Chapter 8

Ich denke einen langen Schlaf zu thun,Denn dieser letzten Tage Qual war groß.

Ich denke einen langen Schlaf zu thun,Denn dieser letzten Tage Qual war groß.

Ich denke einen langen Schlaf zu thun,Denn dieser letzten Tage Qual war groß.

Ich denke einen langen Schlaf zu thun,

Denn dieser letzten Tage Qual war groß.

Freilich hatte der Generalissimus einen längeren Schlaf als er dachte, denn er wurde ermordet.«

»Gute Nacht,« erwiderte Doktor Ruß so leise und mit so veränderter Stimme, daß Dolores dieselbe gar nicht wieder erkannte. Und er glitt zur Thür hinaus wie ein Schemen.

Ein Weinglas mit Wasser neben sich nebst der blauen Flasche, legte sie sich zeitig zur Ruhe und wartete auf den Schlaf, doch derselbe kam nicht. Nebenan in dem Ankleidekabinett war Tereza eingeschlafen – die treue Seele hatte all' die vorigen Nächte gewacht und war zu Tode ermüdet.

Auf dem Uhrturm des Falkenhofes schlug es elf Uhr, und als es Mitternacht schlug, machte Dolores Licht, goß den Inhalt des Fläschchens in das Wasser und trank das stark nach bitteren Mandeln duftende Medikament in einem Zuge aus. – – – – –

Und es schlug Eins. Da erhob Dolores sich resigniert von ihrem Lager, weil doch auch das Schlafmittel nicht wirken wollte, warf ihren Schlafrock über, nahm ein Licht und ging in die kleine Bibliothek, mit Lesen die langen, langen Nachtstunden zu kürzen.

Sie entzündete eine Lampe und holte ein Buch, aber es wollte nicht gehen mit dem Lesen, denn sie war zu müde,ihre Augen zu übernächtig. Und weil die Augen sie schmerzten von dem vielen Wachen und vom Licht, so lehnte sie sich zurück und schloß die Lider, und wer jetzt hineingetreten wäre, hätte sie müssen für gestorben halten, so blaß und regungslos saß sie da in dem matten Lichte der bläulichen Glaslampe. Mit einem Mal war's ihr, als hörte sie nebenan im Saal eine Thüre gehen und leise, leise Schritte – – »Tereza,« dachte sie müde und blinzelte unter den Lidern hervor nach den Portieren, welche den Saal von dem Kabinett abschlossen. Und die Schritte kamen näher und hin und wieder knisterte unter ihnen ein locker gewordenes Teilchen des alten Parketts – endlich ward die Portiere zurückgeschlagen und – – Doktor Ruß stand auf der Schwelle.

Dolores sah ihn stehen und der Gedanke durchfuhr sie: »Was will er hier, mitten in der Nacht?« Still und ruhig blieb sie sitzen, die Augen geschlossen, und leise, leise schlich er näher und stand endlich dicht vor ihr und beugte sich herab, auf ihre Atemzüge zu lauschen, die sie künstlich zurückhielt.

»Sie ist tot,« murmelte er, griff in die Brusttasche seines Rockes und zog ein Blatt Papier hervor, das er auf den Tisch legte.

Da schlug Dolores die Augen auf zu ihm.

»Was wollen Sie hier, Doktor Ruß?« fragte sie laut.

Da fuhr er zurück mit einem heiseren Schrei, der wie das Brüllen eines gereizten Panthers klang.

»Was haben Sie mich erschreckt,« sagte er nach einer sekundenlangen Pause gefaßt, »ich dachte, Sie schliefen –«

»Den ewigen Schlaf. Sie sagten so,« ergänzte Dolores.

Langsam trat er wieder näher und legte die Hand wie zufällig auf das Papier auf dem Tische.

»Sie sahen so furchtbar bleich aus,« entgegnete er. »Das macht dies nichtswürdige blaue Licht,« setzte er hinzu, und es klang wie wenn er dazu mit den Zähnen knirschte. Dabei fuhr die Hand mit dem Papier zurück in die Brusttasche.

»Sie haben mir noch immer nicht gesagt, warum Sie hier sind zu so ungewöhnlicher Zeit,« erwiderte sie kühl, aber im Herzen ein vages Gefühl von Angst.

»Ich war aufgewacht, und es war mir eingefallen, daß ich vergessen hatte, Ihnen zu sagen, Sie sollten nur die halbe Dosis des Schlafmittels nehmen,« erklärte er sein Erscheinen plausibel genug. »Da hatte mich die Angst, Ihnen durch Nachlässigkeit geschadet zu haben, aus dem Bette getrieben, und ich war leise heraufgekommen –«

»Sehr leise. Zu leise für Ihre gute Absicht,« warf sie ein.

»Aber ich sehe zu meiner Beruhigung, daß Sie das Mittel gottlob gar nicht gebraucht haben,« schloß er.

»Doch,« sagte sie, »ich habe es sogar ungeteilt genommen – Ihre Vorsicht käme also zu spät, wenn das Mittel, wie alle Mittel des Doktor Müller, nicht so ausgezeichnet wirkungslos gewesen wäre.«

»Genommen? Das Ganze genommen?« wiederholte er wie ein Träumender.

»Bis zum letzten Tropfen,« nickte Dolores etwas spöttisch.

»Das ist nicht wahr!« brach er los.

Da erhob sie sich heftig, schritt in ihr Schlafzimmer und kam gleich darauf mit der leeren Flasche zurück, die sie auf den Tisch warf.

»Hier,« sagte sie sprühenden Blickes. »Und nun verlassen Sie mich, und wenn ich's Ihnen nachsehe, daß Sie mich der Lüge geziehen haben, so schieben Sie's auf das Konto dieser späten Stunde, in der Sie vielleicht nicht wußten, was Sie redeten!«

Doktor Ruß hatte mit zitternden Händen die blaue Flasche ergriffen und stand Dolores gegenüber, stumm, aber mit keuchendem Atem und gierigem, raubtierartigem Blick. Und wieder packte Dolores, die stets so mutige, ein unbestimmtes Angstgefühl – im Falkenhof war's still zu dieser Nachtstunde, keine Menschenseele war wach und Tereza schlief so fest, daß man sie bis hier herein atmen hörte – – und wenn dieser Mann wollte – –

Da glitt ein Schatten über die Lampe und im selben Momente stand Ramo zwischen seiner Herrin und ihrem Gaste.

»Baronesse haben geläutet?« fragte er ruhig, als wäre es mitten am Tage. Sie hatte es nicht gethan, aber sie begriff die Wachsamkeit des treuen Menschen.

»Du sollst Herrn Doktor Ruß die Treppe herab leuchten – er hat kein Licht,« sagte sie mit einem tiefen, freudigen Atemzuge.

Doktor Ruß aber hatte sich ganz wiedergefunden.

»Gute Nacht, liebe Dolores – versuchen Sie's noch, ein wenig zu schlummern. Ich werde wegen des Chlorals morgen mit Doktor Müller sprechen. Er hat Ihre Natur für allzu nachgiebig gehalten mit dieser schwachen Dosis,« sagte er und reichte ihr die Hand.

Aber Dolores schien dieselbe nicht zu sehen, sondern wandte sich einfach ab und ging gelassen in ihr Schlafzimmer,das sie hinter sich verschloß mit klopfendem Herzen und fliegenden Pulsen.

Aber sie fand dennoch ein wenig Schlaf, und es träumte ihr, die »böse Freifrau« streiche leise mit ihrer kalten Hand über ihr Haar, und sage mit frohem Lächeln in ihr Ohr: »Bald! Bald! Dolores! Erlöserin!« Ganz wie in ihrer ersten Nacht im Falkenhofe.

***

Frau Ruß aber hatte am andern Morgen eine böse Zeit mit ihrem Gatten, der in seiner schlechtesten Laune war und sie mit giftigstem Hohne überschüttete, nervös lachte und in einem Zustande fieberhafter Reizbarkeit seine Kleider durchsuchte nach einem Blatt Papier in einem offenen, unbeschriebenen Couvert, das er verloren haben wollte. Frau Ruß suchte schweigend mit, aber es war nicht zu finden, und dann mußte sie hinausgehen in die kleine Bibliothek, um nachzusehen, ob er es dort verloren habe. Doch es war auch dort nicht zu finden, trotzdem noch niemand das Kabinett betreten hatte, weil es dicht neben dem Schlafzimmer der Schloßherrin lag, diese aber noch schlief und nicht gestört werden sollte. Auch Ramo, welcher die Lampe ausgelöscht hatte, nachdem er Doktor Ruß herabgeleuchtet, hatte nichts gesehen oder aufgehoben.

Hätte Doktor Ruß geahnt, daß sich ihm das Papier so nahe befand, daß es in der Kleidertasche seiner Frau war –! Aberdasahnte er nicht. Und während er umherging, rastlos, blaß, mit unstetem Blick, da saß seine Frau da, die Hände im Schoß gefaltet, müßig, und unter den Augen tiefe, blaue Ränder, die Wangen hohl und in dem verblaßten, blonden Haar ein schneeweißer Streifen, der gestern noch nicht dagewesen war.

»Wie sitzest du da? Arbeite!« fuhr er sie an, und als sie sich daraufhin nicht rührte, höhnte er: »Du siehst aus, wie eine getrocknete Leichenpredigt! Was fehlt dir? Hast du einen Geist gesehen?«

»Das ganze wilde Heer,« erwiderte sie mit zuckenden Lippen.

»Wohl bekomm's!« zischte er.

Um die Mittagszeit, ehe zum Lunch geläutet wurde, kam Falkner und fragte nach Dolores, die er in der Halle mit Engels traf – blässer denn je, aber scheinbar wohler.

»Lolo hat sich in den Kopf gesetzt, heut' ein Picknick am Hexenloch zu veranstalten,« sagte er, »und da bin ich denn beauftragt, dich zu fragen, ob du es uns erlaubst und selbst teilnehmen wirst mit deinen Gästen. Es soll statt des Diners gelten.«

»Ach ja, das ist eine hübsche Idee,« erwiderte sie freundlich. »Wir wollen das gleich mit Mamsell Köhler besprechen, meine Gäste treffe ich jetzt beim Lunch und werde es ihnen dabei sagen, damit sie ihren Dienst vorher abmachen.«

»Aber wirst du selbst denn kommen können?«

»Ich hoffe, ja. Und wenn ich mich heimlich eher entferne als die anderen, so bitte ich dich, die Pflichten des Wirtes zu übernehmen und meinen Rückzug zu decken. Bleibst du zum Lunch?«

»Nein – ich danke dir. Ich will Lolo nicht daheim allein lassen mit den Herren.«

»Das ist recht,« stimmte sie zu. »In diesem Sinne darf ich dich nicht halten.«

Fräulein Köhler stöhnte innerlich zwar große Stücke über »den Picknickunsinn,« aber er wurde dennoch ins Werk gesetzt.

Dolores zog sich sofort nach dem Lunch zur Ruhe in ihr Zimmer zurück, und so oft Frau Ruß an diesem Tage oben anklopfte oder bei dem unablässig wachsamen Cerberus Ramo anfragte, ob sie Dolores sehen könnte, so oft wurde ihr gesagt, daß die Herrin vom Falkenhof ruhe, und als es so weit war, um zum Picknick am Hexenloch aufzubrechen, da war Gräfin Schinga oben – Frau Ruß also überflüssig geworden.

Dolores war seit jenem verhängnisvollen Abende nicht mehr am Hexenloch gewesen, trotzdem sie diesen wildromantischen, geheimnisvoll malerischen Fleck Erde unter den Blutbuchen und den hohen, ernsten Tannen früher so sehr geliebt hatte. Daß der Platz, an den sich so viele unheimliche Sagen knüpften, an dem sie die süßeste und doch auch bitterste Stunde ihres Lebens verlebt, an welchem sie fast den Tod gefunden, heut' wiederhallen sollte von heiterem Lachen und lustigen Worten, das schien ihr, als sie sich's überlegte, freilich ganz undenkbar, aber es ist ja schließlich der Lauf der Welt, und so fuhr sie im leichten Parkwagen an der Seite ihres vornehmsten Gastes, des Kommandeurs, zum Picknickplatz, denn der Weg war ihr zu weit geworden für ihre schwankende Gesundheit, und sie wollte dann lieber zurück gehen. Die anderen waren alle schon da, als sie am Hexenloch ankamen, und lagerten auf dem grünen Rasen um das weiße, ausgebreitete Tafeltuch, darauf ausgebreitet stand, was eine feine Küche zu liefern vermag.

Dolores überlief unwillkürlich ein kalter Schauer, als sie die Stätte betrat, wo sie mit den dunkeln, tückischen Wassernum ihr Leben gekämpft – aber damals war es offener Kampf gewesen mit einem Feinde, der sie besiegt hätte ohne Alfred Falkners Hilfe; heut' aber kämpfte sie denselben Kampf mit einem Feinde, den sie nicht zu nennen wußte, und ihr ahnte, daß sie diesem verkappten Unhold erliegen würde. Denn er hatte sich zu ihr gestohlen wie der Dieb in der Nacht, er hatte ihre blühende Gesundheit untergraben, ihr Kraft und Lebensmut geraubt und lag mit bleierner Schwere in ihren Gliedern.

Und es war fast wie damals am Hexenloch, nur daß die Sonne höher stand und neugierige Strahlen warf auf das blitzende Silberzeug der improvisierten Tafel auf dem Rasen, auf die leuchtenden Uniformen der Husaren, auf Dolores Falkners schimmerndes Haar. Es waren außer ihr nur noch drei Damen zugegen: Lolo, Gräfin Schinga und Frau Ruß. Und letztere hatte sich neben Dolores gesetzt, doch wurde sie, der bunten Reihe wegen, bald von ihrer Seite gedrängt.

Als man beim ersten Glase Sekt miteinander anstieß, da ließ Dolores auch das ihrige mit dem des Doktor Ruß zusammenklingen.

»Seien Sie nicht böse – ich bin eine kranke und nervöse Person,« sagte sie mit Bezug auf die Vorgänge der letzten Nacht, denn sie hatte sich's überlegt, wie leicht man manchmal ein Wort spricht, wie »es ist nicht wahr,« ohne dabei etwas zu meinen in diesem Ausruf des Staunens. Und der Mann hier, dessen Blick sie mehr erschreckt, als seine Worte sie empört hatten – er warihrGast.

»Man ist Damen niemals böse,« erwiderte Doktor Ruß und zog ihre Hand an seine Lippen.

Bald thaten der Sekt und die muntere Gesellschaft ihre Schuldigkeit – denn durch den Park klang weithin das laute, herzliche Lachen des sorglos fröhlichen Kreises. Und die lauteste darunter, ein Sprühteufel an Witz und Laune, war Lolo Falkner!

Doch auch Dolores' matte Lebensgeister belebte der Wein und die hinreißend gute Laune der künftigen Schlachtenlenker, und sie lachte ein paarmal sogar fröhlich auf bei einem besonders unwiderstehlich guten Scherz derselben.

Da jagten sich lustige Manövergeschichten mit lustigeren Schnurren, und manch' ein Kalauer wurde mit lachendem »Au! au!« im Chore abgelehnt – ein Kobold, der zu einer Thür hinausgeworfen, zur anderen wieder hereinkam mit lachendem Gesicht, ein gar nicht loszuwerdender Lachgeist im heiteren Kreise.

Da fiel es plötzlich jemand ein, nach dem Ursprung des Namens »Hexenloch« zu fragen, und Doktor Ruß erzählte mit seinem wohltönenden Organ die Legende desselben, wie sie verzeichnet stand in den Annalen des Falkenhofs. Erst hörte nur der Frager zu, dann noch andere und zuletzt schwieg der ganze Kreis und lauschte auf eine jener finsteren Tragödien finsteren Aberglaubens aus längstverklungener Zeit, meisterhaft erzählt mit allen Mitteln, allen Raffinements eines Vortragsmeisters.

»Donner Wachsstock! Auf das gruselige Zeug muß man eins gießen,« sagte Graf Schinga, als Doktor Ruß geendet.

Und damit trank er ein großes Glas Sekt, das er sich schonwährendder Erzählung vom Hexenloch mit frischen Pfirsichen präpariert hatte, auf einen Zug aus.

Das wievielte es war, wußte kein Mensch zu sagen, man konnte es aber an seinen funkelnden Äuglein und der sich sanft rötenden Nase ungefähr berechnen.

»Hu! 's wird einem ganz kalt!« sagte Lolo Falkner und schüttelte sich. »Wie kann man sich nur einen so schönen, lustigen Abend mit solch' schauerlichen Geschichten verderben! Mir sind die lustigen Geschichten lieber. Wer erzählt eine?«

»Du, Erfurt, erzähle 'mal der Baronin deine Erlebnisse aus dem letzten Quartier,« rief ein Leutnant dem andern zu.

»Ja, ja, erzählen! Das ist nämlich eine kapitale Geschichte! Und dazu der Erfurt –! Nein, zum Schreien!« schwirrte es durcheinander.

»Silentium! Der alte Graf will eine Geschichte erzählen!« rief der Kommandeur lachend.

Der also Aufgeforderte war ein ganz ›junger‹ Leutnant, der etwas spät erst des Königs Rock angezogen und einen kahlen Kopf hatte, weshalb er der alte »Graf Erfurt« genannt wurde. Charakteristisch bei ihm war, daß er sehr zerstreut war und nie eine Geschichte zu Ende erzählte, da er diese durch das Dreinreden und Aushelfen der Kameraden längst vergessen hatte, bis er dazu kam.

»Ja,« sagte er jetzt nachdenklich. »Wie war denn die Geschichte eigentlich?«

»Na, du lagst beim Bankier Schweigeles im Quartier,« half ein Leutnant ein.

»Richtig,« nickte der alte Graf erfreut. »Schöne Frau, wohlerzogen und vornehm –«

»Die Schweigelessen?« fragte Graf Schinga.

»Ja. Konnte ebensogutGräfinSchweigeles sein. Famose Frau! Wirklich! Reizend, nett und so was Angenehmes –«

»Und der alte Schweigeles?« fragte jemand.

»Greulicher Kerl, protzig, eklig – auf jedem Finger einen Brillantring – wie der zudieserFrau gekommen, ist mir ein Rätsel!«

Pause.

»Aber die Geschichte, Erfurt!« rief der Kommandeur.

»Ja so!« sagte der alte Graf zur allgemeinen Heiterkeit. »Also dieser Lulatsch, der Schweigeles –«

»Halt!« rief Lolo dazwischen, »das ist etwas für den Doktor Ruß! Er muß uns einen Vortrag halten über den klassischen Ursprung und die ästhetische Berechtigung des Wortes ›Lulatsch.‹«

»Nachher! Der Herr Vorredner hat das Wort,« erwiderte Ruß lächelnd.

»Ja, nun weiß ich gar nicht mehr, wie es war,« sagte der alte Graf perplex.

»Es fing mit dem Mittagessen an,« soufflierte einer der Offiziere.

»Ah, ja richtig!« nahm der alte Graf den Faden wieder auf. »Mockturtlesuppe. Dann gab es solches grünes Zeug –«

Er machte die Bewegung des Bohnenschnitzelns und man begriff.

»Dazu Lachs und – na, wie nennt man das?« fragte er, auf seine herausgestreckte Zunge tippend.

»Ochsenzunge,« übersetzte nach dem Anblick des fraglichen Objektes ein Leutnant die Pantomime, und als sichdas um den Kreis laufende Kichern gelegt hatte, fuhr der Erzähler fort:

»Eben!Ox tongueheißt es englisch. Nachher kam so eine gebackene Splitterteig-Chose, gefüllt mit einem Mansch von Krebsschwänzen, Spargeln und – und – und« er klopfte mit dem Zeigefinger auf den Kopf.

»Kalbsgehirn,« interpretierte man die bezeichnende Bewegung.

»Jawohl,« sagte der Erzähler freudig, aber nun war es vorbei mit aller Fassung und ein brausendes Gelächter versenkte auf ewig die »kapitale Geschichte« in das Meer der Vergessenheit. Der Graf nahm auch den Fund von Kalbsgehirn und Ochsenzunge bei ihm selbst gar nicht übel, er war froh, daß er schweigen durfte und den guten Sekt trinken.

»Und nun der Vortrag des Doktor Ruß,« rief Lolo, als das Lachen sich gelegt hatte.

»Er ist noch nicht ausgearbeitet,« wehrte der Angeredete ab.

»Ich höre hübsche, nette Geschichten für mein Leben gern,« gestand der Kommandeur. »Es hört sich so behaglich zu, besonders hier im Freien, eine gute Cigarre dazu als Würze. Wer erzählt noch eine Geschichte?« rief er laut.

»Ich,« sagte Frau Ruß in das allgemeine Schweigen hinein.

»Du? Liebes Weib, du scherzest,« flötete Doktor Ruß taubensanft.

»Frau Ruß hat das Wort,« sagte der Kommandeur erstaunt, aber sehr höflich, und alles lauschte gespannt, waswohl diese Frau, welche immer die Rolle der Stummen spielte, erzählen könnte.

Frau Ruß aber suchte mit den Augen ihren Sohn und nickte ihm zu, dann richtete sie die Augen auf das Wasser und begann:

»Es war einmal eine Frau –«

»Also ein Märchen,« sagte Graf Schinga mit langem Gesicht.

»Ja, ein Märchen,« sagte Frau Ruß und begann nochmals: »Also, es war einmal eine Frau, die war Witwe und hatte ein Kind, das einmal einen großen Besitz erben sollte. Erbschaften aber sind Güter im Monde – Luftschlösser. Und auch dieses Luftschloß zerfiel in Staub und Spreu und das Kind der Witwe blieb arm. Die Witwe aber heiratete wieder –«

»Kommt zuweilen vor,« brummte Graf Schinga.

»Und sie heiratete einen bösen Mann,« fuhr Frau Ruß fort.

»So? Sonst sind meist die Weiber die Xantippen,« sagte Graf Schinga trocken, doch Frau Ruß erzählte unbeirrt weiter.

»Sie heiratete einen bösen Mann – einenschlechtenMann. Denn er liebte, weil seine Frau alt und welk wurde, ein junges, schönes Mädchen, die Erbin der Güter, als deren Herrn er seinen Stiefsohn erträumt – –«

Sie hielt einen Augenblick inne, ohne den Blick vom Wasser abzuwenden, ohne auf das fest auf sie gerichtete Antlitz ihres Sohnes zu sehen, ohne das blasse Gesicht von Dolores mit den Augen auch nur zu streifen.

»Eine recht uninteressante Geschichte, mein Herz,« sagte Doktor Ruß leise, mit seltsam schwankender Stimme.

Währenddem war auch Falkner neben seine Mutter getreten.

»Möchtest du uns deine Geschichte nicht lieber zu Hause erzählen, Mutter?« fragte er leise, sich über sie beugend. Aber sie achtete weder auf den einen, noch auf den anderen.

»Und weil der zweite Mann der Witwe das junge Mädchen nicht sein nennen konnte, und weil sie ihn nicht wieder liebte, beschloß er sie zu töten.«

»Gott, wie romantisch,« gähnte Lolo.

»Unangenehmer Gentleman,« knurrte Schinga, Doktor Ruß aber lachte laut auf. Er lachte sonst immer leise.

»Das glaubte nämlich seine Frau,« fuhr Frau Ruß in ihrer gleichen, monotonen Weise fort. »Aber es mochte ihn noch anderes treiben – der Besitz. Denn der Sohn der Witwe war der Erbe des Mädchens, und als Stiefvater des Besitzers dachte er sich wohlversorgt. Vielleicht war das auch der richtige Grund – aber die Frau war eifersüchtig, weil sie alt geworden war, weil er jünger war als sie, und sie keinen Reiz mehr auf ihn ausüben konnte. Und weil die Frau eifersüchtig war, da spürte sie seinen Wegen nach – o, so sacht, so unverdächtig, so sicher! Sie schlief nachts nicht einmal mehr, denn der Mann hatte die Gewohnheit im Schlafe zu sprechen, und sie lauschte alle Nächte mit bitterem Weh und wild schlagendem Herzen, ob er von dem schönen Mädchen und seiner Liebe zu ihr im Traume reden würde. Doch nur selten nannte er ihren Namen. Aber die Frau erfuhr aus seinen Reden etwas anderes – nämlich, daß er ein Mörder sei, daß er das Mädchen töten wollte. Und so erfuhr sie, wie er sie belauscht am Wasser, und daß sie einen anderen liebte – wen sagte er nicht. Aber er redete wilddavon, wie er sie ins Wasser gestoßen und ein anderer sie gerettet – ›Wer hätte auch voraussehen können, daß sie schreien würde!‹ so sagte er unablässig in jener Nacht.«

Von den Zuhörern flüsterten längst während der Erzählung der Frau Ruß Zwei und Zwei oder Gruppen miteinander. Nur Dolores hörte hoch aufgerichtet, aber leichenblaß zu, Doktor Ruß zupfte die Rippen eines Buchenblattes aus und Falkner stand wie hypnotisiert und sah nach Dolores hinüber.

»Als aber das Mädchen aus dem Wasser errettet worden war, versuchte es der Mann mit einem anderen Mittel,« fuhr Frau Ruß fort. »Denn das Mädchen hatte eine Schußwaffe, die nahm er, als sie abwesend war, und übte sich damit. Er wollte sie erschießen und die Pistole dann in ihre Hand geben, als hätte sie es selbst gethan, und er bereitete alles vor, indem er erzählte, daß das Mädchen lebensmüde sei aus unglücklicher Liebe. Aber der Schuß ging fehl, und er fand Zeit, die Waffe zurückzulegen an ihren Platz, ehe das Mädchen sie suchen konnte. O, seine Frau spürte ihm wohl nach und sah alles, alles, alles. Denn sie hatte eine wilde Freude an seinem Thun, weil sie das Mädchen haßte, haßte, haßte! Und weil sie eifersüchtig war. Als nun aber der Mann sah, daß er so nichts ausrichtete, da fing er an, dem Mädchen Gift zu geben, ein langsames, schleichendes Gift, das die sonst so Gesunde hinsiechen und hinwelken machte, wie eine Blume im Herbst. Da erwachte das Gewissen der Frau bei dem Anblick dieser welkenden Lilie und sie schlug an ihre Brust und sagte: ›mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa,‹ wie sie in der Messe oft so gedankenlos gethan. Aber sie sagte dem Manne nicht, daß sie ihn entdeckthabe, denn sie wußte, er würde sie töten aus Rache und Angst vor ihrer Mitwisserschaft, sie wußte, daß der Tod ihr sicher sei für ihre Entdeckung, weil der Mann grausam war – eine Bestie unter dem Firnis höchster Kultur. Und die Frau suchte seine Wege zu durchkreuzen, um das fressende Gift in dem Mädchen aufzuhalten und es womöglich zu retten. Aber das Mädchen verstand nicht, was sie wollte, und entsetzte sich vor den warnenden Zeichen, die sie ihm gab. Und das Gift wirkte dem Manne zu langsam, unerkannt sogar von dem Arzte, der herbeigeholt werden mußte, und er beschloß, die Sache abzukürzen. Wieder erzählte er von dem Lebensüberdruß und den Selbstmordgedanken des Mädchens, denn er wollte sie mit einem schnellen Gift töten und neben ihre Leiche einen gefälschten Brief legen, darin er sie ihren Selbstmord bekennen läßt – –«

So weit war Frau Ruß gekommen, jetzt aber wandte sie sich um und sah die wenigen, die ihr zuhörten, triumphierend an.

»Aber die Frau hatte einen Nachschlüssel. Sie schüttete das Gift aus, das die Aufschrift ›Blausäure‹ trug, und weil es nach bitteren Mandeln roch, that sie in die leere, sorgsam gereinigte Flasche etwas Wasser, parfümiert mit bitteren Mandeln – mit weniger, als man zur Würze einer Mehlspeise braucht. Der Mann aber, der davon nichts ahnte, machte die Etikette los von der Flasche, schrieb eine andere Etikette und brachte sie dem Mädchen als Schlaftrunk. Und ohne die rastlos spürende Frau schliefe sie jetzt den ewigen Schlaf –«

»Den ewigen Schlaf –« wiederholte Dolores leise, denn sie spürte ein seltsames, unbekämpfbares Ohnmachtsgefühl in sich aufsteigen.

»Nun, und wie endete die Geschichte?« fragte der Kommandeur interessiert.

»Ich kenne den Schluß nicht,« sagte Frau Ruß sichtlich erschöpft.

»Wahrscheinlichendete sie mit dem Tode des armen Mädchens,« meinte der Kommandeur.

»Hoffentlichmit dem Zuchthause des bestialischen Lumpen, der seine Verbrechen so unmenschlich überlegt verübte,« sagte Falkner heiser.

»Ganz sicherendete sie damit, daß man die Frau in ein Irrenhaus sperrte. Denn solch' eine Geschichte kann sich doch nur eine Wahnsinnige ausdenken,« vollendete Doktor Ruß kalt und lächelnd und schüttelte ungläubig den Kopf.

Dolores sagte nichts. Sie lehnte, unfähig sich zu rühren, an einem Baumstamm, aber sie fühlte Falkners Augen mit dem Ausdruck unsäglicher Angst auf sich gerichtet, einer Angst, die in der Frage wurzelte:

»Ist sie, die das erzählt, wirklich wahnsinnig, oder sprach sie die Wahrheit, die entsetzliche Wahrheit, deren Ende der Tod sein müßte?«

»Nehmt es mir nicht übel, aber warum wir heut' nichts wie solche grausige Geschichten erzählen, sehe ich nicht ein,« sagte Lolo. »Das gehört an den Kamin im Winter, da gruselt es sich schön dabei, aber hier im Sommer, im Grünen, will ich lustige Dinge hören. Allons, Alfred,« rief sie Falkner an, ihm einen abgebrochenen Zweig zuschleudernd. »Allons! Die Reihe ist an dir, uns eine lustige Geschichte zu erzählen!«

Aber Falkner hörte nicht. Er stand da und wollte auf dem Antlitz von Dolores entziffern, was ihm ein schrecklichesRätsel war, dessen Lösung er sich jetzt nicht ertrotzen konnte, so lange die Gesellschaft ihm die Pflicht auferlegte, zuscheinen, als ob er die Erzählung seiner Mutter nur für eine Geschichte hielt, die sein Haus nichts anging. Denn wenn etwas geschehen sollte, so mußte jedes Aufsehen vermieden werden.

»Nun?« fragte Lolo scharf, und als er auch darauf nicht antwortete, flammte es auf in ihrer leicht erregbaren Seele. »Du schweigst ja, wie Ekkehard, als er Frau Hadwig eine Geschichte erzählen sollte unter der Zeltlaube auf dem Hohentwiel,« rief sie hinüber. »Willst du uns am Ende auch eine Geschichte erzählen von einem Nachtfalter, der um ein Licht flog, das eine Rose im Stirnbande trug?«

Da that Falkner einen tiefen Atemzug, wie wenn er jetzt erst erwacht wäre aus einem schrecklichen Traume.

»Nun passen Sie auf, jetzt wird er uns zum besten geben, wie er seine Cousine Dolores aus dem Hexenloch zog,« sagte die junge Frau zu dem sie umringenden Herrenkreise. »Erhatsie nämlich faktisch einmal dort herausgeholt,« beteuerte sie, als man diese Sache nicht ernst zu nehmen schien. »Ich möchte wirklich wissen, Alfred, ob du es noch einmal thun würdest, wenn ich zum Beispiel hineinfiele,« setzte sie nachdenklich hinzu.

Doch Falkner war nicht dazu aufgelegt, solch' kindische Fragen zu beantworten.

»Sei froh, daß du noch nicht hineingefallen bist,« sagte er zerstreut.

»Ich könnte ja hineinspringen, um zu sehen, ob du mich retten würdest,« gab sie pikiert zurück.

»Na, das werden Sie hübsch bleiben lassen, gnädige Frau,« meinten die Offiziere lachend.

»Hoho, denken Sie, ich habe keine Courage?« fragte sie pikiert.

»O, die haben Sie selbstverständlich wie ein Löwe,« wurde ihr lachend geantwortet, »aber zwischen dem Hineinspringen in eine Regenpfütze oder in dieses, jedenfalls heillos tiefe Wasser ist doch ein gewaltiger Unterschied, besonders da hier noch der gurgelnde Strudel in Betracht kommt.«

»Nun, wenn's nicht ein bißchen gefährlich wäre, dann hätte ein Rettungsversuch ja auch keinen Wert,« erwiderte Lolo kokett.

»Einbißchengefährlich? Gnädige Frau, hier sind die Chancen zum Ertrinken größer als die des Rettens, das Hexenloch ist ganz zu empfehlen für spleenige Engländer,« war die allgemeine Meinung.

»Natürlich – Sie wollen sich bloß von dem Retten ›drücken,‹« sagte Lolo noch koketter.

»Ich glaube, gnädige Frau drücken sich eher vom Hineinspringen,« wurde ihr animiert erwidert.

»Ich?« rief sie, aufspringend. »Nun dann – ich wollte heut' so wie so ein kaltes Bad nehmen – eins, zwei, drei –houp là, cousin!«

Und ehe ein Mensch sie halten konnte, ehe jemand im entferntesten glauben konnte, daß sie Ernst machen könne, spritzte das Wasser des Hexenloches hoch auf und die kleine, weiße, zierliche Gestalt verschwand mit einem hellen Gelächter der Schadenfreude, das in einem gellenden Schrei endete, in der schwarzen unheimlichen Flut.

»Lolo! Herr des Himmels!« schrie Falkner auf – er hatte auf das Gespräch in seinen tiefen Gedanken nicht geachtet, es gar nicht gehört und, hätte er es gehört, für ein kindisches Renommieren gehalten.

Und nun kämpfte er wieder mit dem Strudel des Hexenloches, diesmal unterstützt von den Schwimmern unter den Offizieren, welche, ohne sich zu besinnen, den Attilla abgeworfen hatten, und gleich Falkner, nach dem Körper seiner jungen Frau tauchten und suchten – – vergebens.

Währenddem waren andere nach Rettungsapparaten fortgeeilt, aber es währte doch geraume Zeit, ehe ein flaches Boot herbeigeschafft wurde, von welchem aus man Fischernetze warf, trotzdem nach so langer Zeit wohl niemand mehr daran glauben konnte, die Verunglückte lebend ans Land zu schaffen.

Aber das Hexenloch wollte sein Opfer nicht mehr herausgeben, denn alle Bemühungen, Lolos Leiche ans Licht zu bringen, schienen eitel und nutzlos zu sein. Fischer von Beruf arbeiteten unter Falkners Aufsicht die ganze Nacht bei Fackellicht, doch erst als es wieder Tag geworden war, gelang es durch künstliches Aufrühren des Wassers den Körper so nach oben zu treiben, daß ihn der Strudel ergriff und sie ihn mit Hakenstangen ans Land ziehen und auf den grünen Rasen legen konnten.

Und nun kniete im Morgenrot Falkner neben den Überresten des zarten, elfenhaften Wesens, welches schon angefangen hatte, die große Enttäuschung seines Lebens zu werden, und das nun das Opfer eines unüberlegten, tollkühnen und kindischen Streiches geworden.

Vor der Majestät des Todes aber verstummt jede irdische Regung, Haß, Bitterkeit, Schmerz, erlittenes Unrecht und die Erinnerung an trübe und böse Stunden – nur die Liebe bleibt, denn diese besiegt selbst den Tod. Und wie Falkner im tiefsten Herzen erschüttert neben der Leiche seiner jungen Frau kniete, da erlosch auch in ihm alle Bitterkeit, die er empfunden, alle Reue – er sah nur in der entflohenen Seele alles, was liebenswert war, er dachte nur, wie sie ihn wirklich geliebt in ihrer flatterhaften, unreifen Art; er vergaß sogar, daßersie niemals geliebt, und die Augen wurden ihm trüb und trüber, und er schämte sich der heißen Thränen nicht, welche langsam auf ihr blasses Totengesicht herabtropften. Und dann erhob er sich und brach von einem rosigen Spireenstrauch ein paar Dolden und legte sie ihr auf die junge Brust, in der das lebensfrohe Herz aufgehört hatte zu schlagen und die Sänger des Waldes sangen ihr zum Rauschen des Morgenwindes in den Buchen und Tannen ein süßes Abschiedslied, das ihre Seele im Himmel vielleicht vernahm und den Bann des schrecklichen Todes von ihr löste.

Alfred Falkner aber folgte der Bahre seiner jungen Frau als einziger Leidtragender nach Monrepos, und als er das Parkgitter hinter sich schloß, da durchzuckte ihn jäh wie ein Dolchstich der Gedanke:

»Was mag indes im Falkenhofe vorgefallen sein?«

***

Als man Dolores hinweggeführt hatte vom Hexenloch, das erst eine Stätte heiterster Laune und jetzt eine Stätte des Todes geworden war, als sie in ihren Parkwagen stieg, da die Glieder nach der mächtigen Erschütterung dieserStunde ihr den Dienst versagten, und Gräfin Schinga schon zu ihr einsteigen wollte, um sie nach dem Falkenhof zu bringen, da erschien, dicht am Wagen, aus tiefem Gebüsch heraus, Frau Ruß, wilde Angst in den Augen.

»Nimm mich mit,« brachte sie mühsam hervor, drängte Gräfin Schinga zur Seite und saß neben Dolores, ehe diese die kleine Scene noch beobachtet hatte. Aber sie ließ, ohne zu fragen, die Pferde anziehen und im scharfen Trabe nach dem Falkenhof gehen.

»Er sucht mich am Hexenloch,« flüsterte Frau Ruß atemlos, »aber ehe er im Hause ist, bin ich schon da. Dolores, erbarme dich und rette mich, wie ich dich gerettet habe!«

»Tante, ist es denn wahr? Soll ich deine Erzählung wirklich auf mich beziehen?« fragte Dolores.

»Ja, ja! Aber du mußt mich retten, denn er wird mich heut' Nacht töten!«

»Sei unbesorgt, Tante. Das würde ihn ja sofort ins Zuchthaus bringen. Aber jedenfalls bleibst du bei mir.«

»Gottlob!« murmelte Frau Ruß.

Der Weg vom Hexenloch bis zum Falkenhofe war mit dem Wagen nur wenige Minuten lang, und so waren die beiden Damen auch sehr schnell da. Sie gingen sofort zu Dolores hinauf, und Ramo erhielt den strengen Befehl, Doktor Ruß keinesfalls vorzulassen. Frau Ruß aber schritt sogleich zu dem Schreibtische.

»Laß mich ein Telegramm an einen Arzt aufsetzen,« bat sie. »Ich weiß nicht genau, wie oft er dir Gift gegeben und wieviel – du bist vielleicht trotz der momentanen Besserung eine Sterbende!«

Dolores nickte, und Frau Ruß schrieb das Telegramm, das klar ausdrückte, um was es sich handelte. Als sie die Feder weglegte, deutete sie auf den Kamin.

»Dort hatte er auch einen Schlupfwinkel, durch den Nordflügel her. Aber du hast ihn zugebaut. Man kommt aus dem Souterrain auf einer kleinen Treppe hinauf, die jetzt niemand mehr kennt.«

Nun war auch das Rätsel der Fußstapfen gelöst, und Dolores schauerte es, als sie daran dachte, wie der Mörder durch diese geheime Verbindung in tiefster Nacht zu ihr gelangen und sie töten konnte, ohne daß auch nur ein Hahn danach gekräht –!

»O Tante, warum hast du mir das nicht früher gesagt!« rief sie, als Frau Ruß das Telegramm an Ramo gegeben hatte. »Nicht das Geheimnis des Kamins, aber die Mordgedanken deines Mannes! Warum mich sterben lassen, ungerührt, und ich bin doch noch so jung! denn ich weiß, daß ich sterben muß!«

»Nein, nein,« schluchzte Frau Ruß erschüttert und sank vor Dolores auf die Kniee nieder. »Ich sagte dir schon, daß ich dich haßte, weil ich an meines Mannes Liebe zu dir glaubte und eifersüchtig war. Sein Attentat auf dich am Hexenloch erfuhr ich erst durch sein gewohnheitsmäßiges Sprechen im Traume – den Schuß auf dich sah ich im voraus, weil er sich dein Pistol genommen, als du zu Alfreds Hochzeit fort warst, und sich damit übte, wenn er sich unbeobachtet glaubte – aber woher sollte ich wissen,wanner die Waffe aufdichabfeuern würde? Und sollte ich ihn denuncieren auf einen bloßen Verdacht hin? Er war dochimmerhin mein Mann und ich habe neben ihm am Altar gestanden!«

»Halt,« unterbrach sie Dolores, »mir fällt etwas ein.«

Und sie erhob sich, um bald darauf mit dem kleinen Teschinpistol wieder zu kommen, das sie neben sich auf den Tisch legte.

»Ich fürchte, ich habe in vergangener Nacht nicht seinen letzten Besuch empfangen,« sagte sie mit seltsam entschlossener Miene. Als sie wieder saß, fuhr Frau Ruß fort:

»Er muß dir wohl schon mehrere Giftdosen beigebracht haben, ehe ich entdeckte, daß er mit diesen Mitteln gegen dich vorging. Ich sah es zum erstenmal beim Thee, daß er ein weißes Pulver in deine Tasse schüttete. Und damals war es noch eine mit Gewissensbissen vermengte Freude, die ich Unholdin dabei empfand. Erst als ich dich verfallen und welken sah wie eine Blume, da gingen mir die Augen auf und ein namenloses Mitleid ergriff mich für dich! Wie aber dich warnen, ohneihnpreiszugeben? Und so durchkreuzte ich jeden seiner Wege, immer wachsam, Tag und Nacht beobachtend und lauschend – es war ein Höllenleben. Weißt du noch den Abend, als Engels den geschossenen Adler brachte? Während mein Mann das Maß suchte auf dem Tische, that er sein Höllenpulver in deine Tasse; ich sah es und stieß dich an, um es dich gleichfalls sehen zu lassen. Aber du wußtest nicht, was ich meinte, und um dich am Trinken zu verhindern, sah ich dich so lange starr und stier an, bis mein Blick dich so jäh erschreckte. Und ich zerbrach auch mit Absicht die Arzneiflasche hier in deinem Zimmer, denn er hatte dir den nichtssagenden Trank mit seinem Giftegewürzt. An diesem Tage wollte ich sprechen, wollte meinen Gatten anklagen, aber du wandtest dich ab von mir, und Gräfin Schingas Ankunft vereitelte meine Absicht. Wie ich die Blausäure unschädlich machte in seinem Geheimfach – das erlasse mir zu schildern. Aber hier –« und sie zog ein Blatt Papier aus der Tasche, »hier ist der Brief, den er neben deine Leiche legen wollte, nachdem du das Gift genommen –«

Schaudernd und mit einer Ohnmacht kämpfend sah Dolores auf das Blatt herab, auf welchem ihre Schriftzüge in meisterhafter Nachahmung es schwarz auf weiß der Welt erzählten, daß sie selbst Hand an sich gelegt. Jetzt erst konnte sie sich den nächtlichen Besuch des Doktors erklären: er war nur gekommen, um sich von ihrem Tode zu überzeugen und dessen Schuld auf die zu wälzen, deren Mund ihn nicht mehr Lügen strafen konnte. Und ein ungeheurer Ekel ergriff sie vor der Erbärmlichkeit der Menschen, die lieber ihren Nächsten aus dem Hinterhalte angreifen und vernichten, ehe sie offen vor ihn hintreten und sagen: Das will ich von dir,kannstdu es geben, so gieb!

»Heut' den ganzen Tag habe ich's dir sagen wollen, wie ich's jetzt gesagt habe,« sagte Frau Ruß traurig, »du aber hast mich niemals sehen und sprechen wollen. Da blieb mir nichts übrig, als jene Erzählung draußen am Hexenloch, denn ich fürchtete alles für dich in der kommenden Nacht. Aber wenn du mich jetzt nicht schützen kannst –«

Und sie rang verzweiflungsvoll die Hände.

»Er wird dir nichts mehr anhaben dürfen,« sagte Dolores matt, denn ihre überreizten Nerven fingen an nachzugeben,und sie fühlte, daß sie vor einer physischen Katastrophe stand.

Doch die Stimme des Doktor Ruß draußen im Korridor stachelte sie noch einmal auf. Sie drängte die schreckensbleiche Frau hinein in ihr Schlafzimmer und wartete gespannt darauf, was er thun würde. Aber Ramo verteidigte seine Festung gut und alles ward wieder still. Nun kam das Ruhebedürfnis mächtig über sie, und gerade wollte sie demselben Folge geben, als Doktor Ruß draußen abermals vernehmbar ward. Nun fühlte sie, daß es am besten war, diese Sache ein für allemal abzuthun, darum schritt sie entschlossen zur Thür, öffnete sie und stand ihrem Feinde gegenüber.

»Ich hatte gewünscht, allein zu bleiben,« sagte sie kühl.

Doktor Ruß trat sogleich über die Schwelle und auf einen Wink von Dolores schloß Ramo die Thür.

»Teuerste Nichte, ich wünsche Ihre Ruhe nicht für einen Moment zu stören,« sagte er in seiner gewohnten leisen und verbindlichen Weise. »Ich suche meine Frau. Ist sie bei Ihnen?«

»Ja,« sagte Dolores kurz.

»Ach, ich hatte also recht gehört. Gestatten Sie mir also, sie hinabzuführen in unsere Zimmer.«

»Nein!« erwiderte Dolores.

»Nein?« wiederholte er. »Aber ich verstehe, wie Sie in Ihrem Edelmut dieser armen Unglücklichen Pflege angedeihen lassen wollen. Dennoch bitte ich Sie um Ihrer eigenen Sicherheit willen,meineFrau inmeineObhut zu geben.«

»Tante Adelheid wird bei mir bleiben,« entgegnete Dolores ruhig.

Er wehrte mit der Hand ab.

»Dolores seien Sie vernünftig! Meine Frau leidet an Wahnvorstellungen, an Irrsinn! Wer bürgt mir, daß dieser nicht in Tobsucht ausartet und Sie schwer schädigt?«

»Ich bürge dafür, Herr Doktor Ruß! Meine Tante war nie klarer, geistig niemals zuverlässiger als heut'!«

»Aber, teure Dolores,« entgegnete Ruß eindringlich. »Bedenken Sie doch –! Diese schweigsame, stille Frau tritt in einer großen Gesellschaft plötzlich aus sich heraus und erzählt eine lange Geschichte ohne Pointe, die sie sich aus den Gerichtsartikeln verschiedener Zeitungen zusammengestoppelt hat –«

»Halt, Doktor Ruß,« unterbrach ihn Dolores. »Ich bin mir über Ihre Pläne jetzt ganz klar. Sie wollen Ihre Frau in ein Irrenhaus bringen.«

Doktor Ruß lächelte mitleidig.

»Aber liebste Dolores, halten Sie mich für so unmenschlich, daß ich meiner eigenen Frau die einzige Pflege entziehen würde, die ihrem Zustande frommt? Ich bin leider nicht reich genug, um ihr diese Privatpflege in meinem Hause angedeihen zu lassen. Ich sehe aber, Sie sind der Ruhe bedürftig, lassen Sie uns daher kurz sein und mich meiner Frau selbst annehmen. Es ist das beste, glauben Sie mir –«

»Ich bedaure. Tante Adelheid hat sich unter meinen Schutz gestellt und weigert sich mit Entschiedenheit, Sie zu sehen,« entgegnete Dolores unbewegt.

Doch Doktor Ruß zuckte mit den Achseln.

»Da haben Sie wieder einen Beweis ihres Irrsinns, denn der Grund dieser Weigerung gehtübermein Begriffsvermögen,« sagte er.

Nun aber wallte es heiß auf in Dolores und stieg zornesrot in ihre bleichen Wangen.

»Herr Doktor Ruß, Sie verlassen in diesem Augenblick das Zimmer,« sagte sie befehlend. »Ich wünsche mit Ihnen nicht dieselbe Luft zu atmen.«

»Ah – wie Sie befehlen,« erwiderte er nachlässig. »Die Herausgabe meiner Frau aus Ihrer Gewalt wird das Gesetz mir erzwingen. Wenn Sie also in Kollisionen mit diesem schon morgen treten, so ist es meine Schuld nicht. Ich habe den gütlichen Weg voll betreten, wie Sie mir bezeugen werden können. Wenn ich also morgen in aller Frühe die Gerichte anrufe, so darf es Sie nicht wunder nehmen.«

Empört trat Dolores einen Schritt zurück.

»Die Gerichte, Herr Doktor Ruß, werden Ihre Frau in meinem Schutze lassen, die Richter aber, welche den Falkenhof betreten aufIhrenRuf, werden Sie aufmeineAnklage hin wegen vierfachen Mordversuches verhaften. Und Ihre Frau wird dann als Zeugin gegen Sie auftreten.«

Doktor Ruß hob beide Hände zum Himmel auf.

»Jetzt scheineichverrückt geworden zu sein,« sagte er ergeben.

»Kennen Sie diesen Brief?« rief Dolores, das Blatt hervorziehend, das Frau Ruß ihr gegeben.

Da wurde er so bleich, daß seine Farbe ins Grüne überspielte, aber er hielt sich tapfer.

»IhreHandschrift, Dolores.«

»O ja – insoweit vortrefflich kopiert,« entgegnete sie bitter. »Ein Autograph von mir selbst – ein sinniges Gastgeschenk von Ihnen. Aber es liegt mir nichts daran, denNamen Falkner durch den Schmutz eines langen Kriminalprozesses zu schleifen, und darum stelle ich Sie vor die Alternative, entweder Ihre Intentionen auszuführen, welche dann zweifellos zu Ihrer Verhaftung führen würden, oder aber eine von mir ausgesetzte Rente im Auslande zu verzehren. Sie haben also die Wahl und können sich's bis morgen überlegen. Und nun gehen Sie!«

Aber er rührte sich nicht.

»Ich bewundere Sie schon lange,« sagte er ironisch, »aber heute bewundere ich einen noch nie geahnten Charakterzug in Ihnen: den, peremptorischer Kürze und eines wahrhaft souveränen Willens. Schade nur, daß derselbe mir nicht in der Weise imponiert, als er vielleicht sollte.«

»Doktor Ruß,« sagte Dolores mühsam beherrscht, »ich sagte Ihnen schon, daß meine Konversation mit Ihnen beendet ist. Verlassen Sie mich – ich wünsche allein zu sein.«

Jetzt aber warnte sie ein seltsames Glitzern in seinen Augen, auf ihrer Hut zu sein.

»Gehen Sie,« wiederholte sie, indem sie die Pistole aus ihrer Tasche zog und den Hahn spannte. »Gehen Sie – oder bei Gott, ich schieße Sie nieder wie einen tollen Hund, wenn Sie das Zimmer nicht verlassen haben, bis ich drei gezählt –«

»Hoho! Ich denke, Brasilianerinnen führen nur ein Stilett,« höhnte er, ohne sich zu rühren.

»Nicht doch – wenigstens schieße ich besser als Sie,« erwiderte sie vollkommen kalt und besonnen und begann zu zählen: »Eins – zwei –«

»Ich gehe,« sagte er, etwas bleicher werdend, »denn wenn man wehrlos ist, kann ein Rückzug nicht für Feigheit gelten. Und,« setzte er salbungsvoll hinzu, »und obwohl diese Bedrohung meiner Person –«

»Notwehr!« fiel sie kühl ein.

»... die Bedrohung meiner Person ein teurer Spaß für Sie werdenkönnte, so will ich dennoch keine Schritte thun, dieselbe zu ahnden,« vollendete er. »Denn,« setzte er hinzu, »denn ich hege keinen Groll gegen Sie und vergebe Ihnen, teure Dolores.«

Und damit ging er mit einer tiefen Verbeugung.

Aber als dieser künstliche Nervenreiz verflogen war, brach Dolores zusammen. Sie hatte nur noch Zeit, Frau Ruß zu fragen, ob sie alles gehört, und als diese bejahte, sagte sie:

»So sage es Alfred, genau Wort für Wort, wenn er herüber kommt.«

Dann fiel sie in eine ohnmachtsähnliche Lethargie – Fieber stellte sich ein und Frau Ruß durchwachte mit Tereza eine angstvolle Nacht an ihrem Bette.

***

Als Falkner am folgenden Mittag, nachdem er Stunden mit sich allein verlebt, erschöpft an Leib und Seele, alles Traurige mit Kepplers Hilfe besorgt und angeordnet hatte, als er noch einen Blick warf auf seine tote Frau, welche im weißen Sterbehemd auf ihrem Bette lag, im Haare einen Kranz von weißen Rosen, von jenemBoule de neige, den der Herzog so sorgsam veredelt, da ging er hinüber nach dem Falkenhof, denn sein Instinkt sagte ihm, daß man dort seiner bedurfte.

Zu gleicher Zeit mit ihm traf der Arzt aus Berlin ein, den Engels von der Station geholt, und Falkner wartete, nachdem er ihn hinaufgeführt hatte, im Ahnensaal, bis die Konsultation zu Ende sein würde.

Mit begreiflicher Spannung trat er dem berühmten Manne entgegen.

»Ich muß bis zum Abend hier bleiben, um den Erfolg eines Mittels abzuwarten,« sagte er auf Falkners Frage. »Es scheint hier eine komplizierte Vergiftung vorzuliegen, welche Ihre Frau Mutter mir auch bestätigt hat. Leider hat das Gift schon größere Fortschritte in dem Körper gemacht, welche bedauern lassen, daß nicht früher Hilfe dagegen angerufen worden ist.«

Hier trat Frau Ruß ein, da sie ihres Sohnes Stimme gehört und der Arzt benutzte ihre Anwesenheit, um sie zu fragen, auf welche Weise Dolores zu dem Gifte gekommen sei, ob durch Unvorsichtigkeit, aus eigener Initiative, oder durch fremde Personen.

»Der zweite Fall ist ausgeschlossen, und wir fürchten auch der erste,« erwiderte Frau Ruß fest, und als der Arzt überrascht aufsah, setzte sie hinzu: »Es ist der dringende Wunsch meiner Nichte, daß von dem Verdacht gegen eine Person nichts in die Welt dringt. Der Arzt ist ja in so vielen Fällen auch ein Beichtvater – lassen Sie, Herr Professor, also diese Mitteilung unter dem Beichtsiegel Ihres Wortes nicht aus dem Falkenhofe herausdringen, denn er betrifft ein Glied der Familie.«

»Ich verstehe,« sagte der berühmte Mann, »und ich werde schweigen. Nur könnten Sie mir meine Arbeit wesentlicherleichtern, wenn Sie mir einen Anhalt über die Natur des Giftes geben könnten, falls dies im Bereiche der Möglichkeit liegt.«

Aber Frau Ruß schüttelte mit dem Kopfe – sie wußte, daß der Inhalt der gewissen Pappschächtelchen aus dem Geheimfach des Rokokosekretärs verschwunden war – ob er das Gift enthalten, war dabei noch immer fraglich, und sie klagte sich jetzt an, daß sie nicht Proben davon entnommen.

»Ist meine Cousine in Gefahr?« fragte Falkner dann und sah den Arzt fest an.

»Ja,« sagte dieser ohne Bedenken. »Die Gefahr ist nicht unmittelbar, aber sie droht ohne Zweifel.«

»Und ist noch Hoffnung?« fragte Falkner leiser.

»So lange noch Leben ist, ist auch noch Hoffnung,« erwiderte der Arzt.

Das war aller Trost, und er war, bei Gott, schwach genug.

***

Noch am selben Abende reiste Doktor Ruß ab, nachdem er eine längere Unterredung mit seinem Stiefsohne gehabt.

Die Husaren aber ließen ihre Trompeter noch einmal blasen – als Lolo Falkner in die Gruftkapelle zur ewigen Ruhe gebettet wurde.

Die pathetischen Klänge des Chopinschen Trauermarsches und das Läuten des Totenglöckchens, das der Wind hinübertrug zum Falkenhofe, weckten Dolores aus dem Halbschlummer, in welchem sie seit den letzten drei Tagen fortwährend gelegen.

»Was ist das?« fragte sie.

»Sie tragen Alfreds Frau zur Gruft,« erwiderte Frau Ruß, welche daheim geblieben war, angstvoll, ob es die Kranke zu hören sehr erschüttern würde.

»Die arme Lolo,« sagte Dolores, indem heiße Thränen aus ihren Augen stürzten. »So reizend, so jung, undseineFrau! Da scheint das Sterben allzu hart.«

»Sie ist glücklich, denn sie ist bei Gott,« entgegnete Frau Ruß. »Hart ist das Sterben nur für die, welche zurückbleiben.«

Draußen verklang der Trauermarsch und nur das Glöckchen läutete fort und fort mit seinem feinen, hellen Ton, der durch die klare, marienfädendurchzogene Spätsommerluft vibrierte wie ein Gruß aus einer anderen Welt.

Da richtete sich Dolores auf.

»Zwei Plätze waren noch frei in der Falknergruft,« sagte sie, »und ich habe in Schmerzen gebüßt nach der Prophezeiung der Ahnfrau, doch ich habe sie nicht erlöst. Denn der zweite Platz, es ist mein Platz, und ihr sollt mir darüber schreiben lassen den Spruch des Propheten Tobias: Der Mensch blüht auf wie eine Blume und wird gebrochen.«


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