Kapitel 18.Botschaft.

Dekoratives ElementKapitel 18.Botschaft.Beredt und von allen Tugenden beseelt, gab Huascar seinen Soldaten nicht nur ein Beispiel, die Gefahren zu verachten, sondern er hielt ihnen auch jeden Augenblick eine begeisterte Ansprache über die Reize der Freiheit und schilderte ihnen das Knarren der mächtigen Ketten, welche, wenn sie sich von den von Osten Gekommenen besiegen ließen, ihre Arme festbänden. Von Dankbarkeit durchdrungen, rief Vericochas die unendlichen Gaben im Tempel aus, welche der Vater des Tages über die Erde ergoß, wie die Menschen zu seiner Anbetung verpflichtet seien, und was für ein schrecklicher Meineid, für ein schwarzes Verbrechen es wäre, wegen dem Gotte gefühlloser Menschen, welche die Ausübung ihrer Glaubenslehren mit nichts als Dolch und Scheiterhaufen erzwangen, den Kultus ihrer Ahnen, den Kultus der Vernunft zu verlassen.Nachdem die Seelen entbrannt waren, stürzten sich die Peruaner muthig in den Tod und die Tapferkeit der Spanier schwebte tausend Mal in Gefahr. Aber die Spanier waren im sechszehnten Jahrhundert die Bewunderung Europas, ihre Tollkühnheit hatte ihnendas Reich zweier Welten gegeben; Pizarro war von dem Schicksal so hingerissen, wie geschmeichelt, und bei der Wucht seiner mörderischen Waffen gaben die zahlreichen Heere des Reiches nach. Das Blut der Unglücklichen röthete die anmuthigen Fluren von Cuzco, schon erbebten beim Donner der Kanonen die Grundfesten der Stadt, als eine weiße Fahne vor den Mauern vorzeigend, Almagro den Belagerten ein Zeichen gab, daß ein freundschaftliches Abkommen gefeiert werden würde.Die Lage der beiden Heere war schwierig, die einen wie die andern hatten kaum mehr die Wahl als Sieg oder Tod, es war nicht nur ein politischer, es war auch ein religiöser Krieg, und die traurige Geschichte der Vorurtheile und des Fanatismus hat mehr als die Thronfolge und der Ehrgeiz der Könige, die Blätter der Geschichte mit Blut gefärbt. Das Abkommen wäre den einen wie den andern Streitern vortheilhaft, es lag aber nicht in der Möglichkeit, die gegenseitigen Interessen zu vereinbaren; Usurpation und Freiheit, Fanatismus und Duldsamkeit haben keinerlei Berührungspunkte. Huascar und der Rath beschlossen endlich, Almagro, welcher von zwei Reitern begleitet sich den Mauern genähert hatte, den Eintritt zu gestatten.So sehr auch Coya das Feuer verbarg, welches in ihr glühte, war ihre Liebe den Großen des Reiches bekannt, aber duldsam und der Tugenden der Heldin sicher, tadelten die Peruaner niemals ihr Betragen, noch zweifelten sie an ihrer Treue und ihrer Liebe zum Vaterlande. Im Gegentheil, Coya, welche ihreWonne darin setzte, den Namen Almagros zu wiederholen, erzählte Allen seine Tugenden, versicherte Allen, daß er nicht von dem Geschlechte der von Osten Gekommenen sein konnte, und der Name Almagros wurde unter den Opfern der Sieger nicht mit Haß angesehen. Als Coya sah, daß er der Führer der Botschaft war, als sie den Augenblick, ihren Angebeteten von Neuem zu sprechen, nahe sah, versicherte sie, daß sie eine glückliche Zukunft ahnte, daß ihr Herz ihr sagte, daß die Schrecknisse aufhören und wieder Ruhe und Glück entstehen würde.Hastig eilte Coya an das Thor, und die beiden gefühlvollen Geliebten verstummten in tiefer Entzückung. Jene Empfindlichkeiten des Todes Atahulpas entflohen aus dem Gedächtniß der Tochter der Sonne, und nur die Zärtlichkeit begeisterte die Seelen. Zu welch’ theurem Preise die Liebe gefühlvollen Herzen ihre Wonne verkauft! Unfreiwillige Thränen liefen an den Wangen der beiden Liebenden herab und ihre Thränen schienen der Strenge ihres Schicksals zu fluchen, aber Coya, an der Seite ihres Abgottes, wiederholte ihm unter Schluchzen: »Ein süßer Liebesblick lohnt ein Jahrhundert voller Qualen«.Die Peruaner kannten die Namen der Spanier, und überhaupt diejenigen der drei Anführer des Feldzuges sehr wohl, und derjenige Almagros war, weil seine Tugenden bekannt waren, im Reiche beliebt: Bald gab er, ihn von dem harten Halseisen losmachend, einem Sklaven die Freiheit, bald rettete er einen unglücklichen Gatten vom Tode, bald half erder Betrübniß der Besiegten auf, und Alle hatten, vor Dankbarkeit aufathmend, seine Wohlthätigkeit und seine Frömmigkeit in Cajamalca, Cuzco und in dem Heere bekannt gemacht. Ein ungeheures, blutiges Volk, mit den Zeichen der Todesangst in dessen Zügen, umstand in einer Grabesstille den Krieger auf Plätzen und Straßen; und ungeduldig erwartete der im Vorhofe versammelte Rath und der Kaiser den Boten.Kostbarer Marmor und Porphyr bedeckte den Boden des geräumigen Saales, einfach angeordnete Bretter von Gold und Silber unterstützten die Decke, und prächtige, tausendfarbige Federn schmückten die Räume mit zarter Kunst. Nachdem Almagro dahin geführt worden war, herrschte in der Versammlung und unter der ungeheuren Zuhörerschaft eine Grabesstille, als Huascar sich von dem Präsidentenstuhle erhob und ruhigen Tones ausrief: »Krieger, die Peruaner lassen sich eher unter den Trümmern ihres Vaterlandes begraben, als schimpflich nachzugeben; sprich, ob du einen ehrenvollen Frieden bringst, wenn nicht, gehe und sage den Deinen, sie sollen unsere Gräber öffnen.« Ein dumpfes Beifallsgemurmel rührte die Versammlung und beredt brach Almagro aus: »Nein, unschuldige Peruaner, die von Osten Gekommenen haben keinen Gefallen an Blut und Verderben, sie wollen eure Freundschaft und wollen eure Brüder sein.« Die Arglosigkeit und das Lächeln erglänzte in der Versammlung und Thränen der Rührung unterbrachen das Geschluchze. Ohne ihre Blicke von Almagro abzuwenden, schien Coya in Mitten der Ruhe bereits den köstlichen Kelch derLiebe zu kosten, und sie segnete den Gott der Wahrheit, den sie anbetete.»Ja, Almagro«, fuhr Huascar fort, »das Reich kennt deine Tugenden und zweifelt nicht an der Aufrichtigkeit deiner Worte: Aber erinnere dich der freundschaftlichen Anerbietungen, welche deine Gefährten von dem unheilvollen Augenblicke an machten, da sie diesen Boden betraten; erinnere dich ihrer ganzen Geschichte und der blutigen Auftritte, die wir durchgangen haben, und du weißt wohl, daß wir unsere Waffen nicht ablegen und auf neue Versprechungen hoffen können.«»Nein, Peruaner, ich verbürge das Abkommen, mein Degen haftet euch für dessen Heiligkeit und dessen Erfüllung.« »Sprich, würdiger Sohn der Sonne, Abgott des Reiches,« brach eine unbekannte Stimme in der Versammlung aus.»Die von fernen Himmelsstrichen, wo die Sonne aufgeht, hieher gekommenen Spanier,« fuhr Almagro fort, »haben ihrer Arbeitsamkeit und ihrem Glücke eine wenn nicht gefühlvollere Seele als die eure, so doch einen erleuchteteren und vielleicht kräftigeren Verstand zu verdanken. Ihr werdet es bemerkt haben, unser Verstand und unsere Arme haben eure zahlreichen Heere besiegt. Unser Herrscher, welcher über ausgedehnte Länder gebietet, regiert ein ungeheures Reich, und wie der Hauch des Allmächtigen, würde sein Hauch genügen, um euer Land zu begraben. Die ewige Hand, welche dieses Weltall regiert, das euch mit Bewunderung erfüllt, ertheilte auch uns ihre Gaben und bot uns die unaussprechliche Glückseligkeit an.Jesus Christus, der Sohn Gottes, stieg in Gestalt eines Menschen auf die Erde hernieder und sterbend am Kreuze offenbarte er uns Geheimnisse, setzte uns mit Wundern in Erstaunen und hinterließ uns, um die ewige Seligkeit zu erlangen, den Glauben und die Taufe. Vielleicht wird eure Vernunft diese tiefen Geheimnisse nicht durchdringen; wenn ihr aber den Gott der Spanier anbetet, wenn ihr Vasallen ihres großen Herrschers seid, werden die Kriegsrohheiten aufhören und eure Brüder werden euch bereitwilligst erleuchten, sie werden euch auf den Weg des Heiles bringen und werden euch glücklich machen.«Ein tiefes Stillschweigen herrschte in der Versammlung, während Almagro sprach, bis daß Huascar von Neuem ausbrach: »Großmüthiger Spanier, wenn deine Gefährten deine Tugenden hätten, wären wir eure Brüder und es flösse kein Blut, noch flöge die Zerstörung umher. Wir anerkennen die Ueberlegenheit eures Verstandes, eurer Fortschritte, und bereitwillig werden wir euch auf Kosten der Schätze, welche diesen Boden bedecken, nacheifern. Doch sieh die leuchtende Sonne an, wie sie so erhaben in Mitten des Firmamentes glüht; durch sie entstehen die Blumen und wachsen die Früchte; ihr Licht belebt das Weltall und beseelt die Menschen; sieh, wie unglücklich die Welt ist, wenn sie sich in’s Meer vergräbt und uns der Finsterniß überläßt. Die Pflicht, die Dankbarkeit, das hehre Beispiel unserer Vorfahren, unsere Vernunft, Alles stellt sie uns unsern Augen als das erste Wesen der Welt vor. Jene unschuldige Anbetung hat dieGlückseligkeit dieser Regionen ausgemacht und ihre Verlassung dem Tode vorzuziehen, wäre das schwärzeste Verbrechen. Wir kennen euren Gott nicht, wir haben nur die entsetzlichen Scheiterhaufen gesehen, worauf die Unglückseligen, welche euren Cultus nicht umarmt haben, ihren Geist aushauchten. Wir haben das Blut unsere Felder überfluthen sehen, wir haben eure Meineide gesehen, und die Qualen und die Flammen sind uns ein Bett von Blumen, ehe wir es an unsern frommen Glaubenslehren fehlen lassen. Wenn ihr Frieden wollt, wird der erste Artikel die Unverletzlichkeit unserer Tempel und unserer staatlichen Freiheit sein.«Almagro inzwischen vergoß Thränen der Rührung und des Mitleids. »Der Seligkeit würdig sind diese Seelen,« sagte er zu sich; »Jesus Christus wird ihren Verstand erleuchten und ihnen seine Lehren offenbaren.« »Gefühlvolle Peruaner,« wiederholte er, »ich stelle mich euch nicht als ein Krieger und noch weniger als ein Eroberer vor, nur als ein gefühlvoller Mensch, der euch liebt und euer Glück wünscht. Eure Empfindsamkeit und eure Tugenden machen euch des irdischen Glückes und der ewigen Seligkeit würdig; glaubt dem, der euch liebt, umarmt den Glauben an Jesus, werdet Vasallen des großen Königs von Spanien, und daß das Weinen und die Zerstörung aufhöre.«»Mein ist, als Priester des Reiches, das Recht,« brach Vericochas aus, »auf deine frommen Uebereinkünfte zu antworten, und das Volk und der Senat werden vielleicht die Meinung des Priesters achten. Den Vater des Tages verehrend, blühte das ReichJahrhunderte lang, die Dankbarkeit begeistert dessen Anbeter, aber das leuchtende Gestirn will in seinen Söhnen die Ueberzeugung der Vernunft, nicht die Sprache der Lippen. Wenn jener erhabene Gott, an den du glaubst, die Herzen der Peruaner begeistert und die Vernunft sie ihrer Anbetung entreißt, mögen euch eure Proselyten glücklich folgen, aber ebenso ruhig loben wir, die wir seinen Wohlthaten niemals undankbar sein werden, in unsern Tempeln den Gott, der die Tage entflammt. Peruaner, im Namen der Sonne verlange ich von euch, daß, ehe wir ihn, wenn sie unsere Vernunft gefangen nehmen, uns mit seinem finstern Zorne bedrohen sehen, ehe wir davon lassen, ihn anzubeten, wir unter die Trümmer des Reiches versinken.«Heftige Rufe leisteten von allen Seiten den Schwur, den Vericochas verlangte, und Almagro erhob seine Hände zu dem wahrhaftigen Gott, damit er diese Seelen aus der Götzendienerei herausrisse.»Ich, als euer Herrscher,« rief Huascar aus, »stimme in Bezug auf unsere staatliche Freiheit überein, und das Volk und die Priester werden vielleicht meiner Stimme beipflichten. Entfernt von mir der Ehrgeiz nach dem Oberbefehle, würde ich, um meinen Thron aufrecht zu erhalten, niemals an meinem Vaterlande zum Meineidigen werden. Unsere staatlichen Gesetze haben die Glückseligkeit unserer Vorfahren gemacht, in unsern Gesetzen steht unser Glück geschrieben, und wenn wir die von Osten Gekommenen in das Meer stürzen könnten, würde unser Blut den Baumunserer Glückseligkeit begießen. Ich stimme für den Krieg: Beweinen wir, um glücklich zu sein, nicht die Noth des Vaterlandes, das Grab bietet uns eine ruhige Stätte an....«»Nein, Huascar,« unterbrach ihn Almagro, »laß dich nicht von der Tapferkeit und der Begeisterung hinreißen. Ich schwöre euch noch einmal, wir werden euer Glück machen, wir wollen keine Sklaven, wir wollen Brüder, wir wollen mit euch glücklich sein. Werft einen dichten Schleier über das Vergangene, traut meinem Schwure.«Ein greiser Rath erhob die Stimme und sagte: »Der Friede oder der Krieg entscheiden das Schicksal des Reiches; wenn sich der Gesandte zurückzieht, werden wir mit mehr Freiheit und Gelingen das Schicksal unseres Vaterlandes entscheiden können.« Coya, welche in Mitten der Rathsversammlung, bei der Erinnerung an die traurige Nacht, da sie, den Cultus der Sonne verlassend, das Wasser der Taufe empfing, die Liebe, die in ihrem Herzen brannte, noch die Unruhe, die ihre Seele verzehrte, verbergen konnte, beeilte sich, Almagro einzuladen, daß er, in soweit der Rath berathschlagte, nach ihrem Palast auszuruhen ginge. Der edle Krieger, welcher sich, von seinem gefühlvollen Herzen hingerissen, so sehr nach Frieden sehnte, den die Liebe zu Coya, das Glück, sie zu sehen, einen Augenblick mit ihr zu sprechen, nach Cuzco getrieben hatte, hielt den Augenblick, wonach sein Herz sich sehnte, für gekommen, und der Jubel und das Lächeln erglänzten auf seinem Antlitze. »Jedoch,« rief er eiligaus, »und meine Gefährten, die von euren Waffen besiegt wurden, segnen sie eure Tugenden, kann ich sie in meine Arme schließen?«»Ja, Almagro,« erwiderte Huascar, »in Ausübung ihres Cultus sind sie, mit Menschenwürde behandelt, weder zu harten Sklavendiensten verdammt worden, noch haben sie weder Dolch noch Scheiterhaufen dem Glauben an Jesus entrissen, um den Gott des Tages anzubeten.«, »Oh! herrliche Seelen! Ich schwöre euch von Neuem meine Liebe zu; mein Degen wird das Bollwerk eurer Freiheit sein. Jesus Christus wird euren Verstand erleuchten und vielleicht werdet ihr eines Tages die von Osten Gekommenen segnen,« sagte Almagro, und gefolgt von Coya und einem zahlreichen Volke, ging er aus dem Senat, um sich den Liebkosungen der reinsten Liebe zu überlassen.Coya, eine Abkömmlingin der Inkas, Tochter der Sonne und Prinzessin des Reiches, hatte einen einfachen, mit prächtigen, tausendfarbigen Federn verzierten Palast, mit Decken und Fußböden von Gold. Dahin geführt, warf sich, ohne weitere Zeugen als glänzendem Gefolge, welches die fernen Thore und die Räumlichkeiten der Säle bedeckte, Almagro mit vor Liebe entflammtem Herzen, und in den Blicken Coyas brennenden Blicken, wie von einem Strome, von einem Sturmwind hingerissen, zu Füßen Coyas, indeß Coya ihren edeln und großmüthigen Geliebten mit ihren Thränen benetzte.»Oh, erhabene Gottheit!« sagte er zu ihr; »diese Thränen des Mitleids verrathen doch noch deine Liebe.Liebst du mich noch?« »Undankbarer!« »Nein, Coya, ich liebe dich so sehr wie die Morgenluft, so sehr wie den Glanz der Morgenröthe, so sehr wie meinen Gott!« Unfreiwillige Thränen quollen an den Wangen der beiden Liebenden herab und tiefe Seufzer unterbrachen ihre Worte. »Oh! Almagro! Denke an jene einsame Nacht, an jenen klaren Bach, wo ich den Glauben meiner Vorfahren verließ, wo ich, das Wasser der Taufe empfangend, an meinem Gotte meineidig wurde.... Ich betete Jesus an, nicht daß ich ihn kannte, sondern weil er der Gott meines Almagros war; mein Verbrechen ist, in Finsterniß und in ewigem Geheimniß begraben, in der Tiefe meines Herzens geblieben; aber beim Niederknieen vor den Altären der Sonne haben dunkle Gewissensbisse meine Seele zerrissen und nur die Erinnerung an Almagro tröstete mich in meinem Wahnwitz.... Undankbarer, und du wirst in das Lager der Deinen zurückkehren, und du wirst das Vaterland deiner Coya verheeren, und vielleicht auf meinem Grabe sitzend, wird dir mein Gedächtniß nicht eine Thräne, nicht einen Seufzer gelten!« »Ach, Coya! Deinen Namen wiederholend, deinen Namen anbetend, deine Schönheit preisend, deinem Gedächtniß tausend Thränen weihend, habe ich hundert Mal die Sonne in den Abgründen der Erde untergehen und ebenso manchmal von den Tiefen des Meeres aufgehen sehen. Die Hoffnung, dich zu sehen, dich zu sprechen, dir meine Liebe zu schwören, hat mein Dasein erhalten und hat mich in den Kämpfen unbesiegbar gemacht.« »Und bereitest du dich etwaschon vor, mir den letzten Abschiedsgruß zu geben.« »Ich werde dich in dichten Wäldern, unter den Pfeilen deiner Krieger, auf unbekannten Meeren suchen.« »Unter den Trümmern meines Vaterlandes, zwischen den Leichen der Peruaner wirst du mich wohl im Blute schwimmend suchen.« Vielleicht würde ihr Almagro bei seinem Gott geschworen haben, seine Gefährten zu verlassen und seinen Degen für die Unabhängigkeit Perus zu schwingen, wenn die schöne, in Trauer gekleidete Ocollo, mit der Traurigkeit und dem Schmerze in ihrer Miene, Almagro suchend, unter einem zahlreichen Volke nicht ebenfalls im Palaste Coyas angekommen wäre. »Du, der du gefühlvoll bist, Krieger, wirst den Wahnwitz einer Unglücklichen verzeihen, welche deine Gefährten zur Wittwenschaft und zu den Thränen verdammten. Sind die Ueberreste des unglücklichen Atahulpas, seine Asche, noch in eurem Lager vorhanden? Wenn sie noch da sind, Sohn der Sonne, bitte ich darum, gieb mir einen so unaussprechlichen Schatz zurück, damit ich sie alle Tage mit meinen Thränen benetze.« »Ah! unglückliche Ocollo, sie wurden in den Wind gestreut, er starb als ein Götzendiener.« »Er starb als ein Tugendhafter.« »Ich war nicht verbrecherisch.« »Die Geschichte wird das Verbrechen bekannt machen, die entfernten Geschlechter werden seine Mörder hassen.« »Tröste deine Thränen, göttliche Ocollo, denke nur an die Glückseligkeit deines Vaterlandes; deine Schönheit und deine Reize vermögen mehr als die zahlreichen Heere.« »Ich kann meinem betrübten Vaterlande nur das unfruchtbareOpfer meiner Thränen anbieten.« »Nein, Ocollo, du kannst es vor seinem Untergange retten, du kannst die Ketten der Sklaven zerbrechen, du kannst den Eroberer deines Reiches überwinden. Pizarro liebt dich rasend, deine Blicke sind in sein Herz gedrungen und haben in ihm einen schrecklichen Vulkan entzündet, du weißt es, er hat dir das Geheimniß enthüllt, du kannst ihn lieben....« »Den Mörder Atahulpas!« »Das Wohl Perus befiehlt es.« »Ein Opfer, das meine Kräfte übersteigt, der Schatten Atahulpas, welcher Schrecken!...«Almagro, der Pizarros ungestümen Charakter und die Liebe, die in dessen Herzen glühte, kannte, sah, als er die feste Entschlossenheit der Schönen gewahrte, die traurigsten Schicksale in der Zukunft der neuen Welt voraus. Beredte Blicke auf seine Coya heftend, »gehen wir,« sagte er zu ihr, »der Rath wird das Schicksal des Reiches bereits entschieden haben.« Unter glänzender Begleitung zogen Ocollo, Coya und Almagro in der größten Besorgniß nach der Rathsversammlung. Die Räthe hatten bereits berathschlagt und überreichten dem Boten den Frieden. »Wenn deine Gefährten,« rief Huascar aus, »den Frieden wollen, sind sie ihrer Tapferkeit und der Macht ihres großen Herrschers würdig; wenn sie aber unsere Vorschläge verweigern, hoffet nicht auf die Demüthigung der Peruaner, ihre Gesetze und ihre Tempel aufrecht haltend, werden sie rühmlich unter den Trümmern des Reiches begraben werden. Von dem unglückseligen Augenblick an, in dem sie diesen Boden betraten, sind wir die Opferunserer Unschuld gewesen, und wir wollen, wenn uns nicht Gewährleistungen geboten werden, uns nicht von Neuem auf Treu und Glauben hingeben.«Almagro brach aus: »Ich bin der Beauftragte, den Frieden zu unterhandeln: Meine Gefährten werden ihren Schwur nicht verfehlen. Es ist schwierig, euch zufriedenstellende Bürgschaft zu geben; aber wenn sie die Vorschriften unserer heiligen Religion nicht hören wollen, schwöre ich euch bei Jesus Christus, daß ich ihre Reihen verlassen, daß ich an eurer Seite kämpfen werde; ich habe ebenfalls Anhänger in meinem Lager, die vielleicht den Krieg blosstellen würden.«»Deine Tugenden haben das Zutrauen des Reiches verdient,« erwiderte Huascar; »mit dir wäre der Sieg unser: So höre denn das Abkommen.«1. Die Tempel und Gesetze Perus sind frei und nur die Peruaner können ihre politischen und religiösen Gesetze wieder einsetzen oder abändern.2. Die Spanier leben unter dem Reiche der Gesetze ihres Herrschers und der freien Ausübung ihres Cultus.3. Die Spanier können ihre Religion verkünden, indem sie sich, um zu ihrem Glauben zu bekehren, dabei der Ueberzeugung bedienen.4. Das peruanische Reich bezahlt an den großen Beherrscher im Osten jährlich hundert Viertelzentner Gold und zwölf Tausend Silber.5. Die Spanier können in Peru frei kaufen und verkaufen.6. Auswechselung der Gefangenen.»Das sind die Uebereinkünfte,« wiederholte Huascar, »an den Artikeln darf nichts geändert werden; wenn ihr den Frieden wollt, wenn Almagro die Schwüre gewährleistet, werden Tod und Verderben aufhören; wenn ihr aber unsere Schande sucht, erklären wir euch den Krieg, bis wir in den Staub versinken.«Bedächtig schrieb Almagro die Artikel nieder und rief in der Rathsversammlung aus: »Der Frieden ist eurer und des großen Herrschers im Osten würdig, ich nehme ihn an; ich werde darnach trachten, daß meine Gefährten ihn vor dem heiligen Evangelium beschwören, und alsdann wird Almagro dessen Unverbrüchlichkeit verantworten. Aber Peruaner, ein einfaches Mittel bietet uns das Schicksal an, um unsere Bande zu umschlingen; Ocollo seufzt in der Wittwenschaft, Pizarro vergöttert sie; die Schöne gebe ihm vor dem Altare den süßen Namen eines Gatten.«»Dem Mörder Atahulpas,« schrie Ocollo auf, »ich kann ihn nur verabscheuen....«Vericochas bestätigte, daß in Peru die Liebe unverbrüchlich sei, daß es einzig Ocollo anginge, dem Krieger zu antworten. »Ich verabscheue ihn,« wiederholte sie. »Sage Pizarro, er solle seine Liebe ersticken,« brach Huascar aus, »daß das Reich nicht über die Herzen befiehlt, daß Ocollo ihn nicht lieben kann.«Tausend rührende Betrachtungen stellte Almagro an den Senat, aber auf der Stirne Ocollos erglänzte der Abscheu, den ihre Seele zu Pizarro hatte, und es war kein Abkommen möglich, weil die Peruaner die Schöne niemals zum Opfer ihrer Angelegenheiten machenwürden. Nachdem der Spanier Huascar, Vericochas und den Räthen tausend zärtliche Umarmungen ertheilt, bat er sie, ihm zu gestatten, auch die Gefangenen zu umarmen; er weinte innig mit ihnen, versprach ihnen, daß sie bald in ihr Lager und in ihr Vaterland zurückkehren würden, und fröhlich ging er aus der Stadt, um die Uebereinkünfte mit seinen Gefährten zu behandeln.Die schöne Coya schwur ihrem Geliebten von Neuem ihre Liebe zu. Tausend Zärtlichkeiten und tausend Liebkosungen versicherten ihr diejenige Almagros und glücklich sahen sie dem Ende ihrer Qualen entgegen. Obschon im Heere erzogen, segnete Coya den Frieden, und obwohl unter dem Getöse der Waffen geboren, fand Almagro nur im Frieden das Mittel, sich an den Liebkosungen seiner Coya zu erfreuen. Die Peruaner behielten ihre Gesetze und ihre Tempel, ihre Ehre war in Nichts herabgewürdigt; wenn sie auch den Spaniern ungeheure Summen bezahlten, lernten sie doch ihre Wissenschaften, ihre Künste und ihre Civilisation; die einen wie die andern wären glücklich, die Zeiten und die Sitten umschlängen ihre Bande, in Spanien würden Ströme peruanischen Goldes fließen und Freunde und freie Brüder wären ihnen vortheilhafter als unglückliche Sklaven. So schrieb es die Zukunft vor und befahl es das Wohl der Nationen, aber im sechszehnten Jahrhundert wogen am Hofe Karls des Fünften und seiner Abgesandten das Schwert und das Kreuz mehr als die Vernunft, mehr als die Menschlichkeit und mehr als das Wohl der Nationen.

Dekoratives Element

Beredt und von allen Tugenden beseelt, gab Huascar seinen Soldaten nicht nur ein Beispiel, die Gefahren zu verachten, sondern er hielt ihnen auch jeden Augenblick eine begeisterte Ansprache über die Reize der Freiheit und schilderte ihnen das Knarren der mächtigen Ketten, welche, wenn sie sich von den von Osten Gekommenen besiegen ließen, ihre Arme festbänden. Von Dankbarkeit durchdrungen, rief Vericochas die unendlichen Gaben im Tempel aus, welche der Vater des Tages über die Erde ergoß, wie die Menschen zu seiner Anbetung verpflichtet seien, und was für ein schrecklicher Meineid, für ein schwarzes Verbrechen es wäre, wegen dem Gotte gefühlloser Menschen, welche die Ausübung ihrer Glaubenslehren mit nichts als Dolch und Scheiterhaufen erzwangen, den Kultus ihrer Ahnen, den Kultus der Vernunft zu verlassen.

Nachdem die Seelen entbrannt waren, stürzten sich die Peruaner muthig in den Tod und die Tapferkeit der Spanier schwebte tausend Mal in Gefahr. Aber die Spanier waren im sechszehnten Jahrhundert die Bewunderung Europas, ihre Tollkühnheit hatte ihnendas Reich zweier Welten gegeben; Pizarro war von dem Schicksal so hingerissen, wie geschmeichelt, und bei der Wucht seiner mörderischen Waffen gaben die zahlreichen Heere des Reiches nach. Das Blut der Unglücklichen röthete die anmuthigen Fluren von Cuzco, schon erbebten beim Donner der Kanonen die Grundfesten der Stadt, als eine weiße Fahne vor den Mauern vorzeigend, Almagro den Belagerten ein Zeichen gab, daß ein freundschaftliches Abkommen gefeiert werden würde.

Die Lage der beiden Heere war schwierig, die einen wie die andern hatten kaum mehr die Wahl als Sieg oder Tod, es war nicht nur ein politischer, es war auch ein religiöser Krieg, und die traurige Geschichte der Vorurtheile und des Fanatismus hat mehr als die Thronfolge und der Ehrgeiz der Könige, die Blätter der Geschichte mit Blut gefärbt. Das Abkommen wäre den einen wie den andern Streitern vortheilhaft, es lag aber nicht in der Möglichkeit, die gegenseitigen Interessen zu vereinbaren; Usurpation und Freiheit, Fanatismus und Duldsamkeit haben keinerlei Berührungspunkte. Huascar und der Rath beschlossen endlich, Almagro, welcher von zwei Reitern begleitet sich den Mauern genähert hatte, den Eintritt zu gestatten.

So sehr auch Coya das Feuer verbarg, welches in ihr glühte, war ihre Liebe den Großen des Reiches bekannt, aber duldsam und der Tugenden der Heldin sicher, tadelten die Peruaner niemals ihr Betragen, noch zweifelten sie an ihrer Treue und ihrer Liebe zum Vaterlande. Im Gegentheil, Coya, welche ihreWonne darin setzte, den Namen Almagros zu wiederholen, erzählte Allen seine Tugenden, versicherte Allen, daß er nicht von dem Geschlechte der von Osten Gekommenen sein konnte, und der Name Almagros wurde unter den Opfern der Sieger nicht mit Haß angesehen. Als Coya sah, daß er der Führer der Botschaft war, als sie den Augenblick, ihren Angebeteten von Neuem zu sprechen, nahe sah, versicherte sie, daß sie eine glückliche Zukunft ahnte, daß ihr Herz ihr sagte, daß die Schrecknisse aufhören und wieder Ruhe und Glück entstehen würde.

Hastig eilte Coya an das Thor, und die beiden gefühlvollen Geliebten verstummten in tiefer Entzückung. Jene Empfindlichkeiten des Todes Atahulpas entflohen aus dem Gedächtniß der Tochter der Sonne, und nur die Zärtlichkeit begeisterte die Seelen. Zu welch’ theurem Preise die Liebe gefühlvollen Herzen ihre Wonne verkauft! Unfreiwillige Thränen liefen an den Wangen der beiden Liebenden herab und ihre Thränen schienen der Strenge ihres Schicksals zu fluchen, aber Coya, an der Seite ihres Abgottes, wiederholte ihm unter Schluchzen: »Ein süßer Liebesblick lohnt ein Jahrhundert voller Qualen«.

Die Peruaner kannten die Namen der Spanier, und überhaupt diejenigen der drei Anführer des Feldzuges sehr wohl, und derjenige Almagros war, weil seine Tugenden bekannt waren, im Reiche beliebt: Bald gab er, ihn von dem harten Halseisen losmachend, einem Sklaven die Freiheit, bald rettete er einen unglücklichen Gatten vom Tode, bald half erder Betrübniß der Besiegten auf, und Alle hatten, vor Dankbarkeit aufathmend, seine Wohlthätigkeit und seine Frömmigkeit in Cajamalca, Cuzco und in dem Heere bekannt gemacht. Ein ungeheures, blutiges Volk, mit den Zeichen der Todesangst in dessen Zügen, umstand in einer Grabesstille den Krieger auf Plätzen und Straßen; und ungeduldig erwartete der im Vorhofe versammelte Rath und der Kaiser den Boten.

Kostbarer Marmor und Porphyr bedeckte den Boden des geräumigen Saales, einfach angeordnete Bretter von Gold und Silber unterstützten die Decke, und prächtige, tausendfarbige Federn schmückten die Räume mit zarter Kunst. Nachdem Almagro dahin geführt worden war, herrschte in der Versammlung und unter der ungeheuren Zuhörerschaft eine Grabesstille, als Huascar sich von dem Präsidentenstuhle erhob und ruhigen Tones ausrief: »Krieger, die Peruaner lassen sich eher unter den Trümmern ihres Vaterlandes begraben, als schimpflich nachzugeben; sprich, ob du einen ehrenvollen Frieden bringst, wenn nicht, gehe und sage den Deinen, sie sollen unsere Gräber öffnen.« Ein dumpfes Beifallsgemurmel rührte die Versammlung und beredt brach Almagro aus: »Nein, unschuldige Peruaner, die von Osten Gekommenen haben keinen Gefallen an Blut und Verderben, sie wollen eure Freundschaft und wollen eure Brüder sein.« Die Arglosigkeit und das Lächeln erglänzte in der Versammlung und Thränen der Rührung unterbrachen das Geschluchze. Ohne ihre Blicke von Almagro abzuwenden, schien Coya in Mitten der Ruhe bereits den köstlichen Kelch derLiebe zu kosten, und sie segnete den Gott der Wahrheit, den sie anbetete.

»Ja, Almagro«, fuhr Huascar fort, »das Reich kennt deine Tugenden und zweifelt nicht an der Aufrichtigkeit deiner Worte: Aber erinnere dich der freundschaftlichen Anerbietungen, welche deine Gefährten von dem unheilvollen Augenblicke an machten, da sie diesen Boden betraten; erinnere dich ihrer ganzen Geschichte und der blutigen Auftritte, die wir durchgangen haben, und du weißt wohl, daß wir unsere Waffen nicht ablegen und auf neue Versprechungen hoffen können.«

»Nein, Peruaner, ich verbürge das Abkommen, mein Degen haftet euch für dessen Heiligkeit und dessen Erfüllung.« »Sprich, würdiger Sohn der Sonne, Abgott des Reiches,« brach eine unbekannte Stimme in der Versammlung aus.

»Die von fernen Himmelsstrichen, wo die Sonne aufgeht, hieher gekommenen Spanier,« fuhr Almagro fort, »haben ihrer Arbeitsamkeit und ihrem Glücke eine wenn nicht gefühlvollere Seele als die eure, so doch einen erleuchteteren und vielleicht kräftigeren Verstand zu verdanken. Ihr werdet es bemerkt haben, unser Verstand und unsere Arme haben eure zahlreichen Heere besiegt. Unser Herrscher, welcher über ausgedehnte Länder gebietet, regiert ein ungeheures Reich, und wie der Hauch des Allmächtigen, würde sein Hauch genügen, um euer Land zu begraben. Die ewige Hand, welche dieses Weltall regiert, das euch mit Bewunderung erfüllt, ertheilte auch uns ihre Gaben und bot uns die unaussprechliche Glückseligkeit an.Jesus Christus, der Sohn Gottes, stieg in Gestalt eines Menschen auf die Erde hernieder und sterbend am Kreuze offenbarte er uns Geheimnisse, setzte uns mit Wundern in Erstaunen und hinterließ uns, um die ewige Seligkeit zu erlangen, den Glauben und die Taufe. Vielleicht wird eure Vernunft diese tiefen Geheimnisse nicht durchdringen; wenn ihr aber den Gott der Spanier anbetet, wenn ihr Vasallen ihres großen Herrschers seid, werden die Kriegsrohheiten aufhören und eure Brüder werden euch bereitwilligst erleuchten, sie werden euch auf den Weg des Heiles bringen und werden euch glücklich machen.«

Ein tiefes Stillschweigen herrschte in der Versammlung, während Almagro sprach, bis daß Huascar von Neuem ausbrach: »Großmüthiger Spanier, wenn deine Gefährten deine Tugenden hätten, wären wir eure Brüder und es flösse kein Blut, noch flöge die Zerstörung umher. Wir anerkennen die Ueberlegenheit eures Verstandes, eurer Fortschritte, und bereitwillig werden wir euch auf Kosten der Schätze, welche diesen Boden bedecken, nacheifern. Doch sieh die leuchtende Sonne an, wie sie so erhaben in Mitten des Firmamentes glüht; durch sie entstehen die Blumen und wachsen die Früchte; ihr Licht belebt das Weltall und beseelt die Menschen; sieh, wie unglücklich die Welt ist, wenn sie sich in’s Meer vergräbt und uns der Finsterniß überläßt. Die Pflicht, die Dankbarkeit, das hehre Beispiel unserer Vorfahren, unsere Vernunft, Alles stellt sie uns unsern Augen als das erste Wesen der Welt vor. Jene unschuldige Anbetung hat dieGlückseligkeit dieser Regionen ausgemacht und ihre Verlassung dem Tode vorzuziehen, wäre das schwärzeste Verbrechen. Wir kennen euren Gott nicht, wir haben nur die entsetzlichen Scheiterhaufen gesehen, worauf die Unglückseligen, welche euren Cultus nicht umarmt haben, ihren Geist aushauchten. Wir haben das Blut unsere Felder überfluthen sehen, wir haben eure Meineide gesehen, und die Qualen und die Flammen sind uns ein Bett von Blumen, ehe wir es an unsern frommen Glaubenslehren fehlen lassen. Wenn ihr Frieden wollt, wird der erste Artikel die Unverletzlichkeit unserer Tempel und unserer staatlichen Freiheit sein.«

Almagro inzwischen vergoß Thränen der Rührung und des Mitleids. »Der Seligkeit würdig sind diese Seelen,« sagte er zu sich; »Jesus Christus wird ihren Verstand erleuchten und ihnen seine Lehren offenbaren.« »Gefühlvolle Peruaner,« wiederholte er, »ich stelle mich euch nicht als ein Krieger und noch weniger als ein Eroberer vor, nur als ein gefühlvoller Mensch, der euch liebt und euer Glück wünscht. Eure Empfindsamkeit und eure Tugenden machen euch des irdischen Glückes und der ewigen Seligkeit würdig; glaubt dem, der euch liebt, umarmt den Glauben an Jesus, werdet Vasallen des großen Königs von Spanien, und daß das Weinen und die Zerstörung aufhöre.«

»Mein ist, als Priester des Reiches, das Recht,« brach Vericochas aus, »auf deine frommen Uebereinkünfte zu antworten, und das Volk und der Senat werden vielleicht die Meinung des Priesters achten. Den Vater des Tages verehrend, blühte das ReichJahrhunderte lang, die Dankbarkeit begeistert dessen Anbeter, aber das leuchtende Gestirn will in seinen Söhnen die Ueberzeugung der Vernunft, nicht die Sprache der Lippen. Wenn jener erhabene Gott, an den du glaubst, die Herzen der Peruaner begeistert und die Vernunft sie ihrer Anbetung entreißt, mögen euch eure Proselyten glücklich folgen, aber ebenso ruhig loben wir, die wir seinen Wohlthaten niemals undankbar sein werden, in unsern Tempeln den Gott, der die Tage entflammt. Peruaner, im Namen der Sonne verlange ich von euch, daß, ehe wir ihn, wenn sie unsere Vernunft gefangen nehmen, uns mit seinem finstern Zorne bedrohen sehen, ehe wir davon lassen, ihn anzubeten, wir unter die Trümmer des Reiches versinken.«

Heftige Rufe leisteten von allen Seiten den Schwur, den Vericochas verlangte, und Almagro erhob seine Hände zu dem wahrhaftigen Gott, damit er diese Seelen aus der Götzendienerei herausrisse.

»Ich, als euer Herrscher,« rief Huascar aus, »stimme in Bezug auf unsere staatliche Freiheit überein, und das Volk und die Priester werden vielleicht meiner Stimme beipflichten. Entfernt von mir der Ehrgeiz nach dem Oberbefehle, würde ich, um meinen Thron aufrecht zu erhalten, niemals an meinem Vaterlande zum Meineidigen werden. Unsere staatlichen Gesetze haben die Glückseligkeit unserer Vorfahren gemacht, in unsern Gesetzen steht unser Glück geschrieben, und wenn wir die von Osten Gekommenen in das Meer stürzen könnten, würde unser Blut den Baumunserer Glückseligkeit begießen. Ich stimme für den Krieg: Beweinen wir, um glücklich zu sein, nicht die Noth des Vaterlandes, das Grab bietet uns eine ruhige Stätte an....«

»Nein, Huascar,« unterbrach ihn Almagro, »laß dich nicht von der Tapferkeit und der Begeisterung hinreißen. Ich schwöre euch noch einmal, wir werden euer Glück machen, wir wollen keine Sklaven, wir wollen Brüder, wir wollen mit euch glücklich sein. Werft einen dichten Schleier über das Vergangene, traut meinem Schwure.«

Ein greiser Rath erhob die Stimme und sagte: »Der Friede oder der Krieg entscheiden das Schicksal des Reiches; wenn sich der Gesandte zurückzieht, werden wir mit mehr Freiheit und Gelingen das Schicksal unseres Vaterlandes entscheiden können.« Coya, welche in Mitten der Rathsversammlung, bei der Erinnerung an die traurige Nacht, da sie, den Cultus der Sonne verlassend, das Wasser der Taufe empfing, die Liebe, die in ihrem Herzen brannte, noch die Unruhe, die ihre Seele verzehrte, verbergen konnte, beeilte sich, Almagro einzuladen, daß er, in soweit der Rath berathschlagte, nach ihrem Palast auszuruhen ginge. Der edle Krieger, welcher sich, von seinem gefühlvollen Herzen hingerissen, so sehr nach Frieden sehnte, den die Liebe zu Coya, das Glück, sie zu sehen, einen Augenblick mit ihr zu sprechen, nach Cuzco getrieben hatte, hielt den Augenblick, wonach sein Herz sich sehnte, für gekommen, und der Jubel und das Lächeln erglänzten auf seinem Antlitze. »Jedoch,« rief er eiligaus, »und meine Gefährten, die von euren Waffen besiegt wurden, segnen sie eure Tugenden, kann ich sie in meine Arme schließen?«

»Ja, Almagro,« erwiderte Huascar, »in Ausübung ihres Cultus sind sie, mit Menschenwürde behandelt, weder zu harten Sklavendiensten verdammt worden, noch haben sie weder Dolch noch Scheiterhaufen dem Glauben an Jesus entrissen, um den Gott des Tages anzubeten.«, »Oh! herrliche Seelen! Ich schwöre euch von Neuem meine Liebe zu; mein Degen wird das Bollwerk eurer Freiheit sein. Jesus Christus wird euren Verstand erleuchten und vielleicht werdet ihr eines Tages die von Osten Gekommenen segnen,« sagte Almagro, und gefolgt von Coya und einem zahlreichen Volke, ging er aus dem Senat, um sich den Liebkosungen der reinsten Liebe zu überlassen.

Coya, eine Abkömmlingin der Inkas, Tochter der Sonne und Prinzessin des Reiches, hatte einen einfachen, mit prächtigen, tausendfarbigen Federn verzierten Palast, mit Decken und Fußböden von Gold. Dahin geführt, warf sich, ohne weitere Zeugen als glänzendem Gefolge, welches die fernen Thore und die Räumlichkeiten der Säle bedeckte, Almagro mit vor Liebe entflammtem Herzen, und in den Blicken Coyas brennenden Blicken, wie von einem Strome, von einem Sturmwind hingerissen, zu Füßen Coyas, indeß Coya ihren edeln und großmüthigen Geliebten mit ihren Thränen benetzte.

»Oh, erhabene Gottheit!« sagte er zu ihr; »diese Thränen des Mitleids verrathen doch noch deine Liebe.Liebst du mich noch?« »Undankbarer!« »Nein, Coya, ich liebe dich so sehr wie die Morgenluft, so sehr wie den Glanz der Morgenröthe, so sehr wie meinen Gott!« Unfreiwillige Thränen quollen an den Wangen der beiden Liebenden herab und tiefe Seufzer unterbrachen ihre Worte. »Oh! Almagro! Denke an jene einsame Nacht, an jenen klaren Bach, wo ich den Glauben meiner Vorfahren verließ, wo ich, das Wasser der Taufe empfangend, an meinem Gotte meineidig wurde.... Ich betete Jesus an, nicht daß ich ihn kannte, sondern weil er der Gott meines Almagros war; mein Verbrechen ist, in Finsterniß und in ewigem Geheimniß begraben, in der Tiefe meines Herzens geblieben; aber beim Niederknieen vor den Altären der Sonne haben dunkle Gewissensbisse meine Seele zerrissen und nur die Erinnerung an Almagro tröstete mich in meinem Wahnwitz.... Undankbarer, und du wirst in das Lager der Deinen zurückkehren, und du wirst das Vaterland deiner Coya verheeren, und vielleicht auf meinem Grabe sitzend, wird dir mein Gedächtniß nicht eine Thräne, nicht einen Seufzer gelten!« »Ach, Coya! Deinen Namen wiederholend, deinen Namen anbetend, deine Schönheit preisend, deinem Gedächtniß tausend Thränen weihend, habe ich hundert Mal die Sonne in den Abgründen der Erde untergehen und ebenso manchmal von den Tiefen des Meeres aufgehen sehen. Die Hoffnung, dich zu sehen, dich zu sprechen, dir meine Liebe zu schwören, hat mein Dasein erhalten und hat mich in den Kämpfen unbesiegbar gemacht.« »Und bereitest du dich etwaschon vor, mir den letzten Abschiedsgruß zu geben.« »Ich werde dich in dichten Wäldern, unter den Pfeilen deiner Krieger, auf unbekannten Meeren suchen.« »Unter den Trümmern meines Vaterlandes, zwischen den Leichen der Peruaner wirst du mich wohl im Blute schwimmend suchen.« Vielleicht würde ihr Almagro bei seinem Gott geschworen haben, seine Gefährten zu verlassen und seinen Degen für die Unabhängigkeit Perus zu schwingen, wenn die schöne, in Trauer gekleidete Ocollo, mit der Traurigkeit und dem Schmerze in ihrer Miene, Almagro suchend, unter einem zahlreichen Volke nicht ebenfalls im Palaste Coyas angekommen wäre. »Du, der du gefühlvoll bist, Krieger, wirst den Wahnwitz einer Unglücklichen verzeihen, welche deine Gefährten zur Wittwenschaft und zu den Thränen verdammten. Sind die Ueberreste des unglücklichen Atahulpas, seine Asche, noch in eurem Lager vorhanden? Wenn sie noch da sind, Sohn der Sonne, bitte ich darum, gieb mir einen so unaussprechlichen Schatz zurück, damit ich sie alle Tage mit meinen Thränen benetze.« »Ah! unglückliche Ocollo, sie wurden in den Wind gestreut, er starb als ein Götzendiener.« »Er starb als ein Tugendhafter.« »Ich war nicht verbrecherisch.« »Die Geschichte wird das Verbrechen bekannt machen, die entfernten Geschlechter werden seine Mörder hassen.« »Tröste deine Thränen, göttliche Ocollo, denke nur an die Glückseligkeit deines Vaterlandes; deine Schönheit und deine Reize vermögen mehr als die zahlreichen Heere.« »Ich kann meinem betrübten Vaterlande nur das unfruchtbareOpfer meiner Thränen anbieten.« »Nein, Ocollo, du kannst es vor seinem Untergange retten, du kannst die Ketten der Sklaven zerbrechen, du kannst den Eroberer deines Reiches überwinden. Pizarro liebt dich rasend, deine Blicke sind in sein Herz gedrungen und haben in ihm einen schrecklichen Vulkan entzündet, du weißt es, er hat dir das Geheimniß enthüllt, du kannst ihn lieben....« »Den Mörder Atahulpas!« »Das Wohl Perus befiehlt es.« »Ein Opfer, das meine Kräfte übersteigt, der Schatten Atahulpas, welcher Schrecken!...«

Almagro, der Pizarros ungestümen Charakter und die Liebe, die in dessen Herzen glühte, kannte, sah, als er die feste Entschlossenheit der Schönen gewahrte, die traurigsten Schicksale in der Zukunft der neuen Welt voraus. Beredte Blicke auf seine Coya heftend, »gehen wir,« sagte er zu ihr, »der Rath wird das Schicksal des Reiches bereits entschieden haben.« Unter glänzender Begleitung zogen Ocollo, Coya und Almagro in der größten Besorgniß nach der Rathsversammlung. Die Räthe hatten bereits berathschlagt und überreichten dem Boten den Frieden. »Wenn deine Gefährten,« rief Huascar aus, »den Frieden wollen, sind sie ihrer Tapferkeit und der Macht ihres großen Herrschers würdig; wenn sie aber unsere Vorschläge verweigern, hoffet nicht auf die Demüthigung der Peruaner, ihre Gesetze und ihre Tempel aufrecht haltend, werden sie rühmlich unter den Trümmern des Reiches begraben werden. Von dem unglückseligen Augenblick an, in dem sie diesen Boden betraten, sind wir die Opferunserer Unschuld gewesen, und wir wollen, wenn uns nicht Gewährleistungen geboten werden, uns nicht von Neuem auf Treu und Glauben hingeben.«

Almagro brach aus: »Ich bin der Beauftragte, den Frieden zu unterhandeln: Meine Gefährten werden ihren Schwur nicht verfehlen. Es ist schwierig, euch zufriedenstellende Bürgschaft zu geben; aber wenn sie die Vorschriften unserer heiligen Religion nicht hören wollen, schwöre ich euch bei Jesus Christus, daß ich ihre Reihen verlassen, daß ich an eurer Seite kämpfen werde; ich habe ebenfalls Anhänger in meinem Lager, die vielleicht den Krieg blosstellen würden.«

»Deine Tugenden haben das Zutrauen des Reiches verdient,« erwiderte Huascar; »mit dir wäre der Sieg unser: So höre denn das Abkommen.«

1. Die Tempel und Gesetze Perus sind frei und nur die Peruaner können ihre politischen und religiösen Gesetze wieder einsetzen oder abändern.

2. Die Spanier leben unter dem Reiche der Gesetze ihres Herrschers und der freien Ausübung ihres Cultus.

3. Die Spanier können ihre Religion verkünden, indem sie sich, um zu ihrem Glauben zu bekehren, dabei der Ueberzeugung bedienen.

4. Das peruanische Reich bezahlt an den großen Beherrscher im Osten jährlich hundert Viertelzentner Gold und zwölf Tausend Silber.

5. Die Spanier können in Peru frei kaufen und verkaufen.

6. Auswechselung der Gefangenen.

»Das sind die Uebereinkünfte,« wiederholte Huascar, »an den Artikeln darf nichts geändert werden; wenn ihr den Frieden wollt, wenn Almagro die Schwüre gewährleistet, werden Tod und Verderben aufhören; wenn ihr aber unsere Schande sucht, erklären wir euch den Krieg, bis wir in den Staub versinken.«

Bedächtig schrieb Almagro die Artikel nieder und rief in der Rathsversammlung aus: »Der Frieden ist eurer und des großen Herrschers im Osten würdig, ich nehme ihn an; ich werde darnach trachten, daß meine Gefährten ihn vor dem heiligen Evangelium beschwören, und alsdann wird Almagro dessen Unverbrüchlichkeit verantworten. Aber Peruaner, ein einfaches Mittel bietet uns das Schicksal an, um unsere Bande zu umschlingen; Ocollo seufzt in der Wittwenschaft, Pizarro vergöttert sie; die Schöne gebe ihm vor dem Altare den süßen Namen eines Gatten.«

»Dem Mörder Atahulpas,« schrie Ocollo auf, »ich kann ihn nur verabscheuen....«

Vericochas bestätigte, daß in Peru die Liebe unverbrüchlich sei, daß es einzig Ocollo anginge, dem Krieger zu antworten. »Ich verabscheue ihn,« wiederholte sie. »Sage Pizarro, er solle seine Liebe ersticken,« brach Huascar aus, »daß das Reich nicht über die Herzen befiehlt, daß Ocollo ihn nicht lieben kann.«

Tausend rührende Betrachtungen stellte Almagro an den Senat, aber auf der Stirne Ocollos erglänzte der Abscheu, den ihre Seele zu Pizarro hatte, und es war kein Abkommen möglich, weil die Peruaner die Schöne niemals zum Opfer ihrer Angelegenheiten machenwürden. Nachdem der Spanier Huascar, Vericochas und den Räthen tausend zärtliche Umarmungen ertheilt, bat er sie, ihm zu gestatten, auch die Gefangenen zu umarmen; er weinte innig mit ihnen, versprach ihnen, daß sie bald in ihr Lager und in ihr Vaterland zurückkehren würden, und fröhlich ging er aus der Stadt, um die Uebereinkünfte mit seinen Gefährten zu behandeln.

Die schöne Coya schwur ihrem Geliebten von Neuem ihre Liebe zu. Tausend Zärtlichkeiten und tausend Liebkosungen versicherten ihr diejenige Almagros und glücklich sahen sie dem Ende ihrer Qualen entgegen. Obschon im Heere erzogen, segnete Coya den Frieden, und obwohl unter dem Getöse der Waffen geboren, fand Almagro nur im Frieden das Mittel, sich an den Liebkosungen seiner Coya zu erfreuen. Die Peruaner behielten ihre Gesetze und ihre Tempel, ihre Ehre war in Nichts herabgewürdigt; wenn sie auch den Spaniern ungeheure Summen bezahlten, lernten sie doch ihre Wissenschaften, ihre Künste und ihre Civilisation; die einen wie die andern wären glücklich, die Zeiten und die Sitten umschlängen ihre Bande, in Spanien würden Ströme peruanischen Goldes fließen und Freunde und freie Brüder wären ihnen vortheilhafter als unglückliche Sklaven. So schrieb es die Zukunft vor und befahl es das Wohl der Nationen, aber im sechszehnten Jahrhundert wogen am Hofe Karls des Fünften und seiner Abgesandten das Schwert und das Kreuz mehr als die Vernunft, mehr als die Menschlichkeit und mehr als das Wohl der Nationen.


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