Dekoratives ElementKapitel 17.Cuzco.Reich an unbedingt nothwendigen Vorräthen, gewährte das Lager von Cajamalca der Feldzugsabtheilung alle nöthigen Hülfsquellen, und die an Mineralien reichen Gebirge, welche es umgaben, hatten ihnen ebenfalls genügend Salpeter und Geschosse geliefert, um an großartige Unternehmungen zu denken. ViertausendunglücklicheSklaven, welche unter den gebieterischen Befehlen Pizarros seufzten, sollten als Lastthiere für die Transporte dienen, so daß die Expeditionsdivision die ganze Beweglichkeit hatte, welche der thätige Eroberer und die augenblickliche Nothwendigkeit beanspruchten. Dem tapfern Kapitän Manuel Ojeda wurde mit hundert erprobten Soldaten, welche sie besetzten, der Oberbefehl der Stadt übertragen, und von seinen Befehlen abhängige Unteroffiziere sollten, um den Nachtrab geschützt zu halten, die Landungen zu erleichtern und die Mittheilungen mit den Kolonieen und der Metropole zu sichern, die Detachements befehligen, welche sich nach Tumbez und San Mateoerstreckten, und so eröffneten die todesmuthigen Abenteurer mit großem Lärm und Geschrei, nicht wie wenn sie in den Kampf zogen, sondern wie wenn sie bereits unter den Ueberbleibseln der Beute den Sieg anstimmten, ihre Bewegung auf Cuzco.Das peruanische Heer war unter dem Befehle des allgemein zum Nachfolger des Inkas und Oberhaupt des Reiches anerkannten Huascars in Cuzco eingezogen, wo es, durch neue Truppenaushebungen verstärkt, zu einer nach ihrer Art Kriegsführung vollständig ausgerüsteten Streitmacht von siebzigtausend Mann anwuchs. Die von den Eindringlingen in Cajamalca begangenen Gewaltthätigkeiten waren ihnen wohl bekannt, sie wußten um die Opfer, welche dieselben bei den Nachgrabungen der Bergwerke und der Führung der Transporte hinmordeten; sie kannten das unbillige Gesetz, welches sie zur Sklaverei und dazu verdammte, ihren süßen Glaubenslehren zu entsagen, oder in den Flammen zu sterben, und das ganze von Huascar beseelte Heer war entschlossen, eher auf dem Schlachtfelde zu sterben, oder unter den Trümmern von Cuzco zu versinken, als Sklaven der von Osten Gekommenen zu sein. Eine ansehnliche Versammlung von Aeltesten trug mit ihrem Rathe zur Regierung des Reiches bei; und Vericochas, im Namen der Sonne, in der Sprache der Götter, nicht mit der des Todes und des Verderbens, zu den Peruanern redend, entzündete sanft die Gemüther, eher rühmliche Opfer zu werden, als den Wohlthätigkeiten des leuchtenden Gestirns undankbar zu sein.Untröstlich, beweinte Ocollo ihren angebeteten Inka; ihre Tugenden und ihre reine Keuschheit erwarben ihr die Achtung und die Bewunderung Huascars, Vericochas und des Senates; und bei den frommen Handlungen war sie die erste, welche vor dem Altar der Sonne schwur, für den Glauben und die Freiheit ihres Vaterlandes zu sterben, und bei der Erinnerung an die unzüchtige Liebe, welche Pizarro ihr in den kummervollen Stunden erklärte, zog sich ihr Herz zusammen und entsetzte sich ihre Seele. Voll Feuer in Liebe zu Almagro entbrannt, fand Coya nur darin Trost, an ihrem eigenen Schmerz zu zehren. Almagro war ihr Athmen und ihre Wonne, sie hatte das Gleichgefühl ihrer Seelen erkannt und Coya war das traurigste Opfer der Liebe. Sie hatte ihren Glaubenslehren entsagt und das Glaubensbekenntniß eines Gottes abgelegt, den sie nicht kannte, den sie aber verehrte, da er der Gott ihres Almagros war. Der Schatten ihres Vaterlandes beunruhigte ihre Träume, der Schatten ihres Angebeteten zerriß ihr das Herz.Das war die Lage der Helden des Reiches; Alle seufzten und ihre Thränen fruchteten dem Vaterlande nichts. Tapfer, kühn, gefühlvoll, mit denjenigen seiner Landsleute viel überlegeneren Kenntnissen, war Huascar der Abgott des Heeres und des Senates, und er handelte mit der größten Thätigkeit, um sich zum Kriege zu bereiten; er kannte jedoch die Ueberlegenheit der Waffen der von Osten Gekommenen und zweifelte an dem Siege. Seine ersten Besorgnisse waren, seine Feinde auszuspähen, um ihre Bewegungenim Voraus zu wissen, und er erfuhr die Ankunft neuer Streitkräfte und den Marsch Pizarros auf Cuzco. Obwohl bereits weit entfernt, die Eindringlinge für Söhne der Sonne, noch für Gottheiten zu halten, sank den Peruanern doch der Muth, als sie erfuhren, daß sie Verstärkungen empfingen; sie setzten schon einen sehr zusammengesetzten Plan voraus, und fünfzig bis sechszig ihrer Unterdrücker zu tödten, hatte dem Reiche mehr als fünfzehn- bis zwanzigtausend Opfer jeden Standes und Ranges gekostet; aber immer edel und menschlich, behielten sie eine kleine Anzahl Gefangener, welche sie in ihrer Gewalt hatten, am Leben. Die moralische Stärke der Heere stand etwa auf gleicher Höhe; der Ehrgeiz der Eindringlinge und ihr düsterer Fanatismus befahlen die Ausrottung der Peruaner; die Religion und die Freiheit des Reiches forderten das Blut der Eindringlinge.Zwanzig Tagereisen war Cuzco von Cajamalca entfernt, und es gab Engpässe und Gebirge, welche, mit einer geringen peruanischen Kriegsmacht besetzt, der Feldzugsabtheilung nichtsdestoweniger Verlegenheiten verursachten, aber in diesen kleinen Scharmützeln blieben, obschon sie dennoch einige Verluste erlitten, stets die Europäer Sieger, und von Neuem bewunderten sie die heldenhafte Tapferkeit und den wilden Muth der Peruaner. Alle Tage boten sich ihnen Beispiele von Kriegern dar, welche, die Griechen bei Thermopylä nachahmend, bald um ihre Gefährten zu retten, bald um im Grabe eine unverletzliche Zufluchtsstätte ihrer Freiheit und ihrer Religion zu finden, einem sichern Todentgegengingen. Pizarro und die Seinen wälzten todesmuthig ihre Feinde fort, und bereiteten sich zu neuen Siegen vor; die Tapferkeit der Spanier war im sechszehnten Jahrhundert die Bewunderung Europas, die neue Welt die Wiege der Helden und der Thron der Gothen ein die Erde verachtendes, dem Himmel zustrebendes hohes Gebirge.Nach tausend Mühseligkeiten bekam die spanische Abtheilung Cuzco zu sehen, und der Senat, das Heer und das Volk erzitterte. Die Auftritte von Cajamalca waren allgemein bekannt; Cuzco, die Hauptstadt des Reiches, war der letzte Seufzer ihrer Freiheit und ihrer Anbetung, das Grab that sich unter den Füßen der Krieger auf und das Getöse der schnarrenden Ketten erschreckte das Kind und den Greis. Oh! verfluchte Schätze! Es wäre besser gewesen, wenn euch die Natur in die tiefsten Meeresgründe gestürzt hätte und die Erde sich nicht in dem Blute Unschuldiger tränkte!Als Almagro die Mauern von Cuzco entdeckte, glänzte ein süßes Lächeln auf seinen Wangen und eine einschmeichelnde Wehmuth heftete sich an seine Blicke; dort war seine schöne Coya, seine Wonne und seine Qual. Das Wohl seines Vaterlandes befahl die Eroberung des Reiches, seine religiösen Gefühle die Zerstörung der Sonnenaltäre; Coya verehrte den wahrhaftigen Gott, aber Coya liebte ihr Vaterland glühend, und ihre Liebe wäre ein trauriges Gespenst, das, so lange als das Vaterland der beiden Liebenden nicht ein einziges wäre, ihr Dasein quälen würde. Bei den Scharmützeln unterwegs waren viele peruanischeGefangene festgenommen worden, Alle frug Almagro nach seiner Angebeteten und Alle antworteten ihm, reichliche Thränen vergießend: »Coya ist eine Abkömmlingin der Inkas, sie ist eine Tochter der Sonne, ihr Vaterland ist ihr Abgott und für ihr Vaterland zu sterben, ist all’ ihre Wonne.«Wenn Coya in einem Augenblick der Zärtlichkeit, des Entzückens, ein Opfer der Liebe, ihren Cultus verließ, hatte sie mit reichlichen Thränen ihren Meineid geläutert, und ihr Vaterland zu verrathen wäre nicht ihr zweites Verbrechen.Da die spanische Abtheilung vielen Kämpfen zu trotzen hatte und mit Schnelligkeit marschirt war, nahm sie vor Cuzco einige Tage Ruhe, um sich von ihren Mühseligkeiten zu erholen und um die Politik der Belagerten zu beobachten. In Cajamalca kamen die Spanier wie Freunde an, und bequeme, mit Lebensmitteln versehene Zelte und eine mit Früchten gesegnete Flur boten ihnen bequeme Rast und reichlichen Unterhalt dar; bei der Ankunft in Cuzco fanden sie nur dichte Wälder, welche ihnen Schutz gewährten, und kräftige Stämme, um die Scheiterhaufen zu schüren, vor; die Flur aber war verwüstet, und Pizarro stieß auf nicht geringe Schwierigkeiten, um sich Lebensmittel zu verschaffen, da ihm die Peruaner innerhalb der Mauern Alles entrissen hatten.Wenn er mit seiner einzigen Abtheilung von achthundert Mann Alles abgewartet hätte, so wäre er auf noch größere Hindernisse gestoßen, viertausend Sklaven aber führten ihm die Transporte von Cajamalca,und von einigen Spaniern geleitet, durchstreiften sie die Fluren von Cuzco und brachten aus großen Entfernungen Lebensmittel her. Von diesen Unglücklichen, die, ohne daß ihr Herz der Anbetung der Sonne entsagt hatte, vor dem Tode fliehend, das Wasser der Taufe empfingen, schaffte ein jeder fünf Viertelcentner fort, ein den Kräften eines Peruaners weit überlegenes Gewicht, und zu Hunderten fielen sie von ihren Lasten erdrückt und erstickt an den Wegen hin, oder ließen mangels an Nahrungsmitteln schweißtriefend nach. Aus Mangel an Pferden und durch die Erfahrung des Schreckens und der Verheerungen, welche die Reiterei bei ihren Feinden veranlaßte, überzeugt, hatten die Eindringlinge sogar die Zugpferde der Artillerie bestiegen, und die Sklaven schleppten die Kanonen, welche gegen ihre Brüder donnerten. In den unterbrochenen Gegenden und in den Gefechten war die unerbittliche Peitsche des Gebieters immer gehoben, und der Unglückliche, welcher fiel, wurde überfahren und zerfleischt, um mit Blitzesschnelle durch einen Andern ersetzt zu werden, der auch lebte um zu leiden. Trotzdem die Sklaven in fünffacher Anzahl als die Eindringlinge waren, war es ihnen nicht möglich, sich gegen ihre Herren aufzulehnen. Ein großes Reservekorps sorgte dafür, die Menge unterwürfig zu halten, und bei dem geringsten Anzeichen von Ungehorsam wurde der Schuldbewußte auf die Folter gespannt und das Blut von hundert Unschuldigen floß zum Schrecken ihrer Gefährten.Nachdem sich die Abtheilung auf den anmuthigen Auen von Cuzco ausgebreitet hatte, schickte sie sich zur Einnahme der Stadt und zum Untergange des Reiches an. Das peruanische Heer hatte innerhalb der Mauern keinen Platz, und mächtige Korps streiften, bald die Mittheilungen mit der Hauptstadt aufrecht haltend, bald dem Feinde furchtbare Drohungen zurufend, in der Gegend umher. Alle Tage entspannen sich mehr oder weniger beträchtliche Scharmützel, aber niemals wagte man entscheidende Zusammenstöße, weil das eine wie das andere Heer, sich gegenseitig beobachtend, dieselben vermied. Die Eindringlinge kannten ihre geringe Anzahl und die Peruaner fürchteten sich vor den Wirkungen der europäischen Waffen; aber stets verwegen und ungestüm, stets wie ein unwiderstehlicher Strom zog Pizarro den Siegeswagen hinter sich her und fügte jeden Tag seinem Lorbeerkranz ein Blatt hinzu. Oh! wenn es gefühlvoll gewesen wäre!...Almagro, der seine Coya nicht sah, verabscheute sein Dasein und die Sonne glänzte nicht strahlend vor seinen Augen. Ein wenig mehr mit seinen Gefährten vereinigt, sprach er, ihnen stets Milde einflößend, endlich eines Tages in einer seinem Charakter eigenen Sprache: »Um etwa die neue Welt zu erobern, wird es nicht nothwendig sein, sie in Blut zu röthen; die Sanftmuth, die Bewunderung und die Ueberzeugung geben uns einen sicherern Sieg.« »Nein,« erwiderte Pizarro, »nur auf die Zerstörung kann sich die Eroberung des Reiches gründen.« »Die Götzendiener,« setzte Luque hinzu, »schwören ihre Götter nur auf demScheiterhaufen ab: Jesus Christus und der Satan vergleichen sich nicht.«Bald von dem Drange seines Herzens getrieben, bald von dem brennenden Wunsche hingerissen, seine Coya zu sehen und zu sprechen, machte sie Almagro beredt mit den Launen des Kriegsglückes, dem Kostbaren eines jeden Tropfen spanischen Blutes, das man vergösse, bekannt, und brachte sie endlich dahin, daß er eine Botschaft nach der Stadt auf sich nahm, worin ihnen Bedingungen, um Tributpflichtige des Königs von Spanien zu werden und das Christenthum zu umarmen, angeboten würden; und wenigstens einmal behielt im sechszehnten Jahrhundert die Stimme der Vernunft und der Menschlichkeit über die fanatische Wuth die Oberhand.Dekoratives Element
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Reich an unbedingt nothwendigen Vorräthen, gewährte das Lager von Cajamalca der Feldzugsabtheilung alle nöthigen Hülfsquellen, und die an Mineralien reichen Gebirge, welche es umgaben, hatten ihnen ebenfalls genügend Salpeter und Geschosse geliefert, um an großartige Unternehmungen zu denken. ViertausendunglücklicheSklaven, welche unter den gebieterischen Befehlen Pizarros seufzten, sollten als Lastthiere für die Transporte dienen, so daß die Expeditionsdivision die ganze Beweglichkeit hatte, welche der thätige Eroberer und die augenblickliche Nothwendigkeit beanspruchten. Dem tapfern Kapitän Manuel Ojeda wurde mit hundert erprobten Soldaten, welche sie besetzten, der Oberbefehl der Stadt übertragen, und von seinen Befehlen abhängige Unteroffiziere sollten, um den Nachtrab geschützt zu halten, die Landungen zu erleichtern und die Mittheilungen mit den Kolonieen und der Metropole zu sichern, die Detachements befehligen, welche sich nach Tumbez und San Mateoerstreckten, und so eröffneten die todesmuthigen Abenteurer mit großem Lärm und Geschrei, nicht wie wenn sie in den Kampf zogen, sondern wie wenn sie bereits unter den Ueberbleibseln der Beute den Sieg anstimmten, ihre Bewegung auf Cuzco.
Das peruanische Heer war unter dem Befehle des allgemein zum Nachfolger des Inkas und Oberhaupt des Reiches anerkannten Huascars in Cuzco eingezogen, wo es, durch neue Truppenaushebungen verstärkt, zu einer nach ihrer Art Kriegsführung vollständig ausgerüsteten Streitmacht von siebzigtausend Mann anwuchs. Die von den Eindringlingen in Cajamalca begangenen Gewaltthätigkeiten waren ihnen wohl bekannt, sie wußten um die Opfer, welche dieselben bei den Nachgrabungen der Bergwerke und der Führung der Transporte hinmordeten; sie kannten das unbillige Gesetz, welches sie zur Sklaverei und dazu verdammte, ihren süßen Glaubenslehren zu entsagen, oder in den Flammen zu sterben, und das ganze von Huascar beseelte Heer war entschlossen, eher auf dem Schlachtfelde zu sterben, oder unter den Trümmern von Cuzco zu versinken, als Sklaven der von Osten Gekommenen zu sein. Eine ansehnliche Versammlung von Aeltesten trug mit ihrem Rathe zur Regierung des Reiches bei; und Vericochas, im Namen der Sonne, in der Sprache der Götter, nicht mit der des Todes und des Verderbens, zu den Peruanern redend, entzündete sanft die Gemüther, eher rühmliche Opfer zu werden, als den Wohlthätigkeiten des leuchtenden Gestirns undankbar zu sein.Untröstlich, beweinte Ocollo ihren angebeteten Inka; ihre Tugenden und ihre reine Keuschheit erwarben ihr die Achtung und die Bewunderung Huascars, Vericochas und des Senates; und bei den frommen Handlungen war sie die erste, welche vor dem Altar der Sonne schwur, für den Glauben und die Freiheit ihres Vaterlandes zu sterben, und bei der Erinnerung an die unzüchtige Liebe, welche Pizarro ihr in den kummervollen Stunden erklärte, zog sich ihr Herz zusammen und entsetzte sich ihre Seele. Voll Feuer in Liebe zu Almagro entbrannt, fand Coya nur darin Trost, an ihrem eigenen Schmerz zu zehren. Almagro war ihr Athmen und ihre Wonne, sie hatte das Gleichgefühl ihrer Seelen erkannt und Coya war das traurigste Opfer der Liebe. Sie hatte ihren Glaubenslehren entsagt und das Glaubensbekenntniß eines Gottes abgelegt, den sie nicht kannte, den sie aber verehrte, da er der Gott ihres Almagros war. Der Schatten ihres Vaterlandes beunruhigte ihre Träume, der Schatten ihres Angebeteten zerriß ihr das Herz.
Das war die Lage der Helden des Reiches; Alle seufzten und ihre Thränen fruchteten dem Vaterlande nichts. Tapfer, kühn, gefühlvoll, mit denjenigen seiner Landsleute viel überlegeneren Kenntnissen, war Huascar der Abgott des Heeres und des Senates, und er handelte mit der größten Thätigkeit, um sich zum Kriege zu bereiten; er kannte jedoch die Ueberlegenheit der Waffen der von Osten Gekommenen und zweifelte an dem Siege. Seine ersten Besorgnisse waren, seine Feinde auszuspähen, um ihre Bewegungenim Voraus zu wissen, und er erfuhr die Ankunft neuer Streitkräfte und den Marsch Pizarros auf Cuzco. Obwohl bereits weit entfernt, die Eindringlinge für Söhne der Sonne, noch für Gottheiten zu halten, sank den Peruanern doch der Muth, als sie erfuhren, daß sie Verstärkungen empfingen; sie setzten schon einen sehr zusammengesetzten Plan voraus, und fünfzig bis sechszig ihrer Unterdrücker zu tödten, hatte dem Reiche mehr als fünfzehn- bis zwanzigtausend Opfer jeden Standes und Ranges gekostet; aber immer edel und menschlich, behielten sie eine kleine Anzahl Gefangener, welche sie in ihrer Gewalt hatten, am Leben. Die moralische Stärke der Heere stand etwa auf gleicher Höhe; der Ehrgeiz der Eindringlinge und ihr düsterer Fanatismus befahlen die Ausrottung der Peruaner; die Religion und die Freiheit des Reiches forderten das Blut der Eindringlinge.
Zwanzig Tagereisen war Cuzco von Cajamalca entfernt, und es gab Engpässe und Gebirge, welche, mit einer geringen peruanischen Kriegsmacht besetzt, der Feldzugsabtheilung nichtsdestoweniger Verlegenheiten verursachten, aber in diesen kleinen Scharmützeln blieben, obschon sie dennoch einige Verluste erlitten, stets die Europäer Sieger, und von Neuem bewunderten sie die heldenhafte Tapferkeit und den wilden Muth der Peruaner. Alle Tage boten sich ihnen Beispiele von Kriegern dar, welche, die Griechen bei Thermopylä nachahmend, bald um ihre Gefährten zu retten, bald um im Grabe eine unverletzliche Zufluchtsstätte ihrer Freiheit und ihrer Religion zu finden, einem sichern Todentgegengingen. Pizarro und die Seinen wälzten todesmuthig ihre Feinde fort, und bereiteten sich zu neuen Siegen vor; die Tapferkeit der Spanier war im sechszehnten Jahrhundert die Bewunderung Europas, die neue Welt die Wiege der Helden und der Thron der Gothen ein die Erde verachtendes, dem Himmel zustrebendes hohes Gebirge.
Nach tausend Mühseligkeiten bekam die spanische Abtheilung Cuzco zu sehen, und der Senat, das Heer und das Volk erzitterte. Die Auftritte von Cajamalca waren allgemein bekannt; Cuzco, die Hauptstadt des Reiches, war der letzte Seufzer ihrer Freiheit und ihrer Anbetung, das Grab that sich unter den Füßen der Krieger auf und das Getöse der schnarrenden Ketten erschreckte das Kind und den Greis. Oh! verfluchte Schätze! Es wäre besser gewesen, wenn euch die Natur in die tiefsten Meeresgründe gestürzt hätte und die Erde sich nicht in dem Blute Unschuldiger tränkte!
Als Almagro die Mauern von Cuzco entdeckte, glänzte ein süßes Lächeln auf seinen Wangen und eine einschmeichelnde Wehmuth heftete sich an seine Blicke; dort war seine schöne Coya, seine Wonne und seine Qual. Das Wohl seines Vaterlandes befahl die Eroberung des Reiches, seine religiösen Gefühle die Zerstörung der Sonnenaltäre; Coya verehrte den wahrhaftigen Gott, aber Coya liebte ihr Vaterland glühend, und ihre Liebe wäre ein trauriges Gespenst, das, so lange als das Vaterland der beiden Liebenden nicht ein einziges wäre, ihr Dasein quälen würde. Bei den Scharmützeln unterwegs waren viele peruanischeGefangene festgenommen worden, Alle frug Almagro nach seiner Angebeteten und Alle antworteten ihm, reichliche Thränen vergießend: »Coya ist eine Abkömmlingin der Inkas, sie ist eine Tochter der Sonne, ihr Vaterland ist ihr Abgott und für ihr Vaterland zu sterben, ist all’ ihre Wonne.«
Wenn Coya in einem Augenblick der Zärtlichkeit, des Entzückens, ein Opfer der Liebe, ihren Cultus verließ, hatte sie mit reichlichen Thränen ihren Meineid geläutert, und ihr Vaterland zu verrathen wäre nicht ihr zweites Verbrechen.
Da die spanische Abtheilung vielen Kämpfen zu trotzen hatte und mit Schnelligkeit marschirt war, nahm sie vor Cuzco einige Tage Ruhe, um sich von ihren Mühseligkeiten zu erholen und um die Politik der Belagerten zu beobachten. In Cajamalca kamen die Spanier wie Freunde an, und bequeme, mit Lebensmitteln versehene Zelte und eine mit Früchten gesegnete Flur boten ihnen bequeme Rast und reichlichen Unterhalt dar; bei der Ankunft in Cuzco fanden sie nur dichte Wälder, welche ihnen Schutz gewährten, und kräftige Stämme, um die Scheiterhaufen zu schüren, vor; die Flur aber war verwüstet, und Pizarro stieß auf nicht geringe Schwierigkeiten, um sich Lebensmittel zu verschaffen, da ihm die Peruaner innerhalb der Mauern Alles entrissen hatten.
Wenn er mit seiner einzigen Abtheilung von achthundert Mann Alles abgewartet hätte, so wäre er auf noch größere Hindernisse gestoßen, viertausend Sklaven aber führten ihm die Transporte von Cajamalca,und von einigen Spaniern geleitet, durchstreiften sie die Fluren von Cuzco und brachten aus großen Entfernungen Lebensmittel her. Von diesen Unglücklichen, die, ohne daß ihr Herz der Anbetung der Sonne entsagt hatte, vor dem Tode fliehend, das Wasser der Taufe empfingen, schaffte ein jeder fünf Viertelcentner fort, ein den Kräften eines Peruaners weit überlegenes Gewicht, und zu Hunderten fielen sie von ihren Lasten erdrückt und erstickt an den Wegen hin, oder ließen mangels an Nahrungsmitteln schweißtriefend nach. Aus Mangel an Pferden und durch die Erfahrung des Schreckens und der Verheerungen, welche die Reiterei bei ihren Feinden veranlaßte, überzeugt, hatten die Eindringlinge sogar die Zugpferde der Artillerie bestiegen, und die Sklaven schleppten die Kanonen, welche gegen ihre Brüder donnerten. In den unterbrochenen Gegenden und in den Gefechten war die unerbittliche Peitsche des Gebieters immer gehoben, und der Unglückliche, welcher fiel, wurde überfahren und zerfleischt, um mit Blitzesschnelle durch einen Andern ersetzt zu werden, der auch lebte um zu leiden. Trotzdem die Sklaven in fünffacher Anzahl als die Eindringlinge waren, war es ihnen nicht möglich, sich gegen ihre Herren aufzulehnen. Ein großes Reservekorps sorgte dafür, die Menge unterwürfig zu halten, und bei dem geringsten Anzeichen von Ungehorsam wurde der Schuldbewußte auf die Folter gespannt und das Blut von hundert Unschuldigen floß zum Schrecken ihrer Gefährten.
Nachdem sich die Abtheilung auf den anmuthigen Auen von Cuzco ausgebreitet hatte, schickte sie sich zur Einnahme der Stadt und zum Untergange des Reiches an. Das peruanische Heer hatte innerhalb der Mauern keinen Platz, und mächtige Korps streiften, bald die Mittheilungen mit der Hauptstadt aufrecht haltend, bald dem Feinde furchtbare Drohungen zurufend, in der Gegend umher. Alle Tage entspannen sich mehr oder weniger beträchtliche Scharmützel, aber niemals wagte man entscheidende Zusammenstöße, weil das eine wie das andere Heer, sich gegenseitig beobachtend, dieselben vermied. Die Eindringlinge kannten ihre geringe Anzahl und die Peruaner fürchteten sich vor den Wirkungen der europäischen Waffen; aber stets verwegen und ungestüm, stets wie ein unwiderstehlicher Strom zog Pizarro den Siegeswagen hinter sich her und fügte jeden Tag seinem Lorbeerkranz ein Blatt hinzu. Oh! wenn es gefühlvoll gewesen wäre!...
Almagro, der seine Coya nicht sah, verabscheute sein Dasein und die Sonne glänzte nicht strahlend vor seinen Augen. Ein wenig mehr mit seinen Gefährten vereinigt, sprach er, ihnen stets Milde einflößend, endlich eines Tages in einer seinem Charakter eigenen Sprache: »Um etwa die neue Welt zu erobern, wird es nicht nothwendig sein, sie in Blut zu röthen; die Sanftmuth, die Bewunderung und die Ueberzeugung geben uns einen sicherern Sieg.« »Nein,« erwiderte Pizarro, »nur auf die Zerstörung kann sich die Eroberung des Reiches gründen.« »Die Götzendiener,« setzte Luque hinzu, »schwören ihre Götter nur auf demScheiterhaufen ab: Jesus Christus und der Satan vergleichen sich nicht.«
Bald von dem Drange seines Herzens getrieben, bald von dem brennenden Wunsche hingerissen, seine Coya zu sehen und zu sprechen, machte sie Almagro beredt mit den Launen des Kriegsglückes, dem Kostbaren eines jeden Tropfen spanischen Blutes, das man vergösse, bekannt, und brachte sie endlich dahin, daß er eine Botschaft nach der Stadt auf sich nahm, worin ihnen Bedingungen, um Tributpflichtige des Königs von Spanien zu werden und das Christenthum zu umarmen, angeboten würden; und wenigstens einmal behielt im sechszehnten Jahrhundert die Stimme der Vernunft und der Menschlichkeit über die fanatische Wuth die Oberhand.
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