Dr. Jameson.

Dr. Jameson.

Jameson von Südafrika! Jameson, der Mann des verunglückten Einfalls! Jameson, der aus dem Kerker von Holloway aufstieg, um Premierminister von Südafrika zu werden!

Nun ist er schon mehrere Jahre tot, und Jam Colvin hat eine sehr kluge und faszinierende Geschichte seines Lebens geschrieben.

Man sagt: »Jedermann hat seinen Preis!« Das galt nicht von Jameson. Alles Gold und alles Silber der Welt würde ihn nicht interessiert haben, hätte man es ihm um Verrat geboten.

Er war ein Schotte, in Edinburgh geboren. Sein Vater war Rechtsanwalt — aber auch Dichter, Redner und Reformer. Er war für Freihandel und Abschaffung des Sklavenhandels.

Familie Jameson hatte elf Kinder — zehn Jungen und ein Mädchen. Die Jungen wanderten hierhin und dorthin, nach verschiedenen Teilen der Welt. Einer ging nach Südafrika.

Als Jim 25 Jahre alt war, schickte ihm dieser Bruder aus Südafrika einen Diamanten. Sofort machte sich Jim auf und fuhr nach Kapstadt. Er war klein, schlank, beinahe zart, aber er hatte das Herz eines Löwen.

Er begab sich nach den Diamantengruben und wurde bald einer der populärsten Leute in Kimberley.

Er war ein geschickter Chirurg. Seine Praxis wuchs schnell. Bald verdiente er fünftausend Pfund jährlich.

Er war ein lustiger Verschwender,

ein Kartenspieler, der alles bis auf seine Hosen setzte, Sportsmann und ein Wagehals.

Vielleicht wäre er nie etwas anderes geworden, hätte er Rhodes nicht getroffen.

Er und Rhodes waren 22 abenteuerreiche Jahre lang Freunde — Genossen — Gesellschafter fürs Leben. Rhodes war der Denker, und Jameson war der Täter. Rhodes hatte das Hirn, und Jameson hatte die Zunge und Faust.

Es war eine seltsame Zusammenstellung — der große und der kleine Mann. Der große Mann machte die Pläne, und der kleine Mann führte sie aus.

Rhodes wollte dem britischen Weltreich das große zentrale Rückgrat Afrika einfügen. Er konnte weder vom Parlament noch von Downingstreet Hilfe bekommen. So bekam er sie von Jameson.

Nördlich von Kimberley liegt das unermeßliche Land des Matabelevolkes. Ein Riese namens Lobengula beherrschte es — ein riesiger Neger, der über zwei Zentner wog. Er war so groß wie drei »Dr. Jims«.

Rhodes wollte eine Straße nach Norden durch das Land der Matabele legen, und er schickte Jameson aus, um von Lobengula die Ermächtigung hierzu zu erwerben.

Jameson erhielt sie. Erhielt sie nur durch seinen Mut. Niemand, weder ein Weißer noch ein Schwarzer, hattesich bisher anders als kriechend an Lobengula herangewagt; aber der kleine »Dr. Jim« ging lebhaft auf ihn zu, fühlte seinen Puls und machte ihm eine Morphiumeinspritzung, um einen Gichtanfall zu heilen.

Wieder und immer wieder ging Jameson in den Urwald von Innerafrika, um den Weg für britische Ansiedler zu bereiten. Oft ging er in die Irre, wurde angegriffen und von wilden Bestien bedroht. Aber niemals weigerte er sich, wieder zu gehen, wenn Rhodes einen neuen Plan vorhatte.

Er ging nach Osten in das Gazaland und fügte dem britischen Weltreich ein neues, weites Gebiet hinzu. Das Land, von dem er Besitz ergriff, war um ein Vielfaches größer als ganz Großbritannien.

Jameson kämpfte mit Krüger, mit Negerhäuptlingen, mit unbekannten Gebieten. Wo immer es eine Gefahr oder eine Schwierigkeit gab, Jameson trat ihr entgegen.

1894 kam Jameson nach England. Mehrere Wochen lang war er der Löwe von London. Man veranstaltete ihm Gastmähler und Trinkgelage. Die Königin bewirtete ihn. Er gab seinen Verwandten und Schulfreunden Sektfrühstücke.

Dann eilte er nach Südafrika zurück, raffte 500 Mann zusammen und marschierte gegenJohannesburg. Das war der

»Jameson-Einfall«.

Rhodes und die meisten andern wußten davon. Alle waren sie mit dem Plan einverstanden — bis er mißlang. Dann zogen sie sich nach und nach zurück und ließen die ganze Verantwortung auf Jameson sitzen.

Jameson tat das seinige. Die anderen bekamen kalte Füße, als die Zeit zum Zuschlagen gekommen war.

Mit seiner kleinen Schar ging Jameson vorwärts, ungeachtet der Todesgefahr. Die Buren umringten ihn. Es gab einen kurzen Kampf — dann fand sich Jameson im Kerker von Pretoria wieder.

Einige Monate später stand er mit sechs Kameraden in London vor Gericht, um sich gegen zwölf Anklagepunkte zu verantworten.

Er wurde schuldig befunden und zu fünfzehn Monaten Gefängnis verurteilt. Er wurde zuerst nach Wormwood Scrubs und dann nach dem Zuchthaus von Holloway gebracht.

Solches geschah ihm in London im Jahre 1896. Es war eins der widerwärtigsten Ereignisse, die sich je in einem Londoner Gerichtshof vollzogen haben — und das will viel sagen.

Die Richter, die Jameson dem Kerker überlieferten, waren Lord Russel, Baron Pollock und Richter Hawkins.

Im Gefängnis erkrankte er und wurde nach einigen Monaten von der Königin begnadigt.

Sobald er sich erholt hatte, eilte er zurück nach Südafrika, gerade rechtzeitig für den Burenkrieg. Wie gewöhnlich stürzte er sich in das dichteste Kampfesgewühl in Ladysmith.

1901 starb Rhodes, und Jameson sah es als seine Ehrenpflicht an, seine Stelle einzunehmen. So kam er wider Willen in die Politik. Nach drei Jahren wurde er Premierminister.

In seinen späteren Jahren ließ er vom Kampf ab und wurde ein Friedensstifter. Er befreundete sich sogar mit den Buren.

Er hatte zuletzt keine Feinde mehr.

Am Ende seines Lebens wurde er mit Ehren überschüttet. Er wurde geadelt und trat an die Spitze der Chartered Company.

Aber er war zu krank, um sich viel aus den Ehrungen zu machen.

Fast unerträgliche Schmerzen hatten ihn befallen. Als einer seiner Brüder von Hoffnung auf Gesundung sprach, lächelte Jameson in seiner vergnügten Weise und sagte: »Nein, Gottlob, es ist hoffnungslos.« Das waren seine letzten Worte. Er starb 1917 und liegt jetzt Seite an Seite mit Rhodes auf dem Gipfel eines Berges in Rhodesia.


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