George Westinghouse.

George Westinghouse.

Ich lade Sie ein, fünf Minuten darauf zu verwenden, aus folgenden drei Gründen die Geschichte des George Westinghouse zu lesen:

1. Er war ein Erfinder, der eine Gesellschaft mit zwölf Millionen Pfund Aktien aufbaute.

2. Er war ein Arbeitgeber von fünfzigtausend Arbeitern, die niemals streikten.

3. Er war ein Mann, der reich und berühmt wurde, dabei aber bis zum letzten Tag seines Lebens einfach, freundlich und nützlich blieb.

Westinghouse wurde natürlich, wie die meisten großen Männer, arm geboren. Sein Vater war ein Farmer, der gleichzeitig eine Tischlerei in einem kleinen Dorfe in den Vereinigten Staaten betrieb.

Er wurde 1846 geboren, und es ist erwähnenswert, daß ein Jahr vor seiner Geburt sein Vater sich mit der Erfindung einer Dreschmaschine befaßte. So mag es einen vorgeburtlichen Einfluß gegeben haben, der den Kleinen dazu bestimmte, ein großer Erfinder zu werden.

Als Schüler war der junge George Westinghouse hoffnungslos — wenigstens sagte der Lehrer so. Er war ein großer plumper Junge, stets bereit zu raufen, undmit einem Willen und einem Temperament, die ihn unkontrollierbar machten.

Immer war er der Letzte in seiner Klasse, und Eltern und Lehrer waren begierig, was jemals aus ihm werden würde. Wie Darwin, Edison, Clive und viele andere war er ein »häßliches Entlein«, das aufwuchs, um ein Schwan zu werden.

So oft er konnte, lief er von der Schule fort und schnitzte mit seinem Taschenmesser Maschinen aus Holz. Meist erwischte ihn sein Vater und zerbrach die Maschinen. Väter sind gewöhnlich so.

Schließlich hatte einer der Arbeiter seines Vaters Mitleid mit dem Jungen und richtete ihm auf einem Heuboden eine kleine Werkstatt ein, fern von den väterlichen Eingriffen.

Mit 14 Jahren verließ er die Schule und wurde für zwei Schilling pro Tag Arbeiter bei seinem Vater. Aber auch dieser Betrag war nach Ansicht von Westinghouse Senior noch zu viel, weil der Junge seine Zeit damit zubrachte, eine Maschine zu erfinden, welche die Arbeit an seiner Statt verrichten sollte.

»Sein einziger Wunsch ist, die Arbeit zu vermeiden«,

sagte der Vater, der ihn nicht verstehen konnte.

Mit siebzehn Jahren wurde er Soldat im amerikanischen Bürgerkrieg. Er trat bei der Kavallerie ein, weil er dachte, daß Reiten leichter wäre als zu Fuß zu gehen; und er war sehr enttäuscht, als er merkte, daß er für sein eigenes Pferd zu sorgen habe.

Mit 19 Jahren bezog er die Universität, aber er fühlte sich dort so wenig am Platz wie ein Fisch in einem Sack Federn. »Es war zum Verzweifeln mit ihm«, sagte einerder Professoren. »Sein Gehirn sehnte sich nach schöpferischem Tun, nicht nach dem Auswendig lernen von toten Sprachen und Ideen.«

So ging der junge Westinghouse auf den Rat des Universitätspräsidenten wieder nach Hause und wurde Mechaniker. Er arbeitete für seinen Vater für acht Schilling den Tag.

Mit 20 Jahren hatte er das Glück, einen Eisenbahnunfall zu erleben. Zwei Waggons entgleisten und die Linie war zwei Stunden lang gesperrt.

Sofort dachte er an eine Erfindung, um die Wagen in einer halben Stunde wieder in das Geleise zu bringen. Er erhielt ein Patent und fand tatsächlich zwei Leute, die um je tausend Pfund Anteile an dem Patent erwarben.

Das war der Anfang seiner wirklichen Karriere. Von diesem Augenblick an wendete er sein ganzes Leben an die Erfindung von Verbesserungen für Eisenbahnen.

Um diese Zeit verliebte er sich auch. Er lernte ein schönes Mädchen namens Marguerite Walker in einem Eisenbahnwaggon kennen — all sein Glück kam immer von Eisenbahnen. Er heiratete sie, und sie wurde seine unzertrennliche Genossin in allen seinen Erfolgen und Mißerfolgen.

In ihrer Art war sie gerade so klug und originell wie er.

Sie war ihm immer mehr als die ganze Welt.

Wie sie ihm im Leben folgte, folgte sie ihm auch rasch im Tode.

Bald nach seiner Heirat sah Westinghouse einen zweiten Eisenbahnunfall. Zwei Züge waren zusammengestoßen.Die Strecke war eben und gerade. Er fragte, warum der Zusammenstoß erfolgt sei.

»Die beiden Lokomotivführer sahen einander, aber sie konnten nicht anhalten,« sagte der Bahnhofsvorsteher. »Sie hatten zu wenig Zeit. Man kann einen Zug nicht in einem Augenblick bremsen!«

Westinghouse hörte nicht auf, zu fragen: Warum? Er studierte das altmodische Handbremssystem und fand, daß es unzulänglich sei.

Monatelang studierte er das System. Er versuchte es mit einer langen Kette, die der Führer anziehen sollte. Aber das war zu schwerfällig. Er versuchte Dampf, aber der wurde von Hitze und Kälte beeinflußt.

Dann kam ein glücklicher Zufall. Eines Morgens kam eine junge Dame in sein Bureau und versuchte, ihn als Abonnenten auf eine Monatsschrift, genannt »The Living Age« (Das lebende Zeitalter), zu gewinnen. Westinghouse lehnte ziemlich kurz angebunden ab, und traurig wendete sie sich weg. Da bemerkte er, daß sie sanft und schüchtern war, und bedauerte seine Grobheit. Er rief sie zurück und gab ihr acht Schilling.

»Sie können mir Ihre Monatsschrift einige Monate lang schicken,« sagte er.

Bald kam die erste Nummer, und Westinghouse, der niemals viel gelesen hatte, war erstaunt, einen Artikel zu finden, der ihm das Problem der Bremse löste.

Der Artikel hieß »Im Mont Cenis Tunnel«. Er stammte von einem englischen Ingenieur und erzählte, wie der Tunnel durch die Anwendung von Preßluft gegraben worden war.

Der englische Ingenieur (ich wollte, ich wüßte seinen Namen) erzählte, wie die Preßluft dreitausend Fuß weitdurch eine Röhre herangebracht und dazu verwendet wurde, um einen Bohrer durch das Felsgestein des Mont Cenis zu treiben.

Westinghouse schrie auf vor Freude! Hier war der Wink, den er gebraucht hatte. Wenn Preßluft verwendet werden konnte, um einen Bohrer zu treiben, warum konnte sie nicht verwendet werden, um die Bremsen eines Zuges anzuziehen?

Er legte alles andere beiseite und stürzte sich in die Aufgabe, die erste Luftbremse zu konstruieren. In wenigen Wochen hatte er eine hergestellt. Sie funktionierte. Im Nu war er einer der größten Erfinder der Welt geworden.

Natürlich begegnete er den üblichen Schwierigkeiten, denen sich jeder Pionier gegenüber sieht. Die Eisenbahnleute hielten ihn für einen Narren. Sein eigener Vater lehnte es ab, ihm für solch ein »Kinderspielzeug« wie eine Luftbremse Geld zu leihen.

Westinghouse wanderte von einem Eisenbahnbureau zum andern und wurde von den meisten Eisenbahndirektoren wie ein harmloser Irrer behandelt.

»Einen Zug durch Wind aufzuhalten! Was denn sonst?«

Schließlich fand er einen Fachmann, der Mut und Vernunft hatte — Mr. W. W. Card von der Panhandle-Eisenbahn.

Mr. Card war bereit, Westinghouse einen Versuch zu gestatten, aber nur unter der Bedingung, daß dieser die Ausgaben selbst trage.

Zu dieser Zeit hatte Westinghouse überhaupt keine Geldmittel — aber er stimmte zu. Dann lief er zu allenseinen Freunden und borgte jeden Heller, den er bekommen konnte. Es war ein junger Mann namens Ralph Baggaly, der ihn besonders unterstützte.

Eine Versuchsfahrt wurde unternommen. Der Lokomotivführer war ein eifriger junger Mann namens Daniel Tate. Unmittelbar vor der Abfahrt gab ihm Westinghouse eine Zehnpfundnote als Trinkgeld: »Gib der Bremse eine gute Chance, Dan!« sagte er. Es war alles Geld, was Westinghouse hatte, und auch dieses war geliehen.

Dann ereignete sich ein glücklicher Zufall. Der Versuchszug lief dreißig Meilen die Stunde, als ein Fuhrwerk das Geleise kurz vor ihm zu kreuzen versuchte. Der Kutscher hieb auf die Pferde ein, aber diese scheuten rückwärts und schleuderten ihn zwischen die Schienen.

Tate zog die Luftbremse an. Der Zug blieb stehen — vier Fuß vor dem am Boden liegenden Kutscher. Das war das sensationelle Debut der Luftbremse. Danach regnete es viele Aufträge und viele Zehnpfundnoten.

Drei Jahre später kam Westinghouse nach England und schlug seine zweite Schlacht mit den Eisenbahndirektoren. Sein bester Freund war die Zeitung »Engineering«, die von Anfang an seine Sache verfocht. Und sein erster Auftrag kam von der Metropolitan District Railway in London.

Im Jahre 1881 war die Luftbremse bereits in allgemeiner Verwendung. Westinghouse hatte eine große Fabrik in Pittsburg. Mit 35 Jahren war er reich und berühmt geworden.

Er lebte dann noch 33 Jahre, und jedes davon war von neuen Ideen und Erfindungen erfüllt. Er stürztesich auf Elektrizitätswerke und Gasmaschinen. Er ließ neue Fabriken aufsprießen wie ein Farmer den Weizen.

»Niemand kann erraten, wo der Alte das nächste Mal ausbrechen wird«, pflegten seine Leute zu sagen.

Das Beste aber war, daß sein Erfolg ihn nicht verdarb.

Er hatte einen starken Willen und war beherrschend, wie es jeder Führer sein muß. Aber er verlor niemals die Fühlung mit seinen Leuten.

Seine Arbeiter standen stets loyal zu ihm. Wenn seine Bankiers nur halb so loyal zu ihm gestanden wären, hätte er niemals die finanzielle Kontrolle über sein Geschäft verloren.

Einmal boten ihm seine Arbeiter an, gegen halben Lohn zu arbeiten, weil sie wußten, daß er Geld brauchte.

Ein andermal brachten seine Leute 120 000 Pfund auf, um ihm durchzuhelfen zu einer Zeit, in der ihn die Banken hart bedrängten.

Ernst, zäh, ehrenhaft, anständig, angriffslustig, optimistisch, energisch, mutig — so war George Westinghouse. Er war stolz auf seine Arbeiter. Er erzog sie und arbeitete an ihrer Seite. Er liebte sein Werk und seine Werkleute. Und als er im Jahre 1914 starb, trugen die Bahre acht alte Mechaniker, die mehr als vierzig Jahre lang seine Mitarbeiter gewesen waren.


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