Dekoratives ElementKapitel 14.Cajamalca.Obschon sich die Peruaner mit der einem Volke eigenen Verzweiflung schlugen, das für seine Gesetze, seine Reichthümer und seine Götter kämpft, war ihre Niederlage dennoch eine vollständige und sie flohen bestürzt, um sich in den schwachen Mauern einzuschließen; das Schlachtfeld wurde mit Leichen bedeckt und tausend Gefangene geriethen in die Gewalt der Sieger. Verstellung war bereits unmöglich; der Augenblick der Entzweiung war angelangt und das Gold und das Blut sollten von einer Welt zur andern fließen. Die fanatischen und ehrgeizigen Eindringlinge hatten ebensowenig eine andere Zuflucht, als Sieg oder Tod, und die Schlacht von Cajamalca bekäme einen neuen Zeitabschnitt.Kämpfend, oder um besser zu sagen, seine angebetete Coya schützend, wußte Almagro nichts von dem Tode des Inkas, und als er seinen Leichnam sah, durchschaute er endlich die Zurückhaltung seiner Gefährten gegen ihn; aber wenn er, von dem Fanatismus seines Jahrhunderts beherrscht, die Anklagenseiner Angebeteten fürchtete, bedauerte er vielleicht das Schicksal des hartnäckigen Götzendieners nicht. Die dunkeln Anforderungen des sechszehnten Jahrhunderts mußten erfüllt und die Gefangenen zu Boden geschlagen werden, und der Leichnam des Inkas wurde unter traurigen Bräuchen auf den noch brennenden Scheiterhaufen geworfen. Wie ein Rasender lief Luque mit dem Cruzifix in den Händen die Reihe der Gefangenen ab, indem er sie ermahnte, das Kreuz anzubeten; ein unwiderruflicher Befehl verurtheilte denjenigen, der das Wasser der Taufe nicht empfinge, zu ewiger Knechtschaft und die bestürzten Gefangenen bogen dem Priester ihren Nacken, um das erlösende Wasser zu empfangen, und indessen verbarg sich die Sonne trüb und düster zwischen leichten Wolken, und ihre Anbeter warfen ihre zitternden Angesichter auf die Erde nieder, und vielleicht ihren Zorn befürchtend, brachen einige von feurigerem Blute in furchtbare Verwünschungen gegen den Gott der von Osten Gekommenen aus, und sie wurden in die Flammen geworfen und ihre Asche dem Winde übergeben, und weder Pizarro noch der wüthende Luque waren Verbrecher, weil es ein Verbrechen ihres Jahrhunderts war.Da die Feindseligkeiten bereits mit aller Wuth ausgebrochen, sehnten sich die Abenteurer nach dem Augenblicke, Cajamalca anzugreifen und das Reich zu beherrschen. Der Eroberer glaubte, daß weder den Großen noch dem Volke etwas von den blutigen Auftritten auf dem Schlachtfelde verborgen bleiben dürfte, damit so der Schrecken seine Flügel im ganzen Umkreiseausbreitete und er gab wirklich zehn Gefangene frei, die voller Schrecken in der Stadt anlangten, wo man von Allem nichts wußte. Als man den Tod des Inkas, die Verbrennung seines Leichnams, die Knechtschaft oder die Taufe der Gefangenen, die Wuth des Schicksals endlich, das dem Reiche drohte, erfuhr, erzitterte das Volk, und umsonst verhielten sich die Priester ruhig, um Trost zu spenden und demüthige Bitten an ihren Gott zu richten.Feierliche Grabgesänge wurden in dem Tempel für den Inka und für die in den Flammen oder auf dem Kampfplatz Gestorbenen angestimmt; aber die niemals mit Blut gefärbten Sonnenaltäre begehrten den der drei gefangenen Spanier, die man in der Schlacht ergriffen hatte, nicht. Zum Tempel geführt, wohnten sie den Feierlichkeiten der Peruaner bei, und im Namen der Sonne frug sie Vericochas nach der Herkunft ihrer Vorfahren und nach den Beweggründen ihres Betragens. Obschon nur einfache Soldaten, waren die Gefangenen genügend scharfsichtig, um sich prunkvoller und räthselhafter Ausdrücke zu bedienen, welche die Verwirrung der Peruaner vermehrten; stark genug, fürchteten sie die Drohungen Huascars und der Krieger nicht und hielten unerschrocken einen geheiligten Ursprung und Charakter aufrecht.Von einem der tödtlich Verwundeten jedoch quoll das Blut in Strömen und Todesblässe malte sich in seinen Zügen. Sorgfältig beobachteten die Peruaner, daß das Blut das Leben jenes hinfälligen Körpers war, sie sahen, wie ihre Waffen in sein Fleischgedrungen waren, wie die Beschaffenheit des Leibes der ihrigen gleich war, und sie überzeugten sich, daß es hier nichts Uebernatürliches gab, daß die von Osten Gekommenen auch Menschen und dem Tode unterworfen waren. Nachdem die Gefangenen ihrer Rüstungen und Panzer entblößt worden waren, betrachteten sie deren Herstellung und überzeugten sich, daß die Kunst und nicht die Natur sie unverwundbar gemacht hatte, und von Tag zu Tag verloren die Eindringlinge jene zauberhafte Gewalt, womit sie siegten, ehe sie in den Kampf zogen.In Thränen versunken, wagte Coya kaum, vor dem Gotte, den sie, von einem treulosen Geliebten verführt, der ihr Geburtsland in Trauer und Trümmer begrub, verlassen hatte, die Augen im Tempel zu erheben, und trostlos, rührte Ocollo mit reichlichen, heißen Thränen das Mitleid und den Zorn der Vasallen des Inkas. Vericochas erinnerte die Peruaner an die Dankbarkeit, welche sie Gott schuldeten, und Huascar verkündete beredt den Ruhm und die Freiheit. Oh! wenn die Peruaner auch mörderische Waffen hätten!...Pizarro dachte lebhaft an die Einnahme Cajamalcas, und er schickte sich an die Stadt zu betreten, und den Bewohnern den Rückzug abzuschneiden, damit sie die Schätze nicht mitnehmen konnten. Zweimal floh das mächtige Heer, das ihn hätte einschüchtern können, bei dem Donner der Kanone und den Angriffen der Reiterei. Konnten ihm tausend Gefangene, die in ihren Zelten seufzten, hinderlich sein, so waren sie ihmfür die Führung und die Fortschaffung seiner Abtheilung gleichfalls unentbehrlich, und er mußte sich ganz entschieden daran machen, das Reich zu erobern, und auf den Schutz des Himmels rechnend, den Luque verhieß, theilten die Abenteurer die ausgedehnten, üppigen Landschaften bereits freudig unter sich.In dem Augenblicke, als die Auszügler in San Mateo landeten und sich der großartigen Entdeckung vergewisserten, schickten sie, ihre Agenten um Hülfe bittend und für die Regierung Papiere übergebend, ein Boot nach Panama ab, sie hatten aber nicht die geringste Nachricht erhalten, noch war es möglich, daß sie mit Bestimmtheit weder auf Verstärkung noch Mittheilungen hoffen konnten; sie mußten angreifen und die Erfahrung sicherte ihnen den Sieg. Trotzdem, daß der Fanatismus und die Voreingenommenheiten Almagro beherrschten, fühlte seine der Zärtlichkeit und dem Mitleid leicht empfindliche Seele mit um so größerer Macht die Einflüsterungen der Liebe. Zweimal war nach der Schlacht und nachdem die Mittheilungen abgebrochen worden waren, die Sonne im Osten erschienen, und fern von seiner Coya, war ihm das Dasein unerträglich. Obgleich wild und vom Ehrgeiz beherrscht erinnerte sich Pizarro ebenfalls mit Schmerzen der Reize der schönen Ocollo, und wie ein blutdürstiger Tiger lauerte er auf die Beute, um sie zu verzehren. Der fanatische Luque, welcher den Weg seiner ewigen Seligkeit in der Bekehrung der neuen Welt, oder indem er die Götzendiener, welche mit ihrer Sonnenanbetung die göttliche Majestät beleidigten, in den Flammen umkommen ließ,offen sah, richtete ruhig seine Gebete zum Himmel, und er war es, der sich am heißesten nach der Eroberung des Reiches sehnte.Cajamalca mußte in seinen Mauern üppige Schätze einschließen; es bot den Eroberern die Bequemlichkeiten, auf Verstärkungen zu hoffen und sich zu erholen, da sie nicht nach Cuzco, der Hauptstadt des Reiches gehen konnten, ohne daß sie zuerst Cajamalca, das ihnen als Stufenleiter bei der Eroberung dienen sollte, einnahmen. Zwei Nächte waren vergangen; im Lager Pizarros war es ruhig und die mit Kriegern besetzten Mauern der Stadt schienen die Feinde zu beobachten. Die Peruaner fanden jedoch keinen großen Vortheil dabei, Cajamalca hartnäckig zu behaupten, und sie zogen jene kostbaren Sachen und geschichtlichen Denkmäler oder Quipos, welche sie mit Schmerzen in den Händen ihrer Feinde gesehen hätten, nach Cuzco zurück; das Gold aber und die edlen Metalle waren in ihren Augen viel zu verächtlich, als daß sie daran dachten, dieselben zu retten.Die Dinge waren zur äußersten Entzweiung gelangt und das eine wie das andere Lager schickte Vorposten aus, die den Feind mehr in der Nähe beobachteten. Obschon seinem Charakter und Grade nach nicht geeignet, lieh sich Almagro, damit es ihm leichter würde, wenigstens seine Geliebte zu sehen, täglich zu dieser Art Dienst. Wenn die Sonne ihren Lichtstrom ergoß, suchte der unglückliche Geliebte nahe den Mauern ängstlich seine Angebetete und seine schmachtenden Seufzer ertönten bis in die Umkreise der Stadt. Da eines Tagesunterschied er sie zwischen den Kriegern dort auf den Mauern und auch Coya erkannte ihren Almagro. Ihre beredten Blicke verstanden sich und bei Tagesneige sollten sie sich auf den Vorposten sprechen.Der blasse Almagro sehnte den Augenblick herbei, seine Schöne zu sprechen, denn auch er hatte seinen gerechten Zorn und seine traurigen Seufzer. Die Stunde kam an, Coya trat mit der Bedeckung aus der Stadt heraus und Almagro durchlief bereits ungeduldig den Kampfplatz. Sie hatten sich bald erkannt und eine starre Betäubung bemächtigte sich der beiden gefühlvollen Herzen. Unwillkürlich eilten sie nachher, wie von einem unwiderstehlichen Drange hingerissen, sich zu umarmen und in stummem und beredtem Stillschweigen warfen sie sich zärtliche Blicke zu und erleichterten die geängstigten Herzen, als Coya, in einem Meer von Thränen, trostlos ausrief: »Unmensch, wenn du doch zur Liebe geboren wurdest und die Zärtlichkeit verkennst, warum hast du mich unglücklich gemacht?«»Coya!«»Dort die tiefe Hölle hat euch aus ihren Höhlen geschleudert, um das Reich zu verheeren. Die Ruhe, das Lächeln, das Glück, entflohen auf immer von diesem Boden bei der Ankunft der von Osten Gekommenen; wenn du nicht wärest, läge ich unter dessen Trümmern begraben, aber nimmermehr würde ich unter so düstern Qualen seufzen.«»Zerreiße mein Herz nicht, du weißt es, Coya, ich bin gefühlvoll und bete dich an.«»Und betest mich an und schwurst mir, den unschuldigen Monarchen zu retten, und der unglückliche Inka wurde ein Opfer der Söhne des Verbrechens, deiner Gefährten.«»Mein Einfluß und deine Liebe wären hinreichend gewesen, um ihn zu retten, aber die peruanischen Bataillone fielen über unsere Zelte her, der Kampf entbrannte, vielleicht sollten wir mit fortgerissen werden, und die Wache, welche den Inka bewachte, mußte unsere Reihen verstärken. An deiner Seite, dich vor den tödtlichen Streichen der Waffen rettend, erfuhr ich nichts, noch hätte ich etwas verhüten können.«»Und nachdem er in die Flammen geworfen worden war, übergaben sie seine Asche dem Wind. Die adeligen Krieger, welche ermattet oder verwundet in eure Gewalt geriethen, verließen, frevelhaft mit dem Dolche bedroht, ihren Gott, oder wurden zu Sklaven gemacht, oder in die Flammen geworfen, eure aber, welche vor unsern Waffen wichen, leben....«»Ja, Coya, vielleicht ein Irrthum, aber ich bin unschuldig.... Glaube mir, das unerbittliche Schicksal hat mit unsern Waffen das verhängnißvolle Ende des Reiches der Inkas bezeichnet; müde, die götzendienerische Herrschaft auf Erden zu dulden, hat der gerechte Gott den Befehl zur Ausrottung gegeben; fliehe aus seinen Trümmern, komme zu mir in mein Lager, die Liebe wird ihr zauberhaftes Entzücken spenden.«»Meinen wohlthätigen Gott habe ich verlassen und noch genügt es dir nicht, ich soll mein Vaterland unddie Tugend verlassen! Ah! wie sagte mir doch mein Herz, daß deine Liebe ein schwarzer Unstern sein mußte!«»Es wird kein schwarzer Unstern, es wird der Regenbogen der Ruhe und des Glückes sein. Du betest meinen Gott an und in ewigen Banden werden wir die Liebkosungen miteinander austauschen.«»Nur durch deine Verführung verließ ich die Altäre des Gottes des Tages, und seither zeigt er mir, bleich und trübe, vor meinen Augen seinen Zorn an, und dies ist dein größtes Verbrechen und meine größte Qual.«»Von deinem Almagro verehrt, von dessen Gefährten geliebt, eile in seine Arme, fliehe vor dem Untergang, womit der Himmel dein Land bedroht.«»Ich werde, ohne dem Gotte, den du mich hast anbeten heißen, undankbar zu sein, unter seinen Trümmern begraben werden; mit den Waffen in der Hand werde ich für die Freiheit Perus sterben.«»Dein Wohl und meine Glückseligkeit gebieten es.«»Nein, hoffe nicht, mich in noch größere Verbrechen zu stürzen. Deinetwegen habe ich meinen Gott verlassen, verlasse meinetwegen deine höllischen Gefährten; die Peruaner werden dich mit offenen Armen empfangen, du wirst ein Held der Freiheit sein und deine Tugend wird ewig währen.«»Und du wagtest, Coya ... niemals ... niemals....«Die beiden unglücklichen, zärtlich umschlungenen Geliebten vergossen zahlreiche und heiße Thränen. »Laufe nicht dem Tode nach,« sagte Almagro zu ihr; »Blitz auf Blitz wird über Cajamalca hereinbrechen,die Stadt wird in Staub und Asche versinken; fliehe vor dem Tode, vermeide die Gefahren, mögest du mich nicht in die bitterste Trostlosigkeit begraben.«Da die Verführung auf der einen und andern Seite nutzlos verlief, kehrte Coya, nachdem sie über die Art und Weise, sich in der Folge zu sehen, übereingekommen waren, nach der Stadt und Almagro nach seinem Lager zurück.Pizarro und Luque erkannten, daß sie nicht länger auf Nachrichten von Panama hoffen durften, und daß Cajamalca ihnen sehr geringen Widerstand entgegensetzen würde. Sie brachten in einer nahen Gebirgsgegend zwei Feldstücke unter, und vierhundert Mann in verschiedenen Stellungen ausbreitend, fingen sie an, die Stadt zu beschießen. Trotzdem es nur Feldstücke waren; waren die Mauern und Gebäude so schwach, daß sie die größten Verheerungen anrichteten, und nach eintägigem Feuern hatten sie Bresche geschossen. Die Peruaner kannten die Kriegskunst, eine Belagerung auszuhalten, nicht, ihre Waffen waren machtlos auf Kanonenschußweite und ihre Anstrengung wäre umsonst gewesen. Huascar lief tapfer die Mauern und die Stadt ab und ermuthigte das Heer; aber Ausfälle gegen den Feind wären, wie es ihnen die Erfahrung zeigte, als sie den Inka retten wollten, wirkungslos und theuer erkauft, und Cajamalca zu behaupten, war nicht von der größten Bedeutung. Ein ehrlicher Rückzug, der das Heer rettete, um Cuzco zu befestigen und sich bis auf den Tod zu schlagen, wäre für das Reich das Vortheilhafteste und derOberbefehlshaber und der Senat ordneten auf Mitternacht den Rückzug an.Pizarro konnte mit wenig Leuten nicht erwarten, alle Punkte zu decken, er hatte aber gleichwohl Vorposten, welche die Wege beobachten sollten. Er bereitete sich vor, am folgenden Tage einen Angriff zu machen, als er in der Nacht die Nachricht bekam, daß sich das zahlreiche Heer auf der Hauptstraße nach Cuzco zurückzöge. Es von Neuem in die Flucht schlagen zu wollen, konnte seine kurze Abtheilung bloß stellen, da er nicht wußte, ob Streitkräfte, welche in der Stadt verblieben, ihn als Nachtrab angreifen würden, und es nicht in seinem Interesse lag, einen hartnäckigen Zusammenstoß zu veranlassen. Alles entschied ihn dazu, den neuen Tag abzuwarten, und als bereits die Sonne die Gipfel vergoldete, schickte er Vorposten aus, welche nachsehen sollten, ob die Bresche thunlich war und welche die Bewegungen der Stadt beobachten sollten. Grabesstille herrschte in den Mauern und in den Umkreisen der Ortschaft, und es war kein Zweifel, daß das Heer und die Bewohner ihre Wohnstätten der Willkür des Feindes preisgegeben hatten. Pizarro rückte mit seiner Colonne heran, und ohne die geringste Erstarrung und ohne daß sie einen Bogen schwirren, noch eine schwache Lanze drohen sah, übersprang sie die Bresche, besetzte die Mauern, zerstreute sich auf Plätzen und Straßen und pflanzte das triumphirende Banner Castiliens in Cajamalca auf.Dekoratives Element
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Obschon sich die Peruaner mit der einem Volke eigenen Verzweiflung schlugen, das für seine Gesetze, seine Reichthümer und seine Götter kämpft, war ihre Niederlage dennoch eine vollständige und sie flohen bestürzt, um sich in den schwachen Mauern einzuschließen; das Schlachtfeld wurde mit Leichen bedeckt und tausend Gefangene geriethen in die Gewalt der Sieger. Verstellung war bereits unmöglich; der Augenblick der Entzweiung war angelangt und das Gold und das Blut sollten von einer Welt zur andern fließen. Die fanatischen und ehrgeizigen Eindringlinge hatten ebensowenig eine andere Zuflucht, als Sieg oder Tod, und die Schlacht von Cajamalca bekäme einen neuen Zeitabschnitt.
Kämpfend, oder um besser zu sagen, seine angebetete Coya schützend, wußte Almagro nichts von dem Tode des Inkas, und als er seinen Leichnam sah, durchschaute er endlich die Zurückhaltung seiner Gefährten gegen ihn; aber wenn er, von dem Fanatismus seines Jahrhunderts beherrscht, die Anklagenseiner Angebeteten fürchtete, bedauerte er vielleicht das Schicksal des hartnäckigen Götzendieners nicht. Die dunkeln Anforderungen des sechszehnten Jahrhunderts mußten erfüllt und die Gefangenen zu Boden geschlagen werden, und der Leichnam des Inkas wurde unter traurigen Bräuchen auf den noch brennenden Scheiterhaufen geworfen. Wie ein Rasender lief Luque mit dem Cruzifix in den Händen die Reihe der Gefangenen ab, indem er sie ermahnte, das Kreuz anzubeten; ein unwiderruflicher Befehl verurtheilte denjenigen, der das Wasser der Taufe nicht empfinge, zu ewiger Knechtschaft und die bestürzten Gefangenen bogen dem Priester ihren Nacken, um das erlösende Wasser zu empfangen, und indessen verbarg sich die Sonne trüb und düster zwischen leichten Wolken, und ihre Anbeter warfen ihre zitternden Angesichter auf die Erde nieder, und vielleicht ihren Zorn befürchtend, brachen einige von feurigerem Blute in furchtbare Verwünschungen gegen den Gott der von Osten Gekommenen aus, und sie wurden in die Flammen geworfen und ihre Asche dem Winde übergeben, und weder Pizarro noch der wüthende Luque waren Verbrecher, weil es ein Verbrechen ihres Jahrhunderts war.
Da die Feindseligkeiten bereits mit aller Wuth ausgebrochen, sehnten sich die Abenteurer nach dem Augenblicke, Cajamalca anzugreifen und das Reich zu beherrschen. Der Eroberer glaubte, daß weder den Großen noch dem Volke etwas von den blutigen Auftritten auf dem Schlachtfelde verborgen bleiben dürfte, damit so der Schrecken seine Flügel im ganzen Umkreiseausbreitete und er gab wirklich zehn Gefangene frei, die voller Schrecken in der Stadt anlangten, wo man von Allem nichts wußte. Als man den Tod des Inkas, die Verbrennung seines Leichnams, die Knechtschaft oder die Taufe der Gefangenen, die Wuth des Schicksals endlich, das dem Reiche drohte, erfuhr, erzitterte das Volk, und umsonst verhielten sich die Priester ruhig, um Trost zu spenden und demüthige Bitten an ihren Gott zu richten.
Feierliche Grabgesänge wurden in dem Tempel für den Inka und für die in den Flammen oder auf dem Kampfplatz Gestorbenen angestimmt; aber die niemals mit Blut gefärbten Sonnenaltäre begehrten den der drei gefangenen Spanier, die man in der Schlacht ergriffen hatte, nicht. Zum Tempel geführt, wohnten sie den Feierlichkeiten der Peruaner bei, und im Namen der Sonne frug sie Vericochas nach der Herkunft ihrer Vorfahren und nach den Beweggründen ihres Betragens. Obschon nur einfache Soldaten, waren die Gefangenen genügend scharfsichtig, um sich prunkvoller und räthselhafter Ausdrücke zu bedienen, welche die Verwirrung der Peruaner vermehrten; stark genug, fürchteten sie die Drohungen Huascars und der Krieger nicht und hielten unerschrocken einen geheiligten Ursprung und Charakter aufrecht.
Von einem der tödtlich Verwundeten jedoch quoll das Blut in Strömen und Todesblässe malte sich in seinen Zügen. Sorgfältig beobachteten die Peruaner, daß das Blut das Leben jenes hinfälligen Körpers war, sie sahen, wie ihre Waffen in sein Fleischgedrungen waren, wie die Beschaffenheit des Leibes der ihrigen gleich war, und sie überzeugten sich, daß es hier nichts Uebernatürliches gab, daß die von Osten Gekommenen auch Menschen und dem Tode unterworfen waren. Nachdem die Gefangenen ihrer Rüstungen und Panzer entblößt worden waren, betrachteten sie deren Herstellung und überzeugten sich, daß die Kunst und nicht die Natur sie unverwundbar gemacht hatte, und von Tag zu Tag verloren die Eindringlinge jene zauberhafte Gewalt, womit sie siegten, ehe sie in den Kampf zogen.
In Thränen versunken, wagte Coya kaum, vor dem Gotte, den sie, von einem treulosen Geliebten verführt, der ihr Geburtsland in Trauer und Trümmer begrub, verlassen hatte, die Augen im Tempel zu erheben, und trostlos, rührte Ocollo mit reichlichen, heißen Thränen das Mitleid und den Zorn der Vasallen des Inkas. Vericochas erinnerte die Peruaner an die Dankbarkeit, welche sie Gott schuldeten, und Huascar verkündete beredt den Ruhm und die Freiheit. Oh! wenn die Peruaner auch mörderische Waffen hätten!...
Pizarro dachte lebhaft an die Einnahme Cajamalcas, und er schickte sich an die Stadt zu betreten, und den Bewohnern den Rückzug abzuschneiden, damit sie die Schätze nicht mitnehmen konnten. Zweimal floh das mächtige Heer, das ihn hätte einschüchtern können, bei dem Donner der Kanone und den Angriffen der Reiterei. Konnten ihm tausend Gefangene, die in ihren Zelten seufzten, hinderlich sein, so waren sie ihmfür die Führung und die Fortschaffung seiner Abtheilung gleichfalls unentbehrlich, und er mußte sich ganz entschieden daran machen, das Reich zu erobern, und auf den Schutz des Himmels rechnend, den Luque verhieß, theilten die Abenteurer die ausgedehnten, üppigen Landschaften bereits freudig unter sich.
In dem Augenblicke, als die Auszügler in San Mateo landeten und sich der großartigen Entdeckung vergewisserten, schickten sie, ihre Agenten um Hülfe bittend und für die Regierung Papiere übergebend, ein Boot nach Panama ab, sie hatten aber nicht die geringste Nachricht erhalten, noch war es möglich, daß sie mit Bestimmtheit weder auf Verstärkung noch Mittheilungen hoffen konnten; sie mußten angreifen und die Erfahrung sicherte ihnen den Sieg. Trotzdem, daß der Fanatismus und die Voreingenommenheiten Almagro beherrschten, fühlte seine der Zärtlichkeit und dem Mitleid leicht empfindliche Seele mit um so größerer Macht die Einflüsterungen der Liebe. Zweimal war nach der Schlacht und nachdem die Mittheilungen abgebrochen worden waren, die Sonne im Osten erschienen, und fern von seiner Coya, war ihm das Dasein unerträglich. Obgleich wild und vom Ehrgeiz beherrscht erinnerte sich Pizarro ebenfalls mit Schmerzen der Reize der schönen Ocollo, und wie ein blutdürstiger Tiger lauerte er auf die Beute, um sie zu verzehren. Der fanatische Luque, welcher den Weg seiner ewigen Seligkeit in der Bekehrung der neuen Welt, oder indem er die Götzendiener, welche mit ihrer Sonnenanbetung die göttliche Majestät beleidigten, in den Flammen umkommen ließ,offen sah, richtete ruhig seine Gebete zum Himmel, und er war es, der sich am heißesten nach der Eroberung des Reiches sehnte.
Cajamalca mußte in seinen Mauern üppige Schätze einschließen; es bot den Eroberern die Bequemlichkeiten, auf Verstärkungen zu hoffen und sich zu erholen, da sie nicht nach Cuzco, der Hauptstadt des Reiches gehen konnten, ohne daß sie zuerst Cajamalca, das ihnen als Stufenleiter bei der Eroberung dienen sollte, einnahmen. Zwei Nächte waren vergangen; im Lager Pizarros war es ruhig und die mit Kriegern besetzten Mauern der Stadt schienen die Feinde zu beobachten. Die Peruaner fanden jedoch keinen großen Vortheil dabei, Cajamalca hartnäckig zu behaupten, und sie zogen jene kostbaren Sachen und geschichtlichen Denkmäler oder Quipos, welche sie mit Schmerzen in den Händen ihrer Feinde gesehen hätten, nach Cuzco zurück; das Gold aber und die edlen Metalle waren in ihren Augen viel zu verächtlich, als daß sie daran dachten, dieselben zu retten.
Die Dinge waren zur äußersten Entzweiung gelangt und das eine wie das andere Lager schickte Vorposten aus, die den Feind mehr in der Nähe beobachteten. Obschon seinem Charakter und Grade nach nicht geeignet, lieh sich Almagro, damit es ihm leichter würde, wenigstens seine Geliebte zu sehen, täglich zu dieser Art Dienst. Wenn die Sonne ihren Lichtstrom ergoß, suchte der unglückliche Geliebte nahe den Mauern ängstlich seine Angebetete und seine schmachtenden Seufzer ertönten bis in die Umkreise der Stadt. Da eines Tagesunterschied er sie zwischen den Kriegern dort auf den Mauern und auch Coya erkannte ihren Almagro. Ihre beredten Blicke verstanden sich und bei Tagesneige sollten sie sich auf den Vorposten sprechen.
Der blasse Almagro sehnte den Augenblick herbei, seine Schöne zu sprechen, denn auch er hatte seinen gerechten Zorn und seine traurigen Seufzer. Die Stunde kam an, Coya trat mit der Bedeckung aus der Stadt heraus und Almagro durchlief bereits ungeduldig den Kampfplatz. Sie hatten sich bald erkannt und eine starre Betäubung bemächtigte sich der beiden gefühlvollen Herzen. Unwillkürlich eilten sie nachher, wie von einem unwiderstehlichen Drange hingerissen, sich zu umarmen und in stummem und beredtem Stillschweigen warfen sie sich zärtliche Blicke zu und erleichterten die geängstigten Herzen, als Coya, in einem Meer von Thränen, trostlos ausrief: »Unmensch, wenn du doch zur Liebe geboren wurdest und die Zärtlichkeit verkennst, warum hast du mich unglücklich gemacht?«
»Coya!«
»Dort die tiefe Hölle hat euch aus ihren Höhlen geschleudert, um das Reich zu verheeren. Die Ruhe, das Lächeln, das Glück, entflohen auf immer von diesem Boden bei der Ankunft der von Osten Gekommenen; wenn du nicht wärest, läge ich unter dessen Trümmern begraben, aber nimmermehr würde ich unter so düstern Qualen seufzen.«
»Zerreiße mein Herz nicht, du weißt es, Coya, ich bin gefühlvoll und bete dich an.«
»Und betest mich an und schwurst mir, den unschuldigen Monarchen zu retten, und der unglückliche Inka wurde ein Opfer der Söhne des Verbrechens, deiner Gefährten.«
»Mein Einfluß und deine Liebe wären hinreichend gewesen, um ihn zu retten, aber die peruanischen Bataillone fielen über unsere Zelte her, der Kampf entbrannte, vielleicht sollten wir mit fortgerissen werden, und die Wache, welche den Inka bewachte, mußte unsere Reihen verstärken. An deiner Seite, dich vor den tödtlichen Streichen der Waffen rettend, erfuhr ich nichts, noch hätte ich etwas verhüten können.«
»Und nachdem er in die Flammen geworfen worden war, übergaben sie seine Asche dem Wind. Die adeligen Krieger, welche ermattet oder verwundet in eure Gewalt geriethen, verließen, frevelhaft mit dem Dolche bedroht, ihren Gott, oder wurden zu Sklaven gemacht, oder in die Flammen geworfen, eure aber, welche vor unsern Waffen wichen, leben....«
»Ja, Coya, vielleicht ein Irrthum, aber ich bin unschuldig.... Glaube mir, das unerbittliche Schicksal hat mit unsern Waffen das verhängnißvolle Ende des Reiches der Inkas bezeichnet; müde, die götzendienerische Herrschaft auf Erden zu dulden, hat der gerechte Gott den Befehl zur Ausrottung gegeben; fliehe aus seinen Trümmern, komme zu mir in mein Lager, die Liebe wird ihr zauberhaftes Entzücken spenden.«
»Meinen wohlthätigen Gott habe ich verlassen und noch genügt es dir nicht, ich soll mein Vaterland unddie Tugend verlassen! Ah! wie sagte mir doch mein Herz, daß deine Liebe ein schwarzer Unstern sein mußte!«
»Es wird kein schwarzer Unstern, es wird der Regenbogen der Ruhe und des Glückes sein. Du betest meinen Gott an und in ewigen Banden werden wir die Liebkosungen miteinander austauschen.«
»Nur durch deine Verführung verließ ich die Altäre des Gottes des Tages, und seither zeigt er mir, bleich und trübe, vor meinen Augen seinen Zorn an, und dies ist dein größtes Verbrechen und meine größte Qual.«
»Von deinem Almagro verehrt, von dessen Gefährten geliebt, eile in seine Arme, fliehe vor dem Untergang, womit der Himmel dein Land bedroht.«
»Ich werde, ohne dem Gotte, den du mich hast anbeten heißen, undankbar zu sein, unter seinen Trümmern begraben werden; mit den Waffen in der Hand werde ich für die Freiheit Perus sterben.«
»Dein Wohl und meine Glückseligkeit gebieten es.«
»Nein, hoffe nicht, mich in noch größere Verbrechen zu stürzen. Deinetwegen habe ich meinen Gott verlassen, verlasse meinetwegen deine höllischen Gefährten; die Peruaner werden dich mit offenen Armen empfangen, du wirst ein Held der Freiheit sein und deine Tugend wird ewig währen.«
»Und du wagtest, Coya ... niemals ... niemals....«
Die beiden unglücklichen, zärtlich umschlungenen Geliebten vergossen zahlreiche und heiße Thränen. »Laufe nicht dem Tode nach,« sagte Almagro zu ihr; »Blitz auf Blitz wird über Cajamalca hereinbrechen,die Stadt wird in Staub und Asche versinken; fliehe vor dem Tode, vermeide die Gefahren, mögest du mich nicht in die bitterste Trostlosigkeit begraben.«
Da die Verführung auf der einen und andern Seite nutzlos verlief, kehrte Coya, nachdem sie über die Art und Weise, sich in der Folge zu sehen, übereingekommen waren, nach der Stadt und Almagro nach seinem Lager zurück.
Pizarro und Luque erkannten, daß sie nicht länger auf Nachrichten von Panama hoffen durften, und daß Cajamalca ihnen sehr geringen Widerstand entgegensetzen würde. Sie brachten in einer nahen Gebirgsgegend zwei Feldstücke unter, und vierhundert Mann in verschiedenen Stellungen ausbreitend, fingen sie an, die Stadt zu beschießen. Trotzdem es nur Feldstücke waren; waren die Mauern und Gebäude so schwach, daß sie die größten Verheerungen anrichteten, und nach eintägigem Feuern hatten sie Bresche geschossen. Die Peruaner kannten die Kriegskunst, eine Belagerung auszuhalten, nicht, ihre Waffen waren machtlos auf Kanonenschußweite und ihre Anstrengung wäre umsonst gewesen. Huascar lief tapfer die Mauern und die Stadt ab und ermuthigte das Heer; aber Ausfälle gegen den Feind wären, wie es ihnen die Erfahrung zeigte, als sie den Inka retten wollten, wirkungslos und theuer erkauft, und Cajamalca zu behaupten, war nicht von der größten Bedeutung. Ein ehrlicher Rückzug, der das Heer rettete, um Cuzco zu befestigen und sich bis auf den Tod zu schlagen, wäre für das Reich das Vortheilhafteste und derOberbefehlshaber und der Senat ordneten auf Mitternacht den Rückzug an.
Pizarro konnte mit wenig Leuten nicht erwarten, alle Punkte zu decken, er hatte aber gleichwohl Vorposten, welche die Wege beobachten sollten. Er bereitete sich vor, am folgenden Tage einen Angriff zu machen, als er in der Nacht die Nachricht bekam, daß sich das zahlreiche Heer auf der Hauptstraße nach Cuzco zurückzöge. Es von Neuem in die Flucht schlagen zu wollen, konnte seine kurze Abtheilung bloß stellen, da er nicht wußte, ob Streitkräfte, welche in der Stadt verblieben, ihn als Nachtrab angreifen würden, und es nicht in seinem Interesse lag, einen hartnäckigen Zusammenstoß zu veranlassen. Alles entschied ihn dazu, den neuen Tag abzuwarten, und als bereits die Sonne die Gipfel vergoldete, schickte er Vorposten aus, welche nachsehen sollten, ob die Bresche thunlich war und welche die Bewegungen der Stadt beobachten sollten. Grabesstille herrschte in den Mauern und in den Umkreisen der Ortschaft, und es war kein Zweifel, daß das Heer und die Bewohner ihre Wohnstätten der Willkür des Feindes preisgegeben hatten. Pizarro rückte mit seiner Colonne heran, und ohne die geringste Erstarrung und ohne daß sie einen Bogen schwirren, noch eine schwache Lanze drohen sah, übersprang sie die Bresche, besetzte die Mauern, zerstreute sich auf Plätzen und Straßen und pflanzte das triumphirende Banner Castiliens in Cajamalca auf.
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