Zehntes Kapitel.
Ferienaufenthalt in Brewster. — Die See. — Erstes Seebad. — Eindruck der Brandung. — Der erste Taschenkrebs.
Unmittelbar bevor das Perkinssche Institut seine Tore für den Rest des Sommers schloß, wurde die Verabredung getroffen, daß meine Lehrerin und ich unsere Ferien in Brewster am Kap Cod in der Gesellschaft unserer lieben Freundin, Frau Hopkins, zubringen sollten. Ich war darüber entzückt, denn mein Geist war voll von den zu erwartenden Freuden und den wunderbaren Geschichten, die ich vom Meere gehört hatte.
Meine lebhafteste Erinnerung an jenen Sommer ist der Ozean. Ich hatte stets im Binnenlande gelebt und niemals Seeluft geatmet; aber ich hatte in einem Buche mit dem Titel Our World eine Schilderung des Ozeans gelesen, die mich mit Erstaunen und einem sehnsüchtigen Verlangen erfüllte, die gewaltige See zu befühlen und ihr Toben zu spüren. So schlug mein kleines Herz in heftiger Erregung, als ich sah, daß mein Wunsch endlich doch in Erfüllung gehen sollte.
Kaum war ich in mein Badekostüm geschlüpft, als ich auf den warmen Sand hinaussprang und ohne die geringste Furcht in dem kühlen Wasser untertauchte. Ich fühlte, wie die mächtigen Wogen sich abwechselnd hoben und senkten. Die schaukelnde Bewegung des Wassers erfüllte mich mit ungemein lebhafter Freude. Mit einem Male aber wich mein Entzücken einem namenlosen Entsetzen; mein Fuß stieß gegeneinen Felsen, und im nächsten Augenblick ergoß sich ein Strom von Wasser über mein Haupt. Ich streckte meine Hände aus, um eine Stütze zu finden, ich griff ins Wasser und faßte nach dem Tang, den mir die Wogen ins Gesicht schleuderten. Aber alle meine verzweifelten Anstrengungen waren vergeblich. Die Wellen schienen ihr Spiel mit mir zu treiben und warfen mich in ihrem wilden Tosen von einer zur anderen. Es war fürchterlich! Die gute, feste Erde war mir unter den Füßen weggeglitten, und ich schien von allem — von Leben, Luft, Wärme, Liebe — durch dieses unheimliche, mich rings umgebende Element ausgeschlossen zu sein. Endlich jedoch warf mich die See, als sei sie ihres neuen Spielzeugs müde, an das Gestade zurück, und im nächsten Augenblick wurde ich von den Armen meiner Lehrerin umschlungen. O, dieses wonnige Empfinden bei der langen, langen Umarmung! Sobald ich mich genügend von meinem panischen Schrecken erholt hatte, um ein Wort hervorbringen zu können, fragte ich: Wer hat denn eigentlich das Salz in das Wasser geschüttet?
Nachdem ich meine erste Erfahrung mit dem Wasser glücklich hinter mir hatte, machte es mir großes Vergnügen, in meinem Badekostüm auf einem mächtigen Felsen zu sitzen und Woge um Woge an den Felsen heranbranden zu fühlen, wobei sie einen Spritzregen von Schaum heraufsandten, der mich völlig durchnäßte. Ich spürte, wie die Kiesel fortgeschwemmt wurden, wenn die Wogen mit ihrer vollen Wucht gegen den Strand anstürmten; das ganze Gestade schien durch ihren furchtbaren Anprall zertrümmert zu werden, und die Luft erdröhnte unter ihren Donnerschlägen. Die Brandung schlug zurück, um sich zu einem noch mächtigeren Anlauf zu sammeln, und ich hing an dem Felsen voll gespannter Erwartung, wie von einem Banne befangen, während ich das Toben und Brüllen des wütenden Meeres fühlte.
Kaum konnte ich mich von dem Strande trennen. Der Hauch der reinen, frischen und klaren Seeluft wirkte wie kühles, beruhigendes Denken auf mich, und die Muscheln, die Kiesel, die mit winzigen Lebewesen bedeckten Algen büßten in meinen Augen nicht das geringste ihrer Anziehungskraft ein. Eines Tages lenkte Fräulein Sullivan meine Aufmerksamkeit auf ein seltsames Ding, das sie in dem seichten Wasser gefangen hatte. Es war ein großer Taschenkrebs, der erste, den ich je in meinem Leben gesehen hatte. Ich fühlte ihn an und fand es sehr seltsam, daß er sein Haus auf seinem Rücken mit sich herumtragen sollte. Plötzlich schoß mir der Gedanke durch den Kopf, er könne einen ganz artigen Spielgefährten abgeben; daher ergriff ich ihn mit beiden Händen am Schwanze und trug ihn nach Hause. Diese Heldentat gefiel mir außerordentlich, besonders da sein Körper sehr schwer war und ich alle meine Kräfte anstrengen mußte, ihn eine halbe Meile weit zu schleppen. Ich ließ Fräulein Sullivan keine Ruhe, bis sie den Krebs in einen Trog in der Nähe des Brunnens geworfen hatte, in dem er nach meiner Ueberzeugung sicher aufgehoben war. Als ich aber am nächsten Morgen zu dem Troge kam, siehe da, da war er verschwunden! Niemand wußte, wohin er gekommen war oder wie er hatte entwischen können. Ich empfand eine schmerzliche Enttäuschung; nach und nach gelangte ich jedoch zu der Einsicht, daß es nicht freundlich oder weise gehandelt war, dieses arme stumme Geschöpf seinem Element zu entreißen, und nach einiger Zeit fühlte ich mich in dem Gedanken glücklich, es sei ihm vielleicht gelungen, in das Meer zurückzukehren.