Robert Clive.
Wenn wir fragen: »Wer hat das britische Weltreich aufgebaut?«, dann ist die Antwort: »Viele haben daran gearbeitet, doch Clive am meisten von allen.«
Das weite Indien mit seinen 325 Millionen Einwohnern — drei Viertel des britischen Imperiums — wurde von einem Mann, ohne irgendwelche Hilfe der britischen Regierung, dem Reiche eingebracht.
Dieser eine Mann war Robert Clive — ein armer bürgerlicher Junge aus Shropshire mit geringer Erziehung.
Er vollendete seine Tat ohne den Beistand von Geld, Einfluß oder militärischer Ausbildung.
Er raffte einen Haufen Arbeiter und indischer Sepoys zusammen und machte sie zu Eroberern eines Fünftels der bewohnten Erde.
Und als er dann dieses Fünftel der bewohnten Erde der britischen Krone überreichte, wurde er vom Parlament als ein Kriegsgewinnler getadelt.
Clive wurde 1725 in einem Shropshire-Dorf geboren. Sein Vater war ein vergrämter Mann ohne Erfolge — halb ein Anwalt und halb ein Farmer.
Als Junge war Bob Clive stets in Schwierigkeiten. Er war immer der böseste Knabe des Dorfes; und jedermann meinte, er würde ein schlimmes Ende nehmen.
Er war tapfer wie ein Bullenbeißer und von furchterregendem Temperament. Er war immer in Kämpfen. Er organisierte die kleinen Jungen des Dorfes und erhob Tribut von den Geschäftsleuten als Bezahlung für den Schutz gegen andere Jungen.
Einmal kletterte er auf den Kirchturm und ließ sich auf der obersten Spitze nieder. Er war ein verwegener Junge und ein geborener Kampfhahn. In der Schule war er vollkommen unbrauchbar. Er versuchte eine nach der anderen, aber keine konnte ihm Respekt abgewinnen. Er war das schwarze Schaf der Familie, verachtet und abgelehnt von der ganzen Stadt.
So sandte der Vater in Verzweiflung den Achtzehnjährigen nach Indien in ein Geschäft.
Der junge Clive erreichte Indien nach einer einjährigen Reise. Sein Geld war verausgabt, er stak in Schulden. Sein Gehalt war kleiner als das irgendeines Stenotypisten heute. Er logierte in einer kleinen schäbigen Dachkammer.
Das war Clives erster Einzug in Indien.
Das erste, was er tat, war, ein Duell mit einem Bramarbas auszutragen; das trug ihm sein erstes bißchen Ansehen ein.
Das zweite war, daß er sich mit dem Gouverneur anfreundete, der eine gute Bibliothek hatte. Er erzog sich selbst, wie es fast alle großen Männer tun.
Zu dieser Zeit dominierten die Franzosen in Indien. Auch die Holländer waren einflußreich. Aber die Britenwaren Außenseiter. Sie wurden mehr als Hausierer angesehen.
Die Franzosen griffen das kleine Fort an, in dem Clive als Angestellter arbeitete, und fingen jedermann, außer Clive: Der sprang über einen Zaun und entkam.
Dies Ereignis begründete seine Karriere. Er wurde sogleich Soldat und studierte militärische Taktik.
Vier Jahre später wurde er Hauptmann, organisierte 200 Engländer und 300 Sepoys — eingeborene Inder — und begann als ein privater, selbständiger Abenteurer die Franzosen zu verjagen.
Er hatte Erfolg. Er stürmte ein französisches Fort und nahm es in Besitz. Eine Armee von dreitausend Mann wurde gegen ihn ausgesendet, aber er griff sie unter dem Schutze der Nacht an und zersprengte sie.
Eine zweite Armee von zehntausend Mann wurde aufgeboten, um ihn zu überwältigen, aber er verschanzte sich, kämpfte fünfzig Tage und siegte endlich durch einen Ausfall.
Er verschaffte sich weitere neunhundert Soldaten und vertrieb die Franzosen aus Indien.
Nur ein junger Buchhalter von fünfundzwanzig Jahren — und nun plötzlich der tüchtigste britische General!
Mit siebenundzwanzig Jahren kam er nach England zurück und heiratete ein schönes Mädchen — Miß Maskelyne — die er liebte.
Seine Familie war erstaunt über seine Fortschritte. »Schließlich«, grollte sein Vater, »hat der Bub doch etwas in sich.«
Clive war jetzt reich geworden. Er zahlte die Schulden seines Vaters und rettete den Familienbesitz.
Zwei Jahre führte er ein lustiges Leben und gab sein Geld mit vollen Händen aus. Er wurde in das Parlament gewählt, jedoch bald wieder hinausgeworfen. Eine Parteiabstimmung brachte ihn um seinen Sitz.
Er fing an, zu erfahren, wie England jene zu behandeln pflegt, die seine Größe begründet haben.
Bald war sein ganzes Geld ausgegeben, und mit dreißig Jahren ging er nach Indien zurück. Er wurde Gouverneur in der Ostindischen Gesellschaft.
Er kam gerade rechtzeitig zurück, um die tragischen Neuigkeiten des »Black Hole« (Das schwarze Loch) von Kalkutta zu hören. Ein bengalischer Nabob hatte 146 Engländer in einen Kerker von zwanzig Quadratfuß geworfen. Nur dreiundzwanzig überlebten es.
Clive wartete nicht auf Befehle oder auf die Unterschrift formeller Anordnungen. Er ging sofort zur Tat über. Er sammelte dreitausend Leute und griff den Nabob an. Der Nabob hatte eine Armee von achtundfünfzigtausend. Es kam zu einer heftigen Schlacht, in der 19 : 1 gegen Clive standen.
Clive zog sich nicht etwa zurück, um in gewandtem literarischen Stil ein Buch zu schreiben und die Technik seiner Niederlage zu begründen.
Er nahm den Kampf auf und siegte. Er zerschmetterte die Armee des Nabob. Sie hatte Elefanten in ihrer Front, die bei ihrer Umkehr und Flucht die eigenen Massen der Eingeborenen niedertraten.
Das war die Schlacht von Plassey.
Der Nabob wurde gefangen und innerhalb einer halben Stunde hingerichtet. Von diesem Augenblick an warIndien britisch.
Hätte Clive gewollt, so hätte er Kaiser von Indien werden können. Er hätte seine Siege zu seinen eigenen Gunsten ausnützen, er hätte eine Dynastie und eine Flagge begründen können.
Er tat es nicht. Wahrscheinlich kam ihm niemals der Gedanke. Er fühlte sich als Engländer und er handelte für England.
Durch den Sieg von Plassey wurde er der Meister der Schätze von Bengalen. Er hatte die Macht, sich ihrer zu bedienen, und er nahm 300 000 Pfund Sterling als einen fairen Tagelohn für eine faire Tagesarbeit.
Eine zweite Armee von vierzigtausend Mann marschierte gegen ihn auf. Er drillte seine kleine Schar von dreitausend Mann und nahm die Schlacht auf. Wieder gewann er. Und wieder machte er sich ein Vermögen.
Dann zogen die Holländer eine dritte Armee zusammen. Clive zersprengte sie nach seiner Gewohnheit mit einer Handvoll Engländer und Sepoys. Diese Schlacht machte ihn endgültig zum Herrn von Indien.
Wieder kehrte er nach England zurück und wurde warm aufgenommen. Er wurde zum Lord gemacht. Pitt nannte ihn einen »vom Himmel gefallenen General«. Er lebte großartig in Berkeley Square und hatte zwei Paläste auf dem Lande. Und das alles mit vierunddreißig Jahren!
Sein Einkommen war 40 000 Pfund Sterling jährlich; aber er sorgte sich wenig um Geld. Er war sehr freigebig. Das erste, was er tat, war, seinen Eltern und Verwandten 50 000 Pfund Sterling zu geben. Er trieb alle Clives in England auf und gab ihnen einen Anteil an seinem Golde.
Mehrere Jahre lang führte er ein glänzendes Leben.Er war Parlamentsmitglied geworden. Er lebte gut und half seinen Freunden. Es war seine glücklichste Zeit.
In Indien aber brachen neue Unruhen aus. Er wurde gebeten, wieder hinauszugehen, und er stimmte zu. Was er vorfand, war Unterdrückung der Eingeborenen, alle Art Räubereien und Korruption.
Sofort bewies er sich sowohl als Staatsmann wie als General. Er beseitigte die Bestechungen.
Er entfernte eine Menge Schurken aus den Ämtern.
Er machte die Regierung wieder ehrlich. Er verwaltete die Justiz wie stets als ein Freund der Inder.
Ein Nabob schenkte ihm 60 000 Pfund — er stiftete sie sogleich für die kranken Angestellten der Ostindischen Gesellschaft.
Als er nach England zurückkehrte, wurde er von allen Seiten angegriffen.
Die Schurken, die er aus den indischen Ämtern vertrieben hatte, waren nach England zurückgekommen und begannen einen Verleumdungsfeldzug gegen ihn.
Zeitungen beschimpften ihn. Politiker beschuldigten ihn. Und was das Schlimmste war, er wurde vor das Parlamentsgericht geladen, als wäre er ein Verbrecher.
»Sie behandeln mich wie einen Hammeldieb«, sagte er. Nach einem langen und verletzenden Prozeß sprach ihn das Parlament mit einer Warnung frei. Er wurde öffentlich bloßgestellt — er, der Indien dem britischen Weltreich gewonnen hatte.
»Wir wollen Ihnen diesmal verzeihen,« sagte das Parlament, »aber tun Sie es nicht wieder.«
Dieser Prozeß brach sein Herz.
Er wurde melancholisch. Seine Gesundheit versagte.Eine schmerzliche Krankheit ergriff ihn. Um Linderung zu suchen, nahm er Opium — und langsam zerstörte das Gift sein Gehirn.
Eines Tages kam ein Beamter der Regierung eilends zu ihm. Es war im Jahre 1774.
»In Amerika ist eine Revolution ausgebrochen«, sagte der Regierungsbeamte. »Wir brauchen Ihre Hilfe. Das Reich ist in Gefahr. Sie müssen sofort nach Amerika gehen.«
Clive lehnte lächelnd ab.
»Zu spät«, sagte er. »Ich bin gerade im Begriff, irgendwoandershin zu gehen.«
Einige Tage später erschoß er sich.
Er hatte große Fehler — gewiß. Große und ruhmreiche Fehler. Aber er und seinesgleichen haben das britische Weltreich begründet.