Cyrus H. H. Curtis.
Dies ist die Geschichte eines Mannes, der mit eineinhalb Penny begann und jetzt ein Kapital von 7 000 000 Pfund Sterling hat; des Mannes, der mehr als irgendein anderer getan hat, um das Niveau des Journalismus und der Reklame zu heben.
Curtis ist jetzt 73 Jahre alt. Er ist der Besitzer der »Saturday Evening Post«, »Ladies’ Home Journal«, »Country Gentleman« und »Philadelphia Ledger«.
Seine »Saturday Evening Post« wird in den Vereinigten Staaten um fünf Cent verkauft und hat eine Verbreitung von 2 500 000 Exemplaren die Woche. Sie ist
die größte Zeitschrift der Welt.
Sein »Ladies’ Home Journal« erscheint in monatlich 2 000 000 Exemplaren zu 15 Cent.
Sein Einkommen aus Anzeigen beträgt jetzt gegen 13 000 000 Pfund Sterling das Jahr. Nein, das ist durchaus kein Druckfehler. Es beträgt 13 Millionen Pfund Sterling, das heißt 260 Millionen Mark pro Jahr. Und nicht ein Heller davon kommt aus Whiskyannoncen oder Quacksalbermedizinen oder sonstigem Schund, mit dem den Leuten Geld abgeschwindelt werden soll.
Er ist der erfolgreichste Zeitungsverleger der Welt — und in dem Text seiner Blätter gibt es weder Verbrechen noch Skandal, so wenig wie Schwindel in seinen Anzeigen.Sein Niveau ist höher, als das irgendeines anderen Verlegers, und sein Nutzen ist es ebenfalls.
Cyrus Curtis stammt aus bestem britischen Geschlecht. Seine vornehmen Ahnen verließen England im Jahre 1631.
Sein Vater war ein Dekorateur, der in einem kleinen Holzhaus in Portland, Maine, lebte, wo Cyrus im Jahre 1850 das Licht der Welt erblickte.
Als er zwölf Jahre alt war, bat er eines Tages seine Mutter um etwas Geld, um sich Feuerwerk zu kaufen. »Wenn du Geld willst,« sagte sie, »mußt du gehen und es verdienen, wie es dein Vater tut.«
Er hatte einen und einen halben Penny in seiner Tasche. Er ging aus, kaufte drei Exemplare des »Daily Courier« und verkaufte sie an der Straßenecke. Am Ende des Tages hatte er viereinhalb Penny.
Er war ein kleiner Bursche, flink und keineswegs stark, aber er wurde sehr schnell ein vorzüglicher Zeitungsjunge.
Nachdem er einen Monat lang Zeitungen verkauft hatte, lieferte er seine erste Geschäftsidee. Er ging zu dem Direktor des »Courier« und bat um Kredit. »Wenn Sie mir bis morgen früh Kredit geben,« sagte er eifrig, »werde ich ein großes Paket Couriere über den Fluß nach Fort Preble hinübernehmen.«
Der Direktor stimmte zu. Darauf richtete der Junge Cyrus es so ein, daß er als erster das Zeitungspaket erhielt und schlüpfte damit durch einen Seitenausgang. Er fuhr nach Fort Preble und
schuf ein neues Absatzgebiet für den »Courier«.
Bald verdiente er damit zehn Schillinge wöchentlich,ein Betrag, der dem halben Einkommen eines Arbeiters in jenen Tagen entsprach.
Das Jahr darauf, als er dreizehn war, fing er mit einer eigenen kleinen Zeitung an. Es war eine vierseitige Jungenzeitung »Jung-Amerika«, mit der er einen Absatz von 100 Stück die Woche erzielte. Er hatte eine Handpresse um zwölf Schilling gekauft und machte gute Fortschritte, als ein Feuer ihm alles vernichtete. Keine Versicherung deckte den Schaden: »Jung-Amerika« ging in Rauch auf.
Hierauf arbeitete er sechs Jahre in einem Kleiderladen. Während dieser Zeit tat er nichts Bemerkenswertes und war sich offenbar seiner eigenen Natur und seiner Fähigkeiten nicht bewußt.
Mit 20 Jahren kehrte er zur Presse zurück. Er bekam eine Stellung als Anzeigenakquisiteur für eine halbtote Zeitung in Boston. Eines Tages bot ihm der entmutigte Eigentümer die Zeitung für 150 Pfund Sterling an. Curtis lehnte ab. »Allright,« sagte der Eigentümer, »Sie können sie auch umsonst haben.«
Curtis nahm sie und wünschte fünf Jahre lang, er hätte es nicht getan. Es war hoffnungslos. Mit 25 Jahren gab er sie auf, verheiratete sich und übersiedelte nach Philadelphia.
Es war seine Heirat, die ihm seinen ersten Erfolg einbrachte. Er hatte eine andere Zeitung begonnen — die »Tribüne« —, und eines Tages lenkte seine Frau seine Aufmerksamkeit auf die sogenannte Frauenbeilage. »Wer hat das geschrieben?«, fragte sie. »Ich«, erwiderte Curtis. »Es ist vollkommen lächerlich«, sagte sie.
»Gut,« sagte der kluge Curtis, »vielleicht ist es so. Willst du eine Seite für mich schreiben?«
Sie tat es. Ihre Seite wurde sofort die beste in der Zeitung. Bald wurde sie zur ganzen Zeitung, die darauf »Ladies’ Home Journal« genannt wurde. Heute hat sie, wie gesagt, eine Auflage von zwei Millionen und ist unter allen Frauenzeitungen die führende.
Curtis entdeckte bald, daß sein Geschäft für sein Kapital zu schnell gewachsen war. Er brauchte viel mehr, als die Banken ihm geben wollten.
Der Mann, der ihm zu Hilfe kam, war N. W. Ayer, ein Anzeigenagent. Ayer war der erste Mann, der Curtis nach seinem wahren Werte einschätzte. Er lieh ihm nicht nur 50 000 Pfund Sterling, sondern girierte ihm auch einen Wechsel an die Papierfabrik über weitere 25 000 Pfund Sterling.
In achtzehn Monaten hatte Curtis ihm den ganzen Betrag zurückgezahlt, und als Ergebnis der guten Tat ist die N. W. Ayer-Gesellschaft heute
die größte und reichste Anzeigenfirma der Welt.
Eines der Geheimnisse des Erfolges von Curtis ist, daß er niemals seine Zeit damit verliert, das, was er bereits in Händen hat, wieder in Verwirrung zu bringen. Sein Grundsatz ist, rechtzeitig auf etwas Neues loszugehen. Er läßt seine Erfolge in Ruhe.
So kaufte er, sobald das »Ladies’ Home Journal« ein Erfolg geworden war, eine kleine Wochenschrift, genannt die »Saturday Evening Post«. Sie war von Benjamin Franklin gegründet worden, hatte aber sonst keinerlei Aktiven von irgendeiner Bedeutung. Curtis kaufte sie um 200 Pfund Sterling. Sie war tot und begraben, aber Curtis glaubte an die Auferstehung. Jedermann machte sich lustig über ihn, weil er eine Zeitung kaufte,die nichts als einen Namen hatte. Aber Curtis hatte eine neue Idee. Im Jahre 1897 faszinierte ihn ein Buch namens »Calumet K«, das ein Journalist geschrieben hatte. Dieses Buch war eine Romanze des Geschäftes. Es öffnete seine Augen. Es zeigte ihm, daß Geschäft die interessanteste und nützlichste Betätigung in der Welt ist: Er widmete sein neues Magazin dem »Geschäft«.
Anfangs wollte es nicht gehen. Es steckte fest. Er verlor Geld daran. Er verlor nahezu all sein Geld. Er verlor 300 000 Pfund Sterling, bevor es anfing in die Höhe zu gehen.
Heute ist es die einträglichste Zeitschrift der ganzen Welt. Sie bildet eine Klasse für sich. Sie berechnet 1500 Pfund Sterling für die Anzeigenseite.
Sie lehnt die Hälfte der Anzeigen ab, die ihr angeboten werden.
In einer einzigen Ausgabe hat sie 200 000 Pfund Sterling Anzeigen. Allein aus Anzeigen beträgt ihr Einkommen 7 Millionen Pfund Sterling im Jahr.
Kurz darauf kaufte Curtis ein kleines, aber vornehmes Blatt, genannt »Country Gentleman«. Es hatte gutes »Pedigree«, aber wenig Abonnenten. Er arbeitete daran, bis die Auflage auf 600 000 wöchentlich gestiegen war.
Dann ließ er es in Ruhe und kaufte den »Daily Ledger«, ein Blatt, das gleichfalls historisch und blutlos war.
Zu dieser Zeit, als er einmal London besuchte, gab ihm jemand ein Buch »Das Leben des John Delane«. Delane war der größte Redakteur der »Times«. Er war unabhängig. Man nannte ihn den »Donnerer«.
Seine Lebensgeschichte machte auf Curtis einen tiefenEindruck. Er kaufte für jeden Redakteur und Reporter, der bei ihm angestellt war, ein Exemplar des Buches.
Er brachte »Ledger« in die Höhe, bis er in jeder Stadt in Amerika verkauft wurde. Er ist jetzt oft in der Weltpresse zitiert.
Ohne Einrechnung des »Ledger« besitzt Curtis über zweihundert große Pressen, die zusammen 1 500 000 Pfund Sterling gekostet haben.
Er verbraucht täglich vierhundert Tonnen Papier
— eine Zugladung. Allein in seinem Hauptgebäude beschäftigt er dreitausend Leute.
Von Körpergestalt ist Curtis klein, er hat freundliche Augen und ruhige Manieren. Er trägt einen kurzgeschorenen viereckigen, altmodischen Bart.
Er ist ein Mann, den man nicht einreihen kann. Er ist gleichzeitig alt und jung. Er ist gleichzeitig liberal und konservativ. Er ist gleichzeitig Kapital und Arbeit. Er gehört zu keiner der törichten Kasten, die die Menschen voneinander trennen.
Er nimmt das Leben ernst, aber er hält sich vom Pomp und von den Zeremonien fern. Wenn er zu einer Versammlung geht, so setzt er sich auf einen Sitz im Hintergrund. Er ist so einfach und menschlich, wie sein Vater war.
Für seine Freunde ist er ein liebenswürdiger Mann voll Überraschungen. Vor einigen Jahren hatte ich das Glück, bei verschiedenen Banketten neben ihm zu sitzen. Er und ich waren Redner bei dem amerikanischen Lunchklub — und ich fand ihn voll Lebensfreude.
Er ist ein Gentleman im höchsten Sinne des Wortes. Niemals renommiert er oder schneidet auf.
Seine Lebensgewohnheiten sind: arbeiten, scherzen, rauchen, tanzen, lesen, reisen, Orgelspielen und zur Kirche gehen. Er liebt Jachtfahrten und Golf. Er liebt Kinder.
Wenn es ein schweres Problem zu lösen gilt, legt er Patience.
Er kümmert sich nicht um Einzelheiten, sobald der richtige Betrieb eingerichtet ist. Er ist der Meinung, daß sein Hauptgeschäft ist: Verbesserungen anregen und der Arbeit neue Richtung weisen.
Er beschäftigt sich nicht mit Politik, aber er hält eine weit größere Macht zum Guten in seinen Händen als irgendein anderer Amerikaner.
Niemals vergißt er eine Freundlichkeit.
Vor langer Zeit, als er eine verarmte kleine Zeitung betrieb, half ihm ein schottischer Drucker namens Allan und lehnte es ab, sich dafür bezahlen zu lassen. Zwanzig Jahre später hörte Curtis, daß Allan in einer weit entfernten Stadt in Not sei. Sofort ging er ans Werk und fand ihn fünfzehnhundert Meilen entfernt, in einer Dachkammer lebend. Curtis gab ihm einen Scheck, der ihn für den Rest seines Lebens aller Geldsorgen enthob.
So ist Cyrus Curtis — ein Mann, der mehr für die Hebung des Niveaus des Journalismus und des Anzeigenwesens getan hat als irgendein anderer.