Sechzehntes Kapitel.
Geschichtsstudium. — Studium der französischen Sprache; Lafontaine, Molière, Racine. — Vervollkommnung der Lautsprache. — Latein. — Lektüre von Cäsars »Gallischem Krieg«.
Vor dem Oktober 1893 betrieb ich meine Studien in verschiedenen Fächern mehr oder weniger sprunghaft. Ich las Werke über griechische, römische und amerikanische Geschichte. Ich besaß eine französische Grammatik in Hochdruck, und da ichschon etwas Französisch verstand, machte ich oft kurze Uebersetzungen im Kopfe, in denen ich die neuen Wörter anwandte, wie sie mir gerade in den Wurf kamen, ohne mich im geringsten um Regeln und sonstige Vorschriften zu kümmern. Ich suchte sogar die französische Aussprache ohne Hilfe zu erlernen, da ich alle Buchstaben und Laute in dem Buche erklärt fand. Natürlich war dies beinahe verlorene Liebesmühe; aber ich hatte dann wenigstens etwas an regnerischen Tagen zu tun, und ich erwarb mir genügende Kenntnisse im Französischen, um mit Genuß Lafontaines »Fabeln«, Molières »Le médecin malgré lui« und Stellen aus Racines »Athalie« mit Genuß lesen zu können.
Beträchtliche Zeit widmete ich auch der Vervollkommnung meiner Sprache. Ich las Fräulein Sullivan laut vor und rezitierte auswendig gelernte Stellen aus meinen Lieblingsdichtern, wobei sie meine Aussprache verbesserte und auf richtige Betonung und Modulation achtete. Doch erst im Oktober, als ich mich von den Strapazen und den Aufregungen meines Besuches der Weltausstellung erholt hatte, begann ich zu bestimmten Stunden Unterricht in einzelnen Fächern zu nehmen.
Fräulein Sullivan und ich waren zu jener Zeit in Hulton in Pennsylvanien, auf Besuch bei Herrn William Wade und seiner Familie. Ein in der Nähe wohnender Herr Irons war ein tüchtiger Lateiner, und es wurde verabredet, daß ich bei ihm Unterricht haben sollte. Ich erinnere mich seiner als eines Mannes von seltener Milde und weitem Blicke. Hauptsächlich unterrichtete er mich in lateinischer Grammatik; oft half er mir aber auch beim Rechnen, das ich ebenso mühsam wie langweilig fand. Auch Tennysons »In Memoriam« las Herr Irons mit mir. Ich hatte schon viele Bücher gelesen, aber niemals von einem kritischen Standpunkte aus. Jetzt lernte ich zum ersten Male einen Schriftsteller wirklich verstehen, ichlernte seinen Stil kennen, wie man den Handschlag eines Freundes kennt.
Anfangs ging ich mit ziemlichem Widerstreben an das Studium der lateinischen Grammatik. Es erschien mir widersinnig, mit der Zergliederung jedes vorkommenden Wortes Zeit zu vergeuden — Nomen, Genetiv, Singular, Femininum —, wenn seine Bedeutung klar auf der Hand lag. Nach meiner Auffassung war dies genau so, als hätte ich mein Kätzchen folgendermaßen beschreiben müssen, um es zu erkennen: Ordnung: Wirbeltiere; Abteilung: Vierfüßer; Klasse: Säugetiere; Gattung: Katzentiere; Art: Katze; Individuum: Tabby. Als ich aber tiefer in den Gegenstand eindrang, bekam ich mehr Interesse daran, und die Schönheit der Sprache entzückte mich. Ich machte mir oft das Vergnügen, Stellen in lateinischen Werken zu lesen, indem ich mir die Wörter heraussuchte, die ich verstand, und mich bemühte, den Sinn herauszubringen. Ich habe nie aufgehört, mich an diesem Zeitvertreib zu ergötzen.
Es gibt meiner Meinung nach nichts Schöneres als die verschwimmenden, fließenden Bilder und Gedanken — Vorstellungen, die gleich Wolken am Himmel, in phantastischer Gestalt und Färbung am Geiste vorüberschweben, vermittelt durch eine Sprache, in die man soeben begonnen hat einzudringen. Fräulein Sullivan saß bei den Lektionen neben mir, buchstabierte mir in die Hand, was Herr Irons sagte, und achtete auf die Worte, die mir neu waren. Ich begann gerade Caesars »Gallischen Krieg« zu lesen, als ich nach Alabama zurückkehrte.