Chapter 5

Das Band, das der Hertzen zwo VerbindetLös't keiner, ob auch das Leben Schwindet.

Das Band, das der Hertzen zwo VerbindetLös't keiner, ob auch das Leben Schwindet.

Das Band, das der Hertzen zwo VerbindetLös't keiner, ob auch das Leben Schwindet.

Das Band, das der Hertzen zwo Verbindet

Lös't keiner, ob auch das Leben Schwindet.

Jahrhunderte waren darüber hingegangen, »der Hertzen zwo« hatten Ruhe gefunden – war es vielleicht die »alte Geschichte« gewesen mit den beiden?

Dolores legte die Kapsel zur Seite und nahm das Buch, löste dessen goldene Klammer und schlug es auf – es war ein Missale mit vielen bunten, jetzt verblichenen Bändern als Buchzeichen, mit mühsam gemalten Initialen und Kopfleisten. Es war ein vielbenutztes Gebetbuch, das sah man einzelnen der vergriffenen Blätter an; hatte sie daraus gebetet, die schöne, böse Freifrau? Doch da stand etwas geschrieben auf dem leeren, weißen Blatt, das dem Titel vorgeheftet war. Es waren energische, steile und kleine Schriftzüge einer nicht ungelenken Hand, und Dolores las, nachdem sie sich daran gewöhnt, fließend folgendes:

Wenn sich die Bas' dem Vetter soll vermählen,Wird sich der Falk' ein dauernd Nestlein wählen.Die letzte Falkin muß in Schmerzen büßen,Die Grabesruh' der Ahne zu versüßen.Wenn neu sie auflebt in der Huldgestalt,Die einst im Brautgewande ward gemalt,Kann diese Falkin siegen ob dem Bösen.Wird meine arme Seele sie erlösen,Wird sie des Falken Herz zu sich bekehren,Werd' ich der Engel Alleluja hören.Dann ist ein tausendjährig Blühn beschiedenDem Stamm der Falkner auf der Erd' hienieden.Kann sich das Edelfalkenpaar nicht finden,So wird ihr Stamm erlöschen und verschwinden.

Wenn sich die Bas' dem Vetter soll vermählen,Wird sich der Falk' ein dauernd Nestlein wählen.Die letzte Falkin muß in Schmerzen büßen,Die Grabesruh' der Ahne zu versüßen.Wenn neu sie auflebt in der Huldgestalt,Die einst im Brautgewande ward gemalt,Kann diese Falkin siegen ob dem Bösen.Wird meine arme Seele sie erlösen,Wird sie des Falken Herz zu sich bekehren,Werd' ich der Engel Alleluja hören.Dann ist ein tausendjährig Blühn beschiedenDem Stamm der Falkner auf der Erd' hienieden.Kann sich das Edelfalkenpaar nicht finden,So wird ihr Stamm erlöschen und verschwinden.

Wenn sich die Bas' dem Vetter soll vermählen,Wird sich der Falk' ein dauernd Nestlein wählen.Die letzte Falkin muß in Schmerzen büßen,Die Grabesruh' der Ahne zu versüßen.Wenn neu sie auflebt in der Huldgestalt,Die einst im Brautgewande ward gemalt,Kann diese Falkin siegen ob dem Bösen.Wird meine arme Seele sie erlösen,Wird sie des Falken Herz zu sich bekehren,Werd' ich der Engel Alleluja hören.Dann ist ein tausendjährig Blühn beschiedenDem Stamm der Falkner auf der Erd' hienieden.Kann sich das Edelfalkenpaar nicht finden,So wird ihr Stamm erlöschen und verschwinden.

Wenn sich die Bas' dem Vetter soll vermählen,

Wird sich der Falk' ein dauernd Nestlein wählen.

Die letzte Falkin muß in Schmerzen büßen,

Die Grabesruh' der Ahne zu versüßen.

Wenn neu sie auflebt in der Huldgestalt,

Die einst im Brautgewande ward gemalt,

Kann diese Falkin siegen ob dem Bösen.

Wird meine arme Seele sie erlösen,

Wird sie des Falken Herz zu sich bekehren,

Werd' ich der Engel Alleluja hören.

Dann ist ein tausendjährig Blühn beschieden

Dem Stamm der Falkner auf der Erd' hienieden.

Kann sich das Edelfalkenpaar nicht finden,

So wird ihr Stamm erlöschen und verschwinden.

Geschrieben am St. Johannisabend bei klarem Bewußtsein. Also hat Gott es mir gewiesen, auf daß ich nicht verzweifle, und mich hellsehend gemacht für eine Stund'.

Im Falkenhof, am 23. Junia. d.1620.

Maria Dolorosa, zwiefach verwittibteFreyfrau von Falkner.

***

Dolores ließ das Buch sinken und sah bleich und starr auf die vergilbten Schriftzüge herab, und es schlich ihr kalt übers Herz, als sie ihres Traumes gedachte, wie sie die Ahne gesehen, und wie diese auf das Madonnenbild gedeutet, das Türmchen des Rahmens berührt und sie so hingewiesen auf das, was seit zwei und einem halben Jahrhundert und mehr vielleicht verborgen gelegen vor jedem menschlichen Blick.

Wie war das Rätsel zu lösen? Wie, wenn sie es allen Gelehrten der Erde zu raten gab? Sie selbst sann dieser Lösung nach, bis der Kopf sie schmerzte – der Traum blieb und das Buch vor ihr mit seiner Weissagung blieb auch. Ihr blieb nur, der Geschichte der Ahne nachzuforschen, um darin vielleicht einen Lichtschimmer zu entdecken, der freilich das Wunderbare des Traumes nicht mindern konnte, mochte er auch Aufklärung bringen über das schöne Frauenbild, das man »die Böse« nannte. Doch sie wollte andere befragen, ohne sich selbst zu verraten, sie mußte eindringen in dieses Mysterium, dem der Mensch im Schlafe verfällt – – und war es denn überhaupt im Traum gewesen?

Ihre Zweifel verdichteten sich wie die Nebel an einem Herbstmorgen, sie dachte nach, bis die Uhr über dem Südportal Mitternacht schlug und sie mahnte, zur Ruhe zu gehen.Sie trug Buch und Kapsel zurück in die Nische und schloß diese durch das Bild, dann legte sie sich zum Schlummer nieder in dasselbe Bett, in dem die Ahne geruht, wie Mamsell Köhler gesagt, sie legte sich, eine schlaflose Nacht fürchtend. Bald aber überschlich sie das Gefühl des nahenden Schlummers, und wie es kam, mußte sie die Worte aus dem Missale vor sich hinsagen wie ein selbstgesungenes Schlummerlied:

Die letzte Falkin wird in Schmerzen büßen,Die Grabesruh' der Ahne zu versüßen,Wenn neu sie auflebt in der Huldgestalt,Die einst im Brautgewande ward gemalt – –

Die letzte Falkin wird in Schmerzen büßen,Die Grabesruh' der Ahne zu versüßen,Wenn neu sie auflebt in der Huldgestalt,Die einst im Brautgewande ward gemalt – –

Die letzte Falkin wird in Schmerzen büßen,Die Grabesruh' der Ahne zu versüßen,Wenn neu sie auflebt in der Huldgestalt,Die einst im Brautgewande ward gemalt – –

Die letzte Falkin wird in Schmerzen büßen,

Die Grabesruh' der Ahne zu versüßen,

Wenn neu sie auflebt in der Huldgestalt,

Die einst im Brautgewande ward gemalt – –

»Bin ich die letzte Falkin?« murmelte sie schlaftrunken. »Bin ich – –«

Das Wort erstarb auf ihren Lippen – sie war eingeschlafen.

»Ich habe nur einen Moment geschlummert,« sagte sie, verwirrt sich aufrichtend – und zu ihrem Staunen sah sie, daß das helle Sonnenlicht durch die Ritze der Fensterläden auf den Boden fiel.

Daß sie nicht alles geträumt, davon überzeugte sie sich durch das Öffnen der Nische – da lagen Buch und Kapsel, wie sie dieselben gestern Abend hineingelegt. Aber der tiefe, traumlose Schlaf hatte sie nicht gestärkt. Ihr Kopf schmerzte, und sie fühlte ihre Nerven gereizt, sie, die fast allen Strapazen mit ihrem stahlgeschmeidigen Körper Trotz geboten, die mehrere Abende hintereinander Wagnersche Opernpartien mit voller Kraft gesungen hatte, ohne ihre Nerven zu erschüttern.

»Ich war glücklicher, als ich noch nicht die Herrin des Falkenhofes war,« dachte sie schmerzlich. »Da gab es keine Enttäuschung für mich und die Kunst hob mich über die kleinen Miseren des Daseins hinweg, der Neid konnte mir nichts anhaben, denn ich ebnete ihm nicht den Weg zu mir. Hätt' ich wenigstens meinen Flügel hier!« –

Als Engels nach dem Frühstück erschien zu den Geschäften des Tages, sah er forschend auf das bleiche Antlitz seiner jungen Herrin.

»Was ist Ihnen, Fräulein Dolores?« sagte er besorgt.

»Ich weiß es selbst nicht,« entgegnete sie kurz und ergriff den Wirtschaftsbericht. Dann sah sie plötzlich auf zu ihm.

»Glauben Sie an Träume, lieber Engels?«

»I Gott behüte,« erwiderte er. »Träume kommen aus dem Magen. Wenn ich zu spät Abendbrot gegessen habe, dann träumt mir immer das verrückteste Zeug. Selbst das Tier träumt, denn was wär es sonst, wenn Knieper im Schlafe leise bellt und winselt und Ida miaut?«

Jetzt mußte Dolores doch lächeln; die Erklärung für ihren Traum war allerdings drastisch genug.

»Ja, ja, so wird es sein,« sagte sie resigniert, hier einen Schlüssel zu finden.

Während sie zerstreut den Berichten Engels zuhörte, klopfte es bescheiden an der Thür, und Mamsell Köhler erschien auf der Schwelle.

»Herr Doktor Ruß ist oben und frägt, ob gnädige Baronesse einen Spaziergang mit ihm machen wollen – es sei so schön draußen.«

»Ja, gern,« rief Dolores, froh, eine Gesellschaft zu finden – das Alleinsein war ihr so schwer heut'. »Ich lasse den Herrn Doktor bitten, im Salon oder in der Galerie auf mich zu warten.«

Mamsell Köhler ging.

»Was willdernur von Ihnen?« gab Engels seinen Gedanken laut Audienz.

»Gute Nachbarschaft halten, denke ich,« antwortete Dolores, die Papiere zusammenschiebend.

»Hm, natürlich, der ist immer da zu finden, wo die Fleischtöpfe Ägyptens brodeln,« murrte der Verwalter.

»Ich glaube, das ist rein menschlich,« lächelte Dolores. »Was haben Sie nur gegen diesen Mann, dessen Kenntnisse so eminent sind?«

»Den Kuckuck sind sie,« platzte Engels heraus. »Nichts habe ich gegen ihn, nichts Erwiesenes, und gethan hat er mir auch nichts, aber dasselbe kann ich von der Raupe sagen, die sich auf dem Blatte windet, und die ich auch nicht mag, weil sie mir Widerwillen einflößt; der da drinnen gehört auch zur Gattung der Kriechtiere, denn sein Rücken versteht es prächtig, sich zu drehen. Und wenn der Blödsinn von der Seelenwanderung zwischen Tier und Mensch, von der manche ein Brimborium schwatzen, wahr ist, dann warderfrüher eine Schlange, das steht fest.«

»Sind Sie auch nicht ungerecht, lieber Engels?« wandte Dolores ein.

»Möglich,« sagte er achselzuckend, »kann mir einmal nicht helfen. Aber sei es, wie es immer sei, Fräulein Dolores, jedenfalls bitte ich Sie, den guten, wohlgemeinten Rat einesFreundes nicht zu verachten: Vertrauen Sie dem Ruß nichts, keines Ihrer Geheimnisse an!«

»Ich bin keine Plaudertasche, lieber Engels,« erwiderte sie freundlich, »ich gehöre nicht zu den Personen, die ihren lieben Nächsten sofort zu ihrem Vertrauten machen und ihm das Blaue vom Himmel herunter schwatzen.«

»Aber er ist scharf, glauben Sie mir, und holt aus Ihnen heraus, was er wissen will!«

»Ich werde auf der Hut sein!« –

Engels ging, und Dolores fand den Doktor in der Galerie ihrer wartend – er stand vor dem Bilde der Ahnfrau.

»Wie wunderbar doch die Natur spielt, daß sie nach Jahrhunderten die nämlichen Züge dem Antlitz eines Gliedes desselben Stammes verleiht,« rief er ihr entgegen. »Das ist ja eine frappierende Ähnlichkeit zwischen Ihnen und dem Bilde da!«

»Ja,« sagte Dolores, »und Sie können sich denken, daß ich mich infolgedessen sehr für das Original interessiere. Wissen Sie Näheres über ihr Leben?« –

»Nein, nur, daß sie ›die böse Freifrau‹ heißt und die stets gut dotierte Stelle eines Schloßgespenstes inne hat,« erwiderte Ruß scherzend. »Aber wenn Sie's interessiert, so will ich gern den betreffenden Band der Familienchronik hervorsuchen und danach forschen – –«

»Ach ja, und ich will Ihnen gern dabei helfen,« rief Dolores.

»Abgemacht! Aber vorher wollen wir einen Spaziergang machen. Sie sollen sehen, wie herrlich der Wald an einem Maienmorgen ist!«

Dolores stimmte fröhlich ein, holte sich Hut, Handschuhe und Schirm, und dann schritten sie davon, dem Walde zu.

***

Draußen war's wonnig! Wald, Feld und Wiese trugen noch ihren frischen, jungen Frühlingsschmuck, den erst der Juni vergessen macht mit seinem neuen Schmucke von Blumen. Die Föhren hatten noch frischgrüne Triebe, die Laubbäume helle, zarte Blätter, und die Tannen, die am Waldbach wuchsen, sproßten noch so licht empor, daß das Moos zu ihren Füßen sich fast schwarz dagegen abhob. Aus dem weichen, erdbeer- und heidelbeerbesäeten Boden quoll jener frische, kräftige Erdgeruch, der gemischt mit den Düften von Waldmeister, Thymian, Lavendel und wilden Hyacinthen den tiefatmenden, staubgesättigten Lungen der Städter so wohl thut. Leis' murmelnd zog der silberhelle Waldbach in raschem Laufe dahin, als könne er nicht schnell genug den Ort seiner Bestimmung, den großen Strom, erreichen, in welchem er, selbst nur ein winziger Tropfen, ungekannt und unerkannt seiner Ewigkeit, dem Meere, zueilt. So thut er, dem selbstgebahnten oder geebneten Bette folgend von der Quelle aus, wie der Mensch von der Wiege an, dem Grabe zueilt mit jeder Stunde seines Lebens.

»Wie schön ist's hier,« sagte Dolores, den frischen Waldesduft mit tiefen Zügen einatmend, »und wie lange ist's her, daß ich keinen deutschen Wald betreten!«

Sie nahm den Hut ab und ließ die kühle Luft um ihre Stirne wehen und mit den goldigen Löckchen darüber spielen.

»Beim wunderbaren Gott, das Weib ist schön,« citierte Doktor Ruß in Gedanken mit halbem Seitenblickauf seine Begleiterin, »ob sie wohl zu einer Eboli veranlagt ist?«

In Rückerinnerungen verloren, schritt Dolores dahin, und in der That war der parkartige Wald vom Falkenhof dazu geeignet, Entzücken zu erregen. Man hatte die Natur nirgends eingedämmt, der Bach floß in seinem natürlichen Bette dahin, und auf dem Boden wuchsen Waldmeister, Erdbeeren und Heidelbeeren, aber es waren breite, gutgepflegte Kiesgänge kreuz und quer gezogen, und wo der Wald eine Blöße hatte, da zogen sich smaragdgrüne, tadellose Rasenflächen hin, plätscherten kühle Brünnlein oder sprangen Federfontänen in scheinbar ungekünstelten Steinbassins, emporgesprudelt von alten steinernen, moosüberzogenen Tritonen oder Delphinen. Wo sich das Laub zu dichten Gebüschen zusammenzog, da standen wohl halbverborgene Statuen von Sandstein, Götterbilder des alten Hellas und Rom, und mitten im Waldesdunkel träumten die Ruinen des alten Falkenhofes von der Vergänglichkeit, deren Opfer sie geworden. Es war nicht mehr viel da von den Mauern des alten Hauses, aber die kleine Kirche stand noch in ihren Umfassungsmauern, um die sich wilde Rosen rankten und durch die leeren Fensterkreuze und schön gemeißelten Steinrosetten der Spitzenbogen hereindrängten in das Innere, in dem nur noch einige Säulenknäufe und Kapitäle aus dem Moos und Gras hervorragten, das üppig aus dem Steinboden hervorsproßte, denn schon lange vor dem Dreißigjährigen Kriege lag der alte Falkenhof, der ja längst zu klein gewesen für seine Bewohner, als Ruine da, und es war nicht der unpoetischste Teil des Parkes, in welchem sie sich befand. Hier machte auch der Bach einenBogen und fiel als kleiner Wasserfall steil hinab in ein dunkles Becken, das Hexenloch genannt, weil man in alten Zeiten die der Hexerei Angeklagten die Wasserprobe darin machen ließ, um sie, wenn sie dieselbe bestanden, schließlich doch zu verbrennen, denn der Aberglaube, dieser furchtbare Moloch, mußte seine Opfer haben – damals vernichtete er sie physisch, heute moralisch, und eins ist so schlimm und grausam wie das andere.

»Man bedarf Ariadnes Faden, um sich aus diesem Labyrinth heraus zu finden,« scherzte Dolores, als sie, um die Ruine herumbiegend, durch einen verdeckten, übermauerten Gang plötzlich an den Rand des Hexenloches, zu Füßen des Wasserfalles gelangten.

»Das macht die Übung,« erwiderte Ruß. »Aber ich meine, Sie müßten den Park doch von früher her noch kennen?« –

»Ich entsinne mich einiger Einzelheiten,« nickte sie, »besonders aber der Ruine und des häßlichen schwarzen Tümpels hier. Der verstorbene Onkel konnte es nicht laut genug der Welt verkünden, daß ich ein Satanskind sei, und Fräulein Köhler meinte, man müßte mich zur Probe da hinein werfen, denn nur der Böse könne mich daraus erretten.«

Doktor Ruß lachte leise vor sich hin.

»Und für diese freundliche Gesinnung erhöhten Sie der alten Klatschbase ihr Gehalt und schenkten ihr ein Geschmeide?« fragte er.

»Ach, das ist ja lange her,« entgegnete Dolores ebenfalls lachend.

»Ja, ja, und es hat sich seitdem vieles verändert,« nickte Ruß. »Als Sie den Falkenhof verließen, gingen Sie da direkt nach Brasilien zurück?«

»Nein, wir lebten in Italien, bis mein Vater wieder in die Gesandtschaft zu Rio de Janeiro eingereiht wurde. Es hatte ihm viel Mühe gekostet, und als wir wenig Wochen dort waren, starb er.« –

»Ach ja, und dann erbten Sie jene großen Güter,« ergänzte der Doktor seine Begleiterin. Er war endlich auf dem Punkte angelangt, nach dem er gezielt.

»Ja, zu spät für meinen Vater,« bestätigte Dolores.

»So ist es also wahr, was Frau Fama ausposaunt, daß es Diamanten sind, die Sie auf Ihren Feldern ernten?« meinte Ruß in scherzendem Tone.

»Und Reis, Zuckerrohr und Tabak,« nickte sie harmlos.

»Also doch Diamanten,« beharrte der Doktor auf diesem einen Punkt. »Diamantfelder – das klingt für uns, die wir dem Boden nur schwarze Diamanten, d. h. Kohlen abringen können, wie ein Märchen.«

»Als ob sie bei uns wie Kartoffeln wüchsen,« lachte Dolores amüsiert. »Man muß oft Tage lang graben, ehe man etwas findet!« –

»Ei freilich, soviel wissen wir hier auch,« erwiderte Ruß behaglich lachend, denn er wußte nun, daß es Diamantfelder seien, welche Dolores besaß. »Es frägt sich bei derartigen Besitzungen nur, ob der Ertrag die Arbeit lohnt.« –

»O ja, denn wir finden auch Smaragden,« entgegnete sie sorglos, indem sie sich bückte, eine Blume zu pflücken, die sie dem Strauß in ihrer Hand einreihte.

Dann wandelten sie weiter auf dem schattigen, kühlen Waldespfade, der sich dann erweiterte und durch eine scharfe Biegung urplötzlich einem kleinen Schlößchen gegenüber endete, das wie ein Traum aus vergangener Zeit in einem Labyrinth von Rosen und hohen, grünenden Bäumen lag.

»Monrepos,« rief Dolores überrascht, »ich dachte nicht, daß es dem Falkenhof so nahe liegt. Freilich, man vergißt im Lauf der Jahre vieles!«

Monrepos war wohl ein ehemaliges Jagdschloß, denn daran mahnten die steinernen Pikeure rechts und links am Aufgange zu dem hohen Parterre, über das sich nur noch eine Etage aufbaute, welche von seltsam geformten, barock verschnörkelten Mansarden gekrönt wurde. Über der Eingangsthür ward ein fürstliches Wappen von pausbäckigen Engelchen gehalten, von denen man nur künstlich die üppig wuchernden Kletterrosen fern hielt, die bis zu den Mansarden emporragten und jetzt unzählige Knospen aufwiesen, die schon halb erschlossen waren. Vor dem Schlößchen verbreiteten mächtige Linden einen wahrhaft köstlichen Schatten, in welchem barocke Gartenmöbel zum Sitzen einluden, und auf dem Rasenplatz davor blies in steinernem Bassin ein von Nymphen umgebener Meergott aus einer Muschel einen starken Wasserstrahl in die Höhe, der seine glitzernden Wasserperlen auf die herrlichen Rosenstämme sprühte, welche den Platz in dichten Reihen umstanden.

Dolores erinnerte sich wohl des Rokokoschlößchens, das sie von fern oft betrachtet hatte, als sie, ein Kind noch, dem Falkenhof als Bewohnerin angehörte, aber sie wußte nichts von seinem Besitzer.

»Monrepos ist Privateigentum des Herzogs von Nordland,« erklärte Doktor Ruß. »Er hat es von einer Verwandten geerbt, welche in unser Königshaus geheiratet hatte, und es gehört nun zu seinen Lieblingsplätzen. Hier bringt der Herzog mit seinem Sohne, dem Erbprinzen, und seinen beiden Töchtern Jahr für Jahr ein paar Sommermonate zu, ganz wie ein einfacher Privatmann, und nur wenig Auserlesene, die er als Freunde betrachtet, erweitern den zwanglosen Familienkreis, in dem jedes seinen Neigungen lebt. Zu denen des Herzogs gehört die Rosenkultur, und er arbeitet wie ein einfacher Gärtner unter seinen Lieblingen, die aber auch seine Mühe lohnen und von seltener Schönheit sind. Man erwartet die herzogliche Familie in wenig Tagen hier – ich hörte, zu den wenigen Eingeladenen auf Monrepos gehöre dieses Jahr Richard Keppler, der berühmte Maler.«

Hier erinnerte sich Dolores der Einladung, die Falkner dem Künstler damals im Atelier überbracht – sie hatte nicht geglaubt, daß er ihr so nahe sein würde, sie hätte es auch um seinetwillen nicht gewünscht. Und Falkner, war er auch zu dem exklusiven Kreise in Monrepos berufen? Sie hätte sich eher im Hexenloch gesehen, als die Frage dem Manne an ihrer Seite vorgelegt, der mit scharfem Blicke ihre Züge studierte, als wollte er aus ihnen ihre Seele herauslesen. Doch was kümmerte es sie am Ende – die Bewohner von Monrepos und dem Falkenhof standen ja einander so fern wie der Nord- und Südpol, besonders jetzt, dasiedie Herrin des letzteren war.

»Gehen wir weiter,« sagte sie, sich vom Schlosse abwendend, und Doktor Ruß folgte ihr mit leisem Kopfschütteln.

»Kennen Sie Keppler persönlich?« fragte er lauernd.

»Ich kenne und achte ihn als Mensch, wie ich ihn als Künstler bewundere,« entgegnete Dolores warm und unbefangen, ein Umstand, der ihren Begleiter zu verwundern schien, um so mehr, als sie nun begann, ganz unbefangen über des Malers Werke zu plaudern, die seinen Ruhm auf der ganzen Erdkugel begründet.

»Ich bin namentlich für seine Porträts begeistert,« bemerkte Ruß. »Sie haben neben frappanter Ähnlichkeit so viel geistigen Gehalt, wie das Original selbst, und ich weiß, daß er am liebsten solche malt, bei denen er diesen Gehalt findet. Nebenbei aber idealisiert er so fein, wie eben nur ein Künstler, wie er, vermag.«

»Es kann jedermann stolz darauf sein, von ihm gemalt zu werden,« pflichtete Dolores bei, »und ich bin es auch in der That.«

»Ah, Keppler hat Ihr Porträt gemalt?«

»Ja, als Satanella,« erwiderte Dolores. »Es war eine Caprice von ihm, die Kombination von Rot und Gold so darzustellen, daß sie künstlerisch wirkte, und ich meine, er hat das Problem gelöst. Kennen Sie die Oper, Doktor Ruß? Wenn nicht, so müßte ich Ihnen das Kostüm beschreiben, um Ihnen die Aufgabe für den Künstler klar zu machen.«

»Ja, ich war in der Residenz, um diese Sensation machende Oper zu hören,« sagte der Doktor langsam. »Aber ich hätte Sie im Leben nicht wieder erkannt.«

»Nicht?« fragte Dolores amüsiert. »Das war gut. Ich wollte vor den Lampen nur die Künstlerin sein, nichts weiter.«

»Es war ein sinnverwirrender Anblick,« fuhr Ruß fort, »ich begreife den Eifer Kepplers, den prachtvollen Farbenreichtum, der Sie umhüllte, auf die Leinwand zu bannen. Der Künstler soll, wie man mir sagte, fast jeder der vielen Aufführungen der Satanella beigewohnt haben. Das ist eine Huldigung, die auffallen mußte,« fügte er mit scharfem Blick hinzu, »und die am Ende auch zu denken giebt.«

Dolores warf das schöne Haupt zurück, und ihre Lippen kräuselten sich verächtlich. »Die Welt ist ja stets geneigt, etwas zu denken,« sagte sie leicht. »Keppler kam, um die Aufgabe, die er sich gestellt, zu studieren. Daß übrigens solche ›Huldigungen‹, wie Sie es nennen, nicht immer der Person, sondern auch der Sache gelten können, mögen Sie aus dem Umstand erkennen, daß Alfred Falkner auch in fast keiner Aufführung der Satanella fehlte!«

Doktor Ruß sah überrascht auf – davon hatte er nichts gewußt.

»Wer weiß,« sagte er leise und beziehungsvoll.

Dolores biß sich auf die Lippen im Unmut, daß sie sich hatte hinreißen lassen, mehr zu sagen, als sie gewollt – hatte sie sich doch vorgenommen, Falkners oftmalige Anwesenheit in der Oper gar nicht zu bemerken.

»Man kann ja Sache und Person leicht trennen. Davon hat mein Cousin den Beweis geliefert,« sagte sie, ohne des Doktors dazwischen geworfenes Wort zu beachten. »Das Werk kann interessieren, die Person des Darstellers aber antipathisch sein, und nur das Wort oder der Ton, über den sie verfügt, eine Saite, einen Nerv in uns berühren. Dieses interessante Problem menschlichen Nervenlebens hatteich sehr oft vor mir, denn Herr von Falkner wandte der Bühne stets den Rücken zu, wenn ich sang. Es war also die Antipathie gegen meine Person, während meine Stimme, ohne daß er mich sah, auf seine Nerven wohlthätiger wirkte. Ich habe schon früher von solchen Fällen gehört.«

Ob sie wohl ihren Begleiter täuschte durch ihre von jedem bitteren oder beleidigten Gefühl freie Besprechung eines, wie es schien, für sie interessanten und doch gleichgültigen Themas? Wer weiß.

Das Gespräch kam dann auf andere Dinge, indem sie fortwandelten und Dolores ihren Waldblumenstrauß vollendete. Ruß war ein tüchtiger Botaniker und wußte Dolores den Namen jedes Pflänzchens zu nennen, das sie pflückte, und als sie eine kleine, wilde weißblühende Nelkenart brach und dem Bouquet einfügte, sagte er erklärend: »Dies Blümchen wird hier in dieser Gegend vom Volke ›Traumblume‹ genannt. Wer sie bei Vollmondschein allein und im tiefsten Stillschweigen bricht und sie unter sein Kopfkissen legt, der träumt, was er zu wissen wünscht und sonst nicht erfahren kann.«

»Welch' wunderbarer Aberglauben lebt doch noch unter dem Volke,« bemerkte Dolores sinnend;ihrwundersamer Traum kam ihr plötzlich zu Sinne.

»Ja, und er wird auch noch lange leben, denn er hat seine unsterblichen Traditionen, die übrigens oft viel Poesie bergen,« meinte Ruß.

»Glauben Sie an Träume?« fragte Dolores.

»Ich möchte darauf weder mit ja, noch mit nein antworten,« entgegnete der Doktor nach einer Pause, »denn ich habe darüber noch nicht genügend nachgedacht. Es kann nichtgeleugnet werden, daß, während der Körper schläft, die Seele wacht und weiter lebt. Was ihr begegnet, während wir schlafen, nennen wir dann Traum. Andererseits aber macht der vom Körper während des Schlafes unbeherrschte Geist tolle Ausschreitungen – da sind die unsinnigen Träume, die wir einander oft lachend erzählen. So erklärt es wenigstens der Erbprinz von Nordland, der sich viel damit beschäftigt und auch ein Werk über Seelen- und Traumleben schreibt. Natürlich wird er ebensowenig in dieses große Mysterium der Natur eindringen können, als viele vor ihm.«

»Ich fürcht' es auch,« sagte Dolores seufzend.

»Der Prinz ist nicht unbedeutend,« meinte Ruß, »nur das Thema, das er sich vorgenommen hat auszuarbeiten, verleitet manche zu dem Glauben, er sei es. Er steht mit bedeutenden Männern der Wissenschaft, Naturforschern und Ärzten, in Verbindung und korrespondiert mit ihnen. Aber schließlich giebt es ja doch Dinge, die für menschliche Weisheit zu hoch sind und zu verhüllt, als daß der jede Schranke durchbrechende Blick der Kultur des neunzehnten Jahrhunderts hineindringen könnte.«

Hier wurde Doktor Ruß sehr drastisch unterbrochen. Er und seine Begleiterin waren bis zum Ausgange des Waldes gekommen, an welchem eine Schmiede lehnte, die eine offene Werkstatt hatte, in der wiederum ein mächtiges Feuer lohte. Vorn stand ein riesengroßer Mann, mager und knochig wie der selige Don Quixote, und hielt eine Rosinante am Zügel, die offenbar eben beschlagen worden und ihres Besitzers würdig war – ein hochbeiniger, starker Percheron mit struppigemFell und struppiger Mähne, mit primitivem Sattel und schlechtgeputztem Zaumzeug.

Das Roß, das für Roland den Riesen wie gemacht erschien, betrachtete mit Interesse seinen Herrn, der in einer sehr großen und sehr leeren grünseidnen Börse herumsuchte. Vor ihm stand der Schmied mit aufgestreiften Ärmeln und ledernem Schurz, eine ebenso kraftvolle, umfangreiche Gestalt, wie jener mager war, ein neues Hufeisen in der Hand.

»Gnädiger Herr, es ist nicht teuer,« sagte er höflich. »Ich könnte mehr fordern, aber ich hab' nicht immer einen Kreidestrich dort an die Thür gemacht, wenn ich das Pferd da beschlagen habe. Aber wie gesagt, ich muß endlich mein Geld haben und will mit sechs Mark schon vorläufig zufrieden sein.«

»Sechs Mark!« echote der Herr des Rosses entrüstet, daß sein gewichster Bart sich förmlich in die Höhe sträubte. »Ich will auch Schmied werden, wenn das Geschäft so viel einbringt. Da,« und er kramte ein Fünfmarkstück in Silber aus seiner mageren Börse, »da hat Er fünf Mark für sein elendes bißchen Eisen –«

»Mein Eisen ist so gut wie irgend eins,« erhob nun der Schmied seine Stimme. »Ich muß sechs Mark haben.«

»Hier sind fünf Mark, damit Punktum,« schrie der andere, das Fünfmarkstück wütend in die Werkstatt schleudernd.

Nun warf auch der Schmied sein Hufeisen hin und hob die Münze auf.

»Ist mein Eisen schlecht, so ist auch Ihr Silber schlecht,« sagte er ingrimmig, und mit einem Ruck brach er die Münze mitten durch.

Der Herr zog seine Augenbrauen in heller Verwunderung in die Höhe, daß sie fast unter seinem flachen, alten, schiefgesetzten Filzhut verschwanden, aber nur für einen Moment, denn schon im nächsten Augenblick hatte er das am Boden liegende Hufeisen ergriffen.

»Retourkutschen ziehen nicht,« schrie er, »sein Eisen ist schlecht!« Und mit einer gewaltigen Anspannung seiner Muskeln brach er es mitten durch und schleuderte die beiden Hälften triumphierend von sich. Dann schwang er sich auf sein Roß und ritt hohnlachend davon.

Gerade als er die Waldecke passieren wollte, traten Doktor Ruß und Dolores, welche die eben beschriebene Scene mit angesehen hatten, daraus hervor. Der Percheron wurde pariert, und der schäbige Filz ward zum Gruß von dem mit borstenartigem, kurzgeschnittenem schwarzen Haar bedeckten Haupt abgenommen.

»Doktor Ruß? I sehn Sie 'mal an! Was machen Sie denn hier?«

»Einen Spaziergang, Herr Graf! Gestatten Sie, daß ich Sie der Freiin von Falkner, jetzigen Lehnsherrin auf dem Falkenhofe vorstelle – Graf Schinga, liebe Dolores!«

Der dürre Riese beugte sich bis auf den Hals seines Pferdes herab. »Furchtbar angenehm, Sie zu sehen, Baronin,« rief er, Dolores mit seinen kleinen, blitzenden Augen musternd. »Schönes Wetter, was?«

»Sehr schön,« gestand sie lächelnd zu. –

»Wir haben eben Ihre Kraft bewundert, Herr Graf,« sagte Ruß. »Ein Hufeisen zerbrechen, als sei es von Biskuit, das imponiert!«

»I, das ist nichts,« meinte Graf Schinga verächtlich, »der Kerl hat mich nur provoziert, zerbricht mir mein schönes Fünfmarkstück mir nichts dir nichts vor der Nase!«

»Und man sagt, unsere Zeit sei arm an starken Männern,« lächelte Ruß. »Man möchte Sie August den Starken nennen, Graf.«

Der Genannte riß seine Augen weit auf, soweit es eben ging.

»I sehn Sie 'mal an, haben Sie den auch gekannt?« rief er erstaunt. »Guter Kerl gewesen, August der Starke! War zehn Jahre Kellner bei Dingsda in Berlin und dick wies Heidelberger Faß – zur Gesundheit, Baronin!«

Dolores dankte wortlos, sie hatte ihr Taschentuch vor den Mund gepreßt und unterdrückte nur mit Gewalt einen unwillkürlichen Ausbruch ihrer Heiterkeit. Selbst Doktor Ruß hatte Mühe, über diese falsche Auffassung seines historischen Citates ernst zu bleiben.

»War, offen gesagt, furchtbar neugierig, Sie zu sehen, Baronin,« fuhr der Graf fort. »Daß es mir heute schon glückte, ist wirklich die Möglichkeit! Na ich sage, Ihre Thronbesteigung hat ein höllisches Geklatsche und Gepatsche verursacht! Hoffe, werden gute Nachbarn werden – mein Gut, Arnsdorf, liegt ja im Triangel mit Falkenhof und Monrepos. Nette Lage das. Wenn's Hoheit beliebt, auf Monrepos zu niesen, sagen wir in Arnsdorf und Falkenhof: Zur Gesundheit.«

»Solltedasgerade so angenehm sein?« fragte Dolores lachend.

»I nun, mich geniert's nicht,« meinte Graf Schinga. »Na also, auf gute Nachbarschaft, Baronin! Meine Frauwird sich freuen, Sie zu sehen. Zeigen Sie sich nur recht bald in Arnsdorf. Können dann zusammen reiten, habe, wenn Sie wollen, famoses Pferd im Stalle, geht wie ein Schaf auf der Weide –«

»Doch nicht ein Abkömmlingdiesesedlen Galliers?« fragte Ruß boshaft.

»Nein, schottische Rasse, lammfromm, prächtiges Maul und preiswürdig, sage ich Ihnen!«

»Ich fürchte nur, die Baronin hat mehr Pferde auf dem Falkenhofe, als sie, ohne Fuchsjagden zu geben, braucht,« wandte der Doktor ein.

»Na, dann nicht,« rief der Graf, »können sich die Sache ja ansehen. Ihr Diener, Baronin, guten Morgen, Doktor Ruß. Na, vorwärts, Zeus, bist ein gutes Vieh!«

Der Percheron setzte sich wiehernd in Trab, der Filz wurde aufgestülpt und fort galoppierte Roß und Reiter.

Nun brach aber Dolores' unterdrückte Heiterkeit ohne Rückhalt los.

»Sagen Sie mir, wer ist dieses verkörperte Ideal eines Landjunkers, der Hufeisen zerbricht und einen Percheron mit Namen ›Zeus‹ reitet?« rief sie lachend.

Ruß stimmte in seiner leisen Art in ihre Heiterkeit ein.

»Ich sagte Ihnen schon, Graf Schinga ist Herr auf Arnsdorf und ebensogut Ihr Nachbar als der Herzog von Nordland auf Monrepos,« erklärte er. »Er ist übrigens ein Original, das man selbst auf den Parketts fürstlicher Schlösser goutiert, und stellenweise von rückhaltloser Grobheit. Von seinen Extravaganzen erzählt man Wunderdinge, verschuldet ist er so tief als möglich, aber jeder Thaler, dener durch den Verkauf irgend eines seiner Pferde, Kühe etc. verdient, wird sofort in Champagner vertrunken. Daher bot er Ihnen, liebe Dolores, gleich seinen alten, steifbeinigen Shetland-Pony an, den er seit Jahren vergeblich in eine Reihe Sektflaschen zu verwandeln strebt. Daß, nebenbei gesagt, Münchhausen einer seiner Ahnen war, ist an ihm nicht verloren – er lügt wie gedruckt, glaubt aber selbst seine eigenen Erfindungen aufs Wort, und das ist das beste daran.«

»Nun, und seine Frau?« fragte Dolores.

»Ist eine polnische Prinzessin, infolgedessen ist auf Schloß Arnsdorf die Wirtschaft auch sehr polnisch. Man sieht sie selten oder nie, und über das Verhältnis zwischen den Eheleuten kursieren haarsträubende Geschichten, die ich indes nicht weiter verbreiten möchte, da ich nicht infolge eigenen Anschauens berichten kann. Thatsache aber ist, daß die Gräfin auf einem öffentlichen Balle in der Kreisstadt von ihrem Gemahl geohrfeigt wurde, weil sie seiner Ansicht nach zu lange mit einem der Offiziere gesprochen hatte.«

»Pfui, wie roh,« rief Dolores entrüstet.

»Nun, das soll einer der geringsten Liebesbeweise sein, die Schinga an seine Gemahlin verschwendet,« erwiderte Ruß. »Ja, es giebt wunderliche Menschenkinder, und mich wundert's nur, daß ein so schönes Mädchen, wie Prinzeß Bradnitzka es war, einen Menschen von Schingas Qualität heiraten konnte. Erklären Sie mir dieses Rätsel des Herzens, wenn Sie können – glauben Sie, daß es aus Trotz geschehen konnte?«

»Vielleicht – ich habe darüber noch nicht nachgedacht,« entgegnete Dolores sinnend. »Aber ich muß gestehen, daß icheigentlich neugierig bin, die zweite Hälfte dieses Originals kennen zu lernen, um zu entscheiden, ob sie die bessere ist.«

»Die schönere ist sie jedenfalls,« sagte Ruß leise lachend.

»Das ist nicht schwer,« schloß Dolores dieses Thema.

Als sie nach dem Falkenhofe zurückkehrte, wurde sie von der eben angekommenen Tereza mit lebhaften Freudenbezeugungen empfangen. Tereza begann sofort die mitgebrachten Koffer auszupacken und sich selbst als erste Dienerin zu installieren, zum großen Verdruß der Dienerschaft, denen die schwarze Haut der armen Tereza ein arger Stein des Anstoßes war.

Die Negerin strahlte vor Stolz, ihre geliebte Herrin hier gebieten zu sehen, wo man sie früher nur geduldet hatte, und sagte ihr mit blitzenden Augen:

»Hier bist du doch viel mehr Königin, als auf dem Theater, mein Goldkind!«

Dolores lächelte dazu, aber es war kein Lächeln des befriedigten Stolzes, es war eher wehmütig zu nennen, und es fuhr ihr durch den Sinn, als sei sie als eine Priestern der Kunst glücklicher gewesen, als sie je hier sein könnte – –. Und doch war sie erst seit wenig Tagen Herrin auf dem Falkenhofe!

Zur Dämmerzeit ging Dolores wieder hinüber nach dem Türmchen und plauderte mit Engels. Sie saß am epheuumrankten Fenster und hatte die schnurrende Ida auf dem Schoß. Knieper hatte sich auf dem Fensterbrett niedergelassen und achtete eifersüchtig darauf, daß die Herrin ihre Gunstbezeugungen gleichmäßig zwischen ihm und seiner Freundin verteilte.

»'s ist, als seien die vergangenen Jahre zurückgekehrt,« meinte Engels behaglich.

»Nun, sehen Sie, daß ich die Alte geblieben bin?« scherzte Dolores.

»Ja, ja, mitunter erinnert ein Blick, ein Wort an die kleine Teufelin von damals,« gestand Engels zu, »aber ich laß mir's nicht nehmen, ein fremder Zug, ein Zug des Ernstes, der Melancholie fast, stiehlt sich manchmal um Ihre Augen, Ihren Mund. O, ich beobachte scharf.«

»Das ist das Alter, lieber Engels.«

»O, Sie Baronin Methusalem von zweiundzwanzig Jahren!«

Dolores lachte, wurde aber gleich wieder ernst.

»Man kann, auch jung, seinen Jahren geistig voraneilen, das macht es,« sagte sie. »Sehen Sie, lieber Engels, ich war von Kindheit an mir selbst überlassen, und das lehrt denken. Ich habe vielleicht doppelt soviel gedacht, als andere meines Alters, ich habe mich nie in Gesellschaft meiner Gedanken einsam gefühlt, aber ich habe sie selbst klären müssen durch eigene Erkenntnis, und da fällt manche Frucht von dem jungen Stamme, die vor der Zeit gereift ist. Zum Glück hatte ich eine treue, ernste und gottgeweihte Gefährtin – die Kunst. Die lehrte mich arbeiten und schaffen, und wer das kann, der mag sich glücklich preisen.«

»Die Kunst,« wiederholte Engels. »Ei ja, das ist recht gut und schön, aber sie führt ihre Jünger auch auf glatten Boden:

Eines schickt sich nicht für alle,Sehe jeder, wo er bleibe,Sehe jeder, wie er's treibe,Und wer steht, daß er nicht falle,

Eines schickt sich nicht für alle,Sehe jeder, wo er bleibe,Sehe jeder, wie er's treibe,Und wer steht, daß er nicht falle,

Eines schickt sich nicht für alle,Sehe jeder, wo er bleibe,Sehe jeder, wie er's treibe,Und wer steht, daß er nicht falle,

Eines schickt sich nicht für alle,

Sehe jeder, wo er bleibe,

Sehe jeder, wie er's treibe,

Und wer steht, daß er nicht falle,

sagt Goethe.«

Dolores erhob stolz ihr schönes Haupt und sah Engels fest ins Auge.

»Gott gab mir neben der Kunst den Stolz mit, der ein Verirren unmöglich macht,« sagte sie laut.

Als sie später nach dem Schloß zurückkehrte, traf sie mit Ruß im Korridor zusammen.

»Hier,« sagte er und deutete auf einen in Pergament gebundenen Folianten, den er unterm Arm trug, »hier ist der Band der Familienchronik, der genaue und authentische Nachrichten giebt über die sogenannte ›böse Freifrau‹. Aber es ist eine Tragödie der Sünde, die Sie da lesen werden!«

Dolores dankte, nahm ihm den Band ab und trug denselben in das Turmzimmer. Aber ehe sie zu lesen begann, holte sie das Medaillon mit den Miniaturen und das Missale herbei, diese auf so seltsame Weise gefundene Dinge sollten die Lektüre, die ihrer harrte, illustrieren, und wie sie sie aus ihrem Verstecke nahm, da fiel ihr's ein, daß dies der rechte Ort sei, ihre Juwelen zu bergen, und Tereza schob die bronzene Kassette hinein in die Nische auf das Geheiß ihrer Herrin, die ihr auch das Geheimnis lehrte, die Nische zu öffnen und zu schließen.

Dann kehrte sie nach dem Turmzimmer zurück und fand dort abermals den Doktor vor mit einem ähnlichen Bande, wie den bereits gebrachten.

Er übergab ihr denselben feierlichst als den letzten Teil der Chronik des Hauses Falkner, in den sie jetzt das Datum des Todes ihres Vorgängers im Falkenhofe einzutragen und ihre eigene Autobiographie zu beginnen hatte, die fortgeführt werden mußte, bis ihr Nachfolger die Reihe der Blätter, die von ihr Kunde geben sollten, schloß. Dieser Band blieb von nun an in ihrem Besitz, bis sie selbst den Ahnen des Hauses angehörte, und ein goldener Schlüssel, der das Buch doppelt schloß, ward von nun an ihr Eigen. So wollte es das Hausgesetz der Falkner seit alten Zeiten, und drüben in der Bibliothek standen aufgereiht die Bände, die Kunde gaben, oft in wunderlichen Schriftzügen von den Falkners, besser als Stammbäume es können.

Dolores nahm diesen Band mit einem Gefühl der Ehrfurcht entgegen, denn seine noch unbeschriebenen Blätter enthielten ja schon ihre Geschichte bis zu dem Tage, da eine andere Hand wiederum das Datum ihres Todes darein eintragen würde. Dabei legte sie das Missale und das Medaillon seitwärts auf ihren Schreibtisch – sie wollte vorläufig nicht davon sprechen, ihren Fund nicht bekannt geben. Allein das scharfe Auge Ruß' entdeckte die Gegenstände sogleich.

»Welch' köstliches altes Buch haben Sie da?« fragte er, und setzte hinzu: »Verzeihen Sie einem Archäologen die zudringliche Frage!«

»Es ist ein Gebetbuch,« entgegnete Dolores kurz. »Ich zeige es Ihnen ein andermal!«

Dagegen war nichts zu machen, und Ruß war zu klug, um seine Neugier sofort befriedigen zu wollen. Er warf daher noch einen scharfen Blick auf das alte Buch – dieKapsel vermochte er schwer zu unterscheiden, wünschte Dolores »Gute Nacht« und entfernte sich.

Als sie allein war, schlug sie den älteren Band der Chronik, den Ruß mit einem Zeichen versehen hatte, an der betreffenden Seite auf. Links stand in steifer, ungelenker Handschrift ein Todesdatum verzeichnet, rechts begann dieselbe Handschrift weiter zu schreiben, und Dolores las wie folgt:

»Heut' am 15. des Mayen,anno domini1618, zwo Tage nach dem Tode meines Herrn Vatters trat ich, der Freyherr Ferdinand von Falkner, mein Erbe auf dem Falkenhofe an. Gott gebe mir Seinen Segen dazu.

Die Beysetzung meines Herrn Vatters war fein und pomphafft, wie es sich vor einen Falkner ziemt, und außer einer großen Menge frembder Damen und Kavaliere waren von der Sippschaft gegenwärtig meine Frau Mutter, die verwittibte Freyfrau, ich, der regierende Freyherr, mein Herr Bruder Lupold, Kayserlicher Reuter-Hauptmann, mein Herroncle, der Freyherr Robert, und Maria Dolorosa, dessen wunderholtes Töchterlein, deren Frau Mutter eine Hofjungfer der Königinn in Hispanien gewesen, dahero sie ihre dunklen Augen hat, wohingegen ihr roth Gelock an ihre teutsche Abstammung gemahnt. Ich sahe den Oheim wenig bis dato, sein Töchterlein nie, aber mein Bruder scheint sehr bekannt mit ihnen von seinem Aufenthalt in Wien her, allwo sein Regiment steht, allwo der Oheim wohnt und Maria Dolorosa Hofjungfer ist bey der teutschen Kayserinn, von wegen der Hispanisch-Habspurgischen Blutverwandtschaft.«

Diesem Bericht fügt der Schreiber eine genaue Beschreibung der Beisetzung hinzu und fährt dann fort:

»Am letzten May, dasselbe Jahr.Wir alle von der Familie sind noch beysamm, auf meine Bitt, dieweil ich mein Herz verloren an meine schöne Bas. Darob freut sich meine Frau Mutter sehr, und sprach davon mit dem Freyherrn Robert, und der verschwur sich hoch und teuer, keine andre als sein Töchterlein solle Herrin werden auf dem Falkenhof. Dazu sag' ich Amen, denn ich schwur dasselbe schon vor ihm.

Am Tage darauf.Warum nur wollen Weiberherzen so schwer gewonnen werden? Warum nur sprühen Funken aus den Augen der schönen Base, wenn ich ihr süße Worte flüstere? Wohl, ich will um sie freien, langsam und trew, wie sie es will.

Mitte Junii.Ich möchte schier verzweiffeln – warum nur will meine Werbung nicht fruchten?

Am 20 Junii.Heut' ward sie mir verlobt, aber sie sah finster dabey drein. Warum? Ist doch eine schöne Sach', Herrin zu werden im Falkenhoff. Und über vier Wochen ist die Hochzeit! Der Oheim will nicht die weite Reise machen bis Wien, und Maria Dolorosa bleibt unter dem Schutze meiner Mutter bis zum Hochzeittag. Und Lupold ward abgesandt, es der Frau Kayserinn in der Hofburg zu melden, und ihre Erlaubniß zu holen zur Vermählung auf daß die hohe Frau sie freigebe aus ihrem Dienst.

Am 30 Junii.Wir rüsten auf den frohen Tag. Wie ist mein Bräutchen so schön – es malt sie ein Herr Maler aus der Residenz im Brautgewand und Jungfernkranz, ich meine, das Bild wird gar ähnlich. Der Maler ward eigentlich beordert, mein Conterfey zu nehmen, aber sie ist dochein schöner Modell, und auch ein Hofmaler zu Wien soll sie gebannt haben auf Elfenbein, und ich bat sie um das Bild. Da erröthete sie tief – tiefer als ich's je gesehen und sagte schnell, das Bild sei in Wien verblieben. Und ihr Herr Vatter sagte, es sey einecopiadavon genommen worden. Zum Unglück ist die auch in Wien. Aber Lupold wird Alles mitbringen, was ihr gehört, wenn er zur Hochzeitfeier zurückkehrt, da wird das Kapselbild auf Elfenbein doch mein, denn das große kommt in den Ahnensaal.

Am 19 Julii.Es ist der Vorabend meiner Hochzeit, doch um mich hängt es wie Trauerflöre und braust es wie rothes Blut, das wider mich zum Himmel schreit. Wie soll ich's sagen, was geschehen? Ich muß es dem Blatt hier anvertrauen, sonst find' ich nicht Kraft für den morgigen Tag. Heut' früh kam er an, Lupold von Wien mit der Kayserinn Erlaubniß und Hochzeitsgabe und einem Missale, schön in Samt und mit Goldklammern gebunden für Maria Dolorosa. Und – wie ich vor einer Stunde hinaus schritt zum Walde, da traf ich sie an, meine Braut, in den Armen meines leiblichen Bruders. Und wie ich zustürmte auf beide, da schrie er, daß er vermählt sei mit ihr seit Monden, heimlich in Wien, gegen den Willen ihres Vatters, der sein Töchterlein dem Manne nicht geben wolle, der nichts habe, als seinen Degen, und sie weinte und sagte, ihr Vatter wolle sie zwingen mein zu werden, obwohl er's ahne, wie es um sie und Lupold stehe, und daß sie fliehen wollten heut Nacht –! Mich aber ergriff es im Liebeswahn für die treulose, schöne Braut, und in dem Jähzorn gegen den falschen Bruder, daß ich das Schwert zog und ihm zuschrie,er müsse sich vertheidigen, wenn ihm sein Leben lieb sei – – und ich drang auf ihn ein – – und ehe er sein Schwert ziehen konnte, lag er todt und blutend am Boden – vor ihren Augen. Da ward sie furchtbar bleich und sagte nur das Wörtlein:Kain. Und da brauste es vor meinen Ohren, und ich sagte ihr, jetzt sei sie frei, und morgen wollte ich meines Bruders Wittib zum Weibe nehmen. Da warf sie sich über ihn und schrie laut auf!

Ich weiß nicht, wie mir ist, aber um mich singt und klingt es wie des Teufels Melodien und die Buchstaben tanzen vor meinen Augen – und –

Am 20 JuliiMorgens. Der Oheim kam und sagte mir, er hätte den Leichnam entdeckt gestern Abend und Maria Dolorosa bewußtlos neben ihm, er habe ihn verhüllt mit Laub und Reisig, auf daß er erst gefunden werde, wenn Maria Dolorosa mein Weib sei. Er wolle sie schon zwingen, es zu werden, dann könne sie nicht zeugen wider mich, ihren Eheherrn. Zudem habe er geschworen, sein Kind solle Herrin werden auf dem Falkenhof. Mir graute vor dem Hehler wie mir vor dem Mörder graut, und mich schüttelt es wie im Fieber und jedwedes Vögelein scheint mir das Wörtlein Kain zuzusingen. O wie elend bin ich! Wie wird es enden?

Fünf Stunden später.Soeben ward sie mein Weib. Man zieht aus, meinen Bruder zu suchen, den man seit gestern Abend vermißt. Keines ahnt, wie nahe ihnen der Mörder ist, sie würden ihn sonst dem Hochgerichte überliefern. Der Oheim will an einen Raub glauben machen, hat ihm abgenommen, was er an Werth besaß und mir gegeben. Darunter eine Kapsel mit sein und ihrem Bilde und dem Spruch:


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