Das Band, das der Hertzen zwo Verbindet,Lös't keiner, ob auch das Leben Schwindet.
Das Band, das der Hertzen zwo Verbindet,Lös't keiner, ob auch das Leben Schwindet.
Das Band, das der Hertzen zwo Verbindet,Lös't keiner, ob auch das Leben Schwindet.
Das Band, das der Hertzen zwo Verbindet,
Lös't keiner, ob auch das Leben Schwindet.
Es ist gelöst – ich hab's gelöst und meines Bruders Wittib gefreit. Die Kapsel habe ich aber vernichtet mit den anderen Dingen. Und ich liebe sie doch, die schöne Falkin – bleich wie der Tod stand sie neben mir am Traualtare, mit seltsam auf mich geheftetem Blick – – still, man kommt –«
Hier endeten die Aufzeichnungen des unglücklichen Ferdinand. Auf der nächsten Seite stand in festen, großen Schriftzügen:
»Am 20 Juliianno domini1618 vermählte sich der Freyherr Ferdinand von Falkner auf dem Falkenhofe mit seiner Base, der Freiin Maria Dolorosa von Falkner, Hofjungfer der teutschen Kayserinn. Die Braut ward am selben Abend vom Wahnsinn befallen und verwundete ihren Eheherrn im Brautgemach tödlich mit einem hispanischen Stilet. In den Frühstunden des 21. Julii starb er. Gott schenke seiner Seele das Paradies und gehe nicht in's Gericht mit ihr.«
Weiter unten stand von derselben Hand geschrieben:
»Am selben Morgen fanden sie des Lupold Leiche: Keiner weiß, wer die That gethan.«
Die folgende Seite trug oben die Inschrift:
»Heut' am Neujahrstageanno domini1619 gebar die verwittibte Freyfrau Maria Dolorosa von Falkner den Herren des Falkenhofes; Jost, Freyherr von Falkner wird sein Name heißen. Sein Vormund bleibt der Freyherr Robert, sein Großvater. Seiner Mutter Irrsinn ist nicht gewichen bis zur gegenwärtigen Stunde.«
Unten stand: »Am 24 Junii,a. d.1620 verschied sanft die Freyfrau Maria Dolorosa zu einem besserm Leben. Sie war meine geliebte Tochter. Ich schwöre, sie that die That im Irrsinn, und ich habe sie dazu getrieben. Mir bricht das Herz in Reue, denn ihr umnachteter Geist hinderte sie, mir zu vergeben! Wollte Gott, ihr Sohn fände besseres Loos, als Lupold, sein Vater, und möchte nimmer lernen mir zu fluchen oder an seiner Mutter Schuld zu glauben – sie that es im Wahnsinn, so wahr ein Gott im Himmel lebt. Robert Freiherr von Falkner.«
Unter diesen Zeilen standen folgende Worte:
»Der Großvater fiel bei Lützen. Er ruhe in Frieden, – ich wills versuchen ihm zu vergeben, was er an seinem eignen Kind gethan. Meiner Mutter kann keine Schuld beigemessen werden, denn man rechnet nicht mit denen, deren Geist umnachtet ist, aber ich kann's nicht hindern, daß das Volk sie als meinesVaters(für den sie den Freiherrn Ferdinand halten) Mörderin bezeichnet. Ich weiß es nun besser, aber das Herz ist mir fast gebrochen an der Erkenntniß.
»Am Tage, da ich zuerst diese Blätter gelesen, am 1 Junius 1644, dem Tage meiner Volljährigkeit. Jost, Freyherr von Falkner.«
Das war der Epilog zu der Tragödie, die hier verzeichnet und zwischen den Zeilen zu lesen stand, und erschüttert beugte Dolores ihr Haupt vor den Leiden der schmerzensreichen Ahnfrau, die schuldig und doch unschuldig war. Die Chronik sprach von der Vernichtung der Kapsel des unseligen Lupold – diese vor ihr mußte also der armen Maria Dolorosagehört haben. Tiefbewegt sah Dolores auf das liebliche Bild herab, das ihr so sehr glich, und dachte, wie seltsam es sei, daß sie eine spanische Mutter gehabt, wie jene, daß sie denselben Namen trage! Dann las sie noch einmal die Prophezeiung, die jene am Abend vor ihrem Tode niedergeschrieben, als der Wahnsinn von ihr wich für eine kurze Frist, und wieder fragte sie sich, ob sie dazu ersehen sei, die Erlöserin zu werden, nach der die Seele der Unglücklichen begehrte? Und doch, wie sollte es geschehen? Die Worte waren so voll von verborgenem Sinn, bis auf die ersten vier Zeilen:
Wenn sich die Bas' dem Vetter soll vermählen,Wird sich der Falk ein dauernd Nestlein wählen.Kann sich das Edelfalkenpaar nicht finden,So wird ihr Stamm erlöschen und verschwinden. –
Wenn sich die Bas' dem Vetter soll vermählen,Wird sich der Falk ein dauernd Nestlein wählen.Kann sich das Edelfalkenpaar nicht finden,So wird ihr Stamm erlöschen und verschwinden. –
Wenn sich die Bas' dem Vetter soll vermählen,Wird sich der Falk ein dauernd Nestlein wählen.Kann sich das Edelfalkenpaar nicht finden,So wird ihr Stamm erlöschen und verschwinden. –
Wenn sich die Bas' dem Vetter soll vermählen,
Wird sich der Falk ein dauernd Nestlein wählen.
Kann sich das Edelfalkenpaar nicht finden,
So wird ihr Stamm erlöschen und verschwinden. –
War sie und Alfred Falkner dazu berufen, dies »Edelfalkenpaar« zu sein? Es schoß ihr glühend heiß vom Herzen empor und unmutig schloß sie Kapsel und Bücher.
»Thorheiten,« sagte sie leise. »Das kommt davon, wenn man nachts allein in einem alten Schlosse Familien-Schauergeschichten liest und Prophezeiungen. Wo blieb mein klares, ruhiges Denken? Ich habe geträumt, ein Zufall ließ mich das Buch der armen Wahnsinnigen finden, ein Zufall stimmte es zusammen mit der Familiengeschichte vergangener Zeiten –voilà tout!« –
Sie nahm Kapsel und Missale, denn die wollte sie bewahren, wo sie sie gefunden, ergriff den Leuchter und schickte sich an, das Zimmer zu verlassen, als ein leises Geräusch, wie eine ins Schloß fallende Thür sie erschreckte – es kam vom Kamin her, dessen war sie sicher. Ruhig legte sienieder, was sie trug, und durchsuchte sorgfältig den Kamin, und da sich hier nichts fand, auch das übrige Zimmer; dabei durchfuhr es sie, daß dasselbe wohl in Verbindung stehen müsse mit dem nördlichen Schloßflügel, doch es fand sich nichts, was diese Vermutung bestätigen konnte. »Ramo mag danach forschen,« dachte sie. »Wie nervös bin ich doch geworden als Schloßfrau vom Falkenhofe!«
***
In dem rosenumdufteten, lindenumrauschten Schlößchen Monrepos waren seit einigen Tagen die Jalousien geöffnet, die Rouleaux in die Höhe gezogen und der frischen warmen Maienluft gestattet worden, frei einzutreten in die Rokokoräume dieses, wie ein Schmuckkästchen ausgestattetenbuen retiroeines regierenden Fürsten, der sich hier die schönsten Sommermonate hindurch zwanglos ausruhte von den Regierungsgeschäften, die er nicht hatte, da das Reich, unter dessen Oberhoheit er stand, ihm dieselben freundlichst abnahm, und nur seine Unterschriften erbat. Doch Urkunden unterzeichnen, Orden verleihen, Cour abhalten und Hofbälle geben sind Arbeiten, die schließlich eine Erholung nötig machen, und Se. Hoheit der Fürst Leopold war ein leidenschaftlicher Rosenzüchter. Dieser Liebhaberei konnte er während des Winteraufenthaltes in der Residenz nur durch die Pflege von Topfrosen frönen – das war zwar immerhin etwas, aber doch wenig genug. Hier in Monrepos dagegen durfte Hoheit im leichten Leinenröckchen und einen großen Panamapflanzerhut auf dem Haupt ungeniert unter seinen Lieblingen stehen, okulierend, schneidend, aufbindend und die Raupen hinwegputzend,glücklich in seiner Beschäftigung, ohne über die Launen des Schicksals zu philosophieren, das den einen zum Fürsten macht, der eher zum Gärtner getaugt hätte, und umgekehrt.
Gestern Abend erst war die fürstliche Familie auf Monrepos angelangt, und heut' früh schon stand der Herzog und begann seine Rosen in Ordnung zu bringen, die lange, hagere Gestalt im einfachsten Sommeranzug von rohem Leinenzeug, das faltige, glattrasierte Antlitz freundlich lächelnd, oder leise eine moderne Operettenmelodie pfeifend.
Auf der Terrasse vor dem Gartensalon, im kühlen Schatten saß die übrige herzogliche Familie, bestehend aus dem Erbprinzen und seinen Schwestern, denn die Herzogin war seit Jahren tot und hatte sterbend an ihren Platz, d. h. den der repräsentierenden, die Würde und Etikette des Hofes, ihres Haushaltes, aufrecht erhaltenden Hausfrau und Fürstin ihre älteste Tochter gestellt; »denn Höfe, denen der weibliche Zügel fehlt, geraten leicht auf abschüssige Bahn,« pflegte sie zu sagen. Aber sie that nicht nur das allein, sondern empfahl ihrer Tochter auch das Wohl ihrer Geschwister, das versöhnende, belebende, immer fester knüpfende Prinzip zu sein zwischen dem Herzog und seinen Kindern, zwischen dem Hof, dem Adel und dem Volke.
Wie die Tochter dies Vermächtnis erfüllt, wußte man allerorten zu rühmen. Sie war dem Vater die treueste Gefährtin und beste Ratgeberin, sie war den Geschwistern alles und ließ sie doch nichts anderes empfinden, als schwesterliche Liebe, sie vermittelte des Erbprinzen Wünsche und dämmte sie ein, wenn's nötig war, sie stand dem Hofe vor als Hausfrau, sie zog zu ihm heran, was bedeutend und gut war,sie stieg hinab in die Hütten der Armut und überzeugte sich selbst, wo Hilfe not that. Dafür liebte und verehrte man auch die Prinzessin Alexandra in allen Kreisen, und mancher Bewerber um die Hand der Fürstentochter, die so seltene Eigenschaften besaß, war schon erschienen, aber sie hatte keine derselben angenommen, denn sie meinte, damit hätte es Zeit, bis der Erbprinz vermählt und versorgt sei.
Heut' saß sie auf der schattigen Terrasse, das Skizzenbuch vor sich auf dem Tische, und zeichnete, denn sie verdiente wohl den Namen einer Künstlerin auf dem Felde der Malerei, der ihre ganze Neigung gehörte. Ihre imposante Gestalt umfloß weich eine lose, spitzenüberrieselte Morgenrobe von mattschimmernder, roher chinesischer Seide, ein kleines englisches Spitzenhäubchen verhüllte halb das dunkle Haar und kleidete den bedeutenden Kopf mit den regelmäßigen, ruhigen Zügen recht anmutig. Prinzeß Alexandra zählte jetzt siebenundzwanzig Jahre, sie stand mithin auf der Grenze reifer Jugend, in welcher andere Fürstentöchter längst vermählt sind oder sein sollten. Sie wußte das, aber sie wußte auch, daß ihr daheim ein Feld der Wirksamkeit beschieden war, das sie ausfüllte und nicht, ohne es zu schädigen, verlassen konnte – wenigstens so lange nicht, bis ihre anderen Geschwister versorgt waren, und nicht mehr ihrer oft benötigten Oberhoheit bedurften.
Ihr zunächst saß der Erbprinz, ein junger Mann von fünfundzwanzig Jahren, von hoher schlanker Gestalt mit feinem, länglichem, blassem Antlitz und leichtem Bärtchen auf der Oberlippe. Er hielt ein Buch in der Hand und strich von Zeit zu Zeit mit goldenem Crayon ganze Sätze darin an.
Ihm gegenüber saß Prinzeß Eleonore, gewöhnlich Lolo genannt, ein kleines, elfenhaftes Geschöpfchen von achtzehn Jahren, rosig wie ein halb erschlossenes Moosröschen mit farblosem Flachshaar und gefährlichen Vergißmeinnichtaugen, mit feinemretroussé-Näschen und winzigem, süßem, zum Lachen geschaffenem Mündchen, kurz, das verzogeneenfant gâtéedes Hofes und aller Welt. Sie schaukelte sanft ihre zierliche Gestalt im lichtblauen Negligé im Schaukelstuhl hin und her und balancierte ein lichtblaues Pantöffelchen mit roten Talons auf der vorgestreckten rechten Fußspitze, dem Spiel ihre ganze Aufmerksamkeit widmend.
Plötzlich beugte sie sich herab, ergriff den Pantoffel und warf ihn über den Tisch hinüber, direkt auf das Buch, in dem der Erbprinz las.
»Bei allen Rosen Papas, was seid ihr beide heut' langweilig,« rief sie dabei.
»Lolo!« fuhr der Erbprinz auf und schleuderte den Pantoffel vor die Füße seiner Schwester. »Was sind das wieder für unziemliche Späße!«
Die kleine Prinzeß verzog ein wenig das Mäulchen.
»Warum bist du auch so langweilig,« klagte sie, »warum mußten wir überhaupt hierher gehen, uns zu langweilen –«
»O, das ist nur auf deiner Seite, Kind,« sagte Prinzeß Alexandra ruhig. »Papa, Emil und ich, wir sind so glücklich hier in unserer Ruhe, unseren liebsten Beschäftigungen, in denen kein Zwang uns stört. Möchtest du dir nicht auch solch' eine Lieblingsbeschäftigung suchen, liebe Lolo?«
»Die sie haben möchte, findet sie nicht hier,« grollte Prinz Emil, nicht ohne Bezug.
»Nun?« Prinzeß Alexandra sah fragend auf.
»Mit aller Welt zu kokettieren,« ergänzte der Erbprinz.
»Emil!« sagte die älteste Schwester ernst und vorwurfsvoll, indes die Jüngste wie eine Rose erglühte und mit ihrem Pantoffel Ball zu spielen begann.
Der Prinz legte sein Buch auf den Tisch und kreuzte die Arme.
»Ich weiß, was ich sage,« rief er, »und ich will es auch verantworten, es hat mich oft genug empört, dieses ewige Blicke werfen, dies Lächeln und bezeichnende Fächerspiel.«
»Bist du fertig?« fragte die kleine Prinzeß spöttisch, als ihr Bruder schwieg.
»Mein Gott, Emil, wie meinst du das alles?« rief Prinzeß Alexandra beunruhigt.
»Ihr waret so sehr erstaunt, daß ich auf die Versetzung des Leutnants von Fels drang,« fuhr der Erbprinz heftiger fort, »wohl, es geschah, weil ich den armen jungen Menschen, der bis über die Ohren in Lolo verliebt war, vor schweren Enttäuschungen bewahren wollte. Sie, die Prinzessin von Nordland hätte ihm zeigenmüssen, daß seine Hoffnungen vermessen waren, aber statt dessen ermutigte sie ihn fortwährend. Das war schlecht von dir, und unwürdig deines Ranges!«
Prinzeß Lolo war jetzt etwas blässer geworden und schlug mit ihrem Pantoffel einen Marsch am Tischrande.
»Fels ist das reine Baby an Verstand,« sagte sie wegwerfend. »Er fahre hin!«
»Mit tief verwundetem Herzen,« grollte der Erbprinz.
»O, Unsinn,« rief Prinzeß Lolo leicht. »Die Männer trösten sich so schnell!«
»Dürfte ich fragen, von wannen diese achtzehnjährige Ansicht kommt?«
Aus den süßen Vergißmeinnichtaugen der Kleinen schoß jetzt ein scharfer Strahl, sie antwortete aber nicht.
»Lolo, wenn du wüßtest, wie sehr mich das betrübt,« sagte Prinzeß Alexandra leise, die Schwester mit traurigem Blicke messend.
»Um Gottes willen, keine Lektion! Das fehlte noch in diesem weltvergessenen Winkel,« rief Prinzeß Lolo, indem sie aufsprang und sich beide Ohren zuhielt. »Ich möchte wissen, wie eseuchgefallen würde, dieses ewige Hofmeistern! Glaubt ihr, daß es mir Spaß macht? Die Ehre, eine Prinzessin von Nordland zu sein, ist sehr langweilig, soviel weiß ich, und ich werde mich nächstens dafür bedanken!«
Mit diesen Worten streifte sie ihren Pantoffel auf den Fuß und sprang die Treppen der Terrasse hinab, dem Rosenrondel zu, an dem der Herzog schaffte.
»Sie ist meinem Einfluß entwachsen,« sagte Alexandra traurig. »Ich habe sie gehütet und gepflegt und die bösen Triebe zu entfernen gesucht, wie Papa es mit seinen Rosen thut! Sie war ja immer eigenwillig, aber sie fügte sich doch – das aber war offene Rebellion!«
»Und in zwei Jahren ist ihre Ausbildung zur Erzkoketten vollendet,« rief der Erbprinz.
»Emil, du bist zu hart,« sagte die Prinzeß mit leisem Vorwurf. »Bedenke, sie ist unsere Schwester, und noch so jung – ein Kind!«
»Eben dafür sind ihre geselligen Anfänge aller Ehren wert. Bedenke nur, liebe Sascha, sie hat im vergangenen Winter ihr erstes Auftreten in der Welt gemacht; sie hat, was bei ihrem Liebreiz und ihrerbeauté du diablesehr natürlich ist, enorm gefallen, sie hat Epoche gemacht an unserem Hofe, und alles verwöhnt sie. Dieses süße Gift hat seine Wirkung auf sie nicht verfehlt, sie weiß sich angebetet, sie fühlt sich souverän und frei von unserem Einfluß, und ihre bessere Einsicht muß zurücktreten.«
»Wie aber kann da geholfen werden?« rief Prinzeß Alexandra bekümmert.
»Man muß Lolo vermählen – ich sehe kein anderes Mittel! Einem Manne vermählen, der es versteht, sie zu leiten und ihren Eitelkeitsrausch zu dämpfen. Natürlich bleibt bei allen Chancen noch die Furcht, daß ihre Ehe eine unglückliche ist. Sie müßte denn ihren Gemahl wahrhaft lieben!«
»Lieben!« wiederholte die Prinzeß, »ach, dann sind unsere Aussichten traurig, denn wo finden wir armen Fürstentöchter Liebe bei uns Ebenbürtigen. Die Liebe führt bei uns den modernen Namen Konvenienz.«
»Dann ist es unsere Pflicht, Lolo so zu lieben, daß ihr gestattet sein muß, sich dem Manne ihrer Wahl zu vermählen,« sagte der Erbprinz fein, und dabei leuchtete es in seinem Antlitz gar freundlich auf.
»Eine Mesalliance?« Prinzeß Alexandra war etwas blaß geworden. »Emil, du weißt, wie sehr ich dagegen bin, nicht aus Hochmut oder Vorurteil, sondern weil es nicht gut thut, wenn Menschen aus dem Stande, in dem sie geboren und erzogen wurden, heraustreten. Die Prinzipien,in denen sie aufgewachsen, lassen sich nicht ausreißen, wie man eine Pflanze dem Erdreich entreißt, sie brechen früher oder später doch da durch, wo sie eine tiefe, mitunter unüberbrückbare Kluft reißen.«
»Sehr richtig, liebe Schwester, für den Fall, daß ein Fürstenkind in kleinbürgerliche Verhältnisse gerät. Aber Lolo könnte ja einen Edelmann wählen!«
»O, Emil, laß mich das alles erst überdenken! Wenn du wüßtest, in welches Dilemma ich hier geraten bin – und wer kann mir sagen, wie ich recht handle als Schwester an Mutterstatt! Ich baue noch auf Lolos Jugend – ihr Charakter ist noch ungeformt –«
»Aber ungeformt ist der weiche Stoff schon erhärtet von dem süßen Gift der Bewunderung! Das hat einen festen Panzer gelegt um das junge Herz, an dem gleiten unsere Bemühungen ab, besonders, da Lolo eine wirklich gefährliche Anlage hat, eine Kokette zu werden. Und ich muß gestehen, ich fürchte für sie, wenn unsere diesjährigen Sommergäste kommen und sie in dieser Zurückgezogenheit keine andere Gelegenheit hat, ihren Zauber wirken zu lassen!«
»Es kommen Baron Falkner und Herr Keppler« – sagte die Prinzeß nachdenkend.
»O,« meinte der Prinz, »was Falkner betrifft, so ist er nicht der Mann, sich davon fangen zu lassen, in dieser Beziehung können wir ruhig sein. Aber Keppler ist ein interessanter Mensch in den besten Jahren, empfänglich für alles Schöne, besonders, wenn er berufen ist, dieses Schöne zu malen. Wir müssen eben acht geben, um im nötigen Moment einzugreifen!«
Hier wurden die Geschwister unterbrochen, denn der Kammerdiener des Herzogs brachte auf einer silbernen Platte die eingelaufenen Briefe und Zeitungen, und der alte Herr nahte sich deshalb der Terrasse, am Arm seine jüngste Tochter, die ihm vorplauderte und vorlachte, daß das faltige Antlitz dieses Souveränsen miniaturezu strahlen begann.
»Gott sei Dank, daß wir wieder auf dem Lande sind,« rief er vergnügt, indem er die Briefe zu sortieren begann.
»Ich finde es in der Stadt amüsanter,« sagte die kleine Prinzeß seufzend.
»Warum nicht gar,« ereiferte sich der Herzog, »du sprichst, wie ein Blinder von der Farbe, Lolo! Ich möchte wissen, was hübscher ist, Monrepos oder das große Residenzschloß, in dem ein paar Regimenter Platz zum Wohnen hätten, he? Ich liebe Monrepos jedes Jahr mehr und sehe schon den Moment kommen, wenn ich es ganz bewohnen und die Regierung niederlegen werde –«
»Um Gottes willen, Papa –!« rief der Erbprinz erschrocken, aber Prinzeß Alexandra lächelte.
»O, es ist nicht so ernst gemeint,« sagte sie, indes Prinzeß Lolo mit weit vor Erstaunen offnen Augen dastand.
»So, woher will das meine Hausfrau so genau wissen?« meinte der Herzog freundlich. »Kinder, ich sage euch, die Natur hat sich geirrt, indem sie mich zum Herrscher machte – ich bin Landwirt, das heißt Gärtner mit Leib und Seele! Aber Scherz beiseite, Emil, du mußt anfangen, dich mehr mit Regierungsgeschäften vertraut zu machen – es ist mein Wille, mein Wunsch!«
Der Erbprinz verbeugte sich.
»Wie Eure Hoheit befehlen!«
»Nun, nun,« meinte der Herzog, seinen Sohn auf die Schulter klopfend, »ich spreche nicht als Herzog, sondern als Vater, und ich will nicht, daß du im geeigneten Momente als Ignorant auftrittst, sondern selbständig zu handeln weißt mit Würde und Takt, denn wir Fürsten kleiner Staaten haben heutzutage einen schwierigen Stand, und du sollst die Souveränität unseres Hauses so lange als möglich bewahren.«
»Hoffentlich bist du noch recht lange dazu berufen, lieber Vater,« entgegnete Prinz Emil herzlich, aber der alte Herr zuckte mit den Achseln.
»Chi lo sa!« meinte er. »Ich verspüre längst Abdikationsgelüste, und je schöner die Sonne scheint, und je schöner die Rosen blühen, desto lieber vertauschte ich die Krone mit einem Gärtnerhute. Sieh' nicht so perplex aus, Emil, einmal mußt du doch dran!«
»Cela s'arrangera plus tard!« rief Prinzeß Alexandra, ihre Überraschung mit den sich daran knüpfenden Sorgen unter einem heitern Ton verbergend, denn so bestimmt hatte der Herzog noch nie dieses Thema verfolgt. »Einstweilen wollen wir hier recht vergnügt sein und uns der schönen, freien Sommertage freuen!«
»Ich wollte, sie wären vergangen,« trällerte Prinzeß Lolo.
Jetzt sah der Herzog ernst auf.
»Wenn dir der Aufenthalt hier unangenehm ist, so will ich dich zu meiner Schwester, der Fürstin Äbtissin ins Stift schicken,« sagte er, »da hast du fünfzig Stiftsdamen zur Unterhaltung!«
Die kleine Prinzeß wurde ganz blaß vor Schreck.
»Um des Himmels willen, Papa, das wäre entsetzlich,« rief sie halb weinend. »Die ernste, alte Tante und die uralten Damen alle! – Nein, nein, da wäre es schöner, allein in der Lüneburger Haide zu wohnen –!«
»Du hast die Wahl zwischen Monrepos und dem Stift,« entgegnete der Herzog trocken.
»Ich wähle Monrepos,« rief das Prinzeßchen, wieder lachend, »es lebe Monrepos! Ach, Sascha, ich beneide dich nicht um die glänzende Aussicht, Äbtissin zu Tannenburg zu werden!«
»Und wenn Sascha sich vermählt, und du nicht, so wirst du's,« warf der Erbprinz ein, aber Lolo schüttelte indigniert das blonde Köpfchen.
»Ich mich nicht vermählen! Daran ist doch gar nicht zu denken,« meinte sie.
»Es ist nur gut, daß du deiner Sache so sicher bist,« erwiderte der Erbprinz sarkastisch.
»Ich weiß nicht, was du gegen Monrepos hast,« nahm der Herzog das vorige Thema wieder auf. »Daß es einsam ist, macht es mir und Sascha und Emil gerade wert! Warum suchst du keine Beschäftigung, wie wir? Du hast so viel Anlage für Musik, aber wenn du ein paar Bravourstücke auf dem Flügel heruntergerast hast, bist du schon fertig. Warum machst du dich nicht mit den klassischen Meistern vertraut?« Prinzeß Lolo verzog das Mäulchen.
»Ah, die sind so langweilig, Papa!«
»Kind, dumußtversuchen, weniger oberflächlich zu sein,« sagte der Herzog ernst. »Studiere und übe die Musik, sie wird dir in allen Lebenslagen die treueste Freundin sein undbleiben. Denke, wie öde und einsam dein Leben mitten im Strudel der Geselligkeit sein würde, hättest du nichts, was deine stillen Stunden verschönte!«
»Ja, aber ich kann doch nicht den ganzen Tag üben, Papa!« rief Prinzeß Lolo weinerlich wie ein Kind.
»Nein, das sollst du auch nicht, du magst dann spazieren gehen – apropos, Sascha, möchten wir nicht bei der Baronin Falkner anfragen wegen der Benutzung des Parkes? Die Erlaubnis des verstorbenen Besitzers können wir doch nicht stillschweigend weiter in Kraft lassen!«
»Nein, Papa, ich werde es arrangieren!« entgegnete Prinzeß Alexandra. »Aber ich denke, wir unterlassen es vorläufig noch, in Verkehr mit der Baronin zu treten, bis wir wissen, ob derselbe für uns paßt!«
»Hm, wird sich wohl, da Falkner uns besucht und seine Mutter im Falkenhof wohnt, kaum vermeiden lassen,« meinte der Herzog.
»Vielleicht ist die neue Schloßherrin selbst so taktvoll, auf diesen Verkehr zu renoncieren,« rief Lolo altklug.
»Jedenfalls muß ja eine Aufforderung dazu von uns ausgehen,« entschied Alexandra, »Falkner ist vernünftig und wird es uns nicht verübeln, wenn wir ihm vertraulich sagen, was uns vom Falkenhof scheidet, das heißt von seiner jetzigen Herrin.«
»Nun gut,« warf der Erbprinz ein, »dann aber müssen wir nicht um die Erlaubnis bitten, in ihrem Park spazieren gehen zu dürfen. Eins oder das andere, Sascha!«
»Emil hat recht,« sagte der Herzog, »es wäre taktlos, die Besitzerin zu ignorieren, wenn wir ihren Park benutzen wollen. Stehen wir also davon ab!«
»Wie schade,« rief Lolo schmollend. »Monrepos ist nichts ohne den Falkenhofer Park!«
»Es wäre freilich schade, wenn er uns verschlossen bliebe,« meinte der Erbprinz, »aber ich denke, es ließe sich trefflich arrangieren, wenn z. B. Sascha eines ihrer kleinen netten Briefchen an die Baronin schriebe, sie aufforderte uns zu besuchen etc. etc. –«
»Wo denkst du hin, Emil,« rief die kleine Prinzeß entsetzt, »eine Komödiantin – –«
»Die Baronin Falkner ist eine große Künstlerin,« erwiderte der Erbprinz sehr ruhig, »der Unterschied zwischen dir und ihr ist der, daßsiePrinzessinnen mit hoher Würde spielt, während du dir für die glatten Bretter des Hofparketts, die ja auch die Welt bedeuten, die Rolle des naiven Backfisches gewählt hast.«
»Das ist bei uns so Sitte,Chacun à son goût,«
»Das ist bei uns so Sitte,Chacun à son goût,«
»Das ist bei uns so Sitte,Chacun à son goût,«
»Das ist bei uns so Sitte,
Chacun à son goût,«
trällerte Prinzeß Lolo und warf ihrem Bruder eine Hand voll Blumen ins Gesicht.
»Deine Beweise sind sehr – treffend,« sagte er schneidend. »Ich glaube nun auch, daß du auf musikalischem Gebiet mit Baronin Falkner keine Rivalität zu fürchten brauchst, denn sie singt die leichtgeschürzten Weisen der ›Fledermaus‹ nicht!«
Jetzt hielt sich der Herzog beide Ohren zu.
»Kinder, sagt euch keine Sottisen,« rief er kläglich, »das fehlte mir noch – ich will Ruhe haben.« Er raffte seine Briefe zusammen und steckte sie in seine Rocktasche. »Macht was ihr wollt, in betreff des Parkes – das Passendstewäre, wenn Emil der Baronin einen Besuch machte, in meinem und unserer aller Namen, und zwar ehe Falkner kommt. Das wäre eine Höflichkeit gegen unseren Gast und zugleich die, welche wir unseren Nachbarn schuldig sind. Das ist meine Ansicht, aber wie gesagt, macht was ihr wollt, Kinder!«
Mit diesen Worten entfernte sich Se. Hoheit schleunigst.
Auf Prinzeß Alexandras Bitten verzögerte aber der Erbprinz noch den vorgeschlagenen Besuch – sie wünschte erst eine persönliche Zusammenkunft am dritten Orte mit der Herrin des Falkenhofes, und dieser Wunsch wurde schließlich respektiert.
Noch am selben Vormittage stellten sich der Graf und die Gräfin Schinga zum schuldigen Besuch ihrer hohen Nachbarn auf Monrepos ein – man sprach die Falkenhofer Angelegenheit noch einmal durch und hielt Arnsdorf für eine erste Begegnung für den passendsten Ort, sobald die Baronin Falkner daselbst ihren Besuch gemacht.
Wenige Tage später kamen Richard Keppler und Alfred Falkner in Monrepos an – sie sollten neben der Hofdame Fräulein von Drusen und dem Kammerherrn Baron Desing die einzigen fremden Elemente in dem zwanglosen Landaufenthalte der herzoglichen Familie sein, und auch dies nur zum Teil, da der Legationsrat als specieller Freund des Erbprinzen auch dem intimen Freundeskreise der Familie angehörte, und seine trefflichen Eigenschaften, wie sein hoher Verstand besonders von Prinzeß Alexandra geschätzt wurden und diese Schätzung auf Gegenseitigkeit beruhte.
Falkner sah die Prinzessin Eleonore zum erstenmal seit ihrer Einführung in die Welt – selten nur war ihm imkleinen Kreise bei ihrer ältesten Schwester die »Kleine« begegnet, und er hatte ihrer nicht sonderlich geachtet. Jetzt trat ihm ihre Elfenerscheinung doppelt überraschend entgegen, und er sagte sich, daß ihm früher eine solche junge, rosige Mädchenblüte hätte gefährlich werden können, denn »früher« war eine solche, gerade in dem Genre der kleinen Prinzessin, sein Ideal gewesen.
Aber wie er das bedachte, mußte er lächeln und dann sich selbst zürnen – denn dieses »früher« war nur wenig Monde alt, und er hatte nie gedacht, daß ein bleicher, edler Kopf mit rotem Haar ihm gefährlich werden könnte. Und nun gar gefährlich! Hatte er diese Gefahr nicht zurückgewiesen, wollte er ihr jetzt nicht dreist unter die Augen treten? Er hätte im Zorn gegen sich selbst und sein rebellisch Herz wüten können, denn wo blieben seine Prinzipien, wenn er diesem Herzen nachgab?
In diesem Kampfe bemühte er sich, Prinzeß Lolo so reizend zu finden als irgend möglich und in ihrer Erscheinung alles das zu sehen, was ihm sonst Ideal gewesen, und das hätte ihm ja so schön gelingen können, wenn nicht die berauschende Erscheinung der Satanella immer und immer zwischen sein geistiges Auge und andere Frauengestalten getreten wäre.
Als er sich am Tage nach seiner Ankunft auf Monrepos nach dem Falkenhofe zu gehen anschickte, um daselbst seine Mutter zu begrüßen, stand der Entschluß in ihm fest, eine Begegnung mit Dolores, selbst auf Kosten der Höflichkeit zu vermeiden. Bereits an der Grenzscheide der Nachbargüter stehend, holte ihn Keppler ein.
»Sie gehen nach dem Falkenhofe?«
»Ja.«
»Dann gestatten Sir mir, mich Ihnen anschließen zu dürfen – ich will der Baronin Dolores meinen Besuch machen.«
»Bitte!« – Falkner sagte es sehr kurz und unangenehm berührt – die Scene im Atelier damals fiel ihm ein, und ein sonderbares Gefühl beherrschte wieder sein Empfinden – die Eifersucht. Er wußte, daß er dazu kein Recht und vielleicht auch keine Berechtigung hatte, aber wer kann für sein Empfinden?
»Erwartet die Herrin vom Falkenhof Ihren Besuch?« fragte er.
Keppler schüttelte mit dem Kopfe.
»Sie weiß wahrscheinlich nicht einmal, daß ich ihr so nahe bin,« sagte er, »und ich weiß nicht, ob ich ihr willkommen sein werde. Doch gleichviel –«
Er brach kurz ab, und der scharfe Blick Falkners sah es seltsam arbeiten in des Malers markigen Zügen.
Und er hatte diesen Mann einst auf den Knieen vor dem rothaarigen Mädchen drüben liegen sehen – und das Blut stieg ihm zu Kopfe in dem Gedanken daran.
Schweigend schritten sie dahin durch den schattigen Park, der, kühl, selbst in der Mittagsstunde einen wonnigen Aufenthalt gewährte, bis sie an einen freien Plan gelangten, auf dessen smaragdgrüner Rasenfläche die Sommersonne lagerte und in den Zweigen der Blutbuchen, Linden, Eschen, Ulmen und Föhren spielte.
»Wie herrlich schön,« rief Keppler aus. »Ich sah niemals einen wonnigeren Park, in dem Kunst und Natur sich so wunderbar verschmelzen, daß man die erstere kaum gewahr wird, außer in wohlthuender Weise.«
»Ja, der Falkenhof ist ein herrlicher Besitz,« sagte Falkner warm.
»Er scheint mir ein kleines Königreich,« rief Keppler, »ein Königreich, dessen Eichenkrone wie geschaffen ist für die weiße Stirn der Donna Dolores.«
»O ja, ich weiß – Sie schwärmten stets für diese Dame,« entgegnete Falkner, nur um etwas zu sagen.
»Schiene die Sonne für sie allein und ließe alle anderen im Dunkel – ich fände es nur natürlich,« sagte der Maler leise, wie für sich.
»Es ist ein Glück, daß solche Wünsche nicht in Erfüllung gehen können,« meinte Falkner spöttisch. »Sie treiben ja den reinsten Kultus mit Ihrem Ideale, lieber Keppler.«
»Verschmälern Sie mir denselben nicht,« bat der Künstler einfach. »Es ist ja das einzige, was mir von dem Hoffnungstraume geblieben, den ich dereinst geträumt.«
»Ah – Sie wurden verschmäht –!« fuhr es schnell über Falkners Lippen. »Verzeihen Sie,« fügte er sogleich hinzu, »ich wollte nicht indiskret sein.«
»Ich weiß es,« erwiderte Keppler, »es bedurfte nicht Ihrer Versicherung, und am Ende thut es ja doch gut, einmal davon sprechen zu können. Nein, verschmäht bin ich und meine Hand nicht worden, nur nicht angenommen. Lächeln Sie nicht über den Narren, der sich ein milderes Wort für eine herbe Thatsache sucht, Falkner, und die bitterePille vergoldet. Nein, das freie offene Geständnis, daß ihr Herz noch nicht gesprochen, daß sie es ungefragt nicht verschenken könne – das nennt man nicht verschmähen –denStachel hab' ich nie gefühlt.«
»Aber sie wußte von dem reichen Erbe, sie kannte ihren wahren, hochgeborenen Namen, mit dem sie Höheres erreichen konnte, als die Frau eines Künstlers zu werden,« sagte Falkner, und er haßte sich selbst für diese Worte.
Jetzt hemmte Keppler seinen Schritt.
»Niederes Denken und Gewinnsucht sind Dinge, die der Donna Dolores nie nahe getreten sind,« sagte er fest und mit solcher Überzeugung, daß Falkner ihm dankbar war für das gute Wort und doch zornig, daß er es nicht sprechen konnte.
»Ich werde es nie dulden,« fuhr Keppler fort, »daß der geringste Flecken dem Namen der Donna Dolores angeheftet wird, sei es, wer immer es sei, der es thun will!«
»Sie haben recht,« erwiderte Falkner sinnend. »Man muß stets sein Ideal verteidigen und so hoch stellen, daß kein Staubwirbel von der allgemeinen Landstraße des Lebens es erreichen und besudeln kann. Wer das nicht thut, verdient kein Ideal zu haben, und sein Leben wird öde und leer sein.«
Keppler warf einen raschen Blick auf seinen Nachbarn – der schritt neben ihm her mit gesenktem Kopf, und durch seine Worte zitterte ein Ton, für den er selbst vielleicht keinen Namen gehabt hätte.
Schweigend gingen sie weiter, und als sie in die Lindenallee einbogen, die direkt bis vor das Nordportal des Falkenhofes führte, standen sie plötzlich einer hohen schwarzgekleidetenGestalt gegenüber, die ihr goldrotes Haar wie eine Königskrone über der weißen Stirn trug – Dolores.
Sie stieß einen kleinen Schrei der Überraschung aus, und dabei flog es rosenrot über ihre Wangen – sie war wunderschön so, übergossen vom Sonnenlicht, schöner fast, als in dem dämonischen Kostüm der Satanella auf dem Scheiterhaufen.
»O Keppler, lieber Freund, sind Sie es wirklich? Wie ich mich freue, Sie zu sehen!« rief sie herzlich und reichte ihm beide Hände – ein kaum merkliches Neigen des Hauptes grüßte dabei den Mann an des Malers Seite.
»Sie kommen gewiß, Ihre Mutter zu besuchen, Baron Falkner,« sagte sie mit ganz anderem Tonfall als vorher. »Ich kann Ihnen zufällig sagen, daß sie im Zelte sitzt.«
»Ich danke!«
Meilenweite Entfernungen wünschte er in diesem Augenblick zwischen sich und sie legen zu können – unüberbrückbare Klüfte, reißende Ströme, und doch mußte er neben ihr die ganze lange Allee herschreiten, denn das »Zelt« lag schnurgerade vor ihm am Ende der Allee und abzubiegen und einen Umweg zu machen, wäre lächerlich gewesen, und sein Stolz erlaubte es nicht.
»Und nun sagen Sie mir, Freund Keppler, von wannen der Wind kam, der Sie hierher geführt,« fuhr Dolores heiter fort. Und Keppler erzählte, wo er sei und zu welchem Zwecke.
Als aber Falkner urplötzlich, eine leichte Verbeugung machend, schnellen Schrittes dem Zelte zueilte und Dolores sofort umdrehte, rief er:
»Mein Gott, was ist zwischen ihm und Ihnen geschehen, Donna Dolores? Ist – ist es diese Erbschaft?«
»Ja,« nickte sie, und dabei legte sich ein schmerzlicher Zug um ihren Mund. »Doch lassen wir das! – für graue Gespenster lacht die Sonne zu schön herab – nein, fragen Sie mich nicht, ich tauge nicht zur Klatschbase,« setzte sie scherzend hinzu. »Ich habe dafür gar kein Talent.«
»Dafür aber desto mehr, eine Einsiedlerin zu werden,« meinte Keppler, auf ihre Wendung des Gespräches eingehend.
»O,« rief sie, »ich fange an, selbst daran zu glauben! Es ist so wonnig, die schönen Tage allein mit seinen Gedanken dahinzuträumen und zuzuhören, wie die Bäume rauschen und was sich der Wald erzählt. Und Neigung zum Alleinsein habe ich immer gehabt!«
»Das wäre aber traurig für Ihre Kunst,« warf Keppler ein.
»Ich lasse sie nicht rosten,« sagte Dolores lebhaft, »nein, o nein, wie könnte ich auch – ich habe sie ja so lieb, meine Kunst! Nur öffentlich kann und mag ich sie jetzt nicht üben, das stimmt so schlecht zu dem schwarzen Kleid, und sie wissen, lieber Freund, ich hasse alle Mißklänge. Es giebt Dinge, die man eben nicht zu einer Harmonie vereinen kann.«
»Davon könnte ich ein Lied singen,« meinte der Maler leise, fügte aber schnell hinzu: »Und wenn Sie das Trauergewand abgelegt haben werden –?«
»Dann ist der Sommer dahin, und alles, alles verblüht,« sagte Dolores traurig.
»Nur Ihr Lorbeer nicht,« mahnte der Künstler.
»Wer weiß,« sprach sie abgewandt, »ich las einmal, daß jedes Menschen Kranz verblüht, sei er von Rosen, Myrte, Lorbeer oder Dornen gewunden. Und da war's mir, alshöre ich das Rascheln der dürren Lorbeerblätter, die so schnell welken mußten, weil ihr Spender sie auf Draht geflochten –«
Sie schwieg, kurz abbrechend, und Keppler schüttelte das Haupt.
»Es ist eine sehr, sehr kurze Zeit, die Sie zur Pessimistin gemacht,« sagte er traurig. »Gott verhüte, daß dies schwarze Trauerkleid zum Bahrtuch für Ihre Kunst geworden wäre!«
»Nein, o nein,« rief Dolores, »meine Kunst kann nicht sterben, sie überlebt ja alle ihre Jünger, auch die besten, die auserwähltesten –«
»Und gehören Sie nicht zu diesen? Wer hat Sie an sich selbst zweifeln gelehrt?«
»Ich zweifle nicht an meinem Können, denn ich bin mir dessen bewußt,« rief Dolores, und ein Strahl echten, rechten Künstlerstolzes flammte in ihren dunklen Augen auf. »Aber,« setzte sie leise, ganz leise hinzu, »aber ich zweifle an meiner Kraft!«
»Warum?« Und die helle Angst leuchtete bei dieser Frage aus Kepplers Augen. »So müssen Sie nicht reden, Donna Dolores. Sie sind zuviel allein – bei Gott, das ist's nur, was aus Ihnen spricht! Ihre Kraft? Die Kunst hat Sie auf siegreichen Schwingen hinaufgetragen zur sonnigen Höhe des Ruhmes –«
»Und als Ikaros der Sonne zu nahe kam, versengte sie seine Flügel, und er sank herab ins Meer – des Vergessens,« schloß Dolores seufzend.
Keppler schüttelte den Kopf.
»Nein, so darf es nicht mit Ihnen bleiben,« rief er, »Sie dürfen nicht in der Einsamkeit verderben! Laden Sie Gäste zu sich ins Haus, mit denen Sie musizieren und eine gute Unterhaltung führen können –«
»Ich hab's versucht, Professor Balthasar hierher zu locken, aber er kann erst später kommen, im Herbste –«
»So suchen Sie Ihre Nachbarschaft auf!«
»Ich gelobe, morgen bei Gräfin Schinga Besuch zu machen,« rief Dolores jetzt lachend, »ich fürchte nur, daß die Nahrung, die mein Geist da empfangen wird, für meinen schwachen Verstand zu schwer ist.«
»Nun, und Monrepos?« fragte Keppler gespannt.
»Monrepos,« wiederholte sie. »O, das ist ein Hof, und zu Hofe muß man befohlen werden.«
So gingen sie plaudernd auf und nieder, bis nach nicht zu langer Zeit Falkner die Allee wieder heraufkam, denn er mußte sie, um nach Monrepos zu gelangen, wieder passieren.
Er hatte die Stirne in Falten gezogen und sah finster genug darein, denn sein Wunsch, seine Mutter möchte den Falkenhof verlassen, war auf den hartnäckigsten und entschiedensten Widerstand bei seinem Stiefvater gestoßen.
»Es liegt ganz und gar nicht in meiner Absicht, die wiederholten, freundlichen Einladungen unserer lieben Dolores abzulehnen und sie damit zu kränken,« hatte Doktor Ruß gesagt. »Sie hat nichts gethan, was uns kränken könnte, im Gegenteil; und daß sie den Falkenhof geerbt, dafür kann sie nichts – sie hat ja auch ihr Bestes gethan, ihn abzutreten. Aber an dem Eisenkopf deines Sohnes, teure Adelheid, scheitern ja alle Fahrzeuge der besseren Einsicht!«
»Nun, es findet sich vielleicht noch eine andere Lösung dieses Konfliktes,« hatte Frau Ruß mit Beziehung geantwortet und dabei sehr schnell gestrickt.
»Wohlan denn, thut, wie es euch beliebt – ich betrete den Falkenhof freiwillig nicht wieder,« hatte Alfred erwidert, und finsteren Blickes war er davon geeilt.
Daß er ihr noch einmal nach der heute erfahrenen Abweisung begegnen mußte, war ihm entsetzlich fatal, und der Grimm, der in seiner Brust wohnte gegen das unbegreifliche Gebaren seines Stiefvaters, gegen Keppler und – sich selbst, machte, daß er die Hände ballte und die Zähne zusammenbiß, als er die wunderschöne Gestalt im schwarzen Kleide wieder vor sich sah.
»Was hat sie davon, meine Mutter und deren Mann hier zu fesseln?« fragte er sich, denn er wußte ja nicht, daß Dolores die Einladung der ersten Stunde ihres Seins im Falkenhofe ganz und gar nicht wiederholt hatte. »Was bezweckt sie damit? Mich zu demütigen und zu ärgern? Wie kann meine Mutter Wohlthaten aus diesen Händen annehmen!«
Raschen Schrittes eilte er vorwärts und stand nun, leicht den Hut lüftend, vor Dolores.
»Ich habe eben zu meinem großen Befremden gehört, Baronin,« sagte er eisig kalt, »daß meine Mutter und mein Stiefvater infolge Ihrer wiederholten Einladungen auf dem Falkenhof zu bleiben gedenken. Es ist mir dies, selbstredend, sehr fatal, und kann nur durch Einrichtung einer eigenen Menage für die Betreffenden, oder aber eine entsprechende Entschädigung –«
Dolores war sehr blaß geworden und streckte jetzt gebieterisch die Hand aus, fernere Worte abzuschneiden.
»Nicht weiter, Baron Falkner,« sagte sie, und ihre Augen sprühten Flammen. »Der Falkenhof wird nicht vermietet – niemals, so lange ich hier bin, sei es, unter welcher Form es immer sei. Wollen Ihre Eltern meine Gäste sein, so werd' ich sie stets als solche ehren – aneinemTisch mit mir – oder gar nicht.«
Damit wandte sie sich ab und schritt die Allee herunter, scheinbar unbewegt, aber in ihrem Innern wogte es auf und nieder in Schmerz, Empörung und Pein.
Und ein stiller Zorn stieg auch in Keppler auf gegen den Mann, der stumm und blaß neben ihm herschritt, denn er hattesiegekränkt, und er, der Maler, hatte nicht einmal das Recht, hier für sie einzutreten, wo sie selbst für sich gesprochen hatte.
Und Falkner? Er hatte sich von seinem heißen Blut hinreißen lassen, und ihre Antwort hatte ihn nicht gekränkt, denn eine wilde Freude in seiner Brust sagte ihm, daß sie ja anders nicht hatte antworten dürfen, daß er sie um einer anderen Antwort willen hätte verachten müssen und doch, und doch – erwolltesie hassen um jeden Preis, hätte er sie nur auch verachten gekonnt!
Am selben Tage noch sprach ihm Prinzeß Alexandra höchst taktvoll von der Parkangelegenheit, und berührte leicht den delikaten Punkt des Verkehrs mit seiner Cousine.
»Hoheit verzeihen,« erwiderte Falkner kühl und bestimmt, »wenn ich in dieser Affaire keine Dienste leisten kann. Ich stehe in absolut keinem Konnex mit der Baronin, meiner –nun ja, meiner Cousine, und glaube auch, daß sich dies alles weit besser durch Fremde arrangieren läßt.«
***
Am folgenden Tage um die Stunde, wo man in großen Städten Visiten zu machen pflegt, also gegen fünf Uhr nachmittags, bestieg Dolores ihren leichten, eleganten Brougham und gab dem Kutscher die Order, nach Arnsdorf zu fahren.
Leicht und leise rollte der Wagen über den gelben Kiesweg hinaus zum Thore und die staubige Chaussee entlang nach der äußersten Spitze des Triangels zu, den die drei Nachbargüter bildeten. Es war ein wunderschöner Tag, aber fast zu heiß für die schattenlose Chaussee, welche zwar mit Kirschbäumen rechts und links besetzt war, die aber für den Komfort der Fahrenden nichts thaten, sondern nur Scharen von Sperlingen anlockten, welche unter großem Geschrei kamen, um nachzusehen, ob die Kirschen noch nicht reif seien.
Der Wagen rollte endlich zum großen Staunen der barfüßigen, flachsköpfigen Jugend in das Dorf und bog in den Hof des Dominiums ein, in welchem Enten und Gänse einherwatschelten, ein altes Pony einen grünen Fleck abgraste und mehrere Schweine und Ferkel sich in einer Pfütze inmitten des Hofes wälzten.
Beim Vorfahren der Equipage vor die Hausthür geriet ein auf der Schwelle träumender Truthahn in eine blinde Wut und suchte die Pferde zu attackieren, ein Pfau schrie infolgedessen laut auf, ein Hofhund kam laut bellend angerannt, die Gänse schnatterten und schrieen, das Pony wieherte, die Schweine grunzten – kurz, es entstand ein Höllenkonzert. Infolgedessen erschien ein neugieriger Kopf an einem der erblindeten,vielleicht seit Jahren nicht geputzten Fenster, und bald darauf trat der Inhaber dieses Kopfes, ein Mensch in schäbiger Livree, heraus und kam an den Wagen.
Da man in dem Spektakel sein eigenes Wort nicht verstehen konnte, so reichte Dolores einfach ihre Karte aus dem Wagen heraus, dessen Schlag ihr eigener Diener inzwischen geöffnet hatte. Der schäbige Lakai prüfte erst den Namen auf der ihm gereichten Karte, dann verschwand er in dem Hause. Indes der Hofhund fortfuhr betäubend zu bellen, der Kutscher Not hatte, die Pferde in Ruhe zu halten und die Gänse und Enten neugierig den Wagen umstanden, hatte Dolores Muße, das sogenannte Schloß zu betrachten – ein entsetzlich verwahrlost aussehendes Gebäude aus dem Anfang dieses Jahrhunderts – steif und schmucklos, von dessen Mauern der Mörtel stellenweise abgefallen war, auf dessen Dach die abgefallenen Fachwerke mitunter das Sparrenwerk sehen ließen.
Doch kaum hatte Dolores diese letztere Bemerkung gemacht, als schwere Tritte eine Holztreppe herabdröhnten und Graf Schinga selbst seinem Gast entgegeneilte, aber an Stelle einer Begrüßung erst mit einem donnernden: »Will er sich wohl kuschen!« auf den Hund losfuhr. Nachdem diese Einleitung ihre Wirkung gethan, half er Dolores aus dem Wagen und reichte ihr den Arm.
»Furchtbar nett von Ihnen, Baronin, uns aufzusuchen,« rief er ihr zu. »Meine Frau freut sich sehr, Sie zu sehen – führe Sie gleich zu ihr. Müssen aber entschuldigen, ist noch im Negligé wegen der Hitze. Na, wenn man auf dem Lande ist, schad't das wohl nichts, was?«
Dolores versicherte, es schade wirklich nichts, sie käme ja wegen der Gräfin und nicht wegen deren Kleider.
»Hahaha!« lachte Schinga wiehernd los, »gut geantwortet! Passen ganz zu uns, liebe Baronin! Schönes Wetter, was?«
Endlich waren sie die steile Treppe emporgeklommen, und Schinga öffnete eine Thüre.
»Die Baronin Falkner, liebe Bronislava!« rief er durch die Spalte.
»Elle est bienvenue,« antwortete eine Stimme drinnen. Schinga stieß die Thür auf und führte Dolores in ein dermaßen verdunkeltes Gemach, daß diese anfangs nichts sah, zudem schwebte ein fast undurchdringlicher Dampf von türkischem Tabak in der Luft.
Aus dieser Dämmerung löste sich jetzt eine kolossale weibliche Gestalt in hängenden, weißen Gewändern, von der Dolores möglichst viel zu erkennen trachtete, da sie in ihr die Gräfin Schinga vermutete. Ein bis zur Achsel nackter Arm mit einem sonderbaren spiralförmigen Armband löste sich aus den bis obenhin geschlitzten Ärmeln, reichte ihr die Hand und die Gestalt sprach langsam: »Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Baronin.Comment vous portez-vous?– Hippolyt, ziehe doch die Jalousien auf!«
Indes Graf Schinga dieser Aufforderung nachkam, geleitete die Gräfin Dolores zu dem Sofa, das eigentlich mehr Chaiselongue war, wobei letztere auch an dem linken Arm ihrer Wirtin den seltsamen Schmuck bemerkte, wie an dem rechten. Die geöffneten Jalousien und Fenster enthüllten nun ein einstmals sehr kostbares, aber jetzt stark eingewohntesGemach im türkischen Geschmack, dessen Wände, Polster und Dielen, kostbare, golddurchschossene Teppiche bedeckten, dessen Möbel von Rosenholz schöne Inkrustierungen zeigten. Auf dem Tisch vor dem Sofa lag eine dichte, sehr dichte Staubschicht und auf dieser stand ein Nargileh, ein Kasten mit Tabak, ein Karton mit kandierten Früchten, und neben diesen lag ein broschierter Roman von Zola, halb aufgeschnitten.
»So,« sagte Schinga, »nun hätten wir Licht und können gemütlich plaudern. Also, liebe Baronin – hu!« unterbrach er sich, indem er sich sichtlich vor Entsetzen schüttelte und mit einem Satz nach der Thür retirierte. »Thu' diese scheußlichen Würmer fort, Bronislava!« Die Gräfin hob lachend beide Arme in die Höhe, und nun fuhr auch Dolores schaudernd empor – denn die seltsamen, spiralförmigen Armbänder, die sie trug, waren lebende, kühle, glitzernde kleine Schlangen, die mit ihren Köpfen blitzschnell hin und her fuhren.
»Wie, Baronin, Sie fürchten sich auch vor den süßen, kleinen Dingern?« rief die Gräfin erstaunt. Dolores zog sich schaudernd nach der Thür zurück.
»Es ist nicht Furcht,« sagte sie, »ich fürchte mich niemals, aber ich fühle ein solches Grauen vor diesen Tieren, daß ich es fast Idiosynkrasie nennen möchte. Sie sind es, die mir den Aufenthalt in meiner zweiten Heimat Brasilien so sehr verleiden –!«
»Kommen Sie, Baronin,« sagte der Graf und sah dabei sehr böse aus. »Wir wollen bei mir einkehren, denn Sie sehen nun wohl ein, daß man mit meiner Frau nicht verkehren kann!«
»Bleiben Sie,« rief die Gräfin, sich erhebend. Dann streifte sie die Schlangen von den üppigen Armen, that sie in einen Korb und schloß dessen Deckel. »So, nun sind sie gefangen, die armen Dinger. Setzen Sie sich, Baronin, und nehmen Sie eins von diesen kandierten Ingwerstücken – oder ziehen Sie ein Nargileh vor? Nicht? Nun, so gestatten Sie mir das meinige!«
Ihr Grauen überwindend, nahm Dolores wieder Platz, ebenso der Graf, der dabei den Korb nicht aus den Augen verlor, indes die Gräfin den Schlauch ihrer türkischen Wasserpfeife ergriff und langsam zu rauchen begann. Sie mußte einst sehr schön gewesen sein, aber Stürme mancher Art hatten ihre Züge verschärft, und der mehr als negligéartige Anzug, das wirre, schwarze, ungekämmte Haar gaben ihr ein Aussehen der Vernachlässigung, das zu ihrem Alter nicht stimmte, denn sie mochte erst Mitte der Dreißig sein. Dolores wunderte sich, wie man Besuch in Gegenwart von Herren in einem Kostüm empfangen könnte, das eine verzweifelte Ähnlichkeit mit einem Nachthemd hatte, und als ihr Blick einmal an den kolossalen Formen ihrer Wirtin herabglitt, bemerkte sie in dem rosaseidenen Strumpfe der Dame, der eben sichtbar war, ein großes Loch, das der stark benutzte Pantoffel nicht ganz verbergen konnte.
»Hippolyt, schicke uns doch etwas Eis herauf,« wandte sich die Gräfin nach wenig Worten an ihren Gatten, der mit einer Eile verschwand, die bewies, wie ungemütlich ihm der Aufenthalt angesichts des bewußten Korbes sei.
Auch Dolores empfand genug davon, um länger zu bleiben, aber die Gräfin wollte von einem Aufbruch nichts wissen.
»Nein, nein, Sie müssen noch bleiben,« bat sie, »die Schlangen sind wirklich ganz sicher dort im Korbe, sie können nicht heraus – und ich habe auch nur diese zwei. Außerdem schickt Hippo uns gleich Eis herauf – der Koch muß im Sommer immer welches bereit haben!«
Dolores ergab sich in ihr Schicksal.
»Aber, Frau Gräfin, was in aller Welt veranlaßt Sie nur, sich solch' fürchterliche Tiere zu halten?« fragte sie mit leisem Schauer. »Sie können doch unmöglich Gefallen daran finden, und der Graf graut sich vor ihnen!«
»Eben deshalb halte ich sie,« erwiderte die Gräfin sehr kaltblütig, aber als Dolores sie überrascht anblickte, sah sie, daß die dichten, dunklen Augenbrauen der Dame sich zusammengezogen hatten.
»Nicht wahr, das ist sonderbar?« fuhr die Gräfin fort. »Aber es giebt viel Sonderbares auf der Welt, von demSienichts ahnen! Heiraten Sie niemals. Niemals, hören Sie?«
»Ich werde mir's merken,« erwiderte Dolores lächelnd.
»Oder thun Sie's, wenn Sie elend sein wollen fürs ganze Leben,« rief die Gräfin heftig, »denn Sie glauben's doch nicht, wenn man Sie warnt. Ah, da kommt das Eis!«
Die Dame des Hauses warf den Schlauch ihres Nargileh beiseite und half dem eintretenden Diener den Inhalt seiner Platte auf dem Tisch arrangieren: Krystallmuscheln mit herausgebrochenen Ecken, ordinäre Löffelchen von Britannia und eine prachtvolle, schwere silberne Schale mit Fuß, darin das Gefrorene aufgehäuft war. Sie legte ihrem Gast vor und nahm dann sich selbst, aber schon nach demersten Kosten spuckte sie heftig aus und riß an der Klingelschnur über dem Sofa.
»Was ist das für Eis?« schrie sie dem Diener entgegen.
»Erdbeer und Vanille, gnädige Gräfin –«
»Esel!« Und mit diesem Liebesnamen flog dem in seiner Einfalt Antwortenden einer der stark getragenen Pantoffeln der Dame an den Kopf.
Dolores fühlte sich aufs peinlichste berührt. Auch sie hatte das Eis gekostet und zurückgestellt – es schmeckte wie gefrorenes Salzwasser. Aber das war in ihren Augen noch kein Grund, den daran unschuldigen Diener dafür zu strafen, und zudem begriff sie nicht, wie man einen solchen überhaupt in sein Zimmer treten lassen konnte, wenn man sich in solch' tiefem Negligé befand, wie ihre Wirtin. Der Mensch räumte alles wieder fort und ging. Dolores erhob sich.
»Ich glaube, es ist Zeit für mich, zurückzufahren,« sagte sie, aber die Gräfin zog sie wieder auf das Sofa nieder.
»Bleiben Sie noch, bitte,« sagte sie. »Und wenn Sie's aus Sympathie nicht thun können, so thun Sie's aus Barmherzigkeit. Ich bin ja immer allein!«
Dolores sah überrascht auf – das war wie ein Ruf der Verzweiflung, der ihr da entgegentönte, es schien als ob das Wundern in diesem Hause kein Ende nehmen könnte.
»Und Sie werden wiederkommen, nicht wahr? Und ich darf Sie besuchen?« fuhr die Gräfin fort. »Ach, es ist schrecklich, so jahraus, jahrein zu sitzen und mit niemand sprechen zu können, denn wir bleiben immer in Arnsdorf, Sommer und Winter.«
»Aber Ihr Gemahl besucht doch die Residenz?« fragte Dolores, nur um etwas zu sagen.
»Das berührtmichnicht,« erwiderte Gräfin Schinga kühl. »Ich sehe ihn ohnehin nur selten, seitdem ich die Schlangen habe. Sie würden mir nicht glauben, wenn ich Ihnen erzähle, welche Mühe es mir gemacht hat, sie zu zähmen, und sehen Sie, mein Arm weist noch die Narben auf von ihren Bissen. Aber jetzt kennen sie mich und hören, wenn ich sie rufe!«
»Mein Gott, welche entsetzliche Liebhaberei,« rief Dolores.
»Es ist nicht gerade das,« meinte die Gräfin. »Ich habe mich im Anfang auch erst an die kühlen, glatten Dinger gewöhnen müssen. Aber was hilft's? Es ist Notwehr!«
»Notwehr?« wiederholte Dolores verwundert. »Ich meine, ein großer Hund thäte die besten Dienste.«
»Nicht doch,« lachte die Gräfin. »Sehen Sie, einen Hund würde er töten, wenn er auf ihn dressiert wäre, ohne jedes Bedenken töten. Aber die Schlangen wagt er nicht anzurühren, und meidet sogar das Zimmer, in welchem sie sind.«
»Wer?« fragte Dolores verwundert.
»Nun, mein Mann!«
Es ward einen Augenblick sehr still in dem Gemache, dann aber erhob sich Dolores wirklich und nahm Abschied.
»Und Sie kommen wieder, nicht wahr?« bat die Gräfin noch an der Thür. »Es wird mir so wohl thun, Ihr schönes, reines Antlitz zu sehen, das heißt wenn Sie es vermögen, einer Frau zu nahen, die sich Schlangen hält, damit ihr Mann ihr fern bleibt, die Zola liest und den ganzen Tag Nargileh raucht. Sie werden schon noch mehr Untugendenan mir entdecken, aber darunter doch vielleicht ein Goldkörnchen! Das müssen Sie mir suchen helfen, Sie liebes, schönes Menschenkind, denn ich hab's verloren, und weiß nicht, wo ich's finden soll –«
Und damit schlang die seltsame Frau den Arm um den Nacken ihres Gastes und gab ihr einen Kuß auf die Wange. Dann klappte die Thür zu. Verwirrt stieg Dolores die steile Treppe hinab, unten empfangen von dem Grafen.
»Na, Gott sei Dank, daß Sie endlich kommen,« schrie er ihr entgegen. »Jetzt müssen wir unsere Nachbarschaft mit einem Glase Champagner taufen, in aller Gemütlichkeit, denn dort oben ist's doch zu gruselig von wegen dieser Bestien –! Na, ich wollte Sie schnell heraushaben aus dieser Schlangenhöhle, und schüttete deshalb dem Koch eine gute Handvoll Viehsalz in den Eiscreme – es hat Sie aber doch nicht schnell genug herausgetrieben!«
Dolores protestierte erst höflich, dann energisch gegen den Champagner, aber es half nichts, sie mußte in der Hausthür stehend ein Glas leeren. Dabei wurde ihr das alte Pony noch einmal angeboten. Endlich saß sie im Wagen und fuhr unter den Klängen ihres Entreekonzertes wieder zum Thor hinaus, sie gab sich den Anschein als sähe sie nicht, daß Graf Schinga ihr, die Champagnerflasche im Arm, in der Hausthür nachwinkte und die Gräfin droben am Fenster mit ihren lebenden Schlangenarmbändern erschienen war – sie war froh, hinauszukommen aus dieser wüsten Atmosphäre von wirklichem und moralischem Ruin.
An der Schmiede hieß sie den Kutscher halten, stieg aus und schickte den Wagen heim. Dann schritt sie, den Hutam Arm tragend, hinein in den kühlen, grünen Wald, dessen reine Luft ihr heute wohlthat wie nie, aber dabei mußte sie immerzu an die Frau denken, die sie eben verlassen, und ein scharfes Weh durchzog ihre Brust: mußte der Schmerz überall wohnen, wo ein Menschenherz schlug, mußte das Leben seine Wunden in jede Seele schlagen? Warum konnte es nicht Auserwählte des Glückes und des Friedens geben? Ja, sie kannte wohl Menschen, in deren Herz reiner, heiterer Friede wohnte, aber ehe er eingezogen war unter der Mönchs- oder Nonnenkutte, oder aber unter dem Gewande der Welt, hatte dieses Herz erst brechen und verbluten müssen, ehe der Friede zu ihm kam. Dabei kam es so traurig über sie, denn vor wenig Wochen nur war sie noch so glücklich gewesen mit ihrer Kunst, und jetzt? Jetzt stahl sich ein fremdes Wehe über sie, und das machte das leuchtende Sonnenlicht trübe und die Blumen welk und dürr, und der Besitz, an den sie in der weiten Ferne mit Sehnsucht gedacht und von ihm geschwärmt, er ward ihr vergällt, seitdem der, den sie ihm freudigen Herzens überlassen hätte, ihn ihr verächtlich vor die Füße geworfen. Ihr ganzer Stolz bäumte sich auf, wenn sie dessen gedachte, und zornig schüttelte sie das Weh von sich ab, das ihr dabei im Herzen aufstieg, d. h. sie vermeinte es von sich weisen zu können und wußte nicht, daß es schon Wurzel gefaßt und nicht mehr auszurotten war. Denn was von einem anderen angethan ihr nur Empörung verursacht hätte, das schlug von seiner, von Alfreds Hand, eine Wunde, die kein Kraut zu heilen vermochte.
Ungesehen von den auf der Terrasse zu Monrepos Sitzenden – sie unterschied deutlich die Gestalten Falkners undKepplers und hörte ein silberhelles Kinderlachen – huschte sie schnell vorüber. Erst, als sie ihr eigenes Gebiet wieder betrat, atmete sie auf – hier hatte sie ja das Recht, umher zu wandeln – dort dünkte ihr das jedem Passanten gewährte Privilegium des Vorübergehens Konterbande unter dem Bann der großen, dunklen Augen, die stets mit solch' hartem Ausdruck auf ihr ruhten.
Sie nahm den Weg nach dem Hexenloch, dessen von romantischem Zauber umsponnene Umgebung sie so sehr anzog. Hier ließ sich's so gut träumen und sinnen an dem kleinen rauschenden Wasserfall, dessen silberhelle Wasser in dem Tümpel so dunkel aussahen oder, wenn die Sonne durch die prächtige Blutbuche an der südlichen Uferseite schien, wie Blut.
Durch kühle Laubgänge schritt Dolores langsam dahin und bog dann herum nach dem stillen, lauschigen Platz, doch wie sie um die Hecke bog, sah sie sich plötzlich einer Dame im hellen Sommerkleide gegenüber, die auf einem Baumstumpf saß und eine Aquarellskizze des Hexenlochs machte. Neben ihr, von rücklings halb auf dem Baumstamm liegend, saß ein junger Mann und las vor.