Die Disteln und die Dornen, die stechen gar sehr,Die falschen, falschen Zungen aber viel, viel mehr! –
Die Disteln und die Dornen, die stechen gar sehr,Die falschen, falschen Zungen aber viel, viel mehr! –
Die Disteln und die Dornen, die stechen gar sehr,Die falschen, falschen Zungen aber viel, viel mehr! –
Die Disteln und die Dornen, die stechen gar sehr,
Die falschen, falschen Zungen aber viel, viel mehr! –
Jedenfalls war die demonstrative Freundschaft der nunmehrigen Großherzogin für die junge, interessante Erbherrin vom Falkenhof ein Schild, daran viele der giftigen Pfeile abprallten, denn die Welt verträgt es nun einmal nicht, wenn Schönheit, Reichtum und Genie sich ineinerPerson, besonders einer weiblichen, vereinen. Und es waren auch vielleicht einige darunter, welche sich einer sehr festen, entschiedenen und unzweideutigen Ablehnung ihrer Huldigungen aus der Zeit erinnerten, da Dolores als Doña Falconieros die Satanella sang – – nun war die Gelegenheit vielleicht gekommen, Rache zu nehmen für diese Abweisungen beleidigender Huldigungen, denen eine schutzlose Frau so leichtausgesetzt ist. Aber wie gesagt, die Stimmen der Verleumdung und hämischer, vieldeutiger Worte verhallten in dem Chor der Bewunderung für die »Brasilianerin,« deren natürliche, ungemachte Würde, deren reiner, stolzer Blick ihrem Siege auf dem glatten Parkett des Hofes einen sehr soliden Hintergrund verlieh, durch das »noli me tangere,« welches daraus sprach.
Der Hochzeit wohnte natürlich auch der Freiherr von Falkner mit seiner jungen Frau bei, welche in Rosa mit Silber, die Brillantschleife von Dolores an der Brust, rosa Federn und Brillantsterne im Haar, einen Watteau entzückt hätte durch ihre jugendfrischen Reize, welche sie einem Figürchen von Sèvresbiskuit ähnlich machte, und deren sie sich auch voll bewußt war.
Das sah Falkner, und er sah sie auch mit ihrer Jugendschöne kokettieren. Sein Blick suchte unwillkürlich Dolores, auf welche er einst, befangen von Vorurteilen, als auf eine »Komödiantin« verächtlich herabsehen zu müssen geglaubt und deren von jeder Gefallsucht freies, natürliches Auftreten er nicht nur bemerken und anerkennen, sondern auch bewundern mußte. Da war nichteinHauch von Koketterie in ihrem Wesen und war es auch auf der Bühne nicht gewesen, weil es ihrem Charakter fern lag, weil ihr Stolz sich dagegen sträubte, die Bewunderung der Welt durch künstliches Hervorheben und Aufmerksammachen auf ihre Schönheit zu provozieren, aber sie war sich auch bewußt, daß ihre Schönheit siegend war ohne diese Mittel und durch das Unbewußte, Keusche, mit dem sie sich gab. Aber der Blick, mit welchem er hinübersah nach ihr, wie sie im weißen Spitzenkleide, dieschimmernde, golddurchwirkte Courschleppe zu ihren Füßen, um den wunderschönen, alabasterweißen Hals eine einzige, schlichte Rivière von Diamanten, einen Halbmond von Diamanten im leuchtenden, wie poliertes Kupfer glänzenden, hochaufgesteckten Haar, am Altar stand neben der knieenden Gestalt der hohen Braut, dieser Blick wurde aufgefangen von der jungen Freifrau und erweckte sofort ein heißes Gefühl von Eifersucht in ihrem jungen Herzen. Und als dann die Trauung vorbei war und alles zur Cour sich begab, da trat sie dicht an ihn heran.
»Du!« sagte sie mit halbem Lachen, aber dem Weinen doch näher, »du, ich sage dir, kokettiere nicht mit der schönen Cousine –c'est défendu!«
»Das weiß ich, kleine Weisheit,« erwiderte er freundlich, »aber selbst wenn ich wollte – zum Kokettieren gehören meistens zwei!«
»Ja, ist wahr, du bist ihrriesiggleichgültig,« lachte Lolo Falkner nun wirklich. »Natürlich schmeichelt das deiner Eitelkeit nicht, denn ihr Männer seid doch nun einmal reichlich so eitel wie wir!«
»Auch wie du?« fragte er, auf ihren Ton eingehend.
»O, viel eitler,« protestierte sie. »Aber,« setzte sie flüsternd hinzu, alle Dämonen der Schelmerei und Schadenfreude in den lachenden Augen, »aber, wenn du's etwa nicht glauben willst, wie entsetzlich gleichgültigduihr bist, so will ich dir ein Geheimnis verraten. Ich habe mir nämlich damals in Monrepos eingebildet, daß du Dolores wegen dem Testament des buckligen Freiherrn heiraten würdest, und habe sie deswegen interpelliert.«
»O, Lolo!« seufzte Falkner auf seinen taktlosen kleinen Tollkopf von Frau herab.
»Ja, da hat sie dich mir mit einer Bereitwilligkeit abgetreten, welche stupend war, sage ich dir. Ergo – du bistihrganz Wurscht!« –
Und mit dieser neuesten Errungenschaft zur Vervollständigung ihres Sprachlexikons tanzte sie triumphierend davon. Falkner aber fiel eine Binde von den Augen, er sah klarer in die Vergangenheit und eines der Rätsel dieses stolzen Herzens war gelöst.
»Arme Dolores!«
Im übrigen traten sie sich auch bei dieser Gelegenheit nicht näher, als beim zufälligen Begegnen zur Aufrechterhaltung der äußeren Formen nötig war, und die Welt, welche alles beobachtet, alles sieht, sagte:
»Er kann es nicht verwinden und ihr nicht vergeben, daß nicht er, sondern sie den Falkenhof bekommen hat.«
Und Fragern, welche die einfachste Lösung dieses Erbfolgekriegs in einer Vermählung der Erbin mit dem Enterbten sahen, wurde geheimnisvoll geantwortet:
»Ja sehen Sie - er hat sie nicht gemocht, weil sie doch Opernsängerin gewesen ist. Und sie ist ihm auch zu antipathisch; das kann ja jedes Kind sehen. Rote Haaresindeben auch nicht jedermanns Sache.«
***
Am Tage nach der Vermählung der Prinzeß Alexandra hielt der Freiherr von Falkner mit seiner Frau den Einzug in Monrepos, das ihr der Herzog, vollständig eingerichtet, als Morgengabe geschenkt zum Sommeraufenthalt, währendDolores dem großherzoglichen Paare auf einige Tage in dessen Residenz folgte, um dort bei den Einzugsfeierlichkeiten ihres Amtes zu walten – und so kam es, daß sie erst nach vierzehntägiger Abwesenheit in den Falkenhof zurückkehrte.
***
Die junge Freifrau von Falkner hatte sich in Monrepos sofort mit großem Selbstbewußtsein installiert und energisch Besitz ergriffen von ihrem Regiment. Bis dahin immer noch halb als Kind behandelt, jeden Zwang hassend, war sie in einer Atmosphäre aufgewachsen, welche, wie ihrer Mutter, ihren ganzen Neigungen widersprach. Die programmmäßigen, geregelten Vergnügungen machten ihr gar keinen Spaß, sie wollte Vergnügungen nach ihrem eigenen Maßstabe. Auch liebte sie's gar nicht, erzogen zu werden, und emancipierte sich auch vielfach mit Erfolg von den guten Lehren, welche sie nicht als solche anerkannte, sondern sie einfach für eigens zu ihrer Qual erfundene Plackereien hielt. Daß das Leben eine sehr ernste Sache sei, und der Schmerz, als ein herber, doch treuer Gast dem Menschen kaum von der Seite weicht, das begriff sie nicht und lachte insgeheim über die »Thränenweiden,« welche die Aufgabe dieses Lebens in einer Vorbereitung für das künftige erblickten und das Elend aufsuchten, um es zu lindern. Das Leben war für Eleonore von Nordland ein ewiger Tanz, in welchem man wohl Pausen machte, sich zu erholen, aber um Gottes willen nicht ganz aufhörte zu tanzen. Es ging ihr eben wie so vielen anderen, welche für ihre Eigenart zu früh und zu spät geboren werden – und bei ihr war entschieden das Letztere der Fall, denn wenn König Jerôme »lustiken« Andenkens diese leichtblütigste Prinzeßder Welt kennen gelernt und, da sie ganz sein Genre war, zur Königin gemacht hätte, so wäre es sicher noch viel, viel »lustiker« zugegangen im schönen Wilhelmshöhe.
Da man aber nun leider nicht mehr in diesen vergnügten Zeiten lebte und auf dem Vulkan tanzte, lachte und Tollheiten trieb, sondern unsere Zeit darin entschieden decenter und würdiger geworden ist, so wünschte Prinzeß Lolo nichts sehnlicher, als, da sie doch den König Jerôme nicht heiraten konnte, herauszukommen aus dem Zwange eines Hofes und dem Schicksal zu entrinnen, dereinst als »sitzengebliebenes« Herzogstöchterlein in dem Familienstift als Äbtissin desselben zu enden. Da war Falkner, den sie bisher eigentlich schon zu den »Alten« gerechnet hatte, erst in Monrepos so recht in ihr Leben getreten, und nachdem er ihr erst imponiert, hatte sie sich sterblich in ihn verliebt – eine Backfischliebe, wie sie fast immer vorkommt, wenn Schulmädchen der ersten Klasse oder Selekta sich in einen der Lehrer – meist den Zeichen- oder Gesangslehrer – verlieben, heimliche, sehr schlechte Gedichte an ihn machen und sonstigen Kultus mit ihm treiben, von dem er keine Ahnung hat. Da Prinzeß Lolo nun aber keine höhere Töchterschule und kein Pensionat besucht hatte, ihre Privatlehrer aber alle sehr gesetzten Alters und keine Epigonen des schönen Adonis waren, so hatte sie dieses Herzensstadium auch nicht durchgemacht und sie trat erst in dasselbe, als der Freiherr von Falkner mit seiner imposanten Erscheinung, seinem kühl-vornehmen, ernsten Wesen zu Monrepos ihren Weg kreuzte. Nun fing das junge, unerfahrene Herzchen Feuer, und da sie wußte, daß Prinzessinnen auf den Bällen nicht engagiert werden, sondern selbst ihre Tänzer wählen und befehlen, so versichertesie sich erst, daß die gefährliche Konkurrenz von Dolores keine Nebenbuhlerschaft war, und präsentierte ihm, der sich von Dolores aussichtslos zurückgewiesen sah, ihr junges Herz mit einer Deutlichkeit, die ihm bei der Jugend und der Unerfahrenheit der Herzogstochter schmeichelte und wohlthat. Durch welche Motive der Herzog bestimmt worden war, seine jüngste Tochter außerhalb ihres hohen Standes zu verheiraten und sie einem simplen Edelmann zu geben, mit dessen Haus er freilich lange schon befreundet war, wissen wir.
Für Falkner gab es nach der Scene an der Gruftkapelle kaum noch einen anderen Weg, als den, welchen er eingeschlagen hatte, und nun er ganz gebunden war, wußte er auch, daß Dolores ihr Herzensgeheimnis niemals preisgegeben hätte, nie sich hätte abringen lassen, wenn es anders gekommen wäre, wenn der Herzog dem Vasallen die Hand seiner Tochter versagt hätte.
Und so fand denn die Schließung einer Ehe statt, die ein vierfach verfehltes Rechenexempel war, die ein Blick in die Zukunft verhindert hätte. Freilich hätte auch jetzt noch dieser eine Blick beiden viel ersparen können, doch es soll ja nicht sein, wir sind, zu unserem Glück meist, unwissend über die Ereignisse der nächsten Stunden und Tage. Die Freifrau von Falkner nahm also Besitz von ihrer Freiheit mit einem Eifer und einer Energie, welche deutlich bewiesen, wie die langersehnte Selbständigkeit ihr wohlthat. Ihr Anordnen, ihr Befehlen, Arrangieren verriet eine Sicherheit, welche bezeichnend war und erstaunlich zugleich, wenn man die Abhängigkeit in Betracht zog, in welcher sie bisher gelebt hatte. Nun fühlte sie sich ganz Schloßfrau, und am Tage nach ihrerAnkunft in Monrepos hatten viele Hände viel zu thun, denn ihr Geschmack verwarf die meisten Arrangements, änderte, setzte Möbel um, verlegte ganze Zimmer, und als sie dann erklärte, es sei so gut, da war freilich ein genialer Zug, ein gewisser künstlerischer Sinn nicht zu leugnen, der in den Arrangements lag.
Eine ganze, volle Woche lang beschäftigte das neue, unumschränkte Eigentum, das eigene Heim den unruhigen Geist der jungen Freifrau wie ein langersehntes, oft begehrtes Spielzeug; eine ganze Woche lang war sie auch glücklich und zufrieden in Gesellschaft ihres Gatten, welcher alles that, ihr dieses neue Heim durch seine Gesellschaft anziehend zu machen, welcher freundlich und liebreich einging auf ihre Intentionen, ihre bizarren Gedankensprünge, und in dem glücklichen und zufriedenen Ausdruck ihrer lachenden blauen Augen Ersatz fand für manches Verlorene, oder vielmehr zu finden glaubte und zu finden hoffte. Für ihn selbst war ja diese Zeit des gezwungenendolce far nienteein Opfer, das er angesichts des elfenhaften, quecksilbernen Wesens an seiner Seite einkleinesnannte, das er auch in dieser leicht gleitenden, ruhevollen ersten Woche auf Monrepos als solches empfand. Aber er liebte die Arbeit und liebte Beschäftigung, und da er »auf höheren Befehl bis auf weiteres« von allem und jedem Dienst freigegeben war, bis sich der gesuchte höhere Posten, wie er sich für den Schwiegersohn eines regierenden Fürsten schickte, gefunden hatte, so war er entschlossen, diese Pause in seinem Arbeitsleben durch selbstgewähltes Studium auszufüllen. Damit freilich kam er in dieser ersten Woche nicht weit, denn wenn er Lolo in einem entfernten Zimmerwirtschaften, räumen und befehlen hörte und die Bücher aufschlug, da war sie gewiß im nächsten Moment schon da, steckte das Köpfchen mit der winzigsten Spur einer Frauenhaube auf dem Blondhaar zur Thür hinein und fragte lachend und eifrig tausend und eine Frage, bis er resigniert die Bücher zusammenklappte und freundlich auf ihre Wünsche einging.
Aber eine Woche verstreicht schnell, besonders wenn sie Glück bringt und Friede, und Falkner hatte den allerbesten Willen für beides.
Und so geschah es denn genau eine Woche nach dem Einzuge des jungen Paares auf Monrepos, als beim ersten Frühstück an einem herrlichen Sommermorgen auf der Veranda die junge Frau ihre Theetasse hinsetzte, die kleinen rosigen Hände im Schoß faltete, sich zurücklehnte und – gähnte.
»Ei, noch müde, Lolo?« fragte Falkner lächelnd, denn es war nicht gerade mehr sehr früh am Morgen.
»Müde? Nein, langweilig,« gestand Frau Lolo offenherzig genug.
»O! O! Ich fühle mich sehr geschmeichelt,« meinte Falkner heiter.
Das aber nahm seine Frau übel.
»Dabei ist gar nichts zu lachen,« sagte sie pikiert. »Es ist langweilig, das wirst du auch nicht leugnen können. Man spricht sich halt am Ende aus.«
»Findest du, Lolo?«
»Ja, ganz entschieden! Ich bin jetzt mit den Arrangements fertig, was soll ich anfangen?«
»Wir wollen zusammen lesen, zusammen studieren,« schlug Falkner vor, der schon manche Lücke im Wissen seiner kleinenFrau entdeckt hatte. Sie aber streckte abwehrend beide Hände aus und machte die Augen vor Entsetzen weit auf.
»Um Gottes willen!« rief sie. »Lesen? Studieren? Ich danke bestens. Ich bin kaum der ewigen, unausstehlichen Schulstube entronnen, und soll jetzt wieder damit anfangen? Dazu habe ich doch nicht geheiratet?«
»Aber Lolochen, man soll doch niemals aufhören zu lernen und sich zu bilden,« erwiderte Falkner freundlich und ohne hofmeisternden Ton.
»Das ist purer Unsinn,« meinte Lolo mit souveräner Verachtung. »Ich habe aufgehört zu lernen, und wer mir schon solch' langweiliges Geschichtsbuch von weitem zeigt, der macht mich ganz wild. Ich bitte dich um alles in der Welt, es ist doch so egal, ob Kolumbus das Pulver erfunden und Berthold Schwarz Amerika entdeckt hat –«
»Umgekehrt, Lolo,« sagte Falkner mehr amüsiert, als entsetzt.
»Da hast du's,« entgegnete Lolo überlegen, »das Pulver ist da und Amerika ist da, was braucht man damit geplagt zu werden, wie die Leute hießen, die es entdeckt haben? Und die römischen und deutschen Kaiser vollends, die sind mirriesigegal, ob sie Nero hießen oder Ferdinand, und wenn du mich auf die Litteratur bringst, da wirst du auch kein Glück haben mit mir, denn dann erklärte ich dir im voraus, daß Goethe der langweiligste Mensch von der Welt war und Schiller mich nervös macht, trotzdem, oder vielmehr, weil ich habe den ›Grafen von Habsburg‹ auswendig lernen müssen.«
»Vielleicht eben deshalb, Lolo,« erwiderte Falkner amüsiert. »Aber ich hoffe, daß esmirgelingen wird, dir einebessere Meinung über diese Plagegeister beizubringen. Und es giebt doch auch gewisse Dinge in Litteratur und Geschichte, welche man wissen muß, wenn man auf der Straße allgemeiner Bildung fortkommen will.«
»Na, dann danke ich schön, dann mag ich gar nicht gebildet sein,« gestand sie mit verblüffender Offenheit. »Und das war deine Idee, mich lernen und studieren zu lassen? Da möchten ja die Hühner darüber lachen! Als ob ich dazu geheiratet hätte!«
»Bitte, und wozu hast du sonst geheiratet?« fragte Falkner, diese Offenherzigkeiten immer noch nicht ernst nehmend.
»Wozu? Das ist doch sonnenklar: um mit dir zusammen zu sein, und um mich zu amüsieren.«
»Aha!« machte er mit einem lächelnden Kompliment. »Ich fühle mich sehr geschmeichelt, daß du mich alsersteUrsache nahmst. Was nun die zweite anbelangt, so wirst du dich schon noch etwas gedulden müssen, denn der Herzog wünscht einmal, daß wir bis zum Herbst hier bleiben, und hat dir außerdem Monrepos so wunderhübsch ausgestattet, daß es ihn kränken würde, wenn du seiner Gabe so bald schon müde würdest.«
»Das ist doch aber wieder eine schändliche Tyrannei, uns hier festzuhalten,« rief sie heftig und verzog das Mündchen wie zum Weinen.
»Ich habe diese Bestimmung, welche überdies die taktvolle Form eines Vorschlages hatte, als liebevolle Fürsorge und Zuvorkommenheit aufgefaßt,« erwiderte Falkner ernst werdend und etwas scharf.
»Tyrannei ist es, nichts weiter,« widersprach Lolo noch heftiger. »Aber ich werde ihnen zeigen, daß ich mich davon frei zu machen weiß,« setzte sie trotzig hinzu.
Falkner sah sie einen Moment fest und prüfend an.
»Also willst du abreisen?« fragte er ruhig.
»Ja, ja, reisen wir ab,« rief sie lustig, sprang auf und schlang ihre Arme um seinen Hals. »Ich hab's ja immer gesagt, daß du ein kolossal vernünftiges altes Haus bist,« jubelte sie.
»Aber du hast mich mißverstanden, Lolo, es ist mir nicht im Traume eingefallen, die in wahrhaft väterlicher Güte für uns entworfenen Pläne des Herzogs wie ein undankbarer Rüpel über den Haufen zu werfen, trotzdem ich eine geregelte, bestimmte Arbeit sehr vermisse.«
Sie ließ langsam die Arme sinken.
»Also damit wär's nichts,« seufzte sie resigniert.
»Nein,« erwiderte er ruhig, und als sie sich darauf wieder setzte, fragte er herzlich: »Hast du's denn schon satt, Lolo, bei mir zu sein? Bist du meiner ausschließlichen Gesellschaft schon überdrüssig?«
»Nun, es könnte schon ein bißchen mehr los sein,« erwiderte sie mit so drolliger Ehrlichkeit, daß es nicht gut übel zu nehmen war. Falkner mußte auch darüber lächeln.
»Aber Kind, wir können Monrepos jetzt nicht verlassen,« meinte er.
»Ach nein,« sagte sie, »das habe ich mir gleich gedacht. Aber weißt du, Alfred, wir könnten es in Monrepos selbst lustiger machen – durch Gäste.«
Er sah sie einen Moment ernst an, dann mußte er wieder lächeln.
»Also doch schon meiner überdrüssig, Lolo?«
Sie errötete tief und ward sichtlich verlegen.
»Unsinn,« rief sie verwirrt, »siehst du denn nicht ein, daß man sich zu zweien einmal ausspricht, daß man sich lächerlich macht, wenn man so lange, abgeschieden von der Welt, wie ein paar Turteltauben in einemnid d'amoursitzt?«
»Lolo,« sagte Falkner ernst, fast traurig.
»Jawohl, lächerlich!« rief sie rechthaberisch und eigensinnig. »Es hat schon genug Aufsehen gemacht, daß ich dich geheiratet habe, aber die Welt muß sich ja begraben vor Lachen, wenn sie sieht, daß wir nichts thun wollen als zu zweien zu kosen!«
Falkner antwortete nicht. Sein Blick wanderte von ihren erregten Zügen hinaus ins Grüne und nach der Richtung des Falkenhofes – – –
»Sie ist noch ein halbes Kind,« dachte er mit einer gewaltsamen Anstrengung, gerecht zu sein. Und sich selbst überwindend, wandte er sich wieder zu ihr und streckte ihr die Hand über den Frühstückstisch entgegen.
»Lolo, nicht wahr, du hast das alles nicht im Ernst gesagt und gemeint?« fragte er freundlich.
»Doch nicht etwa im Spaß?« fragte sie zurück, ohne seine Hand zu sehen. Aber er überwand sich nochmals.
»Das wär' aber doch die einzig mögliche Auslegung,« meinte er etwas ernster und mit Betonung. Da sah sie ihn betroffen an.
»Das seh' ich nicht ein!«
»O, wenn du nur willst, Lolo –«
»Nun gut, dannwillich nicht,« entgegnete sie heftig.
Jetzt zog Falkner seine Hand zurück.
»Eleonore!«
Sie erblaßte ein wenig, als er ihren vollen Namen aussprach, ernst, verweisend, schmerzlich fast. Aber ihr Trotz bäumte sich um so höher auf.
»Eleonore Luise Wilhelmine Friederike ist mein voller Taufname,« sagte sie schnippisch, und als er jetzt Miene machte, sich zu erheben, fügte sie hinzu: »Nein, nein, Alfred,ichgebe nicht nach, wenn du auchà laJupiter donnerst. Sei doch nicht so garstig.«
»Wir können Monrepos jetzt nicht verlassen,« erwiderte er beherrscht undsehrkühl.
»Aber ich sagte dir doch, wenn wir Gäste hätten, könnten wir meinetwegen ja bleiben,« entgegnete sie nachlässig.
»Wirklich?« fragte er, aber es klang mehr traurig als ironisch. »Dein Wunsch ist übrigens schon halb erfüllt, denn Keppler schrieb mir, er bedürfe noch ungefähr einer Woche zur Vollendung deines Porträts. Ich werde ihm also schreiben, daß er kommen mag!«
»Aber der langweilige Farbenkleckser!« rief die junge Frau enttäuscht. »Ein geborner Bauernjunge!« setzte sie vorwurfsvoll hinzu.
»Seine Bildung ist doch aber wohl für uns entscheidend, nicht wahr?« sagte Falkner. »Wenigstens mir imponiert ein wohlerzogener und gebildeter Bauernjunge mehr als eine ungezogene Prinzessin!«
Wenn er mit dieser Bemerkung eine ernste Rüge beabsichtigt hatte, so mußte er sich abermals schwer enttäuscht fühlen, denn Lolo lachte laut auf.
»Gott, er wird anzüglich!« jubelte sie, sprang auf und fiel ihm lachend um den Hals. »Jetzt wirst du vernünftig, alter Brummbär, hörst du?«
»Ich höre und – staune,« erwiderte er kühl.
Sie aber drückte ihm einen Kuß auf die Wange und setzte sich wieder.
»Der langen Debatte kurzer Sinn ist also der, daß ich meine, wir möchten endlich in der Nachbarschaft unsere Besuche machen,« sagte sie.
»Wenn du die Gewogenheit gehabt hättest, diesen kurzen Sinn früher zu exponieren, so hätte dir das jene bösen Worte erspart, welche so wenig für dich paßten,« erwiderte Falkner immer noch kühl und verletzt.
»Ja,wenn!« lachte sie. »Siehst du, ich habe da einmal ein Gedicht auswendig lernen müssen, da verkleidete sich ein Schäfer als Abt, und ein Kaiser frägt ihn, wie lange er braucht, um die Erde zu umreiten. Und da antwortet ihm der Schäfer: ›Wennich mit der Sonne aufstehe,‹ etc. etc. Da lacht der Kaiser und sagt: ›Ihr füttert die Pferde mit Wenn und mit Aber.‹ Du scheinst mir auch solch' ein Hans Bendix zu sein. Als ob ich was dafür könnte, daß ich irgend etwas gesagt habe. Wenn! Ja,wennich zwei Räder hätte, wäre ich wahrscheinlich ein Bicycle und nicht die Baronin Falkner geborene ungezogene Prinzessin von Nordland.«
Nun flog doch ein leises Lächeln über Falkners Züge, und die junge Frau erkannte daraus, daß sie gewonnen hatte.
»Also die Besuche,« setzte sie mit wichtiger Miene hinzu.
»Die können wir heut' noch machen,« erwiderte Falkner. »Schingas und Dolores – falls letztere schon zurück ist – damit wären wir fertig.«
»Dolores soll gestern Abend gekommen sein,« meinte Lolo, »aber daß wir damit fertig wären, ist ganz und gar nicht meine Ansicht. Wir sind ja kein ›Hof‹ mehr in Monrepos, warum uns also so exklusiv machen? Das war früher langweilig genug! Ich bin ja gottlob keine Prinzessin mehr und will auch 'mal andere Leute sehen als den berühmten Keppler, den lumpigen Schinga und die schöne Dolores.«
»Und wer sollen die anderen sein?«
»Nun, liegt nicht ein und eine halbe Meile von hier die berühmte Stadt Kuckucksnest mit ganzen dreitausend Einwohnern? Liegt nicht in dieser selben Seestadt am Mühlgraben ein Ulanenregiment in Garnison? Also auf nach Kreta!«
Falkner überlegte.
»Es ist wahr,« meinte er dann, »wir könnten dort Besuche machen bei den verheirateten Offizieren. Dein Vater hat zwar daran nie gedacht, aber es ist ja hier etwas anderes, und man wird in der Garnisonsstadt die Zurückgezogenheit von Monrepos wohl bedauert haben.«
»Hurra! Nun wird's hübsch!« jubelte Lolo, selig, daß sie gesiegt hatte, und als Falkner ihr sagte, so schnell ginge das nicht, denn man müßte doch erst die Gegenbesuche und die ersten Einladungen abwarten, ehe man an einen wirklichen Verkehr denken könne, da erwiderte sie sehr naiv:
»Aber ich bitte dich! Unser Erscheinen in Kuckucksnest wird das Signal zu den ersten Besuchen der unverheirateten Offiziere bei uns sein. Und das ist doch die Hauptsache.Was mache ich mir aus den Ehemännern und Ehefrauen!«
»Ich dachte doch aber, du wärst auch eine,« warf Falkner ein, halb amüsiert über ihre drollige Unverblümtheit, halb skandalisiert über die unbewußte Frivolität, welche daraus sprach. Und es fiel ihm das Wort der Prinzeß Alexandra ein: »Sie werden noch viel zu erziehen haben an ihr.« – »Vielleicht noch mehr zu bändigen, als zu erziehen,« dachte er mit einem Seufzer.
Lolo plauderte aber immerzu von ihren geselligen Plänen, und wie ein Mühlrad plapperte das rosige Mündchen der jungen Frau rastlos weiter und weiter, während er nur halb hinhörte, mehr angeregt zum Nachdenken als zum Hören. Denn ihm ahnte, daß für diese kleine Widerspenstige ein Petrucchio von besonderer Art gehören müßte, aber er gelobte sich's treulich, es zu werden.
»Ich sehne mich so nach anderen Gesichtern,« plauderte Lolo weiter, »denn siehst du, es war zu Hause wirklich zu eintönig. Und hier in Monrepos im Sommer auch. Der alte Schinga ist ja ganz spaßhaft, aber man will doch 'mal eine Abwechslung haben. Und Dolores wäre ja in ihrer Art sehr nett, aber ich war doch einmal sehr eifersüchtig auf sie und kann den Gedanken nicht los werden, daß ich's wieder werden könnte. Denn, wie ich mir's auch überlege, ich kann mir nicht zusammenreimen, warum ihr euch nicht geheiratet habt.«
»Und das wäre ein Grund zur Eifersucht?« fragte Falkner ironisch, aber im Innern seltsam angemutet von den Worten seiner Frau.
»Nein,« sagte diese, »das wäre eigentlich kein Grund. Aber ich weiß nicht – die Eifersucht muß doch nicht ganz von mir gewichen sein. Ich bilde mir immer ein, daß du sie schöner finden mußt als mich.«
»Nun, dann wollen wir ihr aus dem Wege gehen,« erwiderte Falkner, »nicht, weil ich fürchte, diesem Zauber zu unterliegen, sondern um dir jegliche Bitterkeit und Selbstqual zu ersparen.«
Und in der That hatte er sich vorgenommen, den Falkenhof möglichst zu meiden aus genau dem angegebenen Grunde. Nein, er fürchtete sich nicht, denn er hielt sich mit Recht für stark genug, das Banner der Pflicht allzeit hoch zu tragen, aber er wollte Dolores mehr die Bitterkeit dadurch nehmen, daß er ihr fern blieb, als seiner Frau, auf welche sein Entschluß ja auch jetzt zu passen schien. Dieses Fernbleiben, dieses völligste Entsagen hatte er sich zur Richtschnur gemacht – er wußte, ohne daß sie's ihm gesagt hatte, daß Dolores genau ebenso dachte und handeln würde, daß sie, wie er, mit der ganzen Kraft ihres starken Herzens vergessen lernen würde und verschmerzen. Und er hoffte, daß es dazu nicht zu spät war für beide – daß der Geier, das Leben, sein Werk noch thun und ihren Namen aus seinem Herzen reißen würde, ja er hoffte fast, daß sie etwas thun möchte, das diesen Namen in Lethe tauchen konnte für alle Zeit.
Und so wandten sie sich den nächsten Nachbarn etwas ab und dem Verkehr in der Ulanengarnison zu, welche das interessante Paar freudig begrüßte, denn das weltferne Leben in dem kleinen Nest bot nicht so viel Abwechslung, daß man sich über einen neuen Verkehr nicht gefreut hätte. Die Junggesellendes Regiments besonders waren entzückt über das Haus, das sich ihnen eröffnete, und lagen der reizenden blonden Herrin von Monreposin corporezu Füßen. Es gehörte sehr bald zum täglichen Brot, daß allabendlich mehrere der jüngeren Offiziere in Monrepos erschienen, dort der Frau vom Hause Reitunterricht gaben, mit ihr spazieren fuhren und sich jederzeit sehr gut amüsierten. Und als die Manöverzeit dann herankam und die Kuckucksnester Garnison ausrückte, wurde diese Waffe abgewechselt durch Einquartierung. Da kamen und gingen alle Waffengattungen, und zuletzt lag ein ganzes Regiment Soldaten verteilt in Monrepos, Falkenhof und Arnsdorf, über drei Wochen lang.
In dieser Zeit war Lolo Falkner nicht viel daheim. Sie fuhr oder ritt hinaus zum Exerzieren und Manövrieren ins Terrain, dann kam die Mittagstafel mit den Herren, welche auf Monrepos im Quartier lagen, worauf sich dann meist noch die Herren aus den anderen Kantonnements zusammenfanden, besonders von Arnsdorf her, wo die Quartiere schlecht, die Verpflegung noch schlechter war, wenn auch liebenswürdig und gern gegeben. Da hiervon ein junger Leutnantsmagen aber leider nicht satt wird, ebensowenig wie ein älterer Rittmeistermagen, so kam man meist nach Monrepos herüber, wo die kleine reizende Frau von Falkner jeden ganz kameradschaftlich begrüßte und in dem heiteren Herrenkreise übersprudelte von Lustigkeit und Lebenslust.
Das war eine tolle Wirtschaft,Kriegsvölker und Landesplag' –Und auch in deinem HerzchenViel Einquartierung lag
Das war eine tolle Wirtschaft,Kriegsvölker und Landesplag' –Und auch in deinem HerzchenViel Einquartierung lag
Das war eine tolle Wirtschaft,Kriegsvölker und Landesplag' –Und auch in deinem HerzchenViel Einquartierung lag
Das war eine tolle Wirtschaft,
Kriegsvölker und Landesplag' –
Und auch in deinem Herzchen
Viel Einquartierung lag
singt Heine in seinem Liede von den »blauen Husaren.« Und Falkner konnte sich's nicht verhehlen, daß viel Einquartierung in dem Herzen seiner Frau lag, welche in dieser »wilden Wirtschaft« für ihn höchstens hin und wieder ein flüchtiges Wort oder einen zerstreuten Gruß hatte. Aber daß es »viel« Einquartierung war, das beruhigte ihn und ließ ihm die Sache harmlos erscheinen, wenngleich es ihn mit Besorgnis erfüllte, nicht für jetzt, aber für später. Denn Lolo kokettierte unbedingt, dafür gab es keine Beschönigung, und wenn er freundlich mit ihr sprechen wollte und sie ermahnen, vorsichtiger zu sein, da hatte sie entweder »keine Zeit« oder sie war so »entsetzlich müde,« daß sie für ihn ebenso gut oder noch besser hätte in Haparanda wohnen können, denn dort hätte sie doch wenigstens ein Brief von ihm erreicht, während er hier nicht einmal mit ihr sprechen konnte. Und als er sie einmal zwang, ihn anzuhören, und er ihr ernstlich den freien Ton, das Kokettieren, den ungebundenen Verkehr verwies, da lachte sie ihm ins Gesicht und nannte ihn einen Philister, doch als er ihr die vornehme, ruhige und würdevolle Art und Weise vorstellte, mit der Dolores ihre Einquartierung empfangen hatte und mit ihr verkehrte, da flammte sie plötzlich auf in heller Eifersucht und verbat sich einen Vergleich mit der »Komödiantin« und trieb es nur noch toller wie bisher. Falkner mußte sich gestehen, daß der Charakter der »Satanella,« dem er so unsympathisch gegenüber gestanden hatte, sich nun in seiner Frau entwickelte und unter seinen Augen wuchs, ohne daß er ihm steuern konnte. So stand er unter diesem lauten, lustigen Treiben in seinem Hause allzeit auf dem Posten als liebenswürdiger und aufmerksamer Wirt, aber ernst und unbefriedigtim Herzen die drohende Frage: Was soll das werden? So standen die Dinge in Monrepos, so begann Falkners junge vielbesprochene Ehe.
***
Im Falkenhof war Dolores nach den Hochzeiten der Prinzessinnen wieder eingezogen. Der schöne Besitz war ihr so lieb, so traut, aber sie hätte ihn trotzdem gerne bald verlassen wegen Falkners Nähe und hielt sich doch durch ihre dem Rußschen Ehepaare gegebene Zusicherung, bis zum Herbst zu bleiben, für gebunden durch die Bande der Gastfreundschaft und der Rücksicht auf Falkners Mutter, in welcher sie ihn mit feinem Takt zu ehren gedachte. Daß er sich mit seiner Frau nur in den seltensten Fällen im Falkenhofe sehen ließ, dankte sie ihm von Herzen und verstand es voll und ganz, und so lebte sie hin in der schönen Einsamkeit dieser Sommertage, ganz versenkt in ihre Musikstudien, in ihre Träumereien, welche ihr manch stimmungsvolles Lied, manche wehmütige Weise in den Griffel diktierten. Und da sie ihre Gastfreundschaft nach englischem Muster übte, das heißt ihren Gästen die persönliche Freiheit gewährte und sie nicht in ein geselliges Joch spannte, so war sie am Tage meistens allein und nur zur Dinerzeit mit Doktor Ruß und seiner Frau zusammen. Die beginnende Manöverzeit überraschte sie und störte sie widerwillig auf aus ihrer Zurückgezogenheit, denn sie hatte gar nicht daran gedacht, daß sie Einquartierung bekommen könnte, ungewohnt dieses Zustandes des »Kriegs im Frieden,« den sie im Auslande nicht kennen gelernt hatte. Und als zum erstenmal ein Quartiermacher vor ihr stand, seinen Zettel in der Hand, verstaubt, hungrig und wild aussehend,da bedauerte sie schmerzlich, daß sie nicht dennoch fortgereist war. Aber die Bildung des deutschen Offiziers und die Bescheidenheit und Gutmütigkeit der Leute machten ihr die gefürchtete Sache doch leichter, als sie gedacht hatte. Sie nahm die ungebetenen Gäste mit allem Komfort auf, erschien selbst als Wirtin präsidierend an der allgemeinen Mittagstafel, plauderte wohl noch ein Stündchen mit auf der Terrasse und zog sich dann zurück, es den Herren völlig freistellend, zu bleiben oder ihre eigenen Zimmer aufzusuchen.
Als dann die Husaren auf drei Wochen eingezogen und der Stab, sowie die Offiziere von drei Schwadronen in den Falkenhof gelegt wurden, da ward es fast noch gemütlicher als bei dem ewigen Kommen und Gehen, und sie saß wohl abends nach dem Diner noch ein wenig länger mit Herrn und Frau Ruß in dem angenehmen Kreise der verheirateten Offiziere, während die Junggesellen nach dem »Gesegnete Mahlzeit« meist hinübergingen nach Monrepos, nachdem sie entdeckt, daß Dolores ein Bild ohne Gnade sei und mit einem Kokettierenpour passer le tempshier nicht zu reüssieren war. Wohl entflammten sich ein paar leicht entzündliche Herzen an ihrer unleugbaren Schönheit, aber es wurde von ihrer Seite auf diese Herzensflammen so gar kein Öl gegossen, worauf das Strohfeuer knisternd erlosch und sich drüben in Monrepos neu entzündete. Und es kamen auch Söhne des Mars, welchen die Manichäer hart auf den Sohlen saßen und welche Dolores für eine »verflucht gute Partie« erklärten und besiegen wollten, aber leider merkte sie die Absicht und wurde verstimmt, und als wirklich jemand ein ernstes Werben um sie zeigte, da war die Manöverzeit fast vorüber und Doloresmußte schweren Herzens einen Korb flechten und ihn vergolden, so gut es ging, trotzdem ihr sein Empfänger leid that und ganz leidlich gefiel. Aber aus Mitleid ist nicht gut heiraten und das bloße Ganz-gut-gefallen thut's auch noch nicht.
Jedenfalls aber hätte selbst die böseste Zunge dieser jungen Schloßherrin in ihrem Benehmen gegen die Einquartierung auf dem Falkenhofe nicht den leisesten Vorwurf machen können.
Denn eine Würde, eine HoheitEntfernte die Vertraulichkeit.
Denn eine Würde, eine HoheitEntfernte die Vertraulichkeit.
Denn eine Würde, eine HoheitEntfernte die Vertraulichkeit.
Denn eine Würde, eine Hoheit
Entfernte die Vertraulichkeit.
Mit Doktor Ruß stand sie nach wie vor auf einem angenehmen Konversationsfuße und sie warf es Engels oft vor, daß er den belesenen, klugen Mann falsch beurteile, denn was dieser ihm nachsagte – Eigennutz und Falschheit – das glaubte sie ganz und gar nicht in ihm zu finden, je näher sie ihn kennen lernte, obgleich ihr manchmal der Gedanke kam: »Meint er es ehrlich?« – Doch sie glaubte diese Frage nicht verneinen zu dürfen – hatte er ihr doch noch keinen Beweis vom Gegenteil gegeben! Dagegen war sie überzeugt, daß Frau Ruß es nicht gut mit ihr meine. An die kurze, absprechende Art derselben hätte sie sich mit der Zeit gewöhnt, aber der kalte, musternde, scharfe Blick dieser hellen Fischaugen, welchen sie oft auf sich ruhen fühlte, verursachte ihr ein Unbehagen, das sie sich gar nicht erklären konnte, dessen Vorempfindung schon so stark in ihr war, daß sie sich oft unter einem Vorwande der Gesellschaft dieser unliebenswürdigen und seltsamen Frau entzog und es gar nicht mehr versuchte, Zuneigung zu erringen. Ihr erschien es eine Sisyphusarbeit, das Vertrauen der Frau Ruß zu gewinnen, denn jedesfreundliche und entgegenkommende Wort prallte ab an dem schroffen Felsen dieses unzugänglichen Frauenherzens.
Dieses Zurückweisen ihrer selbst betrübte Dolores mehr, als es sie verletzte, denn Frau Ruß war ihr nicht sympathisch, aber sie hätte ihr gern Liebe erwiesen um ihres Sohnes willen. Mehr noch aber als das verursachten ihr die Nachrichten aus Monrepos thatsächlich Qual, denn die Berichte von dem rastlos tollen Treiben der jungen Frau, und ein gelegentlich aufgefangener müder, doch angstvoller und dann wieder drohender Blick Falkners erzählten ihr von einem traurigen Beginn dieser Ehe, die nichts Gutes verhieß. – –
Es war am Tage vor dem Einrücken der Husaren im Falkenhof. Dolores war am Nachmittage bei Engels in dessen Turmwohnung erschienen, nach langer Zeit zum erstenmal wieder, stürmisch begrüßt vom Teckel Knieper und der Katze Ida.
»Daraus sieht man, wie lange Sie nicht hier waren,« meinte Engels, als Knieper sein Freudengebell etwas gemäßigt und Ida sich auf dem Schoß von Dolores niedergelassen hatte.
»Ja, ja, Sie haben ganz recht mit Ihrem Vorwurf,« erwiderte sie, »aber es ist so manches andere auch noch anders geworden.« – Und sie seufzte.
»Das weiß der Kuckuck!« bestätigte Engels. »Besonders Sie selbst sind anders geworden.«
»Hoffentlich zum besseren,« sagte sie mit schwachem Lächeln.
»Kommt auf die Anschauung an,« meinte Engels. »Mirwaren Sie früher lieber – sprühend vor Lebenslust und Laune, die ganze liebe, warme, leuchtende Gottessonne imHerzen, im Blick – – das bißchen ›Teufelin,‹ das Sie darein mischten, kleidete Ihnen gut, sehr gut. Heut' – du lieber Gott! Heut' sind Sie eine Frau, der das Leben irgend etwas Schweres angethan zu haben scheint, und was von Ihrem alten, sonnigen Wesen geblieben ist, das leuchtet nur noch schwach, wie die Abendsonne. Was ist Ihnen eingefallen, daß Sie vom Morgenrot zur Abendsonne übergesprungen sind? Es giebt im Leben doch auch noch einen Mittag und einen Nachmittag! Da haben Sie die Wahrheit!« –
»Ja, aber sie stimmt nicht ganz,« entgegnete Dolores. »Wer sagt Ihnen, daß es wirklich nur noch Abendsonnenglanz ist, was Sie aus mir leuchten sehen? Es giebt Tage, an denen die Sonne um Mittag so schwach und nichtssagend leuchtet, als stände sie schon tief im Westen. Undwennes Abend wäre – – es wäre das beste, denn dann kommt die Nacht, und in der Nacht ist Ruhe und Schlaf –
Bis zum jüngsten TagSoll mich kein Hahnenschrei wecken,
Bis zum jüngsten TagSoll mich kein Hahnenschrei wecken,
Bis zum jüngsten TagSoll mich kein Hahnenschrei wecken,
Bis zum jüngsten Tag
Soll mich kein Hahnenschrei wecken,
sagte Irrgang, als er sich in den Schnee schlafen legte.«
»Gott erbarm' sich!« sagte Engels erschrocken und aus tiefstem Herzensgrunde heraus, und als Dolores schwieg, stand er auf und trat dicht an sie heran, beugte sich tief zu ihr herab und flüsterte:
»Der Kerl drüben, der Ruß, hat über Ihren Unfall am Hexenloch eine Andeutung, ein Wort eigentlich bloß fallen lassen, das man sich hätte deuten können, als ob Sie selbst – – Sie verstehen mich. Ich hab's aber nicht glauben wollen, Fräulein Dolores – und es ist auch nicht wahr, nein?«
»Nein!« sagte sie und lachte dabei. Dann aber wurde sie wieder ernst. »Ich würde den Tod selbst niemals suchen, denn Selbstmord ist eine erbärmliche Feigheit, eine Fahnenflucht vor dem Leben.«
»Aber,« fügte sie nun gleichfalls flüsternd hinzu. »Aber, je mehr ich mir diesen Augenblick zurückrufe, je fester möcht' ich daran glauben, daß ich nicht ausgeglitten bin, nicht selbst die verhängnisvollen zwei oder drei Schritte gemacht habe, welche mich von dem Hexenloch noch trennten.« –
»Wie denn?« fragte Engels leise, eifrig. »Mußten Sie dann aber nicht fühlen, daß ein anderer Sie schob?« –
»Ich war in tiefen Gedanken, und es ging alles schneller, als man es sagen kann,« entgegnete Dolores nachdenklich. »Eh' ich nur etwas hören, sehen oder fühlen konnte, schlug das Wasser schon über mir zusammen. Nur das eine weiß ich genau, daß ein Ausgleiten beieinemSchritte vorwärts mich noch nicht bis ins Wasser bringen konnte. Vielleicht bin ich aber in Gedanken unbewußt ein paar Schritte gegangen, denn es ist mir schon passiert, daß, wenn mein Geist ganz von anderen Sachen in Anspruch genommen war, ich mich im nächsten Zimmer befand, ohne mich besinnen zu können, daß und wie ich hineingegangen bin. Es ist also möglich, daß ich diese wenigen Schritte doch gemacht habe. Aber nun kommt die Einbildung dazu und macht mir weiß, daß ein Etwas mich von rückwärts hineingedrückt, denn gestoßen ist zuviel gesagt.« –
»Ja, dann müßten Sie aber doch eine Hand, einen Arm – kurz ein Wesen verspürt haben, das Ihnen nahe war, das Sie berührt hat!«
»Ich weiß es nicht. Im Augenblick, als ich wieder am Lande war und meine volle Besinnung wieder hatte, hätte ich schwören können, daß niemand in meiner Nähe war, niemand mich berührt hat. Aber die stetspost festumkommende Einbildung will mir jetzt weismachen, daß ich leise Schritte hinter mir gehört, daß eine Hand mich berührt hat.«
»Ah! Gesetzt aber, Sie hätten diese Schritte gehört, war es da nicht natürlich, daß Sie sich umwandten – natürlich und unwillkürlich?«
»Eben deshalb nenne ich es eine Einbildung, lieber Engels.«
»Ist es auch,« entgegnete dieser. »Ihre andere Lesart, daß Sie unbewußt und in Gedanken die paar Schritte auf das Wasser hin gethan haben, ist entschieden glaubwürdiger und einleuchtend genug. Denn wer in aller Welt hätte denn einen Grund, Sie meuchlings ins Wasser zu stürzen? Keine Seele! Höchstens der Freiherr selbst, der doch zum Falkenhof der Agnat ist.«
»Der hat mich ja aber gerade herausgeholt, ganz abgesehen davon, daß ich ihm nachsah, wie er fortging, als es geschah.«
»Na eben darum!« nickte Engels bestätigend. »Warum, zum Teufel, macht dann aber der alte Schleicher, der Ruß, ein Gesicht, als ob Sie lebensmüde wären?«
»Ach, Engels, das haben Sie wohl falsch aufgefaßt!«
»Vielleicht, Fräulein Dolores. Man weiß ja nie, wie man seine halben Worte und Winke deuten und auffassen soll. Nimmt man eine Redewendung so, und es kommt anders, da sagt er dann sicher: Aber ich habe es Ihnen ja gleich gesagt! Der Teufel mag sich mit dem alten Fuchs ausfinden!«
»Engels, Engels! Da galoppiert Ihre Abneigung wieder mit Ihnen davon!«
»Ach – galoppiert nie übers Ziel!« machte Engels. Dann, nach einer Pause, nahm er einen Brief aus einer Mappe. »Hier,« sagte er, »ist ein spanisches Schreiben von Ihrem brasilianischen Bevollmächtigten. Es wird sich wohl um die Pflanzen handeln, welche Sie von da verschrieben haben, hier im Treibhaus ziehen und dann acclimatisieren wollen. Die Adresse ist deutsch und an mich gerichtet, aber da ich Spanisch leider nicht kann, wollte ich Sie bitten, mir's zu übersetzen – schriftlich, damit ich's mit dem Original meinen Belegen beiheften kann.«
»Gern,« erwiderte Dolores. »Sie werden es morgen früh beim Rapport bereit finden. Und nun guten Abend – ich muß hinein, denn es giebt mit Mamsell Köhler noch eine Menge zu besprechen für die neue Einquartierung!«
»Guten Abend, Fräulein Dolores. Und – nichts für ungut!«
»Ach, wegen Ihres Selbstmordverdachtes? Nein, nein – nichts für ungut,« erwiderte Dolores lächelnd und ging.
Aber der Abend war schön und die Luft rein und klar nach einem köstlich erfrischenden Regen, und darum machte sie doch noch einen kleinen Umweg, ehe sie ins Schloß zurückkehrte. Sie ging in einem an beiden Seiten dicht mit Buschwerk bestandenen Laubgange dahin, zog den Brief aus dem Couvert mit der fremdländischen Marke darauf und begann ihn durchzulesen, hin und wieder einen Moment stehen bleibend. Und in einem solchen Moment erklang ein schnalzendes Geräusch, wie das Zusammenschlagen zweier Hände, nichtlauter, und Dolores war es, als bekäme der Brief in ihrer Hand einen Schlag, und als sie den Bogen wieder glättete, sah sie, daß sich ein kleines, sehr kleines, rundes Loch mit angesengten Rändern darin befand, das sie bisher nicht bemerkt. Einen Moment stand sie frappiert, dann sah sie rechts und links in das Gebüsch, es beiseite biegend und ging darauf den Weg zurück zu dem Turme, den Engels bewohnte.
Der war sehr erstaunt, sie wieder eintreten zu sehen.
»Haben Sie etwas vergessen, Fräulein Dolores?«
»Nein,« sagte sie ruhig. »Ich wollte nur fragen, ob der spanische Brief dieses kleine Loch schon hatte, als Sie ihn mir gaben.«
Engels nahm den Brief, setzte sich die Hornbrille auf und beobachtete mit hochgezogenen Brauen das kleine, seltsame Zeichen.
»Ist mir nicht aufgefallen,« sagte er verwundert. »Da ist ja ein Schuß durchgegangen!«
»Eben darum frage ich,« erwiderte Dolores gelassen.
»Hm –! Soviel ich weiß, war diese Kugelmarke nicht in dem Briefe. Diemüßteich ja gesehen haben, nicht wahr? Merkwürdig kleines Kaliber – wie aus einer Teschinpistole.«
»Ja,« sagte Dolores lakonisch, und als sie Engels' fragenden Blick sah, zuckte sie mit den Achseln. »Vielleicht wieder ein Selbstmordversuch von mir,« meinte sie mit einem kurzen Lachen, das etwas forciert war.
»Donnerwetter!« machte Engels.
»Nein, bitte, kein Wort davon,« bat sie. »Das bleibt unter uns. Aber die Augen wollen wir beide offen halten, nicht wahr?«
Und damit ging sie wieder, furchtlos und langsam, denselben Weg nach dem Falkenhof zurück und direkt bis in ihr Schlafzimmer. Dort zog sie das Schubfach ihres Nachttisches auf – da lag die winzige, kleine Teschinpistole, wie immer, daneben stand das Blechbüchschen mit den Patronen. Sie hatte die Gewohnheit, die kleine Waffe allabendlich zu laden und früh die Patrone wieder herauszuziehen – auch jetzt war der Schuß herausgezogen.
»Ich muß doch die Patronen einmal zählen,« dachte sie. Es waren noch dreißig Stück in der Büchse, und die schloß sie fort.
Die nächste Stunde ihres Nachdenkens war nicht gerade erbaulich. Sie dachte zwar nicht an die für sie rätselhafte Episode am Hexentümpel, wohl aber an den rätselhaften Schuß, der sein Ziel wahrscheinlich verfehlt hatte, denn wer hätte die kühne Idee, einen Brief zu durchschießen, der gerade gelesen wurde? Höchstens doch ein Kunstschütze von der Fertigkeit eines Ira Aldridge. Nein, der Schuß galt ihr. Aber warum? Wem hatte sie etwas gethan? Wer hatte ein Interesse daran, sie zu töten?
Sie dachte an einen ihrer brasilianischen Vögte, den sie neulich auf den Bericht ihres Bevollmächtigten, und weil er sie bewiesenermaßen bestohlen, entlassen hatte. Sollte der Mann sich haben rächen wollen? Unmöglich war das nicht, aber wie wäre er von Brasilien nach Norddeutschland gekommen? Das ist ein weiter Weg, und ehe er zurückgelegt ist, wozu Zeit und – Mittel gehörten, da ist die erste Wut schon abgekühlt. Aber es war der einzige Anhaltepunkt für sie, und als sie beim besten Willen keinen anderen fand und der Kopfsie anfing zu schmerzen, da ging sie herab und fand auf der Terrasse die sie suchte – Doktor Ruß mit Frau. Denen erzählte sie die Geschichte dieses Schusses, und Doktor Ruß riet sofort einen Kriminalkommissar kommen zu lassen, der im Falkenhofe Wohnung zu nehmen hätte, um dem geheimnisvollen Schützen auf die Spur zu kommen. Doch davon wollte Dolores nichts wissen. Sie teilte Doktor Ruß ihren Verdacht mit und meinte, es würde wohl auch durch Ramo zu erfahren sein, ob ein Fremder sich hier herumtriebe, denn irgend jemand müsse ihn doch sehen, da ein Mensch Nahrung brauche und dieselbe wieder nur durch Menschen zu erlangen sei.
Doktor Ruß billigte im ganzen den Plan, Ramo auf die Spur des Attentäters zu hetzen, hielt aber seine Idee für erfolgreicher. Frau Ruß sagte, wie gewöhnlich, nichts, doch bemerkte Dolores, daß sie ihr Strickzeug ruhen ließ und die großen, hellen, kalten Augen, welche durch eine merkwürdig kleine Pupille und durch eine sehr große Iris etwas seltsam Steinernes hatten, fest auf ihren Gatten heftete und denselben unausgesetzt ansah, trotzdem es schon zu dämmern anfing.
»Sie sucht in seinem Gesicht zu lesen, was sie von der Sache denken darf und was nicht,« sagte sich Dolores und war froh, daß diese schrecklichen Augen nicht auf sie starrten – unausgesetzt starrten, ohne daß ihre Wimpern gezuckt hätten. Doch auch dem Doktor Ruß, der es anfangs nicht zu bemerken schien, wurde dies Anstarren zu viel.
»Es ist feucht, mein Liebling,« flötete er, sich plötzlich zu seiner Frau wendend. »Ich fürchte für deinen Rheumatismus. ›Refma‹ nennt unser guter Graf Schinga dieses Übel,« wandte er sich lächelnd an Dolores.
»Ich habe keinen Rheumatismus,« sagte Frau Ruß, ohne ihrem Blicke eine andere Richtung zu geben.
»Dennoch würde ich dir raten, hineinzugehen, damit du ihn nicht bekömmst,« schlug Doktor Ruß liebevollen Tones vor, und da seine Frau noch zögerte, sagte er etwas scharf: »Nun, meine Teure?«
Da begann sie gehorsam ihren Strickstrumpf zusammenzurollen, ohne die Augen von ihm abzuwenden, doch ehe sie noch fertig damit war, erscholl unten eine helle, frische Stimme. Es war Lolo Falkner.
»Salem aleikum!« rief sie, die Treppen hinaufspringend. »Ich komme, mir eine Tasse Thee und ein Butterbrot ausbitten, Dolores, denn ich habe einen Mordshunger. Wir haben heut' früher diniert, weil unsere Herren von der Artillerie abrücken mußten – na, die vertragen schweres Geschütz vom alten Rheinwein! Dann, wie sie weg waren, habe ich geschlafen und nun bin ich hergelaufen, weil mir sofurchtbareinsam war. Darf ich bleiben?«
»Aber ich bitte darum,« sagte Dolores, die vorher den beiden noch zuflüsterte: »Bitte, nichts von dem Schuß sagen!«
Lolo reichte ihr und Doktor Ruß die Hand, that, als ob sie die ihrer Schwiegermutter küßte, und setzte sich, den Hut fortwerfend.
»Wo ist denn dein Mann?« fragte Frau Ruß, welche nun ruhig sitzen blieb.
»Alfred? Ich weiß nicht – er wird wohl zu Hause sein,« meinte Lolo unbefangen.
»Ja, weiß er denn nicht, daß du hier bist?« inquirierte Frau Ruß weiter.
»I, keine Spur,« versicherte die junge Frau. »Woher soll er's denn wissen? Ich hab's ja niemand gesagt, als ich fortging.«
»Nun, dann brauchte dir ja nicht so furchtbar bange zu sein, wenn Alfred zu Hause war,« setzte Frau Ruß das Gespräch fort.
»Was? Mit Alfred allein bleiben? Schrecklicher Gedanke,« rief Lolo entsetzt. »Ein Ehepaar allein zusammen ist der Inbegriff der Langeweile, das mußt du ja aus doppelter Erfahrung selbst wissen, Mama!«
»Hm! Hm! Hm! Hm!« sang Doktor Ruß eine harpegierte Quart und kicherte lautlos in sich hinein, während über Dolores ein Zorngefühl kam, als müsse sie aufspringen und die kleine Freifrau gründlich beuteln.
»Ich finde, diese Erfahrung kommt für dich etwas früh,« entgegnete Frau Ruß schlagfertig, aber fliegenden Atems vor Erregung.
Lolo Falkner lachte.
»Er ist ja sonst ganz nett,« gab sie großmütig zu, und dann ihre langen Handschuhe zusammenballend und in die Luft werfend, sang sie aus voller Kehle: »Und morgen kommen die Husaren –! – Du, Dolores, morgen kommt auch dein alter Freund, der Kleckser, um mein Gesicht fertig zu pinseln – na, wie heißt er denn gleich?«
»Der Name Johannes Keppler ist von europäischem Ruf,« sagte Dolores finster und steif.
»Als ob mich das verpflichtete, jeden Anstreicher zu kennen,« lachte Lolo in unverändert guter Laune.
In diesem Moment bog Falkner um die Ecke und trat alsbald auf die Terrasse.
»Ah – da haben wir ja denselben Gedanken gehabt,« meinte Lolo gedehnt, als sie ihm zwei Finger zum Gruß reichte. »Du kommst doch auch, Dolores zu besuchen?«
»Auch das, wenn sie es gestattet,« erwiderte Falkner etwas scharf. »Aber ich kam eigentlich, dich zu holen –«