Chapter 4

»Ich möchte sterben, wenn die FrühlingslüfteVom heitern Himmel lau die Erd' durchwehen,Wenn neue Blüten hauchen neue Düfte,Die Schwalben sorgend nach dem Nestlein sehen.Ich möchte sterben, wenn die Sonne niederAm Himmel sinkt und schon die Veilchen träumen –Da flieht zu Gott die müde Seele wieder,Zu unbegrenzten, frühlingshellen Räumen.Doch wenn der Sturm rast und die Blitze flammen,Wenn finstre Wolken durch die Lüfte jagen,Und wirbelnd treibt das welke Laub zusammen,Möcht' ich nicht sterben, nicht hinaus mich wagen.Ich möchte sterben, wenn die Sonne niederAm Himmel sinkt und schon die Veilchen träumen –Da flieht zu Gott die müde Seele wiederZu unbegrenzten, frühlingshellen Räumen.«[1]

»Ich möchte sterben, wenn die FrühlingslüfteVom heitern Himmel lau die Erd' durchwehen,Wenn neue Blüten hauchen neue Düfte,Die Schwalben sorgend nach dem Nestlein sehen.Ich möchte sterben, wenn die Sonne niederAm Himmel sinkt und schon die Veilchen träumen –Da flieht zu Gott die müde Seele wieder,Zu unbegrenzten, frühlingshellen Räumen.Doch wenn der Sturm rast und die Blitze flammen,Wenn finstre Wolken durch die Lüfte jagen,Und wirbelnd treibt das welke Laub zusammen,Möcht' ich nicht sterben, nicht hinaus mich wagen.Ich möchte sterben, wenn die Sonne niederAm Himmel sinkt und schon die Veilchen träumen –Da flieht zu Gott die müde Seele wiederZu unbegrenzten, frühlingshellen Räumen.«[1]

»Ich möchte sterben, wenn die FrühlingslüfteVom heitern Himmel lau die Erd' durchwehen,Wenn neue Blüten hauchen neue Düfte,Die Schwalben sorgend nach dem Nestlein sehen.Ich möchte sterben, wenn die Sonne niederAm Himmel sinkt und schon die Veilchen träumen –Da flieht zu Gott die müde Seele wieder,Zu unbegrenzten, frühlingshellen Räumen.Doch wenn der Sturm rast und die Blitze flammen,Wenn finstre Wolken durch die Lüfte jagen,Und wirbelnd treibt das welke Laub zusammen,Möcht' ich nicht sterben, nicht hinaus mich wagen.Ich möchte sterben, wenn die Sonne niederAm Himmel sinkt und schon die Veilchen träumen –Da flieht zu Gott die müde Seele wiederZu unbegrenzten, frühlingshellen Räumen.«[1]

»Ich möchte sterben, wenn die Frühlingslüfte

Vom heitern Himmel lau die Erd' durchwehen,

Wenn neue Blüten hauchen neue Düfte,

Die Schwalben sorgend nach dem Nestlein sehen.

Ich möchte sterben, wenn die Sonne nieder

Am Himmel sinkt und schon die Veilchen träumen –

Da flieht zu Gott die müde Seele wieder,

Zu unbegrenzten, frühlingshellen Räumen.

Doch wenn der Sturm rast und die Blitze flammen,

Wenn finstre Wolken durch die Lüfte jagen,

Und wirbelnd treibt das welke Laub zusammen,

Möcht' ich nicht sterben, nicht hinaus mich wagen.

Ich möchte sterben, wenn die Sonne nieder

Am Himmel sinkt und schon die Veilchen träumen –

Da flieht zu Gott die müde Seele wieder

Zu unbegrenzten, frühlingshellen Räumen.«[1]

[1]: Nach dem Italienischen des L. M. Cognetti von der Verfasserin.

Und wie Falkner stand und dem Liede lauschte, ungesehen von der einsamen Sängerin, da fiel ihm die Zeichnung des Blattes ein, das dem Liede als Umschlag diente, und das er einst drüben in Monrepos gesehen –: vor der untergehenden Sonne, die auf die »träumenden Veilchen« herabblickt, zwei beschwingte Schatten, welche sich zum Kusse zusammenneigen – –

»Vorrei morir – vorrei morir« – verklang es wie ein schluchzender Hauch. »Dolores –!« und er stand neben ihr, plötzlich, unerwartet, aber sie erschrak nicht vor seinem schnellen Kommen, sondern sah durch die Lichtung hinein in das Abendsonnengold, als wäre sie allein, wie vorher.

Und es wurde still unter den Blutbuchen am Hexenloch wie in einer Kirche, nur seine tiefen, schweren Atemzüge waren zu hören.

»Vorrei morir–« wiederholte er dann leise. »Warum nur möchtenSiesterben, Dolores?«

Da sah sie ihn an, wortlos, aber er schien keiner anderen Antwort zu bedürfen.

»Ich war im Falkenhof und wollte Ihnen Lebewohl sagen, denn ich reise morgen ab,« fuhr er nach einer Pause fort. »Und Prinzeß Alexandra läßt Ihnen sagen, daß Sie zu meiner Hochzeit nach Nordland kommen sollen.«

»Ja,« sagte Dolores mechanisch. Es war ihr erstes Wort.

»Ja,« wiederholte er. »Leben Sie wohl!« Und er reichte ihr die Hand. Als sie die ihre hineinlegte, ohne Druck, wie apathisch, da sprach sie mit seltsam klingender Stimme: »Sie kommen dann vielleicht auch zu meiner Hochzeit.«

Da prallte er zurück, wie getroffen.

»Der Erbprinz!« fuhr es ihm durch den Sinn, daß er den Namen laut aussprach. Sie nickte bejahend.

»Und Sie haben ›Ja‹ gesagt,« fragte er.

»Noch nicht,« erwiderte sie, »aber ich werde es wohl thun. Es ist das beste. Denn er ist ein guter, edler Mensch.«

»Und trotzdem singen Sie's in die Welt hinaus, daß Sie sterben möchten?« fragte er wieder, und als sie darauf keine Antwort hatte, fuhr er, dicht an sie herantretend, fort: »Wenn ich das noch sagen wollte,ich, Dolores! Ich, der ich ein namenloses Glück in blindem Wahn, in unsinniger Verblendung von mir stieß, eine königliche Lilie in den Staub trat und dafür ein Flatterröslein erwarb! Und dieses Glück war mir so nahe gelegt, und, meinen Sie nicht, daß es mir gelungen wäre, es zu erwerben?«

Doch statt zu antworten, wendete sie das schöne Haupt ab von ihm und sah wieder hinein in das Abendrot, das zu rosigen und violetten Tönen zu verblassen begann.

»Dolores,« sagte er leise, und sich zu ihr hinneigend, »Dolores, nureinWort sagen Sie mir! Hätte ich mein Glück erringen können, oder war es zu hoch für mich?«

»Zu hochist nichts für menschliches Wünschen,« antwortete sie, ohne ihn anzusehen, und als er mit leisem Ausruf bis dicht vor sie hintrat, fuhr sie mit seltsamem Schwanken in der Stimme fort: »Aber jetzt ist eszu spät.«

»Zu spät!« wiederholte er stöhnend. »Nun denn, wenn es zu spät ist, so leben Sie wohl, Dolores!«

»Leben Sie wohl, Alfred,« kam es mit erstickter Stimme zurück.

»Nein,« sagte er heftig, »nein, so gehe ich nicht! Ich muß etwas mitnehmen für diese Reise durchs Leben, etwas, das mich stärkt, wonach mich hungert und dürstet zugleich. Sie müssen mich noch einmal ansehen –!«

Da wendete sie den ernsten, umschleierten Blick zu ihm zurück und sah ihm in die Augen, wortlos zwar, aber ein leises Rot stieg in ihre blassen Wangen dabei, und dann senkte sie das blonde Haupt und ein leises, unterdrücktes Schluchzen durchbebte ihren Körper.

Da legte Falkner seinen Arm um sie und zog sie an seine Brust, und so ruhte sie einen kurzen, seligen Augenblick lang.

»Dolores, ich liebe dich von ganzem Herzen,« flüsterte er zu ihr herab, »und nun weiß ich's, daß auch du mich liebst!«

»Ja,« antwortete sie einfach – was aber lag alles in diesem kurzen, schlichten »Ja.« Und dann machte sie sich frei aus seinen Armen. »Du mußt jetzt gehen,« sagte sie, »denn die Sonne ist untergegangen, und es ist spät geworden – zu spät!«

Da sagte er gehorsam: »Lebewohl,« doch ehe er ging, nahm er einen Zweig der Blutbuche, den sie vorhin abgebrochen hatte, aus ihrer Hand, küßte ihn, und sprach: »Laß es mir als einziges, was mir von dir bleiben darf –:

Dies Blatt aus sommerlichen Tagen,Ich nahm es so im Wandern mit,Auf daß es einst mir möge sagenWie süß die Nachtigall geschlagen,Wie grün der Wald, den ich durchschritt.«

Dies Blatt aus sommerlichen Tagen,Ich nahm es so im Wandern mit,Auf daß es einst mir möge sagenWie süß die Nachtigall geschlagen,Wie grün der Wald, den ich durchschritt.«

Dies Blatt aus sommerlichen Tagen,Ich nahm es so im Wandern mit,Auf daß es einst mir möge sagenWie süß die Nachtigall geschlagen,Wie grün der Wald, den ich durchschritt.«

Dies Blatt aus sommerlichen Tagen,

Ich nahm es so im Wandern mit,

Auf daß es einst mir möge sagen

Wie süß die Nachtigall geschlagen,

Wie grün der Wald, den ich durchschritt.«

Und dann ging er, ohne sich umzuwenden, und sie sah ihm nach mit umflortem Blick, wie er der Lichtung zuschritt,dem verblassenden Abendrot entgegen, und seine Gestalt zeichnete sich hoch und gebietend ab auf dem goldenen Grunde des scheidenden Lichtes, denn unter den Bäumen war es ganz dunkel geworden, dunkler noch auf den trägen Wassern des Hexenloches, auf welchem weiße Nymphäen blühten wie verlorene Sterne am dunkel umwölkten Nachthimmel.

Und da war es ihr, als ob eine Hand sie herandrängte hart an den Rand des Tümpels, und ehe sie noch erschrocken Widerstand leisten oder sich umsehen konnte, verlor ihr Fuß den Halt, mit einem lauten Aufschrei stürzte sie das graue Ufer hinab und die schwarzen Wellen des Hexenloches schlugen über ihr zusammen – – – –

Doch einer hörte den Schrei – Falkner – und sich blitzschnell umwendend, sah er eben noch die weiße Gestalt in dem unheimlichen Tümpel verschwinden.

Entsetzt, aber ohne einen Moment zu verlieren, kehrte er im raschesten Laufe zurück, und wie er das Hexenloch erreichte, sah er sie wieder emportauchen in ihrem Kleide, gehoben von den, der Sage nach unergründlich tiefen Fluten, kämpfend, ringend mit dem nahen Tode.

Und er rang mit dem Allbesieger um dies junge Leben, lautlos in der tiefen Dämmerung suchte er dem Strudel, dessen Wirbeln und Gurgeln dem Hexenloche die einzige Bewegung gab, sein Opfer zu entreißen, und obwohl ein tüchtiger Schwimmer, mußte er doch hart und verzweifelt kämpfen, um sich mit seiner Last, die, sich an seinen Hals klammernd, jetzt das Bewußtsein verlor, aus dem verderblichen Wirbel herauszuarbeiten. Aber er siegte, trotz aller Schwierigkeiten, über den Tod, der seine Runen schon in das blasse, schöneGesicht seines Opfers gezeichnet hatte, und atemlos, erschöpft fast, stieg er endlich ans Ufer und legte Dolores sanft auf den grünen Rasen. Im ersten Augenblick, als er nur undeutlich ihre Züge in dem schwachen, verglimmenden Lichte unter den hohen Bäumen unterscheiden konnte, und vergeblich auf einen Atemzug lauschte, da glaubte er sie tot, und ein wilder, unsäglicher Schmerz ergriff ihn, daß er ihren leblosen Körper wieder emporrichtete, an seine Brust ihr todblasses Haupt legte und ihre kalten Lippen küßte, als könnte er ihr mit seinem Atem wieder das entflohene Leben einhauchen. Und da that sie einen tiefen, tiefen Atemzug und schlug die Augen auf.

»O,duhast mich gerettet?!« murmelte sie matt, wie schlafbefangen. Doch nun ließ er sie nicht ruhen. Er rieb ihre kalten Hände, und strich ihr das nasse Haar aus der Stirn, und richtete sie endlich völlig empor.

»Fühlst du dich stark genug, nach dem Falkenhof zu gehen?« fragte er liebevoll, »sonst mußt du hier bleiben, bis ich Leute hole, die dich ins Haus tragen helfen, denn es ist ein weiter Weg für dich!«

»Nein, nein, nicht hierbleiben,« erwiderte sie, mit leisem Schauer hinüberblickend nach dem Hexenloch, das wieder ruhig und unbewegt dalag, als hätte ein Mensch nicht eben noch in ihm um sein Leben gekämpft und gerungen. »Ich bin ganz stark und erholt und kann sehr gut gehen –«

Aber es ging doch noch ein wenig schwach und matt, woran die nassen Kleider viel schuld hatten, die Nervenerschütterung und die Erschöpfung aber noch mehr. Falkner stützte und trug sie halb, und so gingen sie langsam auf demkürzesten Wege nach dem Falkenhofe zurück, und wenn sie, blasser und blasser werdend, einhielt im Gehen, da legte er sanft ihren Kopf an seine Schulter und strich ihr ebenso sanft über Stirn und Haar.

»Warum bin ich nicht lieber gestorben?« fragte sie einmal und faltete die Hände.

»Es hing aneinemHaare!« erwiderte er ernst. »Aber es scheint, du sollst noch leben!«

Und langsam weiterschreitend, fragte er sie, wie es gekommen, denn im ersten jähen Schrecken hatte er geglaubt, sie habe selbst den Tod gesucht.

»O nein,« erwiderte sie stolz, »Selbstmord ist eine Feigheit, und ich habe sogar den Mut zum Leben.«

»Daran erkenn' ich meinestolzeDolores,« sagte er bewundernd, und als sie mit einem halben Lächeln zu ihm emporsah mit ihren großen, dunkeln Augen, die jetzt einen so ganz anderen, weichen Ausdruck hatten, da setzte er hinzu: »Denn die stolze Dolores war bewunderungswürdig und schön – die demütige Dolores aber ist noch tausendmal schöner.«

Da senkte sie, matt errötend, den Blick wieder zu Boden.

»Nein,« sagte sie nach einer Pause, »nein, es war nicht mein Wille, das Hexenloch zu meinem Grabe zu machen. Ich weiß auch nicht mehr, wie es kam – ich muß durch einen unbedachten Schritt ausgeglitten sein, und wenn es nicht einfach unmöglich wäre, es zu behaupten, so würde ich sagen, ich hatte das Gefühl, als hätte mich irgend etwashinabgestoßen.«

»Vielleicht hat das plötzliche Ausgleiten und die damit verbundene Erschütterung das Gefühl erzeugt,« meinte er.

»So wird, so muß es sein,« sagte sie matt.

Endlich kamen sie zum Falkenhof, der im matten Dämmerlicht, im letzten Schimmer des geschiedenen Tages dalag, ruhig und friedlich, und großartig. Vor der Terrasse unten stand Doktor Ruß und schnitt mit seinem Taschenmesser welke Blätter von einem Rosenbaum, doch schien er die Schwüle des zur Rüste gegangenen Tages noch nicht überwunden zu haben, denn er mußte sein Geschäft oft unterbrechen, um seine Stirn mit dem Taschentuch zu trocknen, ja der sonst so kühle, blasse Mann war rot und erhitzt, als wäre er überrasch gegangen. Da er mit dem Rücken gegen den Park stand, so sah er das Paar auch nicht, das über das weichebowling-greenquer geschritten kam, und wandte sich erst um, als er die Stimme seines Stiefsohnes hörte, der Dolores eben sagte, daß er sie bis nach oben führen würde. Überrascht, Falkner heut' Abend nochmals hier zu sehen, wandte Doktor Ruß sich um, und fuhr bei dem Anblick der totenblassen, von ihren schweren, nassen Kleidern umhüllten Dolores so heftig zurück, daß ihm das Messer abglitt und tief in seine Hand fuhr.

»Herr des Himmels, was ist geschehen?« preßte er, blasser als Dolores selbst, hervor.

Doch diese lächelte. »Ich habe die Hexenprobe im Hexenloch bestanden,« sagte sie scherzend. »Das heißt,« fuhr sie sich verbessernd fort, »ich habe bewiesen, daß ich keine Hexe bin, denn ich wäre entschieden untergesunken, wenn Alfred mich nicht herausgeholt hätte, was ihm schwer genug gefallen ist.«

»Aber, um alles in der Welt, wie kam es denn, daß Sie in den gefährlichen Tümpel fielen?« forschte Doktor Ruß weiter, das Taschentuch um seine blutende Hand wickelnd.

»Mir war's, als hätte mich jemand, der nicht da war, hineingestoßen,« erwiderte sie, immer im scherzenden Tone, »aber das ist nur die sensationelle Lesart – die richtige ist leider, daß ich einfach ausgeglitten bin und das Gleichgewicht verloren habe, was einem zuweilen passieren soll,« fügte sie mit einem matten Abglanz früherer Schelmerei hinzu.

»Du bist dem sicheren Tode nur durch den Umstand entronnen, daß ich noch nahe genug war, deinen Schrei zu hören und zu Hilfe zu eilen,« sagte Falkner ernst. »Aber zu Erklärungen ist jetzt keine Zeit, denn vor allem mußt du die Kleider wechseln und sofort zur Ruhe gehen, damit das Nachspiel dieses Falles nicht tragischer endet, als dieser selbst.«

»Gewiß – so schnell wie möglich zu Bette, liebe Dolores,« redete nun Doktor Ruß auch zu; »doch auch du, Alfred, mußt dich hier umkleiden. Ich gehe, Ihnen aus meiner Apotheke ein Vademekum gegen Erkältung zu holen!« – Damit eilte er hinein, und Falkner führte Dolores ins Haus und bis vor ihre Zimmer. Dort wollte sie ihm danken, aber er ließ es nicht zu.

»Daß deine Rettung mir gelang, war ja keine Heldenthat, sondern barer Egoismus,« meinte er, und verließ sie so schnell, daß sie ihm eben nur noch ein halb ersticktes »Lebewohl« zurufen konnte.

In Kleidern von Doktor Ruß, die ihm zur Not paßten, langte Falkner erst spät in Monrepos an, begrüßt von besorgten Fragen seines späten Kommens wegen, das man natürlich einem besonderen Ereignis zuschrieb. Nur Prinzeß Lolo, welche sich in Zorn und Ungeduld über das lange, unentschuldigte Ausbleiben ihres Verlobten in Wein- undSchreikrämpfe versetzt hatte, wollte von triftigen Gründen nichts wissen, und beruhigte sich erst, als Falkner nach diversen, sehr geduldigen Versuchen, sie zur Vernunft zu bringen, sich kurz auf dem Absatz umdrehte und das Zimmer verlassen wollte. Da hörte das Schluchzen und Schreien wie mit einem Zauberschlage auf, und derselbe Mund, der eben noch verzerrt und zuckend geschrieen hatte, wie ein eigensinniges Kind, er lachte hell auf und fragte:

»Aber wie siehst du denn aus? Dein Rock schlägt ja auf dem Rücken eine Wasserfalte.«

»Weinen und Lachen steckt in einem Sacke,« murmelte der Herzog, dessen Autorität sich diesem Kinde gegenüber wieder als machtlos bewiesen, während die Bitten der Prinzeß Alexandra um Mäßigung die Sache entschieden verschlimmert hatte.

Falkner wandte sich auf die Anrede seiner Braut um, heißen Zorn im Antlitz, aber äußerlich sehr ruhig und beherrscht.

»Ich werde dir den Rock, der einen so wohlthätigen Einfluß auf deine Stimmung hat, schenken,« sagte er nicht ohne Schärfe, welche dem Erbprinzen, den das Benehmen seiner Schwester unsäglich reizte und empörte, viel zu schwach und »bräutigamhaft« erschien. »Vielleicht,« fuhr er nicht ohne Galgenhumor fort, »vielleicht ist die Wasserfalte eine natürliche Folge davon, daß ein Sprung ins Wasser mein spätes Kommen verschuldet hat.«

Und nun berichtete er kurz von dem Unfall, der Dolores betroffen, bei größter Anteilnahme der herzoglichen Familie, welche seinem von ihm nur flüchtig berührten Rettungswerke die wärmste Bewunderung spendete.

»Da hättest du denn bei dem Herausfischen deiner Cousine selbst ertrinken können?« fragte Prinzeß Lolo, welche bis dahin mit großen Augen zugehört.

»Es gehört ein harter Kampf dazu, dort das eigene Leben zu retten, geschweige denn das anderer,« sagte der Erbprinz, welchen die Gefahr, in welcher Dolores geschwebt, aufs Tiefste erschüttert hatte.

»Dann war es schlecht von dir, hinein zu springen,« rief Prinzeß Lolo außer sich, »du hast kein Recht dazu, dich für andere in Gefahr zu begeben, du gehörstmir!«

»Lolo!« mahnte Prinzeß Alexandra empört, »vergiß nicht, was der Dichter sagt:

Ein braver Mann denkt an sich selbst zuletzt,Vertraut auf Gott und rettet die Bedrängten.

Ein braver Mann denkt an sich selbst zuletzt,Vertraut auf Gott und rettet die Bedrängten.

Ein braver Mann denkt an sich selbst zuletzt,Vertraut auf Gott und rettet die Bedrängten.

Ein braver Mann denkt an sich selbst zuletzt,

Vertraut auf Gott und rettet die Bedrängten.

Und Falkner hat sich als ›ein braver Mann‹ gezeigt! Muß dich das nicht mit Stolz erfüllen? Die einzige Entschuldigung für dich ist, daß dieser empörende Egoismus nur ein Ausbruch deiner nachträglichen und gerechtfertigten Angst um sein Leben war!«

»Ratteltatteltattel!« äffte die kleine Durchlaucht blitzenden Auges ihrer Schwester nach. »Was ihr nicht immer über mir zu meistern habt! Ich habe mir gar nichts anderes gedacht, als ich gesagt habe, und bleibe dabei, daß Alfred gar nicht das Recht hat, sich in Gefahr zu begeben. Was hast du überhaupt mit Dolores Falkner abends am Hexenloch zu thun?« setzte sie eifersüchtig hinzu.

Falkner wollte diesen unbewußt gerechtfertigten Ausbruch mit Stillschweigen übergehen und unbeantwortet lassen, aberein forschender Blick des Erbprinzen schien ihm dieselbe Frage vorzulegen. Er antwortete daher, was die reine Wahrheit war:

»Ich wollte auf dem Wege über das Hexenloch nach Monrepos zurückkehren und traf sie dort an. Der Unfall ereignete sich erst, als ich schon im Weitergehen war – glücklicherweise nicht weit genug, um noch helfen zu können.«

»Glücklicherweise!« höhnte Prinzeß Lolo mit so eigenem Ausdruck, daß Falkner auffuhr, sich aber beherrschte und von dem Herzog die Erlaubnis ausbat, sich zurückziehen zu dürfen, da das lange Tragen der nassen Kleider ihm ein gewisses Gefühl des Unbehagens verursacht habe. Als er seiner Verlobten aber Gute Nacht sagte, hatte diese schon die Reue erfaßt.

»Sei nicht böse,« flüsterte sie, »es war ja nur, weil ich eifersüchtig auf dich bin! Ich werde mir heut' Nacht noch die Augen ausweinen in dem Gedanken an die Gefahr, in der du geschwebt – und weil ich dich geärgert habe. Aber du darfst wirklich nicht böse sein!«

Er küßte ihr die kleine, rosige Hand und ging – schuldbewußt, elend und glücklich zugleich, denn er war sich einer Untreue gegen seine Verlobte bewußt, welche nur strengste Buße, absolutes, unbedingtes Entsagen zu sühnen vermochte vor dem Richterstuhl seines eigenen unbeugsamen, strengen Gewissens, das selbst seinen Schmerz um ein verscherztes Glück und seinen Unwillen gegen die Ungezogenheiten seiner Braut nicht freisprechen wollte. Und was er sich der Stimme seines Gewissens gegenüber heut' Abend gelobte, er wußte, er würde es halten, und er wußte, daß Dolores es achten würde.

Die herzogliche Familie schickte am selben Abend noch nach dem Falkenhof einen Boten, der sich nach dem Befinden der Baroneß erkundigen sollte und die Nachricht zurückbrachte, daß sie ruhig und fest schlafe.

Und in der That schlief Dolores ruhig und fest, erschöpft von ihrem Kampfe mit den schrecklichen Wassern, bewacht von der alten treuen Tereza, welche die Nacht nicht von dem Bette der Herrin wich. Diese aber träumte, sie flöge durch einen weiten, weiten Raum, unten aber stand Falkner mit ausgebreiteten Armen sie aufzufangen, doch ein Windstoß riß sie dahin, bis sie in den Wolken verschwand und nichts mehr sah. Plötzlich aber zerrissen die Wolken wie ein Vorhang, und einerLaterna magicagleich zog die Scene am Hexenloch noch einmal an ihr vorüber, nur anders in einzelnen Dingen, und wie sie das Wasser über sich zusammenschlagen sah auf dem Bilde in den Wolken, da wachte sie auf und wußte, sie hatte das schon einmal geträumt – –

Geträumtunderlebt?

Doch ihr Geist war allzu schlafbefangen, um darüber grübeln zu können, und als sie die Augen wieder schloß, glaubte sie es neben ihrem Bette rauschen zu hören wie von seidenen Kleidern, und als sie die Augen deshalb wieder mühsam öffnete, sah sie die Ahnfrau Dolorosa über sich gebeugt.

»Das war der zweite Traum, den ich dir gezeigt,« meinte sie es flüstern zu hören. »Denk' an die beiden anderen Traumbilder und hüte dich!«

Da fuhr sie hoch empor aus ihren Kissen – es war niemand zu sehen.

»Tereza, war jemand hier?« fragte sie die sich besorgt über sie beugende Dienerin.

»Verzeihe, Herrin – ich war eingeschlafen,« sagte diese, »da hat mir geträumt, es kam eine schöne, fremdartig gekleidete Dame herein und ging an dein Bett, und ich hörte sie mit dir flüstern. Und wenn es nicht ein Traum sein müßte, weil doch niemand hier ist, so würde ich schwören, ich hätte sie mit eigenen Augen gesehen!«

»Es war doch nur ein Traum,« dachte Dolores und schlief wieder ein.

***

Doch noch ein anderer hatte im Falkenhof unruhige Träume – das war der Doktor Ruß, und wenn er auch dabei fast ununterbrochen schlief, so störte er doch seine Frau durch sein lautes Sprechen im Schlafe, und ihre Müdigkeit wich vollends, als sie ihren Gatten öfters den Namen »Dolores« aussprechen hörte. Wilde, wahnsinnige Eifersucht ergriff das Herz der alternden Frau, und mit der Freude der Selbstqual, mit dem Verlangen jener Leidenschaft, »welche mit Eifer sucht, was Leiden schafft,« opferte sie gern den eigenen Schlaf, um aus den abgerissenen Worten und Sätzen ihres sich unruhig hin- und herwerfenden Mannes einen Zusammenhang herauszufinden, aus dem sie mit wilder Freude neue Qualen herausdüfteln konnte für ihr altes Herz, das in seiner eisigen Hülle in dem einen Punkt schlug wie vor dreißig Jahren, als der selige Freiherr von Falkner, ihr erster Gatte, ihr noch Grund gab zur Eifersucht.

Aber die Ausbeute dieser Nacht war nur gering, denn alles, was sie erlauschte und verstand, drehte sich unablässigum drei Dinge: »Dolores – zum zweitenmal gerettet – wer hätte gedacht, daß sie schreien würde. –« – – –

Daraus konnte sie sich keinen Vers machen.

***

Der Haushalt in Monrepos wurde einige Tage nach dem Unfall am Hexenloch aufgelöst, und die herzogliche Familie nahm herzlichen und warmen Abschied von Dolores, welche das Versprechen geben mußte, den Hochzeiten in Nordland beizuwohnen – ersterer als Verwandte des Bräutigams, letzterer als Freundin und Palastdame der künftigen Großherzogin Alexandra, welche ihr versprach, das Patent rechtzeitig von ihrem hohen Verlobten zu erbitten. Dolores war tief bewegt von soviel Güte und wahrhaft tiefe Herzensbildung verratendem Entgegenkommen, doch Prinzeß Alexandra, welche ihr etwas altjüngferliches Wesen mit einem Schlage abgeworfen zu haben schien, wollte davon nichts einräumen, sondern schob alles auf die glänzenden äußeren und inneren Eigenschaften der einst so angezweifelten Herrin vom Falkenhof, welche das Vorurteil so rasch besiegt und gründlich ausgerottet hatte, das man gegen sie gehegt. Und als dann Dolores versicherte, dieser Sieg sei der schönste ihres Lebens, und sie fühle sich so hoch erhoben und beglückt durch die Freundschaft der hohen Frau, daß es wahrlich nicht noch jenes vielbeneideten und heißersehnten Titels einer Palastdame bedürfe, um ihr das kostbare Gut dieser Freundschaft gewissermaßen auf dem Wege eines Gnadenaktes verbrieft und versiegelt zuzusichern, da sagte Prinzeß Alexandra mit jenem feinen Takt und jener seltenen Gabe, welche ein Geschenk wert macht durch die Absicht:

»Nein, liebe Dolores, Ihre Ernennung soll auch kein Gnadenakt sein, keine sogenannte Rehabilitierung als Lehnsherrin vom Falkenhof nach Ihrer Bühnenlaufbahn, am allerwenigsten aber ein leerer Schall – aber ich will's Ihnen bekennen, was ich dabei im Auge habe. Sie würden in Ihrer Bescheidenheit von selbst ja doch nicht kommen, mich aufzusuchen, Sie würden sogar eine Einladung ablehnen aus demselben Motiv – aber Sie müssen kommen, wenn Ihr Amt Sie ruft, bei besonderen Gelegenheiten Dienst zu thun bei mir. Sie sehen also, daß Ihr Patent nur mein Anrecht an Sie verbriefen und den schnödesten selbstsüchtigsten Motiven dienen soll.«

Was konnte Dolores thun dieser herzgewinnenden Art, zu geben, gegenüber? Sie konnte nur geben, was so geboten wurde, und daß es ein warmes Gefühl im eigenen Herzen verursachte, war eine ganz natürliche Folge.

Doch ehe es leer wurde und still in Monrepos, waren es drei Dinge, die ihr Schmerzen verursachten und Pein. Das erste war Falkners Abschied. Er war am Morgen nach dem Unfall abgereist, ohne sie gesehen zu haben, ohne Wort, ohne Botschaft. Sie mußte ihn dafür um so höher achten, er stieg darum in ihrer Bewunderung, und sie sagte sich auch, daß er als Ehrenmann nur so handeln durfte – aber es schmerzte sie darum doch, und sie war noch nicht so gestählt im Entsagen, daß es sie nicht mit Bitterkeit gegen ihr Schicksal und tiefstem Schmerz erfüllt hätte. Und dabei bäumte ihr Stolz sich in heftigen Selbstvorwürfen auf, daß esihmgelungen war, ihr das Geständnis ihrer Liebe zu entreißen, gegen ihren festen Willen, der so stark gewesen, und ihr reines, thörichtes Herz so schwach. – – – – –

Und Pein machte ihr dann der Erbprinz, dessen Augen mit stummen Fragen auf sie gerichtet waren, dem siejetztnicht um alles in der Welt hätte sagen können, daß sie seine Werbung nicht annehmen könnte, weil eine hoffnungslose Liebe es ihr so bald schon unmöglich mache, einen Bund fürs Leben zu schließen. Und aus diesem Grunde mied sie es, mit ihm allein zu sein, und als er an einem der letzten Tage dennoch Gelegenheit fand, sie ohne Zeugen zu sprechen, das heißt ihr einfach zu sagen:

»Scheide ich mit oder ohne Hoffnung? Sagen Sie mir nur soviel!« – da rang sie stumm die Hände und erwiderte dann schmerzlich:

»Siemüssenmir Zeit lassen, Prinz! Ich bin ja noch nicht fertig mit mir selbst. Soll ein entscheidendes Wort aber heute noch fallen, so ist es ein ›Nein.‹«

»Ich werde warten,« hatte er einfach geantwortet.

Der dritte aber, der ihr Pein verursachte, war Keppler, welcher auch bis zum letzten Moment bleiben mußte, an seinen Porträts beider Prinzessinnen zu malen, um dieselben für die letzten Lasuren und Retouchen in seinem Atelier fertig zu stellen. Er kam, um von ihr Abschied zu nehmen, mit finsteren Zügen, wie ein Fremder zurückhaltend, so daß sie verwundert den Kopf schüttelte.

»Was habe ich Ihnen gethan?« fragte sie sanft und vorwurfsvoll.

»Mir? Nichts und alles,« erwiderte er, »aber Sie haben sich selbst am meisten getroffen.«

»Können Sie mir's immer noch nicht vergeben, daß ich zur Bühne nicht zurückkehren will?« sagte sie mit mattem Lächeln, aber freundlich.

»Das wäre der eine Punkt,« gab er nach einer Pause zu. »Ich hoffe aber, Sie haben Ihr Ultimatum darin noch nicht gesprochen.«

»Doch, lieber Freund, es ist entschieden.«

»Es ist eine himmelschreiende Sünde an der Kunst. Sie hätten berühmt werden können wie die Catalani und die Malibran und der erbleichende Glanz des Sternes einer Patti fing an, auf Sie überzugehen!« rief Keppler, aufrichtige Überzeugung im Tone.

»Man soll nach den Sternen nicht begehren,« erwiderte Dolores, mit einem Versuche zu scherzen.

»Sie thaten es einst – warum jetzt nicht mehr?« fragte er erregt.

Sie errötete tief und sah zur Seite.

»Ich kann nicht – diese Sterne haben ihren Reiz für mich verloren, ich begehre sie nicht mehr.«

Da seufzte er tief, fast ungeduldig.

»Was würden Sie von mir sagen, würfe ich eines Tages Pinsel und Palette ins Feuer und sagte: Ich kann nicht mehr malen.«

»Ich habe ja aber nur Schminke und Puderquasten und falschen Hermelin ins Feuer geworfen,« entgegnete Dolores. »Mir bleibt meine Musik für alle Zeit, und ich hoffe noch manches Lied zu ersinnen, das ›den Komponisten der Satanella‹ dem Herzen näher bringt – Sie wissen, solch' ein Lied, von dem Geibel sagt:

Es singen's bald zu Nacht am BornDie Mägde mit den Krügen;Der Jäger summt es vor sich her,Spürt er im Buchenhage,Der Fischer wirft das Netz ins MeerUnd singt's beim Ruderschlage.

Es singen's bald zu Nacht am BornDie Mägde mit den Krügen;Der Jäger summt es vor sich her,Spürt er im Buchenhage,Der Fischer wirft das Netz ins MeerUnd singt's beim Ruderschlage.

Es singen's bald zu Nacht am BornDie Mägde mit den Krügen;Der Jäger summt es vor sich her,Spürt er im Buchenhage,Der Fischer wirft das Netz ins MeerUnd singt's beim Ruderschlage.

Es singen's bald zu Nacht am Born

Die Mägde mit den Krügen;

Der Jäger summt es vor sich her,

Spürt er im Buchenhage,

Der Fischer wirft das Netz ins Meer

Und singt's beim Ruderschlage.

Hat dieser Ehrgeiz Grenzen, welche Ihnen weit genug dünken für mich? Muß ich denn durchaus dabei noch heut' den armen Lohengrin fragen, woher er kommt, morgen dem Troubadour versichern, daß ich unter Thränen lächle und übermorgen als Traviata an der Schwindsucht sterben?«

Keppler mußte unwillkürlich lächeln.

»Mit Frauen läßt sich nicht logisch streiten,« sagte er, »aber ich will ja auch nicht weiter forschen, denn Sie würden mir ja doch nicht sagen, was diese Wandlung in Ihnen bewirkt hat. Nur eine Frage muß ich thun: Haben Sie hier schon komponiert?«

»Im Anfang schrieb ich ein paar Lieder,« erwiderte sie zögernd.

»Und seitdem nichts mehr?«

»Nichts.«

»O, was hat dieser Falkenhof aus Ihnen gemacht!« rief er schmerzlich.

»Es hat doch jeder Mensch einmal im Jahre Ferien,« meinte Dolores, mit einem Versuche gleichgültig zu bleiben.

»Als ob Ihnen das Schaffen, das Denken in Tönen eine Arbeit wäre, die der Erholung bedürfte,« entgegnete Keppler finster. »Ihre Schwingen sind Ihnen eben salonfähig gestutzt worden, und man hat dabei leider auch die ganze Schwungkraft derselben gelähmt. Ist's nicht so?«

»Vielleicht,« nickte sie etwas kühl.

»Soweit wäre es nie gekommen, wenn Sie meine Frau hätten werden wollen,« rief er heftig.

»Vielleicht,« wiederholte sie, blaß werdend, aber eben so ruhig.

Da sprang er auf und trat dicht vor sie hin.

»Dolores,« sagte er mit stockendem Atem, »Dolores, noch können Ihre Schwingen wieder wachsen! Kehren Sie allem den Rücken, und werden Sie mein Weib – noch einmal bitte ich Sie darum, flehe ich Sie an!«

Jäh erblassend wandte sie sich ab – mußte auch das noch kommen, sie zu peinigen.

»Dolores, Ihre Antwort!« bat er leise vor Erregung.

Da wandte sie ihm wieder ihr schönes Antlitz zu.

»Nein,« sagte sie fest.

»Nein! Wieder nein!« rief er außer sich. »Dolores, heut' habe ich ein Recht zu fragen, warum Sie meine Hand, die Hand eines redlichen Menschen, der Sie so sehr liebt, zum zweitenmal zurückweisen. Zurückweisen mit einem kurzen, harten ›Nein,‹ unversüßt, unvergoldet durch die üblichen Versicherungen von Achtung und Freundschaft – hab' ich auch das verwirkt?«

»Warum quälen Sie mich so?« fragte sie schmerzlich.

»Quäle ich Sie? Nein, bei Gott, das will ich nicht, denn es ist nicht edel, Gleiches mit Gleichem zu vergelten,« erwiderte er bitter und ergriff seinen Hut. »Also leben Sie wohl! Aber eins müssen Sie wissen und sollen es bedenken: Es ist nicht gut, ein Herz von sich zu weisen, das wahrhaft liebt. Und wenn einst Ihr Herz gebrochen und Ihr Kranz verblühtist, dann ist es zu spät, sich in die Arme der Kunst zu flüchten – sie wird nichts mehr haben für Sie als höchstens – Mittelmäßigkeit.«

Sie wollte ihm antworten: »Sie sind ein zu spät geborener Prophet, denn mein Herzistgebrochen, mein Kranzistverwelkt,« – aber sie schloß die Lippen wieder und schwieg, blaß und kalt, und als er in der Thür noch einmal umkehrte, voll Reue über seine harten Worte, und ihr zögernd die Hand reichte, da legte sie freilich die ihre hinein, aber sie war kalt und bewegungslos, wie eine Marmorhand.

Und als sie dann endlich allein war, da war auch ihre Kraft erschöpft, elend an Leib und Seele, sank sie zu Boden und rang die Hände und klagte ihr Schicksal an, das ihr die Liebe zweier redlicher Männer, die sie nicht wieder lieben konnte, bescherte, während sie den, den sie liebte mit der ersten Liebe ihres Herzens, nicht lieben durfte.

Derselbe Bahnzug, der die Bewohner von Monrepos fortführte in ihrem auf der Station deponierten Salonwagen, verabschiedet auf dem Perron von den Bewohnern von Falkenhof und Arnsdorf, welche den Scheidenden eine Überfülle von Rosen mitgaben auf den Weg – derselbe Zug brachte Dolores von der anderen Seite Gäste: Professor Balthasar und seine liebenswürdige Frau, welche mit ihrem Gatten, dem berühmten Historienmaler, siegreich in die Schranken trat durch ihre stimmungsvollen Landschaftsbilder, welche ihr Pinsel in Aquarell duftig und mit hoher Meisterschaft hinzauberte aufs Papier. Dolores begrüßte diese lieben Freunde mit aufrichtiger Freude, denn von dem nicht nur äußerlich, sondern von innen heraus liebenswürdigen und bedeutenden Paar,dessen Unterhaltungsgabe noch außerdem hervorragend war, hoffte sie viel für ihr Gemüt, dessen sonnige Eigenschaften die letzte Zeit so sehr getrübt. Doch ihre frühere Heiterkeit, Energie und Thatkraft wollten trotz der anziehenden Gesellschaft nicht zurückkehren, und mehr als einmal fragten sich der Professor und seine Frau: »Was ist mit ihr vorgegangen? Was hat sie getroffen? Von der geistsprühenden, harmlos heiteren, entzückenden Dolores, was ist geblieben? Ein schönes ernstes Mädchen, bei dessen Anblick man staunend fragt: Ist das die berückende Satanella von ehedem? Welche Wandlung!«

»Aber eine Wandlung zum Schöneren,« behauptete der Professor, und seine Frau riet mit echt weiblichem Instinkt auf eine unglückliche Liebe als auf des Wandels Ursache.

Und die Wochen schwanden dahin, und Balthasars verließen wieder den Falkenhof mit großem Bedauern, diesmal aber zusammen mit Dolores, welche nach Nordland fuhr – zu Alfred Falkners Hochzeit als Gast der Prinzessin Alexandra. Es war nur eine Leidensstation mehr auf dem Kreuzwege ihres Herzens, und nicht einmal die letzte, wie sie wußte. Aber sie haderte nicht mehr mit ihrem Schicksal, das ihr Ruhm und Besitz gewährt und ihr das Glück versagte, denn sie hieß nicht umsonst – Dolores, die Schmerzensreiche. Sie war ruhiger geworden mit der Zeit, und als sie nun dem schweren TagseinerHochzeit entgegenfuhr, da glaubte sie fest und ehrlich ganz und vollkommen entsagt und überwunden zu haben.

Doktor Ruß und seine Frau waren im Falkenhofe zurückgeblieben – sie hatten ihr Fernbleiben von der Hochzeit in Nordland durchgesetzt, und da sie ja erst im Herbst mitDolores zusammen den Falkenhof verlassen sollten, so hüteten sie einstweilen das Haus. Die Anwesenheit des Balthasarschen Ehepaares hatte ihnen übrigens eine sehr angenehme Abwechslung geschaffen, unter welcher sogar Frau Ruß ein wenig aufthaute und weniger schroff schien wie früher, wohingegen Doktor Ruß und der Professor sich in vielen Dingen fanden und sich gegenseitig sehr ansprachen. Auch Schingas hatten in dieser Zeit gute Nachbarschaft gehalten, und soweit der heiße Sommer die Gräfin nicht im tiefsten Negligé in ihr Zimmer bannte in Gesellschaft ihrer Schlangen und ihres Zola, waren sie häufige Gäste im Falkenhof.

Dolores wurde in Nordland von einer herzoglichen Equipage abgeholt und in dem grandiosen Schlosse von Prinzeß Alexandra, welche ihr Zimmer neben ihren eigenen Appartements angewiesen hatte, empfangen. Und als sie bald nach ihrer Ankunft im kleinen Kreise zum Familienthee befohlen wurde, dem Falkner aber nicht beiwohnte, da sah sie, daß man das leichte, bürgerliche Gewand aus Monrepos vollkommen mit dem Hofkleide vertauscht hatte, welches ja an kleinen Höfen viel steifer ist, als an großen, hier aber freilich anmutender wurde die persönliche, schlichte, und herzgewinnende Weise seiner Träger. Prinzeß Lolo, welche heute Mittag eine Abschiedscour absolviert hatte, war übermütig und naseweis wie immer und machte den Damen und Herren jede Verbeugung, jede Antwort mit sehr viel Beobachtungs- und Nachahmungsgabe nach, nur daß sie eben alles ins Lächerliche zog und Dolores, wider Willen mitlachend, eigentlich froh war, daß Falkner nicht zugegen war, denn die amüsante Darstellung schien ihr etwas moquant und herzlos, undsie wußte, daß er für das Herunterziehen und Persiflieren von jedermann kein Verständnis hatte.

»Ich hätte schreien können vor Lachen, als all' diese Karikaturen an mir vorbeimarschierten in Gänsemarsch und jedes mir einen Kuß auf den rechten Handschuh applizierte,« schloß Prinzeß Lolo ihren Bericht. »Sascha, wenn du deine Cour hältst, dann rate ich dir, laß dir einen Blitzapparat in der Corsage deines Kleides anbringen und photographiere dir damit die schönsten Gestalten und Komplimente. Da ist ein alter General, der setzte sich einfach aufs Parkett vor mich hin, als er im Anmarschieren plötzlich parierte – er wird sich auch vor dich hinsetzen. Und dann die ganzen Landpomeranzen, die Komplimente machen als hätten sie einen Schuß in die Kniee bekommen, und über ihre großen Zehen stolpern! Ich habe in dieser Menagerie heut' nur den Grafen Schinga vermißt in seinem Schweinetreiberkostüm und meine künftige Schwiegermutter in ihrer altmodischen Faltentaille ohne Kragen, mit Scheulederscheiteln, Diamantringen auf dem Zeigefinger und ihrem ewigen Strickstrumpf!«

Nun war Frau Ruß Dolores gar nicht sympathisch, aber es war ihr noch nicht eingefallen, die starke, unmodern und nachlässig gekleidete, aber doch noch stattliche Frau lächerlich zu finden. Daß es aber von seiten der Braut ihres Sohnes geschah, berührte sie unsäglich unangenehm, und als gar bei den letzten Worten Falkner den Salon betrat, da errötetesiefür die lose Zunge der Prinzeß, und der erschrockene, abbittende Blick, der jener zugekommen wäre, traf ihn aus Dolores' Augen, das Aufleuchten seiner Augen aber sagte ihr, daß er sie verstanden habe und ihr danke.

Die übrige Gesellschaft, bestehend aus der Familie, einigen wenigen zur Hochzeit erschienenen fürstlichen Verwandten, einigen hohen Hofchargen und dem Verlobten der Prinzeß Alexandra, welchem sie Dolores als ihre liebe Freundin und künftige Palastdame vorgestellt hatte, verfiel in peinliches Schweigen, als Falkner unter ihnen stand, ehe seine Braut kaum ihre Rede vollendet hatte. Er küßte derselben, nachdem er seine pflichtschuldigen Reverenzen gemacht, die Hand und sagte ihr, nur hörbar den Zunächststehenden:

»Es giebt eine Posse, in welcher ein unzufriedener Sohn die klassischen Worte spricht: ›Man kann nicht vorsichtig genug sein in der Wahl seiner Eltern.‹ Diese Weisheit läßt sich ja auch auf Schwiegereltern anwenden und zwar um so erfolgreicher, als man hier wirklich diese gerühmte Vorsicht zur Anwendung bringen kann.«

Prinzeß Lolo lachte.

»Ach was – ich heirate dich ja, nicht deine Mutter!«

»Eben darum sollte sie wohl besser außerhalb deiner Karikaturengalerie bleiben,« entgegnete er sehr ernst.

»Aha,« machte die Prinzeß böse, »darum nennt man den Abend vor der Hochzeit wohl den Polterabend, weil der Bräutigam schon das Recht zu haben glaubt, seiner Braut poltrige Reden zu halten!« – Sprach's und drehte sich auf dem Absatz um.

Dolores, welche ein Gespräch mit Falkner fürchtete und erhoffte, sah sich getäuscht, denn er fand oder suchte keine Gelegenheit mit ihr zu sprechen.

Auch am anderen, dem Hochzeitstage, wechselten sie nur wenige Worte. Das war nach der Trauung in der Schloßkapelle,deren Altar Ihre Durchlaucht die Prinzeß Eleonore von Nordland hoch erhobenen Hauptes, die Augen zwar nicht feucht vor innerer Bewegung über den Ernst des Augenblickes, sondern sehr munter leuchtend und lachend als Freifrau von Falkner verließ. Das Brautpaar nahm in einem Salon, bevor das Frühstück serviert wurde, die Glückwünsche der wenigen Anwesenden entgegen, und so mußte auch Dolores sich bezwingen, beiden ein Glück zu wünschen, das ihr nicht vergönnt war. Sie trat auf die kleine, reizende, spitzenumrieselte, atlasumrauschte Braut zu und reichte ihr die Hand.

»Glück auf, Cousine,« sagte sie. »Hie guet Falkner alleweg! Und,« setzte sie hinzu, ein Etui aus der Tasche ziehend, »was ich der Prinzeß von Nordland wohl kaum bieten durfte – die Verwandte bitte ich's freundlich anzunehmen.«

Die junge Frau nahm lächelnd das blaue Samtetui entgegen und öffnete es – da funkelte, leuchtete und blitzte auf weißem Kissen eine Brosche von Brillanten in Form einer graziös geschlungenen Schleife, welche eine Kaiserin geschmückt hätte, so groß waren die Steine, so rein ihr Wasser, so mächtig ihr Feuer, so reizend die Form der Fassung und so wahrhaft fürstlich die Größe des nach einer »Rokoko-Corsage« modellierten Schmuckes. Lolo Falkner stieß einen Schrei der Bewunderung aus, das verwöhnte Fürstenkind war geblendet. In ihrer stürmischen Art fiel sie der Geberin freudestrahlend um den Hals.

»Nein, wie reizend von Ihnen – von dir! Wir nennen uns doch jetzt ›du,‹ nicht wahr? Ich hab' es ja aber immer gesagt, du bist eine famose, urnette Rübe, Dolores! Nein, diese Diamanten! Selbstgewachsene, was?«

»Wenigstens bei mir in Brasilien teilweise selbstgefunden,« erwiderte Dolores amüsiert, als die weichen, zarten Arme sie freigaben und der kleine rosige Mund einen Moment still stand. Und während die Braut mit ihrem Schatz zu den anderen flog, um ihn zu zeigen und ihn bewundern zu lassen, stand Dolores neben Falkner, stumm, nach dem Worte suchend, das sie ihm sagen sollte.

»Ich wollte, ich hätte am heutigen Tage auch ein gutes Wort von dir mit auf den Weg nehmen können,« sprach er endlich leise.

Da sah sie auf zu ihm mit ihrem klaren, reinen Blick und reichte ihm die Hand.

»Ein Wort, Alfred?« wiederholte sie. »O, ein ganzes, langes Gebet für dein Glück, das hat Gott gehört!«

»Ich danke dir,« sagte er mit einem tiefen Atemzuge, »das wiegt den Wert deiner Gabe für meine – meine Frau so reichlich auf, weil es unschätzbar ist.«

Das waren die einzigen Worte, welche sie wechselten, denn nach dem Hochzeitsfrühstück reiste das junge Paar sogleich ab.

Prinzeß Alexandra wollte nichts von einer sofortigen Heimkehr Dolores' nach dem Falkenhofe wissen und behielt sie in Nordland zurück bis zu ihrer eigenen Vermählung, welche zehn Tage später mit großem Pomp und der ganzen Entwicklung fürstlicher Etikette stattfand. Als das Jawort am Altar gesprochen war, trat Dolores an die Seite der fürstlichen Braut, welche wunderschön, weil ganz verklärt, aussah, denn in ihrem Patent war sie zur Palastdame derGroßherzoginAlexandra ernannt und übernahm mit demAugenblicke des Ringwechsels auch alle Funktionen ihres Amtes. Daß aller Blicke sich dabei, wie vorher auch, auf sie richteten, war natürlich vermöge ihrer außergewöhnlich schönen Erscheinung, welche heute, umrauscht von der weißen, golddurchwirkten Courschleppe, zur vollsten Geltung kam, und was dason ditdabei von ihrem Reichtum, ihren Talenten und ihrer kurzen, siegreichen Künstlerlaufbahn sagte, glich schon einem ganzen Roman, da Frau Fama den Mund dabei recht voll nahm, und die gewohnheitsmäßigen bösen Zungen, welche natürlich »Allerlei« wußten, wurden einfach überstimmt und mußten sich auf eine günstigere Gelegenheit vertrösten, wo sie ihren Tropfen Gift loswerden konnten, der, wenn er auch »leider« keine Aussicht hatte, den moralischen Tod der Begeiferten zu verursachen, doch mindestens einen Flecken oder eine Narbe hinterlassen mußte. Ja, ja –


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