George F. Johnson.
Ich sollte dieses Kapitel eigentlich mit den Worten: »Es war einmal« beginnen, aber die Wahrheit ist, daß ich im Begriffe stehe, die größte und einträglichste Schuhfabrik der Welt zu beschreiben. Es ist also kein Märchen. Es ist die Geschichte wirksamen Betriebes in der weitestgehenden Bedeutung.
Etwa hundert Meilen von Neuyork entfernt liegt ein schönes Tal in den Vereinigten Staaten.
Die Leute, die dort leben, nennen es:
Das Tal des »Fairplay«.
In diesem Tale liegen dicht nebeneinander zwei Städte, die eine heißt Johnson, die andere Endicott.
Gegen 50 000 Einwohner leben in diesem Tale, und 15 000 davon arbeiten in den beiden großen Schuhfabriken, die der Endicott-Johnson-Gesellschaft gehören.
Sie fabrizieren täglich 81 000 Paar Schuhe.
Der Wert dieser Erzeugung übersteigt jährlich 28 000 000 Pfund Sterling.
Diese erstaunlichen Ziffern lassen Sie erkennen, daßdie Leute in diesem Tal zu arbeiten verstehen. In diesem Tale des »Fairplay« wird mit der Arbeit nicht gespielt.
Wären Ihnen aber diese Zahlen nicht vor Augen, so könnten Sie glauben, daß die Leute in diesem Tal nichts anderes als Spaß im Sinn haben.
Es gibt in diesem Tal keine Wohnhöhlen. Es gibt wenige Mietshäuser. Die meisten Familien besitzen ihr eigenes Haus. Die Häuser sind aus Holz erbaut und in lebhaften Farben bemalt.
Zwischen den beiden Städten liegt ein weiter Landstrich, der »Idealpark« genannt ist. In ihm ist eine große Schwimmanstalt, frei für alle, daneben ein kleines Schwimmbassin für die Kinder. Ebenso ein Karussell, frei für alle.
Dann gibt es einen Tanzpavillon, der an drei Abenden der Woche geöffnet ist. Die Tänzer zahlen 25 Cent Eintritt.
Dann gibt es einen Ballspielplatz, groß genug, um zwei Partien gleichzeitig Platz zu bieten, und da die Fabriken 4 Uhr 30 Minuten geschlossen werden, gibt es jeden Nachmittag zwei Baseballspiele.
Auch eine Rennbahn ist da — eine halbe Meile lang, mit Ställen und Tribünen. Jeden Sonnabend Nachmittag finden Rennen statt, und zeitweilig ist die Rennbahn von hunderttausend Leuten eingesäumt.
Inmitten einer weiten Rasenfläche steht ein Klubhaus. Der Rasen ist mit Blumenbeeten wie gespickt. Das Haus ist das Zentrum der Geselligkeit, wo jeder jeden trifft. Es enthält eine freie Bibliothek, besondere Zimmer für Pfadfinderjungen, Spielzimmer und Speisesäle. Jeden Abend findet man sich hier fröhlich zusammen.
Scherz! Geselligkeit! Erziehung! Sport! Musik! Dasscheinen die allein wesentlichen Dinge im Tale von »Fairplay« zu sein und dennoch erzeugen diese lustigen Schuhmacher täglich 81 000 Paar Schuhe.
Ihre tägliche Durchschnittserzeugung ist elf fertige Schuhe pro Mann.
In diesem Tale glaubt man daran, daß das Spiel der Sonnenschein des Lebens ist und daß jeder es so sehr braucht wie Nahrung.
Man glaubt dort an Lachen, Liebe und Lebensfreude gerade so sehr wie an Maschinen, Kohle, Organisation.
Sie werden erraten, daß in diesem Tale ein Mann lebt, der diese Erfolge begründet hat. Sein Name ist George F. Johnson, aber jedermann nennt ihn »George F.«.
Er lebt in einem netten Hause in der Nähe des Parks. Er ist immer sichtbar. Er lebt, bewegt sich und hat sein Dasein inmitten seiner Leute.
Jeder Arbeiter kann ihn in seinem Bureau sprechen. Ist er nicht in seinem Bureau, so kann man ihn auf der Rennbahn, im Tanzpavillon oder bei einem Ballspiel antreffen.
Für gewöhnlich ist er umgeben von einer Schar von Kindern oder von einer Arbeitermenge. Ununterbrochen fragen die Leute ihn um Rat in allen erdenklichen Angelegenheiten. »Er ist der Papa unserer Familie,« sagen sie.
Jedes Kind auf der Straße nennt ihn »George F.«. Denkt daran und erschauert, ihr steifgeborenen Direktoren mit den versteinerten Gesichtern! Hier ist ein Mann, der 28 000 000 Pfund Sterling im Jahr umsetzt, und der Zeit hat, Drachen steigen zu lassen und Puppen zu flicken.
Am letzten Maitage hatten die Arbeiter seines Tales eine große Parade von 20 000 Mann, und wer glauben Sie, führte sie? George F. Er ging an der Spitze seiner Leute, wie jedermann es von ihm erwartete.
»Sie wissen, ich liebe alle diese Leute«, sagte er zu einem Freund, als sie zusammen auf der Tribüne saßen und auf das nächste Pferderennen warteten. »Und ich hoffe,« fügte er hinzu, »daß einige von ihnen auch mich lieben.«
Er ist kein Philantrop, dieser George F., weder ist er ein Genie noch ein Übermensch. Er ist nichts weiter als
ein großer, einsichtsvoller, gutherziger Mann,
der es liebt, inmitten geschäftiger, frohsinniger Menschen zu leben.
In diesem Tal gibt es keine Verdächtigung und keinen Snobismus. Es gibt dort kein »Klassenbewußtsein«, weil es keine Klassen gibt. Jeder Arbeiter hat die Möglichkeit, Teilhaber zu sein, und jeder Kapitalist arbeitet.
Die sämtlichen 15 000 Arbeiter von George F. abwärts bis zu dem kleinsten Jungen in der Gerberei gehören alle den »E.-J. Workers«, der dortigen Gewerkschaft an.
Alles geschieht offen. Jedermann kann seine Meinung äußern. Es gibt keine Maßregelungen. Alle Arbeiter scheinen zu fühlen, daß die ganze Anlage ihnen gehört.
George F. Johnson ist jetzt über 70 Jahre alt. Er ist der erfolgreichste unter allen Schuhfabrikanten, aber vor 35 Jahren war er noch nichts als ein Vorarbeiter in einer kleinen Schuhfabrik, die zusammengebrochen war. Damals erzielt er weniger als 20 Dollar wöchentlichen Lohn.
Der Hauptgläubiger dieser kleinen bankrotten Fabrik war ein Finanzmann namensEndicott, der in Boston lebte. Er kam nachzusehen, was man tun könne. Er lernte dort F. Johnson kennen, und Johnsons Vernunft und Ernst machten ihm einen tiefen Eindruck.
»Ich habe kein Geld,« sagte Johnson, »aber ich kann aus dieser Fabrik einen Erfolg machen. Mir liegt nichts an einem Gehalt, aber wenn Sie mir den halben Anteil an der Fabrik für 150 000 Dollar verkaufen wollen, will ich Ihnen meinen Wechsel dafür geben.«
Das war ein erstaunlicher Vorschlag. Er war absurd und riskant, aberEndicottwar ein weiser Mann, und er stimmte zu. Er wettete 150 000 Dollar auf Johnson.
Die kleine Fabrik machte ihre Fortschritte in Riesensprüngen. Sie wuchs, bis Johnson sich als Vater einer Familie von 15 000 fand.
Die Arbeiter seiner Fabrik leben jetzt in zwei Städten, die gänzlich ihnen gehören und die sie »Endicott« und »Johnson« genannt haben.
Sie sind nicht Angestellte im gewöhnlichen Sinne. Sie sind Teilhaber.
Gerade so wieEndicottJohnson zu seinem Teilhaber machte, ohne von ihm Bezahlung für seine Aktien zu verlangen, so hat Johnson aus seinen Arbeitern Teilhaber gemacht.
Vier Fünftel von ihnen arbeiten im Akkord und alle nehmen an dem Nutzen teil, sobald sie ein Jahr lang in der Fabrik tätig gewesen sind.
Alljährlich werden auf die Vorzugsaktien sieben Prozent und auf die Stammaktien zehn Prozent Dividende gezahlt; der gesamte dann noch verbleibende Nutzenwird zu gleichen Teilen zwischen den Arbeitern und den Inhabern der Stammaktien geteilt.
Die Gesellschaft beschließt jedes Jahr, ob der Nutzen in Geld oder in Stammaktien auszuzahlen ist. Für gewöhnlich beträgt der Nutzanteil der Arbeiter 50 Prozent ihres gesamten Lohnes.
Der Hauptunterschied zwischen dieserEndicott-Johnson-Gesellschaft und anderen guten Firmen scheint zu sein, daß die Arbeiter auch ihrerseits volle Leistung geben. Sie geben ebenso wie sie bekommen.
So hat zum Beispiel vor kurzem George F. Johnson die beiden Städte mit einem prachtvollen Denkmal beschenkt, das der Bildhauer Moretti zur Erinnerung an die 1692 Angestellten des Werkes ausgeführt hat, die in dem großen Kriege gekämpft hatten.
Dann wiederum beschenkten die Arbeiter ihrerseits Johnson mit einem schönen Marmorportal. Die gesamten Kosten dieses Bauwerkes trugen die Arbeiter.
Oft hält George F., der Vater dieser beiden Städte, Ansprachen an seine Leute — klare, einfache Ansprachen von eindringlicher Wirkung. So sagte er unter anderem:
»Wenn Sie Besseres leisten, gehört der Nutzen in dieser Gesellschaft Ihnen. Niemand steht da und wartet darauf, ihn Ihnen wegzunehmen.«
»Jeder von uns auf dieser Welt braucht jemand, der uns veranlaßt, unser Bestes zu tun.«
»Wir können unsere Erzeugungskosten herabsetzen, ohne unsere Löhne zu vermindern,
wenn wir alle zusammenwirken wollen, um die Nichtproduzierendenauszuscheiden, die Bremser und die Schmarotzer.«
»Ich bitte euch nicht, irgend etwas für mich zu tun. Ich bitte euch nur, euer Bestes für euch zu tun. Und das Beste, das ihr heute tun könnt, ist noch nicht das Beste, das ihr morgen tun könnt.«
»In diesem demokratischen Geschäft müssen wir uns alle selbst fragen: Wieviel Arbeiter haben wir angestellt, die wir entbehren könnten? Wie viele sind nur eine Belastung und eine Ausgabe für uns?«
»Seid keine Bürde! Schafft keine Hindernisse! Faßt euer Ruder und zieht fest an. Seid der Mühe wert! Tut euer Bestes! Gebt dem alten Geschäft seine Chancen!«