Helen Keller als Schriftstellerin.

Helen Keller als Schriftstellerin.

Helen Kellers hervorragende stilistische Begabung und deren Pflege. — Gute Lektüre. — Unausgesetzte Kontrolle der Stilübungen Helens durch Fräulein Sullivan. — Fräulein Sullivans Darstellung der Episode mit dem »Frostkönig«. — Gegenüberstellung der beiden Fassungen des Märchens. — Fräulein Canbys Aeußerungen über den Zwischenfall. — Allgemeine Betrachtungen über den »Frostkönig«. — Kleinerer Aufsatz Helens über ihr Traumleben.

Niemand kann Fräulein Kellers Selbstbiographie lesen, ohne die Empfindung zu haben, daß sie ein außergewöhnlich gutes Englisch schreibt. Jeder Aufsatzlehrer weiß, daß er seine Schüler dahin bringen kann, ohne syntaktische und phraseologische Fehler zu schreiben. Eben diese Korrektheit ist es, die sich Fräulein Kellers früheste Erziehung als ein Ziel gesteckt hat, das jedes gesunde Kind erreichen kann, für die aber auch die Analysis dieser Erziehung eine Erklärung bietet. Diejenigen, die Helen zu einer Ausnahme stempeln möchten, die sich durch keinerlei Analyse ihrer ersten Erziehung erklären ließe, berufen sich zur Unterstützung ihrer Behauptung auf die außerordentliche Gewandtheit, mit der sie schon als Kind die Sprache handhabte.

Diese Berufung ist bis zu einem gewissen Grade gerechtfertigt, denn in der Tat sind der Wohllaut der Sprache und die Schönheit der Gedanken, die den vollendeten Stil ausmachen, freie Gaben der Götter. Kein Lehrer hätte Helen für die Schönheiten der Sprache und das feinere Herüber- und Hinüberspielen der Gedanken empfänglich machen können, das seinen Ausdruck in wohlklingenden Wortzusammenstellungen sucht.

Andererseits kann aber die angeborene stilistische Begabung unterdrückt oder gepflegt werden. Kein Genie vermag aus sich selbst heraus eine schöne Sprache zu schaffen. Der Stoff, aus welchem sich der gute Stil bildet, muß dem Geiste inguter Form von außen her zugeführt werden. Kein noch so begabtes Kind wird ein gutes Englisch schreiben können, wenn es nicht von Jugend auf gutes Englisch gehört hat. In diesem Punkte, wie in allen anderen, hat sich Fräulein Sullivan als weise Lehrerin bewährt. Hätte sie kein Gefühl und keine Begeisterung für gutes Englisch besessen, so würde Helen Keller unter dem Einfluß der »Jugendliteratur« aufgewachsen sein, die unter dem Vorwande eines für Kinder berechneten einfachen Stils das Niveau der Sprache herunterdrückt, als ob Kinderbücher nicht auch in gutem Stile abgefaßt sein könnten, wie z. B. Robinson Crusoe.

Schriebe Fräulein Sullivan ein gewähltes Englisch, so ließe sich die Schönheit von Helen Kellers Stil zum Teil unmittelbar erklären. Aber die mitgeteilten Auszüge aus Fräulein Sullivans Briefen und Berichten weisen, obgleich sie klar und deutlich sind, nicht die Schönheit auf, durch die sich Helen Kellers Englisch auszeichnet. Was sie als Lehrerin des Englischen geleistet hat, darf nicht nach ihrer eigenen stilistischen Gewandtheit bemessen werden. Der Grund, weswegen sie ihrer Schülerin so viele gute Bücher vorlas, liegt zum Teil darin, daß sie erst vor kurzem ihr Augenlicht wieder erlangt hatte. Als sie Helen Kellers Lehrerin wurde, war sie eben erst zum Bewußtsein der in den Büchern ruhenden Schätze erwacht, von denen sie während der langen Jahre ihrer Blindheit ausgeschlossen gewesen war.

In Hauptmann Kellers Bibliothek fand sie ausgezeichnete Bücher vor: Lambs »Tales from Shakespeare« und die noch vortrefflicheren Schriften von Montaigne. Nach Ablauf des ersten, dem Elementarunterricht gewidmeten Jahres betrachtete sie ihre Schülerin als mit ihr auf demselben Standpunkt stehend, und nun lasen beide die guten Bücher zusammen, und erfreuten sich an ihnen.

Außer der Wahl guter Bücher gibt es noch einen anderen Grund für Fräulein Kellers ausgezeichnete schriftstellerische Leistungen, der Fräulein Sullivans ausschließliches Verdienst ist. Es ist die unermüdliche und unablässige Kontrolle, die sie in ihrer gesamten Tätigkeit kundgibt. Sie gestattete ihrer Schülerin niemals, einen Brief abzuschicken, der Verstöße gegen den guten Geschmack enthielt, sondern ließ sie ihn immer und immer wieder abschreiben, bis er nicht nur fehlerlos, sondern auch gut stilisiert war.

Ein weiterer Umstand, der zu Helen Kellers meisterhafter Beherrschung der englischen Sprache beigetragen hat, besteht gerade darin, daß sie des Gesichts und Gehörs beraubt ist. Die Nachteile der Taubheit und Blindheit waren überwunden worden, und die Vorteile blieben. Sie zeichnet sich vor anderen Tauben aus, weil sie unterrichtet wurde, als wäre sie normal. Andererseits veranlaßt sie der spezielle Wert, den die Sprache für sie hat (während die Vollsinnigen diese als ebenso selbstverständlich betrachten wie den Gebrauch ihrer rechten Hand), zum Nachdenken über die Sprache und zu deren Wertschätzung. Die Sprache war Helens Befreierin, die sie vom ersten Augenblick an liebte.

Den besten Beweis für Helens frühzeitige Gewandtheit im Gebrauche der englischen Sprache liefert der Zwischenfall mit dem »Frostkönig«. Zu der Darstellung, welche Fräulein Keller selbst davon gibt,[29]tritt ergänzend ein Brief Fräulein Sullivans an den Leiter des »Volta-Bureau« John Hitz in Washington. Es heißt darin unter anderem:

„Vielleicht entsinnen Sie sich, daß in meinem Aufsatz,[30]in dem ich Helens ungewöhnliches Gedächtnis erwähne, sich auch die Bemerkung findet, daß sie in ihrem Geist viele Ausdrucksformen zu bewahren scheint, die sie zu der Zeit, als sie ihr mitgeteilt wurden, wahrscheinlich noch nicht verstand, daß aber mit fortschreitender Entwickelung die in ihrem Gedächtnis aufbewahrte Sprache ganz oder teilweise ihren Ausdruck in Helens Unterhaltung oder ihren schriftlichen Aeußerungen findet, je nachdem sich diese Ausdrucksformen mehr oder weniger ihren neuen Erfahrungen anpassen.[31]Zweifellos ist dies bei jedemintelligenten Kinde der Fall und verdient vielleicht bei Helen nur von dem Gesichtspunkte aus besondere Erwähnung, daß man von einem des Gesichts und Gehörs beraubten Kinde nicht eine so bedeutende geistige Begabung erwartet, wie sie dieses kleine Mädchen tatsächlich zeigt. Es ist daher auch sehr leicht möglich, daß wir geneigt sind, vieles, was wir in Helens Entwickelung entdecken, als wunderbar zu betrachten, was aber in der Tat eine solche Bezeichnung gar nicht verdient.

Ich möchte hinzufügen, daß, während ich nie verkannt habe, daß Helen vielfach Gebrauch von solchen Schilderungen und Vergleichen machte, wie sie ihrer lebhaften Phantasie und feinen poetischen Natur entsprachen, mich neuere Beobachtungen davon überzeugt haben, daß ich früher noch nicht in vollem Maße erkannt habe, bis zu welchem Grade sie sich die Sprache ihrer Lieblingsschriftsteller zu eigen macht. In den ersten Jahren ihrer Erziehung hatte ich volle Kenntnis von allen Büchern, die sie las, und von nahezu allen Erzählungen, die wir ihr vorlasen, und konnte ohne Schwierigkeit die Quelle aller Anlehnungen feststellen, die ich in ihren schriftlichen Aeußerungen oder ihrer Unterhaltung bemerkte, und ich habe mich immer recht gefreut, zu beobachten, wie angemessen sie die Ausdrücke eines Lieblingsschriftstellers in ihren eigenen Ausarbeitungen anwendet.

Die folgenden Auszüge aus einigen ihrer veröffentlichten Briefe beweisen, wie stark dieses Vermögen, eine schöne Sprache im Gedächtnis zu bewahren, bei ihr ausgebildet ist. An einem schönen sonnigen Tage zu Beginn des Frühlings, den wir im Norden zubrachten, schien die balsamische Atmosphäre in ihr die Empfindung geweckt zu haben, die Longfellow im »Hiawatha« ausspricht, und sie singt beinahe mit dem Dichter: Die Erde erzitterte unter dem Jubel des neuerwachenden Lebens. Mein Herz sang vor lauter Freude. Ich dachte anmein teures Vaterhaus. Ich wußte, daß in jenem sonnigen Lande der Lenz schon in all seiner Pracht erschienen war, mit all seinen Vögeln und all seinen Blüten, all seinen Blumen und seinen Gräsern. —

Um dieselbe Zeit gibt sie in einem Briefe an eine Freundin, in dem sie ihrer südlichen Heimat gedenkt, eine so genaue Umschreibung eines Gedichtes eines ihrer Lieblingsschrifststeller, daß ich die Auszüge aus Helens Brief und dem Gedichte selbst nebeneinanderstellen möchte.[A]

Aus Helens Brief.The blue-bird with his azure plumes, the thrush clad all in brown, the robin jerking his spasmodic throat, the oriole drifting like a flake of fire, the jolly bobolink and his happy mate, the mockingbird imitating the notes of all, the red-bird with his one sweet trill, and the busy little wren, are all making the trees in our front yard ring with their glad songs.Aus dem »Spring« betitelten Gedichte von Oliver Wendell Holmes.The blue-bird, breathing from his azure plumesThe fragrance borrowed from the myrtle blooms;The thrush, poor wanderer, dropping meekly down,Clad in his remnant of autumnal brown;The oriole, drifting like a flake of fireRent by a whirlwind from a blazing spire;The robin, jerking his spasmodic throat,Repeats imperious, his staccato note;The crack-brained bobolink courts his crazy mate,Poised on a bullrush tipsy with his weight:Nay, in his cage the lone canary sings,Feels the soft air, and spreads his idle wings.

Aus Helens Brief.

The blue-bird with his azure plumes, the thrush clad all in brown, the robin jerking his spasmodic throat, the oriole drifting like a flake of fire, the jolly bobolink and his happy mate, the mockingbird imitating the notes of all, the red-bird with his one sweet trill, and the busy little wren, are all making the trees in our front yard ring with their glad songs.

Aus dem »Spring« betitelten Gedichte von Oliver Wendell Holmes.

The blue-bird, breathing from his azure plumesThe fragrance borrowed from the myrtle blooms;The thrush, poor wanderer, dropping meekly down,Clad in his remnant of autumnal brown;The oriole, drifting like a flake of fireRent by a whirlwind from a blazing spire;The robin, jerking his spasmodic throat,Repeats imperious, his staccato note;The crack-brained bobolink courts his crazy mate,Poised on a bullrush tipsy with his weight:Nay, in his cage the lone canary sings,Feels the soft air, and spreads his idle wings.

The blue-bird, breathing from his azure plumesThe fragrance borrowed from the myrtle blooms;The thrush, poor wanderer, dropping meekly down,Clad in his remnant of autumnal brown;The oriole, drifting like a flake of fireRent by a whirlwind from a blazing spire;The robin, jerking his spasmodic throat,Repeats imperious, his staccato note;The crack-brained bobolink courts his crazy mate,Poised on a bullrush tipsy with his weight:Nay, in his cage the lone canary sings,Feels the soft air, and spreads his idle wings.

The blue-bird, breathing from his azure plumes

The fragrance borrowed from the myrtle blooms;

The thrush, poor wanderer, dropping meekly down,

Clad in his remnant of autumnal brown;

The oriole, drifting like a flake of fire

Rent by a whirlwind from a blazing spire;

The robin, jerking his spasmodic throat,

Repeats imperious, his staccato note;

The crack-brained bobolink courts his crazy mate,

Poised on a bullrush tipsy with his weight:

Nay, in his cage the lone canary sings,

Feels the soft air, and spreads his idle wings.

In einem Briefe an eine Freundin im Perkinsschen Institute vom 17. Mai 1889 gibt sie eine Nachbildung eines Andersenschen Märchens, das ich ihr kurz zuvor vorgelesen hatte.[32]

Ihre Bewunderung für die eindrucksvollen Belehrungen, die Bischof Brooks ihr über die Vaterliebe Gottes erteilt hatte, war sehr groß. In einem seiner Briefe spricht er davon, wie Gott uns in allen Dingen von seiner Liebe predigt, und sagt: Er schreibt auf alle Wände des großen Hauses der Natur, in dem wir leben, daß er unser Vater ist. Im darauffolgenden Jahre sagte sie in Andover: Die Welt scheint mir voller Güte, Schönheit und Liebe zu sein, und wie dankbar müssen wir unserem himmlischen Vater sein, der uns so viel Veranlassung zur Freude gegeben hat! Seine Liebe und Treue stehen mit großen Lettern auf allen Wänden der Natur geschrieben. —

Später, als Helen mit so vielen Menschen in Berührung kam, die sich ungezwungen mit ihr unterhalten konnten, wurde sie mit manchen Werken bekannt, von denen ich nichts wußte; auch fand sie in Hochdruckbüchern, bei deren Lektüre ich ihr nicht folgen konnte, viel Material zur Ausbildung ihres Geschmackes an poetischen Schilderungen. Die Blätter des Buches, das sie liest, werden ihr zu Gemälden, denen ihre Phantasie Leben und Farbe verleiht. Die Bilder, die die Sprache des Buches in ihrem Gedächtnis zurückläßt, scheinen einen unauslöschlichen Eindruck auf sie zu machen, und oft, wenn sie einer ähnlichen Situation gegenübersteht, strömt dieselbe Sprache mit wunderbarer Genauigkeit wieder hervor.

Helens Geist ist so geartet, daß die leiseste Anregung genügt, ihr die denkbar größte Fülle äußerer Eindrücke zu vermitteln. Als wir eines Tages in Alabama in der Nähe derQuellen an den Hügelabhängen Feldblumen pflückten, schien sie gleich beim ersten Male zu begreifen, daß die Quellen von Bergen umgeben seien, und rief aus: Die Berge drängen sich um die Quellen, um ihr eigenes schönes Spiegelbild zu betrachten. — Ich weiß nicht, woher sie diese Ausdrücke hatte; doch ist soviel klar, daß sie ihr von außen zugeflossen sein müssen, da es für ein des Gesichtes beraubtes Kind wohl schwerlich möglich sein dürfte, von selbst auf eine solche Vorstellung zu verfallen. In der Schilderung eines Ausflugs nach Lexington schreibt sie: — Während wir weiterfuhren, konnten wir sehen, wie die Herrscher des Waldes ihre stolzen Wipfel zu den kleinen Kindern des Waldbodens niederbeugten, um den Geheimnissen zu lauschen, die diese ihnen zuflüsterten. Die Anemone, das wilde Veilchen, das Leberblümchen und die komischen kleinen aufgerollten Farne schauten uns alle unter den braunen Blättern hervor an. — Sie schließt ihren Brief mit den Worten: Ich muß zu Bett gehen, denn Morpheus hat meine Augenlider mit seinem goldenen Stabe berührt. —

Schon zwei Jahre vor dem Zwischenfall mit dem »Frostkönig« hatte Helen in einem Briefe an Herrn Anagnos (vom 2. und 3. Februar 1890) den wesentlichen Inhalt eines anderen Märchens von Fräulein Canby, »The Rose Fairies« als einen Traum erzählt, den sie vor langer Zeit gehabt habe.[33]

Es mögen nun die beiden Fassungen der Frostmärchen einander gegenübergestellt werden.[B]

Die Frostelfen.(Aus »Birdie und seine Freunde, die Elfen«)von Margaret T. Canby.König Frost oder Jack Frost, wie er mitunter genannt wird, wohnt in einem kalten Lande fern im Norden; aber jedesJahr unternimmt er eine Reise über die ganze Erde in einem Wagen von goldenen Wolken, der von einem starken, pfeilschnellen Rosse, »Nordwind« mit Namen, gezogen wird. Wohin ihn auch sein Weg führt, überall verrichtet er viele wunderbare Dinge: er schlägt Brücken über jeden Strom, die so durchsichtig wie Glas und dabei doch so fest wie Eisen sind; er schläfert die Blumen und Kräuter durch eine bloße Berührung mit seiner Hand ein, und sie beugen sich alle nieder und versinken in die warme Erde, bis der Frühling zurückkehrt; dann zaubert er, damit wir um die Blumen nicht weinen, an unseren Fensterscheiben liebliche Ranken und Zweige seiner weißen nordischen Blumen oder zarte kleine Wälder von Elfentannen hin, schlohweiß und gar prächtig anzusehen. Doch sein wunderbarstes Werk ist die Bemalung der Bäume, die nach Vollendung der Arbeit aussehen, als wären sie mit dem glänzendsten Gold und den funkelndsten Rubinen überzogen, und schön genug sind, um uns über die Flucht des Sommers zu trösten.Ich will euch nun erzählen, wie König Frost zuerst auf den Gedanken an eine solche Arbeit kam, denn es ist eine sonderbare Geschichte. Ihr müßt wissen, daß dieser König wiealle andern Könige große Schätze von Gold und Edelsteinen in seinem Palaste hatte; da er aber ein gutmütiger alter Mann ist, hält er seine Reichtümer nicht für immer verschlossen, sondern sucht mit ihrer Hilfe Gutes zu tun und andere glücklich zu machen. Er hat zwei Nachbarn, die noch weiter nördlich wohnen; der eine ist König Winter, ein rauher, unfreundlicher alter Fürst, der so hart und grausam ist, daß er sich freut, wenn er den Armen wehe tun und sie zum Weinen bringen kann. Der andere Nachbar aber ist Santa Claus, ein stattlicher, gutherziger, lustiger alter Mann, der gern Gutes tut und den Armen sowie den artigen Kindern zu Weihnachten Geschenke bringt.Nun, eines Tages dachte König Frost darüber nach, was er wohl mit seinem Schatze gutes stiften könne, und entschloß sich einen Teil seinem freundlichen Nachbar Santa Claus zum Einkauf von Lebensmitteln und Kleidern für die Armen zu schicken, damit diese nicht so viel zu leiden hätten, wenn König Winter sich ihren Häusern näherte. So rief er seine lustigen kleinen Elfen zusammen, zeigte ihnen eine Anzahl von Gefäßen und Vasen voller Gold und Edelsteine und befahl ihnen, diese sorgsam nach dem PalasteSanta Claus’ zu tragen und sie ihm mit Empfehlungen von König Frost zu übergeben. Er wird schon wissen, wie er den Schatz am besten verwenden soll, setzte Jack Frost hinzu; dann befahl er den Elfen, sich unterwegs nicht aufzuhalten, sondern sein Gebot rasch auszuführen.Die Elfen versprachen Gehorsam und machten sich bald auf den Weg, indem sie die großen gläsernen Gefäße und Vasen nachschleppten, so gut sie konnten, und ab und zu ein wenig über die schwere Arbeit brummten; denn es waren faule Elfen, die lieber spielten als arbeiteten. Schließlich gelangten sie in einen großen Wald, und da sie ganz ermüdet waren, beschlossen sie, ein wenig zu rasten und sich nach Nüssen umzusehen, bevor sie ihre Wanderung fortsetzten. Damit aber der Schatz nicht gestohlen werden sollte, versteckten sie die Gefäße unter das dichte Laub der Bäume, indem sie die einen hoch oben in der Nähe der Wipfel, andere an verschiedenen Stellen der Bäume unterbrachten, bis sie glaubten, niemand könne sie mehr finden.Dann begannen sie, umherzustreifen nach Nüssen zu suchen und auf die Bäume zu klettern, um die Früchte herunterzuschütteln, und arbeiteten zu ihrem eigenenVergnügen viel angestrengter, als sie es je auf das Geheiß ihres Herrn getan hatten; denn es ist eine sonderbare Tatsache, daß Elfen und Kinder sich niemals über Mühe und Arbeit beschweren, wenn sie dabei ihre eigene Belustigung im Auge haben, während sie oft brummen, wenn von ihnen eine Arbeit zum besten anderer verlangt wird.Die Frostelfen waren bei ihrem Nüssesammeln so geschäftig und ausgelassen, daß sie bald ihren Auftrag und den Befehl des Königs, sich zu beeilen, vergaßen; als es aber bei ihrem Spiele Mittag wurde, sahen sie endlich den Grund ein, weshalb ihnen Eile anbefohlen worden war; denn, obgleich sie ihrer Meinung nach den Schatz sehr sorgfältig versteckt hatten, so hatten sie ihn doch nicht vor der Gewalt der Frau Sonne geschützt, die eine Feindin Jack Frosts war und sich freute, wenn sie ihm einen Schabernack spielen und Schaden zufügen konnte.Ihre strahlenden Augen entdeckten bald die Gefäße mit dem Schatze auf den Bäumen, und da die faulen Elfen sie bis zur Mittagsstunde, wenn Frau Sonne am stärksten ist, hier gelassen hatten, so begann das zarte Glas zu schmelzen und zu zerbrechen, und in kurzer Zeit waren alle Gefäße und Vasen gesprungen oderentzwei gegangen, und ebenso schmolzen die in ihnen enthaltenen kostbaren Schätze und rannen in Strömen von Gold und Purpur langsam über die Bäume und Sträucher des Waldes.Eine Zeitlang bemerkten die Frostelfen dieses sonderbare Ereignis nicht, denn sie hatten sich in das Gras gelagert, so weit von den Wipfeln der Bäume entfernt, daß es lange dauerte, ehe der wunderbare Schatzregen sie erreichte; endlich aber sagte der eine von ihnen: Horch, ich glaube, es regnet; ich höre die niederfallenden Tropfen. Die anderen lachten und erklärten ihm, es regne selten, wenn die Sonne scheine; als sie aber genauer aufpaßten, hörten sie deutlich, wie im ganzen Walde die Tropfen von den Bäumen herabfielen und von einem Blatt zum anderen glitten, bis sie auf die Brombeersträucher, neben denen die Elfen saßen, herabklatschten. Jetzt entdeckten sie zu ihrem großen Verdruß, daß die Regentropfen geschmolzene Rubinen waren, die auf den Blättern erstarrten und sie augenblicklich mit leuchtendem Rot überzogen. Als sie sich dann die Bäume ringsum genauer ansahen, bemerkten sie, daß der gesamte Schatz wegschmolz und daß sich ein großer Teil davon bereits über die Blätter der Eichen undAhornbäume ergossen hatte, die in ihrem prächtigen Gewande von Gold und Bronze, Purpur und Smaragd weithin leuchteten. Es gewährte einen sehr schönen Anblick; aber die faulen Elfen waren über das Unglück, das ihr Ungehorsam verschuldet hatte, zu sehr, erschricken, als daß sie die Schönheit des Waldes hätten bewundern können, und im Nu suchten sie sich in dem Gebüsch zu verstecken, damit König Frost sie nicht finden und strafen könne.Ihre Befürchtungen waren wohlbegründet, denn ihre lange Abwesenheit hatte den König beunruhigt, und er hatte sich aufgemacht, um nach seinen lässigen Dienern zu sehen, und eben, als sie sich alle versteckt hatten, kam er langsam einhergeschritten und sah sich überall nach den Elfen um. Natürlich bemerkte er bald das Glänzen des Laubes und entdeckte auch deren Ursache, als er die zerbrochenen Gefäße und Vasen erblickte, aus denen der geschmolzene Schatz noch immer heruntertropfte. Und als er zu den Nußbäumen kam und die von den faulen Elfen zurückgelassenen Schalen und die Spuren ihres Umhertollens bemerkte, wußte er sofort, was sie angestellt hatten und daß sie ihm ungehorsam gewesen waren, indem sie bei ihrer Wanderung durch den Waldgespielt und die Zeit versäumt hatten.König Frost runzelte die Stirn und machte zuerst ein sehr böses Gesicht, und seine Elfen zitterten vor Furcht und duckten sich noch tiefer in ihre Verstecke. In diesem Augenblick aber kamen zwei kleine Kinder daher gehüpft, und obgleich sie den König Frost und die Elfen nicht sehen konnten, bemerkten sie doch die prächtige Färbung des Laubes, lachten vor Entzücken und begannen große Sträuße für ihre Mutter zu pflücken. Die Blätter sind so schön wie Blumen, sagten sie, nannten die gelben »Butternäpfchen« und die roten »Rosen« und waren sehr fröhlich, als sie singend durch den Wald weiter zogen.Ihre Freude besänftigte König Frosts Zorn; auch er begann die bemalten Bäume zu bewundern und sagte schließlich zu sich selber: Meine Schätze sind nicht verloren, wenn sie kleine Kinder glücklich machen. Ich will meinen faulen, gedankenlosen Elfen nicht zürnen, denn sie haben mich eine neue Art, Gutes zu tun, gelehrt. Als die Frostelfen diese Worte hörten, krochen sie einer nach dem anderen aus ihren Verstecken hervor, knieten vor ihrem Herrn nieder, gestanden ihre Schuld ein und baten ihn um Verzeihung. Er war zwar noch eine Weile ungehaltenund schalt sie tüchtig aus; bald aber wurde er milder und erklärte, er wolle ihnen diesmal noch verzeihen; ihre einzige Strafe solle darin bestehen, daß sie noch mehr Schätze in den Wald tragen und in den Bäumen verstecken sollten, bis das gesamte Laub mit Hilfe der Frau Sonne mit Gold- und Purpurfarben bedeckt sei.Die Elfen dankten ihm für seine Verzeihung und versprachen, recht angestrengt zu arbeiten, um seine Huld wiederzugewinnen, und der gutherzige König nahm sie alle auf seine Arme und trug sie sicher heim in seinen Palast. Von dieser Zeit an, glaube ich, ist es ein Teil von Jack Frosts Aufgaben, die Bäume mit den glühenden Farben, die wir im Herbste erblicken, zu bemalen, und wenn sie nicht mit Gold und Edelsteinen bedeckt sind, so weiß ich nicht, auf welche Weise er sie so glänzend macht; wißt ihr es vielleicht?Der Frostkönig.Von Helen A. KellerKönig Frost wohnt in einem schönen Palast fern im Norden, in dem Lande des ewigem Schnees. Der Palast, der über alle Beschreibung prächtig ist, war schon vor Jahrhunderten, unter der Regierung des Königs Gletscher, erbaut. In geringer Entfernung von dem Palaste könnten wir ihn leicht für ein Gebirge halten, dessen Gipfel sich zum Himmel erheben, um den letzten Kuß des scheidenden Tages zu empfangen. Wenn wir aber näher kommen, so werden wir bald unseren Irrtum bemerken. Was wir für Bergesspitzen hielten, sind in Wahrheit Tausende von weithin glänzenden Türmen. Nichts kann schöner sein als die Architektur dieses Eispalastes. Die Wände sind merkwürdigerweise aus massiven Eisblöcken erbaut, die in klippenartige Türme auslaufen. Das Portal des Palastes liegt am Ende eines überwölbten Ganges und wird Tag und Nacht durch zwölf grimmig aussehende Eisbären bewacht.Doch, Kinder, ihr müßt dem König Frost bei der ersten Gelegenheit, die sich euch biet einen Besuch abstatten und euch diesen wundervollen Palast selber ansehen. Der alte König wird euch freundlich willkommen heißen, denn er liebt die Kinder, und es ist sein Hauptvergnügen, ihnen Freude zu bereiten.Ihr müßt wissen, daß König Frost wie alle anderen Könige große Schätze von Gold und Edelsteinen besitzt: da er aber ein freigebiger alter Fürst ist so so er bestrebt, einen richtigen Gebrauch von seinen Reichtümern zu machen. So verrichtet er, wohin ihn auch sein Weg führt, viele wunderbare Dinge; er schlägt Brücken über jeden Strom, so durchsichtig wie Glas und doch oft so fest wie Eisen; er schüttelt die Waldbäume, bis die reifen Nüsse lachenden Kindern in den Schoß fallen; er schläfert mit einer Berührung seiner Hand ein, und damit wir uns nicht nach den strahlenden Blumengesichtern sehnen, bemalt er das Laub mit Gold-, Purpur- und Smaragdfarben, und wenn er mit seiner Arbeit fertig ist, so sind die Bäume so schön, daß wir uns über die Flucht des Sommers trösten. Ich will euch erzählen, wie König Frost auf den Gedanken verfallen ist, das Laub zu bemalen, denn es ist eine sonderbare Geschichte.Eines Tages dachte König Frost, während er sein großes Vermögen einer Durchsicht unterzog und überlegte, was er damit wohl Gutes stiften könne, mit einem Male an seinen freundlichen alten Nachbar Santa Claus. Ich will meine Schätze an Santa Claus senden, sagte der König zu sich selber. Er ist der richtige Mann dazu, sie gut zu verwenden, denn er weiß, wo die Armen und Unglücklichen wohnen, und sein gütiges altes Herz steckt immer voller Pläne, sie zu unterstützen. So rief er denn die lustigen kleinen Elfen seines Hofstaates zusammen, zeigte ihnen die Gefäße und, Vasen, die seine Schätze enthielten, und befahl ihnen, sie so rasch wie möglich nach Santa Claus’ Palaste zu tragen. Die Elfen versprachen Gehorsam und waren im Nu auf und davon, indem sie die schweren Gefäße und Vasen hinter sich herschleppten, so gut sie konnten, und ab und zu ein wenig über die schwere Arbeit brummten; denn es waren faule Elfen, die lieber spielten als arbeiteten. Nach einiger Zeit kamen sie in einen großen Wald, und da sie müde und hungrig waren, beschlossen sie ein wenig zu rasten und sich nach Nüssen umzusehen, ehe sie ihre Wanderung weiter fortsetzten. Da sie aber glaubten, ihr Schatz könne ihnen inzwischen gestohlen werden, so verbargen sie die Gefäße in dem dichten grünen Laub der verschiedenen Bäume und waren sicher, daß niemand sie finden könne. Dann begannen sie lustig umherzustreifen, um sich Nüsse zu suchen, auf die Bäume zu klettern, neugierig in die leeren Vogelnester zu schauen und hinter den Bäumen Verstecken zu spielen. Diese unartigen Elfen waren nun bei ihrem Herumtollen so geschäftig und so lustig, daß sie ihren Auftrag und ihres Herrn Befehl, sich zu beeilen, ganz vergaßen, aber bald entdeckten sie zu ihrem Verdruß, warum ihnen Eile anbefohlen worden war, denn obgleich sie ihrer Meinung nach den Schatz sorgfältig versteckt hatten, so hatten die strahlenden Augen der Königin Sonne doch die Gefäße zwischen dem Laube erspäht, und da sie und König Frost sich über die beste Art, der Welt Gutes zu tun, nie einigen konnten, so war sie froh, eine gute Gelegenheit zu haben, ihrem ein wenig rauhen Nebenbuhler einen Streich zu spielen. Königin Sonne lachte still vor sich hin, als die zarten Gefäße zu schmelzen und zu zerbrechen begannen. Schließlich waren alle Gefäße und Vasen gesprungen oder entzweigegangen, und ebenso schmolzen die in ihnen enthaltenen Edelsteine und rannen in kleinen Strömen über die Bäume und Sträuche des Waldes.Noch bemerkten die faulen Elfen nicht, was sich ereignete, denn sie hatten sich in das Gras gelagert, und es dauerte lange, ehe der wunderbare Schatzregen sie erreichte; schließlich aber hörten sie deutlich, wie die Tropfen gleich einem Regen im ganzen Walde herabfielen und von einem Blatt zum anderen glitten, bis sie auf die kleinen Sträucher, neben denen die Elfen saßen, herabklatschten. Jetzt entdeckten sie zu ihrem Erstaunen, daß die Regentropfen geschmolzene Rubine waren, die auf den Blättern erstarrten und sie augenblicklich mit Purpur und Gold überzogen. Dann sahen sie, als sie sich genauer umblickten, daß ein großer Teil des Schatzes bereits geschmolzen war, denn die Eichen- und Ahornbäume waren in prächtige Gewänder von Gold-, Purpur- und Smaragdfarbe gehüllt. Es gewährte einen sehr schönen Anblick; aber die ungehorsamen Elfen waren zu sehr erschrocken, als daß sie die Schönheit der Bäume hätten wahrnehmen können. Sie fürchteten, König Frost könne kommen und sie strafen. So versteckten sie sich denn zwischen den Sträuchern und warteten schweigend auf das, was sich ereignen würde. Ihre Befürchtungen waren wohlbegründet, denn ihre lange Abwesenheit hatte den König beunruhigt, er bestieg den Nordwind und ritt aus, um seine säumigen Boten zu suchen. Natürlich war er noch nicht weit gekommen, als er das Glänzen des Laubes bemerkte, und er erriet rasch die Ursache davon, als er die zerbrochenen Gefäße bemerkte, aus denen der Schatz noch immer herunter tropfte. Zuerst war König Frost sehr zornig, und die Elfen zitterten und duckten sich noch tiefer in ihre Verstecke, und ich weiß nicht, was geschehen, wäre, wenn nicht gerade in diesem Augenblick eine Schar von Knaben und Mädchen den Wald betreten hätte. Als die Kinder die Bäume alle in den herrlichen Farben schimmern sahen, klatschten sie in die Hände, stießen ein Freudengeschrei aus und begannen sofort große Sträuße zu pflücken, um sie mit nach Hause zu nehmen. Die Blätter sind so hübsch wie die Blumen! riefen sie in ihrem Entzücken. Ihre Freude verscheuchte den Zorn aus König Frosts Herzen und glättete seine gerunzelten Augenbrauen, und auch er begann die bemalten Bäume zu bewundern. Er sagte zu sich selber: Meine Schätze sind nicht verloren, wenn sie kleine Kinder glücklich machen. Meine faulen Elfen und meine grimmige Feindin haben mich eine neue Art, Gutes zu tun, gelehrt.Als die Elfen dies hörten, wurde es ihnen bedeutend leichter ums Herz, und sie kamen aus ihren Verstecken hervor, gestanden ihre Schuld ein und baten ihren Herrn um Verzeihung.Seit dieser Zeit hat es König Frost stets großes Vergnügen gemacht, die Blätter mit den glühenden Farben, die wir im Herbste erblicken, zu bemalen, und wenn sie nicht mit Gold und Edelsteinen bedeckt sind, so kann ich mir nicht denken, was sie so glänzend macht; könnt ihr es euch vielleicht denken?

Die Frostelfen.

(Aus »Birdie und seine Freunde, die Elfen«)von Margaret T. Canby.

König Frost oder Jack Frost, wie er mitunter genannt wird, wohnt in einem kalten Lande fern im Norden; aber jedesJahr unternimmt er eine Reise über die ganze Erde in einem Wagen von goldenen Wolken, der von einem starken, pfeilschnellen Rosse, »Nordwind« mit Namen, gezogen wird. Wohin ihn auch sein Weg führt, überall verrichtet er viele wunderbare Dinge: er schlägt Brücken über jeden Strom, die so durchsichtig wie Glas und dabei doch so fest wie Eisen sind; er schläfert die Blumen und Kräuter durch eine bloße Berührung mit seiner Hand ein, und sie beugen sich alle nieder und versinken in die warme Erde, bis der Frühling zurückkehrt; dann zaubert er, damit wir um die Blumen nicht weinen, an unseren Fensterscheiben liebliche Ranken und Zweige seiner weißen nordischen Blumen oder zarte kleine Wälder von Elfentannen hin, schlohweiß und gar prächtig anzusehen. Doch sein wunderbarstes Werk ist die Bemalung der Bäume, die nach Vollendung der Arbeit aussehen, als wären sie mit dem glänzendsten Gold und den funkelndsten Rubinen überzogen, und schön genug sind, um uns über die Flucht des Sommers zu trösten.

Ich will euch nun erzählen, wie König Frost zuerst auf den Gedanken an eine solche Arbeit kam, denn es ist eine sonderbare Geschichte. Ihr müßt wissen, daß dieser König wiealle andern Könige große Schätze von Gold und Edelsteinen in seinem Palaste hatte; da er aber ein gutmütiger alter Mann ist, hält er seine Reichtümer nicht für immer verschlossen, sondern sucht mit ihrer Hilfe Gutes zu tun und andere glücklich zu machen. Er hat zwei Nachbarn, die noch weiter nördlich wohnen; der eine ist König Winter, ein rauher, unfreundlicher alter Fürst, der so hart und grausam ist, daß er sich freut, wenn er den Armen wehe tun und sie zum Weinen bringen kann. Der andere Nachbar aber ist Santa Claus, ein stattlicher, gutherziger, lustiger alter Mann, der gern Gutes tut und den Armen sowie den artigen Kindern zu Weihnachten Geschenke bringt.

Nun, eines Tages dachte König Frost darüber nach, was er wohl mit seinem Schatze gutes stiften könne, und entschloß sich einen Teil seinem freundlichen Nachbar Santa Claus zum Einkauf von Lebensmitteln und Kleidern für die Armen zu schicken, damit diese nicht so viel zu leiden hätten, wenn König Winter sich ihren Häusern näherte. So rief er seine lustigen kleinen Elfen zusammen, zeigte ihnen eine Anzahl von Gefäßen und Vasen voller Gold und Edelsteine und befahl ihnen, diese sorgsam nach dem PalasteSanta Claus’ zu tragen und sie ihm mit Empfehlungen von König Frost zu übergeben. Er wird schon wissen, wie er den Schatz am besten verwenden soll, setzte Jack Frost hinzu; dann befahl er den Elfen, sich unterwegs nicht aufzuhalten, sondern sein Gebot rasch auszuführen.

Die Elfen versprachen Gehorsam und machten sich bald auf den Weg, indem sie die großen gläsernen Gefäße und Vasen nachschleppten, so gut sie konnten, und ab und zu ein wenig über die schwere Arbeit brummten; denn es waren faule Elfen, die lieber spielten als arbeiteten. Schließlich gelangten sie in einen großen Wald, und da sie ganz ermüdet waren, beschlossen sie, ein wenig zu rasten und sich nach Nüssen umzusehen, bevor sie ihre Wanderung fortsetzten. Damit aber der Schatz nicht gestohlen werden sollte, versteckten sie die Gefäße unter das dichte Laub der Bäume, indem sie die einen hoch oben in der Nähe der Wipfel, andere an verschiedenen Stellen der Bäume unterbrachten, bis sie glaubten, niemand könne sie mehr finden.

Dann begannen sie, umherzustreifen nach Nüssen zu suchen und auf die Bäume zu klettern, um die Früchte herunterzuschütteln, und arbeiteten zu ihrem eigenenVergnügen viel angestrengter, als sie es je auf das Geheiß ihres Herrn getan hatten; denn es ist eine sonderbare Tatsache, daß Elfen und Kinder sich niemals über Mühe und Arbeit beschweren, wenn sie dabei ihre eigene Belustigung im Auge haben, während sie oft brummen, wenn von ihnen eine Arbeit zum besten anderer verlangt wird.

Die Frostelfen waren bei ihrem Nüssesammeln so geschäftig und ausgelassen, daß sie bald ihren Auftrag und den Befehl des Königs, sich zu beeilen, vergaßen; als es aber bei ihrem Spiele Mittag wurde, sahen sie endlich den Grund ein, weshalb ihnen Eile anbefohlen worden war; denn, obgleich sie ihrer Meinung nach den Schatz sehr sorgfältig versteckt hatten, so hatten sie ihn doch nicht vor der Gewalt der Frau Sonne geschützt, die eine Feindin Jack Frosts war und sich freute, wenn sie ihm einen Schabernack spielen und Schaden zufügen konnte.

Ihre strahlenden Augen entdeckten bald die Gefäße mit dem Schatze auf den Bäumen, und da die faulen Elfen sie bis zur Mittagsstunde, wenn Frau Sonne am stärksten ist, hier gelassen hatten, so begann das zarte Glas zu schmelzen und zu zerbrechen, und in kurzer Zeit waren alle Gefäße und Vasen gesprungen oderentzwei gegangen, und ebenso schmolzen die in ihnen enthaltenen kostbaren Schätze und rannen in Strömen von Gold und Purpur langsam über die Bäume und Sträucher des Waldes.

Eine Zeitlang bemerkten die Frostelfen dieses sonderbare Ereignis nicht, denn sie hatten sich in das Gras gelagert, so weit von den Wipfeln der Bäume entfernt, daß es lange dauerte, ehe der wunderbare Schatzregen sie erreichte; endlich aber sagte der eine von ihnen: Horch, ich glaube, es regnet; ich höre die niederfallenden Tropfen. Die anderen lachten und erklärten ihm, es regne selten, wenn die Sonne scheine; als sie aber genauer aufpaßten, hörten sie deutlich, wie im ganzen Walde die Tropfen von den Bäumen herabfielen und von einem Blatt zum anderen glitten, bis sie auf die Brombeersträucher, neben denen die Elfen saßen, herabklatschten. Jetzt entdeckten sie zu ihrem großen Verdruß, daß die Regentropfen geschmolzene Rubinen waren, die auf den Blättern erstarrten und sie augenblicklich mit leuchtendem Rot überzogen. Als sie sich dann die Bäume ringsum genauer ansahen, bemerkten sie, daß der gesamte Schatz wegschmolz und daß sich ein großer Teil davon bereits über die Blätter der Eichen undAhornbäume ergossen hatte, die in ihrem prächtigen Gewande von Gold und Bronze, Purpur und Smaragd weithin leuchteten. Es gewährte einen sehr schönen Anblick; aber die faulen Elfen waren über das Unglück, das ihr Ungehorsam verschuldet hatte, zu sehr, erschricken, als daß sie die Schönheit des Waldes hätten bewundern können, und im Nu suchten sie sich in dem Gebüsch zu verstecken, damit König Frost sie nicht finden und strafen könne.

Ihre Befürchtungen waren wohlbegründet, denn ihre lange Abwesenheit hatte den König beunruhigt, und er hatte sich aufgemacht, um nach seinen lässigen Dienern zu sehen, und eben, als sie sich alle versteckt hatten, kam er langsam einhergeschritten und sah sich überall nach den Elfen um. Natürlich bemerkte er bald das Glänzen des Laubes und entdeckte auch deren Ursache, als er die zerbrochenen Gefäße und Vasen erblickte, aus denen der geschmolzene Schatz noch immer heruntertropfte. Und als er zu den Nußbäumen kam und die von den faulen Elfen zurückgelassenen Schalen und die Spuren ihres Umhertollens bemerkte, wußte er sofort, was sie angestellt hatten und daß sie ihm ungehorsam gewesen waren, indem sie bei ihrer Wanderung durch den Waldgespielt und die Zeit versäumt hatten.

König Frost runzelte die Stirn und machte zuerst ein sehr böses Gesicht, und seine Elfen zitterten vor Furcht und duckten sich noch tiefer in ihre Verstecke. In diesem Augenblick aber kamen zwei kleine Kinder daher gehüpft, und obgleich sie den König Frost und die Elfen nicht sehen konnten, bemerkten sie doch die prächtige Färbung des Laubes, lachten vor Entzücken und begannen große Sträuße für ihre Mutter zu pflücken. Die Blätter sind so schön wie Blumen, sagten sie, nannten die gelben »Butternäpfchen« und die roten »Rosen« und waren sehr fröhlich, als sie singend durch den Wald weiter zogen.

Ihre Freude besänftigte König Frosts Zorn; auch er begann die bemalten Bäume zu bewundern und sagte schließlich zu sich selber: Meine Schätze sind nicht verloren, wenn sie kleine Kinder glücklich machen. Ich will meinen faulen, gedankenlosen Elfen nicht zürnen, denn sie haben mich eine neue Art, Gutes zu tun, gelehrt. Als die Frostelfen diese Worte hörten, krochen sie einer nach dem anderen aus ihren Verstecken hervor, knieten vor ihrem Herrn nieder, gestanden ihre Schuld ein und baten ihn um Verzeihung. Er war zwar noch eine Weile ungehaltenund schalt sie tüchtig aus; bald aber wurde er milder und erklärte, er wolle ihnen diesmal noch verzeihen; ihre einzige Strafe solle darin bestehen, daß sie noch mehr Schätze in den Wald tragen und in den Bäumen verstecken sollten, bis das gesamte Laub mit Hilfe der Frau Sonne mit Gold- und Purpurfarben bedeckt sei.

Die Elfen dankten ihm für seine Verzeihung und versprachen, recht angestrengt zu arbeiten, um seine Huld wiederzugewinnen, und der gutherzige König nahm sie alle auf seine Arme und trug sie sicher heim in seinen Palast. Von dieser Zeit an, glaube ich, ist es ein Teil von Jack Frosts Aufgaben, die Bäume mit den glühenden Farben, die wir im Herbste erblicken, zu bemalen, und wenn sie nicht mit Gold und Edelsteinen bedeckt sind, so weiß ich nicht, auf welche Weise er sie so glänzend macht; wißt ihr es vielleicht?

Der Frostkönig.

Von Helen A. Keller

König Frost wohnt in einem schönen Palast fern im Norden, in dem Lande des ewigem Schnees. Der Palast, der über alle Beschreibung prächtig ist, war schon vor Jahrhunderten, unter der Regierung des Königs Gletscher, erbaut. In geringer Entfernung von dem Palaste könnten wir ihn leicht für ein Gebirge halten, dessen Gipfel sich zum Himmel erheben, um den letzten Kuß des scheidenden Tages zu empfangen. Wenn wir aber näher kommen, so werden wir bald unseren Irrtum bemerken. Was wir für Bergesspitzen hielten, sind in Wahrheit Tausende von weithin glänzenden Türmen. Nichts kann schöner sein als die Architektur dieses Eispalastes. Die Wände sind merkwürdigerweise aus massiven Eisblöcken erbaut, die in klippenartige Türme auslaufen. Das Portal des Palastes liegt am Ende eines überwölbten Ganges und wird Tag und Nacht durch zwölf grimmig aussehende Eisbären bewacht.

Doch, Kinder, ihr müßt dem König Frost bei der ersten Gelegenheit, die sich euch biet einen Besuch abstatten und euch diesen wundervollen Palast selber ansehen. Der alte König wird euch freundlich willkommen heißen, denn er liebt die Kinder, und es ist sein Hauptvergnügen, ihnen Freude zu bereiten.

Ihr müßt wissen, daß König Frost wie alle anderen Könige große Schätze von Gold und Edelsteinen besitzt: da er aber ein freigebiger alter Fürst ist so so er bestrebt, einen richtigen Gebrauch von seinen Reichtümern zu machen. So verrichtet er, wohin ihn auch sein Weg führt, viele wunderbare Dinge; er schlägt Brücken über jeden Strom, so durchsichtig wie Glas und doch oft so fest wie Eisen; er schüttelt die Waldbäume, bis die reifen Nüsse lachenden Kindern in den Schoß fallen; er schläfert mit einer Berührung seiner Hand ein, und damit wir uns nicht nach den strahlenden Blumengesichtern sehnen, bemalt er das Laub mit Gold-, Purpur- und Smaragdfarben, und wenn er mit seiner Arbeit fertig ist, so sind die Bäume so schön, daß wir uns über die Flucht des Sommers trösten. Ich will euch erzählen, wie König Frost auf den Gedanken verfallen ist, das Laub zu bemalen, denn es ist eine sonderbare Geschichte.

Eines Tages dachte König Frost, während er sein großes Vermögen einer Durchsicht unterzog und überlegte, was er damit wohl Gutes stiften könne, mit einem Male an seinen freundlichen alten Nachbar Santa Claus. Ich will meine Schätze an Santa Claus senden, sagte der König zu sich selber. Er ist der richtige Mann dazu, sie gut zu verwenden, denn er weiß, wo die Armen und Unglücklichen wohnen, und sein gütiges altes Herz steckt immer voller Pläne, sie zu unterstützen. So rief er denn die lustigen kleinen Elfen seines Hofstaates zusammen, zeigte ihnen die Gefäße und, Vasen, die seine Schätze enthielten, und befahl ihnen, sie so rasch wie möglich nach Santa Claus’ Palaste zu tragen. Die Elfen versprachen Gehorsam und waren im Nu auf und davon, indem sie die schweren Gefäße und Vasen hinter sich herschleppten, so gut sie konnten, und ab und zu ein wenig über die schwere Arbeit brummten; denn es waren faule Elfen, die lieber spielten als arbeiteten. Nach einiger Zeit kamen sie in einen großen Wald, und da sie müde und hungrig waren, beschlossen sie ein wenig zu rasten und sich nach Nüssen umzusehen, ehe sie ihre Wanderung weiter fortsetzten. Da sie aber glaubten, ihr Schatz könne ihnen inzwischen gestohlen werden, so verbargen sie die Gefäße in dem dichten grünen Laub der verschiedenen Bäume und waren sicher, daß niemand sie finden könne. Dann begannen sie lustig umherzustreifen, um sich Nüsse zu suchen, auf die Bäume zu klettern, neugierig in die leeren Vogelnester zu schauen und hinter den Bäumen Verstecken zu spielen. Diese unartigen Elfen waren nun bei ihrem Herumtollen so geschäftig und so lustig, daß sie ihren Auftrag und ihres Herrn Befehl, sich zu beeilen, ganz vergaßen, aber bald entdeckten sie zu ihrem Verdruß, warum ihnen Eile anbefohlen worden war, denn obgleich sie ihrer Meinung nach den Schatz sorgfältig versteckt hatten, so hatten die strahlenden Augen der Königin Sonne doch die Gefäße zwischen dem Laube erspäht, und da sie und König Frost sich über die beste Art, der Welt Gutes zu tun, nie einigen konnten, so war sie froh, eine gute Gelegenheit zu haben, ihrem ein wenig rauhen Nebenbuhler einen Streich zu spielen. Königin Sonne lachte still vor sich hin, als die zarten Gefäße zu schmelzen und zu zerbrechen begannen. Schließlich waren alle Gefäße und Vasen gesprungen oder entzweigegangen, und ebenso schmolzen die in ihnen enthaltenen Edelsteine und rannen in kleinen Strömen über die Bäume und Sträuche des Waldes.

Noch bemerkten die faulen Elfen nicht, was sich ereignete, denn sie hatten sich in das Gras gelagert, und es dauerte lange, ehe der wunderbare Schatzregen sie erreichte; schließlich aber hörten sie deutlich, wie die Tropfen gleich einem Regen im ganzen Walde herabfielen und von einem Blatt zum anderen glitten, bis sie auf die kleinen Sträucher, neben denen die Elfen saßen, herabklatschten. Jetzt entdeckten sie zu ihrem Erstaunen, daß die Regentropfen geschmolzene Rubine waren, die auf den Blättern erstarrten und sie augenblicklich mit Purpur und Gold überzogen. Dann sahen sie, als sie sich genauer umblickten, daß ein großer Teil des Schatzes bereits geschmolzen war, denn die Eichen- und Ahornbäume waren in prächtige Gewänder von Gold-, Purpur- und Smaragdfarbe gehüllt. Es gewährte einen sehr schönen Anblick; aber die ungehorsamen Elfen waren zu sehr erschrocken, als daß sie die Schönheit der Bäume hätten wahrnehmen können. Sie fürchteten, König Frost könne kommen und sie strafen. So versteckten sie sich denn zwischen den Sträuchern und warteten schweigend auf das, was sich ereignen würde. Ihre Befürchtungen waren wohlbegründet, denn ihre lange Abwesenheit hatte den König beunruhigt, er bestieg den Nordwind und ritt aus, um seine säumigen Boten zu suchen. Natürlich war er noch nicht weit gekommen, als er das Glänzen des Laubes bemerkte, und er erriet rasch die Ursache davon, als er die zerbrochenen Gefäße bemerkte, aus denen der Schatz noch immer herunter tropfte. Zuerst war König Frost sehr zornig, und die Elfen zitterten und duckten sich noch tiefer in ihre Verstecke, und ich weiß nicht, was geschehen, wäre, wenn nicht gerade in diesem Augenblick eine Schar von Knaben und Mädchen den Wald betreten hätte. Als die Kinder die Bäume alle in den herrlichen Farben schimmern sahen, klatschten sie in die Hände, stießen ein Freudengeschrei aus und begannen sofort große Sträuße zu pflücken, um sie mit nach Hause zu nehmen. Die Blätter sind so hübsch wie die Blumen! riefen sie in ihrem Entzücken. Ihre Freude verscheuchte den Zorn aus König Frosts Herzen und glättete seine gerunzelten Augenbrauen, und auch er begann die bemalten Bäume zu bewundern. Er sagte zu sich selber: Meine Schätze sind nicht verloren, wenn sie kleine Kinder glücklich machen. Meine faulen Elfen und meine grimmige Feindin haben mich eine neue Art, Gutes zu tun, gelehrt.

Als die Elfen dies hörten, wurde es ihnen bedeutend leichter ums Herz, und sie kamen aus ihren Verstecken hervor, gestanden ihre Schuld ein und baten ihren Herrn um Verzeihung.

Seit dieser Zeit hat es König Frost stets großes Vergnügen gemacht, die Blätter mit den glühenden Farben, die wir im Herbste erblicken, zu bemalen, und wenn sie nicht mit Gold und Edelsteinen bedeckt sind, so kann ich mir nicht denken, was sie so glänzend macht; könnt ihr es euch vielleicht denken?

Wenn das Märchen von den »Frostelfen«, bemerkt Fräulein Sullivan zu den beiden Erzählungen, Helen im Sommer 1888 vorgelesen wurde, so konnte sie damals noch nicht viel davon verstanden haben, denn sie hatte erst seit dem März 1887 Unterricht gehabt.

Ist es möglich, daß die Sprache des Märchens in ihrem Geiste schlummernd gelegen hat, bis meine Schilderung von der Schönheit der Herbstlandschaft sie ihr im Jahre 1891 wieder lebendig vor ihr geistiges Auge brachte?

Noch eine andere Tatsache ist in diesem Zusammenhange von großer Bedeutung. Das Märchen »Die Rosenelfen« war in demselben Bande erschienen wie »Die Frostelfen« und somit Helen wahrscheinlich um dieselbe Zeit wie dieses vorgelesen worden.

Nun spricht Helen in ihrem Briefe vom Februar 1890 (s. obenS. 328), von diesem Märchen Fräulein Canbys alsvon einem Traume, den sie vor sehr langer Zeit als ganz kleines Kind gehabt habe. Sicherlich werden anderthalb Jahre einem kleinen Mädchen wie Helen als »sehr lange Zeit« erscheinen; wir haben daher Veranlassung zu der Annahme, daß die Märchen ihr spätestens im Sommer 1888 vorgelesen worden sein müssen.

Helen Keller erwähnt (S. 68) einen freundlichen Brief, den ihr Fräulein Canby geschrieben habe. Auch mit Fräulein Sullivan trat die genannte Dame in Briefwechsel. So schrieb sie ihr z. B. am 9. März 1892 unter anderem: „Was für einen wunderbar regen Geist und was für ein treues Gedächtnis muß dieses begabte Kind besitzen! Hätte sich Helen eines kurzen Märchens erinnert und es niedergeschrieben, kurz nachdem sie es gehört hatte, so würde dies schon ein Wunder gewesen sein; aber das Märchen ein einzigesmal vor drei Jahren gehört zu haben und noch dazu auf eine Weise, daß weder ihre Eltern noch ihre Lehrerin darauf zurückkommen und die Erinnerung daran auffrischen konnten, und dann imstande gewesen zu sein, es so lebendig wiederzugeben und sogar noch einige selbständige Striche hinzuzufügen, die in völligem Einklang mit dem übrigen stehen und das Original in der Tat verbessern — das ist etwas, was sehr wenige Mädchenreiferen Alters, die im Besitze aller Vorteile des Sehens, Hörens und selbst großer schriftstellerischer Begabung sind, so gut geleistet hätten, wenn sie überhaupt dazu imstande gewesen wären. Unter diesen Umständen sehe ich nicht ein, wie irgendjemand so lieblos sein kann, dies ein Plagiat zu nennen; es ist eine wunderbare Leistung des Gedächtnisses und steht einzig in seiner Art da. Ich habe viele Kinder gekannt, habe mein ganzes Leben in ihrer Mitte zugebracht und kenne keinen größeren Genuß, als mich mit ihnen zu unterhalten, sie zu erheitern und ihre Geistes- und Charakterzüge ruhig zu beobachten; aber ich entsinne mich keines Mädchens von Helens Alter, das den gleichen Wissensdurst gehabt und über dieselbe Fülle literarischer und allgemeiner Bildung sowie über dieselbe schriftstellerische Begabung verfügt hätte wie Helen. Sie ist in der Tat ein Wunderkind. Vielen Dank für Helens Tagebuch! Es läßt mich klarer als zuvor die große Enttäuschung erkennen, die das liebe Kind zu erdulden gehabt hat. Bitte, sagen Sie ihr, wie sehr ich sie in mein Herz geschlossen habe und daß sie sich keine Gedanken mehr darüber machen soll. Niemand darf sagen, sie habe unrecht getan, und eines Tages wird sie eine große schöne Erzählung oder ein Gedicht schreiben, das vielen Menschen Freude machen wird. Sagen Sie ihr, ein paar bittere Tropfen seien in jedermanns Lebenskelch enthalten, und es bleibe uns nichts anderes übrig, als die bitteren geduldig, und die süßen dankbar hinzunehmen.“

Der Zwischenfall hatte, wie aus Helens eigener Darstellung hervorgeht, auf sie und auf Fräulein Sullivan eine geradezu vernichtende Wirkung. Letztere fürchtete, der Neigung zur Nachahmung, die in Wirklichkeit Fräulein Keller zur Schriftstelleringemacht hat, allzugroßen Spielraum gelassen zu haben. Aber jetzt, da sie auf der Universität zusammen mit ihrem Zögling in die Geheimnisse des geistigen Schaffens eingedrungen ist, weiß sie, daß der Stil jedes Schriftstellers und in der Tat jedes Menschen, mag er gebildet oder ungebildet sein, eine Erinnerung ist, die sich aus allem, was er gelesen und gehört hat, zusammensetzt. Der Quellen seines Wortschatzes ist er sich größtenteils so wenig bewußt wie des Augenblickes, in dem er die Nahrung zu sich nahm, die einen Teil seines Daumennagels bilden sollte. Bei der Mehrzahl von uns kreuzen und vermischen sich die Zuflüsse aus den verschiedensten Quellen. Ein Kind, dem nur wenige Quellen zur Verfügung stehen, kann das, was es aus jeder einzelnen zieht, getrennt halten. In dieser Lage war Helen Keller, die den Wortlaut einer Geschichte, die sie zu der Zeit, als sie ihr vorgelesen wurde, noch nicht ganz verstand, fast unverändert und ohne Vermischung mit anderen Vorstellungen in ihrem Geiste bewahrte. Die Bedeutung dieses Umstandes kann nicht hoch genug bewertet werden. Er liefert den Beweis dafür, daß der Geist des Kindes Worte in sich aufspeichert, die es gehört hat, und daß diese hier gleichsam auf der Lauer liegen, stets bereit, hervorzutreten, wenn der äußere Anreiz dazu eintritt. Der Grund, weswegen wir diesen Prozeß bei normalen Kindern nicht wahrnehmen, liegt darin, daß wir sie selten als Ganzes beobachten, und daß sie ihre geistige Nahrung aus so vielen Quellen beziehen, daß die Erinnerungsbilder verworren sind und sich gegenseitig aufheben. Das Märchen vom »Frostkönig« trat jedoch nicht unverändert aus Helens Geist hervor, sondern war durch die Eigenart des Kindes umgeformt worden und hatte sich in Worte gekleidet, die aus anderen Quellen stammten. Der Stil von Helens Fassung ist sogar in manchen Beziehungen besser als der von Fräulein Canbys Erzählung. Sie weist die naive Phantasie eines echtenVolksmärchens auf, während Fräulein Canbys Erzählung ersichtlich für Kinder von einer älteren Person geschrieben ist, die die Art und Weise eines Feenmärchens annimmt und didaktische Wendungen nicht immer vermeidet. Helens Märchen ist in demselben Sinne ein Original, wie die dichterische Bearbeitung einer alten Sage ein solches ist.

Aller Sprachgebrauch beruht auf Nachahmung, und jemandes Stil ist ein Ausfluß aller Stilarten, die ihm vorgekommen sind.

Der einzige Weg, ein gutes Englisch schreiben zu lernen, ist der, es zu lesen und zu hören. Daher kommt es, daß man jedes Kind ein korrektes Englisch lehren kann, wenn man es kein anderes lesen oder hören läßt. Bei einem Kinde ist die Scheidung des Besseren von dem Schlechteren nicht bewußt; es ist der Sklave seiner sprachlichen Erfahrung.

Der gewöhnliche Mensch wird sich nie von der irrigen Auffassung losmachen können, daß die Worte dem Gedanken gehorchen, daß man zuerst denkt und das Gedachte dann in Worte kleidet. Es muß allerdings zuerst die Absicht, der Wunsch vorhanden sein, etwas auszusprechen, aber der Gedanke nimmt meistenteils erst dann feste Form an, wenn er in Worte gekleidet ist; auf jeden Fall wird der Gedanke dadurch, daß er in Worten ausgedrückt wird, ein selbständiges Gebilde. Worte rufen oft Gedankengänge hervor, und wer das Wort beherrscht, wird Bedeutenderes sagen, als er sonst vermöchte. Als Helen Keller den »Frostkönig« schrieb, sagte sie mehr, als sie selbst glaubte.

Wer einen Satz aus Wörtern bildet, spricht nicht seine Weisheit aus, sondern die Weisheit des Volkes, dessen Leben in den Worten enthalten ist, selbst wenn sie vorher noch nie in dieser bestimmten Weise zusammengesetzt worden sind. Wer Geschichten schreiben kann, denkt an zu schreibende Geschichten. Das Medium der Sprache ruft den Gedanken hervor, den esbegleitet, und je bedeutender das Medium ist, desto tiefer sind die Gedanken.

Gebildet ist der, dessen Ausdrucksweise gebildet ist. Der Träger des Denkens ist die Sprache, und im Gebrauch der Sprache muß das taube Kind so gut wie jedes andere unterrichtet werden. Gebt ihm die Sprache, und es erhält mit ihr das Material, aus dem die Sprache gebildet ist, das Denken und die Erfahrungen seines Volkes. Die Sprache muß eine von einem Volke gebrauchte sein, nicht ein Kunstprodukt. Volapük ist ein Unsinn. Das taube Kind, das nur die Gebärdensprache kennt, bleibt bei allen Völkern ein Fremdling; seine Gedanken sind nicht die eines Engländers, eines Deutschen oder eines Franzosen. Das Vaterunser in der Zeichensprache ist nicht das Vaterunser im Englischen.

De Quincey sagt in seiner Abhandlung über den Stil, das beste Englisch finde sich in den Briefen der gebildeten vornehmen Engländerinnen, weil diese nur einige gute Bücher gelesen haben und nicht durch den Zeitungsstil, den Jargon der Straße, des Marktes und der öffentlichen Versammlungen verdorben worden sind.

Genau diese selben äußeren Umstände kommen für Helen Kellers Englisch in Betracht. In den ersten Jahren ihrer Erziehung bekam sie nur gute Sachen zum Lesen; einiges darunter war allerdings trivial und zeichnete sich auch nicht besonders durch seinen Stil aus, aber nichts war nach Form oder Inhalt geradezu schlecht. Diese glücklichen Verhältnisse haben ihr ganzes bisheriges Leben lang angedauert. Sie hat sich an Werken der Phantasie genährt und aus diesen den Stil großer Schriftsteller in ihr starkes, zähes Gedächtnis aufgenommen. Als sie zwölf Jahre alt war, wurde sie gefragt, was für ein Buch sie auf eine lange Eisenbahnfahrt mitnehmen wolle. »Das verlorene Paradies«, war ihre Antwort, und sie las das Werk im Zuge.

In den Tagen, als Helen den ersten Entwurf ihrer Lebensgeschichte für den »Youth’s Companion« verfaßte,[34]schrieb ihrDr.Holmes: „Ich bin entzückt über den Stil Ihrer Briefe. Es ist nichts Affektiertes in ihnen enthalten, und da sie Ihnen unmittelbar von Herzen kommen, so gehen sie auch mir unmittelbar zu Herzen.“

In den Jahren des Uebergangs vom Kinde zur Jungfrau verlor Helens Stil seine frühere Schlichtheit und wurde steif und, wie sie sich selbst ausdrückte, gedrechselt. Damals wurde Fräulein Sullivan oft von der Furcht befallen, daß die Fortschritte ihrer Schülerin mit dem Ende der Kindheit aufhören würden. Zuweilen schien es Fräulein Keller an Geschmeidigkeit zu gebrechen; ihr Gedankengang bewegte sich in herkömmlichen Redewendungen, und sie schien nicht die Kraft zu haben, diese zu ändern oder in neue Bahnen zu lenken, und erst als sie die Kunst des Ausdrucks zum Gegenstand eines bewußten Studiums gemacht hat, hat sie aufgehört, das Opfer der Phrase zu sein. Charles T. Copeland, der lange Jahre hindurch Professor der englischen Sprache und Literatur an der Harvard- und der Radcliffe-Universität gewesen ist, erklärte einst: „In einigen ihrer Arbeiten hat sie gezeigt, daß sie besser schreiben kann, als irgend ein Schüler oder eine Schülerin, die ich je gehabt habe. Sie besitzt ein ausgezeichnetes »Ohr« für den Fluß der Perioden.“ —

In allem, was Fräulein Keller geschrieben hat, zeigt sich, wie bei den meisten großen englischen Schriftstellern, unverkennbar der Einfluß des Stils der Bibel. In ihrer Selbstbiographie finden sich viele Zitate aus der Bibel, entweder als gesonderte Einfügungen in den Text oder in diesen hineinverwoben, während das Ganze ein durchaus selbständiges Gepräge trägt.Ihr Wortschatz umfaßt alle Ausdrücke, die andere gebrauchen, und die Erklärung dieser Erscheinung und zugleich das Vernunftmäßige, das darin liegt, muß jedermann einleuchten. Es liegt kein Grund vor, warum sie alle Wörter, die einen Gehörs- oder Gesichtseindruck bezeichnen, aus ihrem Wörterbuche streichen sollte. Solange sie die Wörter richtig gebraucht, sollte man ihr das Recht einräumen, sie nach freiem Ermessen zu verwenden und dürfte von ihr nicht verlangen, daß sie sich auf einen Wortschatz beschränke, der ihrem Mangel an Seh- und Hörvermögen entspreche. In Bezug auf die Form sowohl wie den Inhalt ihres Buches müssen wir der Künstlerin zugestehen, was wir der Autobiographin versagen. Dazu kommt, daß für »wahrnehmen« von den Blinden die Ausdrücke »blicken« und »sehen« und von den Tauben »hören« gebraucht werden; es sind allgemein verständliche und gebräuchlichere Wörter. Nur ein Wortklauber könnte daran denken, den Blinden auf den Terminus »wahrnehmen« festnageln zu wollen, wenn »sehen« und »blicken« um so viel natürlicher sind und außerdem allgemein sowohl die Bedeutung des geistigen wie des sinnlichen Erkennens haben. Wenn Fräulein Keller eine Statue befühlt, so sagt sie in ihrer natürlichen Ausdrucksweise, während ihre Finger über den Marmor gleiten: Sie sieht aus wie ein Kopf der Flora. —

Andererseits ist es richtig, daß sie in ihren Schilderungen das künstlerisch Beste dann leistet, wenn sie sich streng an ihre eigenen sinnlichen Wahrnehmungen hält, und genau dasselbe gilt von allen Künstlern.

Infolge des Unterrichts in der letzten Zeit hat sie gelernt, ein gut Teil ihrer herkömmlichen Ausdrucksweise über Bord zu werfen und über Erfahrungen ihres Lebens zu schreiben, die sie selbst gewonnen hat. Sie hat mehr und mehr begonnen, den Stil aufzugeben, den sie aus Büchern entlehnte undden sie zu gebrauchen suchte, weil sie wie andere Menschen zu schreiben wünschte; sie hat gelernt, daß sie das Beste gibt, wenn sie »fühlt«, wie die Lilien hin- und herschwanken, sich die Rosen in die Hand drücken läßt und von der Hitze spricht, die für sie Licht bedeutet.

Fräulein Kellers Selbstbiographie umfaßt nahezu alles, was sie zu veröffentlichen beabsichtigte.[35]Es existieren jedoch noch einige kleinere Aufsätze, die weder so formlos wie ihre Briefe noch so sorgfältig abgefaßt sind wie ihre Lebensgeschichte. Einer von diesen enthält Mitteilungen über ihr Traumleben, die bei einer Blinden von doppeltem Interesse sind; wir lassen ihn daher noch in Uebersetzung folgen.

***

„O, die Streiche, die die Nixe von Traumland uns während des Schlafes spielen! Ich glaube, es sind die Spaßmacher des himmlischen Hofhalts. Oft nehmen sie die Gestalt von Aufsatzthemen an, um mich zu verspotten, sie stolzieren auf der Bühne des Schlafes wie die törichten Jungfrauen einher, nur daß sie anstatt der leeren Lampen saubere Kollegienhefte in ihren Händen halten. Ein andermal examinieren sie mich kreuz und quer in allen Fächern, die ich je studiert habe, und stellen Fragen an mich, die so leicht zu beantworten sind, wie die folgende: Wie hieß die erste Maus, über die sich Hippopotamos, der Satrap von Cambridge unter Astyages, dem Großvater Kyros’ des Großen, ärgerte? Ich wache vor Entsetzen auf, während mir noch die Worte in den Ohren klingen: Eine Antwort oder das Leben!

Solchergestalt sind die verzerrten Phantasien, die durch die Seele eines Mädchens ziehen, das die Universität besuchtund, wie ich es tue, in einer Atmosphäre von Ideen und Begriffen lebt, die halb Gedanken, halb Gefühle sind, die sich gegenseitig drängen und jagen, bis man beinahe verrückt wird. Ich habe selten Träume, die nicht im Zusammenhange mit dem stehen, was ich wirklich denke und fühle; aber eines Nachts schien sich meine ganze Natur verwandelt zu haben, und ich stand als mächtiger, furchtbarer Mann vor den Augen der Welt da. Selbstverständlich liebe ich den Frieden und hasse den Krieg nebst allem, was zum Kriege gehört; in der blutbefleckten Laufbahn Napoleons erblicke ich nichts Bewundernswertes, abgesehen von seinem Ende. Nichtsdestoweniger war in jener Nacht der Geist jenes mitleidslosen Menschenschlächters in mich gefahren! Ich werde es nie vergessen, wie die Kampfeswut in meinen Adern tobte — es schien, als wolle das stürmische Schlagen meines Herzens mir den Atem nehmen. Ich ritt einen feurigen Renner — ich kann noch jetzt das ungeduldige Emporwerfen seines Kopfes und den Schauer fühlen, der beim ersten Kanonendonner durch seinen Körper rann.

Von dem Gipfel des Hügels aus, auf dem ich stand, sah ich meine Truppen über eine sonnenbeschienene Ebene anstürmen wie zornige Wellen, und als sie sich bewegten, erblickte ich das Grün der Felder, das aussah wie die kühlen Täler zwischen den Wogen. Trompeten erklangen mitten in den unaufhörlichen Trommelwirbel und den Massenschritt der heranmarschierenden Bataillone hinein. Ich spornte mein schnaubendes Roß, schwang mein Schwert in die Höhe und rief: Ich komme! Blickt auf mich, Krieger — Europa! Ich stürzte mich in die heranbrausenden Wogen wie ein starker Schwimmer in die Brandung taucht und stieß — ach, es ist die Wahrheit! — gegen den Bettpfosten.

Jetzt schlafe ich selten, ohne zu träumen; bevor aber Fräulein Sullivan zu mir kam, waren meine Träume seltenund mit Ausnahme derer von rein physischer Natur, gedankenarm und zusammenhanglos. In meinen Träumen fiel stets etwas plötzlich und schwer herab, und mitunter schien mich meine Wärterin für mein unfreundliches Benehmen, das ich im Laufe des Tages gegen sie gezeigt hatte, zu züchtigen und mir meine Fußtritte und mein Kneifen mit Wucherzinsen heimzuzahlen. Ich fuhr aus meinem Schlafe empor unter verzweifelten Anstrengungen, meiner Peinigerin zu entgehen. Ich aß sehr gern Bananen und eines Nachts träumte mir, ich fände eine lange Schnur mit diesen Früchten in dem Speisezimmer, in der Nähe des Buffets, alle geschält und von köstlicher Reife, und alles, was ich zu tun hatte, war, daß ich mich unter die Schnur stellte und aß, soviel ich konnte.

Nachdem Fräulein Sullivan zu mir gekommen war, träumte ich umso öfter, je mehr ich lernte; aber mit dem Erwachen meines Geistes stellten sich oft schreckhafte Phantasien und unbestimmte Furchtanwandlungen ein, die meinen Schlaf lange Zeit zu einem sehr unruhigen machten. Ich fürchtete mich vor der Dunkelheit und liebte das Kaminfeuer. Sein warmer Hauch kam mir wie die Liebkosung einer Menschenhand vor, ich glaubte wirklich, es sei ein beseeltes Wesen, imstande, mich zu lieben und zu beschützen. An einem kalten Winterabend war ich allein in meinem Zimmer. Fräulein Sullivan hatte das Licht gelöscht und war fortgegangen, in der Meinung, ich schliefe schon. Mit einem Male fühlte ich mein Bett erzittern, und es war mir, als spränge ein Wolf auf mich zu und heulte mich an. Es war nur ein Traum, aber ich hielt ihn für Wirklichkeit und geriet in das größte Entsetzen. Ich wagte nicht zu schreien, aber ich wagte auch nicht im Bett zu bleiben. Vielleicht war der Traum eine verworrene Erinnerung an das Märchen vom Rotkäppchen, das ich vor kurzem gehört hatte. Jedenfalls schlüpfte ich aus dem Bett und kauerte mich dichtneben dem Feuer nieder, das noch nicht ausgebrannt war. Sobald ich seine Wärme fühlte, war ich beruhigt, und ich saß lange Zeit da und sah es in leuchtenden Wogen höher und immer höher steigen. Schließlich übermannte mich der Schlaf, und als Fräulein Sullivan zurückkehrte, fand sie mich in eine Decke gehüllt am Herde liegen.

Oft, wenn ich träume, ziehen Gedanken durch meinen Sinn wie vermummte Schatten, schweigend und in weiter Ferne, und verschwinden dann. Vielleicht sind es die Geister von Gedanken, die einst den Geist eines Vorfahren von mir bevölkerten. Zu anderen Zeiten fallen die Dinge, die ich gelernt habe, und die, in denen ich unterrichtet worden bin, von mir ab, wie die Eidechse ihre Haut abstreift, und ich erblicke dann meine Seele so, wie Gott sie sieht. Es gibt auch schöne, seltene Augenblicke, in denen ich im Traumland sehe und höre. Wie, wenn in meinen wachen Stunden ein Ton durch die schweigenden Hallen des Gehörs erklänge? Wie, wenn ein Strahl des Lichtes durch die dunklen Gemächer meiner Seele blitzte? Was würde sich dann ereignen? frage ich mich immer und immer wieder. Würde die allzustraff gespannte Saite des Lebens springen? Würde das Herz, überwältigt von freudigem Schreck, infolge des Uebermaßes von Glück aufhören zu schlagen?


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