»Wo man raucht, da laß uns ruhig harren,Bösewichter führen nicht Cigarren.«
»Wo man raucht, da laß uns ruhig harren,Bösewichter führen nicht Cigarren.«
»Wo man raucht, da laß uns ruhig harren,Bösewichter führen nicht Cigarren.«
»Wo man raucht, da laß uns ruhig harren,
Bösewichter führen nicht Cigarren.«
»Dolores, sind Sie's?« rief Doktor Ruß aufspringend. »Ich hörte den Wagen zurückkehren und dachte Sie nun längst in Ihren Zimmern.«
»Die schöne Nacht verlockte mich noch zu einem Spaziergange,« erklärte sie. »Doch ich bin auf dem direkten Wege zum Hause und bitte Sie, sich nicht stören zu lassen.«
»Ganz und gar nicht,« versicherte Ruß. »Es ist ohnedem Zeit zur Ruhe, und meine Frau wird mir eine Gardinenpredigt halten wegen Nachtschwärmens.«
Dolores mußte bei dieser affektierten Pantoffelheldenerklärung lächeln, denn sie zweifelte, ob Frau Ruß die Courage zu einer ganzen Predigt finden würde. Sie traute der verschlossenen und von ihrem Gatten wohltrainierten Frau kaum das tadelnde Wort zu, das sie vielleicht erleichtert hätte, während sie ihre Mißbilligung in sich hineinwürgte und mit vermehrter Bitterkeit an ihrem Herzen nagen ließ.
Ruß erkundigte sich nun, wie es bei Schingas gewesen sei. Er hatte mit seiner Frau niemals in Arnsdorf Besuch gemacht, war daher auch nicht eingeladen worden, aber er und der Graf kannten sich vom Begegnen, und er hatte genug von der polnischen Wirtschaft bei demselben gehört, um Interesse für ihn zu haben. Dolores antwortete aber nur mit der allgemeinen Erklärung: »sehr nett,« und da sie gern eineKritik des heutigen Abends vermeiden wollte, mit welcher Doktor Ruß am Ende an seinen Stiefsohn gegangen wäre, so ließ sie dies Thema schnell fallen und erzählte ihm, was sie bisher unterlassen hatte zu thun – nämlich die Entdeckung von der verstellbaren Kaminwand, welche ihr Zimmer mit dem Nordflügel verband.
»Ah,« meinte Ruß mit Interesse, »das würde ich an Ihrer Stelle ordentlich verschließen lassen, denn wenngleich ein Eindringen von dieser Seite wohl kaum zu fürchten ist, das Bewußtsein dieser Geheimverbindungen, wie unsere Vorfahren sie liebten, ist immerhin unbehaglich genug.«
Dolores erklärte nun, daß Ramo diesen sicheren Verschluß bereits besorgt und zum Überflusse noch auf der anderen Seite ein Fuchseisen gelegt habe.
»Nun, ich hab' es ja immer gesagt, dieser Ramo ist eine Perle,« rief Ruß scheinbar sehr amüsiert. »Da wäre es ihm ja ordentlich zu wünschen, daß sich der Fuchs in dieser unfreundlichen Falle finge. Freilich zweifle ich, daß es je einer versucht hat, bei Ihnen auf diesem Wege einzudringen.«
Jetzt erörterte Dolores auch die gefundenen Fußspuren, was Doktor Ruß entschieden ernst nahm, denn er versprach bei der Nachforschung zu helfen, auf welchem Wege wohl der Inhaber dieser Pedalabdrücke in den Nordflügel gekommen sein könnte. Und damit trennte sich Dolores von ihrem Gaste, der noch einen Moment draußen zögerte und dann bei seiner Frau eintrat, welche sich sogleich erhob und ihr Strickzeug zusammenrollte. Dabei warf sie einen scharfen Blick auf ihren Gatten, welcher mit unsicheren Händen Bücher zusammenraffte, welche den Tisch mit der Lampe darauf bedeckten.
»Ist dir schlecht, Ruß?« fragte sie. »Du bist so blaß.«
Er schüttelte den Kopf und begann leise eine Melodie zu pfeifen.
»Das ist keine Antwort,« sagte sie gereizt, und als er auch darauf nichts erwiderte, fuhr sie heftig fort: »Aber du wirst dir noch ein tüchtiges Wechselfieber holen mit diesem Herumstrolchen in den ungesunden Nachtnebeln. Wie dirdasso allein Vergnügen machen kann, fasse ich nicht.«
»O, ich war aber nicht allein, mein Täubchen,« erwiderte er sanft. »Dolores war, als sie von Schingas nach Hause kam, durch den Park gegangen. Dort begegneten wir uns, und ich begleitete sie nach Hause.«
Nun war die Reihe, blaß zu werden, an Frau Ruß, denn ihr Mann wußte, daß sie eifersüchtig war, und er hatte seinen Pfeil wohlbedacht entsendet, doch daß er getroffen, wagte sie ihm nicht zu sagen, und so ließ sie ihn sich weiter bohren in ihr thörichtes, altes Herz, und was er wirkte, war Gift und Galle und Haß und Bitterkeit.
Das freilich hatte Doktor Ruß mit seinem Trumpf erreicht, daß die Aufmerksamkeit seiner Frau von ihm und seiner Blässe abgelenkt ward, denn was, zum Teufel, brauchte sie's zu wissen, daß die Fußspuren droben im Nordflügel ihm mehr noch zu überlegen gaben, als der vernietete Kamin und das Fuchseisen des braven Ramo? – – –
Und zur selben Zeit durchlebte Falkner auf Monrepos böse Stunden, denn zu all seiner Mißstimmung hatte Prinzeß Lolo ihm selbst mit kleinen Übertreibungen ihrer Heldenthat die Geschichte mit den Schlangen erzählt und aus vollemHalse über das geradzu wahnsinnige Entsetzen »der dummen Satanella« gelacht.
»Du, zu ihrem Geburtstage schicke ich ihr anonym eine kleine Natter in einem Kästchen zu,« hatte sie geschlossen, »wenn ich nur dann bloß den Luftsprung sehen könnte, den sie machen wird, wenn das Vieh ihr so – tsch! – entgegenzischt.«
Falkner war außer sich, denn was wirklich über die Hälfte ungebundener, fesselloser Übermut war, nannte er, gereizt, wie er einmal war, herzlos und unweiblich.
Auf Monrepos angelangt, arbeitete ihm Prinzeß Alexandra, welche seinen tadelnden Blick in Arnsdorf und sein Schweigen auf die Erzählung seiner Braut bei der Heimfahrt ganz richtig aufgefaßt hatte, noch in die Hände, indem sie beim Gute Nacht sagen die Schwester liebevoll umfaßte und, Falkner die andere Hand reichend, sagte:
»Zu deinem Besten, Lolo, weil ich dich so lieb habe und deinen Verlobten schon als meinen Bruder betrachte, muß ich dir heut' etwas sagen, und zwar vor seinen Ohren, damit es auch wirkt und nicht bloß als leerer Schall verhallt. Du warst heut' Abend zu laut, Herzchen, zu wild fast! Das schickt sich nicht für eine junge Braut, welche vor dem ernstesten Schritt ihres Lebens steht!«
Da riß Prinzeß Lolo sich los aus den Schwesterarmen und stand nun sprühenden Auges, mit geballten Fäustchen vor den beiden.
»Nun hab' ich's satt, das ewige Schulmeistern und Sittenpredigen,« sprudelte es rapid über ihre Lippen. »Eben weil ich eine Braut bin, verbitte ich's mir, eben weil ich Brautbin, kann ich sein wie ich will. Ich will hinaus aus eurem ledernen Zwange, aus der tödlichen Langeweile eures lächerlichen kleinen Hofes, und weil ich mich nicht in eine eben solch' blödsinnige Mausefalle sperren lassen will, heirate ich mir statt eines dummen Prinzen lieber den da, als dessen Frau ich wenigstens thun kann, was mir paßt und was ich mag!«
»Nun, nun, Lolo, ich denke doch, du heiratest den Baron, weil du ihn so recht von Herzen lieb hast,« sagte Prinzeß Alexandra sanft, als ihre Schwester atemlos schwieg.
»Natürlich, deswegen auch,« rief die kleine Durchlaucht mit einem raschen Blick auf Falkner. Sie war über und über rot geworden.
»O nein, nur deshalb« meinte die ältere Schwester mit einem bittenden Blick, der die ganzen Unabhängigkeitsgefühle in der kleinen Furie wieder entfesselte.
»Ich will nicht geschulmeistert werden, und was ich gesagt hab', das hab' ich gesagt,« zischte sie und flog dann ohne weiteren Gruß von dannen und in ihr Zimmer, wo sie sich durch das Zerschlagen einiger kostbaren Nippes wesentlich erleichterte. Prinzeß Alexandra aber blickte Falkner trüben Lächelns an.
»Da werden Sie noch viel zu erziehen haben, trotz meiner redlichen und unverdrossenen Mühe,« sagte sie leise.
Er küßte ehrfurchtsvoll die warm gebotene Hand.
»Das ist gärender Most, Durchlaucht,« erwiderte er gegen seine bessere Überzeugung, denn was sollte er sonst sagen? »Aber ich will dafür sorgen, daß es klarer, goldiger Wein wird,« setzte er, sich mit Gewalt bezwingend, in ehrlichster Meinung hinzu.
»Gott geb's!« seufzte sie.
Falkner aber konnte heute nicht zur Ruhe kommen, denn die erlebten Scenen hatten ihm einen starken Stoß gegeben. Ihm graute vor der Zukunft, ihm graute vor dem, was hinter ihm lag, nur beides in verschiedener Weise. Was sollte daraus werden? Wie würde die Frau erst die Würde verlieren, welche die Braut schon, wie vorhin, mit Füßen trat, als ob solch' zertretenes und zerknülltes Ding sich wieder ganz glätten und mit Erfolg anziehen ließe! Und wenn er sich als redlich wollender Mensch auch vorzustellen versuchte, daß vielleicht gerade dies unverdrossene »Erziehen,« das Prinzeß Alexandra an der ihr anvertrauten Schwester erprobt, zu dem negativen Resultat geführt hatte, weil nicht eben jede Natur sich in die Form pressen läßt, die andere für sie ausgesucht und ausgeklügelt haben, so war es doch immerhin noch zweifelhaft, in welcher Form der eigenwillige Sprühteufel aus seinen Händen hervorgehen würde. Und es ist auch solch' eine eigene Sache mit der Erziehung der Frau durch den Mann, denn wenn die Liebe der ersteren nicht groß und nicht stark genug, wenn ihr Charakter nicht doch schon so fest ist, um ihn unbedingt dem ihres Mannes anzupassen, so giebt's doch nur einen Mißklang, den das »Erziehen« nur noch schlimmer macht, wenn's eben so betrieben wird, daß es ein Schulmeistern bleibt und nicht ein ganz unbewußtes Führen an der Hand der Liebe, die ja alles vermag. Denn wenn den Menschen etwas toll machen kann, widerspruchsvoll und eigensinnig, so ist es unablässiges Reden, Korrigieren und Verweisen.
Das alles sagte sich Falkner ohne Beschönigung, und dabei mußte er an die Ironie des Schicksals denken, dasihm jetzt als zu hoch vorstellte für seine Wünsche, was ihm früher zu niedrig gewesen. Und als ihm dann die Augen aufgingen und er sich bücken wollte und dem so niedrig geglaubten Wesen die Hand reichen, da war es zu weit geworden dazu, und jetzt –? Jetzt war es zu hoch und vielleicht auch zu spät.Vielleicht?Nein, es wargewißlichzu spät, denn er war gebunden, gebunden durch sein Wort und durch seine Ehre. Und als er dessen gedachte, da preßte er die Zähne fest zusammen.
»Vorwärts,« sagte er sich, »vorwärts und nicht rückwärts geschaut – das hat noch kein Falkner gethan. Und sie drüben im Falkenhof, sie wird es auch so halten, denn nicht umsonst tragen wir die Devise: ›Alle Falken ehrlich!‹«
Ich sprach zum Geier: Reiß aus dem HerzenDen Namen mir, der drin gegraben steht,Vergessen lernen will ich und verschmerzen. –Der Geier sprach: »Es ist zu spät.«
Ich sprach zum Geier: Reiß aus dem HerzenDen Namen mir, der drin gegraben steht,Vergessen lernen will ich und verschmerzen. –Der Geier sprach: »Es ist zu spät.«
Ich sprach zum Geier: Reiß aus dem HerzenDen Namen mir, der drin gegraben steht,Vergessen lernen will ich und verschmerzen. –Der Geier sprach: »Es ist zu spät.«
Ich sprach zum Geier: Reiß aus dem Herzen
Den Namen mir, der drin gegraben steht,
Vergessen lernen will ich und verschmerzen. –
Der Geier sprach: »Es ist zu spät.«
E. Geibel nach François Coppée.
E. Geibel nach François Coppée.
E. Geibel nach François Coppée.
E. Geibel nach François Coppée.
DDie Redensart: »Man weiß nicht was der nächste Tag bringt,« ist eine oft gedankenlos gehörte, gedankenlos gesprochene – d. h. gedankenlos im Sinne des Gewohnheitsmäßigen, das ja meist gedankenlos ist, weil maschinenhaft. Es denken aber wirklich nur wenige an den tiefen Sinn der Redensart vom nächsten Tage und der Ungewißheit menschlicher Vorausbestimmung, denn mit demselben Recht wie den nächsten Tag, können wir die nächste Stunde nennen, und auch von den sechzig Minuten dieser kurzen Zeitspanne, die vielen so lang werden kann, ist keine einzige, über die wir mit Gewißheit gebieten können. Und das ist einer der größten Beweise göttlicher Weisheit, daran geistiger Hochmut jene Demut lernen könnte, die der Heiland von uns verlangt.
Es ist ja nicht allein, daß der menschliche Geist, dessen Stärke die Tiefen der Erde und die Höhen der Luft durchdringt, dessen Ziel keine Grenzen kennt, daß dieser willensstarke Geist machtlos steht wie ein Kind vor der nächsten Stunde, von der er zwar sagt: ich werde sie so oder so ausfüllen und anwenden. Aber der menschliche Geist in seinem Hochmut – dem schlimmsten, den es giebt – im Vollgefühlseiner Stärke, durch die er Großes geschafft und noch Größeres schaffen will – was ist er im Angesicht jener Macht, die ihm die nächste Stunde nicht einmal anvertraut zur eigenen Verfügung? Was ist er, daß er diese Macht so gerne leugnet und sich über sie stellt? Die Antwort ist tief demütigend. Und so hat's der Schöpfer wohl gewollt in seiner Weisheit, doch wer denkt daran, wenn man sagt: »Ich werde dann das und das thun, morgen jenes vornehmen und in Wochen, in Monaten soll dies geschehen –« Es ist, als wenn ein Kind sagt: »Mutter, ich werde den Mond herunternehmen und putzen – er sieht so trübe aus.« Ja, da lächeln wir wohl oder ärgern uns gar über den kindlichen Unverstand, über das Unsinnige solcher Reden, für die, wenn ein Erwachsener sie anwendet, er sicherlich unter geistige Bewachung kommt, d. h. für verrückt erklärt wird, aber sind wir denn anders als die Kinder mit ihrem »ichwerdedas und das thun?« Darin eben liegt der Hochmut, der Größenwahn des menschlichen Geistes, der mit Bewußtsein darüber gebietet, worüber er keine Macht hat, nur das er sich diese Machtlosigkeit nicht klar macht, nicht klar machen will in jener Selbsttäuschung, die so süß ist. Und darum sage ich, daß die Redensart: »Man weiß nicht, was der nächste Tag bringt,« nur gedankenlos in Anwendung kommt, denn wäre man sich klar darüber, man würde mit weniger Sicherheit und mehr Demut über denselben verfügen.
Auch der Tag nach dem Schingaschen Feste brachte Veränderungen in den herzoglichen Landaufenthalt, welche man vor vierundzwanzig Stunden noch für unmöglich gehalten. Man hatte schon so schön für kommende Tage »Bestimmungenzu treffen geruht,« man »gedachte« noch etwa zwei Monate in der stillen Zurückgezogenheit von Monrepos zu verleben, dann die Hochzeit der Prinzeß Lolo in kleinem Kreise zu feiern u. s. w. u. s. w. Und während man noch über all' das Beratungen pflog, reiste das kleine, beschriebene Blättchen Papier schon, das alles, alles änderte und umstürzte.
Dieses Briefblatt aber war ein Heiratsantrag für Prinzeß Alexandra.
»Als ich vor fünf Jahren um den unschätzbaren Besitz Ihrer Hand bat,« schrieb der Fürst, von dem er kam, »da sagten Sie mir, Ihre Mission an Ihrer Prinzeß Schwester sei noch nicht erfüllt, und Sie hätten sich gelobt, Ihren Posten nicht eher zu verlassen, bis Eleonore von Nordland versorgt und geborgen sei. Ihr Entschluß schien unabänderlich damals, und ich mußte mich ihm beugen, doch ich ging mit Ihrem Geständnis, daß ich Ihnen nicht gleichgültig sei. Heut' höre ich, daß Prinzeß Eleonore sich vermählt, und unverweilt klopfe ich wieder an Ihre Thür und an Ihr Herz, und wenn Jakob um Rahel auch noch länger freite – fünf Jahre geduldigen Wartens aber sind für unsere kurzbemessene Lebensspanne wohl auch eine Probe, eine Liebesprobe, Alexandra, von der ich hoffe, daß sie nicht umsonst war –« – – – – – – – – – – – – – – – Und sie war nicht umsonst. Was lange Jahre hindurch verborgen und ungeahnt von andern im Herzen dieses edlen Fürstenkindes geruht, es wachte auf mit diesen Zeilen und sehnte und drängte ans Tageslicht, denn das Glücksbedürfnis lebt in jeder Menschenbrust und stirbt nicht, wenn es auch künstlich zum Schlafen gebracht wird.
Der alte Herzog war entzückt, als seine Tochter ihm von diesem Briefe erzählte, denn er liebte den Schreiber desselben, und der Korb, den er vor fünf Jahren erhalten, hatte ihn mit großem Unwillen erfüllt, ganz abgesehen von den übrigen Körben, welche sie in Abundanz ausgeteilt. Aber der treffliche alte Herr ward noch viel mehr entzückt, als Prinzeß Alexandra ihm auf sein Befragen errötend gestand, daß sie die Hand des treuen Bewerbers annehmen wolle. Auch der Erbprinz war hoch erfreut, doch Prinzeß Lolo sagte lachend:
»Also den alten, langweiligen Stiefel willst du heiraten? Na, dann guten Morgen! Was doch die Leute für verdrehte Geschmäcker haben!«
Unwillig verwies Prinzeß Alexandra ihrer Schwester einmal die schlechte Grammatik ihrer Apostrophe, dann aber besonders scharf den ganz unpassenden Ausdruck »Stiefel« für einen Menschen, der ihr so hoch stände – einen Ausdruck überhaupt, der sich wohl für die Grooms schicke, nicht aber für eine Dame von hoher Geburt.
Die kleine Durchlaucht war aber nicht mundtot zu machen.
»Bitte, ich habe den famosen Ausdruck schon gefürstet gebraucht,« entgegnete sie, »denn die Grooms sagen: Stiebel!«
Prinzeß Alexandra wandte sich ernstlich erzürnt ab mit der Frage, woher ihr die Kenntnis des Stalljargons käme.
»Ich höre ihnen immer vom Balkon aus zu, wenn sie die Pferde putzen und satteln,« gestand Prinzeß Lolo lachend, »und dabei sangen sie gestern ein reizendes Lied:
Stiebel, du mußt sterben,Bist noch so jung, jung, jung!«
Stiebel, du mußt sterben,Bist noch so jung, jung, jung!«
Stiebel, du mußt sterben,Bist noch so jung, jung, jung!«
Stiebel, du mußt sterben,
Bist noch so jung, jung, jung!«
Prinzeß Alexandra gab es seufzend auf, hier noch Unkraut jäten zu wollen und dachte über das Rätsel der Natur nach, daß trotz sorgfältigster Erziehung und gänzlicher Fernhaltung alles und jedes Gemeinen ein Wesen dennoch die Gassenhauer der Grooms für »reizend« erklären und den ungeschminkten Naturlauten dieser Menschenklasse überhaupt mit Vergnügen und ersichtlich mehr Erfolg als den höchsten Erziehungsprinzipien lauschen kann. Und wenn Prinzeß Alexandra in dieser bittern Stunde der Erkenntnis, daß ihre Opfer umsonst gebracht und verfehlt waren, es thatsächlich bereute, das ersehnte Glück nicht schon vor fünf Jahren erreicht zu haben, so wird ihr dies niemand verargen können, denn das Bewußtsein treuester Pflichterfüllung konnte ihr selbst diese egoistische Regung nicht rauben.
Mit wendender Post traf auf das gegebene Jawort ein dreifacher Brief des Entzückens von dem fürstlichen Bräutigam an den Herzog, den Erbprinzen und die hohe Braut selbst ein; doch neben der Verheißung, daß die Werbung in aller Form und der nötigen Etikette wiederholt werden sollte, wurde auch die Bitte dringend laut, verschiedener Angelegenheiten wegen den Termin der Vermählung zu beschleunigen, und da diese Angelegenheiten dem Herzoge zwingender und wichtiger deuchten als die ersichtliche Ungeduld des endlich Erhörten, das langerwartete Glück auch zu besitzen, so wurde als zeitigster Termin der Hochzeit der Geburtstag der Prinzeß, sechs Wochen de dato fixiert. Doch da hierbei auch der Brautstand der Prinzeß Lolo in Betracht kam, d. h. die Stellung, welche dem Freiherrn von Falkner bei den Vermählungsceremonien einzuräumen war, der zur Konferenz zugezogene Kammerherrals stellvertretender Hofmarschall aber der entschiedenen, von Fräulein von Drusen eingeimpften Ansicht war, daß eine Stellung bei der Vermählung der älteren Prinzeß mit einem regierenden Fürsten dem Freiherrn von Falkner nur als Gatten der jüngeren Prinzeß zu geben sei, indem ein – hm, hm – unebenbürtiger, also auf diplomatischem Wege amtlich nicht notifizierter Bräutigam einer Prinzeß überhaupt gar keine Stellung habe, so wurde die Vermählung dieses Paares um acht Tage früher als die andere fixiert und Falkner dies mitgeteilt. Es bedurfte übrigens gar nicht der drastischen Neckereien des Prinzeßchens, mit denen sie Falkner »sein auf diplomatischem Wege amtlich nicht notifiziertes Bräutigamsdasein« drollig genug vorhielt, um ihn verstehen zu machen, was der Grund dieses beschleunigten Hochzeitstermins war, denn er hatte lange genug an Höfen gelebt, um das zu begreifen, aber im Grunde war er ganz damit zufrieden. Das Band war ja durch ihn nicht mehr löslich, und ob es zwei oder drei Monat später für ihn zur lebenslänglichen Fessel wurde oder in fünf Wochen – was that das?
Doch es wurde noch mehr beschlossen im Rate der Familie, denn da man das Ende des Juli noch für zu früh im Jahre hielt für den programmmäßigen Ausflug nach dem Süden, so ward die Ummöblierung von Monrepos alsbald festgesetzt, damit das junge Paar daselbst seine Flitterwochen verleben konnte. Andere Vorschläge von seiten des Bräutigams wurden, als nicht üblich, gar nicht erbeten, und auch Prinzeß Lolo opponierte nicht, denn es war schon eine ganz andere Sache, Schloßherrin auf Monrepos zu sein, nach dem berühmten Muster Cäsars, welcher auch lieber auf dem Dorfeder erste, als in Rom der zweite war. Zudem spukten in dem blonden Köpfchen eigene Ideen von Visiten in Stadt und Land – und es sollte ganz amüsant werden auf Monrepos. »Die alte Bude soll sich wundern, wie ich sie aufmöbeln und aufkratzen werde,« gelobte sie sich innerlich.
Doch so sehr des Herzogs Vaterherz sich freute über das Glück seiner Töchter, die er so gern echt bürgerlich und gemütlich »seine Mädels« nannte – die fortgesetzten Konferenzen, Korrespondenzen und Depeschenwechsel dieser letzten Tage versetzten sein ruhebedürftiges Gemüt in einen harten Anklagezustand gegen das Schicksal, das ihm nicht 'mal seine paar Sommermonate in Ruhe gönne und seinen Rosen ungestraft gestatte, so wilde Triebe anzusetzen, als ihnen beliebe, denn wer kam in diesem Trubel dazu, auch nur eine Raupe von den Stämmen zu lesen? Und nun sollte es gar vorzeitig zurückgehen in die staubige Residenz, in das große Schloß mit dem englischen Park, in welchem ihm die Etikette verbot, zu arbeiten – kurz, er sollte um zwei volle Monate eher aufhören, ein Mensch zu sein! Das war mehr für das geduldige Temperament des trefflichen alten Herrn, als er es ertragen konnte, und Entschlüsse, welche vorläufig nur als schwarze Gedanken in seinem Busen geruht, wurden in ihm reif – Entschlüsse, welche zwar nicht erschütternd an die Fundamente seines Landes und des Reiches griffen, welche aber für sein Haus immerhin Bedeutung hatten. Und nun war die Reihe, Konferenzen abzuhalten, an ihm – d. h. er legte, als seine Entschlüsse zur Reife gediehen und unwiderstehlich in ihm aufstiegen, Gartenschere und Okuliermesser mit der Entschiedenheit und der Hast beiseite, welche ebensosehrauf eine Unabänderlichkeit seiner Ideen, als auch auf deren rasche Erledigung deuteten, und nachdem er sich noch etlichemal die Hände gerieben und ein halb Dutzend Mal um ein Rosenrondel gegangen war, ließ er seinen Sohn, den Erbprinzen, zu sich bitten und blieb mit demselben nahezu zwei Stunden eingeschlossen. Des Herzogs Kammerdiener hörte seinen hohen Herrn dabei mehrmals mit erhobener Stimme reden – aber was immer auch besprochen wurde, es hatte einen friedlichen und befriedigenden Ausgang, denn als nach besagten zwei Stunden der Herzog mit seinem Erben wieder hinaustrat in den Garten und der Erbprinz nach seinem Hute griff, da reichte der Vater dem Sohne die Hand.
»So, dann Glück auf, mein Junge,« sagte er herzlich. »Es hat so kommen sollen – undcontre la force il n'y a point de résistance. Die zwingende Gewalt liegt eben im Menschen selbst – das ist die Natur. Willst du heut' noch nach dem Falkenhofe?« –
»Ja, Vater. Wozu auf morgen verschieben, was man heut' ebensogut erfahren kann?« –
»Ja, ja! Also nochmals: Glück auf, Emil!« –
Der Erbprinz küßte seines Vaters Hand und verließ Monrepos auf dem Wege zum Falkenhofe. Er ging aber nicht schnell, wie ein Mensch, der seiner Sache gewiß ist. Langsam schritt er hin und blieb oftmals grübelnd stehen, aber am Ende kam er doch an sein Ziel und wurde von Ramo unverzüglich bei der Herrin des Falkenhofes gemeldet.
Draußen brütete die Schwüle des Sommernachmittags über den Bäumen – aber die Sonne neigte sich schon nach dem Westen. Die dicken Mauern, wie sie nur die Architekturvergangener Jahrhunderte kannte, ließen nicht viel Hitze von außen hinein in die gewölbten Räume des Falkenhofes, und erquickt atmete der Erbprinz die Kühle ein, die ihm beim Eintritt in das feudale Schloß entgegenwehte. In denkbar kürzester Zeit kam Ramo wieder herab und meldete, daß Dolores den Erbprinzen erwarte. Gerade als letzterer sich anschickte, die Treppe hinaufzusteigen, erschien Doktor Ruß in der Vorhalle und begrüßte überrascht den hohen Besucher und schickte sich an, denselben nach oben zu begleiten.
»Ich war gerade im Begriff, meiner Nichte dieses Buch, das eben eintraf, zu bringen,« sagte er, auf eine Broschüre in seiner Hand deutend.
Doch zu seiner größten Überraschung nahm der Erbprinz ihm das Heft aus der Hand, ohne auch nur einen Blick auf den Titel zu werfen.
»Ich kann Ihnen diese Mühe abnehmen,« meinte er, grüßte freundlich, aber in der Weise, welche nur den Regierenden eigen ist, wenn sie jemand entlassen, und schritt, dem voraneilenden Ramo folgend, die breite, teppichbelegte Treppe zu dem von Dolores bewohnten Flügel hinan.
Doktor Ruß aber richtete sich von seiner tiefen Verbeugung auf und konzentrierte sich rückwärts nach seinen Gemächern.
»Das war kurz – und deutlich,« murmelte er vor sich hin. »Hm! Hm! Also man will allein sein oben. Vielleichtenfin seuls! Und warum will man allein sein? Weil man etwas zu besprechen hat, wozu ein Dritter überflüssig ist. Um das zu erraten, dazu gehört nicht viel Kombinationsgabe.War dieser Besuch erwartet? Kommt er unerwartet? Schade nur, daß –«
Und die Gedanken des Doktor Ruß verloren sich in ein vielsagendes Kopfschütteln.
Oben im Korridor aber sagte der Erbprinz zu Ramo:
»Ich wünsche Ihre Herrin, die Baroneß, allein und ungestört zu sprechen. Bitte, sorgen Sie also dafür, daß niemand gemeldet oder ungemeldet eindringt, so lange ich hier bin.Niemand; – auch Doktor Ruß nicht!«
»Sehr wohl, Hoheit,« erwiderte Ramo respektvoll, aber nicht servil. Er mochte den Erbprinzen gern leiden, den Doktor Ruß aber nicht, trotzdem sich letzterer stets sehr freundlich dem Kammerdiener gegenüber zeigte.
»Willkommen, Hoheit,« sagte Dolores, als der Thronerbe bei ihr eintrat. »Ah – Sie bringen mir ein Buch!«
»Ich nahm es Doktor Ruß ab, der es Ihnen eben bringen wollte,« erklärte der Erbprinz, die dargebotene Hand küssend.
»O, zu gütig –« –
»Nein, es war keine Güte, nicht einmal Gefälligkeit. Ich wollte Sie heut' allein sprechen.«
»Allein, Hoheit?« fragte Dolores erstaunt. »Das klingt ja ganz mysteriös und macht mich sehr neugierig. Sind es Staatsgeheimnisse, welche ich hören soll?« –
»Auch das,« erwiderte er, auf ihren Ton eingehend. »Große Staatsgeheimnisse eines kleinen Staates. Also nur für Ihre Ohren allein bestimmt!« –
»Ei, wie reizend! Ich habe mir immer gewünscht, Mitwisserin von Staatsgeheimnissen zu sein,« meinte sie nichtohne ein leises Staunen, denn er hatte den letzten Satz merkwürdig ernst gesprochen, ernster, als er sonst zu reden pflegte.
Ramo hatte inzwischen die Jalousien des Salons, wo Dolores ihren Gast empfangen hatte, emporgezogen, denn die Sonne lag nicht mehr darauf, aber er hatte die Fenster trotzdem noch geschlossen.
»O Ramo, die Fenster auf!« rief Dolores, als er eben noch die Salonthür schloß.
»Es ist noch zu heiß draußen, Herrin,« murmelte er in seinem leisen, wohlerzogenen Kammerdienertone und setzte noch leiser spanisch hinzu: »Man versteht unten auf der Terrasse jedes hier gesprochene Wort bei offenen Fenstern.«
Und damit glitt er leise aus dem Salon und schloß sogar die Thür zum Turmzimmer hinter sich.
Dolores fühlte sich entschieden intriguiert. Zwar mochte sie Angelegenheiten von Wichtigkeit auch nicht mehr im Turmzimmer besprechen, seit sie das Geheimnis des Kamins kannte, durch welches die Passage freilich abgeschnitten war, hinter dessen Wand man aber im Nordflügel jedes im Turmzimmer gesprochene Wort vernehmen konnte. Denn selbst der findige Ramo hatte nicht entdecken können, wie der Inhaber der gefundenen Fußspuren in dieses Zimmer hinein gelangt war. Aber Ramo kannte auch die unausgesprochenen Wünsche seiner Herrin – er wußte, daß das Turmzimmer ihr nicht eher wieder lieb werden konnte, ehe es nebenan nicht sicher war, und da er selbst ein leises Unbehagen empfand bei dem Gedanken, daß es dicht neben den Wohnräumen dieser geliebten Herrin einen geheimnisvollen Schlupfwinkel gab für unbekannte Schleicher, daß die Wände dieses Zimmers sozusagen Ohrenhatten, so schnitt er diesen lieber ab, was der Erbprinz zu sagen hatte.
Dieser und Dolores nahmen im Salon indes einander gegenüber Platz.
»Also nun zu den Staatsgeheimnissen,« meinte sie, ersichtlich gespannt. »Nach dem zu dieser Unterredung nötigen Apparate bin ich doch wohl berechtigt, etwas ganz Außergewöhnliches zu erwarten und zu hören!«
»Und doch erraten Sie gewiß nicht, daß von Ihnen in dieser Stunde das Bestehen oder Aufhören eines Staates abhängt,« erwiderte der Erbprinz mit jenem Lächeln, das auch Ernst bedeuten kann.
»Von mir?« fragte Dolores erstaunt. Aber dann lachte sie. »O Hoheit, die Hundstage und die Sauregurkenzeit, wo man vergebens nach Enten sucht, um die Zeitungen zu füllen und die Konversation zu beleben – die sind doch noch nicht da, und vor denen brauchen Sie sich doch nicht zu fürchten!«
»Das ist sehr freundlich bemerkt, aber mir lag wirklich jeder Scherz fern,« versicherte der Erbprinz. »Also darf ich mein Staatsgeheimnis erzählen? Und werden Sie mich geduldig anhören, bis ich zu Ende damit bin?«
»Ich werde keine Silbe sagen, bis Hoheit mir erklären, daß Sie fertig sind,« entgegnete sie freundlich und lehnte sich zurück in ihren Sessel. »Also ich höre und verspreche, kein Wort zu verlieren.«
»Nun wohl,« sagte der Erbprinz, »ich verspreche dagegen auch, kurz zu sein und Ihre Geduld nicht zu schwer zu prüfen. Um mit dem neuesten zu beginnen, so muß ich also berichten, daß wegen der in sechs Wochen stattfindenden Vermählungmeiner Schwester Alexandra, von der Sie gestern ja gehört haben, die Hochzeit meiner Schwester Lolo schon Anfang August stattfinden muß. Entscheidend waren dabei Etikettenfragen in Rücksicht auf meinen künftigen Schwager Falkner – wir haben das heute Morgen besprochen und bestimmt.«
»Gehört das zur Sache?« warf Dolores etwas kühl ein.
»Doch, denn es leitet die Sache selbst ein,« entgegnete der Erbprinz und fuhr fort: »Aber der durch diese Hochzeiten zu erwartende Trubel und der Umstand, daß, da Monrepos dem jungen Paare alsbuen retirofür den Honigmond eingerichtet werden soll, wir alle diesen lieben Aufenthalt in den nächsten Tagen verlassen müssen, all' dies hat den Herzog, meinen Vater, etwas nervös gemacht. Er ist ein Mensch mit stillen Neigungen und dem Hange zu einem ruhigen Leben, und nichts ist ihm schrecklicher, als sich in eine Uniform zwängen zu müssen und Pflichten zu erfüllen, die ihn nicht befriedigen, die ihm das leere Gefühl hinterlassen, nichts gethan zu haben und doch in Bewegung gewesen zu sein. Und nun sein Haus leer wird und ihn die Rücksicht für seine Töchter nicht mehr fesselt, nun will der Herzog einen langgehegten Wunsch erfüllen und auf die Regierung verzichten. Er ließ mich also vorhin zu sich rufen und teilte mir seinen Entschluß mit.«
»Ah, das also ist das Staatsgeheimnis!« rief Dolores interessiert. »Aber, Hoheit, warum würdigen Sie mich, es mir gerade anzuvertrauen?«
»Weil, wie ich Ihnen schon sagte, das Bestehen und Aufhören unseres kleinen Staates von Ihnen abhängt,« erwiderte der Erbprinz.
»Sesam, öffne dich!« rief sie lächelnd.
»Ich komme zur Sache. Nachdem der Herzog mir also seinen Entschluß, zu resignieren, kundgegeben hatte, billigte ich denselben vollständig, denn ich teile ganz die Lebensansichten meines Vaters und dessen Neigungen. Ich sagte ihm also, ich begriffe voll und ganz die Motive, die ihn Scepter und Krone niederlegen ließen, aber ich würde diese Resignation auch gerechtfertigt finden, wenn sie aus dem Grunde geschähe, daß damit zugleich unser Land dem Reiche einverleibt würde, welches unsere Souveränität vertragsmäßig anerkennt, dem wir aber damit doch ein Hindernis sind. Ich habe als Vergleich dafür nur den dahinbrausenden Blitzzug, welcher über Zeit und Raum triumphierend den Erdball durchmißt und dazu genötigt wird, jedesmal vor einer kleinen Haltestelle ein unliebsames Halt zu machen, um Ballast aufzunehmen, der ihn nicht beschwert, aber aufhält und belästigt.«
»Das ist eine großherzige politische Auffassung, Hoheit!«
»Sie wäre es, Baroneß, wenn ich nicht ein Mensch wäre und als solcher eigennützige Motive im verborgensten Winkel meines Herzens bärge.«
»Wer soll Ihnen das glauben, Prinz?«
»Hören Sie mich zu Ende, und Sie werden es glauben müssen. Also mein Vater gab mir von seinem Gesichtspunkt aus recht, denn seine partikularistischen Ideen von ehedem sind längst einer wirklich großherzigen, weiten Auffassung von politischer Einigkeit und Größe gewichen, und er hätte auch sicher seine engbegrenzte Souveränität für diesen großen Gedanken geopfert, wenn er nicht geglaubt hätte, das Aufrechthalten derselben mir, seinem einzigen Sohne und Erben, schuldig sein zu müssen. Nach dieser Eröffnung glaubte ichmeinen Moment zum Sprechen gekommen, und ich erklärte meinem Vater, daß ich seinem Beispiel freudig folgen und auf einen Thron verzichten wollte, dem gegenüber, ganz abgesehen von meiner politischen Überzeugung, mir ein Leben als mediatisierter Fürst weit größere geistige Vorteile böte. Aber nun komme ich auf des Pudels Kern. Der Herzog fragte mich, als erfahrener Menschenkenner, ob dies allein mein Motiv sei, und da mußte ich freilich gestehen: nein. Denn das wahre Motiv für mich ist – eine Dame, eine Dame, welche ich liebe, und welche mir nicht ebenbürtig ist. Und ich setzte dem Herzog auseinander, wie ich davon geträumt hätte, den Herrscherpflichten zu entsagen – nicht um der Liebe willen, welche ja stets hinter Pflicht zurücktreten muß, sondern rein meiner politischen Überzeugung wegen, und wie ich dann, ein freier Mann, mich einfach nach meiner ererbten Privatbesitzung Graf von Waldburg nennen wollte, um der Dame meines Herzens mit meiner Hand auch meinen Namen bieten zu können. Was nach dieser Erklärung zwischen meinem Vater und mir als Herzog und Erbprinz und endlich als Vater und Sohn besprochen wurde, gehört nicht hierher, ich will nur sagen, daß ich siegte – vielleicht weil der Sieg meiner Schwester Eleonore dem meinen vorausgegangen war. Aber ich habe alles von der Entscheidung jener Dame abhängig gemacht. Nimmt sie meine Hand an, dann werden die Reichslande um ein paar Quadratmeilen größer – refüsiert sie mich, so übernehme ich die Regierung, bis ein geeigneter Moment die Verzichtleistung unauffällig vollzieht.«
»Und das sollte in meiner Hand liegen?« fragte Dolores, als er schwieg.
»Ja,« sagte er fest, »weil Sie die Dame sind, die ich liebe, und weil ich nicht als Erbprinz mit der linken Hand, sondern als Graf von Waldburg vor Sie hintrete, Ihnen Herz, Rechte und Namen biete und Sie frage: wollen Sie mein Weib werden?«
Dolores war aufgestanden – blaß lehnte sie an dem Tisch, der hinter ihr stand und sah zu dem Prinzen herüber, der sich gleichfalls erhoben hatte.
»Hoheit sehen mich aufs höchste überrascht,« sagte sie nach einer Pause ruhig und gefaßt. »Der mich so hoch ehrende, liebe und in letzter Zeit vertraute Verkehr mit Monrepos hat mich nie, auch nicht im entferntesten ahnen lassen, daß –« sie stockte.
»Daß ich Sie liebe,« vollendete der Erbprinz. »Nein, Dolores, ich weiß, daß ich mich nicht verraten habe, denn ich halte es für einen Mann in meiner Stellung für gewissenlos, eine Frau mit seiner Liebe zu verfolgen, der er im besten Falle nichts bieten kann als einen Trauring zur linken Hand, einen fremden Namen und eine stets untergeordnete, peinliche Stellung in seinem Hause. Das waren die Motive, die mich veranlaßten, Ihnen meine Neigung zu verbergen, aber ich wußte, daß wenn Ihr Herz für mich spräche, Sie dies auch in sich verschließen würden. Nun aber hab' ich's erreicht, ich darf sprechen und trete vor Sie hin mit meinem Geständnis. Dolores, darf ich auf Erhörung, darf ich auf Gegenliebe hoffen?«
Nun ward es still in dem hohen, kühlen Raume, so still, daß man das Summen der Fliegen an den Fensterscheiben hören konnte. Dolores stand, die großen, dunklen Augentraumverloren in die Ferne gerichtet und sann, der Erbprinz wartete auf ihre Antwort – –
»Hoheit,« sagte Dolores nach einer Weile, »ich würde Sie schwer täuschen, wenn ich Ihnen sagen wollte, daß die wahrhaft herzliche Sympathie, welche ich für Sie empfinde, Liebe ist. Wenn Sie diese verlangen – ich habe sie nicht!«
»O Dolores!« rief er schmerzlich bewegt. »Ich habe es wohl geahnt, daß ein anderer – –«
»Nein, nein!« unterbrach sie ihn schnell, »kein anderer. Es steht niemand zwischen Ihnen und Ihrer Werbung. Und vielleicht ist die herzliche Sympathie, von der ich Ihnen sprach, auch der rechte Kitt für eine glückliche Ehe – –«
»Vielleicht ist es auch die Liebe selbst, ohne daß Sie es wissen,« fiel er bittenden Blickes ein.
Sie aber schüttelte mit trübem Lächeln den Kopf.
»Nein, Hoheit – wir wollen uns beide darüber nicht täuschen. Es frägt sich nur, ob Ihnen genügt, was ich zu bieten habe – –«
»Dolores – –«
»Sie sollen nicht sofort ›Ja‹ sagen, Hoheit,« fiel sie ihm ins Wort, »Sie sollen sich prüfen, ob Sie vorlieb nehmen wollen mit einem Herzen, das ja nicht verneint, lieben zu können, und das auch nicht sagt: Ich werde Sie niemals lieben, denn ich glaube und begreife, daß eine Frau Sie lieben kann. Aber mehr noch als Sie bedarf ich der Prüfung. Es hat so viel verlockendes, Ihren Antrag anzunehmen, weil es der Antrag eines redlichen, großdenkenden Mannes ist, weil ich mir einbilde, Ihr Herz könnte eine Heimat werden für mein heimatloses Herz und weil die Einsamkeit michoft so trostlos ansieht – aber all' das darf mich nicht verleiten, das Lebensglück – Ihr Lebensglück auf eine Karte zu setzen, von der ich nicht weiß, ob sie gewinnt. Und darum muß ich mich prüfen und Sie müssen mir Zeit lassen, ja?«
»Kann ich ›Nein‹ sagen?« fragte er mit einem Seufzer zurück. »Und wie lange soll ich auf Ihre Entscheidung warten? Denn ich habe für mich schon entschieden!«
»Wie lange?« sagte Dolores träumerisch. »Ich kann nicht wissen, wie lange ich brauche, um die Zweifel meines eignen Herzens zu bekämpfen. Denn wenn ich kämpfe, so geschieht es offenen Visiers und ehrlich, auch gegen mich selbst – –«
»Das weiß ich, Dolores! Und ich will warten – warten, bis Sie mich rufen. Doch eins muß ich Ihnen sagen: auch ich werde kämpfen, aber nicht mit mir, denn in mir ist alles klar, aber um Sie, und ich will damit nicht eher aufhören, als bis Sie selbst mir sagen, daß es vergebens ist, daß Sie einen anderen lieben. Und vielleicht siege ich auch, denn ich gehe ja nicht hoffnungslos von Ihnen.«
Da lächelte sie schmerzlich.
»Mit einem armseligen ›vielleicht,‹« sagte sie leise.
»Nicht armselig,« erwiderte er warm, »denn haben Sie nicht gehört, was ein Geistreicher gesagt, daß das Wörtchen ›vielleicht‹ die Visitenkarte der Hoffnung ist?«
»Und wenn die Hoffnung nun darauf schriebe:p. p. c. – pour prendre congé?« fragte Dolores.
Einen Augenblick sah der Erbprinz ihr in die angstvoll auf sich gerichteten Augen, dann erwiderte er zuversichtlich:
»Das müßte ich schwarz auf weiß haben, denn die Hoffnung nimmt niemals für immer Abschied von den Menschen.«
Sie aber schüttelte nur mit dem Kopfe – sie wußte es besser.
Und der Erbprinz ging, und wenn er das Wörtchen »vielleicht,« auf das er so viel Hoffnung setzte, zurückdrängte, so blieb ihm freilich nicht mehr viel übrig, um darauf zu bauen. Aber Menschen in seiner Lebenslage bauen dennoch – luftige, hohe Schlösser auf sandigen Boden, bis der Windstoß kommt, der sie vor ihren Augen zusammenbrechen läßt und ihnen nichts davon bleibt, als Schutt, Trümmer und Scherben. – –
Dolores war allein zurückgeblieben mit klopfendem Herzen und fliegenden Pulsen, denn kaum war der Erbprinz gegangen, da traten vor ihren redlichen Sinn schon die Fragen: Was hast du gethan? Welches Recht hast du, ein Herz zu versprechen, das du voll und ganz nicht mehr geben kannst? Welches Recht hast du, Hoffnungen zu erwecken, die du nicht erfüllen kannst?
Und doch hätte sie am liebsten gleich »Ja« gesagt, denn ihr schien Hand und Herz des Erbprinzen wie ein wohlgeborgener Hafen, in welchem sie sicher war vor sich selbst, in welchen sie sich allzeit retten konnte, wenn auch die hohe See des Lebens ihr den Gischt in die Augen schleuderte und sie blendete, daß sie ihren Weg nicht mehr klar sah vor sich. Und sie glaubte glücklich werden zu können an der Seite eines solch' edeln Menschen, selbst wenn sie ihn nicht so liebte, wie sie dachte und glaubte, lieben zu sollen, und endlich wußte sie es nicht und ahnte nicht, wie schwer ihr Herz getroffen war und wie unheilbar seine Wunde. Diese Erkenntnis ward ihr noch vorbehalten – sie wäre ihr erspart geblieben, wennes sie an jenem Abend nicht herausgetrieben hätte, um im Freien in Gottes klarer Luft besser denken, besser prüfen zu können, trotzdem das Zünglein der Wage sich schon tief herabneigte nach der Wagschale des Erbprinzen, denn, wie gesagt, Dolores hatte noch nicht genug gekostet vom Apfel der Erkenntnis, hatte auf die Sprache des eigenen Herzens noch nicht gelauscht oder dieselbe doch gebieterisch zum Schweigen gebracht – kurz, sie war noch nicht sehend geworden.
Während der Erbprinz droben war bei ihr, hatten Doktor Ruß und seine Frau auf der Terrasse vor ihren Zimmern Platz genommen, und kurz darauf kam auch Falkner von Monrepos herüber, um, wie er sogleich sagte, seiner Mutter den heut' von der herzoglichen Familie fixierten Tag seiner Hochzeit zu melden.
»Die Einladungskarten werden jedenfalls zur rechten Zeit hier eintreffen,« schloß er, »aber ich denke, der Herzog wird noch vor seiner Abreise von Monrepos Gelegenheit nehmen, davon zu sprechen, das heißt seine Einladung persönlich anbringen.« –
Frau Ruß strickte ihre Nadel ab, an deren Maschen sie eifrig zählte. »Dreiundzwanzig – vierundzwanzig,« schloß sie und ließ dann das Strickzeug sinken, um auf die Einladungsfrage einzugehen. Diesen Moment aber hatte Doktor Ruß sehr wohl abgepaßt.
»Wäre es nicht besser, lieber Alfred,« begann er, »wenn du drüben in Monrepos einen Wink darüber fallen lassen könntest, daß die Einladung besser ganz unterbleibt? Du würdest dadurch deiner Mutter den peinlichen Moment derEntschuldigung über ihr Fernbleiben von deiner Hochzeit ersparen.« –
Frau Ruß hatte ihren Gatten, während er sprach, angesehen, ohne ihn zu unterbrechen. Jetzt nahm sie mit einem Ruck ihr Gestrick wieder auf, doch um ihren festgeschlossenen Mund zuckte es seltsam.
Falkner aber hielt sein Erstaunen nicht zurück.
»Warum willst du meiner Hochzeit nicht beiwohnen, Mutter?« fragte er.
Wieder öffnete Frau Ruß den Mund zur Antwort und wieder übernahm Doktor Ruß dieselbe.
»Deine Mutter hat drei Gründe für ihre Weigerung,« sagte er. »Erstenssind wir pekuniär nicht so gestellt, um die für einen solchen Tag und an solchem Orte nötigen Ausgaben für Reise, Kleider etc. bestreiten zu können.« –
»Nun, meine Mutter wird die Deckung dieser Auslagen von mir in diesem Falle wohl annehmen,« fiel Falkner dem Redner ins Wort.
»Zweitens,« fuhr Ruß unbeirrt fort, abermals eine Antwort seiner Frau abschneidend, »zweitens will deine Mutter einer derartigen Feier niemals ohne ihren Gatten – meine Wenigkeit – beiwohnen.«
»Man wird aber auch am herzoglichen Hofe den Takt haben, diesen Gatten meiner Mutter mit einzuladen,« fiel Falkner abermals ein.
»Diesen Fall vorausgesetzt, wird deine Mutterdrittenssich nicht der Möglichkeit aussetzen, in der Hofrangordnung auf eine Stufe gestellt zu werden, welche vielleicht ihrer jetzigen bürgerlichen Stellung, nicht aber ihrem Geschmacke entspricht;ganz abgesehen davon, daß es ihr peinlich wäre, mich, ihren Gatten, dabei übersehen und beiseite schieben zu lassen,« schloß Doktor Ruß.
Falkner konnte dem klugen, alles erwägenden Manne in diesem Falle nicht unrecht geben.
»Ich glaube kaum, daß ihr euch in eurem Verhältnis zu mir derartigen Dingen aussetzen würdet,« sagte er indes sehr ruhig.
»Nein, du glaubst es nicht, und ich glaube es auch nicht, was den Herzog und die Seinen persönlich anbetrifft,« erwiderte Ruß, »aber die Hofrangordnung macht der Hofmarschall, und du wie wir sind dessen eben nicht sicher, sowie seiner Ansichten über den Fall. Sparen wir also dem Herzog das Peinliche, seine Gegenschwieger deplaziert zu sehen, und sparen wir uns den Ärger, es zu sein!«
»Nun, das wird sich alles noch finden,« meinte Falkner, um das Gespräch zu beenden.
»Der zweite und dritte Punkt vielleicht – der erste sicher nicht,« beharrte Doktor Ruß. »Denn,« fuhr er fort, »es fällt mir nicht ein, mich in Schulden stürzen zu wollen dieses einen Tages wegen, der uns vielleicht nur Kränkung und Zurücksetzung bringt.«
»Herrgott, wie kann man immer nurdarandenken,« fuhr Falkner auf. »Dieses ewige Mißtrauen macht euch elend und stellt der übrigen Welt doch ein geistiges Armutszeugnis aus, das sie nicht verdient.«
Doktor Ruß zuckte mit den Achseln und lächelte ein bedeutsames Lächeln, dann aber stand er auf, trat an seine Frau heran, umfaßte sie liebevoll und drückte sie an sich.
»Teures Weib, hier ist dein Platz, den du dir selbst gewählt,« sagte er mit dem vollen Wohlklange seiner modulationsfähigen Stimme. »Hier ist dein Platz, der dein bleibt, ob auch die Welt dich verstößt wegen deiner Herzenswahl. Denn was nützen uns Rangkronen und Titel, wenn das Herz fehlt?«
Und er beugte sich herab, ihren zuckenden Mund zu küssen und ihre vor Rührung überquellenden Augen zu trocknen.
»Na, da schlag' Gott den Teufel tot,« murmelte Falkner ziemlich deutlich, denn diese Komödie täuschte ihn nicht und sollte es vielleicht auch nicht thun. Denn einmal hielt er seinen Stiefvater für einen viel zu klugen Mann, um ihm solch' unlogisches und ungerechtfertigtes Vom-Zaun-brechen einer Rührscene zuzutrauen, und dann wußte er sehr genau, daß es dieser Ton war, mit welchem er seine Mutter sich gewann und unterordnete, mit dem er sie aufreizte und zu seinen Ansichten und Plänen bekehrte. Ob es nun zu diesen gehörte, oder ob wirklich sein Mißtrauen und die Furcht, nicht für voll anerkannt zu werden, in ihm vorherrschte – genug, er wußte seine Frau genau ebenso denkend zu machen. Frau Ruß bewieß auch sofort, daß ihres Mannes Taktik für sie berechnet und mit Erfolg gekrönt war, wie gewöhnlich.
»Ja, mein Lieb,« sagte sie, mit den Thränen kämpfend, »wir bleiben fern von dem Orte, an dem wir nur geduldet werden würden. Ich brauche die ganze hochmütige Clique nicht,« fuhr sie heftig fort, »und wer mich frägt, wer ich bin –: ich bin die Frau Ruß, nichts mehr und nichts weniger!« –
»Aber liebe Mutter, wer ist dir denn je in dieser Beziehung zu nahe getreten?« fragte Falkner beruhigend, dochDoktor Ruß winkte ihm nur ab und drückte den Kopf seiner Frau lange und stumm an seine Brust. Die Wirkung war komplett, der Sieg war gewonnen über ein verbittertes Weib. Deshalb blieben Falkners Worte auch gänzlich unbeachtet, und er war im Begriff, sich zu erheben und zu gehen, als Doktor Ruß, wieder Platz nehmend, ein anderes Thema aufnahm.
»Da wir gerade einmal in Ruhe bei dem Thema deiner Heirat sind, lieber Alfred,« sagte er, »so mag zugleich eine Frage erledigt werden, welche nahe liegt. Was haben deine Mutter und ich von deiner Heirat zu erwarten?«
»Das verstehe ich nicht,« erwiderte Falkner verwundert.
»Nun wohl, ich meine, welch' materielle Vorteile können und sollen uns daraus ersprießen?«
»Materielle Vorteile?« wiederholte Falkner. »Offen gesagt sehe ich für euch als Kollektivbegriff keine, doch werde ich nach wie vor bemüht sein, aus meinen Überschüssen meiner Mutter diejenige Hilfe zu gewähren, welche ich eben gewähren kann.«
Frau Ruß reichte ihrem Sohne die Hand und wollte etwas sagen, doch ein vielsagendes »Hm!« ihres Gatten hielt das freundliche und dankbare Wort auf der Stelle zurück.
»Was soll das heißen?« fragte Falkner gereizt.
»Ich wollte damit nur sagen, daß wir natürlich keine Rothschild-artigen Revenüen von dir verlangen,« erwiderte Ruß sehr gelassen, »denn wir wissen ja, daß die Apanage deiner Braut durch ihre unebenbürtige Heirat erlischt und ihr mütterliches Vermögen nur eine unantastbare Leibrente bildet. Ich habe also auch nicht von pekuniären Vorteilen gesprochen, sondern von materiellen.«
»Jedenfalls bist du sehr gut informiert,« sagte Falkner sarkastisch.
»Nicht wahr?« nickte Doktor Ruß seinem Stiefsohne so harmlos zu, daß diesem das Blut in die Stirn stieg und er alle Mühe hatte, eine heftige Antwort zurückzudrängen.
»Ich bitte also um eine Erklärung, was du unter materiellen Vorteilen von meiner Heirat verstehst,« rief er ungeduldig, »du mußt meiner schweren Begriffsfähigkeit hierin etwas zu Hilfe kommen.« –
»Gern, lieber Alfred,« entgegnete Ruß sehr sanft und freundlich. »Ich meine nämlich, es dürfte jetzt die Zeit gekommen sein, wo du statt deiner vielgerühmten Hilfen aus deinen Überschüssen –«
Nun sprang aber Falkner empor im hellen Zorn.
»Wie kannst du wagen, von ›vielgerühmten‹ Hilfen zu sprechen,« sagte er leise mit flammendem Auge. »Ich habe das Wenige, was ich meiner Mutter geben konnte, in meinem Herzen stets um seiner Wenigkeit willen beklagt, aber ich war nie solch' ein Lump, mich dessen zu rühmen, was ich gab; denn wer sich erfüllbarer Pflichten rühmt, ist nichts als ein alberner Selbstanbeter und ein verächtlicher Renommist obendrein!«
Doktor Ruß sah ein, daß er zu weit gegangen war und seinen Stiefsohn unnötig gereizt hatte. Er nickte ihm deshalb lächelnd zu und klatschte leise Beifall.
»Bravo! Bravo!« rief er, »Adelheid, geliebtes Weib, sieh' deinen Sohn, dein Fleisch und Blut! In welch' schönen Zorn er für dich geraten kann –« –
»Was soll das wieder?« unterbrach ihn Falkner drohend. Aber Doktor Ruß war nicht so leicht einzuschüchtern.
»Nein, du hast mich nicht recht verstanden, oder ich, vielmehr, habe mich nicht richtig ausgedrückt,« sagte er mit seinem gewinnendsten Ton. »Ich meinte vielgerühmt in dem Sinne, als deine Mutter, und ich mit ihr, es in der That stets viel gerühmt haben, daß du von dem Deinen trotz den großen Ansprüchen, welche deine Carriere, dein Name und die große Stadt an dich stellten, immer noch für deine Mutter übrig hattest –«
»Daran ist auch von dir nichts zu rühmen,« unterbrach ihn Falkner kurz und scharf, denn der schnelle Blick, den Frau Ruß auf ihren Mann geworfen hatte, war ihm nicht entgangen und hatte ihm gesagt, daß sein Stiefvater das böse Wort nur zu seinen Gunsten gedreht, und seine Fertigkeit in dieser Kunst abermals bewiesen hatte.
»Doch! doch!« widersprach der Unerschütterliche auf das Süßeste, und fuhr dann fort: »Um also endlich auf des Pudels Kern zu kommen, so hatte ich sagen wollen, daß deine Mutter und ich erwarten, daß es dir nunmehr gelingen wird durch deinen unleugbaren Einfluß am Hofe des Herzogs, deines Schwiegervaters, für mich eine Stellung zu erwirken, welche deine Mutter auf eine Stufe stellt, die für dich nichts Peinliches hat. Der meinem Namen mangelnde Adel dürfte dann auch wohl so schwer nicht zu beschaffen sein.«
Falkner, welcher stehen geblieben war, ergriff jetzt seinen Hut.
»Ich fürchte, dich enttäuschen zu müssen,« sagte er, sich vollständig bezwingend. »Ich bin so ganz und gar nicht der Mann dazu, der durch eine nähere Verbindung mit den Großen dieser Erde, diese sogleich dazu benutzt, um seine Verwandtenzu poussieren. Das war ein Geschäft für die Pompadour und ihresgleichen. Deine eigenen Bemühungen um eine Professur werden da jedenfalls erfolgreicher sein. Du brauchst dann auch den Adel nicht, dessen in meinen Augen ein gebildeter Mensch überhaupt nicht bedarf, um vorwärts zu kommen. Und bis ich soweit bin, das heißt bis ich in der Intimität mit den neuen Verwandten soweit gedeihe, daß ich eine derartige Bitte aussprechen würde – bis dahin bist du längst in Amt und Würden.«
»Natürlich,« erwiderte Doktor Ruß seltsam zerstreut.
»Dies ist meine persönliche Ansicht davon,« fuhr Falkner fort, »aber es kommt noch ein anderer Faktor dazu, der deinem Wunsche entgegentritt. Es ist dies die wahrscheinliche Resignation des Herzogs und seines Hauses und die Einverleibung Nordlands in die Reichslande.«
»Ah –!« machte Doktor Ruß mit demselben unsteten Blick wie zuvor.
»Ich bitte euch, diese Mitteilung aber geheim zu halten,« schloß Falkner, verwundert, daß die Zunge seines Schwiegervaters keinen scharf zugespitzten Pfeil auf seine Weigerung hatte. »Ich habe,« setzte er hinzu, »nur deshalb davon gesprochen und dir gegenüber Gebrauch von dieser nur in Umrissen skizzierten Idee gemacht, um den Beweis zu liefern, daß Egoismus und böser Wille mich nicht leitet.«
»Gewiß! Gewiß!« meinte Doktor Ruß, wie wenn jemand, sehr beschäftigt, ein fragendes Kind abfertigen will.
»Und nun adieu, liebe Mutter,« sagte Falkner, sich zu Frau Ruß wendend. »Ich reise morgen früh ab und habe heut' noch mehreres zu thun.«
»Adieu, lieber Junge,« erwiderte sie in ihrer kalten, kurzen Weise. »Es ist noch früh am Abend – mußt du schon gehen?«
»Ich wollte Dolores noch Lebewohl sagen, Mutter.«
»Dolores? Ah, da wirst du heut' nicht angenommen,« fiel Doktor Ruß mit der altgewohnten Aufmerksamkeit ein. »Der Erbprinz ist oben.«
»Darin sehe ich noch keinen Grund, nicht auch angenommen zu werden,« erwiderte Falkner, der einen Moment gestutzt hatte.
Nun berichtete Ruß mit leisem, bedeutsamem Lachen, wie er vorhin an der Treppe kurz und bündig von dem Erbprinzen »entlassen« worden war, und er legte in seinen Bericht eine Bedeutung, die er ja, wie wir wissen, in der That erraten hatte, welche er aber kaum berechtigt war, hereinzulegen.
»Nun, so richtet ihr Dolores wohl meine Empfehlungen aus,« meinte Falkner gleichgültig, küßte seiner Mutter die Hand, berührte die Fingerspitzen des Doktor Ruß und ging durch die große Lindenallee der Grenze von Monrepos zu. Sein Stiefvater aber raffte auch mit leisem Singen seine Siebensachen zusammen, warf seiner Frau eine Kußhand zu und verschwand im Hause, um es alsbald von einer anderen Seite aus wieder zu verlassen, als er von einem Diener erfuhr, daß der Erbprinz schon fort und »Baroneß« in den Park gegangen sei.
Falkner änderte inzwischen auch seine Absicht, direkt nach Monrepos zurückzukehren. Das stattgehabte Gespräch mit seinem Stiefvater hatte ihn, wie alle derartigen Gesprächemit demselben, geärgert und erregt, mehr aber noch gab ihm die nach Ruß' Version wichtige Anwesenheit des Erbprinzen im Falkenhofe zu denken. Was hatte dieser mit Dolores zu besprechen, daß er keine Zeugen zu haben wünschte? Grübelnd und seltsam erregt, ging er vorwärts, bog in dem Gefühl, sein Gleichgewicht erst durch einen Spaziergang wiederherstellen zu müssen, in einen Seitengang ein und schritt die denselben mehrfach kreuzenden, schattigen Laubsteige benutzend, planlos weiter. Am Abend war eine erfrischende Brise von Osten hergekommen, und die Sonne sank in wunderbar leuchtendem Glanz im Westen hinab. Da begann im Dorfe die Abendglocke zu läuten – weich und weihevoll schwebten die gedämpften Glockentöne durch die Luft, und Falkner nahm unwillkürlich den Hut vom Kopfe und blieb lauschend stehen. Er dachte mit seltsam wehmütigem Gefühl der Zeit, da er noch zur Abendglocke den Angelus betete, bis die Welt ihren Staub über jenen frommen Brauch legte und er ihn verlor. Denn man hört ja im Geräusch der Welt und der großen Städte keine Glocken mehr läuten, und wer ihren Klang nicht im Herzen trägt, den rufen sie bald nicht mehr zu dem geweihten Ort, dem sie dienen – – –
Und wie er stand und darüber nachsann, wie man so leicht vergißt, was nicht von dieser Welt ist, da tönte durch den Glockenklang eine wunderschöne, volle, weiche Frauenstimme zu ihm herüber –
»Dolores!« dachte er und eilte vorwärts. Mit wenigen Schritten war er am Hexenloch, an dessen malerischem Ufer sie stand. Im Hintergrunde flüsterten leis die uralten Blutbuchen. Sie hatte das Angesicht dem purpurroten Sonnenuntergangezugewendet, der durch eine Lichtung in den Bäumen auf die kaum bewegten Äste und auf das geheimnisvoll dunkle Wasser des Hexenloches leuchtende Tinten zauberte. Ihr wunderschönes Antlitz mit den dunkeln Augen, die ungeblendet hineinsahen in den Sonnenuntergang war goldrot beleuchtet.
So stand sie im weißen Kleide, Sonnenlicht in dem schimmernden Goldhaar, wie eine Elfe, seltsam überirdisch zu sehen, und sang ein Lied, dessen weiche Modulation, dessen wie von Schluchzen durchbebte Melodie wunderbar hineinpaßte in das stimmungsvolle Bild. Es war ein italienisches Lied, vielgesungen, weitbekannt, aber hier durchweht von hoher Künstlerschaft, von tiefstem Empfinden, das also hinausklang in den stillen, glockendurchzitterten Abend: