte. In diesem Moment zog einer der Matrosen Lady Grace bei Seite, bekreuzigte sich und hob den Daumen in die Höhe. Sie erkannten am Wimpel, daß das Schiff die Pest und das gelbe Fieber hatte. Sie hatten sich dem Quarantäne-Schiff genähert. Grace war außer sich. Sie warfen den Motor herum, fanden die Spur des anderen und folgten, sie sahen das Motorboot lediglich an einer Mole treiben. Als der Matrose auf das Fieberschiff sich schwang, hatte Lady Grace ihn erkannt. „Photographiere“ zischte sie und Ritch faßte ihn mit einer wunderbaren Magnesiumflamme.
Der eine Matrose hatte ihn ebenfalls erkannt. „Capt. Pound,“ sagte er zu sich, „war an Bord. Wir waren nicht allein. By Jove, er hat bestimmt, auch wenn es das erstemal ist seit Cuba, Gründe, sein Bein zurückzulassen.“ Er täuschte sich. Es war vielleicht der verrückteste Erfolg, den Pound in seinem Leben hatte, als er sich mit seinem Bein unterm Arm auf das Fieberschiff schwang, das er vor Wochen nicht verlassen durfte und von dem der unerschreckbare Bursche nach drei Tagen ans Ufer schwamm.
Lady Grace schäumte vor Wut. Dieses junge Mädchen war von der Pranke des Geheimnisses erfaßt wie ein Süchtiger von dem Mond, der ihn verzaubert. Sie zermarterte hinter der glatten ruhigen Stirn ihr Hirn, man hätte sie nach dem Namen ihrer Mutter fragen können und sie hätte mit der Antwort gezögert. Sie bebte vor Zorn, daß sie besiegt war und verstand diesen Zustand hinter einer Vernunft zu verstecken, die eigentlich Mathematik ist.
Ein junges Mädchen, das vor Leidenschaft beginnt, ihre Chancen zu berechnen, ist in der größten Gefahr, weil sie ein fürchterlicher Gegner geworden ist. Sie treibt die Waffen der Feinde zur abscheulichsten Grausamkeit. „Ich habe,“ sagte sie sich, „Ritch, die für mich zu sterben bereit ist und Mittel. Dazu zähle ich Davis. Er ist ein Gerippe, aber dieses Gerippe ist ehrgeizig auf seine Männlichkeit, darum wird er unendlich treu sein. Im übrigen werden wir sehen,“ und sie biß sich auf die Lippen mit einem Ausdruck, der hätte sagen können, sie meine das Leben ihres Vaters.
Man wird diesen Zustand der Leidenschaft nur begreifen, wenn man immer daran festhält, daß, wenn das Höllische in ein so reines Gefäß fällt, es sämtliche Kraft zu allen guten Handlungen, ja selbst die zärtesten und unausgesprochensten Gefühle zu einerunglaublichen Energie zusammenbindet. An Hand der Photographien erfuhr sie in kurzer Zeit, daß Pound in Lissabon war. In Lissabon findet man jemand, den man sucht, leichter bei Nacht als am Tag. Auf der Placa do Commercio kauft man um Mitternacht nicht nur Tänzerinnen, sondern auch Gemüse. Dies Volk der Weltentdecker hat eine bezaubernde Art, seine Vergangenheit auf den Banknoten zu verherrlichen, die sie mit einer solchen Leichtigkeit ausgeben, daß die Geschäfte genötigt sind, die ganze Stadt nachts zu illuminieren. Hier läuft, während in den Varietés Quadronen und Mestizinnen tanzen, die Hochbahn wie auf Seilen durch den Sternhimmel, die Motorräder brausen vorüber, und wer auf einem zweispännigen Wagen oder einem Auto oder Sattel sitzt, schwenkt den Hut, um die Damen auf der Avenida in ihrem Korso zu begeistern, wenn sie zu einer ihrer heißblütigen Beichten gehen, zu denen die Kirchen die ganze Nacht offen stehen.
Lady Grace vermutete, daß es leicht sei, in diesem Tollhaus die Spur eines Mannes zu entdecken, den sie berauben oder zum mindesten übertölpeln wollte. Sorge machte ihr lediglich der Gedanke an jenen Matrosen, von dem sie nicht annehmen konnte, daß er Pounds Gehilfe war, da er gezittert hatte. Auch war ihre gemeinsame Flucht diejenige von Gegnern. Sie fühlte, daß sie diesen Mann nicht genügend bei ihren Plänen bedachte.
Sie machte trotzdem den Fehler, den imposanteren Mann für den gefährlicheren Partner zu halten, in den eigentlich nur Frauen fallen, die geliebt haben. Sie bedachte nicht, daß George Good sie gesehen hatte und sie von seiner Seite beobachtete.
Good, der auf eine glänzende Weise den Capt. übertölpelt hatte, indem er auf dessen Schiff sich aller Energieaufwände Pounds bedientewie die Parasiten, die in der Gestalt von Vögeln im Mund der Krokodile Sicherheit und Nahrung haben, um damit den Capt. zu betrügen, war ohne Zweifel vorderhand der geschickteste Feind. Er war der elegantere, das heißt der klügere. Seine Weichheit erlaubte ihm, auf Brutalität zu verzichten, aber die Rohheiten seines Partners durch seine Intelligenz auszunutzen. Er war eine jener glücklichen Naturen, dem diese Abenteuer dennoch ein, wenn auch glänzendes, so dennoch begrenztes Spiel da noch blieben, wo die anderen schon Fanatiker und damit gebunden waren. George Good beobachtete noch, wo Pound schon schäumte.
Als er im Augenblick der Schüsse, die Grace abgefeuert hatte, ihr Gesicht, daß er täglich beobachtete, sah, war ihm die Leidenschaft dieser Frau noch nicht klar. Er war entfernt, eine Besessene in ihr zu sehen, aber zu intelligent, einen so ungewöhnlichen Vorgang mit einer Liebesangelegenheit zu verquicken. Da er Lissabon an dem ersten Tag nicht verlassen konnte, reizte es ihn, das Geheimnis der Frau auszukundschaften. Er ging dabei in seine eigenen Netze. An diesem Tage wurden zwei Dutzend Offiziere der Marine verhaftet und der Hafen gesperrt.
Good hatte in einem Kasino masqué beim Chemin-de-Fer-Spiel Grace gesprochen und über die Halbmaske mit ihr Worte zu wechseln versucht. Sie hatte sich umgedreht, da sie ihn nicht erkannte und mit ihrem Hochmut den Mann gereizt. Er hatte in ihrem Hotel Wohnung genommen. Es gelang ihm, eine Sekunde in ihr Zimmer einzudringen. Zu seinem Unglück sah er sofort das Bild des Capt. Pound und hielt sie für Pounds Geliebte, ohne zu ahnen, daß jeder Detektiv Lissabons dieses Bild in der Tasche trug. Er fühlte sofort, daß er Pound unterschätzt hatte, der mit solchemAufwand vorging und reiste dahin, wo man ihn am wenigsten vermuten konnte, nach Rotterdam.
Grace hatte natürlich das Fieberschiff umstellen lassen und Spitzel in der Baracke, durch welche die Gesundeten in Quarantäne gingen. Da sie Geduld noch nicht zu ihren Waffen zählen konnte, machte sie sich auf einen Einbruch in das Schiff bereit. Hier konnten ihr weder Davis noch Ritch zu Diensten sein, sie sandte sie weg. Davis hatte ohne Zweifel soviel in seinem Leben nicht flaniert. „Wenn sie,“ sagte er sich, „meine Augen ruiniert, wird sie mir gestatten müssen, sie mit den Händen zu befühlen. Praxiteles soll im Alter auf ähnliche Weise die Schönheit wahrgenommen haben.“ Im übrigen war dieser Geck bis zur Besinnungslosigkeit treu. Da sein Verstand sich vollkommen auf den Dienst bei jungen Frauen eingestellt hatte, war ihm das Bewußtsein des tieferen Sinns aller Vorgänge abhanden gekommen. Sein Verstand arbeitete wie die Vernunft der Setzer, die ein Wort aber nie einen Satz im Gedächtnis behalten. Er war vielleicht der geschickteste Detektiv, weil für ihn schließlich jeder Mann ein Konkurrent war und nur der Hahn das beste Gehör für jenes siegreiche Kikeriki eines anderen besitzt, das noch kaum angestimmt ist.
Als Grace sich zu dem furchtbaren Schritt entschloß, sich durch eine reichliche Bestechung an das Fieberschiff fahren zu lassen, erfuhr sie, daß Pound an Land sei. Eh weiteres bekannt ward, sprach erst sie dann Davis mit Good. Grace hatte ihn verachtet.
Die Maske hatte Davis eingeholt: „Diese Dame,“ sagte sie ihm ins Ohr, „könnte eine Prinzessin sein, denn sie ist sehr stolz. Vermutlich kann sie eine Bürgerin sein, denn sie setzt so hoch, wie Aristokraten es nicht tun würden, die den Reiz des Geldes schon zulange kennen, um es so unsinnig auf die Kante zu setzen. Aber ich wette, sie vermöchte auch, nachdem ich ihre Augen gesehen habe, die Geliebte eines Piraten sein, der eine Kanonenkugel von achtzehnhundertsiebzig als Kopf, einen Boxhandschuh als Herz, eine Leber an Stelle der Nase und als Charakter ein Stelzbein hat.“ „Dies erste“ erwiderte Davis ihm, „ist sie nicht, aber sie kann es jeden Tag sein. Der zweite Verdacht stellt Ihren Scharfblick so in Frage, daß man zweifeln muß, ob Sie ein Edelmann sind, so daß daher leider für die dritte infame Frage Sie von Sir Joshua Davis nicht zur Rechenschaft gezogen werden können.“ Der alte Geck benahm sich wie ein verliebter Franzose und ließ den Maskierten stehen, nachdem er sich aus Eitelkeit verraten hatte.
Zwei Stunden später war Good im Hotel. Den Tag nach ihm reiste Pound ab, der ihn beobachtete. „Vielleicht,“ sagte sich Grace, „ist auch Good hinter Pound hergefahren,“ als Ritch ihr erzählte, daß sie Good auf dem Gang in dem Moment angetroffen hatte, wo er wie durch Irrtum ihre Tür öffnete. Auch Davis erinnerte sich an den Mann, mit dem er gesprochen hatte. Diese Personen, die nach Graces Angaben suchten, hatten alle durch ihre Fehler nur das Wesen Pounds zu entziffern gesucht in dieser Stadt, die sie wie ein Karneval überfiel und Good nicht beachtet. Grace richtete sich auf beide nunmehr ein, nachdem sie eine Niederlage von demjenigen erhalten hatte, den sie verachtet hatte. Sie hatte nunmehr seine Witterung.
Sie folgte bis Rotterdam. „Welcher von beiden hat die Kette?“ fragte sie sich in zwei Nächten, die sie im Zug verbrachte. „Wer verfolgt und wer wird gejagt? Ist das ganze Arrangement gar eine Täuschung? Vielleicht führt sie ein Dritter weg, während ich hinter diesen beiden her bin? Genug,“ endete sie jedesmal mitseltsamer Gelassenheit, „sie ist da, ist geraubt, sie muß zu finden sein.“ Das hieß, daß sie an ihre Mittel und ihre Leidenschaft glaubte. Sie war derart besessen, daß sie vollkommen überlegen war.
Woher, fragt man, besaß dieses Mädchen, das vor drei Wochen die behütetste Erbin in York war, die Kenntnis dieser Welt, diese Erfahrungen, die einen Abgrund an Lastern voraussetzen, jene ungewöhnliche Sicherheit, die nur großen Kokotten oder alten Lebemännern eigen ist? Diese Frage erledigt eine Tatsache: ihr Genie. Die Tradition einer alten Familie hatte in ihr alle Fähigkeiten, der Welt gegenüber sicher zu sein, so vorbereitet, daß im Augenblick, wo sie innerlich entflammte, sie wie durch ein Geheimnis die Erfahrungen übersprang und aus dem Genie ihres Instinkts heraus alles beherrschte. Ihre Besessenheit gab ihr die Überlegenheit über die Ideen des Lasters und Verbrechens ebenso zu gebieten, wie sie es über diejenigen der Tugend und der Mädchenhaftigkeit getan hätte. Sie hatte sofort und ohne Probezeit den Schritt vom nichts zur Vollkommenheit getan.
Ungeschickterweise setzte man sie in Rotterdam auf eine falsche Spur. Es schien, als solle sie nicht aus der Eisenbahn herauskommen. Sie fuhr diesmal hinter Good her bis Warnemünde, von wo dieser nach Dänemark übersetzen sollte. Diese Nachricht kam von einem Paßbureau und zu ihrem Unglück prüfte sie sie nicht genauer. Sie verwirrte die Fäden damit ins Unendliche. Die drei Hauptspieler dieses Stückes hatten sich bereits derartig eingekreist, daß es kein Entrinnen mehr gab. Da einer immer den anderen beobachtete und mindestens vom Aufenthalt eines der drei auf dem Laufenden war, trafen sie sich stets zusammen und hingen mit unsichtbaren Ketten einer Leidenschaft aneinander, die ungeheuer war, aber deren Gefühle sich aufs schroffste unterschieden.
In der Tat reiste George Good nach Warnemünde, aber ohne Paß, und erst nach Lady Grace. Pound, der erfuhr, daß Good hinter einer Frau nach der Ostsee fuhr, erlitt einen Wutanfall. Nach der Beschreibung war kein Zweifel, daß es sich um jenes Weib handelte, das er tagelang durch sein Scherenfernrohr an dem Glas seiner Stahlkabine gesehen hatte. Er brachte es mit seinem Hereinfall zusammen und schlug die Zähne aufeinander vor Ärger. Er zweifelte nicht daran, in dieser Frau Goods Helferin und Geliebte zu sehen und war bereit, ihnen einen furchtbaren Streich zu spielen. In diesem Fall vereinte der Zufall, auf den zu setzen ein Wahnsinn, den nicht zu bedenken ein noch größerer Unsinn ist, die zwei Männer und die Frau, welche zu folgen glaubte, aber die Gejagte war. Angekommen, erreichte sie es, das Zimmer des Mannes zu sehen, hinter dem sie herzusein vermutete.
Einer jener seltsamen kleinen Zufälle, die scheinbar Beweise sind, ließ sie ein halbgeräumtes Zimmer sehen. Da die Fähre ausgeblieben war, hatte der Mann das Stations-Flugzeug genommen und sie sah dieses am Horizont noch niedergehen. Sie verfolgte das Wasserflugzeug, das eine Panne hatte, mit einem Küstenmotorboot, einem abscheulichen plumpen Kahn, der sie halb tot puffte und erreichte es, als der Passagier von einem der Hochsee-Fischerboote aufgenommen wurde, die drei Masten haben und wie eine Arabergasse stinken. Dieser Herr aber, den sie an Reeling rufen ließ, hatte nicht nötig, ihr die Gründe seiner Eile anzugeben, denn sie hatte dieses Gesicht auch im Traum noch nicht gesehen.
So kam es, daß, als sie nach Rotterdam zurückfuhr, ihr Schlafwagen die Züge kreuzte,in denen zuerst Good, dann Pound an ihr vorüber nach der Ostsee sausten.Keiner Betonung bedarf es, daß beide ihr wieder folgten. Dabei erlitt Good eine Schlappe, weilPound ihn dem Zoll denunziert hatte und ihn durch eine scharfe Kontrolle laufen ließ. Da man nichts fand, konnte er triumphieren, aber er mußte diese Visitation einer Macht zuschreiben, die ihn überwachte. Er machte hier seinen größten Fehler, denn er begann Pound zu hassen, auf dessen Geliebte er die Schuld seiner Kontrolliertheit schob, und verlor damit seine Sicherheit. Der Haß schob die beiden Spieler der Leidenschaft auf einer Ebene nah zusammen, auf der es kein Entweichen mehr gab. Als George Good am Bahnhof Muiderpoort in Amsterdam ankam, war er tief in das Netz eines Hasses geraten, der ihm nur einen Ausweg ließ, den verderblichsten. Er hatte sich mit dem Bild jener Frau, die er mit Pound dauernd zusammenbrachte, so heftig beschäftigt, daß ein Mensch von seiner Schönheit und Gewandtheit sich glühend in sie verlieben mußte. Er begehrte dieses Mädchen plötzlich mit einer Wildheit, die ihn unfähig machte, seine Klugheit anzuwenden.
Er wäre vernichtet worden durch diese Leidenschaft, wenn nicht Capt. Pound von einer anderen Leidenschaft ergriffen worden wäre, die so finster war, daß sie ihn fast erblinden ließ. Dieses Stelzbein, das noch nie geliebt hatte, war unfähig zu begreifen, daß eine Frau schließlich jeden Fehler bei Männern entschuldigt, die sie lieben. Das Leben dieses Seemanns, der ein unerschrockenes und daher kindliches Herz besaß, war auf jene Treue gestellt, die überhaupt nur auf Männer rechnet. Einen Treubruch hätte er nicht überlebt, und als eifrigster der Mitglieder des Mégroz-Clubs hätte er einen Abfall von seinen Gesetzen als ebenso toll und verabscheuungswert angesehen, wie er in einer besseren Zeit den Übergang zum Feind von einer Front zur anderen verdammt hätte.
Dieser Mann war aus dem Holz der Leute, die früher in ihre Fahne gewickelt ins Meer gesenkt wurden, welche von ihren Königenmißbraucht wurden und für die Verführer ihrer Frauen starben und die jene Dummheit der Treue besaßen, mit der die Thermopylenkämpfer starben und welche die bewundernswerteste Größe eines menschlichen Herzens ist. Für Charaktere seiner Art bedarf es Zeiten, die entweder selbst Größe besitzen oder zum mindesten nicht von jenem Geist verseucht sind, der eine Nation gescheit, aber charakterlos macht. Diese Treue und ein vortrefflich geschultes Hirn gehen nicht zusammen, weil die Erde sonst vollkommen genannt werden müßte, was sie nicht sein darf, da sie dann als glühende Gotteslästerung durch die Sphären jagen würde. Capt. Pound war überzeugt, daß George Good der Frau zuliebe, die dieser wiederum für des Capt. Geliebte hielt, das Gesetz des Clubs verrate und das machte ihn besinnungslos vor Rachgier. Auf diese Weise hatten die Gegner nichts voneinander voraus.
Ihre Leidenschaften hatten sich verschoben und damit verschärft, ja sie hatten sich zu einer Ungeheuerlichkeit entwickelt, die sie nicht mehr aufeinander jagen ließ, sondern sie zusammenpreßte auf den engsten Raum, der ihnen möglich war. Sie suchten gegenseitig ihre Gegenwart, die sie nicht mehr entbehren konnten. Das Rätsel der Kette schien für alle außer Lady Grace völlig in den Hintergrund getreten. Gewöhnlich ist jede Leidenschaft trügerisch, weil das unbekannte Gesetz, das sie beherrscht, jeden Augenblick den Sinn zu wechseln vermag. Über den Verbleib der Kette konnte es indessen nur einen Anhalt geben. Jener geheimnisvolle Unbekannte, der die Geschicke dieser Menschen zu leiten schien, war allein in der Lage, an den Färbungen seiner Uhr es abzulesen.
Lady Grace kam dem Zustand der Annäherung entgegen. Es war soweit, daß ein Zusammentreffen für alle am erfolgreichsten schien. Sie lockte die Tiere ins Haus, von denen sie hören mußte,daß sie es umschlichen. „Sir Davis,“ sagte sie und richtete einen tiefblauen Blick auf ihn, daß er nervös zu zittern anfing, „Sie erinnern sich des Mannes, mit dem Sie in Lissabon auf dem Tajoball beim Kasino über mich plauderten. Gehen Sie in das Doelenhotel. Ist er da nicht, finden Sie ihn im Flora-Varieté. Sie werden ihn finden.“
Davis fühlte die Notwendigkeit unter diesem Blick wie unter denen einer Armee sich zu halten. „Ihre sechsundzwanzig Jahre verlangen, daß ich, ehe Sie ihn sehen, ihn zur Rechenschaft ziehe. Er hat Sie beleidigt, auch wenn er eine Maske trug.“
Grace lachte und Ritch lachte mit ihr. Die Vorstellung, daß Davis fechte, war weniger komisch als die Grenadierpose, die dieser knieschwache Lebemann angenommen hatte. Da er gutmütig war, lachte er mit ihnen.
„Auf,“ sagte Grace dann, indem sie die Stirn wieder ohne Bewegung hielt, „gehen Sie und vergessen Sie Ihre Ehre. Nicht alle Leute haben darin ein so langes Gedächtnis wie Sie.“ Im Amstelroom kamen sie nach dem Theater zum Speisen. Vollkommener als Davis hätte niemand diese Zusammenkunft arrangieren können. Sie war vollendet in ihrer Zufälligkeit und brillant durch die Liebenswürdigkeit, mit der man sich voneinander versteckte.
Als Good zum Tee bei Lady Grace erschien, wurde er durch einen offenbaren Zufall in ein falsches Appartement geführt, der Sessel, in dem er Platz genommen hatte, fiel nach hinten und schraubte ihn an Händen und Füßen fest. Offenbar wurde er hinterher betäubt und untersucht. Als er zu sich kam, blickte er in das Gesicht von Ritch, das ohne Ausdruck war. Er befand sich in einem anderen Zimmer. Kurz darauf erschien Grace. Er konnte sein Mißtrauen kaum hinter seiner Gewandtheit verbergen. DieStirn dieser Frau war ohne Trübung. Sie war von einer Höflichkeit und einer Würde, die ihn bezauberten, je stärker er hinter ihnen die Einfalt eines ausgezeichneten Herzens entdeckte. Diese keusche Frau, deren Formen unnahbar waren, hätte keinen Gedanken fassen können, der nicht vollkommen war.
Als er ihre Hand zum Abschied faßte, verlor er zum erstenmal die Besinnung. Er stürzte auf seinen Stuhl zurück. Ein unerhörtes Zittern überfiel ihn, bis er die Augen fest gegen die von Grace richtete, die so hell waren wie der Himmel. Dieser aufs wildeste erschütterte Mann hatte ihre Hand am Druck erkannt. Es gibt keine narkotische Betäubung, hinter der nicht die Leidenschaft des Mannes heraus Wege in das Leben findet. Die Hände, die ihn narkotisiert hatten, waren von einer Süßigkeit und Unerbittlichkeit, daß sie ihn besinnungslos machten, als er sie im Leben umfaßte. Dieser Spieler war zum zweitenmal besinnungslos, aber von einer Wollust, die ihn bis zur Raserei durchstürmte. Es wäre ihm früher unmöglich gewesen, eine Frau sich vorzustellen, die einen Engel Philippo Lippis mit der Gestalt der Judith vereinigte. Von diesem Augenblick an war er ihr ebenso verfallen, wie sie ihn verachtete.
Die Unerbitterlichkeit dieses Mädchens für ihren Spleen war viel härter als die der Männer. In den folgenden Wochen, die den Inhalt eines Detektivjournals füllen könnten und von beispielloser Grausamkeit der Ideengänge erfüllt waren, aber langweilen würden, weil sie die Charaktere nicht deutlicher, aber ihre Taktik auch nicht klarer machen könnten, ließ sie ein Instrument bauen, das beweist, daß das Mädchen wahnsinnig oder vollkommen verändert war. Sie ließ es in ein Landhaus bringen, das Davis gemietet hatte, und welches ein großer Garten umschloß. Es lag weit genug ab voneiner Straße, um isoliert zu sein, ohne aus den Parkavenuen herauszufallen. Die Räume, die Capt. Pound und Good bewohnten, hatte sie mittlerweile verschiedentlich untersuchen lassen. Sie hatte eine kleine Armee von Verbrechern im Dienst, die teilweise für sie rekognoszierten oder sie schützten. Es war fast ein Sport, bei sich einbrechen zu lassen, um den anderen eine Falle zu stellen.
In der Tat hatte Grace versucht, Good nicht mehr zu sehen, sie konnte ihn jedoch nicht vermeiden. An diesem Gletscher von einer Frau geriet der Junge in eine Glut, die ihn wie einen Verrückten herumrennen ließ. Er schien an manchen Tagen geistesabwesend, wenn er nicht gemurmelt hätte wie ein Shakespearischer Narr. Dies waren Beweisstücke für Capt. Pound, daß George Good ein Verräter war. Was ihn veranlaßte, der jungen Engländerin in die Falle zu gehen, war, daß Good plötzlich völlig verschwand. Es war Pound unmöglich, ein Lebenszeichen von ihm zu erhalten.
Das hing damit zusammen, daß George Good an einer Melancholie erkrankt war, die das äußere Zeichen eines furchtbaren Kampfes ist. Er begann zertrümmert zu werden unter der Neigung zu Grace, der sich seine Männlichkeit entgegenstellte, die sich an die Gesetze des Clubs klammerte, welche ihm allerdings einfältig erscheinen mußten, wo er wirklich liebte.
Er war dieser Frau so verfallen, daß er förmlich unter dieser Neigung zerfiel. „Darf ich Sie,“ sagte Sir Davis bei Tisch zu ihm, „junger Mann darauf aufmerksam machen, daß man das Äußere an den Austern in England entfernt.“ Good starrte den nackten Vogelschädel so geistesabwesend an, daß alle lachten. Good, der nichts verstanden hatte, faßte sich und sagte mit bewundernswertem Instinkt: „Well Sir. Doch sagte man, der Kondor lasse sie auf dieFelsen fallen, um sie nur öffnen zu können,“ und warf einen eisernen Blick auf Grace, die bei dem Wort Kondor lächelte.
Hier vermochte Sir Davis ein Lächeln nicht zu verbergen: „Dies,“ sagte er und senkte den trockenen Diplomatenkopf, „ist in der Tat wahr. Zehntausend Dollars dem Kater, der das gleiche vermöchte.“ Bei dieser Antwort wurde Good fahl und fiel vom Stuhl. Den Armen hätte seine Leidenschaft fast zum zweitenmal getötet.