»Ja schöne Seelen finden sichZu Wasser und zu Lande«
»Ja schöne Seelen finden sichZu Wasser und zu Lande«
»Ja schöne Seelen finden sichZu Wasser und zu Lande«
»Ja schöne Seelen finden sich
Zu Wasser und zu Lande«
trällerte Lolo.
»Es wäre in jedem Falle sehr freundlich gewesen, mich von deinem Ausgange zu unterrichten,« bemerkte Falkner.
»Na, da habt ihr die Standpauke,« rief Lolo mit komischer Resignation. »Ich hab's ja gleich gesagt, solch' ein Ehepaar ist eine schöne ›Stütze der Gesellschaft,‹ in Bezug auf interessante Konversation.«
»Ich höre eben, daß Keppler morgen kommt,« fiel Dolores schnell ein, um weitere Auseinandersetzungen der jungen Frau zu verhindern.
»Ja, er kommt,« sagte Falkner rauh, »aber ich fürchte, seine Zeit wird verloren sein, denn die Stunden, die mir verweigert sind, dürften ihm kaum gewährt werden.«
»Cela dépends,« warf Lolo lustig ein.
Falkner stand auf.
»Wir wollen nach Hause gehen,« sagte er, mühsam beherrscht.
Aber sie rührte sich nicht vom Flecke.
»Erst mein Abendbrot,« rief sie, mit ihren Handschuhen spielend.
Und sie blieb wirklich, bis Thee und kalte Küche serviert waren, dann erhob sie sich auf das Zeichen ihres Mannes.
»Wir haben nun gegessen und sind geworden satt,Hätt's aber mehr gegeben, hätt's auch nichts geschad't«
»Wir haben nun gegessen und sind geworden satt,Hätt's aber mehr gegeben, hätt's auch nichts geschad't«
»Wir haben nun gegessen und sind geworden satt,Hätt's aber mehr gegeben, hätt's auch nichts geschad't«
»Wir haben nun gegessen und sind geworden satt,
Hätt's aber mehr gegeben, hätt's auch nichts geschad't«
deklamierte sie lustig.
Auf dem Heimwege sprachen sie kein Wort, und Lolo füllte den langen Weg damit aus, daß sie wie ein Gassenbube allerlei Gassenhauer pfiff. In Monrepos angelangt, öffnete Falkner ihr die Thür ihres Boudoirs.
»Du wirst nach all dem wohl dein Zimmer einem gemeinschaftlichen Zusammenbleiben, das so wenig Chic ist, vorziehen,« sagte er.
»Mach' kein so brummiges Gesicht,« erwiderte sie lächelnd statt einer Antwort, und als er, finster genug dareinschauend, ein paar Schritte zurücktrat, fügte sie hinzu: »Wer wird denn jedes Wort, das man sagt, auf die Goldwage legen! Man renommiert manchmal und meint es anders – und besser!«
»Soll das eine Entschuldigung sein für dein Benehmen?« fragte er, trat in das Zimmer und schloß die Thür hinter sich.
»Entschuldigung?« murmelte sie verwundert. »Ja, habe ich denn nötig, mich zu entschuldigen? Und bei dir?«
Falkner nahm die Thürklinke wieder in die Hand.
»O, wenn du es nicht fühlst und dessen nicht bedarfst, dann ist die Sache ja erledigt,« sagte er bitter. Aber im Gehen besann er sich, daß er mit dem kleinen blonden Geschöpfe dort eine Verantwortung übernommen hatte – eine Verantwortung, schwer und ernst wie selten eine. Er beherrschte sich also nochmals und trat nah an die junge Frau heran. »Lolo,« sagte er herzlich und freundlich, »Lolo, istes denn dir nie eingefallen, daß du mich durch deine Vernachlässigung kränken und betrüben könntest? Ist dir in dem tollen Treiben dieser Woche niemals der Gedanke an mich gekommen?«
»Wieso denn?« fragte sie naiv zurück. »Du warst ja immerzu da!«
»Aber deinem Herzen so weit,« ergänzte er herzlich.
Sie sah ihn groß an und tippte mit dem Zeigefinger ihrer rosigen Rechten auf ihre Stirn, auf der das blonde Haar wie Federn so duftig und leicht lag.
»Du bist verrückt, mein Kind!«
»Du bist verrückt, mein Kind!«
»Du bist verrückt, mein Kind!«
»Du bist verrückt, mein Kind!«
sang sie leise.
Ihm stieg die Zornesröte siedend ins Antlitz, und ein heftiges, böses Wort drängte sich ihm auf die Lippen, aber er bezwang beides.
»Lolo, kannst du ein ernstes Wort nicht auch einmal ernst anhören? Habe ich denn schon ganz aufgehört, dir etwas zu sein?«
»Ach, du guter, alter, dummer Schatz!« lachte sie ihn an, daß alle Grübchen in ihrem reizenden Kindergesichtchen zu Tage traten. »Wann wirst du nur aufhören, ein sentimentaler Ehemann zu sein?«
»Ist das Sentimentalität, Lolo?« sagte er ernst, fast traurig.
»Natürlich, krasse Sentimentalität,« erwiderte sie. »Und nun will ich schlafen gehen, denn morgen kommen die Husaren!«
»Eleonore –!«
»Ja, ja, ja,« rief sie und hielt sich die Ohren zu. »Ich weiß schon, was du sagen willst, aber es soll doch eine lustige Zeit werden, denntel est mon plaisir!«
Da verließ er sie, zornig, betrübt und empört zugleich und saß die ganze Nacht auf und sann, und ging mit sich zu Rate, was hier zu thun seine Pflicht sei, denn er durfte sie diese schiefe Ebene nicht weiter gehen lassen, damit sie nicht ins Rollen kam und am Abgrund keinen Halt mehr hatte. Er hatte in den schönen, stolzen Zügen von Dolores gelesen, wie sie über das Wesen und Gebaren seiner jungen Frau dachte, aber er hatte darin auch zu lesen geglaubt, daß sie ihn verantwortlich machte dafür, und dieser Gedanke gab ihm neue Kraft, wenn der gerechte Zorn über Lolo ihn übermannte und er das übermütige kleine Geschöpfchen als unverbesserlich beiseite schieben wollte.
»Noch drei Wochen, und ich bin wieder allein mit ihr, und dann will ich mit leiser, zarter Hand, daß sie's nicht merkt, die wilden Schößlinge in ihrem Charakter zu veredeln suchen,« dachte er mit dem festen Vorsatz eines Mannes, der die Pflicht zur Richtschnur genommen hat und weder rechts noch links sehen will. Aber er dachte es auch mit jener souveränen Zeitbestimmung der Menschen, welche ihr »Ichwerdees thun« aussprechen, als wären sie der Ausführung ihres Vorsatzes sicher. Hätte Falkner gewußt, wie es in drei Wochen hüben wie drüben aussehen würde – doch auch Lolo dachte an jenem Abende noch an Dolores, denn wie sie vor den Spiegel trat, da fiel ihr ein, wie die Lehnsherrin vom Falkenhof bei ihren unbesonnenen, vielleicht wirklich nur halbgemeinten Worten sie angeschaut – vorwurfsvoll und mit unverhehlter Verachtung, wie sie meinte.
»Schon ganz altjüngferlich,« dachte sie zornig. »Und wenn sie Alfred bedauert wegen seiner schlechten Behandlungdurch mich, warum hat sie ihn denn nicht geheiratet? Er war ja zu haben, ehe ich in Betracht kam! Wart', Donna Dolores Falconieros, für diese Gardinenpredigt ohne Worte werd' ich dir schon noch einen Schabernack spielen.«
Im Falkenhofe beschäftigte man sich natürlich auch mit dem Paare. Frau Ruß gab ihrem Manne gegenüber ihrer schwiegermütterlichen Entrüstung vollsten Ausdruck – das war der Instinkt, mit dem die Löwin ihr Junges, die Henne ihr Kücken verteidigt, selbst gegen imaginäre Gefahren. Doktor Ruß beantwortete diesen Ausbruch seiner Gattin mit Lächeln und Achselzucken.
»Wenn dein Sohn kein Pantoffelheld ist, so wird er sich schon zu helfen wissen. Sie sind eben noch in den Flitterwochen, die beiden, und trotzdem ichsiefür einen kleinen Satan halte, denke ich doch, daßerden Spieß bald umdrehen wird,« meinte der erfahrene Mann.
Doch Frau Ruß war einmal herausgetreten aus sich und ihrem Schweigen, und ihr volles Herz mußte das, wovon es überlief, erst von sich geben.
»Ah, du glaubst, Alfred wird ein Ehemann werden von deinem Schlage,« sagte sie anzüglich, »ein Knechter, ein Unterdrücker, ein unbarmherziger Niedertreter des eigenen Willens und eigenen Fühlens.«
»Ei, ei, Frau Adelheid Ruß, da hört man ja plötzlich eine Meinung von Ihnen,« hohnlachte er, sichtlich sehr amüsiert über dieses Rütteln an den Ketten, diesen Ausbruch lang zurückgehaltenen Unmuts.
»Hab' ich etwa nicht recht?« fragte Frau Ruß. »Hab' ich mich heut' Abend nicht ins Haus schicken lassen müssen von dir, wie ein unartiges Kind?«
Diese Worte machten der Heiterkeit des Doktor Ruß sofort ein Ende.
»Warum hast du mich so unausgesetzt angesehen?« fragte er.
Nun zuckte sie mit den Achseln.
»Sieht doch die Katze den Kaiser an,« erwiderte sie kurz.
»Ei, ei! So, so!« machte Doktor Ruß langsam. »Nun, mir ward es lästig, und ich schickte dich darum hinein, meine Süße.«
Sie antwortete nicht, doch ein seltsam forschender Blick huschte hinüber zu ihm.
Da trat er hart an sie heran und sah ihr in das kalte, wieder ganz ausdruckslos gewordene Gesicht.
»Ich will wissen, warum du mich so angesehen hast,« sagte er leise, fast zischend, und als sie darauf nur gleichgültig mit den Achseln zuckte, fuhr er fort: »Ich werde deiner Erinnerung etwas zu Hilfe kommen. Es war, als Dolores uns die Geschichte von dem Schuß erzählte.«
»Ja,« erwiderte Frau Ruß unbewegt. »Ich wollte gern wissen, ob du sie für wahr hieltest –«
»Und weiter hatte dein auffälliges Anstarren keine Bedeutung?« forschte er weiter.
»Ich wüßte nicht, welche,« gab sie zurück.
»Ich wollte dir's auch geraten haben,« murmelte er laut genug, um verstanden zu werden, und ging dann ein paarmal im Zimmer auf und ab, ohne es zu bemerken, daß Frau Ruß ununterbrochen die Schlingen an ihrem Strickzeug fallen ließ – eine Nachlässigkeit, die ihr sonst kaum passierte. Aber sie hob die Schlingen nicht wieder auf, sondern strickte in einem Tempo weiter, welches sehr gut und täuschend dasZittern ihrer großen, weißen Hände verbarg. Und Doktor Ruß sah weder auf die Hände, noch auf die Socken von Estremadura, welche für ihn entstanden, und er sah auch nicht die verlorenen Maschen, welche ihm hätten sagen müssen, daß das innere Gleichgewicht seiner Frau in wildem Schwanken begriffen war. Doch, wie gesagt, das Tempo, in welchem sie weiterstrickte, ohne anzuhalten, maskierte all' das vollständig, und nach einer Pause nahm Doktor Ruß das Gespräch wieder auf.
»Der Schußkannden Ursprung haben, den Dolores ihm beimißt,« begann er, »obgleich die Idee, daß ein rachsüchtiger Brasilianer aus Südamerika eigens dazu herreisen sollte, um sich für seine Absetzung zu rächen, stark abenteuerlich und romanhaft ist. Aber unmöglich ist es immerhin nicht, und Ramo wird schon aufpassen. Ich für meinen Teil denke aber, das Papier wird die Kugelmarke schon gehabt haben, als es hier ankam, und Engels hat sie einfach übersehen, als er sah, daß der Brief spanisch war und er ihn doch nicht lesen konnte. Nun glaubt ja Dolores, die Detonation der Waffe gehört, den Briefbogen in ihrer Hand sich bewegen gefühlt zu haben. Beides kann auf Täuschung beruhen, denn es giebt Schußwaffen, deren Knall kaum dem Schnalzen der Zunge an Stärke gleichkommt –«
»Ich weiß es,« sagte Frau Ruß. »Dolores hat eine Pistole, mit der sie neulich Scheibe schoß. Man hörte die Schüsse kaum.«
»So?«
»Sie hatte dir die Waffe ja wohl geliehen, als sie verreist war?« fragte Frau Ruß unbefangen.
»Mir? Wie kommst du darauf?« fragte er, stehenbleibend, scharf. »Hast du mich damit schießen sehen?«
Die Nadeln flogen, und die Maschen fielen ungezählt, wie gesäet – –
»Nein, ich dachte nur, weil du davon sprachst, dir die Waffe zu leihen.«
Wieder ging er auf und ab.
»Nein, ich that es nicht,« meinte er, »es hat keinen Zweck, und die Pistole kann unkundigen Händen gefährlich werden, wie Dolores sagte. Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Ich war immer ein schlechter Schütze.«
»Ja,« sagte Frau Ruß. »Gottlob!«
»Wie so, teures Weib?«
»Nun, es ist schon so viel Unglück passiert mit dem dummen Schießen,« schloß sie, und er nickte bestätigend.
Daß Dolores selbst an jenem Abende noch lange über diesen vielbesprochenen Schuß nachdachte, ist selbstverständlich, wenn man erwägt, daß sie sich als Zielscheibe dafür ansehen mußte. Ramo, dem sie nun auch davon erzählte und ihm auftrug, wachsam zu sein, war mehr erschrocken als er zeigte, und kombinierte sogleich die Fußstapfen im Nordflügel, der nunmehr für die Einquartierung wieder eingerichtet war, mit dem Schützen im Park. Doch Dolores wollte das nicht einleuchten.
»Denke nur, wie lange es her ist, seitdem wir damals diese Fußspuren fanden,« meinte sie. »Es ist viel Zeit dazwischen, mehr als jemand nötig hat, um einen geeigneten Moment zum Abfeuern des Schusses zu finden.«
Ramo mußte seiner Herrin recht geben, und obgleich Dolores sich einzureden versuchte, daß die Kugelmarke wirklich vorher schon in dem Briefbogen war, ging sie doch mit dem unheimlichen Gefühl zur Ruhe, daß es anders war und jemand existierte, der ihr feindlich gesinnt war.
Beim Durchgehen durch das kleine Bibliothekzimmer neben ihrer Schlafstube fand sie einen mächtigen Band auf dem Tische liegen, den sie vorher nicht gesehen. Auf ihre Frage berichtete Ramo, daß Doktor Ruß den Band heut' Nachmittag, als Dolores ausgegangen war, selbst heraufgebracht und, da er sie nicht antraf, hier niedergelegt und mit Zeichen versehen hatte. Er, Ramo, sei indes abgerufen worden und als er nach ein paar Minuten wieder zurückgekehrt sei, um dem Herrn Doktor die Thür zu öffnen, habe er Doktor Ruß oben nicht mehr angetroffen.
»Ich hab's im ganzen nicht gern, wenn jemand sich in meinen Zimmern aufhält, während ich ausgegangen bin,« meinte Dolores, sich setzend, »doch das soll kein Tadel für dich sein, lieber Ramo.«
»Ich weiß, meine Herrin ist gütig,« murmelte der erprobte Diener beschämt. »Und wenn mich Tereza nicht für einen Moment in den Korridor gerufen hätte, wäre Herr Doktor auch nicht allein hier zurückgeblieben.«
»O, ich meine ja nicht, daß Doktor Ruß oder jemand anderes hier etwas Unrechtes thun würde,« erwiderte Dolores lächelnd über die Auffassung Ramos. »Mir ist nur der Gedanke fatal, daß ich meine Zimmer nicht immer für mich allein habe.«
»Sehr wohl,« erwiderte Ramo, dessen Fehler langsames Begreifen nicht war, und ging mit einem unterthänigen »Gute Nacht!«
Dolores schlug den gebrachten Band auf – es war eine alte Meriansche Chronik, von welcher Doktor Ruß ihr gesprochen und die er aus der großen Bibliothek hervorgesucht hatte. Trotzdem sie für diese Litteratur großes Interesse hatte, las sie heut' dennoch nicht jene naiven und schlichten Berichte »kurioser Begebenheiten« vergangener Jahrhunderte, sondern blätterte zerstreut in den Kupferstichen und Holzschnitten, welche verschwenderisch die Chronik zierten. Darüber wurde sie müde, und als sie sich erheben wollte, um schlafen zu gehen, da überkam es sie mit solcher Mattigkeit, daß sie sich in ihrem Sessel zurücklehnte und die Augen schloß. Da hatte sie das angenehme, wohlige Gefühl, langsam und leise zu schweben, gelehnt in einen festen, sicheren Arm, und als sie wieder festen Boden unter sich spürte und mit Anstrengung versuchte, die Augen zu öffnen, da sah sie sich oder glaubte sich vor dem Bilde der Ahnfrau drinnen zu sehen im Saal, trotzdem sie keinen Fuß gerührt hatte, hinein zu gehen. Und die Ahnfrau trat aus dem Rahmen heraus und an ihre Seite.
»Ich habe seinen Arm berührt, daß die Kugel dich nicht traf,« hörte sie die sanfte, traurige Stimme sagen.
»Wer? Wessen Arm?« wollte Dolores sagen, aber sie fühlte, daß sie ihre Zunge nicht regen konnte. Und die Ahnfrau legte die weißen, schlanken Hände auf ihr Haupt.
»Es ist nicht an uns, anzuklagen und zu richten. Denke daran, daß die Gefahr noch nicht vorüber ist,« schien sie zu sagen.
Und wieder war es Dolores, als schwebte, schwebte, schwebte sie, und käme wieder hinab auf die Erde – da fuhr sie empor mit einem Schrei.
»Die Herrin hat schon geträumt,« sagte Tereza mit einem Lächeln auf den schwarzen Zügen, indem sie aus der Thür, in der sie gestanden, näher trat.
»Geträumt?!« wiederholte Dolores schlafbefangen.
»Nur kurz, nur ganz kurz,« meinte die alte Negerin beruhigend. »Du gingst hinein in den Saal, Herrin, und kamst sehr bald wieder zurück, und sankst in deinen Stuhl und träumtest. Soll ich dich nicht lieber zu Bett bringen?«
»Ja,« sagte Dolores. »Also ich war im Saale drinnen?«
***
Der andere Tag kam, und mit ihm kamen die von Lolo Falkner so heiß ersehnten Husaren und brachten neues, frisches Leben mit einem Schlage wieder in die grüne Waldeinsamkeit des Falkenhofs und von Monrepos. Freilich, mit der träumerischen Ruhe, die über den Schlössern schwebte und webte, war's wieder für Wochen vorüber, denn Sporenklirren, Säbelrasseln, Wiehern, Stampfen und Trompetensignale verscheuchten die Stille des thaufrischen Morgens, der Sommermittagsschwüle und der warmen Abende, und der Mond, der sein Licht so gern aufsaugen ließ von den goldbronzefarbenen Haarmassen auf Dolores' Haupt und von ihren weißen Kleidern, die sich so weich um ihre schöne Gestalt schmiegten – der es funkeln, flimmern und gleißen ließ in dem Staubsprühregen der Fontänen und geheimnisvoll durch das dichte Laubwerk und über die stillen dunkeln Wasser des Hexenloches huschen ließ – dieses selbe Licht versilberte jetzt nochdie Tressen, Schnüre und Waffen der Husarenoffiziere, wenn sie abends auf der Terrasse saßen und auf die köstlichen Pfirsiche, welche die Spaliere des Falkenhofs lieferten, kalten Sekt gossen und diese köstlichste und einfachste aller Bowlen behaglich schlürften. Denn das Wetter befürwortete diese langen, herrlichen Abende auf der Terrasse sehr – es war ein ideales, warmes, sonniges Erntewetter, und das Plus an Hitze milderte ein gelegentlicher kurzer, aber erquickender Gewitterregen stets zur richtigen Zeit. Natürlich waren von den im Falkenhof einquartierten Herren zwei Drittel passionierte Jäger. Sie hatten zum Teil sogar ihre Hühnerhunde mitgebracht und, kaum waren sie aus dem Dienste gekommen und vom Pferde gestiegen, benutzten sie sogleich die gegebene Erlaubnis und gingen auf die Hühnerjagd. Die Jagd auf Hasen sollte zwar erst eröffnet werden, doch die Waldungen des Falkenhofs boten auch ein reich bestelltes Revier für Rehe und Hirsche, und so wurde das Reich der Freiin Dolores für die gewaltigen Nimrode im Husarenattila ein Paradies, das einst verlassen zu müssen sie heut' schon mit tiefstem Bedauern erfüllte.
Gewaltiger noch wurde die Aufregung und Jagdleidenschaft, als die Herren eines Abends die Nachricht mitbrachten, daß ein Steinadler mit gewaltiger Flugspannung im Falkenhofer Revier gesehen worden sei. Ein Förster meldete gleichzeitig, daß der Gewaltige schon Raubzüge auf Rehkitzen und junge Feldhühner mit Erfolg ausgeführt habe. Nun wurde dieser höhere Sport zur Notwendigkeit, doch die List und Wachsamkeit dieses verflogenen königlichen Vogels trotzte beharrlich der Geschicklichkeit und sicheren Hand seiner Verfolger.
Mit den Husaren war auch Keppler wieder in Monrepos angekommen und hatte sich alsbald auch im Falkenhof gemeldet.
»Da bin ich schon wieder,« hatte er gesagt, »ich, der ich kaum früher Zeit hatte, um die Aufträge der Fürsten dieser Welt anzunehmen, ich bin freiwillig hier, um das rosige Kindergesichtchen einer Lolo Falkner zu vollenden. Nein, Fräulein Dolores, Sie müssen mich nicht tadelnd ansehen, denn was können Sie für den Geschmack Alfred Falkners? Nichts, obgleich ich ihm einen besseren zugetraut hätte; oder wollen Sie's leugnen, daß die Baronin Lolo hübsch, aber oberflächlich und unbedeutend ist? Ja, wenn's noch die Großherzogin Alexandra wäre –!«
»Warum sind Sie denn gekommen?« fragte Dolores abweisend.
Keppler sah sie an und lächelte trüb.
»Warum? Es zog mich her – ich hatte keine Ruhe daheim, keine Ruhe auf der beabsichtigten Studienreise. Und die Leute hier sind ein schöner Völkerschlag – ich kann auch hier Studien machen.«
»Lolo wird wenig oder gar keine Zeit für Sie haben,« sagte Dolores ernsthaft.
»Wahrscheinlich nicht, denn sie ist fast noch ein Kind, das gern mit Puppen spielt. Und die Husaren leuchten so schön in ihren roten Röcken, während ich einen grauen Sommeranzug trage und nicht einmal mehr den Frack, wie in jener Zeit, da ich Ihre Durchlaucht, die Prinzeß Eleonore von Nordland malte. Falkner wollte es so.«
»Natürlich. Wenn Sie aber wissen, daß Lolo Ihnen nicht sitzen wird –«
»In der Ahnengalerie des Falkenhofs fehlt nochIhrBild, Fräulein Dolores, und ich bin ehrgeizig genug, dieses Porträt malen zu wollen. Was sagen Sie dazu, daß ich unter die Streber gegangen bin, unter die Bewerber um solchen Preis?«
Was sollte sie dazu sagen? Sie konnte die Bescheidenheit, die Demut des größten Porträtmalers nur bewundern und fand sie rührend – aber sie hätte doch verstehen müssen, daß diese Demut in der Liebe ihren Ursprung hatte.
»Sie haben mich schon einmal gemalt –« wandte sie ein.
»Als Satanella, ja. Aber dies Bild ist mein, es erinnert mich an die Zeit, da Sie den Purpurmantel wahrer Künstlergröße trugen,« erwiderte er. »Jetzt ist der Purpur abgestreift und er liegt zu Ihren Füßen, ein Teppich, über den Sie hinwegschreiten. Doch ich gestehe gern, daß Ihnen das weiße Gewand der Châtelaine, der Waldfrau einen neuen, vielleicht höheren Reiz verleiht, und was als Satanella dämonisch aus Ihren Augen leuchtete, es ist geläutert, verklärt und vergeistigt. Wodurch? Das habe ich mich oft schon gefragt, mir aber nie zu beantworten gewagt.«
»Sie haben mich scharf studiert, Herr Keppler,« meinte sie, leicht verwirrt.
»Das ist meines Amtes als Kopist der Natur,« erwiderte er.
Und dabei blieb es, er malte sie in der weißen, goldgestickten Atlasschleppe und dem duftigen Kleide von kostbaren alten, echten Spitzen, ganz ohne anderen Schmuck als den ihrer Schönheit und ihres Goldhaares, nur in diesem, schräg schwebend hoch über ihrer Stirn malte er den Halbmond vonDiamanten, wie sie ihn auf der Hochzeit der Großherzogin getragen hatte. Die Arbeit ging rasch und flott vorwärts, und auffallend schnell modelte sich die herrliche weiße Gestalt heraus auf dem schmalen, hellgetönten Paneel – ein lichtes Gedicht, eine Symphonie in Farben, vielleicht nicht so genial wie die Satanella, sicher aber schöner, zum Herzen sprechender.
Einmal beim Malen kam Falkner hinzu in Begleitung von Lolo – er ging selten allein in den Falkenhof.
»O wie schön,« sagte er unwillkürlich, als er vor das Werk des Meisters trat.
»Meinst du das Original oder das Bild?« fragte Lolo und warf den Kopf zurück.
»Meine Frau bringt mich in ein Dilemma,« erwiderte er ruhig. »Denn meine ich das Original, so kränke ich vielleicht den Meister, und meine ich das Bild – was soll das Original von meiner Höflichkeit denken. Folglich wähle ich die goldne Mittelstraße, die hier zur Wahrheit führt, und sage: Das Porträt ist getreu dem Original!«
»Gut gebrüllt, Löwe,« citierte Keppler lachend seinen Shakespeare, indem er ruhig weiter malte.
Dolores sagte nichts. Sie stand auf ihrer Estrade in dem zum Atelier eingerichteten einstigen Tanzsaal des Falkenhofes – einem wundervollen großen Raum mit weißem Stuckmarmor bekleidet und bemalter Decke, auf der es im Rokokogenre von Göttinnen, Nymphen, Amoretten und Seeungeheuern, welche Arnold Böcklin entzückt hätten, zwischen Blumen und Fruchtgewinden wimmelte, der aber entschieden sehr einer Restauration bedürftig war. Aber der nach Norden gelegene Raum war kühl und hatte gutes Licht, dasdurch hohe, schmale Fenster voll auf die weiße Gestalt flutete, welche ungezwungen neben einem niederen, plüschbezogenen Lehnsessel aus der Renaissanceepoche stand und die schlanke, lilienweiße Linke leicht auf die Lehne stützte.
»Ich fasse nicht, wie du das Modellstehen aushalten kannst, Dolores,« meinte die junge Frau, indem sie an den Spitzen von Dolores Kleid zupfte. »Ich wenigstens werde davon so müde, als hätte ich im Felde Kartoffeln gehackt.«
»Ich bin auch sehr müde,« sagte Dolores und erblaßte in diesem Moment so, daß Keppler erschrocken die Palette hinlegte.
»Dolores – du solltest dich nicht so anstrengen,« rief Falkner, neben sie tretend. »Komm herab – laß es genug sein für heute.«
»Nein, nein,« sagte sie mit mattem Lächeln, »es geht immer sehr schnell vorüber –«
»Wie, du leidest öfter daran? Was ist es?« fragten Falknersa tempo.
»O, eigentlich nichts,« erwiderte Dolores apathisch. »Es mag eine Folge des heißen Sommers sein, daß ich so träge geworden bin seit Tagen – seit einer Woche etwa. Ich ermüde bei jeder Beschäftigung, und es ist mir alles ganz gleichgültig, ob es so wird oder so. Und manchmal kommen die kleinen Frostanfälle, von denen ich eben einen hatte, und die mir dann alles Blut für einen Moment erstarren machen.«
»Aber du solltest doch einen Arzt fragen,« sagte Falkner, besorgt in das schöne, aber vergeistigt blasse Antlitz seiner Cousine sehend.
»Wozu? Es ist nichts, wird vorübergehen,« entgegnete sie.
In diesem Moment trat Ruß in den Saal.
»Ah, ah! Ein ganzes Convivium hier versammelt?« fragte er überrascht. »Wenn das Mama gewußt hätte –«
»Wir kommen noch, ihr guten Tag zu sagen,« fiel Falkner ein, »heut' galt aber Dolores unser Besuch in erster Linie. Doch vor allem ein Wort an dich: du mußt deinen Einfluß geltend machen, daß Dolores einen Arzt konsultiert.«
»Ist sie krank – unsere lebensfrische, starke, gesunde Dolores?« fragte Doktor Ruß überrascht und wandte sich nach ihr um. Dabei fiel das Licht so auf sein Gesicht, daß es sich einzig und allein in seinen ungefaßten, starken Brillengläsern sammelte und diesen das Aussehen von enormen Augen ohne Lider, Wimpern, Iris und Pupille verlieh, wie wir sie in ihrem regungslosen Glanze bei Schlangen sehen.
Dolores fuhr vor diesen auf sie gerichteten, durch die Beleuchtung furchtbaren Augen mit einem leisen Schrei zurück – ein Beweis für die Abgespanntheit ihrer Nerven – und ein Schauer des Entsetzens überrieselte sie. Aber sie bezwang sich schnell.
»Ich glaube, der Einfluß des Herrn Doktors auf mich wird überschätzt,« sagte sie kühl und vielleicht schroffer, als sie gewollt. »Lassen wir also meine kleine Indisposition beiseite, und hören wir lieber, was die Herrschaften von Monrepos heut' nach dem Falkenhofe geführt hat.«
»Ah – ich bitte ungebeugte Willenskraft, unbeeinflußte Unabhängigkeit bei der sogenannten Patientin festzustellen,« rief Doktor Ruß scherzend und scheinbar unberührt von der unzweideutigen Abweisung.
»La garde meurt, mais elle ne vomit pas,« vollendete Lolo mit einem Kompliment gegen Ruß, welcher, da die anderen lächelten und lachten, esnolens volensmitmachte. »Das ist nämlich Graf Schingas Devise, die er sich selbst übersetzt hat,« erklärte die junge Frau, »er hat sich im Lexikon das Wort ›übergeben‹ statt ›ergeben‹ gesucht – folglich nichtLa garde ne se rend pas, sondernelle ne vomit pas.«
»Ja, es ist eine böse Sache um Sprachen, die man nicht versteht,« sagte Falkner amüsiert. »Überhaupt sind die fatalen Fremdwörter eine böse Klippe für unseren guten Grafen, der neulich in Berlin bei einer befreundeten Familie den ›Cicero‹ spielen mußte und sie unter anderem auch in den ›Theologischen‹ Garten führte.«
»Ah,« meinte Keppler, »die Garde des Grafen Schinga erinnert mich an einen guten Freund, welcher in einer englischen Familie, mit der ich noch besser befreundet war, gastliche Aufnahme gefunden hatte und sich bei seiner Heimkehr gedrängt fühlte, den Gastfreunden nochmals dafür zu danken. Er drockste also einen recht steifen englischen Brief zusammen, den er sich erst deutsch aufgesetzt hatte, und der mit dem Satze schließen sollte: Gott bewahre Sie und Ihre liebe Familie. Da fehlte ihm das rechte Wort für ›bewahren‹ – und er fand dafür in seinem Lexikon:to conserve, to preserve and to pickle. Die beiden ersten Vokabeln schienen ihm aber in keiner Weise den Sinn wiederzugeben, und so schrieb er denn stolz den Schlußsatz nieder: ›May God pickle you and your dear family.‹ – Ob der Gastfreund von dem Wunsche, nebst den Seinen in Essig gelegt zu werden, sehr erbaut war, ist zu bezweifeln.«
Die harmlose kleine Geschichte Kepplers fand die nötige Würdigung, erheiterte die Stimmung merklich und klärte die kleine Wolke, welche die scharfe Zurückweisung von Doktor Ruß' Einfluß auf und durch Dolores hervorgerufen hatte, vollkommen.
»Und nun zu des Pudels Kern,« meinte Falkner, indem er sich wieder an Dolores wandte. »Wir sind gekommen, dich zu bitten, deinen Geburtstag drüben bei uns in Monrepos zu feiern.«
»Ihren Geburtstag? Wann ist der?« fragte Keppler elektrisiert.
»Morgen,« erwiderte Dolores, und indem sie Falkners zulächelte, setzte sie hinzu: »Es ist so freundlich von euch, meiner zu gedenken, aber morgen müßt ihr mit euren Gästen zu mir kommen. Es ist mein erster Geburtstag als Lehnsherrin, und da muß ich doch allem, was da fleucht und kreucht im Bereiche des Falkenhofs, ein Fest geben, inklusive meiner Gäste, der Husaren. Also abgemacht?«
»Abgemacht,« rief Lolo, doch Falkner sagte:
»Schade –! Wir hätten dich gern bei uns gefeiert, doch ich sehe, daß du Pflichten an diesem Tage zu erfüllen hast.«
Da stieg eine feine Röte in ihre blassen Wangen.
»Es thut mir so leid, daß es nicht dein Geburtstag ist, den die Falkenhofer feiern sollen,« sagte sie leise mit bittendem Blick, als wäre es ihre Schuld.
»Ich weiß es und bin überzeugt davon,« erwiderte er freundlich und heiter, »und,« setzte er, nur für sie hörbar, hinzu: »was an Bitterkeit je davon bestanden – es ist bereut und überwunden, und zur Süßigkeit geworden –«
Da stieg wieder ein feines Rot auf in ihren Wangen – das zarte, duftige, hingehauchte Rot der Meeresmuscheln.
»So – dieses leise Inkarnat dermaiden-blush-Rose und diesen weichen Ausdruck in Ihren Augen muß ich festhalten,« sagte Keppler und sah sie fest an, »beides paßt so trefflich zu der lichten Stimmung des Bildes – und steht in solch schroffem Gegensatz zur Satanella,« setzte er eifrig malend hinzu.
Da wurde das Rot auf Dolores' Wangen etwas tiefer, Falkner aber trat neben Keppler heran und sah seiner Arbeit zu.
»Es ist ein Umschwung, daß Sie, der sonst stets oder mit Vorliebe auf tief gesättigtem Hintergrund malten, meine Cousine im weißen Kleide an die weiße Marmorwand stellen,« meinte er.
»Es ist eine Ausnahme, zu welcher der Stoff nicht nur verleitet, sondern gebieterisch hinweist,« erwiderte der Maler.
»Ich wollte, es wäre morgen mein Geburtstag,« sagte Lolo auf der Estrade zu Dolores' Füßen hockend.
»Warum? Hast du solche Sehnsucht, älter zu werden?« fragte Ruß.
»Nein, aber man bekommt da immer eine Masse hübscher Sachen geschenkt,« erklärte die kleine Freifrau ehrlich.
»Ich wüßte nicht, wer mir etwas schenken sollte,« warf Dolores ein.
»Ach du Ärmste,« gähnte Lolo. Sie langweilte sich schon wieder sehr. Doch plötzlich kam ihr ein Gedanke. »Ich werde dir etwas schenken,« jubelte sie und begann vor Freude einen Solotanz zu tanzen. »Ich habe ja eine gottvolle Idee –« –
»Desto besser,« sagte Dolores lächelnd, »ich werde dir auch wieder etwas schenken.«
Als sie dann nach Hause fuhren, fragte Falkner seine Frau, was sie der Cousine zu geben gedächte.
»Abwarten!« erwiderte Lolo geheimnisvoll. »Ihr werdet alle Kopf stehen und ›paff‹ sein.« – –
Dolores war wirklich, wie der Engländer sagt, »out of sorts.« Sie war nicht gerade krank, aber sie war jenen kalten Schauern ausgesetzt, von denen der Volksaberglaube sagt: Der Tod lief über mein Grab. Diese Schauer kehrten so oft nicht wieder, um ernste Krankheitssymptome zu bedeuten, aber sie fühlte sich matt und müde und apathisch. Statt, wie sie es gewohnt war, stets beschäftigt zu sein, konnte sie jetzt stundenlang sitzen und denken. Aber ihre Gedanken wanderten dabei irr hin und her oder verloren sich in ein Dunkel und in solch' ungemessene Weiten, daß sie ganz erschöpft von dem Suchen und Halten in eine Lethargie verfiel, welche nicht abzunehmen schien, sondern sich oft so lange verlängerte, bis Tereza und Ramo vereint sie aufrüttelten. War sie dann im Gespräch mit anderen, so ward es besser, doch die Lebhaftigkeit und Schlagfertigkeit von früher war fort und von ihr gewichen.
»Ich bin zu allem zu faul,« sagte sie oft zur Gräfin Schinga, welche jetzt öfters kam und ihr Chopin vorspielte.
»Die Dilettantin muß die Meisterin anregen,« pflegte sie zu sagen, wenn sie sich zum Flügel setzte, aber Dolores hörte sie gern spielen, denn was ihr an tieferem Studium abging, ersetzten Genie und Instinkt.
Der Geburtstagsmorgen wurde wie alltäglich einer Porträtsitzung gewidmet, bei welcher Keppler ihr das eigene Porträt, wenn auch noch unvollendet, als Angebinde überreichte. Sie war überrascht und erfreut und wunderte sich doch, wie mühsam und farblos der Dank ihr von den Lippen kam. Dann kamen Herr und Frau Ruß und überreichten eine antike Armspange, welche sich in ihrem Besitz befand, und Dolores fragte sich, wie es möglich sei, daß das Grauen, welches sie gestern vor Doktor Ruß infolge einer optischen Täuschung empfunden hatte, heute wiederkehren konnte bei seiner wohlgesetzten kleinen Rede.
»Ich muß wirklich krank sein, daß ich so thöricht bin,« dachte sie, ohne das Furchtgefühl, das sie wieder beschlich, bekämpfen zu können, und erleichtert atmete sie auf als Engels erschien, gefolgt von Knieper, welcher zur Feier des Tages ein Halsband von Blumen und einen Strauß am Schwänzchen trug.
»Na, immer noch nichts gefunden von dem brasilianischen Meuchellumpen?« fragte der Verwalter in der Thür den öffnenden Ramo.
»Nichts, Herr Engels,« antwortete der Diener.
»Schadet nichts, werden den Galgenstrick schon kriegen,« versicherte der Frager mit Zuversicht.
»Nur nicht den falschen,« meinte Doktor Ruß mit Hohn.
»Glauben Sie, daß hier so viele herumlungern?« fragte Engels treuherzig, worauf Doktor Ruß nur mit den Achseln zuckte.
Zur Dinerstunde fanden sich um sechs Uhr abends neben den auf dem Falkenhof einquartierten Herren noch Graf undGräfin Schinga ein – die Herrschaften von Monrepos kamen mit ihren Gästen erst im letzten Moment und weit hinter der Zeit. Der Kommandeur des Husarenregiments reichte nach ihrem Eintreffen Dolores sofort den Arm und führte die in schlichter, aber unendlich geschmackvoller weißer Wollrobe Gekleidete zur Tafel, welche in der reich und verschwenderisch im Renaissancestil ausgestatteten Banketthalle des Falkenhofs gedeckt und mit den Silberschätzen des Hauses geschmückt war. Als man schon saß, rief Lolo plötzlich aus:
»O, Dolores, ich habe mein Geschenk für dich im Wagen gelassen!«
»Wir können es nach dem Essen ansehen,« nickte Dolores dankend.
»Ja ja! Aber laß es inzwischen holen und ins Haus tragen,« bat die junge Frau. »Es ist ein vergoldeter Korb – aber daß niemand ihn öffnet. Hört ihr?« ermahnte sie die Diener.
»Das ist ja beinahe, als ob Sperlinge darin wären,« schrie Schinga über den Tisch herüber.
»Ja, wenn du denkst, du hast'n,Da springt er aus dem Kasten,«
»Ja, wenn du denkst, du hast'n,Da springt er aus dem Kasten,«
»Ja, wenn du denkst, du hast'n,Da springt er aus dem Kasten,«
»Ja, wenn du denkst, du hast'n,
Da springt er aus dem Kasten,«
erwiderte Lolo übermütig.
Falkner glaubte jetzt zu verstehen, denn seine Frau besaß solche Figuren, welche eine Feder in die Höhe schnellte, wenn man den Kasten öffnete, in welchem sie sich befanden.
Eine solch' vergnügte Gesellschaft hatte der Falkenhof seit Jahrzehnten nicht beherbergt, wie heute, denn die Speisen waren gut und die Weine aus den tiefen, kühlen Kellern vortrefflich. Außerdem dufteten die Rosen in den Aufsätzen vonSilber und altem Meißner Porzellan, und um die Tafel saß ein Teil der goldenen Jugend der großen Armee, an ihrer Spitze aber als Hausfrau und Wirtin Dolores Falkner – da hätte schon viel dazu gehört, um die allgemeine frohe Manöverstimmung herabzudrücken.
Die Toaste, welche außerdem noch ausgebracht wurden, trugen durch den Brauch, allemal dabei auszutrinken, wesentlich zur Erhöhung der rosigen Stimmung bei. Erst erhob sich der Kommandeur und dankte der Schloßherrin für die vortreffliche, fast fürstliche Aufnahme seiner selbst und seiner Offiziere im Falkenhof, deren Jäger immer noch hofften, ihr den lang umpürschten Steinadler als Geburtstagsgeschenk nachträglich überreichen zu dürfen. Dann ließ Graf Schinga Dolores als Nachbarin leben in ebenso kunstlosen wie unverständlichen Redewendungen, worauf Doktor Ruß ein kleines Meisterwerk von Rede vom Stapel ließ. Zuletzt aber schlug Falkner an sein Glas, erhob sich, und rief, es hoch empor hebend: »Der Herrin vom Falkenhof!«
Dolores wußte wohl, was dieser kurze Toast für sie bedeutete – eine Anerkennung ihrer Rechte, eine Abbitte zugefügten Unrechtes, den Schlußstein zu der Brücke, welche über den Abgrund führte, der einst beide getrennt. Beglückt, umbraust von dem dreifachen Hoch ihrer Gäste, erhob auch sie sich und ließ ihr Glas mit dem Falkners zusammenklingen.
»Hie guet Falkner alleweg!« sagte sie mit dankbarem Herzen.
»Es trafen sich die Gläser und gaben guten Klang,« summte Doktor Ruß vor sich hin, als die geschliffenen Krystallkelche leise und hell zusammenstießen.
»Prosit, Dolores,« rief Lolo herüber und streckte die Hand mit dem gefüllten Glase aus. Die Gerufene dankte lächelnd, berührte leicht das hingehaltene Glas mit dem ihren und klirr – – lagen beide Gläser zersprungen und zersplittert auf dem weißen Tafeltuch.
»Das haben wir aber geschickt gemacht,« lachte Lolo, während Gräfin Schinga, welche vielem Aberglauben huldigte, entsetzt die Hände faltete.
»Thut nichts, wir haben mehr von dieser Sorte,« nickte Dolores, welche in dieser Beziehung keine Vorurteile hatte, aber das brechende Glas hatte ihre Nerven für einen Moment doch ins Schwanken gebracht.
Nach beendigter Tafel sollte der Aufzug der Dorfbewohner vor der Terrasse stattfinden, darauf aber ein Feuerwerk abgebrannt werden, das die Beamten des Lehns ihrer Herrin stifteten. Ehe man aber heraustrat, kam Dolores an Lolo heran und reichte ihr die Hand.
»Die dummen, zerbrochenen Gläser haben dich doch nicht erschreckt?« fragte sie. »Das hat ja gar keine Bedeutung.«
»Natürlich nicht,« erwiderte die junge Frau überlegen.
»Nun, es freut mich, daß du den thörichten Köhlerglauben über solche Dinge nicht teilst,« meinte Dolores. »Ich glaube auch nicht an eine besondere Bedeutung derartiger Zufälligkeiten. Aber jetzt mußt du mir dein Geschenk zeigen!«
»Ja, ja, mein Geschenk,« rief Lolo begeistert. »Ich hatte es schon wieder ganz vergessen – komm!«
Auf einem Seitentischchen in der großen Halle, welche auf die Terrasse mündete, hatte man das runde, flache Körbchen von vergoldetem Span hingestellt, welches Lolo vonMonrepos herüber gebracht hatte. Umgeben von der Schenkerin, Falkner und mehreren Herren, schritt Dolores darauf zu, öffnete das an der kleinen Haspe hängende Schlößchen, schlug den Deckel auf und – fuhr im nämlichen Augenblick mit lautem Schrei zurück, denn auf dem rosa Atlaspolster ringelte sich ängstlich und wild gemacht eine jener bräunlichen Nattern, wie unsere Wälder sie oft bergen, und fuhr zischend auf Dolores los, welche vor Schreck und Entsetzen bewußtlos zusammenbrach und eben nur noch von Falkner und einem der Offiziere aufgefangen wurde, während ein anderer schnell entschlossen das geängstigt auf dem Fußboden sich windende und schlagende Tier mit einem der zunächst stehenden Säbel tötete. Es war ein ganz harmloses Reptil, aber es war nicht klein, und wer ein Grauen davor hat, dem verrichtet's denselben Dienst wie eine Riesenschlange, der man unerwartet gegenüber steht.
Dolores erholte sich in derselben Minute wieder, in welcher Schreck und Antipathie sie besinnungslos gemacht, aber sie war totenblaß und ihre Hände steif und kalt, während schwere, eisige Tropfen auf ihrer Stirn standen. Man versicherte ihr sofort, daß die Schlange unschädlich gemacht sei, aber sie brachte dennoch kein Wort über die Lippen und als Lolo sich ihr, sichtlich betreten über den Erfolg ihres gemachten Spaßes, langsam näherte, da wandte sie sich ab von ihr.
Mit der ihrem Charakter eigenen Selbstbeherrschung erklärte sie sich im nämlichen Augenblick bereit, auf der Terrasse zu erscheinen und ließ sich von Falkner hinausführen.
»Dolores, glaubst du, daß ich in dieses – dieses Geschenk eingeweiht war?« fragte er, zu ihr herabgeneigt.
»O nein,« erwiderte sie freundlich.
Und dann nahm sie Platz inmitten ihrer Gäste und der Aufzug der Bauern mit ihren Frauen und Mädchen in deren malerischer Landestracht begann. Die Schulzen aus den verschiedenen Dörfern, die zum Falkenhof gehörten, hielten Reden, die Mädchen brachten Kuchen, Eier, Hühner und Lämmer als Geschenk und sagten Gedichte auf, und Dolores hatte für jedes einen herzgewinnenden Dank, ein besonders freundliches Wort. Auf dem Dominialhofe waren Tafeln gedeckt und dorthin mündete der Zug zum leckeren Mahle von Schweinebraten, Klößen, Salat, Kuchen und Obst, und die Leute an den aufgelegten Bierfässern hatten alle Hände voll zu thun, die Gläser zu füllen, während es am Schulzentische, wo die Gemeindevorsteher saßen, reichlich Wein gab, welchen Dolores selbst ihren Untergebenen zutrank, um nach vollendetem Mahle den Tanz auf dem Rasen selbst zu eröffnen und einen Glücksbeutel herum zu reichen, daraus ein jeder sich eine Nummer ziehen konnte, welche ihm ein hübsches, praktisches Geschenk aus der bunten Marktbude am Parkeingang einlöste.
Es war alles so hübsch und sinnig geordnet mit vollstem Verständnis für Geschmack und Neigung der Landleute, welche bei aller Disciplin freie Bewegung hatten, daß man rückhaltlos die Begabung der jungen Lehnsherrin für derartige Feste anerkannte. Und in der That gehört mehr dazu, den schlichten Landmann zu erfreuen, als Geld und eine offene Hand – es gehört ein offenes Herz dazu und liebevolles Eingehen in das, was ihm lieb ist durch Tradition und eigene Neigung, es gehört dazu eine von Herzen kommende Freundlichkeit, nicht jene Herablassung, welche auch das freundlichste Wort hohlklingen läßt und zum Stachel macht. Und wer da meint, daß ihm durch ein Gespräch mit dem niederen Mann ein Stein aus der Krone fällt, der kann sich darauf verlassen, daß dieser Stein sehr schlecht und locker gefaßt war, denn wir können aus dem gesunden, ursprünglichen Urteil des geringen Mannes oft mehr lernen, als aus Dutzenden von Büchern. Die Erziehung und die Bildung machen uns ja erst von dem Volke verschieden, denn der Schneeschipper unten auf der Straße hat vielleicht genau dieselbe Quantität Gehirn wie du, nur daß es bei dir geweckt durch den Ruf »Excelsior,« während es bei ihm schlummert, roh weiter arbeitet oder am Ende ganz einschläft.
Das Volksfest im Falkenhof war also ein solches im besten Sinne des Wortes, denn Dolores wußte durch ihre Arrangements, die sie mit Engels ausgearbeitet, ihre Untergebenen zu erheitern und harmlos zu unterhalten, immer mitten unter ihnen erscheinend und alle Mütter auffordernd, ihre Kinder morgen nach dem Falkenhof zu bringen zu Spielen und süßen Bissen.
Doch als die Fässer leer waren und die letzte Fiedel verklungen und die bunten Papierlaternen und Stocklaternen verlöschten, und alles sich lachend und singend mit donnernden Hochs auf die Lehnsherrin entfernte, als auch die Nachbarn fort waren und man sich Gute Nacht sagte, da brach Dolores fast zusammen. Es war zuviel für sie gewesen, die, sonst so stark und gesund, das Wort »Anstrengung« nicht kannte. Sie erschreckte Tereza erst durch eine lange Ohnmacht, aus welcher sie total erschöpft erwachte, um dann in einen ruhelosen, fieberhaften, traumgequälten Schlaf zu verfallen.
Tereza hatte in ihrer Angst erst Mamsell Köhler herbeigerufen, welche mit Essigäther, Salmiakgeist und Eau de Cologne hinzueilte und die Bewußtlose damit zu beleben suchte. Als dies gelungen war und Dolores zu Bett lag, hatte sich's die Beschließerin aber nicht versagen können, Frau Ruß, welche noch wach war, von dem Vorkommnis zu unterrichten, worauf Doktor Ruß nach oben eilte und es von Tereza durchsetzte, an das Bett der Kranken geführt zu werden. Dort prüfte er den Puls der unruhig Schlafenden, maß ihre Temperatur durch Einlegen eines Maximalthermometers in die linke Achselhöhle, was Tereza sehr mißtrauisch beobachtete, und ging dann wieder herab.
Nach einer Weile erschien er bei seiner Frau, ein Fläschchen mit einer farblosen Flüssigkeit in der Hand.
»Liebes Weib,« sagte er, »unsere teure Dolores scheint heut' Abend zu viel gethan und ihre Nerven überspannt zu haben – hm, hat entschieden Fieber, wenn auch nicht in hohem Maße. Ich habe ihr hier drei Tropfen Aconit der dreifach verdünnten Potenz in Wasser zurecht gemacht, und bitte dich, nach oben zu steigen, den Inhalt des Fläschchens in ein Glas Wasser zu mischen und dieses der Kranken löffelweise während der Nacht durch Tereza verabreichen zu lassen.«
Frau Ruß rührte sich nicht.
»Willst du gehen, liebste Adelheid?« fragte der Doktor sanft.
»Nein,« sagte sie laut und hart.
»Nein?« wiederholte er. »Ich habe wohl nicht recht verstanden?«
»Doch,« erwiderte sie kurz.
Da lachte er leise in sich hinein.
»Also immer noch eifersüchtig, Geliebte?« fragte er mit vollem Brustton, doch sie antwortete nicht.
»Nun, ich kann dich nicht zwingen,« fügte er hinzu. »Du willst also sicher nicht diese Arznei nach oben tragen?«
Da stand sie plötzlich auf. »Ja,« sagte sie, »gieb her!«
»Ah, das ist vernünftig. Und die Vorschrift des Gebrauchs – –«
»Ich kenne den ganzen homöopathischen Humbug,« erwiderte sie trocken, nahm die Flasche aus seiner Hand und ging.
Auf dem zweiten Treppenabsatz nach oben befand sich aus guter alter Zeit her in die Wand eingelassen ein kupfernes Behältnis für Wasser, das aus einem Delphinrachen in ein kupfernes Becken in Muschelform rann und ehedem wohl zum Spülen von Gefäßen bestimmt war, da ein Abzugsrohr das gebrauchte Wasser nach unten leitete. Vor diesem Becken stand Frau Ruß, Licht und Flasche in der Hand, unschlüssig still – es arbeitete seltsam in den harten Zügen dieser Frau, Haß, Schreck und Entsetzen und etwas wunderbar Weiches spiegelten sich auf ihrem Antlitz wieder, dann, mit einer raschen Bewegung setzte sie das Licht nieder, goß den Inhalt des Fläschchens in das Becken aus, spülte das Fläschchen drei-, viermal aus und füllte es endlich wieder ganz mit klarem Wasser. So gab sie es an Tereza ab, die es ihrerseits auch wieder fortgoß, denn sie hielt in ihrem schlichten Negerverstande den Dilettantismus in der Homöopathie mit so vielen anderen für einen Unsinn ohne Ziel und Zweck.
Dolores aber befand sich am nächsten Morgen auch ohne die drei Tropfen Aconit des Herrn Doktor recht wohl und fühlte sich verhältnismäßig frisch.
***
Falkner hatte seiner Frau gegenüber kein Wort verloren über das Geschenk der Schlange an Dolores. Zwar, was er im Innersten empört eine unglaubliche Herzensroheit nannte, war ja kaum mehr als ein Kinderstreich, dessen Tragweite nach keiner Seite hin bemessen oder erwogen war, aber der Vorgang hatte so auf ihn gewirkt, daß er sich bei einer Vorstellung darüber nicht die nötige Ruhe zutraute, mit welcher er Lolo zu überzeugen hatte. Darum schwieg er vorläufig ganz – vielleicht, daß die junge Frau dadurch eher zur Überlegung gelangte, obgleich er das kaum zu hoffen wagte. Seine Taktik, obwohl er es kaum so nennen konnte, was ihm Schweigen auferlegte – seine Taktik erwies sich aber als von Erfolg, denn Lolo, welche nach dem gehabten Effekt ihrer »gloriosen Idee« heftige und wohlverdiente Vorwürfe fürchtete, war über das Ausbleiben derselben erst erleichtert, dann erstaunt und zuletzt beunruhigt, denn sie sah und erkannte wohl aus dem Benehmen ihres Gatten, daß dieser Streich seinem Vertrauen zu ihr einen heftigen Stoß versetzt hatte. Und sie, die sich zuerst mit dem nötigen Trotz gewappnet hatte, um seinen Vorwürfen keck entgegenzutreten, sie fühlte ihn in einem gewissen Unbehagen schwinden und schmelzen, und dieses Unbehagen wurde allgemach zur Angst, die Angst zum Herzklopfen. Am Abend nach dem Fest im Falkenhofe aber hielt sie's nicht länger aus, und sie suchte ihren Gatten in dessen Zimmer auf.
»'n Abend, Alfred,« sagte sie, scheinbar harmlos eintretend.
»Guten Abend, Lolo. Willst du etwas von mir?« kam es kalt und erstaunt zurück.
»Nein,« erwiderte sie gedehnt, denn sie hatte ganz vergessen, sich für ihr ungewohntes Erscheinen einen Vorwand auszudenken. Zugleich aber faßte sie einen herzhaften Entschluß. »Ja,« setzte sie kühn hinzu, »ich wollte dich fragen, ob du böse auf mich bist. Du hast seit gestern kaum ein Wort mehr mit mir gesprochen!«
»Hast du das vermißt?« fragte er nicht ohne Bitterkeit und legte das Buch fort, in dem er gelesen hatte.
»Es scheint beinahe so,« murmelte sie.
»Ja, wirklich, Lolo? O, dann brauche ich noch nicht alles für verloren zu halten,« sagte Falkner herzlich – er war entwaffnet, und es hätte in der That schon sehr schlimm stehen müssen mit beiden, wäre er's nicht gewesen. Und nun stellte er ihr vor, welche Menschen- und Tierquälerei der »kapitale Spaß« gewesen, den sie gestern mit der Schlange bei Dolores ausgeübt. Sie hörte es ganz ernsthaft mit an, aber es überzeugte sie nicht ganz.
»Aber Lolo, denke nur, welche Furcht du vor Mäusen hast,« suchte Falkner dieser Lücke nachzuhelfen. »Was würdest du sagen, wenn Dolores dir zum Geburtstag Mäuse in einem Körbchen schenken wollte, um dich mit deiner Idiosynkrasie zu necken!«
»Ich kriegte die Krämpfe und kratzte ihr dann die Augen aus,« rief Lolo mit blitzenden Augen bei dem bloßen Gedanken.
»Nun also! Und du kaufst einem Waldhüter diese von ihm gefangene extra große Natter ab und bescherst sie der armen Dolores. Du hast den Effekt gesehen und kannst sehr froh sein, daß der furchtbare Schreck sie nicht auf dem Fleck tötete – als Geburtstagsgeschenk!«
»Hältst du das für möglich?« fragte sie mit großen Augen und gedämpfter Stimme wie ein Kind im Finstern.
»Gewiß,« sagte Falkner. Er war dessen zwar nicht ganz sicher, hielt aber starke Farben in diesem Falle für die einzig richtige Kur.
»Nun also, dann sei nicht mehr böse, Alfred,« bat sie kleinlaut. »Ich werde Dolores nie wieder eine Schlange schenken.«
Jetzt mußte er sich abwenden, ein Lächeln zu verbergen.
»Damit ist es aber noch nicht gut gemacht, Lolo,« sagte er dann. »Du wirst Dolores wohl ein Wort der Entschuldigung sagen müssen!«
Da stieg der jungen Frau das Blut ins Gesicht.
»Nein,« rief sie, sich emporbäumend, »nein, niemals. Ich werde mich vor ihr nicht demütigen.«
»Du mußt es nicht so auffassen, Lolo,« suchte er sie zu überzeugen. »Du hast es ja so leicht, da du Böses nicht beabsichtigt, sondern nur im Leichtsinn und unüberlegt gehandelt hast.«
»Ich thue es nicht,« sagte sie trotzig.
»Und Dolores wird dir mehr als auf halbem Wege entgegenkommen,« fuhr er fort.
»Woher weißt du das?« fragte sie scharf, mißtrauisch.
»Weil ich es von Dolores nicht anders erwarte,« erwiderte er ruhig.
»Nein, diese hohe Meinung, die du von ihr hast!« rief sie nervös und voll Hohn.
»Ich hoffe, sie hat die gleiche von mir, Lolo!«
»O, zweifellos. Aber ich sagenicht›Peccavi‹ vor ihr.«
Falkner zuckte mit den Achseln.
»Wie du willst – ich kann dich dazu nicht zwingen, sondern dir nur raten.«
»Es liegt mir gar nichts an ihrer guten Meinung über mich,« behauptete die junge Frau bebend, und als Falkner darauf nichts erwiderte, brach sie in Thränen aus. »Du weißt doch, daß ich eifersüchtig auf sie bin.«
»Du solltest aber auch wissen, daß ich nicht der Mann bin, den dir am Altar geleisteten Eid zu brechen,« erwiderte er ernst.
»Es haben ihn aber schon viele gebrochen,« warf sie ein.
»Dann war's ein Meineid wie jeder andere,« entgegnete er. »Oder hältst du einen Gott geleisteten Eid für geringer, als einen solchen vor Gericht?«
»Ich weiß nicht,« erwiderte sie verwirrt. »Das ist zu hoch für mich. Aber Dolores Abbitte leisten – – niemals!« setzte sie eigensinnig hinzu.
»Warum hast du denn diese Unterredung gesucht, wenn du das Begangene nicht gut machen willst?«
»Weil mir an deiner Meinung etwas liegt – an der von Dolores nichts.«
»Es gehört aber zu meiner guten Meinung, daß man seine Schuld durch ein freies, ehrliches, offenes Wort bekennt und wieder gut macht. Was nützt mir alles Trotzen und Debattieren, wenn mandazuden Mut nicht hat?« fragte Falkner sehr bestimmt.
Doch es war nichts auszurichten – sie blieb eigensinnig bei ihrer Weigerung, trotzdem sie sah, daß es ihn verstimmte und abstieß. Infolgedessen entschloß er sich, dem Falkenhofefern zu bleiben, machte aber Lolo, um es ihr ganz leicht zu machen, den Vorschlag, eine Zeile an Dolores zu schreiben.
»Die Tochter des Herzogs von Nordland entschuldigt sich nicht bei ihres Vaters Unterthanen,« brauste die »Durchlaucht« in der jungen Frau auf.
»Dann mußte die Tochter des Herzogs von Nordland auch keinen seiner Unterthanen heiraten,« gab Falkner gereizt zurück, und wünschte trotz aller guten Vorsätze und blindestem Pflichtgefühl, zum erstenmal unverhohlen vor sich selbst, daß es in der That so gewesen wäre. Er hielt unter diesen Umständen eine Annäherung an Dolores für die Zukunft für ausgeschlossen, und da es ihm nicht einfallen konnte, vor der Welt mit seiner Frau zu brechen, so mußte er dem Falkenhofe gleichfalls fern bleiben. Er schrieb deshalb an Dolores, zerriß den Brief aber in mehreren Concepten, denn es hatte sich zwischen die Zeilen desselben jedesmal ein warmer Ton geschlichen, den er vermeiden wollte, weil er vor dem strengen Richterstuhl seines Gewissens nicht bestehen konnte. Er hielt daher Keppler an, ehe dieser zur Sitzung nach dem Falkenhofe hinüberging, teilte ihm das Notwendigste mit, nämlich, daß seine Frau ihren unpassenden Scherz nicht als solchen einsehen wollte und er infolgedessen den Falkenhof nicht besuchen könnte, da er sich von seiner Frau nicht trennen wolle und dürfe. Er bat Keppler, Dolores dies zu sagen mit seinem tiefsten Bedauern, diese Maßnahmen ergreifen zu müssen.
»Schreiben Sie das lieber, Falkner,« meinte Keppler.
»Nein. Es ist besser so,« entgegnete er, und Keppler ging, aber der Auftrag war ihm peinlich, und er entledigte sich seiner auch erst gegen das Ende der Sitzung. Der Ausdruck vonSchmerz und Qual in dem schönen Antlitz der Lehnsherrin, der seiner Mitteilung folgte, erschreckte ihn tief, aber er sagte nichts, da auch sie nichts erwiderte. Doch als die Sitzung schloß und sie die Estrade verließ, sagte sie:
»Wenn Sie einen Augenblick warten wollen, Herr Professor, bis ich mich umgekleidet habe, so will ich Sie nach Monrepos begleiten.«
»Sie wollen nach Monrepos – Sie?« fragte er erstaunt.
»Ja,« erwiderte sie fest. »Soll ich die Eris sein, welche den Zankapfel wirft in diese Ehe? Da sei Gott vor, und wenn ich einen Bruch da drüben verhüten kann und ich thäte es nicht – wie könnt' ich das im Jenseits verantworten?«
»Es wird nicht jeder so groß denken,« sagte Keppler bewegt.
»Ich sehe nichts Großes darin, nur das rein Menschliche.« Sie nickte müde, und rauschte in ihrer goldgestickten Schleppe hinaus, die Kleider zu wechseln, während er noch an der Stickerei und den Spitzen auf dem Gemälde weiterarbeitete. Als er dann die Palette beiseite legte und hinunterging, fand er Dolores schon wartend, und schweigend schritten sie über das Bowling-green nach der Allee, welche nach Monrepos führte. Endlich brach Keppler das Schweigen.
»Ich habe noch gar nicht einmal gefragt, wie Sie sich heut' fühlen.«
»Besser und weniger matt,« erwiderte Dolores in Gedanken.
Da blieb Keppler stehen.
»Hätte ich doch das Recht, ein offenes Wort mit Ihnen zu sprechen,« rief er, sichtlich erregt.
»Das Recht gebe ich meinen Freunden gern,« sagte sie erstaunt, aber freundlich.
»Wirklich? O, dann lassen Sie mich kraft dessen eine Bitte wagen: kehren Sie um! Thuen Sie nicht diesen Gang nach Monrepos.«
»Warum?«
»Weil – weil – – kurz, dieser Gang hat seine Gefahren,« erwiderte er mit sichtlichem Kampfe.
»Ja –