Chapter 4

Sie war aufgestanden und hatte die Hände fast flehend erhoben, ihre Augen hatten dabei einen wunderbar weichenAusdruck – sie stand wie eine Bittende vor ihm, nicht wie eine Gebende.

Jetzt erhob sich Falkner auch.

»Ich bedaure,« sagte er kalt, »Ihren Wünschen nicht Folge leisten zu können, da ich ein für allemal ablehne, Ihren Verzicht anzunehmen, auch, wenn Sie denselben ohne mein Vorwissen ins Werk sehen wollten. Ich verlasse den Falkenhof in wenig Stunden und werde ihn nur dann betreten, wenn meine Mutter mich sehen will, natürlich vorausgesetzt, daß sie solange hierbleibt. Wenn Doktor Ruß Ihre Einladung annahm, so ist das seine Sache –ichbin nicht in der Lage und nicht geneigt, Ihre Güte in irgend welcher Weise in Anspruch zu nehmen, am allerwenigsten aber Ihren Verzicht zu meinen Gunsten. Ich ziehe es vor, das Lehen in der bis jetzt immer erfolgten natürlichen Weise an mich oder meine Descendenz kommen zu lassen.«

Dolores war sehr blaß geworden.

»Also nur durch meinen Tod,« sagte sie langsam. »War das Ihr letztes Wort?«

»Das war es. Ich habe ohne alle Reserve gesprochen.«

»Ja,« nickte sie schmerzlich, und setzte einfach hinzu: »Ich bitte Sie, mich entschuldigen zu wollen, daß ich jene Bitte an Sie aussprach. Ich hätte wissen sollen, daß sie zurückgewiesen werden mußte.«

Falkner verbeugte sich und schritt der Thür zu. Aber aus halbem Wege kehrte er um.

»Noch eins,« sagte er schnell, geschäftsmäßig. »Noch eins, Baronin, um klar zu sehen in allen Dingen und ein weiteres, zweckloses Pourparler zu vermeiden. In dem Testamentmeines Oheims sprach dieser den Wunsch aus, den Besitz des Falkenhofes durch eine Vermählung zwischen uns in die Hände beider daran Berechtigten zu bringen. Daran ist natürlich nicht zu denken, schon deshalb, weil Ihre Lebensstellung als Sängerin unvereinbar ist mit meinen Anschauungen, dann aber auch der Kommentare wegen, denen Ihr öffentliches und Privatleben ausgesetzt ist –«

»Was soll das heißen, Baron Falkner?« unterbrach ihn Dolores hochaufgerichtet mit flammenden Augen, »an meinem Leben haftet nicht so viel Makel, als im Auge Raum hat – das ist mein Stolz, den ich Sie zu respektieren bitte.«

Es war einen Moment still in dem Turmgemach, währenddem Falkners Blick die vor ihm stehende herrliche Gestalt der Herrin des Falkenhofes streifte.

»Ferner,« fuhr er scheinbar unbewegt fort, »ferner ist mir der Gedanke, nicht aus eigener Wahl mich vermählen zu müssen, so demütigend, daß –«

»Sie sprechen, Baron Falkner, als hinge das Zustandekommen dieser imaginären Testamentsheirat ganz allein von Ihnen ab,« unterbrach ihn Dolores spottend. »Ich dächte, wir endeten diese unerquickliche Konversation, schon um jenes Etwas willen, was man Zartgefühl nennt. Was Ihnen das Recht giebt, mich in jedem Worte zu beleidigen, weiß ich nicht, das aber fühle ich, daß wir besser thun, einander den Pfad nicht zu kreuzen. Adieu, Baron Falkner!«

Sie wandte sich mit einem königlichen Neigen des Hauptes ab und trat an das offene Fenster. Er verließ das Zimmer, eilte in seines und schloß sich ein. Das eine fühlte erdeutlich, daß er den Abgrund zwischen sich und Dolores unüberbrückbar gemacht hatte.

Ja, er war an Zartgefühl, Würde und innerer Hoheit von ihr überragt worden, die er so tief unter sich und seinen exklusiven Gefühlen zu stehen vermeinte, um ihr von seiner Höhe herab den Standpunkt anzuweisen, auf den er sie gestellt. Und jetzt – –

Alfred Falkner war viel zu wahrheitsliebend, um sich der Täuschung hinzugeben, daß sie gering zu schätzen war, und er sah auch ein, daß es sein Stolz, seine Bitterkeit waren, die ihn dazu hingerissen hatten, ihr Worte zu sagen, die er gern ungesprochen gemacht hätte, nicht um ihretwillen, wie er sich verächtlich sagte, sondern um seinetwillen. Jetzt war es geschehen, er hatte das Tischtuch zwischen sich und ihr zerschnitten, und wenn er sein Werk krönen wollte, mußte er den Weg eines Majestätsgesuches einschlagen, um sie als unwürdig des Erbes zu erklären und als schwarzes Schaf aus dem Stammbaum der Falkners stoßen zu lassen, wie es sein Oheim thun wollte, als es schon zu spät war und der Tod ihm die Gelegenheit dazu nahm. Er errötete, wenn er daran dachte, daß der Gedanke an einen solchen Akt himmelschreiender Ungerechtigkeit die letzten Stunden des Toten befleckt hatte, daß er selbst in einem bösen Augenblick der Bitterkeit daran gedacht. Mit feinem, weiblichem Takt, und indem sie den eigenen Reichtum vorschützte, hatte sie ihm das Erbe abtreten wollen, um seine Gefühle nicht zu verletzen – und mit welcher beleidigenden Verachtung hatte er ihr vergolten.

Ist das Wort der Lipp' entflohen,Du erreichst es nimmermehrFährt die Reu' auch mit vier PferdenAugenblicklich hinterher.

Ist das Wort der Lipp' entflohen,Du erreichst es nimmermehrFährt die Reu' auch mit vier PferdenAugenblicklich hinterher.

Ist das Wort der Lipp' entflohen,Du erreichst es nimmermehrFährt die Reu' auch mit vier PferdenAugenblicklich hinterher.

Ist das Wort der Lipp' entflohen,

Du erreichst es nimmermehr

Fährt die Reu' auch mit vier Pferden

Augenblicklich hinterher.

Kurz, als Alfred Falkner wenige Stunden später der Hauptstadt entgegenfuhr zur Übernahme seiner Pflichten, da nahm er mit sich das unbehagliche Gefühl der Unzufriedenheit mit sich selbst. Einsamkeit verleitet gern zu einer Prüfung von Herz und Nieren auch gegen den Willen dessen, der diese Prüfung lieber umgehen möchte – und so mußte Falkner sich denn sagen, daß sein Betragen Dolores gegenüber ein selbstgeschmiedeter Panzer war gegen die schwarzen Augen und die goldroten Haare, die er so oft antipathisch genannt, und die dennoch einen Zauber auf ihn ausübten den er gern als unheilvoll bezeichnet hatte. Er erschrak bis in sein Innerstes hinein, als das allezeit der Wahrheit zuneigende Herz ihm diese Falte zeigte.

»Ich werde niemals diesem Zauber, dem Zauber einer Satanella unterliegen,« sagte er laut vor sich hin, als wollte er ein Gelöbnis aussprechen. Und im nämlichen Momente noch durchzuckte ihn der Gedanke: »Ob sie Keppler wohl abgewiesen oder ermutigt habe?«

So ist das Menschenherz – es hat alles in ihm Raum, selbst die scheinbar krassesten Gegensätze, selbst die heterogensten Gefühle, dessen war Falkner sich voll bewußt, und doch mußte er fast erleichtert hinzufügen: »Ich glaube nicht, daß sie ihn ermutigt, er sah allzu gebeugt aus. Armer Thor!«

Er nannte es also eine Thorheit, Dolores zu lieben; doch in diesem Punkte waren große Helden von ihren Piedestalen herabgestiegen, um neben ihrer Größe ein wenig Menschzu sein und dem Herzen sein Recht zu gönnen. Nein, Falkner fühlte, daß er heut' zu keiner Ruhe gelangen konnte, und so nahm er zu dem alten Vorurteil seine Zuflucht, und panzerte sein Herz damit: »Nein, es geschah ihr recht! Wie konnte sie's wagen, mir ein Geschenk anzubieten!«

Er hatte so unrecht nicht, wenn er sich überhaupt gegen seine eigenen Gedanken rüsten wollte, die alten Vorurteile dazu zu wählen, denn diese sind ein Harnisch, durch den bis jetzt noch kein Vernunftgrund siegend gedrungen ist und so hatte er denn wenigstens den Triumph der Selbsttäuschung, mit dem er sich gegen seine eigenen unbequemen Gefühle und Gedanken wappnen konnte. – – – – –

Dolores stand, als sie Falkner die Thür hinter sich schließen hörte, starr, bleich und bewegungslos an dem Fenster des Turmgemaches. Die klare Maienluft kam herein zu ihr und umfächelte ihre blassen Wangen, spielte mit dem krausen Haar über ihrer Stirn und brachte mit sich ganze Duftwellen von den Narcissen und Veilchenbeeten drunten auf dem smaragdgrünen frischen Rasen. Sie spürte nichts davon, sie spürte nur das Weh in sich, das die Verachtung bringt, sie spürte nur den Schmerz der scharfen, bösen Worte, die sie gehört. Und als das Weh seine erste Kraft abgestumpft, da fragte sie sich nach dem Warum, das es verursacht, aber die Antwort blieb aus, und auch sie panzerte sich gegen das ihr Geschehene mit dem Panzer ihres Stolzes und ihrer Würde. Aber unter dieser Eisenhülle wollte das Weh doch nicht schlafen – es war einmal geschehen.

Und hüte deine Zunge wohl,Bald ist ein böses Wort gesagt –

Und hüte deine Zunge wohl,Bald ist ein böses Wort gesagt –

Und hüte deine Zunge wohl,Bald ist ein böses Wort gesagt –

Und hüte deine Zunge wohl,

Bald ist ein böses Wort gesagt –

Ja, das böse Wort – es ist so leicht, so schnell gesprochen, vielleicht ohne die Absicht, unheilbar zu verletzen, und doch schlägt es eine tiefe, tiefe Wunde, in der es unberechenbar wirkt, bis es das Leben vergiftet hat und die Freude am Leben getötet, und nur noch das stille grüne Kirchhofsgras Heilung bringen kann.

Dolores atmete tief auf und strich mit beiden Händen über ihre Stirn, die trocknen, brennenden Augen für einen Moment schließend und zuhaltend.

»So ist der Würfel gefallen,« dachte sie. »Wie schnell doch alles im Leben wechselt!«

Und dann wandte sie sich ab, durchschritt den prächtigen Rokokosalon und trat in die Bildergalerie ein. Dort suchte ihr Blick das Bild der »bösen Freifrau,« der Heldin von Mamsell Köhlers Geistergeschichte, und wieder war sie wie vorher überrascht von ihrer eigenen Ähnlichkeit mit der Ahne, die gar nicht böse, sondern nur so todestraurig aussah und mit den schwarzen, glanzlosen Augen beredt herabblickte auf ihr Ebenbild, die letzte Freiin von Falkner.

»Ich muß Näheres über sie erfahren,« gelobte sich Dolores, seltsam angemutet durch das Porträt.

Dann schritt sie weiter, durch das kleine, jetzt zur Bücherei gemachte Gemach und betrat das schöne, luftige Schlafzimmer, vor dem sie so gewarnt worden war. In dem Vorzimmer mit den Eichenschränken hörte sie Schritte – es waren Ramo und Mamsell Köhler, welche den kleinen Koffer, welchen sie mitgebracht, auspackten und dessen Inhalt passend in den Schränken verteilten.

»Ramo,« sagte sie, auf der Schwelle stehend, »ich habe Aufträge für dich!«

»Ja, Señora,« erwiderte der alte Diener, seiner angebeteten Herrin in das Schlafzimmer folgend; dabei wollte er die Thür schließen, aber Dolores bedeutete ihn in spanischer Sprache, daß dies nicht nötig sei.

»Da haben wir's,« dachte die kleine Beschließerin entrüstet, »da haben wir die babylonische Sprachverwirrung auf dem Halse, so daß kein Christenmensch verstehen kann, was geredet wird. Da können die da drinnen ja den Tod von einem besprechen, ohne daß man es weiß, und von Geheimnissen erfährt man überhaupt kein Jota mehr!«

Trotz dieses für sie sehr betrübenden Faktums machte sich Mamsell Köhler doch noch einiges in dem Kabinett zu schaffen, denn, man konnte ja doch noch irgend ein verständliches Wort aufschnappen, wie sie sich klassisch ausdrückte.

»Ramo, du wirst heut' noch mit dem Nachtzuge nach B. zurückreisen,« sagte Dolores freundlich auf Spanisch. »Dort sagst du Tereza, sie soll meine Sachen packen und sich bereit machen, mit dir so bald als möglich hierher zu übersiedeln. Während sie packt, gehst du zu dem Generalintendanten und giebst dort den Brief ab, den ich dir übergeben werde. Mein Urlaub läuft morgen ab, und du mußt die Konventionalstrafe zahlen, die auf meinem Kontraktbruch für den Rest der Saison steht.«

»Sehr wohl,« erwiderte Ramo, dessen schnelles, echt südliches Begriffsvermögen ihn zu dem Geschäftsführer seiner Herrin gemacht, »Señora werden also das Theater verlassen?«

»Es wäre unziemlich, während der Trauer um den Freiherrn aufzutreten,« sagte sie sinnend, »also muß ich wohl dieser Rücksicht ein Opfer bringen und der Bühne vorläufig entsagen. Mein Flügel muß sehr bald hergeschafft werden, Ramo, ich bedarf seiner dringend, und vergiß nicht, den Kasten mit dem Schmuck selbst an dich zu nehmen!«

»Ich werde ihn zu mir ins Coupé nehmen, wie immer, Señora,« entgegnete der Brasilianer. »In einer halben Stunde werde ich reisefertig sein,« fügte er respektvoll sich verbeugend hinzu.

»Gut! Du magst dir dann den Brief an den Intendanten abholen!«

Ramo entfernte sich, und Dolores trat in das Kabinett, das inkrustierte Schreibpult von Ebenholz entgegenzunehmen, das Fräulein Köhler eben auspackte und bewunderte.

»Ich muß für Ramo, der in meinem Auftrage verreist, einen Brief schreiben,« sagte sie, und fügte hinzu: »Da ich mich entschlossen habe, fürs erste auf dem Falkenhof zu bleiben, so hoffe ich, daß Sie, Fräulein Tinchen, trotz des Ihnen von dem Freiherrn hinterlassenen Legates, in Ihrer alten Stellung verbleiben, und dieselbe in der mir bekannten und sehr geschätzten Treue und Zuverlässigkeit weiter verwalten werden.«

Über das Gesicht der kleinen, verwitterten Person flog ein verklärender Freudenstrahl! – sie hatte im geheimen ihre Entlassung gefürchtet.

»O,« knickste sie, »wenn gnädige Baronin die Güte haben wollen, mir ferner das Leinenzeug, Silber und die Bewirtschaftung des Haushaltes anzuvertrauen – ich bleibe nurzu gern, denn ich bin auf dem Falkenhof aufgewachsen und grau geworden. Da wird das Scheiden schwer und die Thätigkeit ist mein Leben – müßig würde ich sterben –«

»Nun gut,« unterbrach Dolores freundlich den Redestrom, »das wäre also abgemacht, und mich freut's, daß Sie bleiben. Zum Zeichen dafür will ich Ihr Gehalt von Herrn Engels erhöhen lassen, und Sie mögen das Gleiche den alten, langjährigen Dienern des Hauses mitteilen, damit sie sehen, daß auch ich das Verdienst anerkenne und bereitwillig belohne. Besondere Wünsche will ich gern hören und prüfen, ob sie zu gewähren sind,« fügte sie hinzu und ergriff dabei ein Etui, das mit den anderen Sachen ausgepackt wurde. Als sie es öffnete, wurde die darin befindliche, geschmackvolle und schwer goldene Brosche nebst Ohrringen sichtbar. Sie reichte die Brosche der Beschließerin. »Das müssen Sie schon von mir annehmen zum Andenken und zum Zeichen, daß ich Sie nicht vergessen hatte.«

Mamsell Köhler betrat wenige Minuten später den Korridor mit dem Gefühl, als ob sie auf Sprungfedern wandelte, so zum Hüpfen war ihr zu Mute.

»Ei, das ist ein guter Anfang, das muß man gestehen,« dachte sie vergnügt. »Erhöhtes Gehalt und ein kostbares Geschenk – ich will mir den Tag im Kalender rot anstreichen, das hat man in den Zeiten des seligen Herrn nicht erlebt. Und wie freundlich und gütig sie ist – nun, sie war immer ein liebes munteres Kind! Ja, ja! Goldenes Haar, goldener Sinn!«

Die kleine graue Beschließerin vergaß ganz, daß sie sich eine Stunde vorher selbst vor den »roten Haaren« gewarnt hatte, vor der »von Gott Gezeichneten.« – Daran ist abernichts Wunderbares, wenn man die also Bekehrte zu der großen, weitverbreiteten Familie der Wetterfahnen zählt, die immer häßlich knarren und kreischen, wenn man sie nicht ölt. Solange das Öl vorhält, so lange drehen sie sich selbst im konträrsten Winde sanft und geräuschlos; aber Wind trocknet das Öl bekanntlich sehr schnell, und es ist auch nicht jedermanns Sache, das Ölen, damit die Fahnen sich nach seiner Seite drehen.

Dolores hatte durch ihre Großmut einencoup diplomatiqueausgeübt, dessen Tragweite ihr selbst nicht ganz bewußt war, denn sie hatte ihn ganz impulsiv ausgeführt. Sie war nicht berechnend genug, um durch Geld die Leute des Falkenhofes an sich zu ziehen – das war ihr so im Moment durch den Kopf gegangen, und im Moment hatte sie den Gedanken ausgeführt, ganz ihrer raschen, lebhaften Natur folgend und nach der Eingebung des Augenblickes handelnd.

»Seid klug wie die Schlangen,« dachte Doktor Ruß, als er von diesem »Gnadenerlaß bei der Thronbesteigung,« wie er es nannte, erfuhr.

Aber auch er, der gewandte Menschenkenner, irrte sich in Dolores' Charakter, denn er maß sie viel zu sehr nach dem eigenen Maß – bei solchen Messungen kommt man nur dann gut weg, wenn der Messende in alle Falten des menschlichen Herzens zu sehen vermag, denn da ruht immer irgend ein Goldkorn, verborgen den oberflächlichen Blicken.

Dolores schrieb ihren Brief an den Generalintendanten des Hoftheaters, dem sie sich kontraktlich verpflichtet hatte, und übergab ihn dem pünktlich erscheinenden Ramo, der alsbaldnach B. abreiste. Die junge Herrin des Falkenhofes aber stieg hinab und ging hinaus ins Freie. – Die Atmosphäre in ihren Zimmern war infolge des langen Geschlossenseins der Räume schwer und drückend, Dolores mußte frische Luft einatmen, sonst –

»Nein, ich will nicht weinen,« dachte sie und trocknete eine verräterische Thräne. »Es ist's nicht wert. Und daß er mir weh gethan, das soll niemand erfahren, er selbst vor allem nicht – ich will auch nicht mehr daran denken!«

Als ob es so leicht wäre, das einmal zugefügte Weh zu vergessen, oder beiseite zu legen wie ein Kleidungsstück – –

Dolores schritt hinaus in die Abendkühle des frischen Maitages. Aber die grüne Umgebung des Falkenhofes, nach der sie sich gesehnt und von der sie geträumt hatte, seit sie von dem Schlosse geschieden, freute sie nicht, nun sie die Herrin war über den herrlichen Fleck Erde. Träumend schritt sie dahin, indes die kreppbesetzte Schleppe ihres Trauerkleides den Kies auf den Gängen zusammenfegte, aber die Stille um sie her, das in kurzen Pulsen läutende Abendglöckchen drunten im Dorfe, der starke betäubende Duft des eben erblühenden Jasmins machten ihr erregtes Innere nicht ruhiger.

»Wie glücklich war ich hier als Kind,« dachte sie, trotzdem damals kein Tag vergangen war, an dem der Tote, um den sie dies schwarze Kleid trug, sie nicht gescholten wegen ihres frohen Jugendmutes und sie eine »rothaarige Satansbrut« genannt hatte, das hatte ihr damals Vergnügen gemacht und sie angespornt, nun erst recht ihre kleinen, harmlosen Teufeleien auszuüben, was ihr Renommee nicht verbessert hatte, das lag auf der Hand. Aber heut' mußte sie sichsagen, daß die damals künstlich genährte Abneigung gegen sie auf dem Falkenhof nicht abgenommen hatte, und daß man ihr jenes Mißtrauen entgegenbrachte, das man so leicht gegen »Fremde,« das heißt Ausländer hegt.

»Es muß doch in meiner Person liegen,« dachte sie traurig, »denn Alfred Falkner trat mir feindlich entgegen, ehe er wußte, wer ich war.«

Aber dann mußte sie der Huldigungen denken, die man ihr dargebracht, so oft sie auch erschienen war, ihre wunderbare, herrliche Stimme erschallen zu lassen, und verwirrt dachte sie dem Rätsel nach, warum gerade dieser eine sie haßte und verachtete, dieser einzige, an dessen –, an dessen Wohlwollen und Freundschaft ihr so viel gelegen wäre. Eine Glutwelle schoß bei diesem Gedanken in ihr bleiches Antlitz und verlieh ihm einen neuen, eigenen Reiz. – Aber schnell wie es gekommen, schwand dieses holde Erröten wieder.

Behüt' dich Gott, es wär' so schön gewesen,Behüt' dich Gott, es hat nicht sollen sein!

Behüt' dich Gott, es wär' so schön gewesen,Behüt' dich Gott, es hat nicht sollen sein!

Behüt' dich Gott, es wär' so schön gewesen,Behüt' dich Gott, es hat nicht sollen sein!

Behüt' dich Gott, es wär' so schön gewesen,

Behüt' dich Gott, es hat nicht sollen sein!

dachte sie schmerzlich.

Hier stand sie an einem Scheidewege. Rechts führte ein Weg in das Herz des Parkes, links – ja links hinter dem Gebüsch von Buchen und Syringen lag der Pavillon, den Engels sich von dem Freiherrn zum Logis ausgebeten und erhalten hatte, als er den Falkenhof betrat. Es war eigentlich ein runder Turm, mit einem unterkellerten Stockwerk und spitzem, viergiebeligem Dach – wahrscheinlich erbaut, um der damaligen Abtei als Wachtturm zu dienen für den Thorwärter. Jetzt lag das originelle Gebäude, das lange Zeit nur Ratten, Mäuse und deren Erzfeinde, die Eulen,bewohnten, mitten im Grünen, und die Kletterrosen und Klematis rankten lustig an den Mauern empor und hätten am liebsten die Bogenfenster ganz bedeckt, wenn Herr Engels dies geduldet hätte.

O, Dolores kannte den Weg zum »Türmchen,« wie es hieß, und dieses selbst sehr genau, hier hatte sie die ungetrübten Stunden ihres Lebens auf dem Falkenhofe zugebracht. Sie trat halb hinter dem Gebüsch hervor und sah hinauf zu dem Fenster, an dem sie selbst so oft gesessen – richtig, da saß wie damals Herr Engels, die kurze Pfeife im Munde, und den mächtigen Bart streichend. Von Zeit zu Zeit pfiff er dem Dompfaffen vor und das gelehrige Tier wiederholte gewissenhaft.

Vom hoh'n Olymp herab ward uns die Freude –

Vom hoh'n Olymp herab ward uns die Freude –

Vom hoh'n Olymp herab ward uns die Freude –

Vom hoh'n Olymp herab ward uns die Freude –

klang es deutlich zu Dolores herüber, und einem ihrer gewöhnlichen Impulse nachgehend, huschte sie dem Gesträuch entlang der offenen Thür des Türmchens zu, und blitzschnell die steile, finstere Treppe hinauf.

Fröhlich erschallet der Jubelgesang –

Fröhlich erschallet der Jubelgesang –

Fröhlich erschallet der Jubelgesang –

Fröhlich erschallet der Jubelgesang –

tönte es drinnen, und leise öffnete sie die eisenbeschlagene Eichenthür. Ein betäubendes Gekläffe tönte ihr entgegen, denn dazu hielt Knieper, der Dächsel und stetige Begleiter Engels', sich einmal für verpflichtet. Seine specielle Freundin, die Hauskatze Ida, mit der er in schönster Eintracht lebte und damit bewies, daß man nicht wie Hund und Katze zu leben braucht, fuhr erschrocken aus ihren Träumen auf dem Sofa auf, dehnte aber bald beruhigt ihr samtschwarzes Fell auf dem gewohnten Lager und blinzelte die Eingetretenemit ihren bernsteingelben Augen wohlwollend schnurrend an. Nur Knieper setzte seine gebellten Fragen nach der Identität dieses Abendbesuches fort und wollte sich durch Dolores' lachendes: »Wer wird denn so böse sein, bist ein gutes Hundel!« nicht beruhigen lassen, bis Engels, die Eingetretene erkennend, mit Donnerstimme: »Will er wohl ruhig sein!« dem Höllenlärm ein Ende setzte. Knieper zog sich knurrend zurück, indes Dolores dem Verwalter die Hände reichte.

»Da bin ich wieder zum Dämmer-Plauderstündchen, wie vor Jahren,« sagte sie bewegt.

»Willkommen wie damals,« erwiderte Engels, indem er sie zu dem gewohnten Sitz auf dem Fenstertritt führte. »Ach wie hat sich manches geändert – auch wir beiden! Sie sind eine große Dame, eine Berühmtheit geworden, und ich – nun, ich bin ein alter Kerl, der darauf wartet, bis der da droben ihn abruft –« –

»Was, so hoffe ich, nicht bald geschehen wird, denn Sie sollen mir ja raten und helfen, den großen Besitz zu verwalten, damit wir einst als ›treue Haushälter‹ befunden werden,« sagte Dolores ernst, dem Hünen die Hand reichend.

Er maß sie einen Augenblick lang.

»Ein Schuft will ich sein, wenn ich's nicht thue,« rief er, einschlagend, unnötig laut, wie immer, wenn ihn etwas rührte.

Und nun ward's einen Augenblick still in dem Stübchen des alten Junggesellen. Die Pause aber benutzte Ida, die Katze, die indes mit ihrer Prüfung der Fremden fertig geworden war; geräuschlos verließ sie das Sofa und sprang mit dem eigenen Laut dieser Tiere, den sie in freundlicherStimmung ausstoßen und der in unserer unvollkommenen Ausdrucksweise nur mit den Konsonanten: »Mrrr« wiederzugeben, Dolores auf den Schoß.

Eine Liebhaberin aller Tiere, mit Ausnahme kriechender Geschöpfe von der Raupe bis zur Schlange, empfing sie das schöne, glänzende Tier mit freundlichem Streicheln; Ida rieb sich schnurrend an ihrer Hand, und ließ sich dann zur Fortsetzung ihrer Ruhe auf dem gastlichen Schoß nieder, was für den mit Aufmerksamkeit zusehenden Knieper ein Zeichen war, sich der also Anerkannten schwanzwedelnd zu nähern, sich mit behaglichem Grunzen von ihr streicheln zu lassen und endlich definitiv auf der creppbesetzten Schleppe zur Besiegelung der Freundschaft niederzulassen.

»So ist's recht,« meinte Engels strahlend, »denn das sag' ich: wen das Tier, das superkluge Naturforscher unvernünftig nennen, als seinen Freund mit dem feinsten Instinkt der Welt anerkannt, mit dem würd' ich sofort auch Freundschaft schließen, der ist ein guter Mensch! Ja, ja, Fräulein Dolores, so ist's! Der Herr Doktor Ruß nennt, wenn er herkommt – was Gott sei Dank, nicht oft geschieht – meine Tiere mit den zärtlichsten Namen, hat immer Zucker und sonstige Köder, aber Knieper fletscht ihm doch die Zähne und würde ihm mit Vergnügen, wenn ich's erlaubte, die Inexpressibels zerreißen, während Ida einen Buckel macht, den Schwanz sträubt und den Doktor anfaucht. Und da rede einer von Unvernunft!«

Dolores lachte, ihre Liebkosungen gerecht unter das seltene Paar verteilend. »So wär' ich denn wieder im Türmchen installiert,« sagte sie. »Älter bin ich geworden, nichtmehr so ausgelassen wie früher, aber unverändert sonst, darauf können Sie sich verlassen!«

»Wär' ein Glück für Sie, Fräulein Dolores,« erwiderte Engels, einen schnellen, forschenden Blick aus sein Visavis werfend.

»Ach,« entgegnete sie lachend, »dieses Glück scheint mir doch zweifelhaft, wenn ich daran denke, wie man damals, vor Jahren hier über mich urteilte. Hundertmal hat man mir versichert, daß Hopfen und Malz an mir verloren sei – ich hab's damals selbst schon geglaubt. Gebessert habe ich mich natürlich nicht!« –

»Nun, Fräulein Dolores,« meinte Engels, »Sie müssen die Unfreundlichkeiten, die man auf Sie entlud, vielem zu gute halten. Erstens der Feindschaft Ihres Vaters mit seinem Bruder, zweitens dem Mißtrauen, das man Ihrer spanischen Mutter entgegenbrachte, drittens der durch Kränklichkeit gereizten Laune Ihres Onkels, und viertens dem düstern Geiste der Grämlichkeit, Unduldsamkeit und Unfreudigkeit am ganzen Dasein, der den Falkenhof so lange beherrscht, und der erst unter Ihrer Herrschaft weichen soll!« –

»Geb's Gott,« rief Dolores ernst, »ich habe mit diesem Geiste nichts zu schaffen. Aber lieber, alter Engels, Sie müssen zugeben, daß all' diese Reden, diese Versicherungen, ich sei ein Satanskind, genügenden Stoff enthielten, einen jungen, unentwickelten Charakter, ein Kinderherz zu vergiften!« –

»Mehr als das,« gab Engels zu. »Aber es ist nicht geschehen!«

»Gottlob, nein – es war wohl ein ganz besonders gesendeter Engel mir zur Seite, der diese Reden nicht tief inmein Gemüt dringen ließ,« sagte Dolores, »im Gegenteil, anstatt ihn zu dämpfen, spornten sie meinen Mutwillen nur an, und ich gefiel mir ganz gut in der Rolle des ewig Streiche spielenden Teufels –tempi passati!« –

Wieder ward es still. Die junge Schloßherrin streichelte sinnend das schwarze, weiche Fell der Katze, und Engels paffte aus seiner kurzen Pfeife dichte Rauchwolken, durch die er Dolores aufmerksam beobachtete.

»Man sagt, Sie seien reich beladen mit Schätzen im Falkenhofe eingezogen,« begann er nach einer Weile.

»Wer sagt es?« fragte Dolores schnell.

»Wer? Hm – nun, Doktor Ruß,« gestand Engels. »Wenigstens flüsterte er mir zu, Sie hätten Diamanten, um damit das Bassin der großen Fontäne zuzuschütten, und Ländereien in Brasilien!« –

»Das letztere ist wahr – ich bin reich in der Heimat meiner Mutter begütert,« erwiderte Dolores einfach, und setzte, sich vorbeugend, um Engels besser ins Antlitz sehen zu können, hinzu: »Ich frage nicht nach den Kommentaren, die Doktor Ruß zu diesen Berichten gemacht hat, denn diese können nur eine Richtung haben und sind mir gleichgültig; aberIhreGedanken, lieber Engels, möcht' ich darüber hören!«

Engels hustete und machte sich an seiner Pfeife zu schaffen.

»Was liegt Ihnen an meinen Gedanken,« sagte er ausweichend.

»Es liegt mir viel an dem Urteil eines redlichen Menschen und Freundes,« erwiderte sie ernst.

Wieder huschte sein scharfer, prüfender Blick über sie hin.

»Nun,« sagte er zögernd, »ich dachte mir halt dabei: Wenn sie selbst so reich ist und sich über kurz oder lang doch verheiratet, so wird sie den Falkenhof dem letzten Falkner übergeben, damit der alte Stamm darin neue Sprossen treibe. Den meisten kommt die Nachricht, das Lehen sei ein Kunkellehen, sehr überraschend, denn es ist das erste Mal seit Menschengedenken, daß es auf die weibliche Linie übergeht. Man hat den Baron Alfred allgemein für den Erben gehalten, und er that es wohl auch selbst.«

»Nun, da wird die Welt wohl den Stab brechen über die habsüchtige Erbin, die nicht genug haben kann, wenn ich trotzdem auf dem Falkenhof verbleibe,« sagte Dolores ruhig. »Sie vielleicht vor allen anderen,« fügte sie hinzu, als Engels betroffen schwieg. »Nun sagen Sie mir aufrichtig, was Sie denken!«

»Ich denke, die Wege eines Frauenherzens sind unerforschlich, wie Gottes Wege,« erwiderte er rauh.

»Sehen Sie, daß Sie mich nicht kennen?« rief Dolores fast frohlockend. »Wenn also der, den ich für meinen einzigen Freund hielt um vergangener Tage willen, wenn der mich so verkennt, was habe ich da von der Welt zu erwarten? An ihr liegt mir wenig, an Ihrer Meinung aber liegt mir viel, mein guter Engels. Und so sage ich's Ihnen allein: Bei Gott und allem was mir heilig ist, ich habe Alfred Falkner das Erbe in den schonendsten Worten übergeben, ein für allemal ohne Reserve – und er hat mir's vor die Füße geworfen.Wieer's that, das hat das Tischtuch zwischen uns zerschnitten – ich darf ihm den Falkenhof nicht zum zweitenmal anbieten, um meiner Würde willen!«

Engels streckte Dolores seine mächtige Rechte durch den Tabakdampf entgegen.

»Verzeihen Sie,« sagte er einfach, und sie legte ohne Zögern ihre Hand in die seine. »Nun seh' aber einer den stolzen Herrn Alfred an – ein echter Falkner!«

»Auch ich bin eine echte Falkner,« entgegnete Dolores, »und wenn wir, die Zweige eines Stammes, einander nicht verstehen können, so sei es drum – er hat es so gewollt, nicht ich, dafür ist Gott mein Zeuge.«

»Gut, aber an dem stolzen Freiherrn ist es nun, den Sachverhalt etwaigen mißverstehenden Gemütern beizubringen.«

»Gleichviel, mir liegt nichts daran,« sagte Dolores, und nach einer kleinen Pause fügte sie hinzu: »Es wird dunkel – ich muß ins Schloß zurück, sonst suchen sie mich am Ende mit Fackeln!«

Sie erhob sich und legte die schnurrende Ida sanft auf das Sofa. Dann reichte sie Engels die Hand.

»Gute Nacht denn,« sagte sie herzlich, »ich komme wieder zum Plaudern in der Dämmerstunde, wenn Sie mich mögen. Das thut wohl, wenn man den Tag mit nicht allzu heiteren Gedanken zugebracht hat, denn, lieber Freund, es giebt Dinge, die sehr schmerzen, und das, das mit Alfred Falknerhatgeschmerzt!« Sie beugte sich herab, den wedelnden Dächsel zu streicheln, und verließ ohne ein weiteres Wort das »Türmchen.«

***

Die junge Herrin hatte die erste Nacht auf dem Falkenhof unruhig zugebracht. Sie lag unter den schweren Damastvorhängen ihres großen Bettes und konnte doch nicht schlafen,als aber die Müdigkeit gegen Morgen ihr die Augen schloß, hatten seltsame Träume ihr den Segen dieser kurzen Rast geraubt.

Sie war endlich spät am Morgen erschreckt emporgefahren und bedurfte einiger Zeit, sich zu sammeln und sich zu sagen, daß sie wirklich und wahrhaftig geschlafen und geträumt, und nicht, nach der Manier exaltierter Leute, Geister gesehen hatte. Und doch, sie hätte darauf schwören mögen, daß sich die Boiserie dort an der Wand, welche die Bücherei von dem Schlafgemach trennte, verschoben hatte, und durch die entstandene Öffnung die »böse Freifrau« getreten war, ganz so, wie sie auf dem Bilde zu sehen war, daß die schöne Ahne an ihr Bett getreten und sie geküßt und ihr zugeflüstert hatte: »Ich grüße dich, Dolores, Erlöserin! Ich werde bei dir sein, bis es erfüllt ist!« – Dann hatte sie noch einen Kuß auf ihre Stirn gedrückt, einen langen, innigen Kuß, den Dolores bei der Erinnerung daran mit leisem Schauern fühlte, und war die Bettestrade herabgeschritten, direkt auf ein kleines Madonnenbild zu, das über dem Betstuhl am Fußende des Bettes hing. Auf das Bild hatte sie lächelnd gedeutet und die eine Stelle des Rahmens mit der Hand berührt, dann hatte sie diese Hand zum Gruß für Dolores geküßt und war desselben Weges gegangen, den sie gekommen.

Etwas verwirrt von der Lebhaftigkeit dieses Traumes erhob sich Dolores und kleidete sich an. Drüben im Turmzimmer stand schon ihr Frühstück bereit, das Mamsell Köhler selbst zierlich arrangierte. Beim Durchschreiten der Bildergalerie warf Dolores einen forschenden Blick auf das Porträt, das sich ihr so lebhaft eingeprägt, daß sie sogar davongeträumt – die »böse Freifrau« lächelte ebenso traurig daraus herab, wie gestern.

Mamsell Köhler schien sehr erfreut, ihre Herrin heil und gesund wiederzusehen.

»Ich hoffe, gnädige Baronesse sind durch nichts molestiert worden,« sagte sie forschend und schüttelte erstaunt ihre grauen Löckchen, als sie hörte, daß keine Geister die Nachtruhe der Herrin vom Falkenhof gestört.

»Haben doch auch angenehm geträumt?« setzte sie ihr Examen fort.

Dolores bejahte es nach einem Moment des Überlegens, denn böse war ja ihr Traum nicht gewesen – sie war geküßt und angelächelt worden.

Nach dem Frühstück kam Engels, und mit ihm arbeitete sie ein paar Stunden unausgesetzt, um sich über den geschäftlichen Teil des Falkenhofes zu informieren und Reformen ins Werk zu setzen, die Engels von dem eigensinnigen Freiherrn nie hatte erlangen können. Dann besuchte sie mit ihm die Wirtschaftsgebäude und besichtigte das Inventar des Hauses, hier den Leuten des Hofes oder ihrer persönlichen Dienerschaft Geschenke verteilend, dort ein freundliches Wort sprechend, bei allen aber die Ahnung an eine kommende gute Zeit hinterlassend.

Endlich, gegen Abend ließ sie sich bei Frau Ruß melden, die sie kühl und zurückhaltend, wie es nun einmal ihre Manier war, empfing, wogegen das Benehmen des Doktors nicht herzlicher und entgegenkommender sein konnte. Dolores empfand durchaus keine Antipathien gegen den Mann ihrer Tante, der sich ihr aufs Freundlichste als »Onkel« empfahl,und sie schätzte das reiche Wissen des stattlichen Mannes sehr, außerdem aber war sie selbst eine viel zu ehrliche und aufrichtige Natur, um sich vorzustellen, daß von der Herzlichkeit des Doktors nicht alles Gold war, was da glänzte. Ruß hingegen war sich des Vorteils durchaus nicht unbewußt, den seine glänzenden Gaben ihm vor Dolores einräumten, und er beschloß, sich diesen Vorteil zu Nutze zu machen.

»Ich hoffe, daß, da Sie uns gestattet haben, den Falkenhof bis auf weiteres zu bewohnen, wir auch recht gute Freunde werden,« sagte er in seiner sanften, leisen und sympathischen Art. »Wenigstens wäre das Gegenteil für beide Teile höchst unerquicklich und fatal.«

»Sie müssen nicht von ›Erlaubnis‹ sprechen,« erwiderte Dolores, und einem ihrer raschen Impulse folgend, schlang sie ihren Arm um den Hals der Frau Ruß und küßte die Wange der kalten Frau. »Ginge es nach mir, so wärst du heut' Herrin im Falkenhofe, liebe Tante, aber dein Sohn hat es nicht gewollt, und er hat mir sehr weh damit gethan.«

Frau Ruß wechselte mit ihrem Manne einen bedeutungsvollen Blick.

»Gutes Kind,« sagte sie, Dolores die Hand drückend, und das meinte sie wirklich so, wie sie es sagte in ihrer kalten, harten Weise.

»So bleibt mir nur, den Falkenhof gut und im Hinblick auf deines Sohnes Descendenz zu verwalten,« fuhr Dolores fort, »und das will ich treulich thun, bis mein Tod die Annahme des Erbes seinem Stolze nicht mehr widerstrebt!«

»Nun, mein seliger Schwager hat ja noch einen anderen Weg zur Applanierung dieser Affaire gebahnt und angedeutet,« bemerkte Doktor Ruß.

»Je weniger wir von diesem Wege sprechen, desto besser,« entgegnete Dolores ruhig, aber sehr fest, obgleich sie es nicht hindern konnte, daß ein heißes Erröten sich dabei über ihr Antlitz ergoß.

Natürlich bemerkte Ruß auch das und registrierte es in den Annalen seines Gedächtnisses.

Es wurde nun verabredet, die Hauptmahlzeit des Tages, das Diner gemeinschaftlich im Speisesaale des Südflügels einzunehmen und sich zum Thee abends bei Dolores einzufinden.

»Ich hoffe dabei viel von Ihren reichen Kenntnissen zu profitieren,« sagte sie zu Doktor Ruß, und dieser erwiderte sofort: »Da können wir uns ergänzen, denn ich liebe die Musik leidenschaftlich und namentlich übt Gesang einen großen Zauber auf mich aus!«

»Va bene,« rief Dolores munter. »Wo man singt, da laß dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder.«

Mit der ihr eigenen Lebhaftigkeit machte sie sofort ihre Arrangements und bestimmte den großen Balkon des Rokokosalons zu dem Raum, in dem an schönen Abenden der Thee genommen werden sollte, während die Bildergalerie an trüben und kühlen Tagen zu diesem Zwecke dienen sollte, denn das Turmgemach reservierte sie sich alsbuen retiro, während der Salon allein der Musik geweiht bleiben sollte. Sie erließ sofort ein Schreiben an Ramo und beauftragte ihn, ein bewegliches Thee-Ameublement anzukaufen zum beliebigen Aufstellen auf dem Balkon oder in der Galerie, und bestelltefür diese selbst Etablissements, Blumentische und Konsolen mit Figuren in Elfenbeinmasse darauf, »die wir später mit schönen Marmorbüsten vertauschen können,« sagte sie sich, als sie diese Vorbereitungen zur Wohnlichmachung der leeren und öden Galerien getroffen.

Dann, nach einem kurzen Nachsinnen, setzte sie abermals die Feder an und schrieb an den Professor Balthasar.

»Wenn Sie, teurer Freund, mit Ihrer mir so werten und lieben Gemahlin noch nicht wissen sollten, wohin Sie diesen Sommer zur Erholung gehen, so kommen Sie hierher, kommen Sie als meine hochwillkommenen Gäste auf den Falkenhof. Sie müssen dabei bedenken, daß Sie damit ein gutes Werk thun, denn ich bin nicht mehr ganz ich selbst, seitdem ich mich hier befinde. Nicht, daß mich das Erbe selbst aus dem Gleichgewicht gebracht hätte – ich schätze Geld und Gut dazu nicht hoch genug, aber, aber werter Freund, es giebt doch Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen unsere Schulweisheit sich nichts träumen läßt, und von denen ich früher nichts geahnt – kurz, ich sehne mich nach Ihrer, dem Dasein Inhalt verleihenden Gesellschaft, nach Frau Annas herrlichem Gleichgewicht und der Liebenswürdigkeit, die sie Ihnen und anderen zum Schatze macht. Die Schönheiten des Falkenhofes, seine herrliche grüne Waldeinsamkeit brauche ich Ihnen nicht lockend zu schildern, die kennen Sie schon, und so bemerke ich nur, daß Ihre Künstlerseele auch noch in einer Menge von Porträts von Kneller, Holbein, Van Dyck, Pesne und wie sie alle heißen, schwelgen kann, wenn es ihr beliebt notabene. Schreiben Sie nur, ob Sie kommen und wann!

Dolores.«

Es war spät, als sie endlich müde, nachdem sie eine Menge Briefe geschrieben, in ihr Schlafzimmer trat.

»Heute werde ich gut schlafen,« dachte sie, als sie ihr Haar löste und dabei die Abwesenheit Terezas bedauerte, die es so gut verstand, die goldigen Massen zu glätten. So gut es ging, versuchte sie selbst mit der Bürste Ordnung in die bis ans Knie reichenden, sich rebellisch kräuselnden Haare zu bringen und summte dabei leise ein Lied vor sich hin.

Mit einem Male aber ließ sie den Arm mit der Bürste sinken und hörte auf zu singen – der Traum der vorigen Nacht war ihr eingefallen. Unwillkürlich sah sie nach der Stelle, wo sie die »böse Freifrau« hatte eintreten sehen, und schritt derselben zu, mit dem Lichte genau die Boiserie beleuchtend: Aber so genau sie es auch that, sie entdeckte keinen Ritz, der auf eine eingefügte, geheime Thür hätte schließen lassen können.

»Natürlich nicht,« dachte sie, »es war eben ein Traum, wie man ihn in solchen alten Häusern leicht träumt, da man sie ohne geheime Gelasse, Thüren u. s. w. nicht denken kann, schon des Reizes wegen, den solcher Humbug in unseren Tagen immer noch ausübt!«

Und ihr Lied wieder aufnehmend, wendete sie sich von der Wand ab, überzeugte sich, daß die Thüren innen verschlossen waren, und wollte die Bürste wieder ergreifen, als ihr Auge auf das kleine Madonnenbild fiel, auf das ihr Traum sie gewiesen. Wieder nahm sie den Leuchter auf und schritt darauf zu. In einem goldenen, spitzen, gotischen Rahmen mit kleinen Ecktürmchen und aufzumachender, durchbrochen gearbeiteter Thür war hier ein liebliches Madonnenbildüber dem Betstuhl aufgehängt, und Dolores erkannte es sofort als eine uralte Kopie der »Madonna mit dem Stern« des Fra Angelico, genannt »il Beato« im San Marco-Kloster zu Florenz – sogar der Rahmen war getreu nachgemacht mit seinem zierlichen Schnitzwerk. Die kaum einen Fuß hohe Gestalt der Gottesmutter steht auf goldenem Grunde, umflossen von zartrotem Gewande, umwallt von dem dunkelblauen, goldgesäumten Mantel, der auch ihr Haupt nonnenartig einhüllt. Das Haupt nach dem süßesten Jesuskinde, das je gemalt wurde, hinneigend, steht sie mit sinnendem Ausdruck in den überirdischen Augen, mit einem wunderbaren Zug von Schmerz, Trauer und halbem Lächeln um den lieblichen Mund, umflossen von der holdesten Anmut, dem keuschesten Liebreiz, und über ihrem Haupte flammt ein strahlender Stern – der Morgenstern für den Tag der Glorie, da Jesus der Retter kam, die Welt zu erlösen und die Macht des Todes zu brechen. Und wie malte Fra Angelico dieses göttliche Kind auf den Armen der Jungfrau! Es lehnt sein Köpfchen mit dem sinnenden Ausdruck an ihr Antlitz und berührt mit dem Zeigefinger der Linken ihr Kinn, als flüsterte er ihr zu vom Kreuz und von Golgatha und der Erlösung – –

Ja, nur Angelico da Fiesole, il Beato, war dazu berufen, wahrhaft göttliche Madonnen zu malen, und man weiß, daß er sie knieend, ein Gebet auf den Lippen malte – all' seine Epigonen malten nur schöne Mütter mit ihrem Kinde, selbst Rafael, der alle Hoheit und Majestät in seiner Sixtina verkörperte, aber nicht das Göttliche, das nur über den Madonnen des Florentiners schwebt. Tizian in seiner»Assunta« hat einen Strahl dieser Göttlichkeit in der zur Glorie des Himmels mit ausgebreiteten Armen emporschwebenden Gestalt der Mutter Gottes verkörpert, doch soviel man auch sucht, man wird diesen Strahl bei späteren Meistern nicht mehr finden, außer vielleicht geteilt in dem wunderbar ergreifenden Muttergottesbilde Lefèvres, und voll in der schlichten, rührenden Madonna Defreggers.

Dolores kannte die liebliche Madonna mit dem Stern wohl, sie besaß ja selbst eine moderne Kopie derselben, die ihre Mutter ihr als Riccordo di Firenze geschenkt – vor Jahren. Sie betrachtete lange das schöne Bild und schloß dann wieder die geschnitzten Thürflügel des Rahmens. In ihrem Traume, da hatte die »böse Freifrau« darauf gedeutet und das obere, rechte Türmchen berührt, sie erinnerte sich dessen genau. Getrieben von einem wunderbaren Gefühl, das sie selbst nicht hätte bezeichnen können, trat sie auf das Kniepult des Betstuhles und berührte das Türmchen, indem sie es vorsichtig zu bewegen versuchte – es gab nicht nach. »Ob es sich drehen läßt?« dachte sie. Nein, es rührte sich nicht nach rechts und –

Sie trat mit einem Male erblassend von dem Kniepult herab, denn bei einer leichten Linksdrehung des Türmchens hatte es nachgegeben und langsam drehte sich der Rahmen mit samt dem Bilde – eine kleine in Angeln gehende Thür, die eine tiefe, sich nach innen erweiternde Nische maskierte.

Das war ja nichts Seltsames, denn dergleichen giebt's in alten Häusern, besonders in alten Herrenhäusern, die der Landstraße nahe liegen, genug, denn man mußte seine Pretiosen gut verbergen vor etwaigen Überfällen, besonders inder Zeit der schweren Not des Dreißigjährigen Krieges, wo wildes hungriges Gesindel genug herumzog und manches einsame, nicht befestigte Landhaus brandschatzte. Aber wie sie diese geheime Nische fand, das machte Dolores für den Augenblick betroffen, doch schon im nächsten Moment überwand sie es.

»Zufall,« sagte sie sich und trat dem Versteck wieder nahe. »Was mag darin sein?« – Sie leuchtete in den finsteren, kleinen Raum – er war mit Backsteinen ausgesetzt, sein Boden mit Holz bekleidet. Es lag nichts darin als ein Buch, in roten Samt gebunden, und auf dem Buche lag eine runde Kapsel in der Größe einer großen Taschenuhr. Etwas zaghaft nahm Dolores beides heraus und trug es auf den Tisch vor dem Ruhelager, indem sie sich darauf niederließ. Erst nahm sie die Kapsel auf – es war ein schön gearbeitetes Stück von mit Kupfer legiertem Golde, bedeckt auf der Vorderseite mit einem kunstvollen Netze von erhaben gearbeiteten Arabesken, die als Früchte bunte Edelsteine und kleine Bündelchen oval geformter Perlen trugen. Es mochte italienische Arbeit sein, reinste Renaissance war es jedenfalls. Auf Dolores' Bemühen öffnete sich die Kapsel leicht – sie enthielt zwei sich gegenüberliegende Miniaturporträts, die sich wiederum an kleinen Angeln in ihren goldenen, kaum nadelbreiten Rahmen herumdrehen ließen und rückwärts auf Pergament geheftete Haarlöckchen nebst Namen zeigten.

Das erste Porträt stellte niemand anderen dar, als die »böse Freifrau« – es war eine Kopie des Bildes in der Galerie bis unterhalb des Kragens, nur daß hier das schöne Antlitz noch lieblicher aussah, da ein leichtes Lächeln denwunderschönen Mund umschwebte. Auf dem die Rückseite des Bildes deckenden Pergamentblättchen war mit blauer Seide ein goldrotes Haarlöckchen angeheftet und ringsherum war in zierlicher Rundschrift mit Tusche gemalt:Maria Dolorosa, Freyfrau von Falkner, gebohrene Freyin von Falkner,anno domini1618.

Das gegenüber, an der Rückwand der Kapsel angebrachte Bild zeigte einen schönen, wettergebräunten Männerkopf, um den eine Fülle schwarzen Haares nach der damaligen Mode sich bis auf den weißen, spitzenbesetzten Linnenkragen herablockte. Kühn blitzten die dunklen Augen, über dem stolzen Munde kräuselte sich ein feines Bärtchen – es war ein schönes Bild, und Dolores dachte, wie ähnlich ihm der Freiherr Alfred sei, nur daß dieser einen Vollbart trug und ihm die kleidsame Tracht jener Tage mangelte. Auf der Rückseite war dem Bilde mit roter Seite ein schwarzes Löckchen angeheftet und darum stand die Inschrift:Lupold Freyherr von Falkner, Kayserlicher Reuter-Hauptmann,anno domini1618.

Dolores sah lange auf diese zwei Bildchen nieder, die so lebensvoll und liebevoll gemalt waren, und manche Frage stieg dabei in ihr auf. Waren die beiden hier ein Ehepaar? Und für wen war diese Kapsel hergestellt worden? Wer war der Maler dieser kostbaren Miniaturen? Alles dies waren ungelöste Fragen, denn die sie hätten lösen können, waren längst gestorben, oder – verdorben.

Seufzend schloß Dolores die Kapsel, da gewahrte sie auf der glatten Rückseite derselben eine Gravierung – zweibrennende, mit einem Bande verknüpfte Herzen und darunter die Worte:


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