Sir Swire Smith.

Sir Swire Smith.

Vor ungefähr zehn Jahren gab es in der Stadt Keighley in Yorkshire ein bemerkenswertes Begräbnis. Mehr als 700 Trauergäste schritten hinter einer Bahre einher, während Tausende die Straßen säumten.

Der beste Maßstab, um den Erfolg eines Menschen im Leben zu beurteilen, ist die Größe seines Begräbnisses. Es ist eine endgültige Demonstration seiner Fähigkeit, Freunde zu gewinnen.

Demgemäß war Sir Swire Smith erfolgreich. Er hatte 76 Jahre menschlicher Zeitrechnung gelebt — in der Wertung seines Lebens war er einer der Höchststehenden seiner Generation.

Sir Swire Smith war ein Meisterspinner. Er war auch ein Sportsmann — ein Witzbold — ein Sänger — ein Weltreisender — ein Erzieher — ein guter Kamerad — ein Pionier.

Er war der »Peter Pan« von Yorkshire. Mit 76 Jahren war er jünger, als die meisten Menschen mit 30.

Er war im Jahre 1842 in einem kleinen Häuschen von Keighley geboren. Sein Vater hatte ein kleines Maschinengeschäft. Auch war er Methodist, und der junge Swire wurde nach den strengen Regeln von John Wesley erzogen.

Er war ein lustiger Junge mit blauen Augen und gelocktem Haar. Wie alle normalen Jungen, war er voll Übermut. Mit 16 Jahren begann er in einer Spinnerei zu arbeiten.

Mit 20 Jahren fing er seine eigene Wollspinnerei mit einem Kapital von 360 Pfund Sterling an. Er hatte keinen besonderen Erfolg, weil er zu keiner Zeit sehr eifrig auf Gelderwerb bedacht war. Das Wollgeschäft war matt und unbeständig und voll Unsicherheit.

Swire Smith fand sich selbst nicht früher, als in seinem 25. Jahr. Um diese Zeit hörte er eine Vorlesung von Samuel Smiles, dem Verfasser von »Hilf dir selbst«.

Damals bereiste Samuel Smiles England und Schottland nach allen Richtungen, schrieb und sprach über wirksamen Betrieb und die Notwendigkeit technischer Ausbildung. Er war ein Rufer in der Wüste. Er zeigte Britannien, daß Deutschland und Amerika im Begriff seien, vorzustoßen.

Diese Warnungen entflammten Swire Smith. Er wurde sofort Sekretär des »Mechanics Institute«.

Zu jener Zeit lebten in Keighley nur gegen 20 000 Menschen, und die wenigsten von ihnen kümmerten sich auch nur im mindesten um technische Erziehung — aber der junge Swire ließ nicht nach. Er brachte 11 000 Pfund Sterling für eine technische Schule auf, die im Jahre 1870 eröffnet wurde. Ihr Zweck war, die Prinzipien von Wissenschaft und Kunst auf die Betätigung in Handel und Wandel anzuwenden. Keighley wies den Weg, aber England folgte nicht. Hätte es gefolgt, es wäre heute in einer viel glücklicheren Lage.

Die kleine Schule von Keighley brachte Northrop, den Erfinder des automatischen Webstuhls hervor. Aus ihrkam W. H. Watkimson, der die »Husch-Husch-Boote« erfand, und Alfred Fogler von dem Kgl. Kollegium der Wissenschaften.

Sie brachte Leben in das Parlament, und das Ergebnis war das Gesetz vom Jahre 1889 über technische Ausbildung. Dieses Gesetz gab ähnlichen Schulen Millionen Pfund Sterling. Zu dieser Zeit führte die Keighley-Schule mit 1400 Schülern.

Die Vereinigten Staaten folgten ebenso dem Beispiel von Keighley wie England. Andrew Carnegie, ein lebenslanger Freund von Swire Smith, besuchte Keighley, sah die Schule und gründete sofort nach seiner Rückkehr nach Pittsburgh die größte technische Schule Amerikas.

Wie Sie sehen, entsprang alles dieses dem Enthusiasmus eines jungen 24jährigen Mannes, der eine Vorlesung von Samuel Smiles über wirksamen Betrieb gehört hatte.

Mit 39 Jahren überredete Swire Smith die Regierung, eine königliche Kommission für technische Erziehung zu ernennen. Er und sechs andere wurden ihre Mitglieder.

Diese Kommission ging nach Deutschland und entdeckte viele überraschende Tatsachen: sie fand 8000 Schüler in den Gewerbeschulen von Hamburg; sie fand, daß die Technische Hochschule von Stuttgart, einer keineswegs sehr großen Stadt, mehr Studenten hatte als Liverpool.

Sie ging nach Frankreich, der Schweiz, Amerika und Kanada, und ihr Bericht brachte Fortschritt und Bewegung in die meisten britischen Industrien. Wie die Regierung zugab, war dieser Bericht zum größten Teilaus den Notizen von Sir Swire Smith zusammengestellt worden.

Als Arbeitgeber gab Sir Swire Smith ein gutes Beispiel. Sein Plan war, »die besten Leistungen durch Zahlung der höchsten Löhne« zu erzielen. Er begann die Ausbildung seiner Angestellten in seiner eigenen Spinnerei und zahlte die halben Kosten einer besseren technischen Schulung für jeden Arbeiter, der sie wünschte.

Wenn er zu Hause war, ging er täglich zweimal durch seine Werke. Er kannte alle seine Arbeiter bei Namen und frühstückte zusammen mit ihnen in der Kantine.

Einmal war er entzückt, als ein kleiner Junge auf der Straße einmal zu einem anderen sagte: »Sieh mal, der Mann arbeitet in unserer Spinnerei.«

Swire Smith war ein Anhänger des Grundsatzes: »Vergnügen und 40 Prozent«, aber er schätzte das Vergnügen höher als die vierzig. Sein Glaubensbekenntnis war: »Wenn dein Geschäft deine Lebensfreude beeinträchtigt, dann gib lieber dein Geschäft auf.«

Sein größter Fehler vom finanziellen Standpunkt war, daß er seine Ersparnisse vollständig in Florida und in Texas anlegte. Hätte er sie in Keighley angelegt, so wäre er aller Wahrscheinlichkeit nach ein Millionär geworden. Im ganzen verlor er gegen 60 000 Pfund Sterling dadurch, daß er sie in den Wildnissen der Vereinigten Staaten anlegte.

Im Anekdotenerzählen hatte er kaum seinesgleichen. Wo immer er war, gab es Gelächter. Sein Anekdotenschatz war unerschöpflich.

Er hatte eine sehr schöne Baritonstimme und war immer bereit, eine alte Ballade oder eine Stelle aus einer Oper zu singen.

Als Sprecher war er lebhaft, unterhaltend und praktisch. Er war nicht im geringsten steifleinen. Ehrungen machten ihm keinen Eindruck. Bis an seines Lebens Ende blieb er ein Junge — kurz vor seinem Tode lernte er noch einen neuen Tanz und schrieb ein paar Kindern lustige Briefe.

Er blieb unverheiratet, obwohl er sehr oft verliebt war. Er war niemals einsam. Die Welt war seine Familie. Keighley sollte ihm ein vornehmes Denkmal setzen.


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