Neuntes Kapitel.

Neuntes Kapitel.

Reise nach Boston. — Zusammentreffen mit den blinden Kindern. — Bunker Hill. — Plymouth. — Pilgerfelsen. — Herr William Endicott.

Das nächste wichtige Ereignis in meinem Leben war mein Besuch in Boston im Mai 1888. Als ob es erst gestern gewesen wäre, so genau entsinne ich mich der Vorbereitungen, der Abreise mit meiner Lehrerin und meiner Mutter, der Eisenbahnfahrt und endlich der Ankunft in Boston. Wie verschieden war doch diese Reise von der, die ich zwei Jahre zuvor nach Baltimore gemacht hatte! Ich war kein ruheloses, reizbares kleines Geschöpf mehr, das die Aufmerksamkeit sämtlicher Mitreisenden verlangte, um zufriedengestellt zu sein. Ich saß still neben Fräulein Sullivan und achtete mit regem Interesse auf alles, was sie mir über das mitteilte, was sie aus dem Coupéfenster sah, den schönen Tennesseestrom, die großen Baumwollplantagen, die Hügel und Wälder und die Scharen lachender Neger auf den Bahnhöfen, die den Reisenden zuwinkten und köstliches Zuckergebäck und Maisklöße im Wagen umhertrugen. Mir gegenüber saß meine große, zerflederte Puppe, Nancy, in einem neuen Ginghamkleide und einem zerknitterten Strohhute und sah mich unverwandt mit ihren Glasaugen an. Bisweilen, wenn ich nicht durch Fräulein Sullivans Schilderungen in Anspruch genommen war, erinnerte ich mich der Anwesenheit Nancys und nahm sie auf den Arm, aber im allgemeinen beschwichtigte ich mein Gewissen dadurch, daß ich mir einredete, sie schlafe.

Da ich keine Gelegenheit mehr haben werde, von Nancy zu sprechen, so will ich gleich hier von dem traurigen Schicksale erzählen, das sie bald nach unserer Ankunft in Boston hatte. Sie war ganz mit Schmutz bedeckt, dem Ueberreste von Schlammkuchen, die ich sie zu essen gezwungen hatte, obwohlsie niemals eine besondere Vorliebe für diesen Leckerbissen gezeigt hatte. Die Wäscherin im Perkinsschen Institut nahm sie heimlich mit fort, um sie zu baden. Dies war für die arme Nancy zu viel. Als ich sie das nächstemal wiedersah, war sie nur noch ein formloser Watteklumpen, den ich überhaupt nicht wiedererkannt haben würde, wären nicht die beiden Glasaugen gewesen, die mich vorwurfsvoll ansahen.

Als der Zug endlich in den Bahnhof von Boston einfuhr, war es, als sei ein schönes Feenmärchen zur Wirklichkeit geworden. Das „es war einmal“ war Gegenwart; das „weite, ferne Land“ war hier.

Kaum waren wir in dem Perkinsschen Blindeninstitut angelangt, als ich auch schon mit den blinden Kindern Freundschaft zu schließen begann. Es freute mich unaussprechlich, zu finden, daß sie das Fingeralphabet verstanden. Wie froh war ich, mich mit anderen Kindern in meiner Sprache unterhalten zu können! Bis dahin war ich wie eine Ausländerin gewesen, die durch Vermittelung eines Dolmetschers spricht. In der Schule, in der Laura Bridgman unterrichtet worden war, befand ich mich in meinem Vaterlande. Es kostete mich einige Zeit, ehe ich mir die Tatsache, daß meine neuen Freunde blind waren, in ihrer Tragweite klarmachte. Ich wußte, ich konnte nicht sehen; aber es erschien mir unmöglich, daß all die munteren, liebenswürdigen Kinder, die um mich herumstanden und in meine Fröhlichkeit von Herzen einstimmten, gleichfalls blind sein sollten. Ich entsinne mich der schmerzlichen Ueberraschung, die ich empfand, als ich bemerkte, daß sie ihre Hände über die meinigen legten, wenn ich mit ihnen sprach, und daß sie in ihren Büchern mit Hilfe der Finger lasen. Obgleich mir dies schon vorher mitgeteilt worden war und obgleich ich mir meines eigenen Verlustes bewußt war, so hatte ich doch in unbestimmter Weise geglaubt, daß, da siehören konnten, sie eine Art von „zweitem Gesicht“ haben müßten, und ich war nicht darauf vorbereitet, zu finden, daß diese Kinder alle derselben köstlichen Gabe wie ich beraubt waren. Aber sie waren so glücklich und zufrieden, daß ich alle Schmerzempfindungen über der Freude vergaß, die mir das Zusammensein mit ihnen gewährte.

Als ich einen Tag in der Gesellschaft der blinden Kinder zugebracht hatte, fühlte ich mich in meiner neuen Umgebung vollständig daheim, und jeder Tag brachte mir eine neue angenehme Erfahrung. Ich konnte mich nicht völlig davon überzeugen, daß es außer Boston noch viel in der Welt gebe, denn ich betrachtete diese Stadt als den Anfang und das Ende der Schöpfung.

Während unseres Aufenthaltes in Boston besuchten wir Bunker Hill und hier erhielt ich meinen ersten Geschichtsunterricht. Die Geschichte von den tapferen Männern, die auf dem Platze, auf dem wir standen, gekämpft hatten, regte mich gewaltig auf. Ich bestieg das Denkmal, wobei ich die Stufen zählte, und fragte mich verwundert, als es immer höher und höher hinauf ging, ob die Soldaten diese große Treppe erstiegen und von hier auf den Feind dort unten geschossen hätten.

Am nächsten Tage fuhren wir nach Plymouth. Es war dies meine erste Seereise und mein erster Ausflug auf einem Dampfer. Wie voll von Leben und Bewegung war das Schiff! Aber das Getöse der Maschine ließ mich glauben, es sei ein Gewitter im Anzuge, und ich begann zu weinen, weil ich fürchtete, wenn es regnete, könnten wir unser Picknick nicht im Freien abhalten. Ich glaube, der große Felsen, an dem die Pilger gelandet waren,[4]interessierte mich mehr als alles übrige in Plymouth. Ich konnte ihn berühren, und vielleichtwar dies der Grund, weswegen mir die Ankunft der Pilger, ihre Beschwerden und ihre Heldentaten so deutlich vor der Seele standen. Ich habe oft ein kleines Modell des Felsens von Plymouth in der Hand gehabt, den mir ein freundlicher Herr in Pilgrim Hall gab, ich habe seine Umrisse, den Spalt in der Mitte und die eingemeißelte Inschrift »1620« befühlt und in meinem Innern alles überdacht, was ich von der wunderbaren Geschichte der Pilger wußte.

Wie erglühte meine kindliche Phantasie bei dem Gedanken an ihr ruhmvolles Unternehmen! Ich idealisierte sie als die tapfersten und hochherzigsten Männer, die jemals in der Fremde eine Heimat gesucht hatten. Ich glaubte, sie hätten die Freiheil ihrer Mitmenschen ebenso wie ihre eigene erstrebt. Ich war peinlich überrascht und arg enttäuscht, als ich einige Jahre später ihre unduldsamen Handlungen kennen lernte, die uns mit Scham erfüllen, selbst wenn wir den Mut und die Tatkraft anerkennen, die uns unser »schönes Land« gegeben haben.

Unter den zahlreichen Freunden, die ich mir in Boston gewann, befanden sich auch Herr William Endicott und seine Tochter. Die Güte, die mir beide erwiesen, war das Saatkorn, aus dem mir viele angenehme Erinnerungen erblüht sind. Eines Tages besuchten wir ihre schöne Villa in Beverly Farms. Ich erinnere mich mit Vergnügen daran, wie ich durch ihren schönen Rosengarten dahinschritt, wie ihre Hunde, der mächtige Leo und der kleine kraushaarige Fritz mit den langen Ohren, sich zu mir gesellten und wie Nimrod, das schnellste aller Pferde, seine Nase in meine Hand streckte, damit ich seinen Hals klopfen und ihm ein Stück Zucker geben sollte. Ebenso erinnere ich mich des Strandes, wo ich zum erstenmale im Sande gespielt hatte. Es war harter, glatter Sand, sehr verschieden von dem losen, scharfen, mit Algen und Muscheln untermischten Sande in Brewster. Herr Endicott erzählte mirvon den großen Schiffen, die aus Boston nach Europa absegelten. Ich sah ihn später noch öfters, und er ist mir stets ein guter Freund gewesen, und ich dachte an ihn, als ich Boston „die Stadt der gütigen Herzen“ nannte.

[4]„Pilger“ oder „Pilgerväter“ hießen die 102 Puritaner, die im Jahre 1620 in Plymouth landeten.

[4]„Pilger“ oder „Pilgerväter“ hießen die 102 Puritaner, die im Jahre 1620 in Plymouth landeten.

[4]„Pilger“ oder „Pilgerväter“ hießen die 102 Puritaner, die im Jahre 1620 in Plymouth landeten.


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