Einundzwanzigstes Kapitel.
Bücherstudium. — Rückblick. — Bibliothek in Boston. — Heißhunger auf Bücher. — »Little Lord Fauntleroy«. — Lafontaines Fabeln. — Begeisterung für das griechische Altertum. — Ilias. — Aeneis. — Bibel. — Shakespeare: Macbeth, König Lear. — Geschichte. — Deutsche Literatur. — Französische Literatur. — Mark Twain. — Scott.
Bisher habe ich die Ereignisse meines Lebens kurz skizziert, aber noch nicht davon gesprochen, wieviel ich den Büchern verdanke, nicht nur hinsichtlich des Genusses und der Belehrung, die sie allen bringen, die da lesen, sondern auch betreffs jener Kenntnisse, die andere durch Vermittelung ihrer Augen und Ohren erhalten. In der Tat haben Bücher in der Geschichte meiner Bildung eine soviel wesentlichere Rolle gespielt als bei anderen, daß ich bis auf die Zeit zurückgreifen muß, da ich lesen lernte.
Meine erste zusammenhängende Geschichte las ich im Mai 1887, als ich sieben Jahre alt war, und von jenem Tage an bis zum gegenwärtigen Augenblicke habe ich alles, was in der Gestalt eines Hochdruckes in den Bereich meinerheißhungrigen Fingerspitzen geriet, förmlich verschlungen. Wie ich bereits erwähnt habe, erhielt ich während der ersten Jahre meiner Erziehung keinen regelmäßigen Unterricht; auch las ich nicht regelmäßig.
Zuerst besaß ich nur wenig Bücher in Hochdruck — »Fibeln« für Anfänger, eine Sammlung von Kindergeschichten und ein geographisches Buch, »Our World«. Ich denke, das war alles; aber ich las sie immer und immer wieder, bis die Worte so abgenutzt und abgegriffen waren, daß ich sie kaum noch erkennen konnte. Bisweilen las mir Fräulein Sullivan vor, indem sie mir kleine Geschichten und Gedichte in die Hand buchstabierte, von denen sie wußte, daß ich sie verstehen konnte; ich zog es jedoch vor, für mich selbst zu lesen, weil ich es liebte, das, was mir gefiel, immer und immer wieder zu lesen.
Erst während meines ersten Besuches in Boston begann ich systematisch und mit vollem Ernste zu lesen. Es war mir gestattet worden, an jedem Tage eine bestimmte Zeit in der Bibliothek zu verweilen, von Bücherbrett zu Bücherbrett zu gehen und mir jedes Buch herunterzunehmen, auf das meine Finger stießen. Und ich las und las, ob ich nun ein Wort von zehn oder zwei Wörter auf einer Seite verstand. Die Wörter selbst übten eine Art von Zauber auf mich aus; aber ich hatte kein bewußtes Verständnis für das, was ich las. Mein Geist muß jedoch zu dieser Zeit sehr eindrucksfähig gewesen sein, denn er behielt viele Wörter und ganze Sätze, von deren Bedeutung ich nicht die mindeste Ahnung hatte, und als ich später zu sprechen und zu schreiben begann, kamen mir diese Wörter und Sätze ganz von selbst wieder ins Gedächtnis, sodaß sich meine Freunde über die Reichhaltigkeit meines Wortschatzes wunderten. Ich muß Abschnitte aus vielen Büchern (in jenen frühen Tagen habe ich, wie ich glaube, nie ein Buch vollständig gelesen) und eine große Menge Gedichte auf jene unverstandene Art gelesen haben, bisich den »Little Lord Fauntleroy« entdeckte. Dies war das erste zusammenhängende Buch, das ich mit Verständnis las.
Eines Tages fand mich meine Lehrerin in einer Ecke der Bibliothek, wie ich meine Finger über die Seiten von Hawthornes »The Scarlet Letter« gleiten ließ. Ich war damals ungefähr acht Jahre alt. Ich erinnere mich, daß sie mich fragte, ob mir little Pearl gefalle, und erklärte mir einige Worte, die ich nicht verstanden hatte. Dann erzählte sie mir, sie habe eine wunderhübsche Geschichte von einem kleinen Knaben, die mir sicherlich besser gefallen würde als »The Scarlet Letter«. Der Titel dieser Geschichte lautete »Little Lord Fauntleroy«, und sie versprach es mir im nächsten Sommer vorzulesen. Aber wir begannen mit dieser Lektüre erst im August; die ersten paar Wochen meines Aufenthaltes an der Küste waren so voller Entdeckungen und Aufregungen, daß ich darüber das Vorhandensein von Büchern ganz und gar vergaß. Dann reiste meine Lehrerin nach Boston, um einige Freunde zu besuchen, und ließ mich kurze Zeit allein.
Nach ihrer Rückkehr war beinahe das erste, was wir taten, daß wir die Geschichte von dem »kleinen Lord Fauntleroy« zu lesen begannen. Ich erinnere mich noch deutlich der Zeit und des Platzes, wo wir die ersten Kapitel dieser reizenden Kindergeschichte lasen. Es war ein warmer Augustnachmittag. Wir saßen zusammen in einer Hängematte, die zwischen zwei mächtigen Fichten in der Nähe unseres Hauses befestigt war. Wir waren gleich nach dem zweiten Frühstück aufgebrochen, um möglichst viel Zeit für die Geschichte zu haben. Als wir durch das hohe Gras zu der Hängematte eilten, sprangen die Grillen in großer Menge um uns herum und blieben an unseren Kleidern hängen, und ich entsinne mich, daß meine Lehrerin darauf bestand, sie alle abzusammeln, ehe wir uns hinsetzten, was mir jedoch als unnötiger Zeitverlust erschien. Die Hängematte warmit Fichtennadeln bedeckt, denn sie war während der Abwesenheit meiner Lehrerin nicht benutzt worden. Die Sonne schien warm auf die Fichtennadeln, sodaß sie all ihren Wohlgeruch ausströmten. Die Luft war erquickend und hatte etwas von der Seeluft an sich. Ehe wir zu lesen begannen, erklärte mir Fräulein Sullivan alles, wovon sie wußte, daß ich es nicht verstehen würde, und während des Lesens selbst erklärte sie mir die unbekannten Wörter. Anfänglich waren es sehr viele Wörter, die ich nicht verstand, und die Lektüre wurde beständig unterbrochen; sobald ich aber die allgemeine Situation aufgefaßt hatte, wurde ich von der Erzählung selbst zu stark in Anspruch genommen, als daß ich auf einzelne Wörter geachtet hätte, und ich fürchte, ich paßte sehr wenig auf die Erläuterungen auf, die Fräulein Sullivan für nötig fand. Als ihre Finger zu müde waren, um noch ein weiteres Wort zu buchstabieren, hatte ich zum erstenmal ein deutliches Empfinden von meinem körperlichen Gebrechen. Ich nahm das Buch in meine Hände und versuchte die Buchstaben mit einer Sehnlichkeit des Verlangens zu fühlen, die ich nie werde vergessen können.
Später übertrug Herr Anagnos auf mein inständiges Bitten die Erzählung in die Blindenschrift, und ich las sie immer und immer wieder, bis ich sie beinahe auswendig kannte, und während meiner Kinderzeit blieb der »kleine Lord Fauntleroy« mein holder, lieber Begleiter. Ich habe diese Einzelheiten mitgeteilt, selbst auf die Gefahr hin, langweilig zu erscheinen, weil sie in so starkem Gegensatze zu meinen sonstigen unbestimmten, schwankenden und verworrenen Erinnerungen an meine erste Lektüre stehen.[10]
Von »Little Lord Fauntleroy« datiert sich der Beginn meines wirklichen Interesses an Büchern. Während dernächsten beiden Jahre las ich viele Bücher zu Hause und bei meinen Besuchen in Boston. Ich kann mich nicht auf alle entsinnen, auch nicht, in welcher Reihenfolge ich sie gelesen habe; aber ich weiß, daß sich unter ihnen befanden »Greek Heroes«, Lafontaines Fabeln, Hawthornes »Wonder Book«, »Bible Stories«, Lambs »Tales from Shakespeare«, »A Child’s History of England« von Dickens, »The Arabian Nights«, »The Swiss Family Robinson«, »The Pilgrim’s Progress«, »Robinson Crusoe«, »Little Women« und »Heidi«, eine hübsche kleine Geschichte, die ich später deutsch las. Ich las sie in den Pausen zwischen Unterricht und Spiel, mit einem sich immer mehr vertiefenden Verständnis. Ich studierte die Bücher nicht, noch analysierte ich sie — ich wußte nicht, ob sie gut geschrieben waren oder nicht, ich dachte weder an ihren Stil noch an ihre Verfasser. Sie legten mir ihre Schätze zu Füßen, und ich nahm sie hin, wie wir den Sonnenschein und die Liebe unserer Angehörigen hinnehmen. Die Erzählung »Little Women« gefiel mir sehr gut, weil sie in mir das Gefühl der Verwandtschaft mit Mädchen und Knaben erweckte, die sehen und hören konnten. Da mein Leben in so vielen Beziehungen eingeengt war, mußte ich in Büchern nach der Kunde von einer Welt suchen, die außerhalb meiner eigenen lag.
Lafontaines Fabeln las ich zuerst in einer englischen Uebersetzung, fand aber keinen rechten Geschmack an ihnen. Später las ich das Buch französisch; es gefiel mir aber trotz der in ihm enthaltenen lebhaften Schilderungen und der wunderbaren Beherrschung der Sprache nicht besser. Ich weiß nicht, woher dies kommen mag, aber Geschichten, in denen Tiere vorkommen, die wie menschliche Wesen sprechen und handeln, haben mich niemals besonders angesprochen. Die possierlichen Karikaturen der Tiere nehmen mein Interesse so in Anspruch, daß ich an die moralische Lehre gar nicht zu denken vermag.
Ferner wendet sich Lafontaine selten, wenn überhaupt, an unser höheres moralisches Bewußtsein. Die höchsten Saiten, die er anschlägt, sind die der Vernunft und des Egoismus. Alle seine Fabeln durchzieht der Gedanke, daß die Sittlichkeit des Menschen ausschließlich aus dem Egoismus entspringe und daß, wenn dieser letztere durch die Vernunft geleitet und im Zaum gehalten werde, notwendig Glückseligkeit die Folge sein müsse. Nun ist aber, soweit ich zu urteilen vermag, der Egoismus die Wurzel alles Schlechten; ich habe aber natürlich vielleicht unrecht, denn Lafontaine hatte bessere Gelegenheit, die Menschen zu beobachten, als ich wahrscheinlich je haben werde. Ich wende mich nicht sowohl gegen die cynischen und satirischen Fabeln, wie vielmehr gegen diejenigen, in denen wichtige Wahrheiten von Füchsen und Affen gepredigt werden.
Wohl aber liebe ich »The Jungle Book« und »Wild Animals I Have Known«. Für die Tiere selbst empfinde ich ein wahrhaftes Interesse, weil sie wirkliche Tiere und keine Karikaturen von Menschen sind. Man sympathisiert mit ihrer Liebe und ihrem Hasse, man lacht über ihre Possen und weint über ihre Leiden. Und wenn sie eine moralische Lehre verkünden, so ist diese so fein versteckt, daß wir uns ihrer gar nicht bewußt werden.
Mit Freude und Bewunderung erfüllte mich die Betrachtung des klassischen Altertums. Griechenland, das alte Griechenland übte einen geheimnisvollen Zauber auf mich aus. In meiner Phantasie wandelten die heidnischen Götter und Göttinnen noch auf Erden und verkehrten persönlich mit den Menschen, und in meinem Herzen baute ich denen, die ich am meisten liebte, Altäre. Ich kannte und liebte die ganze Schar der Nymphen und Helden und Halbgötter — nein, nicht alle, denn die Grausamkeit und Leidenschaftlichkeit Medeas und Jasons waren zu ungeheuerlich, um vergeben werden zu können, und ich habe mich stets gewundert, warum die Götter ihnen erst gestatteten, Böses zu tun, und sie dann für ihre Verruchtheit bestraften. Und das Geheimnis ist noch jetzt nicht gelöst. Ich wundere mich auch jetzt noch oft, warum
Gott schweigen kann, da doch die SündeKriecht grinsend durch das hehre Haus der Zeit. —
Gott schweigen kann, da doch die SündeKriecht grinsend durch das hehre Haus der Zeit. —
Gott schweigen kann, da doch die SündeKriecht grinsend durch das hehre Haus der Zeit. —
Gott schweigen kann, da doch die Sünde
Kriecht grinsend durch das hehre Haus der Zeit. —
Es war die Ilias, die mir Griechenland zum Paradiese machte. Ich war mit der Geschichte von Troja vertraut, ehe ich sie noch im Original las, und stieß infolgedessen auf geringe Schwierigkeiten, als ich daran ging, die Schätze, die in dem griechischen Text verborgen liegen, zu heben, nachdem ich einmal die Vorhalle der Grammatik durchschritten hatte. Wahre Poesie, mag sie in griechischer oder englischer Sprache geschrieben sein, bedarf keines anderen Auslegers als eines empfänglichen Herzens. Möchte doch die Menge der Philologen, die die großen Werke der Dichter durch ihre Analyse, ihre Interpolationen und mühsamen Kommentare ungenießbar machen, diese einfache Wahrheit einsehen! Es ist nicht notwendig, daß man imstande sei, jedes Wort zu erklären und ihm seine grammatische Stellung im Satze anzuweisen, um ein schönes Gedicht zu verstehen und zu würdigen. Ich weiß, meine gelehrten Professoren haben größere Reichtümer in der Ilias gefunden, als ich je finden werde; ich bin aber nicht scheelsüchtig. Ich bins zufrieden, daß andere klüger sind als ich. Aber all ihr umfassendes und gründliches Wissen kann ebensowenig den Maßstab für ihren Genuß an dem herrlichen Epos abgeben wie mein lückenhaftes Wissen für meinen Genuß. Wenn ich die schönsten Stellen der Ilias lese, so werde ich mir einer Seelenkraft bewußt, die mich weit über die engen, mich einzwängenden Schranken meines Daseins hinaushebt. Meine physischen Gebrechen sind vergessen — meine Welt liegt droben, der ganze Himmel gehört mir, so weit und hoch er sich wölbt.
Meine Bewunderung für die Aeneis ist nicht so groß, aber nicht weniger echt. Ich lese sie soviel wie möglich ohne die Hilfe von Anmerkungen oder Wörterbuch und finde stets Genuß an der Uebersetzung der Episoden, die mir besonders gefallen. Vergils Schilderungen sind manchmal prachtvoll; aber seine Götter und Menschen bewegen sich in Leidenschaft, Streit, Mitleid und Liebe wie die anmutigen Gestalten in einem Maskenspiel aus der Zeit der Königin Elisabeth, während sie in der Ilias jauchzend emporspringen und singend einhergehen. Vergil ist heiter und lieblich wie ein marmorner Apollon im Mondschein; Homer ist ein schöner, lebender Jüngling im vollen Sonnenschein, dessen Locken im Winde flattern.
Wie leicht ist es doch, mittels papierner Schwingen zu fliegen! Zwischen den »Griechischen Helden« und der Ilias lag eine Strecke, die ich nicht an einem Tage habe zurücklegen können; auch war die Reise nicht allzu angenehm. Man hätte vielmal rund um die Erde reisen können, während ich mir meinen steilen Pfad mühsam durch labyrinthische Massen von Grammatiken und Wörterbüchern bahnte oder in jene furchtbaren Fallgruben, Examina genannt, stürzte, die von Schulen und Universitäten zum Verderben derer angelegt werden, die Erkenntnis suchen. Ich glaube, diese Pilgerfahrt wird durch die Erreichung des Zieles gerechtfertigt; allein sie erschien mir endlos trotz der schönen, überraschenden Ausblicke, die ich dann und wann bei einer Biegung der Straße hatte.
In der Bibel begann ich zu lesen, lange bevor ich sie verstehen konnte. Jetzt erscheint es mir seltsam, daß es je eine Zeit gegeben haben soll, in der meine Seele gegen die wunderbaren Harmonien der Bibel taub war; aber ich entsinne mich noch ganz gut eines regnerischen Sonntagvormittags, als ich nichts anderes zu tun hatte und daher meine Cousine bat, mir eine Geschichte aus der Bibel vorzulesen. Obgleich sie nichtglaubte, daß ich sie verstehen würde, begann sie mir die Geschichte von Josef und seinen Brüdern in die Hand zu buchstabieren. Aber sie interessierte mich nicht. Die ungewöhnliche Sprache und die fortwährenden Wiederholungen ließen mir die Geschichte als unglaubwürdig erscheinen, besonders da sie in dem weit entlegenen Lande Kanaan spielte; ich schlief ein und wanderte in das Land der Träume hinüber, ehe die Brüder mit dem bunten Rock in das Zelt Jakobs kamen und ihre verruchten Lügen vorbrachten! Ich kann nicht begreifen, aus welchem Grunde die Erzählungen der Griechen für mich so voller Reiz und die der Bibel so interesselos gewesen waren, wenn dies nicht vielleicht daher rührte, daß ich in Boston die Bekanntschaft mehrerer Griechen gemacht hatte und durch deren Begeisterung für die Sagen des Vaterlandes angesteckt worden war, während ich noch mit keinem einzigen Hebräer oder Aegypter zusammengekommen war und daher zu der Ueberzeugung gelangte, daß diese Völker nichts als Barbaren und die Geschichten über sie alle wahrscheinlich erdichtet seien, eine Annahme, die die vielen Wiederholungen und die sonderbaren Namen erklärte. Seltsam, es war mir nie eingefallen, die griechischen Patronymika »sonderbar« zu finden.
Wie soll ich aber von den Herrlichkeiten sprechen, die ich seitdem in der Bibel entdeckt habe? Jahrelang habe ich dieses Buch der Bücher mit immer wachsendem Entzücken und begeistertem Genuß gelesen, und ich liebe es, wie ich kein anderes Buch liebe. Es steht zwar vieles in der Bibel, gegen das sich jede Faser meines Wesens so sehr empört, daß ich die Notwendigkeit bedaure, die mich zwang, sie von Anfang bis zu Ende zu lesen. Ich glaube nicht, daß die Kenntnis, die ich von der Geschichte ihrer Entstehung und ihren Quellen gewonnen habe, mich für die widerwärtigen Einzelheiten entschädigt, auf die ich meine Aufmerksamkeit habe lenken müssen. Ich fürmeinen Teil wünsche mit Herrn Howells, daß die Literatur der Vergangenheit von allem häßlichen und barbarischen gesäubert werden möge, obgleich ich mich ebenso sehr dagegen sträube, daß diese großen Werke verstümmelt oder verfälscht werden.
In der Schlichtheit und der furchtbaren Folgerichtigkeit des Buches Esther liegt etwas Wirkungsvolles und Erhabenes. Kann etwas dramatischer sein als die Szene, in der Esther vor ihrem schändlichen Herrn steht? Sie weiß, ihr Leben liegt in seiner Hand, es gibt keinen Schutz für sie gegen seine Gewalttätigkeit. Und doch bezwingt sie ihre weibliche Furcht und nähert sich ihm, beseelt von der edelsten Liebe zu ihrem Volke und nur von dem einen Gedanken beherrscht: Wenn ich sterbe, so sterbe ich; wenn ich aber am Leben bleibe, so soll mein Volk auch am Leben bleiben.
Auch die Geschichte von Ruth — wie echt orientalisch ist sie! Und doch wie verschieden ist das Leben dieser einfachen Landleute von dem Leben und Treiben am Hofe des Perserkönigs! Ruth ist so pflichtgetreu und gutherzig, daß wir sie notgedrungen lieben müssen, wie sie unter den Schnittern in dem wogenden Kornfelde steht. Ihre edle, selbstlose Gesinnung glänzt hell wie ein strahlender Stern in der Nacht einer finsteren und grausamen Zeit. Eine Liebe wie die Ruths, eine Liebe, die sich über feindliche Glaubenssatzungen und tiefgewurzelte Rassenvorurteile hinwegzusetzen vermag, ist in der ganzen Welt selten zu finden.
Die Bibel predigt mir den tiefen, tröstlichen Gedanken, daß die „sichtbaren Dinge zeitlich, die unsichtbaren ewig sind“.
Seitdem ich Bücher zu lieben imstande bin, kann ich mich keines Zeitpunktes entsinnen, in dem ich Shakespeare nicht geliebt hätte. Ich kann nicht genau angeben, wann ich Lambs »Tales from Shakespeare« zu lesen begann; ich weiß nur, daß ichsie zuerst mit kindlichem Verständnis und kindlichem Staunen las. »Macbeth« scheint auf mich den tiefsten Eindruck gemacht zu haben. Ein einmaliges Lesen genügte, jede Einzelheit der Erzählung meinem Gedächtnisse für immer einzuprägen. Lange Zeit hindurch verfolgten mich die Geister und Hexen sogar bis in meine Träume. Ich konnte den Dolch und Lady Macbeths kleine weiße Hand sehen, buchstäblich sehen — der furchtbare Fleck stand so leibhaft vor meinem inneren Auge, wie die von ihrem Gewissen gefolterte Königin.
»König Lear« las ich kurze Zeit nach »Macbeth«, und ich werde nie das Grauen vergessen, das mich befiel, als ich zu der Szene kam, in der Gloster die Augen ausgestochen werden. Zorn erfaßte mich, meine Finger wollten nicht weiter, ich saß lange Zeit starr da, das Blut hämmerte in meinen Schläfen, und aller Haß, dessen ein Kind fähig ist, stieg in meinem Herzen auf.
Die Bekanntschaft mit Shylock und Satan muß ich ungefähr um dieselbe Zeit gemacht haben, denn die beiden Charaktere waren lange in meinem Geiste miteinander verbunden. Ich erinnere mich, daß sie mir leid taten. Ich hatte die unbestimmte Empfindung, daß sie nicht gut sein konnten, selbst wenn sie gewollt hätten, weil niemand bereit schien, ihnen zu helfen oder Gelegenheit zu bieten, ihre Güte zu betätigen. Selbst jetzt kann ich es nicht über mein Herz bringen, sie gänzlich zu verurteilen. Es gibt Augenblicke, in denen ich die Empfindung habe, Männer wie Shylock, wie Judas und selbst der Teufel seien zerbrochene Speichen in dem großen Rade des Guten, die der Meister zu gehöriger Zeit schon wieder ausbessern wird.
Es erscheint seltsam, daß meine erste Shakespeare-Lektüre so viele unangenehme Erinnerungen bei mir hinterlassen hat. Die heiteren, anmutigen, phantasievollen Stücke scheinen anfangs keinen Eindruck auf mich gemacht zu haben, vielleicht weil sieden Sonnenschein und die Heiterkeit, die in der Regel über dem Leben eines Kindes lagern, wiederspiegeln. Aber nichts ist launenhafter als das Gedächtnis eines Kindes betreffs dessen, was es behalten und was es nicht behalten will.
Seitdem habe ich Shakespeares Stücke zu wiederholtenmalen gelesen und kenne Stellen aus ihnen auswendig, aber ich kann nicht angeben, welches von ihnen mir am besten gefällt. Mein Genuß an ihnen wechselt mit meiner Stimmung. Die kleinen Liedchen und die Sonette schätze ich in ihrer wunderbaren Frische ebenso hoch wie die Dramen. Aber bei all meiner Liebe für Shakespeare fällt mir es oft schwer, aus seinen Versen alle Bedeutungen herauszulesen, die Kritiker und Erklärer ihnen untergeschoben haben. Ich habe den Versuch gemacht, ihre Erläuterungen zu behalten, aber ich habe bald entmutigt davon Abstand genommen, und einen heimlichen Vertrag mit mir selbst geschlossen, keinen weiteren Versuch zu unternehmen. Diesen Vertrag habe ich nur einmal gebrochen, und zwar bei meinem Studium Shakespeares unter Leitung Professor Kittredges. Ich weiß, es gibt viele Dinge in Shakespeare und in der Welt, die ich nicht verstehe, und ich bin froh, zu sehen, wie sich allmählich Schleier nach Schleier lüftet und mir neue Reiche des Gedankens und der Schönheit enthüllt.
Nächst der Poesie liebe ich Geschichte. Ich habe jedes historische Werk gelesen, auf das ich meine Hände habe legen können, von der Aufzählung trockener Tatsachen und noch trockenerer Daten bis hin zu Greens unparteiischer und glänzend geschriebener »History of the English People«; von Freemans »History of Europe« bis zu Emertons »Middle Ages«. Das erste Buch, durch das ich einen richtigen Begriff von dem Werte der Geschichte erhielt, war Swintons »World’s History«, die ich an meinem dreizehnten Geburtstage erhielt. Obgleich ich glaube, daß das Werk gegenwärtig als veraltet angesehenwird, betrachte ich es doch immer noch als einen wertvollen Schatz. Aus ihm habe ich gelernt, wie sich die Menschenrassen über die Erde verbreitet und große Städte erbaut haben, wie einige große Herrscher, irdische Titanen, alles unterworfen und durch ein einziges Wort Millionen den Zugang zum Glücke geöffnet, aber vor noch mehr Millionen denselben verschlossen haben, wie verschiedene Völker in Kunst und Wissenschaft Pionierdienste geleistet und den Grund zu den bedeutenderen Leistungen künftiger Zeiten gelegt haben, wie die Kultur gleichsam zum Brandopfer eines entarteten Geschlechtes wurde und einem Phönix gleich unter den edleren Söhnen des Nordens wieder erstand und wie große, weise Männer durch Pflege der Freiheit, Duldung und Bildung den Weg für die Erlösung der ganzen Welt gebahnt haben.
Durch die Universitätsvorlesungen wurde ich auch einigermaßen mit der französischen und deutschen Literatur bekannt. Der Deutsche zieht sowohl im Leben wie in der Literatur Kraft der Schönheit und Wahrheit dem Herkommen vor. Es liegt eine Stärke in allem, was er tut, die mit der Gewalt eines Schmiedehammers wirkt. Wenn er spricht, so geschieht es nicht, um andere zu überzeugen, sondern weil sein Herz springen würde, wenn er den Gedanken, die in seiner Seele brennen, keinen Ausweg eröffnete.
Ferner liegt in der deutschen Literatur eine keusche Zurückhaltung, die mir sympathisch ist; ihr größter Ruhm aber besteht meines Erachtens in der Anerkennung der erlösenden Macht der selbstaufopfernden Liebe des Weibes, die sich in ihr findet. Dieser Gedanke durchdringt die gesamte deutsche Literatur und findet in mystischer Weise seinen Ausdruck in Goethes »Faust«:
Alles VergänglicheIst nur ein Gleichnis;Das Unzulängliche,Hier wird’s Ereignis;Das Unbeschreibliche,Hier ist’s getan;Das Ewig-WeiblicheZieht uns hinan.[11]
Alles VergänglicheIst nur ein Gleichnis;Das Unzulängliche,Hier wird’s Ereignis;Das Unbeschreibliche,Hier ist’s getan;Das Ewig-WeiblicheZieht uns hinan.[11]
Alles VergänglicheIst nur ein Gleichnis;Das Unzulängliche,Hier wird’s Ereignis;Das Unbeschreibliche,Hier ist’s getan;Das Ewig-WeiblicheZieht uns hinan.[11]
Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche,
Hier wird’s Ereignis;
Das Unbeschreibliche,
Hier ist’s getan;
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.[11]
Von allen französischen Schriftstellern, die ich gelesen habe, sagen mir Molière und Racine am meisten zu. Bei Balzac finden sich einzelne Schönheiten und bei Merimée Stellen, die wie ein frischer Windstoß von der See her wirken. Alfred de Musset ist unmöglich. Ich bewundere Victor Hugo — ich schätze sein Genie, seine glänzende Sprache, seine Romantik; trotzdem gehört er nicht zu meinen Lieblingsschriftstellern. Goethe und Schiller, überhaupt alle großen Dichter großer Völker sind Verkünder ewiger Wahrheiten, und mein Geist folgt ihnen verehrungsvoll in die Regionen, wo das Schöne, Wahre, Gute eins sind.
Ich fürchte, ich bin in der Aufzählung meiner Lieblingsbücher zu ausführlich geworden, und doch habe ich nur die Schriftsteller erwähnt, die mir am besten gefallen; dabei könnte man leicht auf die Vermutung kommen, daß mein Freundeskreis sehr engbegrenzt und undemokratisch sei, und doch wäre dies ein gewaltiger Irrtum. Ich habe viele Schriftsteller ausmancherlei Gründen gern, — Carlyle wegen seiner Rauheit und seiner Verhöhnung alles falschen Wesens, Wordsworth, der die Einheit von Mensch und Natur lehrt; ich finde einen hohen Genuß an den Seltsamkeiten und Abenteuerlichkeiten Hoods, an Herricks Zierlichkeit und dem Duft von Rosen und Lilien, den seine Verse ausströmen; ich liebe Whittier wegen seiner Begeisterung und sittlichen Geradheit. Ich kenne ihn persönlich, und die Erinnerung an unsere Freundschaft verdoppelt den Genuß, den ich beim Lesen seiner Gedichte empfinde. Ich liebe Mark Twain — wer tut dies nicht? Auch die Götter haben ihn geliebt und in sein Herz alle Keime der Weisheit gepflanzt, auch aus Furcht, er könne Pessimist werden, über seinen Geist den Regenbogen der Liebe und des Glaubens gespannt. Ich liebe Scott wegen seiner Frische, und seiner stürmisch sich Bahn brechenden Rechtlichkeit. Ich liebe alle Schriftsteller, deren Empfindungen wie bei Lowell in dem Sonnenschein des Optimismus emporquellen, Jungbrunnen der Freude und des guten Willens, die gelegentlich auch einen Zornesspritzer von sich geben und eine erquickende Atmosphäre von Liebe und Erbarmen um sich her verbreiten.
Mit einem Worte, die Literatur ist mein Utopien. Hier bin ich von keinem Rechte ausgeschlossen. Keine Sinnesschranke schließt mich von dem wohltuenden, genußreichen Verkehr mit meinen Lieblingsbüchern aus; sie sprechen frei und unbehindert zu mir. Alle Schulweisheit erscheint mir lächerlich gering gegenüber der „weltumspannenden Liebe und himmlischen Barmherzigkeit“, die sich in ihnen ausspricht.
[10]Vergl.S. 67,154.[11]Im Original sind die Goetheschen Verse in einer, nebenbei bemerkt mittelmäßigen, englischen Uebersetzung wiedergegeben und lauten hier:“All things transitoryBut as symbols are sent.Earth’s insufficiencyHere grows to event.The indescribableHere it is done.The Woman-Soul leadeth usUpward and on!”
[10]Vergl.S. 67,154.
[10]Vergl.S. 67,154.
[11]Im Original sind die Goetheschen Verse in einer, nebenbei bemerkt mittelmäßigen, englischen Uebersetzung wiedergegeben und lauten hier:“All things transitoryBut as symbols are sent.Earth’s insufficiencyHere grows to event.The indescribableHere it is done.The Woman-Soul leadeth usUpward and on!”
[11]Im Original sind die Goetheschen Verse in einer, nebenbei bemerkt mittelmäßigen, englischen Uebersetzung wiedergegeben und lauten hier:
“All things transitoryBut as symbols are sent.Earth’s insufficiencyHere grows to event.The indescribableHere it is done.The Woman-Soul leadeth usUpward and on!”
“All things transitoryBut as symbols are sent.Earth’s insufficiencyHere grows to event.The indescribableHere it is done.The Woman-Soul leadeth usUpward and on!”
“All things transitoryBut as symbols are sent.Earth’s insufficiencyHere grows to event.The indescribableHere it is done.The Woman-Soul leadeth usUpward and on!”
“All things transitory
But as symbols are sent.
Earth’s insufficiency
Here grows to event.
The indescribable
Here it is done.
The Woman-Soul leadeth us
Upward and on!”