Chapter 7

Sehr gefährlich ist der AufenthaltSo allein im dunkeln Pinienwald

Sehr gefährlich ist der AufenthaltSo allein im dunkeln Pinienwald

Sehr gefährlich ist der AufenthaltSo allein im dunkeln Pinienwald

Sehr gefährlich ist der Aufenthalt

So allein im dunkeln Pinienwald

singt die Gräfin in Gasparone,« scherzte Dolores. »Aber ich fürchte mich nicht,« schloß sie lächelnd.

»Dolores, es ist mir heiliger Ernst,« sagte Keppler. »Hören Sie mich an, ja?«

»Sprechen Sie.«

»Nun dann – nochmals, kehren Sie um; lassen Sie das Verhältnis mit Monrepos auf diesem Fuße stehen, den Falkner einnimmt – seine thörichte, eigenwillige Frau thut Ihnen und ihm den größten Dienst damit!«

»Das verstehe ich nicht,« sagte Dolores kühl und verwundert.

»Dolores, Siemüssenmich verstehen,« rief er beschwörend.

»Nein,« wiederholte sie kurz und kühl.

Da rang er mit sich einen kurzen Augenblick.

»Dolores,« sagte er dann leise und schnell, »ich weiß, wie es mit Ihnen und Falkner steht – er hat sich bei der Scene mit der Schlange unbewußt verraten – Sie schon früher. Ich habe alles gesehen. –« –

»Sie haben Gespenster gesehen, Herr Professor Keppler und überschreiten das Ihnen erteilte Recht eines offenen Wortes in unverantwortlicher Weise,« unterbrach sie ihn, blaß bis an die Lippen, aber fest, kalt und hochmütig, doch in ihrem Herzen rang der Schrei sich los: »Um Gott, ist es so weit gekommen, daß das Tote wieder erwacht und sich aus mir verrät? Und aus ihm?«

Und wie der echte, rechte Mut zu wachsen pflegt im Augenblick der Gefahr, wie Heldenherzen lieber gegen sich selbst den Stoß richten, ehe sie wanken und irren, so fand auch Dolores in diesem Moment den Mut der Selbstentäußerung, denn ehe Keppler noch etwas erwidern konnte, fuhr sie schon fort:

»Und dies Überschreiten Ihrer Rechte zwingt mich, Ihnen ein Geheimnis preiszugeben, dessen Wahrung ich Ihrer Ehre anvertraue – ich werde mich mit dem Erbprinzen von Nordland vermählen!«

Wieder blieb Keppler stehen – vernichtet, betäubt.

»Die morganatische Gemahlin eines regierenden Duodezfürsten – dazu sind Sie zu schade!« brach er dann los.

»Die Beurteilung dieses Schrittes bitte ich mir zu überlassen,« erwiderte sie heftig, sprühenden Blickes.

Da schwieg er, und sie gingen weiter, doch ehe sie bis dicht an das Gitter von Monrepos kamen, da reichte er ihr bittenden Blickes die Hand.

»Es war gut gemeint, verzeihen Sie.«

»Gern,« erwiderte sie tonlos.

»Ich habe Sie und meinen Freund Falkner auch mit keinem Hauch eines Verdachtes gekränkt,« fuhr er fort, »und warnen kann nicht beleidigen –« –

»Gewiß nicht. Aber ich vertraue darauf, daß ich den Warner in der eigenen Brust trage,« unterbrach sie ihn stolz.

Da lächelte er trübe.

»Das Herz ist oft stärker und siegt,« war seine Antwort.

Doch sie waren bei Monrepos angelangt und das Gespräch damit zu Ende. Dolores sah zu ihrer Freude, daß Falkner und Lolo allein an einer Blumenrabatte standen und wohl ihre Gäste zum Lunch erwarteten. Und während Keppler sich zurückzog, trat sie schnell auf die Überraschten zu.

»Liebe Lolo,« sagte sie herzlich, aber auf den Wangen noch die Blässe der Erregung, »liebe Lolo, ich komme dir zu sagen, daß ich neulich nach meinem thörichten Schreck über die Schlange, recht abweisend und unhöflich zu dir war, die als Gast bei mir weilte. Das thut mir herzlich leid, denn ich bin überzeugt, daß du dir nur einen Scherz machen wolltest, weil du nicht wußtest, wie weit meine Antipathie gegen diese Tiere geht. Sei mir also nicht böse, und du auch nicht, Cousin Alfred!«

»Siehst du nun, wer unrecht hatte?« rief die junge Frau triumphierend. »Und da sollte ich mich vor ihr demütigen, die jetzt zu mir kommt? Haha, ich werde deiner Abgötterei, die du mit Dolores treibst, keinen Weihrauch mehr liefern!«

»Eleonore!« rief Falkner erschrocken, aber Dolores, welche auf diese Wendung freilich nicht gefaßt war, mußte unwillkürlich lachen.

»Bravo, Lolo,« rief sie gutmütig, »da hast du aber recht, denn Weihrauch macht mir stets Kopfschmerzen.«

»Und ich muß davon niesen,« gestand Lolo, deren momentane Empörung gegen die eingebildete Ungerechtigkeit ihresGatten der rosigsten Laune wich, weil ihr von der Seite recht gegeben wurde, auf der Falkner ihr das Unrecht gezeigt.

In diesem Augenblicke erschienen auf der Veranda die auf Monrepos einquartierten Offiziere, und die junge Frau ging ihnen strahlend heiter entgegen. Nach der gegenseitigen Begrüßung erklärte Dolores indes nach Hause gehen zu müssen, und Falkner begleitete sie bis an das Thor.

»Das war ein Schritt von dir, Dolores, welcher dir alle Ehre macht, eine große Selbstverleugnung, deren Motive ich zu erraten glaube,« sagte er beim Abschied, »aber du hast gesehen, wie Lolo es aufgefaßt hat. Das verzogene Kind wird dadurch von dem eigenen Unrecht nicht überzeugt –«

»Das hab' ich auch nicht gewollt,« unterbrach sie ihn. »Ich war ihr diese Rechtfertigung schuldig, denn ich habe sie als meinen Gast verletzt!«

»O, wäre sie nur halb so wie du,« murmelte er, doch sie war davon geeilt, ehe er den Satz vollendet hatte.

Im Parke hielt sie ein im schnellen Gehen – die erregten und aufgestachelten Nerven ließen nach, und die alte, rätselhafte Schwäche, Müdigkeit und Apathie kam wieder, unterbrochen von Momenten bittersten Wehs und heftiger Anklagen gegen Keppler. Was hatte dieser Mann davon, den Schleier von ihrem Herzen zu ziehen und ihr armes, unseliges Geheimnis bloß zu legen? Welches Recht hatte er, ihr die Harmlosigkeit Falkner gegenüber zu rauben, ihr den Glauben zu nehmen, daß sie überwunden hatte?

Todesmatt, fiebernd und elend im Herzensgrunde kam sie in den Falkenhof zurück und setzte sich gleich an den Schreibtisch, den Brief an den Erbprinzen zu schreiben, der ihm ihrJawort bringen sollte. Aber ihr Kopf schmerzte sie, und die Gedanken verwirrten sich, daß sie abstehen mußte davon und sich zur Ruhe legen.

Ein kurzer, aber erquickender Schlaf that ihr unendlich wohl, doch ließ sie sich am Mittagstisch entschuldigen und Frau Ruß bitten, ihren Platz an der Spitze desselben zu vertreten.

Erst gegen Abend ging sie wieder hinaus und stattete Engels einen Besuch ab, fand ihn aber nicht vor.

»Herr Engels ist mit den Herren Offizieren zum Pürschen gefahren,« hieß es.

Da ging Dolores durch den Park zurück, brach unterwegs ein paar Rosen und ging dann nach der Terrasse, auf der Ramo eben den Theetisch ordnete und Herr und Frau Ruß schon wie gewöhnlich saßen.

»Nun, geht es besser, liebe Dolores?« fragte Doktor Ruß, ihr entgegen kommend.

»Danke, ja,« erwiderte sie. »Ich freue mich jetzt auf eine Tasse Thee!«

Und damit übernahm sie die Bereitung des belebenden, durstlöschenden Trankes, während Doktor Ruß seine Bücher ins Haus zurücktrug und sich seine Cigarrentasche mitbrachte.

»Unsere Herren Husaren sind alle auf der Jagd,« berichtete er, Platz nehmend. »Es wurde heut' bei Tisch viel Jägerlatein gesprochen, und definitiv die Hoffnung aufgegeben, den Steinadler zu erlegen, trotzdem er noch im Falkenhofer Revier gesehen worden sein soll.«

»Wirklich? Wer weiß!« sagte Dolores, den Theeextrakt in die Tassen gießend und aus dem Samowar mit kochendemWasser auffüllend. Und dabei hatte sie ein eigentümlich schwankendes Gefühl und den Gedanken: das hab' ich schon erlebt – hier den Theetisch, dort das Abendbrot und jetzt werden sie den Adler bringen – –

Man nennt es Hallucinationen, dieses Erinnern an eine Vergangenheit, welche uns unbekannt ist, weil sie vielleicht nur im Lande des Traumes liegt – oder diesen Blick in die Zukunft. Man hat noch nicht entdeckt, was die richtige Bezeichnung ist für diesen Zustand, in welchem man das Gefühl hat, als wäre man ganz anderswo, als berührten unsere Füße den Boden nicht. Und verwandt, eng verschwistert damit ist jenes seltsame Gefühl, das man manchmal beim Betreten fremder Häuser, beim Anblick uns bis dahin unbekannter Gegenden hat –: das kennst du schon, hier bist du schon einmal gewesen – –

Wann?

Vielleicht im Traum, wo die Seele unbeherrscht von der physischen Willenskraft umherschweift. Aber wer kann dieses Rätsel lösen, wer eindringen in diese Mysterien? Wir haben nur ein »Vielleicht« für dies alles, und dieses »Vielleicht« hat Freidenker zur Irrlehre der Seelenwanderung geführt, trotzdem wir aus dem Evangelium wissen, daß wir nach dem Tode zwar weiter leben, aber nicht im Fleische, sondern im Geiste, daß also diese Hallucinationen, wie die Wissenschaft dies Erinnern und Hellsehen bezeichnet, keine Erinnerungen sind aus einem früheren Leben in anderer Gestalt. So schnell wie diese seltsamen Blitze durch die Seele fliegen, so schnell verschwinden sie auch, aber dennoch überschauerte es Dolores ganz eigen, als eben, wie sie ihre Tasse an die Lippen setzte,Engels, gefolgt von zwei Forstgehilfen, die eine seltsame Last trugen, um die Turmecke rechts von der Terrasse bog. Schon von weitem zog er den Hut und schwenkte ihn hoch in der Luft.

»Seltene Beute,« rief er laut herüber, »wir haben ihn, den König der Lüfte!« –

Und in der That brachten sie den gewaltigen Vogel herauf und legten ihn mit ausgebreitetem Flug auf den Steinestrich der Terrasse.

»Drei Schüsse haben ihn gefehlt, der meinige ihn getroffen,« berichtete Engels ganz stolz und mit leuchtenden Augen. »Die Herren Offiziere wollten ihn zu Ihren Füßen legen, Fräulein Dolores, und nun wird mir diese Freude und Ehre.« –

Gerührt reichte Dolores dem Getreuen die Hand, die er mit abgezogenem Hut ehrfurchtsvoll an die Lippen führte.

»Wir lassen ihn ausstopfen, und dann soll er einen Ehrenplatz bekommen in meinem Zimmer,« sagte sie erfreut.

»Welche enorme Flügelspannung,« bewunderte Doktor Ruß. »Ich möchte wohl seine Weite kennen!« –

»Dort ist ein Maß in meinem Arbeitskorb,« sagte Frau Ruß und wollte es holen, doch ehe sie über den Vogel weg zurück an den Tisch gelangen konnte, war er schon dort und suchte in dem Korbe, den Rücken den anderen zugekehrt – –

Plötzlich erhielt Dolores einen Stoß, der sie, die neben dem Adler auf dem Boden kniete, fast umgeworfen hätte. Es war Frau Ruß, die an sie gestoßen hatte, und sich jetzt, ganz rot im Gesicht, wieder aufrichtete.

»Verzeih',« murmelte sie, »ich wollte nur auch den Adler sehen –«

Doch ehe Dolores sich über das eigentümliche Gebaren der Tante wundern konnte, war Doktor Ruß mit dem Maße neben ihr und begann mit Hilfe der anderen die Breite des Fluges zu messen.

»Eins – zwei – zwei Meter sieben Centimeter,« meldete er, sich aufrichtend, und wischte sich von der Anstrengung dicke Schweißtropfen von der Stirn, so daß Engels noch gutmütig neckend sagte:

»Na, Doktor, Sie müssen auch mal wieder in Training, sonst werden Sie bald ein richtiger Apoplektiker. Donnerwetter, schwitzt der Mann von dem bißchen Bücken!« –

Doktor Ruß lachte etwas nervös zu der medizinischen Meinung des »lieben Engels.«

»Ja ja, uns alten Herren wird der Training nur etwas sauer, wenn wir heraus sind,« meinte er.

»Nun aber eine Tasse Thee mitvielRum, lieber Engels,« rief Dolores, und nachdem die Forstgehilfen gegangen waren, setzte man sich wieder an den gemütlichen runden Tisch. Engels hatte bald seine Tasse vor sich stehen, deren Inhalt den euphemistischen Namen »Thee« führte, in der That aber ein ehrlicher, steifer Grog war, dessen weniges Wasser eine Theekanne passiert hatte.

Als nun Dolores dem glücklichen und von den andern Jägern sicher sehr beneideten Schützen des Adlers auch noch eine Schüssel voll zierlich belegter Sandwiches zugeschoben hatte, nahm sie selbst endlich ihre Tasse und führte sie zum Munde, und als sie dabei aufsah, nahm sie wahr, wie Frau Ruß ihre Augen auf sie geheftet hatte, starr, unbeweglich,mit einem seltsamen Ausdruck darin von Angst, Drohung, Haß, Neugier – –

Wie gebannt begegnete Dolores diesem Blicke, der so steinern und doch so ausdrucksvoll war, der ohne die Wimpern zu zucken nach ihr hinübersah – und da beschlich sie vor diesem Blicke ein solch' furchtbares Grauen, eine solch' entsetzliche Angst, die sie sich selbst nicht hätte erklären können, daß etwas von dem Gefühl eines zu Tode gehetzten Wildes über sie kam und sie fort wollte, fort, und doch nicht konnte, gefesselt von diesen kalten, hellen Augen, welche sie unverwandt ansahen – –

Da fiel die nur halb geleerte Tasse klirrend aus ihren Händen hinab auf die Steinfließe der Terrasse, und dieses Geräusch erlöste sie aus einem, wie ihr deuchte, endlosen, in der That aber nur Sekunden währenden Bann, sie stieß einen halberstickten, halbgelähmten Schrei aus, taumelte ein paar Schritte weiter und fiel bewußtlos über den mächtigen Körper des toten Adlers zu Boden – – – – –

Als sie die Augen wieder aufschlug, lag sie auf ihrem Bett, neben welchem Tereza und Frau Ruß standen – –

»Fort!« rief sie letzterer in höchster Angst zu, »fort – fort – um Gottes willen – ich fürchte mich vor dir –« –

Da zuckte es über das kalte, ausdruckslose Gesicht der großen Frau wie Wetterleuchten, aber sie wandte sich sofort ab und ging hinaus. Draußen im Korridor aber stand sie still, schlug beide Hände vor ihr blasses Gesicht und schluchzte, thränenlos, und mußte, um sich fassen und mit ihrem gewöhnlichen Ausdruck unten erscheinen zu können, lange stehen, ehe sie wieder hinabstieg und von ihrem Gatten mit einemteilnahmsvollen: »Nun, wie steht es oben?« empfangen wurde.

Indes fuhr Engels mit den schnellsten Pferden nach der Stadt, um dort für Dolores einen Arzt zu holen, welcher nach der unvollkommenen Beschreibung des Zustandes seiner Patientin auf eine schwere Nervenerschütterung schloß und sich mit einigen beruhigenden Präparaten versah. – Auf dem Rückwege von der Stadt begegnete er Falkner zu Pferde, und dieser war sehr erschrocken über die schlechten Nachrichten von Dolores und ritt nun sofort mit nach dem Falkenhofe. Doch war das, was er von Doktor Ruß über den Fall hörte, wenig genug, aber im ganzen beruhigend und überzeugend. – »Die Nerven sind es, die Nerven!« meinte er. »Entsinne dich, wie gesund sie war, als sie die Musik eine Zeitlang ganz ruhen ließ. Plötzlich aber warf sie sich mit nervöser Hast auf das, was ja entschieden ihr Beruf ist, was ihren Neigungen entspricht, spielte stundenlang, sang und komponierte, bis ihre Nerven dem Reize nachgaben. Sie kann froh sein, wenn sie einem Nervenfieber entgeht, was ich aber glaube, wenn sie die richtigen Arzneien bekommt: Schlaf und Ruhe.«

Der Ausspruch des Arztes, den Falkner erwartete, lautete ähnlich. Er hatte ihr ein neu erfundenes, auf die Nerven wunderbar beruhigend wirkendes Präparat eingegeben und verschrieb nun noch ein Präservativ gegen erneute »Anfälle,« denen er aber etwas für ihn noch Unerklärliches nicht absprach.

Dolores verbrachte, dank dem Schlafmittel, eine ruhige, ungestörte Nacht, in welcher ihr unaufhörlich träumte, daß die Ahnfrau Dolorosa blaß und traurig vor ihr stände undsie beschwor, ihren Sieg über den Bösen nicht halb sein zu lassen, sondern zu vervollständigen, damit sie Erlösung fände.

Dieser Traum und die wiederholten Worte standen so klar und deutlich vor ihr, als sie erwachte, daß sie darüber nachdenken mußte. Diesen häufigen Träumen, in welchen eine Warnung vor »dem Bösen,« vor einer vagen Gefahr, immer wiederkehrten, seit sie im Falkenhofe war, fing sie an die Schuld an ihren herabgestimmten Nerven beizumessen, denn seit sie von Nordland zurück war, war kaum eine Nacht vergangen, die ihr nicht einen Traum gebracht, in welchem die Ahnfrau und deren Warnungen eine Rolle spielten. Freilich, der Schuß durch den spanischen Brief und der trotz aller Gegenvorstellungen nicht eingeschlafene Verdacht, daß ihr Sturz ins Hexenloch kein zufälliger gewesen, waren ja schließlich genug, um die unablässigen aufregenden Träume von nahen Gefahren für die zu rechtfertigen, welche an eine Einwirkung auf die Seele im Traume glauben, aber Dolores hatte sie eigentlich immer vergessen, wenn das Sonnenlicht kam und die klaren Gedanken ihres klaren Kopfes warm durchleuchtete. – Und wie sie nach dieser letzten Nacht erwachte und wieder die Erinnerung an den Traum derselben die Klarlegung der Vorgänge des vergangenen Tages verdrängten, der ihr eine so starke seelische Erregung gebracht, da überkam sieeinWunsch,einGedanke –: »Fort von hier!« Und dieser Wunsch wurde so stark in ihr, daß er sie förmlich kräftigte und sie trotz der Gegenvorstellungen Terezas aufstand und sich in einen weichen, weißwollenen Schlafrock gehüllt auf dem Balkon ihres Salons das Frühstück servieren ließ. Dort sah sie der unten promenierende Doktor Ruß,fragte an, ob er störe und ließ sich auf die verneinte Antwort bald darauf ihr gegenüber nieder, ein wohlverbundenes und etikettiertes Fläschchen in der Hand, dessen wasserheller Inhalt ganz unschuldig aussah.

»Es freut mich unendlich, Sie wieder wohlauf zu sehen, teure Dolores,« sagte er mit dem tiefen, leisen Wohlklange seines Organs. »Aber,« fügte er, das Fläschchen schüttelnd, hinzu, »aber Sie müssen auch ›brav‹ sein und dies Tränkchen nehmen, das Doktor Müller für Sie verschrieb, und das ich selbst gestern Abend noch aus der Apotheke für Sie holte.«

Dolores versicherte, daß sie Arznei im ganzen ohne Schwierigkeiten nähme, sofern dieselben nicht bestimmte, ihr widerwärtige Mixturen enthielten, und schluckte darauf zum Beweise sofort einen Theelöffel voll, den Doktor Ruß ihr füllte.

»Schmeckt es schlecht?« fragte er lächelnd, als Dolores den Mund etwas verzog.

»Schlecht ist zuviel,« meinte sie, »aber es ist ein merkwürdiger Geschmack, ich weiß nicht wonach – ein Geschmack, der mich verfolgt, denn ich habe ihn schon in gewöhnlichen Speisen und Getränken verspürt.«

»Einbildung, pure Einbildung, liebe Dolores,« sagte Doktor Ruß. »Aber es ist ein Beweis krankhaften Zustandes.«

»Freilich wohl! Denn woher schmeckten mir sonst verschiedene Dinge ganz gleich?«

Sie spielte eine Weile sinnend mit der Etikette des Fläschchens, welche »zweistündlich einen Theelöffel« vorschrieb und begegnete, aufsehend, dem auf sie gerichteten Blicke des Doktor Ruß. Nervös erregt, wie sie war, machte selbst dieser Blick sie erschauern, doch sie bekämpfte schnell ihr Unbehagen.

»Lieber Doktor,« sagte sie dann nicht ohne eine gewisse Verlegenheit, »nicht wahr, Sie sind nicht böse, wenn ich Sie und die Tante für den Monat, den ich noch hier bleiben wollte, auslade. Ichmußaber fort, sonst geht meine Gesundheit ganz zu Grunde. Ich denke, die See soll mir jetzt noch gut thun. Dafür aber besuchen Sie mich nächsten Sommer wieder hier recht lange, nicht wahr?«

»Natürlich, natürlich, liebe Dolores! Bedarf es zwischen uns der Formalitäten? Sicherlich doch nicht!« erwiderte Ruß hastig und lauter als gewöhnlich. »Und wann wollen Sie fort?« setzte er gespannt hinzu.

»Sobald die Einquartierung fort ist – also genau in einer Woche. Es wird mir schwer genug, auch diese noch hier zu bleiben, denn ich fühle, daß ich einer Reparatur meiner Nerven dringend bedarf.«

»Sicherlich,« stimmte Doktor Ruß zu. »Aber ein Wort noch, liebe Dolores, in dieser Sache. Sie können nicht allein reisen, nicht allein im Seebade bleiben – die Welt urteilt so leicht – und –«

»O nein, ich weiß, daß man den ›bösen Zungen‹ Konzessionen machen muß,« fiel sie ein, »obgleich ich gestehe, daß ich dieselben stets hart meinem Stolze und meinem reinen Bewußtsein abringen muß. Tereza ist unterwegs genug für mich, Ramo nicht zu vergessen, und im Seebade werden Balthasars mich bevatern und bemuttern.«

»Ah? Und dann?«

»Dann gehe ich auf vier Wochen zu der Großherzogin auf deren Lustschloß an der See – wir haben das schonabgemacht. Den Winter aber verlebe ich mit dem alten Freunde meines Vaters und dessen Gattin in Italien.«

»Also allesfait accompli?«

»Alles. Nicht wahr, Sie sind nicht böse, daß ich Sie für diesen folgenden Monat aus-, und daher zum nächsten Sommer einlade. Aber wäre ich nicht so ›Halali,‹ wie Engels es bezeichnet, so wäre ich sicherlich geblieben,« schloß sie liebenswürdig und reichte ihm die Hand, welche feucht und kalt war.

Doch obgleich Doktor Ruß sich vollkommen wohl befand, so hatte Dolores von seiner Hand genau dieselbe Empfindung, die sie abstieß und ihr unangenehm war.

»Nun, das fehlte noch, daß Sie sich deswegen bei uns entschuldigen wollten,« erwiderte er heiter, aber mit belegter Stimme.

»Und Sie? Wohin werden Sie die Achse lenken?« fragte Dolores.

»Jedenfalls zuerst nach Berlin,« meinte er sorglos. »So wenigstens habe ich es mit meiner Frau besprochen.«

Bald darauf verabschiedete er sich und stieg in seine Wohnung herab, wo seine Frau nähend saß.

»Dolores ist auf, will fort und hat uns gekündigt,« sagte er mit forcierter Lustigkeit. Und als Frau Ruß erstaunt aufsah, setzte er, etwas aus der Rolle fallend, hinzu: »Du brauchst mich nicht so erstaunt anzuglotzen, wie die Kuh das neue Thor – heut' über acht Tage wird der Falkenhof geschlossen, und wir sind mit einer Einladung fürs nächste Jahr an die Luft gesetzt. Fürs nächste Jahr! Wenn du ein Murmeltier bist, so lege dich bis dahin schlafen, oder wenn du ein Dachs bist,so vergrabe dich und zehre an deinem eigenen Fett, wie es diese ökonomischen Tiere zu thun pflegen!«

Und damit lachte er höhnisch und ging in sein Zimmer, dessen Thür er hinter sich verriegelte.

Frau Ruß war leichenblaß geworden – die Arbeit glitt der sonst unablässig Fleißigen aus der Hand, und sie saß, den Blick geradeaus gerichtet, wohl eine halbe Stunde da, ohne sich zu rühren, wie ein Steinbild. Endlich erhob sie sich mühsam, streifte die niederen Schuhe von den Füßen, schlich zu der Thür, durch welche ihr Gatte verschwunden war und sah durch das Schlüsselloch. Er saß, wie sie vermutet hatte, vor dem Rokokopult mit Aufsatz dessen er sich stets als Schreibtisch bediente, und schrieb – malte vielmehr mit der Feder, langsam und oft absetzend, auf einem Blatte Papier und sah oft dabei auf ein anderes Blatt, das vor ihm lag, das Frau Ruß aber nicht erkennen konnte. Er kopierte augenscheinlich etwas. Dabei hörte sie ihn öfters Ausrufe der Unzufriedenheit und Mißbilligung ausstoßen, und endlich stand er auf und öffnete links eine der kleinen schrägen Schubladen, welche den Aufsatz des Pultes an den stumpfen Ecken flankierten, und tastete mit der Hand, nachdem er die Lade ganz herausgezogen hatte, in der leeren Höhle umher, bis ein scharfes, schnappendes Geräusch von der angespannt Lauschenden vernommen wurde. Da erhob er sich und suchte in dem schrankartigen Mittelfach umher – was er dort that und trieb, deckte sein Rücken – Frau Ruß konnte es nicht sehen. Nach einer Weile aber hörte sie wieder das schnappende Geräusch, worauf Doktor Ruß die Schublade in ihr Fach zurückschob und seine Schreibereien zusammen zu packen begann.

Da kehrte Frau Ruß leise auf ihren Platz zurück und saß ruhig nähend da, als nach zehn Minuten ihr Mann wieder erschien, den Hut auf dem Kopfe und den leinenen Staubmantel an.

»Engels wollte um elf Uhr den Arzt wieder holen lassen,« sagte er, »und da mir Schreibmaterialien fehlen, so werde ich mitfahren und dieselben besorgen. Du magst mir also vom Lunch einiges aufheben lassen.«

»Ja,« nickte sie, »es ist gut. Wann soll ich mit dem Packen beginnen?«

»Das hat Zeit,« erwiderte er und ging.

Wieder saß Frau Ruß still, bis sie einen Wagen aus dem Stallhofe rollen hörte und sie, hinausspähend, Doktor Ruß in seinem Staubmantel fortfahren sah. Da erhob sie sich und ging in das Zimmer ihres Gatten und an dessen Schreibtisch, dessen Pult verschlossen war, wie die Schrankthüren des Aufsatzes. Zunächst suchte sie nun die Schublade an der linken, stumpfen Ecke des letzteren, und nachdem sie mehrere dieser langen engen Dinger herausgezogen und die Fächer untersucht hatte, fand sie in dem mittelsten derselben einen ziemlich flachen Knopf, welcher sich in einer Rille weiterschieben ließ. In der Aufregung, in welcher sie sich befand, machte sie sogleich ein Experiment damit, und ein scharf schnappendes Geräusch im Innern des Schränkchens belehrte sie, daß hier ein Mechanismus ein verborgenes Fach geöffnet haben mußte, und zwar ein in dem Schränkchen selbst zugängliches Fach. Doch wie hierzu gelangen ohne Schlüssel? Mechanisch zog sie ein kleines Schlüsselbund aus der Tasche, das ihre eigene Spinde und Kommode schloß, und ließ esnachdenklich durch die Finger gleiten. Es war unter den französischen Schlüsseln auch einer, der in eine kleine Rokokokommode paßte, in welcher sie ihre Hauben und feine Wäsche verwahrte – ein elendes Ding von einem Schlüssel mit verschnörkeltem Bartausschnitt. Diesen Schlüssel steckte sie zweifelnd und ohne seine Schließfertigkeit zu erhoffen, in das Schloß des Pultes – und siehe da, er schloß das primitive Schloß ohne Schwierigkeiten auf.

Klopfenden Herzens, aber mit vorsichtiger Hand zog sie die Ledermappe mit Löschblattfüllung, auf welcher ihr Gatte stets schrieb, heraus, und da lagen auch gleich die frischen Schriftproben – Blätter, auf denen der Schreiber einzelne Worte geübt und einzelne Buchstaben – alles in den charakteristischen, auffallenden Schriftzügen von Dolores Falkner! Und hier – hier war auch ein Brief von ihr mit nichtigem Inhalt, der als Vorlage für diese Übungen gedient haben mußte.

Vorsichtig schob sie alles wieder zusammen und schloß das Pult und – siehe da, der verachtete und oft geschmähte kleine Schlüssel schloß auch die Schrankthür des Aufsatzes auf. Nun probierte sie wieder den Knopf in dem Schubfache – er arbeitete leicht und sicher und öffnete in dem Schränkchen, das mit allerlei Bildern vollgeklebt war, wie man es oft in diesen alten Spinden findet, ein Geheimfach, dessen Thür unfindbar für den aufmerksamsten Sucher, mit einem bunten kleinen englischen Stich, der die Porträts des Königs Wilhelm III., der Königinnen Mary II. und Anna und deren Gemahl, dem Prinzen Georg von Dänemark, trug, verkleidet war – ein seltenes Schmähblatt dadurch, daß es die für die letzten Stuarts schmeichelhafte Unterschrift trug:

There is Mary the Daughter, and Willy the Cheater,And Georgie the Drinker, and Annie the Eater. –[2]

There is Mary the Daughter, and Willy the Cheater,And Georgie the Drinker, and Annie the Eater. –[2]

There is Mary the Daughter, and Willy the Cheater,And Georgie the Drinker, and Annie the Eater. –[2]

There is Mary the Daughter, and Willy the Cheater,

And Georgie the Drinker, and Annie the Eater. –[2]

[2]: Seltenes Flugblatt aus der Regierungszeit Wilhelms III. von England und der Königin Mary II.

Frau Ruß interessierte dies illustrierte Pamphlet von der Größe eines Oktavblattes aber gar nicht. Mit fliegender Hand langte sie hinein in das Fach – es enthielt nichts als ein paar Pappschachteln mit weißem Pulver ohne Aufschrift, nur mit lateinischen Ziffern in I und II numeriert und ein kleines Fläschchen von blauem Glase mit Glasstöpsel. Vorsichtig zog sie diesen halb heraus und roch daran – ein betäubender Duft von bitteren Mandeln machte sie aber sogleich zurückfahren und aufhusten. Schnell setzte sie alles wieder an Ort und Stelle, schloß Geheimfach und Schrank, schob die Schublade in ihr Fach und setzte sich dann hin, die Hände verschränkend und dachte nach.

Aber nicht lange, denn ein Blick auf die Uhr ließ sie bald wieder aufschrecken. Schnellen Schrittes verließ sie das Zimmer und fragte draußen im Korridor nach Mamsell Köhler, zu welcher sie in die Speisekammer gewiesen wurde.

Dort, in dem kühlen, gewölbten Raum stand das kleine graue Hausgeistchen des Falkenhofes und hatte alle Hände voll zu thun, um zum Lunch kalten Schinken, Roastbeef und Braten aufzuschneiden, Pasteten mit goldklarem, pikantem Aspic zu verzieren und eine Schüssel delikaten russischen Fleischsalates mit zierlich ausgestochenen roten Rüben, Pilzen, Haricots u. s. w. zu garnieren, indes drüben in der Küche die warmen Gerichte auf dem mächtigen Herde in kupfernen, spiegelblanken Kasserollen und Töpfen, welche zum Lehen gehörtenund mit dem Falknerschen Wappen graviert waren, zischten, brodelten und brieten.

Frau Ruß trug das Anliegen ihres Mannes wegen Aufhebens von Essen für ihn vor.

»Sehr wohl, Frau Baronin, soll besorgt werden,« versprach Mamsell Köhler, welche nie unterließ, Frau Ruß ihren Titel aus der ersten Ehe zu geben, wie sie Lolo Falkner stets mit einer Sündflut von »Durchlauchts« überschüttete, wo sich es thun ließ. »Ich weiß wieder nicht, wo mir der Kopf steht,« schwatzte sie weiter, eine dem Eisschrank entnommene Blechbüchse mit Kaviar öffnend und den milden, grauen, großkörnigen Inhalt in eine Schüssel entleerend. »Die Herren Offiziere können jeden Augenblick von dem Manöver zurückkommen und haben dann stets einen gottgesegneten Hunger. Lieber Himmel, mit solchem Appetit aß unsere gnädige Baronesse früher auch, und jetzt –? Was hat sie sich bestellt? Ein Kaviarbrötchen und eine Scheibe Roastbeef! Wie für einen Sperling! Und wird auch davon noch die Hälfte herunterschicken, da wette ich darauf!«

Während Mamsell Köhler ihre Zunge gehen ließ wie ein wohlgeöltes Maschinenrad, musterte Frau Ruß den Inhalt dieses geschmackvollen Raumes, insbesondere aber ein Regal, auf welchem Kolonial- und Spezereiwaren in weißen Porzellanfäßchen mit Aufschrift des Inhalts standen. Daneben waren Blechkästen und Büchsen mit Thee, Cakes und Dessert aufgestellt – alles so appetitlich und einladend wie möglich, wie es eben »nur Mamsell Köhler« verstand.

»Haben Sie noch gebrannte Mandeln?« fragte Frau Ruß.

»Sind leider ganz alle, Frau Baronin,« seufzte die Kleine mit Bedauern und viertelte eine Citrone. »Ach Gott, überhaupt die Süßigkeiten! Die essen die jungen Herren Leutnants auch wie das liebe Brot – tellerweise! Und dabei noch die viele Schlagsahne – man wundert sich bloß, daß den jungen Herren nicht manchmal schlecht wird in dem Magen –«

»Ich werde mir ein paar rohe Mandeln zum Knuspern mitnehmen,« unterbrach Frau Ruß diese Bewunderung eines Leutnantsmagens, hervorgegangen aus der völligen Unkenntnis dieses oft verblüffenden Organs. Und mit diesen Worten öffnete sie eine der Porzellantonnen und griff tief in dieselbe hinab.

»Das sind ja bittere,« rief Mamsell Köhler warnend, indem sie die Kaviarschüssel mit Citrone und Petersilienbüscheln garnierte.

»Ach so – ich habe mich versehen,« erwiderte Frau Ruß, und ließ den Inhalt ihrer Rechten ungesehen in die Kleidertasche gleiten. Dann entnahm sie der Tonne mit der Aufschrift »Knackmandeln« eine Handvoll der großen, süßen Früchte, nickte Mamsell Köhler zu und ging in ihr Zimmer zurück, wo sie die Schalmandeln ruhig in ein Kästchen that und die »irrtümlich« ergriffenen und behaltenen bittern Mandeln hervorholte. Auf einem saubern Papier unterzog sie sich der Mühe, die Mandeln mit einem Federmesser zu schaben, und hatte dann die feinen Spänchen eben in ein Musselinläppchen gebunden und in ein Viertel Wasserglas voll Wasser gelegt, als der Tamtam durch den Falkenhof dröhnte zum Zeichen, daß der Lunch serviert sei. Schnell schloß sie dasGlas fort in ein Schränkchen, ordnete ihren Scheitel, wusch die Hände und ging nach dem Speisesaal, wo sie an Stelle ihrer Nichte der Tafel präsidierte.

Am Nachmittage kam Falkner mit Lolo von Monrepos herüber, um sich nach dem Befinden von Dolores zu erkundigen und fanden sie, trotz des warmen Wetters fröstelnd in ein großes, weiches Tuch aus weißer Wolle gehüllt, in ihrem Salon vor, »blaß und durchsichtig wie ein schönes Gespenst; – wie die ›Traviata‹ im letzten Akt,« sagte Lolo Falkner später zu ihren Gästen.

Falkner war tief erschüttert von diesem Schattenbilde der einst so strahlenden Dolores und wollte gleich wieder gehen, um sie ruhen zu lassen.

»Ach nein, bleibt nur,« bat sie. »Ihr wißt, daß die Einsamkeit mir sonst so lieb ist, aber heut' habe ich mich förmlich vor ihr gefürchtet. Ich bin so schrecklich allein –«

Falkner wußte, daß seine Mutter nicht die Sympathien von Dolores hatte, darum brachte er sie nicht als Gesellschaft in Vorschlag.

»Wenn du die Gräfin Schinga zu dir herüberbitten wolltest – sie käme gewiß gern,« meinte er.

»O ja, ich habe an sie noch nicht gedacht,« sagte Dolores, angeregt von der Idee. »Sie müßte nur nicht verlangen, daß ich spreche,« setzte sie hinzu, »denn ich bin so müde – –«

»Ich werde gleich hinüberfahren nach Arnsdorf und die Gräfin selbst holen,« meinte Falkner aufstehend. Dolores war sehr erfreut über Falkners Bereitwilligkeit und versicherte ihm mit mattem Lächeln, es sei sehr gütig von ihm.

Lolo, froh, auf so gute Manier aus der »langweiligen Bude,« wie sie den Falkenhof nannte, heraus zu können, schloß sich ihrem Gatten an, und Dolores war wieder allein.

Aber nur wenige Minuten, da klopfte es leise und Frau Ruß trat hinein, schüchtern fast, denn sie hatte Dolores seit dem vorigen Abend nicht wiedergesehen und wurde selbst ganz blaß bei dem Anblick der weiß eingehüllten, durchsichtigen Erscheinung ihrer Nichte. Dolores selbst hatte das Entsetzen noch nicht vergessen, das diese Frau ihr gestern Abend eingeflößt durch ihren Blick, und darum klang ihr erzwungener Willkommsgruß vielleicht kälter und kürzer, als sie selbst gewollt.

»Mein Mann ist noch nicht zurück aus der Stadt – der Arzt muß also auswärts gewesen sein,« sagte Frau Ruß fast schüchtern.

»Wahrscheinlich. Er kann mir ja doch nichts nützen,« erwiderte Dolores.

»Nein,« stimmte Frau Ruß bei, »derkann dir nichts nützen. Du mußt einen anderen Arzt haben. Darf ich für dich an X. nach Berlin schreiben? Er wird gewiß dann bald kommen?«

»O, das ist überflüssig. Es wird schon von selbst wieder werden,« entgegnete Dolores gleichgültig.

»Nein, du darfst das so nicht hingehen lassen,« rief Frau Ruß dringend, »wirklich nicht! Laß mich an den Arzt schreiben, oder besser noch telegraphieren.«

»Das würde mich sofort mit dem behandelnden Arzte überwerfen – wir müssenseinGutachten erst abwarten,« sagte Dolores kurz.

Vor diesem Einwande verstummte Frau Ruß.

»Kann ich dir deine Arznei geben?« fragte sie nach einer Weile.

»Du bist sehr gütig. Sie steht dort auf dem Tisch.«

Frau Ruß ging hin, nahm die Flasche und entkorkte sie.

»Du hast wenig davon genommen.«

»Zweimal,« sagte Dolores. »Mir ist der nichtssagende Geschmack so widerwärtig. Aber es schmecken mir viele andere Dinge ebenso – meist der Thee am Abend.«

»Ja,« nickte Frau Ruß, aber indem sie die Flüssigkeit in den Löffel laufen lassen wollte, fiel die Flasche herab und entgoß ihren Inhalt auf den Teppich, welcher ihn sofort aufsaugte.

»Nun habe ich wenigstens eine Entschuldigung für mein Nichtnehmen,« meinte Dolores erleichtert.

In diesem Augenblick ließ Keppler sich melden. Er hatte bis jetzt drüben im Marmorsaal an dem Porträt gemalt, d. h. an dem Kleide, welches zu diesem Ende auf dem Podium auf einem Kleiderständer drapiert war. Dolores ließ den Künstler bitten, einzutreten, froh, daß sie des Alleinseins mit Frau Ruß überhoben war. Diese blieb indes auch – sie ward aber schweigsam wie gewöhnlich und ging endlich, als Falkners mit der Gräfin Schinga zurückkehrten – aber sie hatte auf Keppler den Eindruck gemacht, als hätte sie etwas sagen wollen und die Gelegenheit dazu nicht gefunden.

Dolores war froh, als sie fort war, und begrüßte die Gräfin mit freudiger Dankbarkeit für ihr Kommen. Und so nahmen die vier denn Platz um die Kranke, und eine halblaute,aber eifrige Konversation, welche Dolores sichtlich anregte, begann, bis sie sich müde und erschöpft zurücklehnte.

»Wollen Sie etwas Musik?« fragte Gräfin Schinga, und Dolores nickte.

»Aber etwas recht Sanftes,« bat sie.

Die Gräfin öffnete den Flügel, dachte eine Weile nach, und dann spielte sie die Introduktion zum letzten Akt der »Traviata,« diese von Todesahnung durchzitterte Weise, in welcher das zum Sterben verurteilte Herz noch einmal hoch aufklopft für einen kurzen Moment und dann erlischt:

Während Gräfin Schinga spielte, hatte Dolores sich aufgerichtet, hatte das Tuch von sich geworfen und war neben die Spielende getreten, sich mit ihr durch einen Blick verständigend. Und so flocht letztere denn nach der beendeten Einleitung ein paar Accorde der Recitative mit ein und ging über in die Begleitung des letzten Aufschluchzens der Violetta, und Dolores fiel ein mit ihrer Stimme, leise, leise, wie ein Hauch zuerst, dann stärker anschwellend und wieder erlöschend, wie das junge Leben der Singenden:

Addio del passato, beisogni, ridenti,Le rose del volto già sono pallenti;L'amore d'Alfredo perfino mi mancaConforto, sostegno dell' anima stanca– –

Addio del passato, beisogni, ridenti,Le rose del volto già sono pallenti;L'amore d'Alfredo perfino mi mancaConforto, sostegno dell' anima stanca– –

Addio del passato, beisogni, ridenti,Le rose del volto già sono pallenti;L'amore d'Alfredo perfino mi mancaConforto, sostegno dell' anima stanca– –

Addio del passato, beisogni, ridenti,

Le rose del volto già sono pallenti;

L'amore d'Alfredo perfino mi manca

Conforto, sostegno dell' anima stanca– –

Sie schloß schon nach dem ersten »tutto, tutto fini« – »alles, alles zu Ende,« aber nie vielleicht hatte sie so erschütternd gesungen. Einmal hatte sie gestockt nach den ersten Zeilen, als der Name »Alfredo« ihr auf die Lippen trat, aber sie hatte weiter gesungen. – Was that es zur Sache, daß sie seinen Namen jetzt in der Verbindung mit ihrer Liebe nannte – denntutto, tutto fini– –

Und wie sie geendet hatte und Gräfin Schinga die Hände von den Tasten sinken ließ, da war es einen Augenblick sehr still in dem kleinen Kreise, so still, daß man das Summen der Bienen draußen in der warmen Spätsommerluft hörte. Und Dolores strich mit der Hand über ihre Stirn.

»Tutto fini–« sagte sie. »Das war mein letztes Lied.«

»Nein, nein!« rief Keppler abwehrend, die Stimme rauh vor Erregung.

»Tutto fini,« wiederholte Dolores. »Mir bleibt nur noch einiges zu besprechen mit dem Erben vom Falkenhof.« –

Indes war unten Doktor Ruß endlich mit dem Arzt angelangt, und Frau Ruß unternahm es, den jovialen alten Herrn hinaufzuführen.

»Nun, wie geht's oben?« fragte er so heiter, als hätte Dolores den Schnupfen.

»Es flackert so auf mit ihr und läßt wieder ganz nach,« erwiderte Frau Ruß. »Ich hörte sie eben noch singen. Aber sie ist doch sehr krank – –«

»Krank?« lachte der kleine Doktor. »Ich bitte Sie, Verehrteste! Ihr Herr Gemahl hat mir so Andeutungen gemacht über eine unglückliche Herzensangelegenheit – wer ist es denn, derErnämlich?«

»Mir ist davon nichts bekannt,« sagte Frau Ruß erstaunt.

»Haha!« pustete der alte Herr, »na, dann nicht, liebe Seele! Ich werde an dem Ungenannten nicht ersticken! Herr Gemahl war aber kolossal positiv, ja, ja! Hat Selbstmordgedanken, die schöne Herrin vom Falkenhof – lustige Gesellschaft, frische Luft – einchacunfür diechacune, das ist die richtige Medizin dafür – werden ja sehen – hm, hm –!«

»Selbstmordgedanken?« fragte Frau Ruß, entsetzt stehen bleibend.

»Pst! So 'was sagt man nicht so laut wie Sie,« tuschelte der Doktor. »Dazu braucht's aber keine Apotheke, sondern man muß es eben nur wissen! Ja, wenn ich zur Diagnose immer die Winke des Herrn Doktor Ruß hätte, dann wollt' ich sie schon immer richtig stellen!« – – –

In den nächsten zwei Tagen wurde es wieder besser mit Dolores, so daß sie spazieren fahren und sich auch etwas an der Gesellschaft beteiligen konnte. Von Monrepos kamen täglich Boten nach dem Falkenhof, welche sich nach dem Befinden der Kranken erkundigten – Falkner selbst aber kam nicht, denn Lolo behauptete, sie könnte kranke Leute nicht leiden und es nicht hören, wenn jemand von seinem Tode redete –ihrsei gar nicht zum Sterben zu Mute, im Gegenteil –!

Und so hielt auch er sich fern und hörte nur von Keppler Genaueres. Danach war sie ja, mit Ausnahme des bleischwerenGefühls in den Gliedern, einiger Frostanfälle und Stunden gänzlicher Apathie, relativ wohl, ja selbst heiter, und klagte nur über die schlaflosen Nächte, die so langsam und tödlich bedrückend dahinschlichen. Der gute Doktor Müller mit seiner Rußschen Diagnose kam nicht mehr wieder.

»Einquartierung hilft besser als ich,« hatte er pfiffig behauptet, Dolores Sekt und Kaviar verordnet und war froh gewesen, die langen Fahrten nach und von dem Falkenhofe wieder mit seinem gewohnten Skat im »Grünen Hirsch« zu Kuckucksnest vertauschen zu dürfen. Von einem anderen Arzte wollte Dolores nichts wissen, und die Gesellschaft der darauf dringenden Frau Ruß vermied sie möglichst, besonders unter vier Augen.

Am Abend des vierten Tages, als Gräfin Schinga, die ihr treulichst Gesellschaft leistete, nach Hause gefahren war, trat Doktor Ruß bei der müde und abgespannt dasitzenden Dolores ein.

»Ich kann es gar nicht mehr mit ansehen, daß Sie nicht schlafen,« sagte er sanft und teilnahmsvoll. »Darum bin ich heut' Nachmittag nach der Stadt gefahren und habe mit Doktor Müller gesprochen. Derselbe konnte leider nicht selbst kommen, hat mir aber ein Schlafmittel für Sie mitgegeben, welches Sie in Wasser nehmen sollen, sobald Sie fühlen, daß der Schlaf wieder nicht von selbst kommt.«

»O, ich danke Ihnen tausendmal,« rief Dolores, das Fläschchen von blauem Glase entgegennehmend, das er ihr reichte.

»Ich habe das Rezept gelesen,« meinte Doktor Ruß. »Chloralhydrat mit etwas Sirup und Bittermandelwasser – es wird schon seine Dienste thun.«

Damit wollte er sich entfernen, doch Dolores reichte ihm nochmals die Hand.

»Gute Nacht und herzlichen Dank,« sagte sie, und fügte hinzu: »Durch diesen Zaubertrank kann ich ja mit Wallenstein sagen:


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