Chapter 31

5. Juni 1887.

Helen interessiert sich sehr für einige kleine Hühnchen, die sich heut morgen ihren Weg in die Welt pickten. Ich gab ihr ein Ei in die Hand und ließ sie fühlen, wie die Hühnchentschip-tschip riefen. Ihr Erstaunen, als sie das zarte Geschöpf im Innern des Eies fühlte, läßt sich nicht in Worte fassen. Die Henne war sehr nett und erhob keinen Einspruch gegen unsere Untersuchungen. Außer den Hühnchen haben wir noch verschiedenen anderen Familienzuwachs erhalten — zwei Kälber, ein Füllen und eine Anzahl komischer kleiner Schweine. Sie würden lachen müssen, wenn Sie mich sähen, wie ich ein quiekendes Ferkel in meinen Armen halte, während Helen es am ganzen Leibe betastet und zahllose Fragen stellt — Fragen, die keineswegs leicht zu beantworten sind. Nachdem sie beobachtet hatte, wie die Hühnchen aus dem Ei kommen, fragte sie:Did baby pig grow in egg?Where are many shells?Helens Kopfumfang beträgt 21½ Zoll, der meinige 22½; Sie sehen, ich bin ihr nur um einen Zoll voraus!

12. Juni 1887.

Das Wetter ist nach wie vor heiß. Helen ist ungefähr dieselbe geblieben — bleich und hager. Doch dürfen Sie nicht glauben, daß sie wirklich krank ist. Ich bin überzeugt, die Hitze und nicht die natürliche, vielversprechende Regsamkeit ihres Geistes ist schuld an ihrem Zustande. Selbstverständlich werde ich ihr Gehirn nicht überbürden. Wir werden tagtäglich von Leuten überlaufen, die bereit sind, die Verantwortlichkeit für die Welt zu übernehmen, wenn sich der liebe Gott eine Versäumnis zuschulden kommen läßt. Sie erklären uns, Helen »strenge sich zu sehr an«, ihr Geist sei zu lebhaft (genau dieselben Leute glaubten noch vor ein paar Monaten, sie besäße überhaupt keinen), und erteilen uns allerhand unmögliche und widersinnige Ratschläge.

Augenblicklich unterweise ich Helen in der Quadratschrift. Die Beschäftigung lenkt sie etwas ab und nötigt sie zum Stillsitzen, was bei dieser erschlaffenden Hitze sehr wünschenswertist. Sie hat eine völlige Manie für das Zählen. Sie hat alles im Hause gezählt und ist jetzt dabei, die Wörter in ihrer Fibel zu zählen. Hoffentlich wird es ihr nicht in den Sinn kommen, die Haare ihres Hauptes zählen zu wollen. Könnte sie sehen und hören, so würde sich ihre überschüssige Energie in einer Weise entladen, die vielleicht ihr Gehirn nicht so übermäßig belasten würde, obgleich ich andererseits glaube, daß auch das normale Kind sein Spiel ziemlich ernst nimmt.

15. Juni 1887.

In der vergangenen Nacht hatten wir ein prächtiges Gewitter, und es ist heut viel kühler. Wir fühlen uns alle erfrischt, als hätten wir eine Dusche genommen. Helen läuft herum wie ein Wiesel. Sie wollte wissen, ob im Himmel geschossen würde, wenn sie den Donner fühlte, und ob die Bäume und Blumen allen Regen auftränken.

Sie kennt jetzt vierhundert Wörter, abgesehen von zahlreichen Eigennamen. Sie kann rasch bis dreißig zählen, und sieben von den Buchstaben der Quadratschrift sowie die Wörter, die sie aus ihnen bilden kann, schreiben... Sie erkennt sofort jeden wieder, mit dem sie einmal zusammengetroffen ist. Im Gegensatze zu Laura Bridgman liebt sie Herrengesellschaft, und wir bemerken, daß sie sich leichter mit Herren befreundet als mit Damen.

Sie ist stets bereit, alles, was sie hat, mit ihrer Umgebung zu teilen, wobei oft nur sehr wenig für sie selbst übrig bleibt. Sie hält sehr auf ihre Kleidung, liebt sich zu putzen und ist ganz untröstlich, wenn sie ein Loch in einem Kleidungsstück entdeckt. Abends will sie durchaus ihre Haare zu Locken gedreht haben, selbst wenn sie so müde ist, daß sie kaum stehen kann.

3. Juli 1887.

Heute früh entstand ein großer Lärm unten im Erdgeschoß. Ich hörte Helen schreien und eilte hinunter, um zu sehen, was der Grund davon war. Ich fand sie in fürchterlicher Aufregung. Ich hatte gehofft, ein solcher Auftritt würde sich nie wieder ereignen. Sie war die letzten zwei Monate so artig und folgsam gewesen, daß ich glaubte, ich hätte den Leuen gebändigt, aber er schien nur geschlummert zu haben. Jedenfalls zauste, kratzte und biß sie jetzt Viney wie eine wilde Katze. Es scheint, als habe die Dienerin den Versuch gemacht, Helen ein Glas, das diese mit Steinen füllte, wegzunehmen, aus Furcht, sie könne es zerbrechen. Helen widersetzte sich; Viney versuchte, es ihr mit Gewalt aus der Hand zu reißen, und ich fürchte, sie hat das Kind geschlagen oder sonst etwas getan, was diesen außergewöhnlichen Wutausbruch veranlaßte. Als ich Helen bei der Hand nahm, begann sie zu weinen. Ich fragte sie, was geschehen sei, und sie buchstabierte:Viney—badund begann sie mit erneuter Heftigkeit zu schlagen und mit den Füßen zu stoßen. Ich hielt ihr die Hände fest, bis sie sich beruhigt hatte.

Später kam Helen zu mir ins Zimmer; sie sah sehr traurig aus und wollte mich küssen. Ich antwortete: „I cannot kiss naughty girl,“ worauf sie buchstabierte: „Helen is good, Viney is bad.“ — Ich erwiderte: „Du hast Viney gestoßen und getreten und ihr weh getan. Du bist sehr unartig gewesen und ich kann unartiges Mädchen nicht küssen.“ — Sie stand einen Augenblick ganz still, und man sah es, daß in ihrem Innern ein Kampf vor sich ging. Dann versetzte sie:Helen did (does) not love teacher. Helen do love mother. Mother will whip Viney.“ Ich sagte ihr, sie täte besser, nicht mehr über den Vorfall zu sprechen oder an ihn zu denken. Sie erkannte, daß ich sehr betrübt war, und wollte sich an mich anschmiegen;ich hielt es aber für das beste, ihr einen besonderen Platz anzuweisen. Bei Tisch war sie sehr bekümmert, daß ich nicht aß, und machte den Vorschlag, die Köchin solle Tee für mich bereiten. Aber ich sagte ihr, mein Herz sei traurig, und ich hätte keine Lust zu essen. Sie begann zu weinen und zu schluchzen und klammerte sich an mich an.

Sie war sehr aufgeregt, als wir nach oben gingen, und ich versuchte daher, ihre Aufmerksamkeit auf ein sonderbares Tier, ein Gespensterkrebschen (stick-bug), zu lenken. Es ist dies das sonderbarste Geschöpf, das ich je gesehen habe — ein kleines Reisigbündel, das in der Mitte zusammengeschnürt ist. Ich wollte nicht glauben, daß es lebendig wäre, bis ich es sich bewegen sah. Und selbst dann glich es eher einem mechanischen Spielzeug als einem lebenden Wesen. Aber Helen, das arme, kleine Ding, konnte ihre Aufmerksamkeit nicht konzentrieren. Ihr Herzchen war voller Betrübnis und sie wollte darüber sprechen. Sie fragte: „Can bug know about naughty girl? Is bug verv happy?“ Dann schlang sie ihre Arme um meinen Hals und sagte: „I am good to-morrow. Helen is good all days.“ — „Willst du Viney sagen, daß es dir leid tut, daß du sie gekratzt und mit den Füßen gestoßen hast?“ — Sie lächelte und antwortete: „Viney not spell words.“ — „Ich will Viney sagen, daß es dir sehr leid tut. Willst du mit mir gehen und Viney suchen?“ — Sie war dazu bereit und ließ sich von Viney küssen, obgleich sie ihre Liebkosungen nicht erwiderte. Seitdem ist sie außergewöhnlich sanft, und über ihre Züge ist eine Lieblichkeit — eine Seelenschönheit ausgegossen, die ich bisher an ihr nicht wahrgenommen habe.

31. Juli 1887.

Helen schreibt mit Bleistift schon ganz vorzüglich. Ich lehre sie das Braille-Alphabet, und sie ist ganz entzückt darüber,daß sie imstande ist, Wörter herzustellen, die sie selbst fühlen kann.

Ihre Entwickelung ist jetzt soweit vorgeschritten, daß sie nach allem fragt. Was? warum? wann?, namentlich warum? — so geht es den ganzen Tag über, und je mehr ihre Intelligenz wächst, desto dringender werden ihre Fragen. Ich entsinne mich, wie lästig ich immer das ewige Fragen der Kinder meiner Bekannten fand, aber jetzt weiß ich, daß diese Fragen von dem zunehmenden Interesse des Kindes an den Ursachen der Dinge herrühren. Das »Warum« ist das Tor, durch das es die Welt des Denkens und der Ueberlegung betritt.How does carpenter know to build house? Who put chickens in eggs? Why is Viney black? Flies bite — why? Can flies know not to bite? Why did father kill sheep?Natürlich stellt sie viele Fragen, die nicht so verständig sind wie diese. Ihr Denken geht nicht logischer vor sich als das von Durchschnittskindern. Im ganzen gleichen ihre Fragen denen, die ein aufgewecktes Kind von drei Jahren stellt; aber ihre Wißbegierde ist äußerst groß, — ihre Fragen fallen nie lästig, obgleich sie mein geringes Maß von Kenntnissen und meinen Scharfsinn auf eine harte Probe stellen.

Vorigen Sonntag bekam ich einen Brief von Laura [Bridgman]. Sagen Sie ihr, bitte, meinen herzlichsten Dank dafür, und teilen Sie ihr mit, daß Helen ihr einen Kuß schickt. Ich las den Brief beim Abendessen, und Frau Keller rief aus: Sie sehen, Fräulein Annie, Helen schreibt schon jetzt beinahe ebensogut! — Es ist wahr.

21. August 1887.

Wir haben eine herrliche Zeit in Huntsville verlebt. Jedermann war über Helen entzückt und überschüttete sie mit Geschenken und Küssen. Am ersten Abend lernte sie die Namen aller Leute im Hotel, gegen zwanzig, glaube ich. Am nächsten Morgen waren wir erstaunt, zu finden, daß sie sich ihrer allererinnerte und jeden einzelnen, mit dem sie am Abend zuvor zusammengetroffen war, wiedererkannte. Sie lehrte die Kinder das Alphabet, und mehrere von ihnen lernten mit ihr sprechen. Eines der Mädchen lehrte sie Polka tanzen, und ein kleiner Knabe zeigte ihr seine Kaninchen und buchstabierte ihr deren Namen in die Hand. Sie war ganz entzückt darüber und gab ihrer Freude dadurch Ausdruck, daß sie den kleinen Burschen herzte und küßte, was ihn in große Verlegenheit setzte.

Seit ihrer Rückkehr spricht sie unaufhörlich von ihren Erlebnissen in Huntsville, und wir bemerken einen ganz entschiedenen Fortschritt in der Geläufigkeit, mit der sie spricht. Seltsamerweise scheint ein Ausflug auf den Gipfel des Monte Sano, eines schönen Berges nicht weit von Huntsville, auf sie einen tieferen Eindruck gemacht zu haben als alles übrige. Sie erinnert sich an alles, was ich ihr darüber mitgeteilt habe, und wiederholte, als sie ihrer Mutter davon erzählte, genau die Worte und Redewendungen, die ich in meiner Beschreibung gebraucht hatte. Zum Schluß fragte sie ihre Mutter, ob sie auch gernvery high mountain and beautiful cloud-capssehen wolle. Ich hatte diesen letzteren Ausdruck (»Wolkenmützen«) nicht gebraucht, und sagte ihr nun: Die Wolken berühren die Berge sanft wie schöne Blumen. — Sie sehen, ich mußte Worte und Bilder gebrauchen, mit denen sie durch den Gefühlssinn vertraut war. Aber es erscheint kaum möglich, daß bloße Worte jemand, der nie einen Berg gesehen hat, auch nur den leisesten Begriff von dessen Höhe verschaffen können, und ich kann nicht absehen, wie jemand imstande sein sollte, zu wissen, welcher Art der Eindruck war, den sie erhalten hatte, oder worauf das Vergnügen beruhte, das sie empfand, als ihr davon erzählt wurde. Alles, was wir wissen, ist nur, daß sie ein gutes Gedächtnis, eine lebhafte Phantasie und Assoziationsvermögen besitzt.

28. August 1887.

Ich wünschte, es würde nichts Neues mehr geboren. Kleine Hunde, kleine Kälber und kleine Kinder erhalten Helens Interesse an dem »Warum« und »Wozu« der Dinge auf dem Siedepunkte. Die eines Tages erfolgte Ankunft eines neugeborenen Kindes in Ivy Green bot Gelegenheit zu einer Unmenge von Fragen über die Herkunft der Kinder und der lebenden Wesen im allgemeinen.Where did Leila get new baby? How did doctor know where to find baby? Did Leila tell doctor to get very small new baby? Where did doctor find Guy and Prince(Hündchen)?Why is Elizabeth Evelyn’s sister?u. s. w., u. s. w. Diese Fragen wurden zuweilen peinlich, und es war mir klar, daß irgend etwas geschehen müsse. War es für Helen natürlich, solche Fragen zu stellen, so war es meine Pflicht, sie zu beantworten. Es ist meines Erachtens ein großer Fehler, Kinder mit falschen Angaben und Unsinn abzuspeisen, wenn ihr zunehmendes Beobachtungs- und Unterscheidungsvermögen in ihnen den Wunsch rege macht, Auskunft über gewisse Dinge zu erhalten. Von Anfang an hatte ich es mir zum Prinzip gemacht, alle Fragen Helens nach meinem besten Wissen in einer ihr verständlichen Weise und dabei wahrheitsgemäß zu beantworten. Warum sollte ich diese Fragen abweichend behandeln? fragte ich mich. Ich konnte, abgesehen von meiner kläglichen Unwissenheit in betreff der großen Tatsachen, auf welchen unsere physische Existenz beruht, keinen Grund dafür erblicken. Es gibt in dieser weltabgeschiedenen Gegend keine lebende Seele, die ich hierbei oder bei einer anderen pädagogischen Schwierigkeit um Rat fragen könnte. Das einzige, was ich in solchen Fällen tun kann, ist frisch darauf loszugehen und aus meinen Mißgriffen zu lernen. Aber hier glaube ich keinen Mißgriff begangen zu haben. Ich nahm Helen und mein botanisches Lehrbuch mit auf den Baumhinauf, auf dem wir oft lesen und studieren, und erzählte ihr in einfachen Worten die Geschichte des Pflanzenlebens. Ich erinnerte sie an das Getreide, die Bohnen, die Wassermelonenkerne, die sie im Frühjahr eingepflanzt hatte, und sagte ihr, daß das hohe Korn im Garten, die Bohnen und die Wassermelonenranken aus diesen Samenkörnern entstanden seien. Ich erklärte ihr, wie die Erde die Samenkörner warm und feucht erhält, bis die kleinen Blättchen stark genug sind, um sich an das Licht und an die Luft zu drängen, wo sie atmen und wachsen und blühen und weitere Samenkörner hervorbringen, aus denen wiederum andere Pflanzen, ihre Kinder, emporwachsen. Ich zog einen Vergleich zwischen dem Pflanzen- und dem Tierleben und sagte ihr, die Samenkörner seien genau solche Eier wie die Hühnereier und Vogeleier, die die Mutterhenne warm und trocken erhält, bis die kleinen Hühnchen ausschlüpfen. Ich machte ihr verständlich, daß alles Leben aus einem Ei komme. Die Vogelmutter legt ihre Eier in ein Nest und hält sie warm, bis die kleinen Vögelchen auskriechen. Die Fischmutter legt ihre Eier dorthin, wo sie feucht und sicher sind, bis die kleinen Fische ausschlüpfen. Ich erklärte ihr, sie könne das Ei als die Wiege des Lebens bezeichnen. Dann erzählte ich ihr, daß andere lebende Wesen wie der Hund und die Kuh und auch die Menschen ihre Eier nicht legten, sondern ihre Kinder in ihrem eigenen Leibe ernährten. Ich hatte keine Schwierigkeit, ihr klarzumachen, daß, wenn Pflanzen und Tiere nicht Nachkommen derselben Art hervorbrächten, sie bald aufhören würden zu existieren und daß dann bald alles in der Welt aussterben würde. Ueber die geschlechtlichen Funktionen ging ich so leicht wie möglich hinweg. Ich suchte ihr jedoch einen Begriff davon zu geben, daß die Liebe die große Fortpflanzerin des Lebens sei. Das Thema war schwierig und mein Wissen unzulänglich; aber ich freue mich, vor meiner Verantwortungnicht zurückgeschreckt zu sein, denn so stockend und unzureichend meine Erklärung auch gewesen sein mag, sie berührte verwandte Saiten in der Seele meines kleinen Zöglings, und die Leichtigkeit, mit der Helen die großen Tatsachen des physischen Lebens begriff, bestärkte mich in der Meinung, daß im Kinde bei seiner Geburt die gesamten Erfahrungen des Menschengeschlechts schlummernd vorhanden sind. Diese Erfahrungen sind wie photographische Negativs, bis die Sprache sie entwickelt und die Erinnerungsbilder hervorbringt.

4. September 1887.

Helen bekam heute morgen einen Brief von ihrem Onkel, demDr.Keller. Er lud sie ein, ihn einmal in Hot Springs zu besuchen. Der Name Hot Springs interessierte sie, und sie stellte mehrere Fragen, die darauf Bezug hatten. Sie kannte kalte Quellen, deren es mehrere in der Nähe von Tuscumbia gibt; unter ihnen befindet sich eine sehr starke, von der die Stadt ihren Namen hat. Tuscumbia bedeutet in der Sprache der Indianer »Starker Quell«. Aber sie war darüber erstaunt, daß heißes Wasser aus der Erde kommen sollte. Sie wünschte zu wissen, wer unter der Erde Feuer angemacht habe, ob es wie das Feuer in den Oefen sei und ob es die Wurzeln der Pflanzen und Bäume verbrenne.

Sie war über den Brief sehr erfreut, und nachdem sie alle erdenklichen Fragen an mich gerichtet hatte, nahm sie ihn mit zu ihrer Mutter, die nähend in der Vorhalle des Hauses saß, und las ihn ihr vor. Es war spaßhaft, sie zu sehen, wie sie den Brief vor ihre Augen hielt und die Sätze mit ihren Fingern herbuchstabierte, genau wie ich es getan hatte. Später versuchte sie ihn Belle (dem Hunde) und Mildred vorzulesen. Frau Keller und ich beobachteten diese Bemutterungskomödie von der Tür aus. Belle war schläfrig und Mildred unaufmerksam. Helensah sehr ernst aus und zog ein paarmal, wenn Mildred versuchte, ihr den Brief wegzunehmen, die Hand ungeduldig zurück. Endlich stand Belle auf, schüttelte sich und wollte fortgehen, aber Helen packte sie am Nacken und nötigte sie, sich wieder hinzulegen. Inzwischen hatte Mildred den Brief ergriffen und kroch mit ihm davon. Helen fühlte auf dem Fußboden nach ihm; als sie ihn aber nicht fand, hatte sie augenscheinlich Mildred im Verdacht; denn sie stieß den leisen Ton aus, mit dem sie ihr Schwesterchen zu rufen pflegt. Dann erhob sie sich und stand eine Weile ganz still, als lausche sie mit ihren Füßen auf Mildreds »tapp, tapp«. Als sie erkannt hatte, aus welcher Richtung das Geräusch kam, eilte sie rasch auf die kleine Uebeltäterin zu und fand sie, wie sie an dem kostbaren Briefe herumkaute! Das war zuviel für Helen. Sie riß ihr den Brief weg und schlug ihr auf die Händchen, daß es nur so klatschte. Frau Keller nahm das Kind auf den Arm, und als es ihr gelungen war, es zu beruhigen, fragte ich Helen: Was hast du Baby getan? Sie sah ganz verlegen aus und zögerte einen Augenblick mit der Antwort. Dann sagte sie:Wrong girl did eat letter. Helen did slap very wrong girl.Ich erwiderte ihr, Mildred sei noch sehr klein und wisse nicht, daß es unrecht sei, den Brief in den Mund zu stecken.

I did tell baby, no, no, much times, lautete Helens Antwort.

Ich entgegnete: Mildred versteht deine Finger nicht, und wir müssen sehr liebevoll mit ihr sein.

Sie schüttelte den Kopf.Baby — not think. Helen will give baby pretty letter, und damit lief sie die Treppe hinauf und brachte einen sauber zusammengefalteten Braillebogen mit, auf den sie einige Worte geschrieben hatte, und gab ihn Mildred mit den Worten:Baby can eat all words.

18. September 1887

Helen ist ein wunderbares Kind. Ich habe mir alles aufgezeichnet, was sie in der vergangenen Woche gesagt hat, und dabei gefunden, daß sie über sechshundert Wörter kennt. Damit soll jedoch nicht gesagt sein, daß sie sie stets richtig gebraucht. Mitunter zeigt sich in ihren Sätzen ein vollständiger Wirrwarr, aber dieser findet sich bei allen Kindern, wenn sie den Versuch machen, ihre halbfertigen Vorstellungen mit Hilfe willkürlicher Sprachformen auszudrücken. Sie besitzt den richtigen Sprachtrieb und zeigt große Gewandtheit bei dem Anpassen des Ausdrucks an ihre Gedanken.

In der letzten Zeit hat sie großes Interesse an Farben bewiesen. Sie fand in ihrem Lesebuche das Wort »brown« und wollte seine Bedeutung wissen. Ich sagte ihr, ihr Haar sei braun, worauf sie fragte:Is brown verv pretty?Nachdem wir im ganzen Hause umhergegangen waren und ich ihr die Farbe jedes Gegenstandes, den sie berührte, angegeben hatte, schlug sie vor, nach den Hühnerställen und den Scheunen zu gehen; ich sagte ihr jedoch, sie müsse bis morgen warten, ich sei sehr müde. Wir saßen in der Hängematte; aber für die Ermüdete war hier an kein Ausruhen zu denken. Helen wollte durchaus »more colour« kennen lernen. Ich möchte gern wissen, ob sie eine unbestimmte Vorstellung von Farben — einen Erinnerungseindruck von Licht und Ton besitzt. Es scheint, als müsse ein Kind, das bis zu seinem neunzehnten Monat sehen und hören konnte, etwas von seinen ersten Eindrücken zurückbehalten haben, und sei dies auf noch so undeutliche Weise. Helen spricht viel von Dingen, die sie durch das Gefühl nicht hat wahrnehmen können. Sie stellt viele Fragen über den Himmel, Tag und Nacht, das Meer und die Berge. Sie hat es gern, wenn ich ihr mitteile, was ich auf Bildern sehe.

Aber ich scheine den Faden meiner Erzählung verloren zu haben.What colour is think?lautete eine der rastlosen Fragen, die sie an mich richtete, während wir uns in der Hängematte hin- und herschaukelten. Ich sagte ihr: Wenn wir froh sind, so sind unsere Gedanken heiter; sind wir aber unartig, so sind sie traurig. Rasch wie der Blitz antwortete sie:My think is white, Viney’s think is black. Sie sehen, sie glaubte, die Farbe unserer Gedanken entspräche unserer Hautfarbe.

3. Oktober 1887.

Ich hoffe, die kleinen Mädchen werden sich über Helens Brief[25]freuen. Sie hat ihn ganz allein geschrieben.

Sie spricht viel über das, was wir tun werden, wenn sie nach Boston geht. Eines Tages fragte sie:Who made all things and Boston?Sie sagt, Mildred würde nicht mitgehen, weilbaby does cry all days.

25. Oktober 1887.

Helen hat gestern einen zweiten Brief an die kleinen Mädchen geschrieben,[26]und ihr Vater hat ihn an Herrn Anagnos geschickt. Sie hat jetzt begonnen, die Pronomina aus eigenem Antriebe anzuwenden. Heute früh sagte ich zu ihr:Helen will go upstairs. Sie lachte und antwortete:Teacher is wrong. You will go upstairs.Dies ist ein weiterer großer Fortschritt. So ist es stets. Was ihr gestern Mühe machte, fällt ihr heut äußerst leicht, und die Schwierigkeiten von heut sind morgen ein überwundener Standpunkt.

Es ist ein Genuß, die rasche Entwickelung von Helens Geist zu beobachten. Ich zweifle daran, ob irgend ein Lehrer jemals eine Aufgabe vor sich hatte, die sein Interesse so ausschließlich in Anspruch nahm. Es muß mir bei meiner Geburt ein glücklicher Stern geleuchtet haben, und ich beginne jetzt seinen wohltätigen Einfluß zu empfinden.

Oktober 1887.

Bevor dieser Brief in Ihre Hände gelangt, haben Sie wahrscheinlich schon Helens zweiten Brief an die kleinen Mädchen gelesen. Ich weiß es, der Fortschritt, den sie in der zwischen den beiden Briefen liegenden Zeit gemacht hat, muß unglaublich erscheinen. Nur wer täglich mit ihr verkehrt, kann sich eine Vorstellung von den raschen Fortschritten bilden, die sie in der Beherrschung der Sprache macht. Sie werden aus ihrem Briefe entnehmen, daß sie viele Pronomina ganz richtig gebraucht. In der Unterhaltung gebraucht sie selten eins falsch oder läßt es aus. Ihre Leidenschaft, Briefe zu schreiben und ihre Gedanken auf das Papier zu werfen, wird von Tag zu Tage stärker. Sie erzählt jetzt Geschichten, in denen die Phantasie eine bedeutende Rolle spielt. Ebenso beginnt sie jetzt einzusehen, daß sie nicht wie andere Kinder ist. Eines Tages fragte sie:What do my eyes do?Ich sagte ihr, ich könne die Gegenstände mit meinen Augen sehen und sie mit ihren Fingern.

Nachdem sie einen Augenblick nachgedacht hatte, entgegnete sie:My eyes are bad!dann verbesserte sie dies inmy eyes are sick.

Einige interessante Ergänzungen zu den Briefen finden sich in dem von Fräulein Sullivan für den offiziellen Jahresbericht des Perkinsschen Instituts für 1887 verfaßten zusammenhängenden Ueberblick über Helens bisherige Entwickelung. Nach Erwähnung der Szene am Brunnen (s. oben S. 225) heißt es weiter:

Demnächst kamen die örtlichen Präpositionen an die Reihe. Helens Kleid wurdeineine Truhe gelegt und dannaufdiese,und ich buchstabierte ihr dann diese Präpositionen in die Hand. Den Unterschied zwischeninundonlernte sie sehr bald, obgleich es einige Zeit dauerte, ehe sie diese Wörter in selbständig gebildeten Sätzen gebrauchen konnte. Wenn es irgend möglich war, führte sie die Lektion mimisch durch; und es machte ihr großes Vergnügen,aufdem Stuhle zu stehen oderinden Kleiderschrank gestellt zu werden. In Verbindung mit dieser Lektion lernte sie die Namen der Familienmitglieder und das Wortis.Helen is in wardrobe, Mildred is in crib, Box is on table, Papa is on bedsind Beispiele von Sätzen, die von ihr Ende April gebildet wurden.

Nunmehr folgte eine Lektion über Adjectiva. Ich nahm einen großen, weichen Ball aus Wolle und eine Bleikugel. Helen begriff den Größenunterschied sofort. Als sie die Kugel in die Hand nahm, machte sie ihr gewöhnliches Zeichen für klein (s.S. 229); dann nahm sie einen wollenen Ball und machte das Zeichen für groß. Ich setzte die Adjectivalargeundsmallan die Stelle dieser Zeichen. Dann wurde ihre Aufmerksamkeit auf die Härte der Kugel und die Weichheit des Balles gelenkt, und sie lernte die Adjectivasoftundhard. Ein paar Minuten später befühlte sie den Kopf ihrer kleinen Schwester und sagte zu ihrer Mutter:Mildred’s head is small and hard.Demnächst suchte ich ihr den Unterschied zwischen »schnell« und »langsam« klarzumachen. Sie half mir eines Tages Wolle wickeln, zuerst rasch und dann langsam. Dann sagte ich zu ihr mittels des Fingeralphabets:Wind fastoderwind slow, indem ich ihr dabei die Hände hielt und zeigte, wie sie es machen sollte. Am nächsten Tage buchstabierte sie mir während der Turnübungen in die Hand:Helen wind fastund begann rasch zu gehen. Dann sagte sie:Helen wind slowund paßte ihre Bewegungen wiederum den Worten an.

Ich hielt nun die Zeit für gekommen, sie gedruckte Wörter lesen zu lehren. Ein Pappstreifen, auf dem in erhöhten Buchstaben das Wortboxgedruckt war, wurde auf den betreffenden Gegenstand gelegt und derselbe Versuch bei einer großen Menge anderer Dinge wiederholt; aber Helen begriff nicht sofort, daß das auf den Gegenstand gelegte Wort diesen selbst bezeichne. Dann nahm ich einen Bogen mit dem Alphabet und legte ihren Finger auf den BuchstabenA, indem ich zugleich mit meinen Fingern ihrAin die Hand buchstabierte. Sie bewegte ihren Finger von einem gedruckten Buchstaben zum anderen, sowie ich ihr den einzelnen Buchstaben in die Hand buchstabierte. Sie lernte alle Buchstaben, große und kleine, an einem Tage. Dann nahm ich die erste Seite der Fibel vor und ließ sie das Wortcatbefühlen, indem ich es ihr zu gleicher Zeit mit meinen Fingern zubuchstabierte. Sie verstand mich sofort und bat michdogund viele andere Wörter aufzusuchen. Auch war sie sehr enttäuscht, weil ich ihren Namen in dem Buche nicht finden konnte. Damals hatte ich noch keine Sätze in Hochdruck, die sie hätte verstehen können; aber sie konnte stundenlang dasitzen und jedes Wort in ihrem Buche befühlen. Stieß sie auf eines, das ihr bekannt war, so nahm ihr Gesicht einen wahrhaft strahlenden Ausdruck an, und ihre Züge wurden von Tag zu Tag sanfter und ernster. Um diese Zeit sandte ich ein Verzeichnis der ihr bekannten Wörter an Herrn Anagnos, und er hatte die große Güte, sie für Helen in Hochdruck herzustellen. Frau Keller und ich schnitten mehrere Bogen mit gedruckten Wörtern auseinander, sodaß Helen die Wörter zu Sätzen aneinanderreihen konnte. Dies machte ihr mehr Vergnügen als alles, was sie bisher getan hatte, und die so gewonnene Uebung erleichterte ihr das Erlernen des Schreibens. Es hielt nicht schwer, ihr klarzumachen, daß sie dieselben Sätze, die sie jeden Tag mit Hilfe der Pappstreifen bildete, auch mit Bleistift aufPapier schreiben könne, und sie begriff sehr bald, daß sie sich nicht auf die schon erlernten Redewendungen zu beschränken brauche, sondern jeden Gedanken, der ihr durch den Kopf ging, damit ausdrücken könne. Ich legte ihr eine von den Schreibtafeln, wie sie von den Blinden benutzt werden, zwischen die Bogen Papier auf dem Tische und ließ sie ein Alphabet der quadratischen Buchstaben, wie sie sie schreiben konnte, befühlen. Dann führte ich ihr die Hand und half ihr den Satz bilden:Cat does drink milk.Als die damit fertig war, war sie überglücklich und brachte ihn freudestrahlend ihrer Mutter, die ihn ihr in die Hand buchstabierte.

Tag für Tag bewegte sie nun ihren Bleistift in denselben vorgezeichneten Linien auf dem Papier entlang, ohne auch nur einen Augenblick die geringste Ungeduld oder Ermüdung zu verraten.

Da sie nunmehr gelernt hatte, ihre Gedanken schriftlich auszudrücken, unterrichtete ich sie in der Brailleschrift. Das Erlernen des Systems machte ihr Freude, da sie bald entdeckte, sie könne jetzt selbst lesen, was sie geschrieben habe. Ganze Abende kann sie still am Tische sitzen und niederschreiben, was ihr in das lebhaft arbeitende Gehirn kommt, und es fällt mir selten schwer, zu lesen, was sie geschrieben hat.

Ihre Fortschritte im Rechnen sind gleichfalls bedeutend. Sie kann mit großer Schnelligkeit bis zur Summe von hundert addieren und subtrahieren, und in der Multiplikation kennt sie das Einmaleins bis zur Fünferreihe. Kürzlich beschäftigte sie sich mit der Zahl vierzig; als ich zu ihr sagte: Dividiere sie durch zwei, antwortete sie unverzüglich: zwanzigmal zwei ist vierzig. Später sagte ich: Nimm drei fünfzehnmal und zähle, was herauskommt. Ich wünschte, sie sollte Gruppen von je drei Steinen bilden und glaubte, sie würde sie dann zählen müssen, um herauszubekommen, wieviel fünfzehnmal drei ist.Aber sie buchstabierte mir sofort die Antwort zu: Fünfzehnmal drei ist fünfundvierzig.

Als ihr einmal gesagt wurde, sie sei weiß und eine der Dienerinnen schwarz, folgerte sie, daß alle, die eine ähnliche Lebensstellung innehätten, von derselben Farbe seien, und wenn sie nach der Farbe eines Dienstboten gefragt wurde, antwortete sie stets: schwarz. Als die einmal nach der Farbe jemandes gefragt wurde, dessen Stand ihr unbekannt war, schien sie nicht recht zu wissen, was sie sagen sollte, und entgegnete endlich: blau.

Obgleich ihr niemals etwas vom Tode oder vom Begräbnis gesagt worden war, so legte sie doch, als sie zum erstenmal in ihrem Leben mit ihrer Mutter und mir einen Kirchhof betrat, auf dem wir uns die Blumen ansehen wollten, ihre Hand auf unsere Augen und buchstabierte wiederholt:Cry—cry.Ihre Augen füllten sich in der Tat mit Tränen. Die Blumen schienen ihr keine Freude zu machen, und sie war ganz still, während wir dort blieben.

Als sie bei einer anderen Gelegenheit mit mir spazieren ging, schien sie sich der Anwesenheit ihres Bruders bewußt zu sein, obgleich wir noch weit von ihm entfernt waren. Sie buchstabierte mir wiederholt seinen Namen in die Hand und lief nach der Richtung, aus der er kam.

Beim Spazierengehen oder Reiten gibt sie oft die Namen der Personen, denen wir begegnen, sofort an, sobald wir sie bemerken.

13. November 1887.

Wir nahmen Helen mit in den Zirkus und verlebten ein paar köstliche Stunden! Das Zirkuspersonal interessierte sich sehr für Helen und tat alles, was in seinen Kräften stand, um ihr ihren ersten Zirkusbesuch zu einem denkwürdigen Ereigniszu machten. Sie durfte die Tiere berühren, wenn dies ohne Gefahr geschehen konnte. Sie fütterte die Elefanten, kletterte auf den Rücken des größten von ihnen und setzte sich auf den Schoß der »orientalischen Prinzessin«, während der Elefant majestätisch im Kreise herumschritt. Sie betastete einige junge Löwen. Sie waren so niedlich wie Kätzchen, aber ich sagte ihr, sie würden wild und grimmig, wenn sie älter würden. Sie sagte zu dem Wärter:I will take the baby lions home and teach them to be mild.Der Bärenwärter ließ einen seiner riesigen schwarzen Pflegebefohlenen sich auf die Hinterfüße aufrichten und uns seine mächtige Tatze entgegenstrecken, die Helen höflich schüttelte. An den Affen hatte sie ihre helle Freude, sie legte ihre Hand auf den Hauptdarsteller, während er seine Kunststücke machte, und lachte herzlich, als er seinen Hut vor dem Publikum abnahm. Ein kleiner schlauer Bursche stahl ihr das Haarband, und ein andrer suchte ihr die Blumen vom Hute zu reißen. Ich weiß nicht, wer sich köstlicher amüsierte, die Affen, Helen oder die Zuschauer. Einer der Leoparden leckte ihr die Hände, und der Giraffenwärter hob sie in seinen Armen so hoch empor, daß sie die Ohren der Tiere anfassen und sehen konnte, wie groß die Giraffen selbst waren. Sie betastete auch einen griechischen Streitwagen, und der Lenker würde sie gern in der Arena herumgefahren haben, aber sie fürchtete sich vor den vielen schnellen Pferden. Die Kunstreiter, Clowns und Seiltänzer freuten sich alle, wenn das kleine blinde Mädchen ihre Kostüme befühlte und ihren Bewegungen mit den Händen folgte, sofern dies möglich war, und sie küßte sie alle, um ihnen ihre Dankbarkeit zu zeigen. Einige von ihnen weinten, und sogar der Menschenfresser aus Borneo war gerührt von ihrem lieblichen Gesichtchen. Seitdem hat sie von nichts anderem gesprochen als vom Zirkus. Um ihre Fragen zu beantworten, war ich genötigt, viel über Tiere zu lesen.

12. Dezember 1887.

Ich kann mir kaum vorstellen, daß Weihnachten vor der Türe steht, trotzdem Helen von nichts anderem spricht. Wissen Sie noch, wie glücklich wir das Fest voriges Jahr verlebten?

Helen kennt jetzt die Zeiteinteilung, und ihr Vater will ihr eine Uhr zu Weihnachten schenken.

Wie jedes hörende Kind, das ich kenne, wünscht auch Helen fortwährend, daß man ihr Geschichten erzähle. Ich habe ihr die Geschichte von dem kleinen Rotkäppchen so oft erzählen müssen, daß ich fast glaube, ich könnte sie von rückwärts her aufsagen. Sie liebt Geschichten, über die sie weinen muß — ich glaube, es geht uns allen so — es ist so angenehm, sich traurig zu fühlen, wenn man keinen besonderen Grund hat, traurig zu sein. Ebenso lehre ich Helen kleine Gedichte und Verschen. Sie prägen ihrem Gedächtnis Gedanken in schöner Form ein. Auch glaube ich, daß sie die Entwickelung aller Anlagen des Kindes fördern, weil sie die Phantasie anregen. Natürlich lasse ich mich nicht darauf ein, alles zu erklären. Wenn ich es täte, würde kein Raum für das freie Spiel der Phantasie bleiben. Zuweit gehende Erläuterungen lenken die Aufmerksamkeit des Kindes auf Wörter und Sätze, sodaß es ihm unmöglich wird, den Gedankengang im ganzen aufzufassen.

1. Januar 1888.

Es ist etwas Großes, das Bewußtsein zu haben, daß man einigen Nutzen auf der Welt stiftet, daß man jemand notwendig ist. Der Umstand, daß die Sorge für Helen fast in jeder Hinsicht auf mir allein ruht, macht mich stark und glücklich.

Die Weihnachtswoche war auch hier eine sehr geschäftige. Helen ist zu allen Kindergesellschaften eingeladen, und ich begleite sie zu so vielen, wie ich irgend kann. Ich wünsche, daß sie Kinder kennen lernt und möglichst viel mit ihnen verkehrt. Verschiedene kleine Mädchen haben das Buchstabieren mit den Fingern erlernt und sind sehr stolz auf ihre Leistung.

Sonnabend begann es nach dem Mittagessen zu schneien; wir machten einen fröhlichen Spaziergang durch den Garten und sprachen viel über den Schnee. Sonntag morgen war die ganze Gegend verschneit, und Helen, die Kinder der Köchin und ich warfen uns mit Schneebällen. Nachmittags war alles geschmolzen. Es war der erste Schnee, den ich hier gesehen habe, und er erregte mir etwas Heimweh. Die Weihnachtszeit hat Stoff zu vielen Lektionen geliefert und Helens Wortschatz um eine große Menge neuer Ausdrücke bereichert.

Wochenlang taten wir nichts, als daß wir über Weihnachten sprachen, lasen und Geschichten erzählten. Natürlich mache ich keinen Versuch, sämtliche neuen Wörter zu erklären; auch versteht Helen die kleinen Geschichten, die ich ihr erzähle, nicht ganz; aber die beständige Wiederholung prägt die Wörter und Sätze dem Gedächtnis ein, und nach und nach wird ihr der Sinn schon klar werden. Meines Erachtens ist es widersinnig, zum Zwecke des Erlernens der Sprache »Konversation« zu treiben. Dies wirkt auf Schüler und Lehrer gleich verdummend und geisttötend. Das Sprechen soll natürlich vor sich gehen und dem Gedankenaustausch dienen. Hat das Kind aus sich selbst nichts mitzuteilen, so erscheint es nicht der Mühe wert, von ihm zu verlangen, es solle abgerissene trockene Sätze über »die Katze«, »den Vogel«, »einen Hund« an die Wandtafel schreiben oder mit seinen Fingern abbuchstabieren. Es ist von Anfang an mein Bestreben gewesen, mit Helen persönlich zu sprechen und sie anzuhalten, mir nur das zu erzählen, was sie wirklich interessiert, und Fragen nur zu dem Zwecke zu stellen, um zu erfahren, was sie wirklich zu wissen wünscht. Wenn ich bemerke, daß sie mir gern etwas erzählen möchte, daß ihr aber die nötigen Worte dazu fehlen, so ergänze ichdas Nötige, und so gelangen wir vollständig zu unserem Ziele. Helens Eifer und Interesse helfen ihr über viele Hindernisse hinweg, die unübersteiglich sein würden, wenn wir uns damit aufhielten, alles zu erklären und zu definieren.

Es war rührend, zu sehen, wie sich Helen über ihr erstes Weihnachtsfest freute. Selbstverständlich hängte sie ihren Strumpf auf — sogar zwei, denn einen hätte Santa Claus übersehen können — und lag lange Zeit wach, stand auch mehrere Male auf, um zu sehen, ob sich nichts ereignet habe. Als ich ihr erklärte, Santa Claus käme nicht eher, als bis sie eingeschlafen sei, schloß sie ihre Augen und erwiderte:He will think, girl is asleep.Am Morgen wachte sie von der ganzen Familie zuerst auf und lief zum Kamine, um nach ihren Strümpfen zu sehen, und als sie fand, daß Santa Claus beide Strümpfe gefüllt habe, tanzte sie ein Weilchen vor Freude herum; dann aber wurde sie ganz still und kam zu mir, um mich zu fragen, ob Santa Claus sich auch nicht geirrt und geglaubt habe, es seien zwei kleine Mädchen da, und ob er wiederkommen und die Geschenke wieder abholen würde, wenn er seinen Irrtum erkannt hätte. Der Ring, den Sie ihr geschickt haben, steckte in der Spitze des Strumpfes, und als ich ihr erzählte, Sie hätten ihn Santa Claus für sie gegeben, erwiderte sie:I do love Mrs. Hopkins.Sie hatte eine Truhe und Kleider für Nancy bekommen und erklärte sofort:Now Nancy will go to party.Als sie den Braillegriffel und das Papier entdeckte, sagte sie:I will write many letters, and I will thank Santa Claus very much.Offenbar war jedermann, namentlich Herr und Frau Hauptmann Keller, tief bewegt bei dem Gedanken an den Unterschied zwischen dieser glücklichen Weihnachtsfeier und der im vorigen Jahre, da ihr kleines Mädchen noch keinen bewußten Anteil an dem Feste genommen hatte. Als wir die Treppe herunterkamen, sagte Frau Kellerzu mir mit Tränen in den Augen: Fräulein Annie, ich danke Gott jeden Tag meines Lebens dafür, daß er Sie uns gesandt hat; aber erst heute früh habe ich so recht erkannt, was für ein Segen Sie für uns geworden sind. Hauptmann Keller ergriff meine Hand, vermochte aber nicht zu sprechen. Aber sein Schweigen war beredter als Worte. Auch mein Herz war voller Dankbarkeit und heiliger Freude.

Eines Tages stieß Helen auf das Wortgrandfatherin einer kleinen Geschichte, und sie fragte ihre Mutter:Where is grandfather?womit sie ihren Großvater meinte. Frau Keller antwortete:He is dead.Helen fragte:Did father shoot him?und fügte hinzu:I will eat grandfather for dinner.Bis jetzt steht ihre einzige Kenntnis vom Tode in Verbindung mit eßbaren Dingen. Sie weiß, daß ihr Vater Rebhühner, Hirsche und anderes Wildbret schießt.

Heute morgen fragte sie mich nach der Bedeutung voncarpenter, und diese Frage lieferte uns den Stoff für unsere Unterrichtsstunde. Nachdem wir über die verschiedenen Gegenstände, die die Zimmerleute anfertigen, gesprochen hatten, fragte sie mich:Did carpenter make me?und buchstabierte rasch, ehe ich antworten konnte:No, no, photographer made me in Sheffield.

In Sheffield war einer der großen Hochöfen angeblasen worden, und wir fuhren eines Abends hinüber, um uns einen Guß anzusehen. Helen fühlte die Hitze und fragte:Did the sun fall?

26. Januar 1888.

Hoffentlich haben Sie Helens Brief erhalten. Denken Sie sich, die kleine Spitzbübin hat es sich in den Kopf gesetzt, nicht mehr mit Bleistift schreiben zu wollen. Sie sollte heut morgen an Onkel Frank schreiben, hatte aber keine Lust dazu und sagte:Pencil is very tired in head. I will write UncleFrank braille letter.Auf meinen Einwand, Onkel Frank könne doch die Brailleschrift nicht lesen, erwiderte sie:I will teach him.Ich setzte ihr auseinander, Onkel Frank sei alt und könne die Brailleschrift nicht so leicht erlernen. Sofort antwortete sie jedoch:I think Uncle Frank is much old to read very small letters.Endlich brachte ich sie dazu, einige Zeilen zu schreiben, aber sie brach die Bleistiftspitze sechsmal ab, ehe sie fertig wurde. Ich sagte zu ihr: Du bist ein unartiges Mädchen, aber sie entgegnete:No, pencil is very weak.Ich glaube, ihr Widerwille gegen das Schreiben mit Bleistift läßt sich leicht daraus erklären, daß sie soviel zur Probe für Bekannte und Fremde hat schreiben müssen. Sie wissen, wie widerwärtig dies den Kindern im Institut ist. Es ist mühsam, weil es so langsam von statten geht und sie nicht lesen können, was sie geschrieben haben, um die Fehler zu verbessern.

Helen interessiert sich immer mehr für Farben. Als ich ihr sagte, Mildreds Augen seien blau, fragte sie:Are they like wee skies?Bald nachdem ich ihr gesagt hatte, eine Nelke, die ihr geschenkt worden war, sei rot, warf sie ihre Lippen auf und sagte:lips are like one pink.Ich kann mir nicht denken, daß die Eindrücke von Farben, die sie während der ersten achtzehn Monate ihres Lebens, in denen sie sehen und hören konnte, erhalten hat, gänzlich verschwunden sein sollen. Alles, was wir gesehen und gehört haben, bleibt an irgend einer Stelle des Gedächtnisses haften. Es mag zu unbestimmt und verworren sein, um deutlich wiedererkannt zu werden, aber es ist nichtsdestoweniger vorhanden wie die Landschaft, die wir bei hereinbrechender Dämmerung aus dem Gesicht verlieren.

10. Februar 1888.

Gestern abend kamen wir nach Hause. Wir haben eine köstliche Zeit in Memphis verlebt, aber ich kam wenig zur Ruhe.Nichts als Aufregung vom frühen Morgen bis zum späten Abend — Ausflüge, Einladungen zu Tisch, Besuche und alles, was drum und dran hängt, wenn man ein lebhaftes, unermüdliches Kind wie Helen stets um sich hat. Sie sprach unaufhörlich. Ich weiß nicht, was ich hätte tun sollen, wenn nicht einige junge Leute gelernt hätten, sich mit Helen zu unterhalten. Sie erleichterten mir meine Aufgabe soviel wie möglich. Aber selbst so habe ich niemals eine ruhige halbe Stunde für mich gehabt. Immer hieß es: Ach, Fräulein Sullivan, kommen Sie doch, bitte, her und sagen Sie uns, was Helen meint — oder: Fräulein Sullivan, wollen Sie nicht die Güte haben, dies Helen auseinanderzusetzen. Wir können es ihr nicht verständlich machen. — Ich glaube, die halbe weiße Bevölkerung von Memphis sprach bei uns vor. Helen wurde gehätschelt und geliebkost, daß ein Engel dadurch hätte verwöhnt werden können; aber ich glaube nicht, daß es möglich ist, sie zu verwöhnen; sie hat dafür ein viel zu naives Empfinden.

Es gibt viele gute Geschäfte in Memphis, und ich habe alles Geld ausgegeben, das ich bei mir hatte. Eines Tages sagte Helen:I must buy Nancy a very pretty hat.Sie besaß einen Silberdollar und ein Zehncentstück. Als wir in dem Laden waren, fragte ich sie, wieviel sie für Nancys Hut ausgeben wolle. Sie antwortete rasch:I will pay ten cents.Auf meine Frage, was sie mit dem Dollar machen wolle, erwiderte sie:I will buy some good candy to take to Tuscumbia.

Wir besuchten die Börse und ein Dampfboot. Für dieses letztere interessierte sich Helen ungemein und ließ sich alles zeigen von der Maschine an bis zur Flagge auf dem Top.

Dr.Bell schreibt in einem Briefe an Hauptmann Keller, daß Helens Fortschritte in der Geschichte der Taubstummenerziehung ganz beispiellos seien, und sagt viel Artiges über ihre Lehrerin.Dr.Edward Everett Hale beruft sich auf seineVerwandtschaft mit Helen und scheint auf seine kleine Nichte sehr stolz zu sein.

5. März 1888.

Ich konnte meinen Brief gestern nicht beenden. Fräulein Eva half mir bei der Anfertigung eines Verzeichnisses der Wörter, die Helen gelernt hat. Wir bekamen eine Zahl von 900 heraus. Ich hatte Helen am 1. März ein Tagebuch eingerichtet. Ich weiß nicht, wie lange sie es fortführen wird. Meines Erachtens ist es ein ziemlich törichtes Unternehmen. Augenblicklich macht es ihr aber großen Spaß. Sie scheint es zu lieben, alles niederzuschreiben, was sie weiß. Am Sonntag trug sie folgendes ein:

Ich stand auf, wusch mir Gesicht und Hände, kämmte mein Haar und pflückte drei Veilchen für Lehrerin und aß mein Frühstück. Nach dem Frühstück spielte ich kurze Zeit mit Puppen. Nancy war ungezogen. Ungezogen ist schreien und mit den Füßen stoßen (Cross is cry and kick). Ich las in meinem Buch von großen, wilden Tieren. Wild ist sehr ungezogen und stark und sehr hungrig (Fierce is much cross and strong and very hungry). Ich liebe wilde Tiere nicht. Ich schrieb Brief an Onkel James. Er wohnt in Hotsprings. Er ist Doktor. Doktor macht krankes Mädchen gesund. Ich bin nicht gern krank (I do not like sick). Dann aß ich mein Mittagbrot. Ich esse sehr gern viel Eiskreme (I like much icecream very much). Nach dem Mittagessen fuhr Vater auf Zug nach Birmingham. Ich hatte Brief von Robert. Er liebt mich. Er sagt: Liebe Helen, Robert freute sich, einen Brief von lieber, süßer, kleiner Helen zu bekommen. Ich werde kommen und dich besuchen, wenn die Sonne scheint. Frau Newsum ist Roberts Frau. Robert ist ihr Mann. Robert und ich werden laufen und springen und hüpfen und tanzen und schaukeln und von Vögeln und Blumen und Bäumen sprechen, und Jumbo und Pearl werden mit unsgehen. Lehrerin wird sagen: Wir sind dumm. Sie ist spaßhaft. Spaßhaft macht uns lachen (Funny makes us laugh). Natalie ist gutes Mädchen und schreit nicht. Mildred schreit. Sie wird in vielen Tagen ein hübsches Mädchen sein und mit mir laufen und spielen. Frau Graves macht kurze Kleider für Natalie. Herr Mayo ging nach Duckhill und brachte viele hübsche Blumen nach Hause. Herr Mayo und Herr Farris und Herr Graves lieben mich und Lehrerin. Ich gehe bald nach Memphis, um sie zu besuchen, und sie werden mich herzen und küssen. Thornton geht zur Schule und macht sein Gesicht schmutzig. Knabe muß sehr sorgsam sein. Nach dem Abendessen spielte ich Balgen mit Lehrerin im Bett. Sie begrub mich unter den Kissen, und dann wuchs ich sehr langsam wie ein Baum aus der Erde empor. Nun will ich zu Bett gehen.

Helen Keller.

16. April 1888.

Soeben kommen wir aus der Kirche zurück. Hauptmann Keller sagte mir heut beim Frühstück, ich möchte doch heut Helen mit zur Kirche nehmen. Das gesamte Presbyterium würde heut versammelt sein, und er wünsche, daß die Geistlichen Helen kennen lernten. Die Sonntagsschule war im vollen Gange, als wir ankamen, und ich wünschte, Sie hätten das Aufsehen bemerken können, das Helens Eintritt erregte. Die Kinder freuten sich so, sie in der Sonntagsschule zu erblicken, daß sie ihren Lehrern keine Aufmerksamkeit mehr schenkten, sondern ihre Plätze verließen und uns umringten. Helen küßte sie alle, Knaben und Mädchen, mochten sie wollen oder nicht. Anfangs schien sie zu glauben, daß die Kinder sämtlich den fremden Geistlichen gehörten; aber bald erkannte sie unter ihnen einige kleine Freunde, und ich erzählte ihr, daß die Geistlichen ihre Kinder nicht mitgebracht hätten. Sie sah enttäuscht aus und sagte dann:I’ll send them many kisses.Einer der Geistlichen bat mich, Helen zu fragen, was nach ihrer Meinung die Geistlichen täten. Sie erwiderte:They read and talk loud for people to be good.Er schrieb sich diese ihre Antwort in sein Notizbuch. Als der Gottesdienst begann, geriet Helen in eine solche Aufregung, daß ich es für das beste hielt, sie aus der Kirche hinauszuführen, aber Hauptmann Keller sagte: Lassen Sie nur; es wird schon gehen. So blieb mir nichts übrig, als auszuharren. Es war unmöglich, Helen zu bewegen, sich ruhig zu verhalten. Sie herzte und küßte mich und den ernst blickenden Geistlichen, der auf der anderen Seite neben ihr saß. Er gab ihr seine Uhr zum Spielen, aber dies brachte sie nicht zur Ruhe; sie wollte sie durchaus dem kleinen Knaben zeigen, der hinter uns saß. Als die Abendmahlsfeier begann, roch sie den Wein und schnüffelte so laut, daß jedermann in der Kirche es hören konnte. Als der Wein unserem Nachbar gereicht wurde, mußte er aufstehen, um zu verhüten, daß sie ihm den Kelch wegnahm. Ich saß wie auf Nadeln und war froh, als wir die Kirche verlassen konnten. Ich suchte Helen rasch hinauszudrängen, aber sie hielt ihren Arm ausgestreckt, und jeder Geistliche, den sie berührte, mußte sich umdrehen und die Anzahl der Kinder angeben, die er zu Hause gelassen hatte, und die entsprechende Menge Küsse in Empfang nehmen. Jedermann lachte über ihre Possen, und man hätte eher glauben können, in einem Vergnügungslokale zu sein als in einer Kirche. Hauptmann Keller lud einige der Geistlichen zu Tisch ein. Helen war ganz außer Rand und Band. Sie beschrieb in den lebhaftesten Pantomimen, die sie durch Buchstabieren zu ergänzen suchte, was sie in Brewster tun wolle. Endlich stand sie vom Tisch auf und tat so, als sammle sie Seetang und Muscheln auf und wate im Wasser umher, wobei sie ihre Röcke höher aufhob, als es unter den gegenwärtigen Umständenschicklich war. Dann warf sie sich zu Boden und begann so energische Schwimmbewegungen zu machen, daß ein Teil der Gäste fürchtete, von den Stühlen gestoßen zu werden. Ihre Bewegungen sind oft ausdrucksvoller als alle Worte, und sie ist so anmutig wie eine Nymphe.

Ich möchte gern wissen, ob Ihnen auch die Zeit so unendlich lang wird wie mir. Wir sprechen und planen und träumen von nichts als von Boston, Boston, Boston. Ich glaube, Frau Keller hat sich jetzt endgültig entschlossen, uns zu begleiten, aber sie will nicht den ganzen Sommer über bleiben.

15. Mai 1888.

Wissen Sie, daß dies der letzte Brief ist, den ich Ihnen auf lange, lange Zeit hinaus schreibe? Das nächste Wort, das Sie von mir erhalten, wird ein Telegramm sein, das Ihnen meldet, wann wir in Boston eintreffen. Ich bin zu glücklich, um Briefe zu schreiben; aber ich muß Ihnen von unserem Besuche in Cincinnati erzählen.

Wir haben eine genußreiche Woche bei den »Doktoren« verlebt.Dr.Keller war uns bis Memphis entgegengefahren. Fast jedermann im Zuge war ein Arzt, undDr.Keller schien sie alle zu kennen. Als wir in Cincinnati anlangten, fanden wir die Stadt mit Doktoren angefüllt. Es befanden dich mehrere hervorragende Aerzte aus Boston unter ihnen. Wir stiegen in Burnet House ab. Jedermann war von Helen entzückt. All die gelehrten Herren bewunderten ihre Intelligenz und Heiterkeit. Sie hat etwas an sich, was die Leute fesselt. Ich glaube, es ist ihr freudiges Interesse, das sie an allem und an jedermann nimmt.

Wo wir auch waren, stets bildete sie den Mittelpunkt der Gesellschaft. Sie war von dem Orchester im Hotel entzückt, und als das Konzert begann, tanzte sie im ganzen Saaleherum und herzte und küßte jeden, der ihr in den Wurf kam. Ihre Fröhlichkeit steckte alle an; keinem erschien sie bemitleidenswert. Ein Herr sagte zuDr.Keller: Ich habe lange gelebt und viele glückliche Gesichter gesehen, aber noch nie ein so strahlendes wie das dieses Kindes. Ein anderer sagte: Weiß Gott, ich würde alles, was ich auf der Welt besitze, darum geben, wenn ich dieses kleine Mädchen beständig um mich haben könnte.Dr.Garcelon holte uns eines Nachmittags zu einem Ausfluge ab und wollte Helen eine Puppe kaufen; aber sie sagte:I do not like too many children. Nancy is sick, and Adline is cross, and Ida is very bad.Wir lachten, daß uns die Tränen in die Augen traten, so ernst sah sie dabei aus. Was möchtest du denn sonst haben? fragte der Doktor.Some beautiful gloves to talk with, antwortete sie. Der Doktor war ganz erstaunt, da er noch nie etwas von »sprechenden Handschuhen« gehört hatte; ich erklärte ihm aber, Helen habe Handschuhe mit darauf gedrucktem Alphabet gesehen und glaube offenbar, sie könnten gekauft werden. Ich sagte ihm, er könne ein Paar Handschuhe kaufen, wenn er wolle, und ich würde dann das Alphabet darauf pressen lassen.

Wir frühstückten mit Herrn Thayer (Ihrem früheren Seelsorger) und seiner Gattin. Er fragte mich, in welcher Weise ich Helen die Adjektiva und die Bezeichnungen für abstrakte Begriffe, wie Güte und Glück, beigebracht hätte. Diese selben Fragen sind mir wohl hundertmal von den gelehrten Doktoren vorgelegt worden. Es kommt mir sonderbar vor, daß man sich über etwas wundert, was doch in der Tat so einfach ist. Gewiß ist es ebenso leicht, dem Kinde die Bezeichnung für einen Begriff beizubringen, der ihm klar vor der Seele steht, wie die Bezeichnung für einen Gegenstand. Allerdings würde es eine Herkulesarbeit sein, Wörter zu lehren, wenn die betreffenden Vorstellungen nicht schon in der Seele des Kindes vorhandenwären. Wenn seine Erfahrungen und Beobachtungen ihm nicht zu den Begriffen »groß«, »klein«, »gut«, »schlecht«, »süß«, »sauer«, verholfen hätten, so würde es nichts mit diesen Wortgebilden verbinden können.

Ich dummes Ding fand mich in die Lage versetzt, den aus Ost und West versammelten Weisen so einfache Dinge wie die folgenden klarmachen zu müssen: Wenn Sie einem Kinde etwas Süßes geben, und es seine Zunge bewegt, sich die Lippen leckt und ein vergnügtes Gesicht macht, so hat es eine ganz bestimmte Empfindung, und wenn es jedesmal, so oft es diese Empfindung hat, das Wort »süß« hört oder in die Hand buchstabiert bekommt, so wird es rasch diese willkürliche Bezeichnung für diese Empfindung annehmen. Legen Sie ihm dagegen ein Stück Citrone auf die Zunge, so wirft es die Lippen auf und versucht es auszuspucken, und wenn es diese Erfahrung ein paarmal gemacht hat, so schließt es seinen Mund und verzieht sein Gesicht, wenn man ihm eine Citrone zeigt, und gibt dadurch deutlich zu verstehen, daß es sich der unangenehmen Empfindung erinnert. Sie nennen diese »sauer«, und das Kind nimmt diese Bezeichnung an. Hätten Sie diese Empfindungen »schwarz« und »weiß« genannt, so würde das Kind diese Bezeichnungen ebensoleicht akzeptiert haben; aber es würde unter »schwarz« und »weiß« genau dasselbe verstehen, was es jetzt unter »süß« und »sauer« versteht. Auf diese Weise lernt das Kind aus einer Reihe von Erfahrungen den Unterschied seiner Empfindungen kennen, und wir benennen sie »gut«, »schlecht«, »freundlich«, »rauh«, »froh«, »traurig«. Nicht das Wort, sondern das Vermögen, sich der Empfindung bewußt zu werden, ist es, worauf es bei der Erziehung ankommt.

Folgender Auszug aus einem von Fräulein Sullivans Briefen enthält interessante pädagogische Betrachtungen:

Wir besuchten eine kleine Taubstummenschule. Wir wurden sehr freundlich aufgenommen, und Helen freute sich, mit Kindern zusammenzusein.

Zwei von den Lehrern kannten das Fingeralphabet und sprachen ohne Dolmetscher mit ihr. Sie waren erstaunt, in welchem Grade sie die Sprache beherrschte. Kein einziges Kind in der Schule, versicherten sie, besäße eine ähnliche Gewandtheit des Ausdrucks, und einige von ihnen würden schon zwei bis drei Jahre unterrichtet. Ich wollte dies zuerst nicht glauben; nachdem ich aber die Kinder ein paar Stunden bei ihren Arbeiten beobachtet hatte, erkannte ich, daß man mir die Wahrheit gesagt hatte, und ich wunderte mich nicht mehr darüber. In einem Zimmer standen einige kleine Knirpse und bildeten im Schweiße ihres Angesichts »einfache Sätze«. Ein kleines Mädchen hatte geschrieben: Ich habe ein neues Kleid. Es ist ein hübsches Kleid. Meine Mama hat mein hübsches, neues Kleid gemacht. Ich liebe Mama. — Ein kleiner Knabe mit einem Lockenkopf schrieb soeben: Ich habe einen großen Ball. Ich liebe es, meinen großen Ball mit dem Fuße zu stoßen. — Als wir in das Zimmer traten, richtete sich die Aufmerksamkeit der Kinder auf Helen. Eins von ihnen faßte mich am Aermel und sagte: Mädchen ist blind. Die Lehrerin schrieb an die Wandtafel: Der Name des Mädchens ist Helen. Sie ist taubstumm. Sie kann nicht sehen. Wir bedauern sie sehr. Ich fragte: Warum schreiben Sie diese Sätze an die Tafel? Würden die Kinder es nicht verstehen, wenn Sie zu ihnen über Helen sprächen? Die Lehrerin sagte etwas über die Erlernung der richtigen Satzkonstruktion und fuhr in ihrer schriftlichen Stilübung über Helen fort. Ich fragte sie, ob das kleine Mädchen, das über das neue Kleid geschrieben hatte, sich wirklich so besonders über ihr Kleid gefreut habe. — Nein, antwortete sie, ich glaube nicht, aber Kinder lernen besser,wenn sie über etwas schreiben, was sie persönlich berührt. — Es erschien mir alles so mechanisch und schwer, das Herz tat mir beim Anblick dieser armen Kinder weh. Niemand denkt daran, gleich zu Anfang ein hörendes Kind sagen zu lassen: Ich habe ein hübsches neues Kleid. Diese Kinder waren zwar älter an Jahren, als das Baby, das da lallt: Papa küß Baby — hübsch — und den Sinn seiner Rede ergänzt, indem es auf sein neues Kleid deutet; aber ihre Gewandtheit im Verstehen und im Gebrauch der Sprache war nicht größer.

Diesen selben Uebelstand bemerkte ich in dem ganzen Betriebe der Schule. In jedem Klassenzimmer sah ich Sätze an der Wandtafel, die augenscheinlich zur Erläuterung einer grammatischen Regel oder zum Zwecke der Einübung von Wörtern hingeschrieben worden waren, die vorher in derselben oder in einer anderen Verbindung vorgekommen waren. Derlei mag für bestimmte Unterrichtsstufen angebracht sein; aber es ist nicht der richtige Weg zur Erlernung der Sprache. Nichts, glaube ich, unterdrückt den Trieb des Kindes, natürlich zu sprechen, mehr als diese Uebungen an der Wandtafel. Das Schulzimmer ist nicht der geeignete Raum, einem Kinde das Sprechen beizubringen, am allerwenigsten aber einem taubstummen Kinde. Dieses darf sich ebensowenig wie ein hörendes Kind der Tatsache bewußt werden, daß es Wörter lernt, und es sollte ihm gestattet sein, sich mit Hilfe seiner Finger oder des Bleistiftes verständlich zu machen, meinetwegen in einzelnen Silben, bis die Zeit kommt, in der seine wachsende Intelligenz nach dem Satze verlangt. Der Gedanke an die Sprache sollte in dem Geiste des Kindes nicht mit der Erinnerung an endlose Schulstunden, an schwierig zu beantwortende grammatische Fragen, oder an irgend etwas verknüpft sein, was der Lebensfreude feindlich in den Weg tritt.

Fräulein Sullivans zweiter Beitrag für den Jahresbericht des Perkinsschen Instituts reicht bis zum 1. Oktober 1888.

In dem vergangenen Jahre hat sich Helen einer ausgezeichneten Gesundheit erfreut. Ihre Augen und Ohren sind von Spezialisten untersucht worden, und diese sind der Meinung, daß sie nicht die geringste Licht- oder Schallempfindung haben kann.

Es läßt sich unmöglich genau angeben, in welchem Umfange ihr der Geruchs- und der Geschmackssinn beim Erkennen der natürlichen Eigenschaften der Dinge behilflich sind; aber nach einer hervorragenden Autorität üben diese Sinne einen großen Einfluß auf die geistige und sittliche Entwicklung des Menschen aus. Helen schöpft aus diesen Sinnestätigkeiten zweifellos einen hohen Genuß. Beim Eintritt in ein Gewächshaus nimmt ihr Gesicht einen strahlenden Ausdruck an, und sie benennt die Blumen, die ihr bekannt sind, nur nach dem Geruche. Ihre Erinnerungen an Geruchsempfindungen sind sehr lebhaft. Sie freut sich schon im voraus auf den Duft einer Rose oder eines Veilchens, und wenn ihr ein Strauß dieser Blumen versprochen wird, so überfliegt ein besonders glücklicher Ausdruck ihre Züge und beweist, daß sie in der Phantasie deren Geruch empfindet und daß er ihr angenehm ist. Es kommt häufig vor, daß der Duft einer Blume oder der Geruch einer Frucht ihr irgend ein frohes Ereignis aus dem Familienleben oder ein heiteres Geburtstagsfest vergegenwärtigt.

Ihr Gefühlssinn hat in diesem Jahre an Schärfe und Feinheit merklich zugenommen. In der Tat ist ihr ganzer Körper so fein organisiert, daß er ihr als Mittel zu dienen scheint, sich mit ihren Mitmenschen in nähere Beziehungen zu setzen. Sie ist nicht nur imstande, die von den verschiedenen Tönen und Bewegungen hervorgebrachten Schwingungen der Luft undErschütterungen des Bodens zu unterscheiden und ihre Freunde und Bekannten sofort zu erkennen, wenn sie deren Hände oder Kleider berührt, sondern sie erkennt auch die Gemütsstimmung der Personen ihrer Umgebung. Es ist unmöglich für jemand, mit dem sich Helen unterhält, besonders heiter oder traurig zu sein und ihr diesen Umstand verhehlen zu wollen.

Sie bemerkt den leichtesten Nachdruck, der in der Unterhaltung auf ein Wort gelegt wird und weiß jede Veränderung sowie das wechselvolle Spiel der Handmuskeln zu deuten. Sie beantwortet rasch den leisen Druck der Zuneigung, den kräftigen der Zustimmung, das Zucken der Ungeduld, die feste Bewegung beim Befehl und die vielen anderen Verschiedenheiten der fast unendlich reichen Sprache der Gefühle, — und sie hat sich eine solche Uebung in dem Verständnis dieser unbewußten Sprache der Gemütserregungen erworben, daß sie oft imstande ist, unsere innersten Gedanken zu erraten.

Als sie eines Tages mit ihrer Mutter und Herrn Anagnos spazieren ging, warf ein Knabe eine Knallerbse vor ihnen auf den Boden, worüber Frau Keller erschrak. Helen bemerkte sofort die Veränderung in den Bewegungen ihrer Mutter und fragte:What are we afraid of?Als ich einst mit ihr im Parke spazieren ging, sah ich, wie ein Polizeibeamter einen Mann zur Wache brachte. Die Erregung, die ich empfand, brachte eine deutlich bemerkbare körperliche Veränderung bei mir hervor; denn Helen fragte aufgeregt:What do you see?

Einen schlagenden Beweis für das Vorhandensein dieses auffallenden Vermögens lieferte eine ärztliche Untersuchung von Helens Ohren in Cincinnati: Es wurden verschiedene Versuche gemacht, um positiv festzustellen, ob sie eine Schallempfindung habe oder nicht. Alle Anwesenden waren erstaunt,als sie nicht allein einen Pfiff, sondern auch den gewöhnlichen Klang der menschlichen Stimme zu vernehmen schien. Sie wandte den Kopf um, lächelte und verhielt sich so, als ob sie gehört hätte, was gesprochen worden war. Ich stand neben ihr und hielt ihre Hand in der meinigen. Da ich glaubte, sie habe Eindrücke durch mich erhalten, legte ich ihre Hände auf den Tisch und zog mich nach der entgegengesetzten Seite des Zimmers zurück. Die Ohrenärzte nahmen nun ihre Versuche von neuem auf, aber mit ganz abweichenden Ergebnissen. Helen blieb während der ganzen Dauer der Experimente völlig teilnahmlos und verriet nicht im mindesten, daß sie etwas von dem Gesprochenen verstand. Auf meinen Vorschlag faßte einer der Herren sie bei der Hand, und die Anzeichen des Verständnisses wiederholten sich. Diesmal veränderten sich ihre Züge, so oft sie angeredet wurde, aber es trat kein so entschiedenes Aufleuchten ihres Antlitzes ein wie vorher, als ich ihre Hände festhielt.

Einige Zeit nach dem obenerwähnten Besuch auf dem Kirchhofe (s. S. 253) interessierte sich Helen für ein Pferd, das sich infolge eines Unfalls ein Bein schwer verletzt hatte, und ging täglich mit mir hin, um es zu besuchen. Das verwundete Bein wurde bald so schlimm, daß das Pferd an einem Balken aufgehängt werden mußte. Das Tier stöhnte vor Schmerz, und Helen, die sein Stöhnen vernahm, wurde von Mitleid erfüllt. Zuletzt wurde es nötig, das Pferd zu töten, und als sie es das nächstemal besuchen wollte, sagte ich ihr, es seitot. Dies war das erstemal, daß sie das Wort hörte. Ich setzte ihr dann auseinander, daß es erschossen worden sei, um von seinen Schmerzen erlöst zu werden, und daß man esbegraben— in die Erde gelegt habe. Ich bin geneigt, zu glauben, daß die Vorstellung, es sei absichtlich erschossen worden, keinen tiefen Eindruck auf sie machte; aber ich glaube,sie begriff die Tatsache, daß das Leben in dem Pferde erstorben war, wie bei den toten Vögeln oder anderen kleinen Tieren, von denen sie schon vor meiner Ankunft in Tuscumbia eines oder das andere in der Hand gehabt hatte, und ebenso daß das Pferd begraben worden war. Seit diesem Vorfall habe ich das Worttotstets gebraucht, wann sich die Gelegenheit dazu bot, ohne mich aber auf weitere Erläuterungen einzulassen.

Während wir nun in Brewster in Massachusetts einen Besuch machten, begleitete Helen eines Tages meine Freundin und mich auf den Kirchhof. Sie untersuchte einen Stein nach dem anderen und schien sich zu freuen, wenn sie einen Namen entziffern konnte. Sie roch an den Blumen, zeigte aber kein Verlangen, sie zu pflücken, und als ich ihr einige pflückte, wollte sie sich dieselben nicht anstecken lassen. Als ihre Aufmerksamkeit von einer Marmorplatte, auf der der Name Florence in erhabenen Buchstaben ausgemeißelt war, gefesselt wurde, kauerte sie sich auf den Boden nieder, als suche sie etwas, wandte sich dann mit ganz verstörtem Gesicht zu mir und fragte:Where is poor little Florence?Dann setzte sie hinzu:I think she is very dead. Who put her in big hole?Als sie mit diesen traurig stimmenden Fragen fortfuhr, verließen wir den Kirchhof. Florence war die Tochter meiner Freundin, die als erwachsenes junges Mädchen gestorben war; ich hatte aber Helen nichts von ihr erzählt; ja, sie wußte nicht einmal, daß meine Freundin eine Tochter gehabt hatte. Helen hatte ein Bett und einen Wagen für ihre Puppen geschenkt bekommen, die sie benutzte wie alle anderen Geschenke. Als wir vom Kirchhofe nach Hause kamen, lief sie in das Zimmer, wo diese aufbewahrt wurden, und brachte sie meiner Freundin mit den Worten:They are poor little Florence’s.Dies traf zu, obgleich wir es nicht begriffen, wie sie dies hatte erraten können. Ein Brief, den sie im Laufeder nächsten Woche an ihre Mutter schrieb, schildert ihre Eindrücke mit ihren eigenen Worten:

Ich lege meine kleinen Kinder in Florences kleines Bett, und fahre sie in ihrem Wagen umher. Die arme kleine Florence ist tot. Sie war sehr krank und starb. Frau H. weinte laut um ihr liebes kleines Kind. Sie ging in die Erde, und sie ist schmutzig, und sie friert (She got in the ground and she is very dirty, and she is cold). Florence war sehr hübsch wie Sadie, und Frau H. küßte und herzte sie oft. Florence ist sehr traurig in dem großen Loche (Florence is very sad in big hole). Doktor gab ihr Medizin, um sie gesund zu machen, aber die arme Florence wurde nicht gesund. Als sie sehr krank war, hustete und stöhnte sie im Bett. Frau H. will sie bald besuchen.

Trotz der großen Regsamkeit ihres Geistes ist Helen ein ganz natürliches Kind. Sie liebt Scherz und Spiel und überhäuft andere Kinder mit Zärtlichkeiten. Sie ist niemals heftig oder reizbar, und ich habe sie nie ungeduldig gesehen, wenn ihre Spielgefährten sie nicht verstanden. Sie kann stundenlang mit Kindern spielen, die nicht ein einziges Wort von dem verstehen, was sie ihnen in die Hand buchstabiert, und es ist rührend, ihre lebhaften Bewegungen und ihre leidenschaftlichen Gesten zu beobachten, mittels deren sie ihre Gedanken und Empfindungen auszudrücken sucht. Gelegentlich versucht ein kleiner Knabe oder ein kleines Mädchen das Fingeralphabet zu erlernen. Dann gewährt es einen hübschen Anblick, zu sehen, mit welcher Geduld, Sanftmut und Ausdauer Helen sich bemüht, die ungelenken Finger ihrer kleinen Freunde in die richtige Lage zu bringen.

Eines Tages, als Helen ein kleines Jackett trug, auf das sie sehr stolz war, sagte ihre Mutter zu ihr: Es ist hier ein armes kleines Mädchen, das keinen Mantel hat, um sich zu wärmen.Willst du ihr nicht den deinen geben? Helen begann sofort ihr Jackett auszuziehen und sagte: Ich muß es einem armen kleinen fremden Mädchen geben.

Für Kinder, die jünger sind als sie selbst, hegt sie eine große Zuneigung, und ein Wiegenkind ruft stets alle mütterlichen Instinkte ihrer Natur wach. Sie behandelt ein solches Kind so zärtlich, wie es die sorgsamste Wärterin nicht besser tun könnte, und gibt allen seinen Launen nach.

Obgleich sie im allgemeinen sehr geselligen Charakters ist, kann sie sich doch, wenn sie allein ist, stundenlang mit Stricken oder Nähen die Zeit vertreiben.

Sie liest viel. Sie beugt sich mit gespanntem Blick über ihr Buch, und während der Zeigefinger ihrer linken Hand über die Zeilen hingleitet, buchstabiert sie die Wörter mit der anderen Hand; oft sind aber ihre Bewegungen so rasch, daß sie selbst für diejenigen unverständlich sind, die daran gewöhnt sind, den schnellen Bewegungen ihrer Finger zu folgen.


Back to IndexNext