Andrew Carnegie.
Wenn man mich fragte: »Wer war der tüchtigste, großmütigste, originellste und unabhängigste Mann der Welt?«, müßte ich antworten: »Andrew Carnegie.«
Er wäre auch der reichste Mann gewesen, hätte er nicht sechzig Millionen Pfund verschenkt.
Sein Leben lang war
Carnegies Motto: »Mehr!«
Er erwarb mehr — verschenkte mehr — tat mehr als irgendein anderer, vielleicht mit Ausnahme von Rockefeller.
Carnegie wurde im Jahre 1835 in einer kleinen Hütte in Schottland geboren.
Sein Vater war ein Weber — arm und unzufrieden —, eine Art lokaler Arbeiterführer.
Als er ein kleiner Junge von zehn Jahren war, sparte er vier Schilling sechs Pence und kaufte eine halbe Kiste Orangen. Mit diesen ging er von Tor zu Tor hausieren und verdiente zwei Schilling sechs Pence.
Als er dreizehn Jahre alt war, veranlaßte Arbeitslosigkeit die ganze Familie, nach Amerika auszuwandern. In einem kleinen Segelboot legten sie die Strecke in49 Tagen zurück (nicht in 16 Stunden mit dem Flugzeug!).
Der kleine Andy fand sogleich eine Stellung als Boy, mit fünf Schilling die Woche. Sein Vater arbeitete in einer Baumwollspinnerei; seine Mutter wusch. Sie lebten in einer engen Gasse, die Barefoots Square hieß.
In einigen Wochen wurde Andy zum Heizer befördert und erhielt sieben Schilling die Woche. Ein Jahr später verdiente er als Telegraphenbote zwölf Schilling die Woche. Er hatte so gut wie keine Schulbildung, aber er las mit großem Eifer. Seine Vorliebe für Bücher lenkte die Aufmerksamkeit eines freundlichen Mannes, des Colonel Anderson, auf ihn, der dem schottischen Jungen die Benutzung seiner Bibliothek gestattete.
Diese Bibliothek machte Carnegie zu dem, was er geworden ist. Sie entwickelte ihn aus einem Laufburschen zu einem Führer der Menschheit.
Mit 17 Jahren hatte er sich das Telegraphieren beigebracht. Eines Tages, als die Telegraphisten nicht anwesend waren, kam eine wichtige Mitteilung. Er sprang zum Aufnahmeapparat und nahm sie entgegen. Das war zwar gegen die Regel, aber er wurde sofort zum Telegraphisten mit 24 Schilling wöchentlich befördert.
Zwei Jahre später sprang er wieder ein und klärte einen Eisenbahnunfall auf. Auch das war gegen die Regel, aber er wurde dafür zum Sekretär eines Eisenbahndirektors befördert.
Er sparte sein Geld und kaufte Aktien aller möglichen Gesellschaften. Zehn Jahre lang war er Eisenbahnangestellter — der Gehilfe des obersten Betriebsleiters.
Er war voll Initiative. Während andere überlegten,handelte er. Als der Prinz von Wales zum Beispiel Pittsburg besuchte, trat der junge Carnegie rasch auf ihn zu und fragte den Prinzen:
»Möchten Sie gerne einmal auf der Lokomotive fahren?«
So fuhren der künftige König von England und der künftige Stahlkönig vergnügt gemeinsam mit dem Lokomotivführer in dessen Häuschen.
Mit 27 Jahren verdiente Carnegie seine ersten zweihundert Pfund in einer Ölspekulation. Er verdiente noch weit mehr, indem er sich an der Pullman Company beteiligte, die die Schlafwagen auf Eisenbahnzügen eingeführt hatte.
Dann, mit 29 Jahren, kaufte er ein Sechstel Anteile an einem kleinen Eisenwerke, um 1780 Pfund.
Es war eine unbedeutende kleine Eisengesellschaft. Sie zahlte keine Dividenden, sie stand fortwährend am Rande des Bankrotts.
Die anderen Teilhaber gaben die Hoffnung auf — Carnegie kaufte sie aus. Er hielt fest. »Was wir brauchen,« sagte er, »ist mehr Geschäft.« So gab er seine Stellung bei der Eisenbahn auf und wurde Verkäufer der Eisenerzeugnisse.
Er bekam größere Aufträge zu besseren Preisen. Er stellte bessere Maschinen ein. Er arbeitete wie ein Dämon. Bald wurde er, was die meisten unter uns reich nennen würden. Aber das genügte Carnegie nicht. Er wollte mehr.
Mit 31 Jahren kam er nach England und sah in Derby Stahlschienen. In Sheffield sah er zum erstenmal einen Bessemer-Konverter und war davon fasziniert.
Er kehrte eilig nach den Staaten zurück und baute dort ein Bessemer-Stahlwerk. Von jedermann, den er kannte, borgte er sich hierzu Geld. Er setzte alles, was er hatte, auf die eine Karte: »Stahl.«
1881 war er bereits der größte Stahlerzeuger der Welt
geworden. Er beschäftigte 45 000 Arbeiter.
1899 war er bereit, auszuverkaufen und bot seine Gesellschaft seinen eigenen Teilhabern um 31 Millionen Pfund an. Sie entschlossen sich nicht schnell genug, und so offerierte Carnegie seine Anteile Rockefeller für 50 Millionen, halb bar, halb Aktien.
Rockefeller sagte: »Zu viel«; so gründete Carnegie eine eigene Verkaufsgesellschaft. Wieder einmal war sein Motto: »Mehr.«
Er bekämpfte seine Konkurrenten, bis sie beschlossen, ihn auszukaufen, koste es, was es wolle. Sie zahlten ihm 90 Millionen Pfund in Obligationen und Aktien.
Mit einem Schlage wurde er der reichste Mann der Welt. Er hatte eine jährliche Rente von drei Millionen Pfund. »Hurra,« sagte er, »ich bin aus dem Geschäft!«
Im allgemeinen war seine Geschäftspolitik:
1. Massenerzeugung.
2. Die besten Maschinen.
3. Konzentration. »Tu alle deine Eier in einen Korb«, sagte er, »und dann bewache diesen.«
4. Vermeidung aller Details. Er leitete sein Geschäft gewöhnlich aus der Entfernung.
5. Reisen. Er glaubte an persönliche Fühlungnahme mit der Außenwelt.
6. Tägliche Berichte von allen Direktoren.
7. Für alle Direktoren kleine Gehälter und große Vergütungen, die in Aktien bezahlt wurden.
8. Wiederanlage der Profite im Geschäft.
9. Sorgfältige Beachtung der Chemie und der Maschinen.
10. Hohe Löhne, hoher Profit und niedrige Gestehungskosten.
Auch in seiner philanthropischen Betätigung wandte Carnegie eine ganz bestimmte Politik an —
den Menschen zu helfen, die sich selbst zu helfen versuchten.
Niemals gab er etwas, um dem Untergegangenen zu helfen. Er hielt nichts von Wohltätigkeit im gewöhnlichen Sinne.
Er baute dreitausend Bibliotheken und gab für sie zwölf Millionen Pfund aus.
Eine weise und edle Tat: die Tore des Wissens Millionen Menschen in Englisch sprechenden Ländern zu eröffnen.
Er stiftete zehn Millionen Pfund für wissenschaftliche Forschungen, fünf Millionen Pfund für technische Schulen und zwei Millionen Pfund den schottischen Universitäten.
Er baute den Friedenstempel im Haag — ein schneeweißes Gebäude, das die Welt nicht verdient hat.
Für sich selbst verausgabte er sehr wenig. Seine einzige Extravaganz war Reisen; und er betrachtete Reisen stets als eine geschäftliche Notwendigkeit.
Er hat den Atlantischen Ozean über siebzigmal gekreuzt. Er war Ehrenbürger von vierundfünfzig britischen Städten. Im Jahre 1902 wurde er zum Präsidentendes Britischen Eisen- und Stahlinstituts erwählt. Er überschüttete britische Städte, und besonders Dunfermline, seine Geburtsstadt, mit Geschenken. So kann man ihn mit Recht als einen Briten ansehen.
Sein Geschmack war der denkbar einfachste. Er war ein Leichtgewichtmann, nur fünf Fuß vier Zoll groß. Er wog nicht mehr als vier Fuß einer Stahlschiene.
Von Anfang an betrachtete er das Geschäft als ein Spiel. Er ließ sich niemals, wie die meisten von uns, vom Gelde beherrschen.
Er war ein Mann mit dem Herzen eines Jungen, stets eifrig, enthusiastisch und rasch handelnd. Sein Gehirn schäumte dauernd von neuen Ideen über für die Verbesserung des Menschengeschlechts.
Er benahm sich weit weniger würdevoll als ein durchschnittlicher Schreibknecht. Ich habe ihn auf dem Boden seiner Bibliothek in seinem Neuyorker Hause herumkriechen und dort Karten und Papiere ordnen sehen.
Er kümmerte sich nicht im geringsten um Äußerlichkeiten. Er wollte sein Spiel spielen und gewinnen.
Seine Lieblingsdinge waren: Stahl, Bibliotheken, Frieden, Demokratie und — bis zu einem gewissen Grade — Wissenschaft und Musik. Er war ein starker Anhänger der Liberalen Partei in England. Seine besten Freunde waren Bryce und Morley.
Er hatte eine Leidenschaft für Bücher. Er sagte einmal:
»Wenn ich mein Leben noch einmal zu beginnen hätte, würde ich am liebsten Bibliothekar werden.«
Er verabscheute gestärkte Wäsche und modische Gesellschaft. Er hatte keine Privatjagd und keinen Salonwagen.Er vermied die Gesellschafterei. Er heiratete mit 52 Jahren, und seine Frau widmete sich dem Haushalt. Sie hatten eine Tochter — ein zartes Mädchen, die einen jungen Eisenbahndirektor heiratete. Hätte sie einen Herzog geheiratet, es hätte Carnegie das Herz gebrochen.
Er war ein guter Arbeitgeber — immer der erste, die Löhne zu erhöhen. Er sparte niemals durch Verkürzung der Löhne seiner Arbeiter, sondern nur durch Verbesserung der Maschinen.
Er verdiente tonnenweise, aber es war alles reines Geld. Er machte niemanden ärmer. Er erwarb es als Lohn seiner Führerschaft. Als er zur Welt kam, kostete Stahl einen Schilling das Pfund — er brachte den Preis auf weniger als einen Penny.
Er war ein Kapitalist. Und doch beraubte er niemanden. Er erhöhte die Löhne. Er erleichterte die Arbeit. Er ermöglichte mehr Beschäftigung. Er verringerte die Preise. Er baute einen großen Handel auf zum Wohle der ganzen Welt.
Und er begann sein Leben in einer kleinen Hütte in Dunfermline.
Das ist das Epos von Carnegie — dem größten aller industriellen Schotten.