Elias Howe.
Nun kommt die Geschichte von Elias Howe, dem Erfinder der Nähmaschine. Da Sie sehr wahrscheinlich glauben, selbst mit besonderen Schwierigkeiten und Mühseligkeiten zu kämpfen, erzähle ich Ihnen diese Geschichte, damit Sie sehen können, was wirkliche Schwierigkeiten sind.
Elias Howe, ein Wohltäter aller menschlichen Wesen, die Kleider tragen, kam schließlich zu Ruhm und Vermögen; aber sein ganzes Leben war ein verzweifelter Kampf gegen Armut, Dummheit, Krankheit und Tod. Doch nichts — nicht einmal der Hunger — konnte ihn zum Aufgeben seines Lebenswerkes bewegen.
Elias Howe wurde in den Vereinigten Staaten als Sohn englischer Eltern im Jahre 1819 geboren. Der kleine Elias wurde als Kind nicht verwöhnt. Er war einer von achten. Sein Vater war ein armer Müller, der zehn Mäuler zu füttern hatte.
Elias war ein gebrechlicher kleiner Bursche. Sein Körper war viel zu schwach für seinen Geist. Er war nicht nur von äußerster Zartheit — er lahmte auch.
Mit sechs Jahren mußte er bereits arbeiten. Er hinkte jeden Wochentag nach der Mühle seines Vaters und half seinen Brüdern und Schwestern Drahtzähne durch Lederstreifen zu bohren. Sehr wahrscheinlich war es diese Beschäftigung, die in ihm den Gedanken an eine Nähmaschine aufkommen ließ.
Mit sechzehn Jahren begab er sich nach der StadtLowell, da ihm jemand von den dortigen wundervollen Werken und großartigen Maschinen erzählt hatte.
Zwei Jahre arbeitete er in einer Baumwollspinnerei und fand dann Stellung in einer Maschinenfabrik. Da er
der geborene Mechaniker
war, fühlte er sich dort wohl.
Mit einundzwanzig Jahren heiratete er. Bald hatte er drei Kinder — mehr Familie als Lohn. Sie lebten in einem schäbigen kleinen Haus und mußten aus jedem Groschen zwei herausholen.
Seine Arbeit war hart — so hart, daß er am Abend oft zu müde war, zu essen. Wie er seiner Frau einmal sagte, wünschte er damals oft, er könnte im Bett liegen für immer und ewig.
Als er fünfundzwanzig Jahre alt war, sagte eines Tages ein Kamerad zu ihm: »Was wäre das für eine große Sache, wenn jemand eine Maschine zum Nähen erfinden könnte.«
Diese zufällige Bemerkung ließ Howes Gehirn erwachen.
Tatsächlich war er einer der geschicktesten Erfinder der Welt, ohne sich dessen bewußt zu sein. Er kannte seine eigenen Kräfte nicht.
Zunächst setzte er sich zu seiner Frau und sah ihr beim Nähen zu. Dann baute er eine Maschine zur Bewegung einer Nadel, die an beiden Enden zugespitzt war und das Öhr in der Mitte hatte. Es war ein Versuch, eine Maschine zu machen, die die Hand seiner Frau nachahmen sollte. Das war ein Fehlschlag.
Plötzlich blitzte eine neue Idee in seinem Gehirn auf — warum sollte man das Nähen mit der Hand nachahmen?Warum sollte man nicht eine neue Art des Nähens erfinden, die eine Nähmaschine ermöglichen könnte?
Sogleich dachte er daran, die Verwendung von zwei Fäden anstatt eines zu planen. Er erfand das Schiffchen und eine krumme Nadel mit einem Öhr in der Nähe der Spitze. Mit einem Schlage hatte er das Problem gelöst. Eine brauchbare Nähmaschine war erfunden.
Voll Freude gab er seine Stellung auf und zog mit seiner Familie in das Haus seines Vaters, um seine große Erfindung zu vervollständigen.
In der Dachkammer richtete er sich eine kleine Werkstatt ein und begann Geld zu sparen, um eine gebrauchte Drehbank zu kaufen.
Da brach ein Feuer aus und vernichtete alles. Howe rettete sein unschätzbares Modell, aber wenig mehr.
In dieser Not kam ein Holz- und Kohlenhändler zu ihm und sagte: »Ich will Sie in meinem Hause wohnen lassen und verköstigen und Ihnen 100 Pfund Sterling für die Hälfte Ihres Patentes geben.« Howe stimmte zu. Er richtete eine neue Werkstatt ein — und nach sechs Monaten hatte er eine Maschine vollendet, welche die Nähte zweier wollener Anzüge herstellte — eines Anzugs für den Holz- und Kohlenhändler und eines für ihn selbst.
Seine Aufgabe war gelöst — so meinte er. Er wußte nicht, daß jede neue Idee ihren Weg in die Welt gerade gegen jene Leute zu erkämpfen hat, die den meisten Nutzen von ihr ziehen werden.
Der Kunst des Erfindens muß die Kunst des Verkaufens folgen,
aber Howe wußte das nicht.
Triumphierend lief er mit seiner Nähmaschine zu den Bostoner Schneidern. Sie versuchten sie. Sie bewunderten sie als eine »niedliche Erfindung«, aber sie erklärten: »Wir wollen sie nicht, sie würde unser Geschäft ruinieren.«
Er trug sie von Firma zu Firma, aber kein Mensch wollte einen Pfennig dafür anlegen. Das entmutigte den Holz- und Kohlenhändler; er zog sich aus dem Kompagnieverhältnis zurück und ersuchte Howe, anderswo hinzuziehen.
Howe hatte weder Geld noch Freunde. Um seine Familie zu erhalten, wurde er Lokomotivführer bei der Eisenbahn.
Dann wurde er krank. Ebenso seine Frau. Hätten nicht einige gütige Nachbarn sich ihrer angenommen, die ganze Familie Howe wäre vielleicht zugrunde gegangen — die Nähmaschine — alles.
Als er sich wieder erholt hatte, scharrte er genügend Geld zusammen, um sich ein Zwischendeck-Billett nach London zu kaufen. Er glaubte, daß England ihn besser behandeln würde, als die Vereinigten Staaten.
Aber auch hierin irrte er sich wieder. Er fand niemanden, der ihm helfen wollte. Bis schließlich ein Mann in Cheapside seine erste Maschine um 250 Pfund Sterling kaufte und Howe mit 3 Pfund Sterling die Woche bei sich anstellte.
Howe arbeitete acht Monate für diesen Mann, fand aber, daß er ein zu strenger Arbeitgeber sei, und verließ ihn. Er war ohne alle Mittel, und oft gab es Tage, an denen er und seine Familie hungernd dasaßen in der großen Stadt London.
Er hatte England seine Nähmaschine angeboten und England hatte sie abgelehnt.
Der Hunger trieb ihn nach Amerika zurück. Er verpfändete sein Modell für genügend Geld, um seine Frau und seine Kinder zurückzuschicken. Einige Monate später kehrte er selbst zurück, da seine Frau ihm schrieb, daß sie an der Auszehrung sterbe.
Er kam in Neuyork mit einem Dollar in der Tasche an.
Er hatte noch 250 Meilen zu reisen. Er ging in eine Maschinenwerkstatt und arbeitete mehrere Tage, um das Reisegeld zu verdienen.
Als er nach Hause ankam, war seine Frau gestorben.
Geschwächt und gebrochenen Herzens hielt er doch durch. Er konstruierte ein neues Modell. Ein Geschäftsmann namens Bliß lieh ihm einiges Geld. Er baute weitere Maschinen — und von Fall zu Fall verkaufte er sie.
Die Nachfrage nach den Maschinen wuchs — zwölf Jahre später war Howe ein Millionär.
Er empfing die goldene Medaille der Pariser Weltaustellung im Jahre 1867 und das Kreuz der Ehrenlegion.
Er konnte den Hunger ertragen, die Enttäuschungen und die Verluste; aber es scheint, daß er Ruhm und Reichtum nicht ertragen konnte. Einige Wochen, nachdem er das Kreuz der Ehrenlegion erhalten hatte, starb er.
Er hatte seine Bahn vollendet, er hatte einen guten Kampf durchgekämpft. Er hatte gesiegt.