Achtes Kapitel.

Achtes Kapitel.

Erstes Weihnachtsfest nach Fräulein Sullivans Ankunft. — Ratespiel. — Weihnachtsbescherung in der Schule zu Tuscumbia. — Freude über die Weihnachtsgeschenke.

Das erste Weihnachtsfest nach Fräulein Sullivans Ankunft in Tuscumbia war ein großes Ereignis. Jedes Familienmitglied bereitete Ueberraschungen für mich vor; was mir aber am meisten Vergnügen machte, war, daß Fräulein Sullivanund ich Ueberraschungen für alle übrigen vorbereiteten. Das die Geschenke umgebende Geheimnis war meine größte Freude. Meine Bekannten taten alles, was in ihren Kräften stand, um meine Neugier durch Andeutungen und halbbuchstabierte Sätze rege zu machen, die sie im spannendsten Augenblick abbrechen zu müssen vorgaben. Fräulein Sullivan und ich unterhielten uns mit einem Ratespiel, das mich im Gebrauche der Sprache mehr förderte, als regelrechte Unterrichtsstunden dies zu tun vermocht hätten. Jeden Abend setzten wir uns um das verglimmende Holzfeuer und beschäftigten uns mit unserem Spiel, das um so aufregender wurde, je näher Weihnachten rückte.

Am heiligen Abend feierten die Schulkinder von Tuscumbia ihre Bescherung, zu der sie mich einluden. In der Mitte des Schulzimmers stand ein schöner Baum, strahlend und schimmernd in dem milden Lichte der Kerzen und beladen mit seltsamen, wunderbaren Früchten. Es war ein Moment der höchsten Glückseligkeit. Ich tanzte und sprang voller Freude um den Baum herum. Als ich erfuhr, es sei ein Geschenk für jedes Kind da, war ich darüber entzückt, und die freundlichen Spender, die die Bescherung veranstalteten, gestatteten mir, die Gaben den Kindern zu überreichen. In der Freude darüber fand ich keine Zeit, meine eigenen Geschenke zu betrachten; als ich aber mit der Verteilung fertig war, überstieg meine Ungeduld nach dem Beginn der wirklichen Bescherung alle Begriffe. Ich wußte, daß die Geschenke, die ich schon erhalten hatte, nicht die waren, wegen deren meine Bekannten mir durch ihre Andeutungen solche Tantalusqualen bereitet hatten, und meine Lehrerin sagte mir, die Geschenke, die ich erhalten würde, seien noch viel schöner als die, welche ich schon bekommen hätte. Ich war jedoch entschlossen, mich mit den Geschenken von dem Baume zufrieden zu geben und die übrigen ruhig bis morgen zu lassen.

In jener Nacht lag ich, nachdem ich meinen Strumpf aufgehängt hatte, lange Zeit wach, da ich mich gegen den Schlaf wehrte und mich munter halten wollte, um zu sehen, was der Santa Claus wohl tun würde, wenn er ankäme. Endlich schlummerte ich aber doch mit einer neuen Puppe und einem Eisbären in meinen Armen ein. Am nächsten Morgen war ich es, die die Familie mit meinem ersten: „Ein fröhliches Weihnachtsfest!“ aufweckte. Ich fand Ueberraschungen, nicht allein in dem Strumpfe, sondern auch auf dem Tische, auf allen Stühlen, an der Tür, sogar auf dem Fensterbrett; ich konnte in der Tat kaum einen Schritt machen, ohne über ein in Goldpapier gewickeltes Christgeschenk zu stolpern. Als aber meine Lehrerin mir einen Kanarienvogel schenkte, kannte meine Seligkeit keine Grenzen.

Der kleine Jim war so zahm, daß er auf meinen Finger hüpfte und mir kandierte Kirschen aus der Hand pickte. Fräulein Sullivan lehrte mich meinen neuen Liebling mit der größtmöglichen Sorgfalt hegen und pflegen. Jeden Morgen nach dem Frühstück machte ich ihm sein Bad zurecht, reinigte seinen Käfig, gab ihm frisches Futter, füllte sein Trinknäpfchen mit frischem Brunnenwasser und hängte etwas Vogelmiere an seinen Schaukelring.

Eines Morgens ließ ich den Käfig auf dem Fensterbrett stehen, während ich Jim frisches Wasser für sein Bad holte. Als ich zurückkehrte und die Tür öffnete, fühlte ich, daß eine große Katze zum Zimmer hinausstürzte. Zuerst bemerkte ich noch gar nicht, was sich zugetragen hatte; als ich aber meine Hand in den Käfig steckte und Jim mir nicht entgegenflatterte oder mit seinen zierlichen Füßchen sich auf meinen Finger setzte, wußte ich, daß ich meinen lieben kleinen Sänger nicht wiedersehen würde.


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