Michael Faraday.
London war im Jahre 1796 noch keine besondere Stadt. Noch war Bermondsey zu jener Zeit eine besondere Gegend in London. Ebensowenig war die Jacob-Street in Bermondsey eine Attraktion. Noch war es der Mietstall in der Jacob-Street.
Über diesem Mietstall aber waren einige Zimmer zu vergeben, und diese mietete ein Schmied aus Yorkshire, der vier kleine Kinder hatte.
Und eines dieser Kinder war ein ruhiger kleiner Junge, fünf Jahre alt, mit Namen Michael. Des Vaters Name war Faraday.
Nicht wahr? Das war kein besonderer Anfang für ein Leben? Und doch wuchs dieser kleine Michael heran, um
der Begründer der Wissenschaft von der Elektrizität
zu werden.
Unzweifelhaft sitzt in einem stillen Winkel des Himmels eine kleine Gruppe kongenialer Geister beisammen und plaudert über die Gesetze des Weltalls. Da sind Newton und Franklin, Darwin und Wallace, Huxley und Pasteur, und in ihrer Mitte sitzt, dessen bin ich sicher, Faraday mit seinem leuchtenden Antlitz, und erzählt ihnen, wie man kleinen Kindern wissenschaftliche Tatsachen beizubringen hat.
Doch, um auf die Erde zurückzukommen, für den jungen Michael Faraday war kein goldener Löffel bereit. Die Nahrungsmittel waren teuer — der Lohn desSchmiedes war niedrig, und so gab es für ihn überhaupt keinen Löffel. Seine Mutter gab ihm einmal in der Woche einen Laib Brot — das war alles.
Was seine Schulbildung anbetrifft, so hatte er wenig oder gar keine. Kaum konnte er gehen, mußte er Geld verdienen.
Es ist eine bemerkenswerte Tatsache, daß Faraday, der einer der höchstgebildeten Männer Englands wurde, Oxford niemals sah, bevor er dahin ging, um seine Professoren zu unterrichten.
Mit dreizehn Jahren hatte der junge Michael Glück. Er wurde als Laufjunge in einer Buchhandlung in der Nähe von der Baker-Street angestellt. Hier fand er zum ersten Male in seinem Leben Zeitungen und Bücher.
Eines schönen Tages, als er gerade vierzehn war, fand er ein kleines Buch über Chemie. In diesem Augenblick begann seine Laufbahn.
Er begann abends Experimente zu machen. Er wohnte in einem ganz kleinen Schlafzimmer im Hause des Buchhändlers; eine gutmütige Köchin stellte ihm dort aus ihrer Speisekammer das Material für diese Experimente bei.
Mit zweiundzwanzig Jahren bekam er ein Geschenk, das für ihn mehr wert war als alles Gold der Bank von England; einer seiner Kunden gab ihm eine Anweisung auf einen Lehrkurs bei Sir Humphry Davy, dem größten Chemiker seiner Zeit.
Er fiel auf bei diesen Vorlesungen — der schlanke bleiche Bursche mit den neugierigen Augen. Er war der jüngste unter den Anwesenden. Er machte sich Notizen und stellte aus ihnen ein illustriertes Buch zusammen. Als er soweit war, gab er es auf, sich vom Schicksal treibenzu lassen und beschloß, für sich selbst zu handeln. Er schrieb an Sir Humphry Davy, schickte ihm sein Buch und bat um eine Anstellung als Eleve der Wissenschaft.
Sir Humphry schickte nach ihm, fand Gefallen an ihm und verschaffte ihm eine Anstellung als Assistent im Laboratorium der »Royal Institution«. Er begann mit fünfundzwanzig Schilling Wochenlohn.
Nun hatte er seine eigene Leiter zum Ruhm gefunden,
und er stieg ihre Sprossen im Gleichmaß hinan, bis er den Gipfel erreichte.
Seine erste Aufgabe war, Sir Humphry selbst auf einer zwei Jahre währenden Europa-Reise zu begleiten. So lernte er die Gelehrten von Paris, Genua, Florenz, Rom, Neapel und Genf kennen. Mit fünfundzwanzig Jahren veröffentlichte er seine ersten wissenschaftlichen Artikel. Dann, mit neunundzwanzig, machte er seine große Entdeckung der elektromagnetischen Rotationen.
Das war die Geburt des elektrischen Motors, der heute unsere Omnibusse, unsere Straßenbahnen, unsere Maschinen bewegt. Faraday hat diese Entdeckung vor über hundert Jahren gemacht.
Im nächsten Jahre verliebte er sich und heiratete ein einfaches Mädchen, das in dem Nachbarkirchenstuhl in der kleinen Kapelle saß, in der er jeden Sonntag dem Gottesdienste beiwohnte. Ihr Name war Sarah Barnard.
Sie lebten dann ununterbrochen glücklich — 46 Jahre —, blieben aber kinderlos.
Mit 32 Jahren war er einer der führenden Gelehrten der Welt. Er war Mitglied der Royal Society und einer der Direktoren der Royal Institution, bei der er mit 25 Schilling Wochenlohn begonnen hatte.
Jetzt kam die Gelegenheit, reich zu werden: Große Summen wurden ihm geboten, um seine Mitarbeit als Chemiker zu gewinnen. Er besprach die Sache mit seiner Frau, und sie kamen zu dem Beschluß, daß er keine Zeit habe, um reich zu werden.
Er begann eine Arbeit, die 23 Jahre dauerte, sein großes Buch über »Experimentelle Forschungen in der Elektrizität«. Dieses Buch führte die Wissenschaft der Elektrizität von Morgendämmerung zu hellem Tage. In fünfundsiebzig Jahren wurde es in mancher Beziehung bis heute noch nicht überholt.
Faraday war ein Philosoph nicht weniger als ein Gelehrter. Es war
die große Leidenschaft seines Lebens,
zu zeigen, daß das Weltall aus einer einzigen Energie und nicht aus siebzig oder achtzig Elementen besteht.
Sein Geist suchte den geschlossenen Geist der Wahrheit zu erfassen. Er stieg von Tatsachen zu Prinzipien auf, von Prinzipien zur universellen Zusammenfassung. Er fühlte das Gleichmaß im Wesen der ganzen Welt — in Pflanzen, Elementen, Tieren, Menschen, in allem.
Er war ein Mann — so gütig, daß Kinder sich um ihn drängten, wo immer er ging — so stark, daß er eine Entschuldigung von Lord Melbourne erzwingen konnte.
Faraday und seine Frau verbrachten ihre letzten Lebensjahre in einem Landhaus in der Nähe von Hampton Court, das Königin Viktoria ihnen überlassen hatte. Hier saß er und erzählte den Kindern, die auf seinen Knien saßen, die Märchen der Wissenschaft, ihnen und auch den weisesten Gelehrten, die aus allen Weltteilen kamen, um den Meister zu sehen.