Lord Rhondda.

Lord Rhondda.

Dies ist die Geschichte des Mannes, der, ohne ein Redner zu sein, sein Leben lang der »ungekrönte König von Wales« war — D. A. Thomas, der in den letzten beiden Jahren seines Lebens als Lord Rhondda bekannt war.

»D. A.«, wie seine Freunde ihn nannten, war der größte Geschäftsschöpfer, den Wales jemals hervorgebracht hat.

Er war der Schöpfer der »Cambrian Coal Combine« — einer Gartenstadt von 12 000 gutbezahlten Bergleuten. Er gründete mehr als 30 Gesellschaften, und was immer er anfaßte, wurde ein Erfolg.

Als er im Jahre 1918 starb, betrug sein Vermögen gegen 685 000 Pfund — aber er hätte leicht doppelt so viel haben können. Er war immer mehr darauf bedacht, ein Geschäft aufzubauen, als seinen Anteil an dessen Nutzen hereinzubekommen.

D. A. Thomas war ein kaufmännischer Abenteurer von der Art, die das britische Weltreich aufgebaut hat. Er war mehr als das — er war ein unabhängiger Denker.

Er war so unabhängig, daß er noch nicht seinem vollen Werte nach gewürdigt worden ist, wie Sie beim Lesen der folgenden kurzen Skizze seiner Laufbahn sehen werden.

Er wurde vor 70 Jahren in einem kleinen Dorfe in Wales, dessen Namen ich nicht buchstabieren kann, geboren. Sein Vater war ein Krämer, der ein Kohlengeschäft angefangen hatte und dies sehr bedauerte.

Man erzählt, daß sein Vater vor seinem Kohlenlager stand und sich von seinen Verlusten sehr bedrückt fühlte, als ein Nachbar mit der Nachricht zu ihm kam: »Es ist ein Junge.«

»Gut«, sagte der Vater. »Ich weiß zwar nicht, was aus ihm werden soll. Für uns gibt es nur noch das Armenhaus.«

Der junge D. A. war anfangs ein zarter Knabe, aber er trainierte sich zu einem Athleten. Er wurde ein guter Geher, Schwimmer und Radfahrer. Er war auch ein geschickter Boxer, und ungeachtet seiner Kurzsichtigkeit wurde er Mittelgewichts-Champion von Cambridge.

Er war immer mutig. Als junger Bursche gewann er die Medaille der »Royal Humane Society« für eine Lebensrettung. Er sprang in einen eisigen See und zog einen Mann aus dem Wasser.

Als er 21 Jahre alt war, starb sein Vater, und er begann ein selbständiges Geschäft. Mit 26 Jahren heiratete er Sybill Haig, die Tochter eines Kohlenbergwerksbesitzers. Sie hatten ein Kind, die gegenwärtige Viscountesse Rhondda, die jetzt die weitausgedehnten Interessen ihres Vaters verwaltet.

D. A. beschäftigte sich mit Politik nicht weniger als mit dem Geschäft. Aber als Politiker hatte er keinen Erfolg, oder besser gesagt, er war nicht der Mann, sich in den schlüpfrigen Winkelzügen des Parlaments zurecht zu finden.

Er war ein Liberaler, aber er ließ sich durch keineFührung beeinflussen. Er war kein angestelltes Parlamentsmitglied mit dem Namen seines Meisters auf seinem Halsband.

Er war unabhängig. Das ist das Wort, das in diesen Tagen der Maschinenmenschen besonders betont werden muß.

Die kunstreichen Ränkemacher der Politik fürchteten und haßten ihn. Er war zu tüchtig — zu ehrenhaft — zu furchtlos, um ein Mitglied der Mitglieder zu werden.

Wie Leverhulme wurde er von den Kabinettsmachern vollkommen vernachlässigt. Es ist eine auffallende Tatsache, daß D. A. Thomas 25 Jahre lang dem Parlament angehört hat und niemals ein wichtiges Amt bekleidet hat.

Im Jahre 1910 gab er die Politik auf. Es wurde ihm klar, daß er vollständig ungeeignet war, das Spiel der Politik mitzumachen. Er war kein guter Redner. Seine Stimme war schwach, und er hatte nie daran gedacht, sie auszubilden. Er hatte eher eine Verachtung für fließendes Reden: in einem Lande, das stets von redegewandten Leuten regiert worden war, entschieden ein Fehler!

Stets zog er das Geschäft der Politik vor. Das Geschäft war sein Leben. Er liebte seine Aufregungen und seine Nützlichkeit. Immerwährend las er Bücher über Geschäft.

Er war kein Zuschauer. Er war voll Energie — durchaus Tatmensch. Er liebte seinen großen Schreibtisch in seinem großen Bureau in dem Cambrian-Gebäude in Cardiff.

Er hatte einen stahlharten Willen, aber er war wedergrob noch laut. Er war ein ruhiger, zäher, schlauer Mann, der alles vorauszusehen schien.

Er hatte auch Streiks, natürlich. Niemand kann die Bergleute von Süd-Wales beschäftigen, ohne Streiks zu haben. Aber selbst die Streikleiter achteten D. A. und sympathisierten mit ihm, wenn die Schlacht einmal vorüber war.

Sein ganzes Leben lang war er ein Gegner der Staatskontrolle. Sein einziger Fehler in dieser Hinsicht war sein Vorschlag, ein Gesundheitsamt zu errichten. Er widersprach der Staatsidee amtlich fixierter Löhne, ohne Rücksicht auf seine persönlichen Vor- oder Nachteile.

Er hatte eine Menge Feinde — Leute, die versucht hatten, ihn zu narren, ihn zu betrügen oder ihn zu bedrohen. »Kein Mann ist sein Salz wert,« sagte er, »der keine Feinde hat.«

Er verachtete langsame, verschlagene und unverläßliche Leute. Er war kein Idealist. Er wußte, was Menschennatur ist. Aber er war durchaus für ein faires Spiel und Festhalten an seinen Regeln.

Als er reich wurde, verdarb ihn sein Geld nicht. Er wurde niemals ein Nabob. Er war immer gesellig. Er liebte die Arbeiter und zog jederzeit ein Kohlenbergwerk dem Hause der Lords vor.

Er liebte die Landwirtschaft, aber er konnte sie nie einträglich gestalten. Wer kann es? Er hatte eine große Herde von Hereford-Schafen und einen großen Landsitz in Monmouthshire.

Während des Krieges legte er alle Privatangelegenheiten beiseite und stellte seine volle Energie der Regierung zur Verfügung.

Er und seine Tochter waren an Bord der »Lusitania« bei ihrem Untergang, wurden aber aufgefischt und gerettet. Kaum in England angelangt, wurde er ersucht, wieder den Ozean zu kreuzen — und er tat es. Er war ein Mann ohne Furcht.

Als Nahrungsmittelkontrolleur hatte er mehr Erfolg als irgendein anderer Träger dieses Amtes in irgendeinem andern Land. Jedermann fühlte, daß er vollkommen gewissenhaft vorging und daß, was immer er tat, das Rechte war.

Schließlich, im Jahre 1918, wurde er von seiner Bürde erdrückt. Er starb — 20 Jahre zu früh. Er gab sein Leben für sein Land, so gut wie irgendein Kämpfer.

Er war ein charakteristischer britischer Geschäftsmann vom vornehmsten Typ. Er liebte Wales, seine Bergleute und das ganze Land. Seinen Adelstitel nahm er von dem Rhonddatal, wo seine Bergleute lebten. Und er überschüttete Cardiff mit Geschenken.


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