Dreizehntes Kapitel.
Rückblick auf die früheren Versuche, zu sprechen. — Ragnhild Kaata. — Unterricht in der Lautsprache bei Fräulein Fuller. — Freude über den Erfolg. — Ablesen von den Lippen mittels der Finger. — Gebrauch des Fingeralphabets.
Im Frühjahr 1890 lernte ich sprechen.[5]Ich hatte stets ein starkes Verlangen in mir gefühlt, hörbare Laute auszustoßen. Ich pflegte Töne hervorzubringen, wobei ich die eine Hand an meinen Kehlkopf legte, während die andere den Bewegungen der Lippen folgte. Ich freute mich über alles, was ein Geräusch machte, und liebte es, zu fühlen, wie die Katze schnurrte und der Hund bellte. Ebenso legte ich mit Vorliebe die Hand an den Kehlkopf eines Sängers oder auf ein Klavier, wenn es gespielt wurde. Ehe ich Gesicht und Gehör verlor, hatte ich bereits sprechen gelernt, aber nach meiner Krankheit hörte ich auf zu sprechen, weil ich nicht mehr hören konnte. Ich pflegte den ganzen Tag über auf dem Schoße meiner Mutter zu sitzen und meine Hände an ihr Gesicht zu halten, weil es mir Vergnügen machte, die Bewegungen ihrer Lippen zu fühlen, und auch ich bewegte meine Lippen, obgleich ich vergessen hatte, was Sprechen sei. Meine Bekannten behaupten, daß ich auf natürliche Art lachte und weinte, und eine Zeitlang brachte ich allerlei Töne und Wortbestandteile hervor, nicht weil sie ein Verständigungsmittel bildeten, sondern weil ich die gebieterische Notwendigkeit in mir fühlte, meine Stimmorgane zu üben. Es gab jedoch ein Wort, an dessen Bedeutung ich mich immer noch erinnerte, nämlichwater. Ich sprach eswa–waaus. Selbst dieses wurde immer unverständlicher bis zu der Zeit, als Fräulein Sullivan mich zu unterrichten begann. Ich hörte erst auf, es zu gebrauchen, als ich gelernt hatte, das Wort mit meinen Fingern zu buchstabieren.
Ich hatte längst erkannt, daß meine Umgebung sich anderer Verständigungsmittel bediente als ich, und schon ehe ich erfuhr, daß ein taubstummes Kind sprechen lernen kann, war ich mir meiner Unzufriedenheit mit den Verständigungsmitteln, über die ich bereits verfügte, bewußt. Wer gänzlich auf das Fingeralphabet angewiesen ist, trägt stets eine Empfindung mit sich herum, als werde er durch etwas zurückgehalten, eingeengt. Diese Empfindung begann mich mit einem beunruhigenden, vorwärts treibenden Bewußtsein eines Mangels, der beseitigt werden müsse, zu erfüllen. Meine Gedanken wollten sich oft aufschwingen und wie die Vögel gegen den Wind ankämpfen, und ich übte meine Lippen und meine Stimme beharrlich weiter. Freunde suchten mich von diesen Bemühungen abzubringen, weil sie fürchteten, sie würden zu nichts weiter führen als zu einer Enttäuschung. Aber ich blieb beharrlich dabei, und bald trat etwas ein, was schließlich zur Beseitigung dieses für unüberwindlich geltenden Hindernisses führen sollte — ich erfuhr die Geschichte von Ragnhild Kaata.
Im Jahre 1890 kam Frau Lamson, eine von Laura Bridgmans Lehrerinnen, die soeben von einer Reise nach Schweden und Norwegen zurückgekehrt war, zu mir, um mich zu besuchen, und erzählte mir von Ragnhild Kaata, einem taubstummen und blinden Mädchen in Norwegen, das tatsächlich sprechen gelernt hatte. Frau Lamson hatte kaum ihre Erzählung von dem Erfolge dieses Mädchens beendet, als ich Feuer und Flamme war. Auch ich faßte den Entschluß, sprechen zu lernen. Ich wollte mich nicht zufrieden geben, bis mich meine Lehrerin zu Fräulein Sarah Fuller, der Leiterin der Horace Mann-Schule mitnahm, um diese zu bitten, ihr mit Rat und Tat beizustehen. Diese liebenswürdige, sanfte Dame erbot sich dazu,mich selbst zu unterrichten, und wir begannen am 26. März 1890.
Fräulein Fullers Methode war folgende: sie legte meine Hand leicht über ihr Gesicht und ließ mich die Stellung ihrer Zunge und ihrer Lippen fühlen, wenn sie einen Ton hervorbrachte. Ich war voller Eifer, ihr jede Bewegung nachzumachen, und binnen einer Stunde hatte ich sechs Elemente der Sprache erlernt:m,p,a,s,t,i. Fräulein Fuller erteilte mir im ganzen elf Unterrichtsstunden. Ich werde nie das Erstaunen und die Freude vergessen, die mich erfüllten, als ich meinen ersten zusammenhängenden Satz aussprach:It is warm.Es waren ja nur abgerissene und gestammelte Silben, aber es war menschliche Sprache. Meine Seele, die sich einer neuen Kraft bewußt geworden war, war von der Knechtschaft erlöst und fand durch diese abgerissenen Sprachsymbole den Zugang zu aller Erkenntnis und allem Glauben.
Kein taubstummes Kind, das ernstlich versucht hat, die Worte auszusprechen, die es nie gehört hat — um aus dem Kerker des Schweigens herauszukommen, in dem kein Ton der Liebe, kein Vogelgesang, keine Musik je die Stille unterbricht — kann den Schauer des Erstaunens, die Freude der Entdeckung vergessen, die es übermannten, als es sein erstes Wort aussprach. Nur jemand, der in ähnlicher Lage gewesen ist, kann den Eifer ermessen, mit dem ich zu meinem Spielzeuge, zu Steinen, Bäumen, Vögeln und stummen Tieren sprach, oder das Entzücken nachfühlen, das ich empfand, wenn Mildred auf meinen Ruf zu mir eilte oder meine Hunde meinen Befehlen gehorchten. Es bildet einen unsäglichen Gewinn für mich, in geflügelten Worten sprechen zu können, die keiner Uebertragung bedürfen. Als ich sprach, schwangen sich aus meinen Worten glückliche Gedanken empor, die sich vielleicht vergeblich bemüht hätten, sich aus meinen Fingern herauszuarbeiten.
Aber man darf nicht glauben, daß ich in dieser kurzen Zeitwirklich sprechen gelernt hätte. Ich hatte nur die Elemente der Sprache erlernt. Fräulein Fuller und Fräulein Sullivan konnten mich verstehen, aber die meisten Leute hätten von hundert Wörtern nicht ein einziges verstanden. Auch ist es nicht wahr, daß ich nach Erlernung dieser Elemente alles übrige aus eigener Kraft erreichte. Ohne Fräulein Sullivans Genialität, ohne ihre unermüdliche Ausdauer und Hingebung hätte ich mich der natürlichen Sprache nie so weit nähern können, wie ich es in Wahrheit getan habe. Vor allen Dingen mühte ich mich Tag und Nacht ab, ehe ich mich selbst meinen intimsten Freunden verständlich machen konnte, dann aber bedurfte ich beständig Fräulein Sullivans Hilfe bei meinen Bemühungen, jeden Laut deutlich zu artikulieren und alle Laute auf die mannigfaltigste Weise zu verbinden. Noch jetzt lenkt sie täglich meine Aufmerksamkeit auf die fehlerhafte Aussprache einzelner Wörter.
Jeder Taubstummenlehrer weiß, was dies bedeutet, und nur ein solcher kann überhaupt die Schwierigkeiten würdigen, mit denen ich zu kämpfen hatte. Beim Ablesen von den Lippen meiner Lehrerin war ich gänzlich von meinen Fingern abhängig; ich hatte mich des Tastsinnes bei der Wahrnehmung der Schwingungen des Kehlkopfes, der Bewegungen des Mundes und des Gesichtsausdrucks zu bedienen, und oft täuschte sich dieser Sinn. In solchen Fällen war ich genötigt, die Wörter oder Sätze oft stundenlang zu wiederholen, bis ich den entsprechenden Klang in meiner eigenen Stimme fühlte. Meine Arbeit bestand in Uebung, Uebung, Uebung. Entmutigung und Ermüdung warfen mich oft nieder; aber im nächsten Augenblick spornte mich der Gedanke, daß ich bald zu Hause bei meinen Lieben sein und ihnen zeigen würde, was ich erreicht hätte, von neuem an, und ich stellte mir stets ihre Freude bei dem Gelingen meiner Bemühungen vor Augen.
„Meine kleine Schwester wird mich jetzt verstehen können,“ war ein Gedanke, der stärker war als alle Hindernisse. Ich pflegte voller Begeisterung zu wiederholen: „Ich bin jetzt nicht mehr stumm.“ Ich konnte nicht verzweifeln, weil ich mir die Freude, zu meiner Mutter sprechen und ihr die Antworten von den Lippen ablesen zu können, mit den glänzendsten Farben ausmalte. Es überraschte mich, zu finden, wie viel leichter es ist, zu sprechen, als mit den Fingern zu buchstabieren, und ich schaltete meinerseits das Fingeralphabet als Verständigungsmittel aus; doch bedienen sich Fräulein Sullivan und ein paar Freunde noch seiner in der Unterhaltung mit mir, denn es ist bequemer und rascher, als das Ablesen von den Lippen.
Es ist hier vielleicht der geeignete Ort, etwas über den Gebrauch unseres Fingeralphabets zu sagen, das manche, die uns nicht kennen, zu befremden scheint. Wer mittelst seiner Hand mir vorliest oder mit mir spricht, bedient sich in der Regel des von den Taubstummen gebrauchten einhändigen Fingeralphabets. Ich lege meine Hand so leicht auf die Hand des Sprechenden, daß keine ihrer Bewegungen gehemmt wird. Die Stellung der Hand ist ebenso leicht zu fühlen wie zu sehen. Ich fühlte ebensowenig jeden Buchstaben wie andere jeden Buchstaben für sich sehen, wenn sie lesen. Beständige Uebung macht die Finger äußerst biegsam, und einige meiner Freunde buchstabieren sehr rasch, beinahe so rasch, wie jemand auf der Schreibmaschine schreibt. Das bloße Buchstabieren ist selbstverständlich in nicht höherem Grade eine bewußte Handlung als das Schreiben.
Als ich mir die Sprache angeeignet hatte, konnte ich es kaum erwarten, nach Hause zu kommen. Endlich nahte der glückliche Augenblick. Während der Rückreise hatte ich fortwährend mit Fräulein Sullivan gesprochen, nicht um zu sprechen, sondern um mich bis zur letzten Minute zu vervollkommnen.Fast ehe ich es ahnte, hielt der Zug auf dem Bahnhofe in Tuscumbia, und auf dem Perron stand die ganze Familie. Meine Augen füllen sich noch jetzt mit Tränen, wenn ich daran denke, wie mich meine Mutter sprachlos und zitternd vor Freude an ihr Herz drückte und auf jede Silbe, die ich sprach, atemlos lauschte, während die kleine Mildred meine freie Hand ergriff, sie küßte und umhertanzte, und mein Vater seinen Stolz und seine Liebe durch tiefes Schweigen bekundete. Es war, als sei Jesaias Prophezeiung an mir in Erfüllung gegangen: Die Berge und Hügel werden vor dir Lieder anstimmen, und alle Bäume des Feldes werden vor Freude in ihre Hände klatschen.
[5]Vergl. HelensBrief S. 161 ff.und Fräulein SullivansBericht S. 311 ff.
[5]Vergl. HelensBrief S. 161 ff.und Fräulein SullivansBericht S. 311 ff.
[5]Vergl. HelensBrief S. 161 ff.und Fräulein SullivansBericht S. 311 ff.