John Wanamaker.

John Wanamaker.

Jedes Land hat seine großen Kaufleute: Hoch über ihnen allen aber steht John Wanamaker, der 1922 im Alter von 84 Jahren gestorben ist.

John Wanamaker besaß das größte Warenhaus in Philadelphia und das größte Warenhaus in Neuyork. In London hatte er nur ein Einkaufsbureau.

Der Wert seiner drei Geschäftshäuser — nur der Gebäude allein — war 12 500 000 Dollar.

Seine Verkäufe betrugen bis zu 1 250 000 Dollar an einem Tage!

Und dennoch war er so einfach, emsig und freundlich, als wäre er nur ein Dorfschneider.

Er war ganz arm geboren. Sein Vater war Besitzer einer kleinen Ziegelei und einer großen Familie. John war das älteste von sieben Kindern.

Wanamaker war kein geborener Kaufmann. Weder sein Vater noch seine Mutter verstanden irgend etwas vom Ladengeschäft. Er fand keine Hilfe in ererbten Eigenschaften. Er war ein geborener Ziegelarbeiter, der sich selbst zum größten aller Kaufleute hinaufarbeitete.

Er hatte nur wenig Schulbildung. Mit 13 Jahren war er damit beschäftigt, Ziegel zu wenden und Schubkarren mit Lehm zu beladen. Seine zweite Stellung hatte er in einem Kleidergeschäft. Hier fand er die beiden bestenDinge, die ein Junge finden kann — die richtige Beschäftigung und einen guten Chef.

Er war so flink — so gefällig — so begeistert für seine Beschäftigung, daß Kunden, die in das Geschäft kamen, gewöhnlich fragten: »Wo ist John?« Er packte seine Arbeit an, als ob sie ein großartiger Sport wäre.

»Der ehrgeizigste Junge, den ich je gesehen habe«, sagte sein Chef von John. »Er wird einmal ein großer Kaufmann werden; er organisiert immer irgend etwas.«

Mit 21 Jahren hatte er 2000 Dollar erspart. Er begann einen eigenen kleinen Laden zu betreiben — 16 mal 80 Fuß groß. Am ersten Tage verkaufte er für etwas über 25 Dollar, und er nahm 25 Dollar davon und gab sie für Anzeigen aus. In ein paar Wochen hatte er bereits ein enormes Geschäft. Er saß nicht da und wartete, was kommen würde. Er inserierte.

Dann, mit 23 Jahren, machte er eine Erfahrung, die ihm die Augen öffnete und ihm zeigte, wie ein Laden sein müsse. Er wollte seiner Mutter eine goldene Brosche schenken. Er ging in einen Juwelierladen und wählte eine. Während der Juwelier sie einpackte, sah er im Schaufenster eine andere Brosche, die ihm besser gefiel.

»Ich glaube, ich möchte lieber diese da haben«, sagte er.

»Nein, das gibt es nicht«, schnauzte ihn der Juwelier an. »Jetzt ist es zu spät. Sie haben diese gekauft, und Sie müssen sie behalten.«

Als der junge Wanamaker das Juweliergeschäft verließ, kam ihm eine große Erleuchtung. In seiner Phantasie erblickte er ein großes Warenhaus, in dem Waren zurückgegeben und ausgetauscht werden konnten — ein Warenhaus, das von Höflichkeit erfüllt war,

ein Warenhaus, das vom Gesichtspunkte des Kunden aus betrieben werden sollte.

Sie sehen, er schuf sich zuerst sein Ideal; dann ging er ans Werk und hielt aus, bis sein Ideal zur Tatsache wurde.

Sein Lebensweg wies eine ruhmreiche Fülle von Schwierigkeiten auf. Vor allem hatte er eine — nach dem Ausspruch der Ärzte — »unheilbare« Krankheit: Tuberkulose. Möglicherweise hat diese Krankheit sein Leben verkürzt, immerhin lebte er aber noch 62 Jahre, nachdem man sie herausgefunden. Zumindesten überlebte er alle seine Ärzte.

Zu jener Zeit, vor 60 Jahren, wurden Kaufmann und Kunde wie heute Kapital und Arbeit als natürliche Feinde betrachtet. Ein Laden war eine Art Festung, ein Platz, wo Käufer und Verkäufer um Preise kämpften. Es gab keine Verkaufskunst im modernen Sinn. Geschäft war Krieg.

John Wanamaker sah, daß das falsch und töricht war. Er beschloß, Geschäfte auf einer Friedensgrundlage zu machen. Er ging ans Werk, seinen Laden freundlich und ehrenhaft, gefällig und gesellig zu machen.

Zunächst begann er, in seinen Inseraten die Wahrheit zu sagen. Er bezeichnete Kragen als »halbleinen« und Unterzeug als »halbbaumwollen«. Er sagte die volle Wahrheit über seine goldenen Uhren und seine Silberwaren. Wenn er behauptete, daß ein Hut ein Pariser Hut sei, so war es ein Pariser Hut. Er klebte nicht richtige Etiketten auf falsche Ware.

Jede Wanamaker-Anzeige beruht auf persönlicher Prüfung der Waren. Schon diese Tatsache zeigt, welch ein »unpraktischer Träumer« er war.

Er befolgte stets drei Regeln, wenn er inserierte:

1. Nichts drucken zu lassen, was er nicht beweisen konnte.

2. Alles vom Standpunkt des Kunden aus zu betrachten.

3. Niemals Verkäufe auf Kosten der dauernden Freundschaft zu forcieren.

Wanamaker glaubte an die Wirkung großer Anzeigen. Er war der erste Kaufmann, der volle Seiten inserierte. Er verwendete einfache, klare Ausdrücke und große, gut lesbare Schrift. Nach seiner Meinung sollte eine Anzeige die Neuheiten seines Warenhauses zum Vorteil des Publikums enthalten.

Sein ganzes Leben lang dachte er stets über dieses Eine nach — wie er sein Warenhaus für das Publikum behaglich gestalten könnte.

Er begründete das System der Einheitspreise.

Er stellte die törichte Gewohnheit ab, den nicht kaufenden Kunden als einen Eindringling anzusehen. Er gab den Leuten den freien Zutritt zu seinem Warenhaus ohne irgendwelchen Kaufzwang.

Er gestattete allen Kunden, ihr Geld zurückzuverlangen, wenn sie es sich anders überlegt hatten.

Er begann die Schulung seiner Angestellten, um sie alle zu geschickten und höflichen Verkäufern zu erziehen.

Niemand weiß, ob ein Wanamaker-Warenhaus ein Heim, eine Kunstgalerie, eine Kathedrale oder ein Boulevard ist. Es ist das alles ebensosehr wie ein Warenhaus.

In einem seiner Warenhäuser sind 600 Ölgemälde an den Wänden. Es hat einen großen Ehrenhof. Es enthältbehagliche Ecken, Marmorpfeiler, Blumen, Teppiche und bunte Glasfenster.

Es gibt dort auch Musik. Um 9 Uhr früh wird in jedem Wanamaker-Warenhaus eine Fanfare geblasen. Dann erbraust eine Orgel und erfüllt das ganze große Gebäude mit rauschenden Melodien. Dieses Orgelkonzert dauert eine halbe Stunde. Manchmal finden sich dazu bis zu 25 000 Zuhörer ein. So beginnt der Tag in einem Wanamaker-Warenhaus.

In Sachen der Ausbildung der Angestellten war John Wanamaker seiner Zeit und seinen Konkurrenten um mindestens 50 Jahre voraus.

Er hatte seine eigene »Handels-Universität« — kein anderer Kaufmann der Welt ist je soweit gegangen.

Jeden Morgen finden Übungen für alle jungen Angestellten statt.

Ihr Körper wird flink und stark gemacht. Als Amerika in den Krieg eintrat, kamen die ersten 1500 Rekruten vollständig ausgebildet von den Wanamaker-Warenhäusern.

»Lerne, während du verdienst, damit du mehr verdienen kannst«,

das war Wanamakers Motto. Er richtete Schulen und Vorlesungen für alle erdenklichen Fächer ein. Auch gibt es da allerhand Klubs und Gesellschaften und auch — etwas in Amerika durchaus Ungewöhnliches — Pensionen für alte oder arbeitsunfähig gewordene Angestellte.

Was John Wanamaker selbst anbetrifft, so war er ein gütiger, christlicher Mann.

Er hatte keine Feinde, obwohl er sein Leben lang wegenseiner Ideale und seiner »törichten Neuerungen« verspottet wurde. Alles Kleinzeug, das sich mit rohen, schmierigen, kleinen Läden zufriedengibt, machte sich über ihn lustig. Mindestens die Hälfte aller Witze in den Vereinigten Staaten — ich glaube es sagen zu dürfen — befassen sich mit Wanamaker, Rockefeller oder Ford.

John Wanamaker war von großer Frömmigkeit. Manchmal kommt es mir vor, als ob er der letzte Christ gewesen wäre — oder der erste.

Einmal wurde ein Mädchen, das beim Stehlen betroffen wurde, in sein Bureau gebracht. Sie war störrisch, sie weigerte sich, ihren Namen zu nennen. Ein Geistlicher war im Zimmer, und Wanamaker sagte: »Kommt, laßt uns alle drei niederknien und beten.« Sie taten es. Das Mädchen brach zusammen und gestand. Sie hatte weder Eltern noch Freunde. Wanamaker gab sie zu einer gütigen Familie in Pension und gab ihr eine Anstellung in seinem Laden. »Ich verdamme dich nicht; gehe hin und sündige nicht mehr.«

Ich kann für seine Freundlichkeit persönlich Zeugnis ablegen. Vor ungefähr 20 Jahren wollte ich einmal von ihm Informationen über einen bestimmten geschäftlichen Gegenstand. Ich fand seine Bureautür weit offen. Ich ging hinein und stellte meine Fragen. Er beantwortete sie vollständig; und dann — in völlig unaufdringlicher Weise, fragte er mich, ob ich in die Kirche gehe und die Bibel studiere. In meinem ganzen Geschäftsleben ist er der einzige Mann, der je eine derartige Frage an mich gerichtet hat. Und so habe ich sie nicht vergessen.

So war John Wanamaker — der Kaufmann über allen Kaufleuten. Er wurde, was er war, weil er den Wagemut hatte, ein guter Mensch zu sein.


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