Neuntes KapitelEsther
Esther Borg, die Tochter des Redakteurs und Frau Britas, war ein Mädchen ohne Schönheit, das wußte sie selbst; und deshalb erwachte sie früh zu dem Entschluß, etwas zu werden, statt auf einen Mann zu warten. Mit siebzehn Jahren wurde sie Studentin und ging nach Upsala, um Medizin zu studieren, nicht aus besonderer Begabung, sondern um etwas zu tun zu haben.
Sie kam durch ihren Namen in Kreise, in denen man mit den Fragen der Zeit fertig war und eine neue Auffassung vom Leben bekommen hatte, eine Antizipation des Kommenden. Es waren keine Zweifel oder Befürchtungen mehr, es waren Axiome.
Von den männlichen Kameraden wurde sie als Kamerad behandelt, aber als ein männlicher, vor dem man sich nicht genierte. Das hatte anfangs für sie einen gewissen Reiz, und sie fühlte sich über ihre Stellung als Geschlechtswesen emporgehoben; aber sobald ein weiblicher Kamerad von einiger Schönheit in den Kreis kam, wurde es anders. Wenn dieser als Kamerad aufgenommen wurde, geschah es in anderer Art. Die Schöne wurde mit Ritterlichkeit behandelt, als eineüberlegene inkommensurable Größe; mit einem Wort als Frau. Der rohe Scherz verstummte, die Herren wurden gesittet, Wärme verbreitete sich, und eine Stimmung voll dumpfer Lyrik legte sich über die Gesellschaft, in der Esther ihren Platz nicht wiederfand; denn sie konnte ja von weiblicher Schönheit nicht angenehm berührt werden, noch das Entzücken ihrer Kameraden einer Angehörigen ihres Geschlechts gegenüber teilen.
Da spürte sie das Schiefe ihrer Stellung; und sie empfand die Gleichheit mit dem Manne als eine Beleidigung, eine Kränkung, besonders, da sie vernachlässigt wurde. Deshalb achtete sie nicht mehr auf ihr Äußeres, legte alle Weiblichkeit ab, ging in Kneipen, schob Kegel und nahm eines Abends an einer Prügelei mit Handwerksburschen teil. Beim Radeln trug sie eine Sportjacke mit Kniehosen, und dies Kostüm nahm ganz allmählich die Form einer Männertracht an.
Die Kameraden vergaßen auch allmählich, daß sie Weib war, nannten sie nie Esther, sondern Borg, im Anfang; abends aber hieß sie Pelle und trug dann einen Kaisermantel mit Pelerine und die Studentenmütze, so daß jeder sie für einen Mann halten mußte.
Eines Abends nach einer großen Kneiperei auf der »Rolle« schlug ein Mediziner vor, zu Mädchen zu gehen; und Pelle ging mit; das fand man ganz natürlich. Als Szene war es freilich neu, obwohl es vor dem Studenten der Medizin Esther Borg keine Geheimnisse gab.
Die Mädchen guckten den Burschen zwar etwas erstaunt an; aber sie hatten an anderes zu denken, undman war ja hauptsächlich da, um zu trinken und zu schwatzen. Unter den Gästen befand sich auch ein junger Graf, der wußte, wer Esther war, und es doch seltsam fand, ein Mädchen aus guter Familie an einem solchen Ort zu treffen.
Einen Augenblick leerte sich der Raum, so daß der Graf und der falsche Jüngling allein blieben.
Das Zimmer hatte eine gewisse Stimmung; da die Decke niedrig war, konnte über dem Kopf keine Dunkelheit entstehen; die Wände waren von geschnitzten Leisten in Felder eingeteilt mit gemalten Landschaften, auf denen Schäfer und Schäferinnen ihre Schafe hüteten und Kirschen aßen, unschuldig, kindlich. Die Fenstervorhänge waren aus großblumigem Taft, und zwischen ihnen sah man das Schloß im Mondschein. Der Graf hatte sich an das alte Klavier gesetzt und klimperte jetzt mit den Tasten, als erwarte er, durch eine Anrede Esthers unterbrochen zu werden. Aber als sie hartnäckig schwieg, spielte er Chopins zweites Nocturno inG-Dur.
Esther kannte es nicht, deshalb staunte sie über die schönen Töne, die in diesem Augenblick zu entstehen schienen. Modulationen in Dur, die wie Moll klingen, der tiefste Schmerz, der seinen eigenen Trost in sich trägt; eine schlaflose Nacht, die die Wohltat hat, nicht von schweren Träumen gestört zu werden, wie qualvoll das Wachen auch sein mag. Der Ort veränderte sein Aussehen, die Umgebung vergoldete sich, und das junge Mädchen wurde von einer Wehmut ergriffen, die ihrer indolenten Natur fremd war. Sie war hierhergekommenwie in den Seziersaal, wo es schrecklich war, wo aber das Häßliche vom Interesse geadelt wurde. Plötzlich öffnete sich ihr eine andere Welt der Reinheit und Schönheit; eine lichte Wolke isolierte die beiden von der unsauberen Umgebung, stellte sich schützend um sie und ließ sie vergessen, wo sie waren.
Als der Graf aufhörte zu spielen, mußte er sprechen, da sie nichts sagte.
»Wissen Sie, was ich gespielt habe?«
»Nein, ich kenne es nicht.«
»Das war Chopin! Und ich habe das Gefühl, als habe er dies Nocturno eines Nachts gedichtet, an einem solchen Ort, wo man wehmütig wird in dem Suchen nach einer Freude, die man nicht findet; wo man das Elend des ganzes Daseins vor dem Unvollkommensten alles Unvollkommenen empfindet.«
»Glauben Sie wirklich, daß Chopin solche Orte besucht hat?« fragte das Mädchen, das noch nicht recht bei der Sache war.
Der Graf lächelte schwermütig:
»Ja, sicher hat er das getan; ist das so sonderbar? Sie und ich sitzen ja auch hier.«
Dies Sie und ich hob sie empor, schloß sie zu einem wir zusammen.
»Das stimmt,« antwortete Esther naiver als sie wollte, da sie damit ja die Artigkeit akzeptierte.
Der Graf lächelte über den weiblichen Zug, eine Schmeichelei nicht zu verschmähen; und in diesem Augenblick fühlte das Mädchen, daß sie von jemandvom andern Ufer angesprochen wurde, und sie suchte einen Kontakt mit diesem besseren.
»Was tun wir hier eigentlich? Warum sind Sie hier?« fragte sie unwillkürlich fast vorwurfsvoll.
»Ja, mein Fräulein, das ist nicht leicht zu sagen. Ich gehe mit; ich lasse den Schatten eines Verdachtes auf mich fallen, daß ich den andern gleich bin, um einem andern ungerechten Verdacht zu entgehen. Im übrigen haben dieser Ort und seine Bewohner eine Anziehungskraft. Sie erinnern an einen Naturzustand, den wir überwunden haben, deshalb scheint mir Ihr Benehmen naiv wie das des Landmädchens. Ich sehe nie etwas Unkeusches, nie irgendwelche Reue, die das Bewußtsein eines Unrechts andeuten würde; ich verstehe es nicht, aber ich kann es nicht verurteilen, ich billige es freilich auch nicht. Letzte Weihnachten, am Weihnachtsabend, ging ich an der Frauenabteilung des Krankenhauses vorbei. Das Haus sieht aus, als litte es an allen Krankheiten, die es gibt, und der Putz ist stellenweise abgefallen wie Wundschorf. Also, ich ging in Weihnachtsgedanken da vorbei, und durch das Fenster zu ebener Erde mit dem Eisengitter drang Gesang auf die Straße hinaus; ich empfand einen Augenblick unendlichen Schmerz, als ich mich in die Lage dieser Unglücklichen versetzte – denken Sie, ein Weihnachtsabend da drinnen! – Aber was geschah? Der Gesang drang lauter zu mir heraus, und ich hörte: ›O wonnevolle Studienzeit …‹«
Esther unterbrach ihn und fuhr fort:
»Ich hatte gerade an dem Abend drinnen die Ronde,und ich sah sie um den Weihnachtsbaum tanzen, an dem ein Kruzifix hing, das sie von den Elisabethschwestern bekommen hatten. Sie zeigten die gleiche ungeheuchelte Freude über den Gekreuzigten wie über die Pfefferkuchenmänner. Sie nannten den Gekreuzigten Erlöser, nicht Christus, und den Namen Jesus sprechen sie nie aus. Sie glauben an den Erlöser und sprechen von ihm wie kleine Kinder; hören sie einen Freidenker lästern, so schaudern sie und drücken ihren Abscheu aus. Können Sie diese Menschen erklären?«
»Nein, das kann ich nicht!« antwortete der Graf; »und deshalb behandle ich sie stets mit einer indifferenten Achtung als Mitmenschen. Ist Ihnen übrigens aufgefallen, daß man an ihren Wänden nie ein unanständiges Bild sieht, fast nie aus ihrem Munde ein plumpes Wort hört …«
»Ja, ich als Arzt und (hier stockte Esther vor dem Wort, sprach es aber aus) – und Frau höre ja nicht …«
»Ich auch nicht,« antwortete der Graf.
Nun lachte Esther:
»Das hängt vielleicht davon ab, mit wem sie sprechen.«
Der Graf errötete wie ein Mann, dem von einer Frau eine Schmeichelei gesagt wird, und um seine Verlegenheit zu verbergen, fuhr er mit großem Eifer fort:
»Aber das Charakteristischste an diesen Mädchen ist ihre Freude am Lachen; es soll lustig sein, alles soll lustig sein, nicht, wie wir früher glaubten, weil sie vergessen oder das Gewissen betäuben wollen; man nennt sie ja Freudenmädchen, und das ist das rechteWort. Was ist dies eigentlich für eine natürliche Auslese von Menschen? Was sagt Ihre Wissenschaft über die Sache?«
»Sie kann nichts sagen, denn sie weiß nichts. Möglich ist, daß sie nahe Nachkommen von Wilden sind, da sie ein anderes Gewissen haben als – wir, denn es ist fast unmöglich, ihr Schamgefühl zu wecken; sie wollen nichts davon hören, verstehen es nicht, schlagen es in den Wind, und die größte Furcht haben sie vor ernsten Männern.«
»Ja, das weiß ich,« antwortete der Graf; »mich hassen sie, weil ich so langweilig bin, und ich habe doch nie versucht, vernünftig mit ihnen zu reden; aber ich kann nicht lachen …«
»Nicht? Es ist doch so gesund!«
»Wenn ich einmal etwas zu lächeln habe, werde ich lächeln, das ist menschlich; aber lachen ist immer boshaft und wird vom Barocken, Verzerrten, vom Bösen hervorgerufen; deshalb löst es sich gewöhnlich in tränende Augen auf und hat oft ein Gefühl der Leere zur Folge, das in wirklichem Weinen, Weinen ohne Ursache endet.«
Jetzt erst bemerkte Esther, daß der junge Graf im Frack war. Das sah er und fuhr fort:
»Sie sehen meinen Frack an! Ja, ich war bei Professor X. zum Abendessen.«
»Nun?«
»Es ist schauderhaft, aber vielleicht nützlich. Die Jungen üben sich im Schweigen und die Älteren im Verschweigen; alle gehen wie mit Halftern umher,um nicht zu beißen; und heute abend war die Gesellschaft so, daß keiner ein vernünftiges Wort zu äußern wagte; alle schwiegen. Das nennt man Meinungen austauschen. Wissen Sie, nach einer solchen Maskerade sehnt man sich förmlich danach, hierherzugehen. Sonst pflegen alle Gäste ins Café zu eilen, um dort aussprechen zu können, was in der Gesellschaft nicht gesagt wurde.«
»Finden Sie es amüsant zu leben?« fragte Esther ganz schnell.
»Zu leben? Ist das: leben? Hier ist doch nur die Rede von töten, alle gesunden, starken Triebe zu töten, die das Leben erhalten sollten; und tötet man sie nicht durch Entsagung, sondern macht ihnen Luft, so stirbt man im Krankenhause oder verendet später im heiligen Ehestande am kalten Brand. Die Sache mit der Lebensfreude in den achtziger Jahren war ein furchtbarer Schwindel; die Propheten nahmen ein trauriges Ende, und alles ging wieder in die alten Gleise zurück. Wissen Sie, daß ich einen Freund habe, der im Krankenhause liegt und ganz sacht und allmählich stirbt?«
»Ich kenne ihn; Sie meinen den Dichter?«
»Ja, wollen wir hingehen, im Mondschein? Er nimmt die Sache ganz ruhig.«
»Gern,« antwortete Esther, und sie brachen auf.
Die Herbstnacht war mondhell und lau; sie gingen stille kleine Gassen, breite, grüne Straßen und kamen in den Park des Krankenhauses. Unter den riesigen Bäumen waren Zelte aufgeschlagen für die Kranken, die dort schliefen oder wachten, je nachdem. Untereinem Ahorn aber saß der Unterarzt mit einem Kandidaten und trank Whisky. Esther und der Graf, die beide kannten, traten heran und fragten nach dem Dichter.
»Ja,« antwortete der Unterarzt, »er liegt hier ganz in der Nähe und ist wach; aber er macht es wohl nicht mehr lange, da er zu Professor X. geschickt hat.«
»Was? Zu dem Theologen?« fragte Esther erstaunt.
»Ja, der Alte und Axel verkehrten ja in aller Freundlichkeit, um sich zu streiten, in aller Freundlichkeit, und der Dichter hat uns gebeten, ihrer letzten Schlacht beizuwohnen, um falsche Berichte über deren Verlauf unmöglich zu machen.«
»Können wir denn inzwischen zu ihm gehen?«
»Bitte; er liegt und liest Andersens Märchen.«
Esther und der Graf gingen ins nächste Zelt; da lag Axel E. und las beim Schein einer Laterne.
Es war eine kleine, abgezehrte Gestalt mit schwarzem Vollbart, von exotischem, französischem oder italienischem, Aussehen; seine Augen waren groß, glänzend, und er forschte eine Weile, bis er die Eintretenden erkannte, denn seine Augen begannen zu versagen wie sein Gehör. Dann lächelte er, reichte jedem eine Hand und bat sie mit flüsternder Stimme, Platz zu nehmen. Er wußte wohl, daß er sterben würde, aber er verschwieg es sich selbst und wollte nicht, daß ein anderer es sagte. Bisweilen aber fuhr der Hochmut in ihn, und dann pflegte er mit seiner Furchtlosigkeit zu prahlen.
»Ja, Kinder,« flüsterte er, »jetzt erlösche ich; dasAuge verliert sein Licht, das Ohr sein Gehör und die Stimme ihren Klang.«
Jetzt hustete er, unheimlich, denn er hatte Kehlkopfschwindsucht.
»Aber seht ihr, noch ist keine Gefahr, denn der Puls geht in den Nächten auf achtunddreißig Grad herunter; und die Nächte sind das schlimmste. Freilich wäre es schade, wenn ich jetzt wegmüßte, wo ich von Tabak, Alkohol und all dem andern gereinigt bin. Ich fühle mich wie innerlich gewaschen. Ja, es ist häßlich zu leben. Hört einmal, dieser Ephraim ist ein komischer Kerl. Er hat mir aus Norrbotten einen Brief geschrieben und fängt so an: Wenn dieser Brief dich noch am Leben trifft. – So schreibt man nicht an einen kranken Menschen. Ja, das Leben! Wißt ihr, was das schlimmste ist, was ich erlebt habe? Setzt euch, dann sollt ihr es hören! … Esther, du besinnst dich auf das Mädchen mit dem roten Haar, nicht wahr! mit dem ich mich verheiraten wollte. Ja, wir reisten nach Petersburg, und nach dem ersten Glück kam die Langeweile. Wißt ihr, was Langeweile zu Zweien ist? Allein kann sie schlimm sein, ist aber ganz erbaulich; zu zweien jedoch ist sie grauenvoll; ist sie der Tod; man ist aneinander gebunden, aber man haßt sich, grenzenlos, weil man einander bindet. Nun, sie hatte in aller Heimlichkeit Papiere beschafft, die auch mich durch die Trauung binden sollten. Als ich entdeckte, wer sie war, machte ich meine Armut gegen die Eheschließung geltend, doch da antwortete sie: ich habe Geld. Wir bewohnten in einem einfachen Hotel ein Zimmer. Aber einesTages – sie war halbe Tage fort – führte sie mich in ein Restaurant, das erste in Petersburg. Dort stellte sie mich einem Freunde vor, der uns zu einem Hundertfrankendiner einlud. Ich brauchte ja nur die Augen aufzumachen, um zu begreifen; und als sie beim Champagner einen Blick wechselten, faßte ich einen Entschluß. Also gut, nachdem wir in der Nacht nach Hause gekommen waren, stellte ich mich schlafend. Als ich merkte, daß sie schlief, stand ich auf, nahm ihr Portemonnaie, denn mein Geld war zu Ende, ergriff meine Kleider und Schuhe und schlich auf den Flur hinaus; und im eiskalten Winter kleidete ich mich auf dem steinernen Hausflur an. Daran lief ich zum Bahnhof. Doch es fuhr erst sechs Stunden später ein Zug ab. Kinder! Ich lief sechs Stunden auf dem Bahnhof umher! Und in der Angst, als Dieb festgenommen zu werden! – Aber es gelang mir zu fliehen! – – Als Dieb! Was sagt ihr dazu? – Und wie würdet ihr gehandelt haben?«
»Ebenso,« antwortete der Graf, sei es, um einen Sterbenden zu trösten, sei es, weil er sich der Tat fähig glaubte.
»Dieb!« wiederholte Axel E.
»Nun, hast du es dir später zum Vorwurf gemacht?« fragte Esther.
»Nein,« antwortete der Dichter, »könnt ihr euch das vorstellen? Ich habe mir keine Vorwürfe gemacht; aber ich bin wütend gewesen, weil ich mich in eine so schmutzige Situation hatte hineinziehen lassen. Ich handelte in gutem Glauben, in Begeisterung, und in … aber auf wen ich böse sein soll, weiß ich nicht.Zufall, Schicksal, Umstände sind für mich Personen, die ich nicht definieren kann, die ich aber als lebende Wesen anerkenne.«
»Warum hast du den Professor rufen lassen?« schnitt jetzt Esther ab, die mehr für Wirklichkeiten war.
»Den Professor? Ach so, das hatte ich vergessen! Ja, ich war allein und wollte mit ihm streiten.«
»Willst du nicht lieber Morphium haben und schlafen?«
»Morphium wirkt nicht bei mir; nein, ich will wach sein und reden; ich will meine Stimme hören, so lange sie zu hören ist!«
Jetzt zeigte sich in der Tür des Zeltes ein weißer Greisenkopf, der nicht vom gewöhnlichen Schlage war. Es war kein Pauluskopf, auch kein Petrus, aber etwas von beiden.En faceleuchtete Wohlwollen, Ergebung in das Schicksal, christliche Demut daraus; im Profil aber zeigte sich ein Druide, ein Odinspriester, der nach dem Flintmesser sucht, um den Gefangenen das Herz auszuschneiden. Man dachte an die Galgen von Upsala, an die Äste des Odinshaines, wo die Geschlachteten als Opfer für den unversöhnlichen Versöhner aufgehängt wurden.
Axel E. aber, der die kolossale Silhouette des Alten sah, die der Laternenschein auf die Zeltleinwand warf, fand in dieser Zeichnung einen Wolkengreis, wie man ihn nach dem Gewitter sieht, etwas von Zeus oder Moses, und er wurde unwillkürlich eingeschüchtert, wie alle, die in die Nähe dieses Beichtvaters der Jugend kamen.
»Nun, mein lieber Axel,« begann der Alte, »wie geht es dir jetzt?«
»Recht schlecht, Onkel,« antwortete Axel E., der schon bereute, in seiner Schwäche diesen robusten Kämpen herausgefordert zu haben.
»Wie steht es denn mit deiner Seele?«
»Ja, siehst du, Onkel, an die habe ich in diesen neunzig Tagen gedacht, aber ich komme nicht zur Klarheit.«
»Nicht? Nicht? Bist du dir deiner Schuld nicht bewußt geworden?«
»Nein, das bin ich nicht. Daß ich ein Sünder bin, weiß ich, denn wir sind in Sünde geboren; da wir aber alle Sünder sind, so bin ich keine Ausnahme und brauche meine Sünden nicht einem andern Sünder zu bekennen, der ebensogut mir beichten müßte, da wir ja Geschwister sind …«
»Du bist noch weit entfernt, mein Junge …«
»Warte ein wenig, dann will ich alles im Zusammenhang sagen, und meine Freunde hier sollen meine Zeugen sein …«
Hier hustete er, und seine flüsternde Stimme bekam ihren Klang wieder, als er sich in sitzende Stellung aufrichtete.
»Ich war zwölf Jahre alt, als meine Mannbarkeit sich zeigte. Aus reinem Unverstand, im Spiel, wurde ich von einem älteren Kameraden verlockt, den ich später als den Verführer meiner Jugend verflucht habe, viel später, als ich ihn wiedersah und er seinen Verführer namhaft machte. Ich wurde von einem Buch eingeschüchtert, das mich fast ins Irrenhaus gebrachthätte, weil es mir Furcht vor den ewigen Strafen einflößte. Ich wurde Pietist und glaubte, jetzt würde ich Frieden finden; aber den Gemütszustand, den die Religion mit sich bringt, möchte ich Unseligkeit nennen; alles wurde schwarz um mich her, Welt und Menschen, und das schlimmste waren die Askese und die Quälerei. – Ich lag auf dem bloßen Bettboden, die Gurten schnitten in meinen Körper, und ich fror unter dem dünnen Laken; ich sprach mein Abendgebet auf den Fliesen vor dem Kachelofen; ich hungerte; ich demütigte mich vor den Menschen, so daß ich in den Rinnstein hinunterging und jedem auswich, weil ich mich für schlechter hielt als alle andern und nicht würdig, auf dem Trottoir zu gehen. Als ich mich nun selbst überwunden hatte, wurde ich im Schlaf von Träumen überfallen; und das neue Unerklärliche erschreckte mich so, daß ich nicht zu schlafen wagte; der heilige Schlaf war mir zum Fluch geworden; aber meine Seele war rein, denn ich dichtete nur Schönes, das wißt ihr alle, die ihr meine Jugendgedichte gelesen habt. Als ich nun sah, daß der gute Wille, daß alle Anstrengungen vergeblich seien, als ich dachte, mein Leben werde entschwinden, als ich erkannte, daß meine Gebete zu Gott nur mit Hohn beantwortet wurden, da glaubte ich in der Hölle zu sein, glaubte, Gott habe mir den Rücken gekehrt. Da las ich Stagnelius und erhielt von ihm eine Art Erklärung des Elends. Die Seele sei in das Gefängnis des Körpers eingesperrt und könne sich nur dadurch frei erhalten, daß sie dann und wann dem Tiere in Form einesOpfers ein Stück Fleisch hinschleudere. Ich tat das – und immer, wenn ich es getan habe, hat meine Seele den Anker gelichtet, und ich bin über den Sumpf weggeflogen. Sobald ich aber wieder in Askese verfiel, beschäftigten sich meine Gedanken nur mit sensuellen Dingen, so wie der Hungrige stets an Essen denkt. Dann bekam ich diese Krankheit! – Da fragt man sich, warum nicht alle sie bekommen, und warum nicht zuerst die davon ergriffen werden, die Unzucht als einen Sport betreiben, was ich nicht getan habe. Antwortet darauf! Die Ärzte sagen, einige Individuen seien immun, weil ihre Eltern verseucht gewesen sind …«
Jetzt erhob sich der Alte zornig und warf das Druidenhaupt herum:
»Hast du mich rufen lassen, damit ich hier sitzen soll und so eine Schweinerei anhöre?«
»Ja, Alter, du sollst mich anhören,« schrie der kleine Mann im Bett und faßte dem andern in das weiße Barthaar, als wolle er einen falschen Bart herunterreißen. »Du sollst mich anhören, du sollst wissen, bevor du richtest. Du sollst wissen, daß meine Gefühle drauf und dran waren, auf Abwege zu geraten, als ich mich durch Enthaltsamkeit von dem Höllenbrand zu befreien suchte; du sollst wissen, daß mir von dem Hausarzt meines Vaters befohlen wurde, Weiber aufzusuchen und daß es mit Willen und Wissen meines Vaters geschah.«
»Das lügst du,« antwortete der Menschenopferer.
»O schäme dich! Schäme dich! Du Alter, der du im Ehebett mit einer Frau geschlafen hast, die duliebst, ein Glück, das einem jungen Manne nie beschert wird, weil er kein Brot hat: du solltest bedauern, du solltest trösten, aber du hast nur Steine und Schlangen, wo du Brot und Fisch geben solltest.«
Der Alte griff nach dem Buch auf dem Nachttisch, und als er Andersens Märchen sah, legte er es mit einer nachsichtigen Miene der Enttäuschung zurück.
»Ja, wettere über die Märchen, aber lies das von den bösen Träumen des Priesters, wenn er über die ewigen Strafen gepredigt hat. Kennst du das?«
»Hier ist meine Rolle ausgespielt,« verhaspelte sich der Druide.
»Du sagst es selbst: deine Rolle,« fuhr der Sterbende fort. »Besinne dich auf die Regungen der Weltlust in dir selbst, der du der Jugend predigst, denke an die ganze ›Freiheit des inneren Sinns von den Verlockungen dieser Welt‹, wenn die Welt dich das nächste Mal verlocken will, du Hofprediger! ›Wehe dem, der in diesem Kampf unterliegt und die Waffen streckt,‹Principiis obsta!Du kennst die Versuchungen der Jugend, Alter, aber du kennst nicht die des Alters, wenn weltliche Ehre und Auszeichnung dich zum Abfall locken; dein Tag wird kommen, da du deinen Heiland dreimal verleugnen wirst, Petrus, da du dich verleiten läßt, den Antichrist zu rühmen, der mit seinen Schleichlehren die Sünde entschuldigt, da Gott dich mit Blindheit schlägt, so daß du dich bemühen wirst, den Thron dessen einzunehmen, der unsern Heiland in die Ferse gestochen hat! Gib acht, wenndieser Tag kommt, und denke dann an mich, der nicht mehr ist …«
Hier erlosch die Stimme des Kranken, und er sank zum Schlummer auf das Kissen zurück.
Der Hofprediger – denn in diese Haut war er jetzt geschlüpft, und er hatte viele zur Verfügung – wurde groß, bei dem Gedanken, vor der studierenden Jugend, die die erhaltene Lektion angehört hatte, seine Würde wahren zu müssen; und als wolle er den Fall dem zuständigen Arzt überlassen, grüßte er zum Abschied mit der Hand und warf eine Phrase hin:
»Sie sorgen wohl dafür, daß er schlafen kann, Herr Doktor.«
Jetzt entwickelte sich der Wolkengreis an der Zeltdecke und wurde erschreckend groß, der Kopf eines Riesen, des Urmenschen, der nach Kirchen mit Steinen warf, Glocken nicht vertragen konnte und vor dem Geruch von Christenblut schauderte. Dann schrumpfte der Riese zusammen und kroch durch die Zeltöffnung hinaus.
Der Nachtwind von der Ebene schüttelte die großen Ahorne, die wie ein Bach zwischen Kieseln rauschten und rieselten; die Zeltleinwand wellte, und die vier Eckpfosten der Laterne warfen ihr Schattenbild wie einen Käfig, in dem der Kranke lag mit dem weißen Gesicht, das den unendlichen Schmerz eines Menschen ausdrückte, der unverdient zu leiden glaubt.
»Er schläft ohne Morphium,« sagte der Unterarzt, nachdem er den Puls gefühlt hatte.
Die drei jungen Menschen gingen hinaus und setztensich unter den Ahorn an den Whiskytisch. Der Mond hatte sich gesenkt und leuchtete weiß auf die Zelte; ein Zeltlager, das für Verwundete und Sterbende aufgeschlagen war.
»Ja, Kinder,« begann der Unterarzt, »werdet ihr klug aus dem Professor? Ich als Theosoph und Martinist neige zu der Annahme, daß irgend eine fremde Seele sich früh als Pfropfreis an diesem wilden Stamm festgesetzt hat und parasitisch auf ihm weiter lebt. Dieser Großinquisitor ist im Grunde ein anderer, als er scheint; wenn ich ihn rasieren und scheren könnte, würdet ihr wahrscheinlich einen Typ aus Lombrosos Album vor euch haben: ich meine, er ist ein böser Mensch, der zum Bewußtsein seiner Bosheit gekommen ist und deshalb diesen Pfahl im Fleisch hat, den man Religion nennt; oder er hat sich selbst die Kandare angelegt, um nicht zu beißen. Habt ihr nicht bemerkt, daß gute Menschen nie Pietisten sind? Und daß Pietisten auf uns gewöhnliche Sünder immer einen boshaften Eindruck machen? Ich war Pietist, als ich jung war, und ich nahm die Religion hin wie bissige Hunde das Nagelhalsband. Ohne die strenge Religion meiner Jugend wäre ich ein Unmensch gewesen, denn ich war von Natur nicht gut. Pietismus ist ein Gemütszustand, der sich einstellt oder ausbleibt; es ist also idiotisch, einen Menschen wegen seiner Gemütsverfassung zu hassen oder ihm einen Vorwurf daraus zu machen; Pietismus ist ein Pönitenzzustand, ein Streben nach der Erziehung zum Übermenschen; es mißlingt freilich oft, deshalb erscheinen die Pietisten als Heuchler, sind es aber nicht;ein religiöser Mensch ist immer ein wenig schlechter als andere, weil er die Geißel braucht, und ein wenig besser als andere, weil er sie anwendet. Denkt euch einen Oftedal ohne Religion! Das wäre wahrscheinlich ein Caligula gewesen; jetzt wurde er nur ein kleiner Ludwig XV.; das ist immerhin ein Gewinn. Was Axels Bekenntnis betrifft, so weiß ich, daß es wahr ist; und es war schrecklich, mit anzuhören, daß der Alte ihn zum Lügner machte; aber er versteht es am Ende nicht besser, denn er hat das Leben wohl nie gelebt. Und das ist die große Frage, seht ihr, ob man durch den Sumpf hindurch oder um ihn herumgehen soll. Ich weiß es nicht; manche tauchen einmal unter und schwimmen weiter; andere bleiben auf dem Grunde. Das scheint jedem einzelnen vorausbestimmt zu sein, und der Gnostizismus, den Axel von Stagnelius bekam, scheint ihm das Bedürfnis eingegeben zu haben, die materielle Basis zu vernichten, um das Geistige zu befreien. Wenn die Religion im Großen genommen Anknüpfung an das Oben ist, so war Axel religiös, denn er befand sich ständig auf dem Fluge, suchte stets hinter dem Phänomen, faßte das Leben auf als etwas Provisorisches, Vorübergehendes, ein Gastspiel auf der Durchreise, litt unter dem Dasein und sehnte sich heim. Er war kein böser Mensch, eher das Gegenteil …«
Hier wurde der Sprecher von Esther unterbrochen, die erregt war:
»Warum sagst du, er war?«
Der Arzt schien sich verbessern zu wollen, aber es war zu spät:
»Ich sagewar, weil er nicht mehr ist. Das habe ich schon eine ganze Weile gewußt.«
»Ist er tot?«
»Ja!«
Es wurde still, und die drei Gesichter wurden weiß. Keiner wollte angesichts des großen Rätsels etwas Banales sagen. Aber sie standen auf und gingen ins Zelt, um Abschied zu nehmen.
Der Morgen dämmerte und die Laterne war erloschen.
Die Zeltleinwand war von außen schwach rosenfarben, und der Tote lag mit nach hinten geworfenem Kopf da, den Mund wie in Ekstase geöffnet und die Augen nach oben gerichtet; das ganze Gesicht strahlte in Verzückung, als habe er etwas übermäßig Schönes gesehen, vielleicht das Land seiner Träume.
Nach einem langen Winter in Upsala wurde es wieder Frühling, und Esther kam zu den Eltern nach Hause. Storö hatte sich zum Badeort entwickelt und ein Kurhaus bekommen; dahin kamen mancherlei Leute, Segler, Sommergäste. Und Esther mußte als Dame gekleidet gehen, was ihr höchst kurios vorkam; besonders erschien ihr das Weiß, als ginge sie in ihren Bettüchern umher; es erinnere an Laken und Kopfkissenbezug, meinte sie. Alles saß ihr schlecht, machte sich nicht, und da sie das wußte, hielt sie sich fern. Doch Frau Brita zwang sie, ins Kurhaus zu gehen, denn sie dürfe nicht vergessen, daß sie Frau sei. Diese Stunden, wenn getanzt wurde, waren ihre bittersten. Dannmußte sie an der Wand sitzen und stundenlang warten, aufgefordert zu werden; aber es kam kein Herr; und erschien wirklich einer, so sah sie das Mitleid mit dem häßlichen Mädchen, und das kränkte sie im Innersten. Dann blieb sie weg und ging in den Wald, fuhr auf die See hinaus, wurde aber bei der nächsten Gelegenheit wieder in den Tanzsaal geschickt. Diese Zurschaustellung ihrer Weiblichkeit, dieser Wettbewerb in einem ungleichen, unwürdigen Kampf zerriß sie, und sie verwünschte das grausame Vergnügen, bei dem die von der Natur Vernachlässigten öffentlich gezeichnet wurden.
Es war an einem solchen Tanzabend im Vorsommer. Die Eltern gehörten zur Direktion, und Esther war aus Rücksicht auf sie und auch in dem Gedanken an den wohltätigen Zweck mitgegangen. Aber sie war nicht in den Saal getreten, sondern hatte auf der Veranda Platz genommen, wo sie die Paare vorübergleiten sah, vorüber. Die schlimmste Qual für sie war, den Ausdruck von Enttäuschung und Kummer in ihrem Gesicht zu verbergen, und diese gewaltsame Beherrschung verlieh ihren Mienen Wildheit und Trotz.
Wie sie da saß, kam ein Mediziner aus Upsala, etwas angeheitert, von einer Segeljacht.
»Ach, Pelle,« entfuhr es ihm. »Ist Saul auch unter den Propheten? Du gehst doch wohl nicht auf solche Ausstellungen von Reproduktionstieren?«
Esther blieb die Antwort schuldig, und der Kamerad ging in den Saal, ohne sie aufzufordern. Daß er gar nicht fragte, ob sie tanzen wolle, kränkte siebesonders, trotz der Schmeichelei in den zweideutigen Worten des Mannes, nach denen er sie für diesen Aufzug zu gut fand.
Nach einer Weile erschien der junge Graf aus Upsala mit der Ballkönigin, der Schönheit des Ortes, die an seinem Arm hing und seine Blicke trank. Esther sah sie den Saal betreten, tanzen und darauf sich unterhalten. Alle Badegäste verfolgten die beiden mit bedeutungsvollen Blicken, und eine ältere Dame, die aus dem Saal kam, äußerte:
»Die wird Gräfin werden! Viel Glück! ein Graf, dessen Vater Kassierer und der selber Sozialist ist, das ist eine feine Partie.«
»Aber er sieht gut aus!« antwortete die andere Dame.
Esther hatte hingehört; und als sie nun diesen neuen Ausdruck im Gesicht des Grafen sah, der den der jungen Schönheit widerstrahlte, da wurde es düster in ihr, und sie begriff, warum sein Gesicht in ihrer Gegenwart nie diesen Glanz bekommen hatte.
Sie ging direkt nach Hause und setzte sich in ihr Zimmer. Es war Nacht, aber hell, und vereinzelte Töne der Kurhausmusik drangen bis zu ihr. Da fiel ihr das Chopinsche Nocturno ein, das er ihr in der seltsamen Gesellschaft dort in Upsala vorgespielt hatte. Mit ihrem kalten nüchternen Temperament hatte sie geglaubt über so kindliche Gefühle wie Erotik erhaben zu sein; doch jetzt war sie gefangen, da war kein Zweifel. Und da saß sie und weinte, vor Schmerz, verschmäht zu sein.
Da sie nicht einschlafen konnte, ging sie hinaus; kam an den Strand hinunter und nahm sich ein Boot;setzte sich an die Riemen und steuerte über den Fjord auf eine kleine Schäre zu, die ihr Ziel zu sein pflegte.
Sie mußte an dem Kurhaus vorbei, und da ertönte noch die Musik; die erblassenden Lichter leuchteten durch die Fenster. Sie wollte fliehen, wurde aber dahin gezogen, als triebe sie die Strömung. Da holte sie mit den Rudern aus und wendete, direkt auf die hinterste Landzunge zu, so daß sie das Land im Rücken hatte, und dann steuerte sie hinaus.
Doch die Klaviermusik folgte ihr mit dem schwachen Landwind. Und sie wurde gezwungen, die Ruder im Takt des Walzers zu bewegen, eins, zwei, drei, und das war, als würde sie von drinnen kommandiert, von da hinten, wo die beiden Körper sich im gleichen Rhythmus bewegten. Da wendete sie wieder; aber sie kam nicht los davon, kam nicht aus diesem Zauberkreis heraus. Plötzlich verstummte der Walzer und es entstand eine Stille, die nur von Möwen und Wellengeplätscher gestört wurde. Dann begann die Stille vernehmlich zu werden, und in ihrer Erinnerung hörte sie das Nocturno, vernahm es vielmehr, wie man innerlich sich an, Musik erinnern kann. Doch, dies waren ja wirkliche Töne,G-dur, wie moll klingend; es war sein Anschlag, seine Art zu spielen! Welch ein Verrat! Er spielte ihren Chopin der andern vor, zog sie unter diese Decke, unter der sie beide sich einmal verborgen hatten.
Jetzt floh sie im Ernst aufs Meer hinaus und versuchte durch das Geräusch der Ruder die Musik zu übertönen; das Rauschen des Wassers am Kiel halfmit, und sie war schließlich außer Hörweite, als sie an einer kleinen Schäre mit einer Kiefer vorbeifuhr. Da aber, als sie das Tempo verlangsamte und die Ruder einzog, hörte sie ein leises Knarren von Riemen in den Dollen von der andern Seite der Schäre. Im nächsten Augenblick schoß der scharfe Kiel eines weißen Kahnes über den niedrigen Felsen, ein Kopf wurde sichtbar und der an den Rudern sitzende Graf tauchte auf.
»Bist du es, Esther?« fragte er ganz ruhig.
Das Mädchen antwortete ohne ein Zeichen des Erstaunens.
»Ja, und bist du hier?«
Was sie hinter sich zu haben geglaubt hatte, war vor ihr; der Stromwechsel vollzog sich so plötzlich, daß sie sofort normal funktionierte.
»Das war ja eine schreckliche Sitzung!« fuhr der Graf fort.
Jetzt erst kam Esther in die qualvolle Stimmung zurück, die sie hinter sich hatte:
»Ich dachte, du seist noch da und tanztest mit der Schönen!«
»Nein, danke vielmals! das ist so eine, die einen Schweif hinter sich haben muß; eine kokette Kokotte! Sie bandelte mit mir an, um den Seeoffizier zu bekommen; und dann nahm sie den Seeoffizier, um den Postmeister zu ärgern; und daß sie bei dem Apotheker enden würde, war vorauszusehen.«
»Soo?« wendete Esther ein, »sie wurde schon Gräfin genannt!«
»Ach, sie hat mich ausgenutzt? So sah sie aus, und sie wird wohl mit einer Hundehochzeit enden.«
»Was ist das?«
»Wollen wir an Land gehen und uns den Sonnenaufgang ansehen?«
Sie gingen an Land, und da die Ursache zu Esthers Kummer beseitigt war, verfiel sie in ihren alten gewöhnlichen Humor voll stiller, indolenter Skepsis und ohne eine Spur von Erotik.
Und dann fuhren sie im Sonnenaufgang nach Hause.
Graf Max blieb acht Tage im Hotel auf Storö, und in der ganzen Zeit verkehrte er vertraulich mit Esther. Sie segelten und machten Spaziergänge, gingen aber nie ins Kurhaus; ihr Verhältnis war unverändert, mit dem kleinen Unterschied, daß Esther ihr Äußeres zu pflegen begann, mit der weiblichen Kleidung weibliche Manieren annahm und gewisse Züge einer wilden, gesunden Schönheit verriet. Die Eltern sagten nichts, denn sie wußten, daß hier nichts half. Aber eines Abends – eines Abends waren die jungen Leute weit in den Wald gegangen, um das Meer anzuschauen. Sie hatte sich auf einen Stein gesetzt und er hatte sich neben ihr ausgestreckt. Es sah intimer aus, als es war, besonders da er gerade ihre Hand gefaßt hatte und fragte, woher sie den Ring habe, den sie trug.
Da trat plötzlich Vater Borg, der Redakteur, vor, und zitternd brachte er nur die gewöhnlichen Worte heraus:
»Sind die Herrschaften verlobt?«
Die Situation war peinlich, und der Graf mußte zuerst sprechen:
»Daran haben wir nie gedacht,« antwortete er und erhob sich langsam; dabei betrachtete er Esthers Gesicht, das einen neuen Ausdruck angenommen hatte, einen Ausdruck von Schüchternheit, Scham und kindlicher Furcht vor dem Vater, und entdeckte mit einem Schlage die Art ihrer Intimität. Deshalb fuhr er, jedoch in verändertem Ton, fort:
»Das hängt übrigens von Esther ab.«
Das Mädchen wechselte bei diesem Zugeständnis wieder die Farbe, und der Vater hatte unfreiwillig den Funken entzündet, der noch kurz vorher nicht geboren war.
»Wenn Max das für möglich hält und …«
Hier brach sie in Tränen aus und warf sich dem Vater in die Arme, als wolle sie da die Gefühle verbergen, deren sie sich selbst schämte.
Es war lange her, seit Gustav Borg so etwas miterlebt hatte; und als er Esther in seinen Armen hielt, war es ihm, als sei sie wieder Kind, und seine väterlichen Gefühle strömten auf den jungen Mann über, dessen Hand er faßte.
»Viel Glück denn!« sagte er und raffte seine Männlichkeit zusammen. »Jetzt verlasse ich euch; aber ich erwarte die Herrschaften zum Abendessen in meinem Hause.«
Und dann ging er.
Die Verwandlung hatte sich vollzogen, die Transfiguration;und die beiden jungen Menschen standen da nicht als Kameraden und Freunde, sondern als Mann und Weib; sie gewahrten gewissermaßen ihre Nacktheit, wurden schüchtern und sprachen mit neuen Stimmen neue Worte, sie wanderten Hand in Hand wie kleine Kinder unter zitternden Bäumen; und als sie Menschen trafen, schämten sie sich nicht, sondern waren stolz wie junge Götter und meinten, alle beugten sich und grüßten sie mit Ehrfurcht.
Das war der Sommer 1890. Das folgende Jahr verging auf die gleiche Weise mit Lernen zum Examen und Zukunftsplänen. Die Eltern wollten gern das Gespräch auf die Heirat bringen, aber die Jungen antworteten nicht. Manchmal erregte dies Schweigen Beunruhigung. Aufgehobene Verlobungen waren sehr häufig, aber unangenehm; man hatte sich als Verwandte gefühlt, hatte die Interessen vereinigt, Vorschuß auf Gefühle genommen und vielleicht materielle Werte vermengt.
Frau Brita war ruhiger als Gustav.
»Laß sie; wir dürfen uns nicht einmischen.«
Dann kamen die Weihnachtsferien 1892. Da hatte Frau Brita, ohne ihren Mann zu hören, den Bräutigam eingeladen, bei ihnen auf Storö zu wohnen. Gustav war in Wut geraten, doch vor der vollendeten Tatsache mußte er sich beugen.
Weihnachten war vergangen, und es war an einem der letzten Tage des Jahres.
Es war grau und trüb, und Gustav Borg wollteeine Partie Brett spielen. Zu dem Zweck ging er ins Turmzimmer hinauf, um seinen Schwiegersohn zu suchen. Als er sah, daß der Schlüssel abgezogen war, klopfte er. Niemand öffnete, und er hörte zwei Stimmen, die flüsternd das Wort »still« aussprachen.
Da verstand er und ging hinunter, um seine Frau aufzusuchen. Da er wußte, wie schnell sie mit Antworten bei der Hand war, legte er sich in Gedanken eine Auswahl von Fragen zurecht, mehr in behauptender Form; denn es war schwerer, einer Beschuldigung auszuweichen, als eine Frage mit nein oder ja abzufertigen. Er schlug also wie ein Blitz in Frau Britas Schreibküche ein und rief:
»Seit wann weißt du, daß die jungen Leute sich auf seinem Zimmer einschließen?«
»Seit wann? Seit sie hier sind!« antwortete Frau Brita, die gerade einen Aufsatz über die neuen Formen der Ehe schrieb.
»Es geschieht also mit deinem Wissen und deiner stillschweigenden Zustimmung!«
»Mit meiner offenen Zustimmung.«
»Kupplerin!« schrie der gereizte Vater und ließ einen Stuhl um vier Axen rotieren.
»Schäme dich!« antwortete die Frau.
»Du hast unser Haus zu einem Bordell gemacht!«
»Das ist es wohl immer gewesen!«
Damit war ja alles gesagt, aber der Vater sprach in diesem Augenblick von seinem Standpunkt als Vater und nicht als Gatte, deshalb ging er seinen Weg weiter:
»Jetzt gehe ich hinauf und schlage die Tür ein, dann jage ich die beiden mit dem Stock hinaus und beantrage die Scheidung …«
»Mit welcher Begründung?«
»Mit der Begründung, daß die Frau als Kupplerin ihrer Tochter auftritt.«
»Und die minderjährigen Kinder?«
»Die nehme ich, da du als Mutter unwürdig befunden wirst.«
»Du willst mich fortjagen?«
»Ja!«
»Hör einmal, Gustav, um der Kinder willen, willst du dies nicht im Guten abmachen?«
»Nein!«
»Dann verlange ich Aufschub!« antwortete Frau Brita; »ich muß die Angelegenheiten des Hauses ordnen, verstehst du, und dann verlasse ich dies Haus in Frieden.«
Das klang aufrichtig und war es auch teilweise als Ausdruck des Schmerzes, der immer den Gedanken an Scheidung begleitet. Der Mann, der dasselbe empfand, ließ sich täuschen und versprach, drei Tage lang nichts zu unternehmen, gegen die Zusicherung, daß der Graf das Haus verlassen werde.
Darauf zog er sich in seine Zimmer im ersten Stock zurück und bat, bei Tisch nicht auf sein Erscheinen zu rechnen.
Am Abend nach diesem Auftritt hörte Gustav Borg ein eifriges Telephonieren, ein Vorfahren und Abfahrenvon Schlitten, ein Tappen auf Treppen und Korridoren; aber da das Haus sehr groß war und er keine Neugier zu zeigen wagte, blieb er im Unklaren über das, was vorging. Diese Ungewißheit wirkte jedoch beunruhigend, besonders da sein Entschluß ja von den Angriffsplänen der andern abhing. Seine Vermutungen begannen ihr Spiel, und er stellte eine Kombination nach der andern auf, verwarf sie aber immer wieder, wenn der lose Sand seiner Vermutungen nicht stand hielt.
Die Einsamkeit in dieser Lage wurde ihm unerträglich; doch er wagte seine Zimmer nicht zu verlassen. Er wollte seiner Gewohnheit getreu ins Kinderzimmer hinuntergehen und den kleinsten Kindern gute Nacht sagen, einem Knaben von sechs und einem Mädchen von vier Jahren; aber sie schliefen nicht allein, sondern das Kinderfräulein war bei ihnen, und heute war der Augenblick nicht gut gewählt, sich bei ihr zu zeigen, aus den Gründen, die Frau Brita bei einem früheren Anlaß angedeutet hatte. Da war sein schwacher Punkt, den er bisher verborgen gehalten hatte und der jetzt drohend hervortrat.
Er war langsam hineingeglitten in dies Verhältnis, das nicht auffiel und geheim gehalten wurde, das man beargwöhnte, aber doch duldete, das auf die Physiognomie des Hauses keinen Einfluß hatte, das fast respektiert wurde, weil die Frau des Hauses sich nicht darum kümmerte. Nach fünfundzwanzigjähriger Ehe hatte Frau Brita vor vier Jahren bei der Geburt des letzten Kindes erklärt: mehr Kinder wolle sie nichthaben, und den Rest ihres Lebens wolle sie dem Dienst der Allgemeinheit und der Menschheit widmen. Das war nichts Neues, denn sie hatte schon bei der Ankunft des ersten Kindes erklärt, mehr wolle sie nicht haben. Und dann kamen sie doch, kamen infolge eines unglücklichen Zufalls, wie ja die meisten Menschenkinder zur Welt kommen. Doch jetzt war ihr Entschluß so unerschütterlich, daß sie ihren Mann von dem Versprechen der Treue entband, als er erklärte, als verheirateter Zölibatär nicht leben zu können. Sie wollte nur »in Frieden gelassen werden« und »nichts davon erfahren«. Es ist ja nicht so leicht für einen Mann, seine Neigung zu ändern; man hat nicht gleich eine neue bei der Hand, wenn der Zufall nicht günstig ist. Der Zufall bot sich in Gestalt des Kinderfräuleins. Als Frau Brita ihr Haus dem siebenundzwanzigjährigen Fräulein überließ, tat sie das ohne Bedauern. Das Fräulein war verständig und unterwürfig, suchte nicht die Macht, nahm aber die Arbeit auf sich. Sie und der Mann besorgten Kinder und Haushalt; und da die Frau meistens fort war, wenn sie nicht schrieb, so entstand in der Einsamkeit ein natürliches Freundschaftsverhältnis zwischen dem Mann und der Pflegerin seiner Kinder; und bald nahm ihre Verbindung den angedeuteten intimen Charakter an, ohne jedoch eine merkliche Änderung im Zusammenleben der Ehegatten herbeizuführen, das im Gegenteil achtungsvoller und weniger stürmisch als früher wurde.
Die Maschinerie des Hauses ging lautlos und würde auch weiter so gegangen sein, wenn nicht die Frauihre Stellung bedroht gefühlt und vor allem gefürchtet hätte, von den Kindern getrennt zu werden, die vielleicht, nachdem sie selbst aufs Trockene gesetzt war, eine Stiefmutter bekommen würden.
In dem Gefühl des Bevorstehenden hatte sie in aller Eile Anhänger und Waffen gesammelt, entschlossen, den Kampf aufzunehmen und den Feind zu töten, lieber als getötet zu werden.
Nach einer schlaflosen Nacht voller Zweifel und Ungewißheit erwachte Gustav Borg und kleidete sich an. Darauf ging er ganz einfach hinunter an den Kaffeetisch, wo er Frau und Kinder traf. Alles war wie sonst, aber doch etwas verändert. Esther war kalt und verschlossen, und als der Vater mit einem Blick nach Graf Max suchte, hatte die Mutter sofort eine Erklärung bereit:
»Max läßt vielmals grüßen; er wollte dich nicht stören.«
Diese einzige Antwort machte das ganze Geheimnis des Familiengebäudes aus: Hingehen lassen, abfließen lassen, Kompromisse schließen, stillschweigen und weiter gehen. Das wirkte befreiend, so daß Gustav Borg sich wiederfand und dachte, alles sei vergessen; er gab sich der Freude hin, unter den Seinen zu sein, und fühlte sich stark, da er von seiner natürlichen Leibwache umgeben war.
Er ließ jeden Gedanken an Anfall und Verteidigung fallen, der Friede war geschlossen, und das Geschehene war nie geschehen; er ging hinaus in den Wald mitden beiden Kleinsten, deren Gesellschaft ihn verjüngte. Sie kamen auf eine Waldwiese, wo Eichhörnchen im Schnee sprangen, um sich nach dem langen Schlaf Bewegung zu machen. Beim Anblick der Spaziergänger eilten die flinken Tiere eine Eiche hinauf, um sich in einem Loch zu verstecken. Der jüngste Knabe, der Liebling, verlangte sofort, der Vater solle auf den Baum steigen und ein Eichhörnchen fangen. Alle Vorstellungen halfen nichts, und wenn der Knirps mit den Augen bat, war er unwiderstehlich. Der Vater warf den Rock ab und enterte die Eiche, aber ohne ein anderes Resultat, als daß er schwitzend und mit zerschrammten Händen wieder herunterkam.
Das erinnerte an eine Szene im vorigen Sommer, als der Vater sehr früh an den Strand gegangen war, um allein zu baden. Er hatte seine Schwimmtour gemacht, war wieder angezogen und freute sich innerlich auf den wartenden Kaffee, als das Bürschchen an den Strand kam, um dem Schwimmen zuzusehen. Die Enttäuschung des Kleinen, als er zu spät kam, war groß, und er begann zu weinen. Um schnell seine Tränen zu trocknen, zog der Vater sich wieder aus, sprang ins Wasser und schwamm hinaus, was nicht nach seinem Geschmack war; doch er fühlte sein Opfer belohnt in der unermeßlichen Freude, die seine Mühe und Selbstüberwindung hervorriefen.
Nun besuchten sie zusammen alle alten Spielplätze, Grotten und Fuchslöcher, seltsame Strandsteine, Ameisenhaufen, umgewehte Bäume; und der Vater sah das alles wieder, als sei es verloren gewesen und wiedergefunden.Sie suchten Hasenspuren auf, und er lehrte die Kinder sie von Fuchsspuren unterscheiden; sie studierten Vogeltritte und die langen Linien der Ratten; sie sahen Birkhühner in Birkenwipfeln und Dompfaffen in Fichten …
In dieser stillen, unschuldigen Freude wurde er plötzlich von einem Gefühl überfallen, wie es einen bei einem Abschiedsbesuch überkommt. Und er ging wieder nach Hause, unruhig, beklommen, ahnungsvoll.
Darauf hielt er sich in seinen Zimmern auf und horchte auf jeden Laut. Aber es war meistens still, und diese dumpfe Stille quälte ihn.
Gegen Abend war er so von Unruhe erfüllt, daß er mit jemandem sprechen mußte, wenn er nicht zerspringen wollte. Mit seiner Familie konnte er nicht sprechen, denn sie mußten ja schweigen, sonst zerbrach die spröde Kette.
Er wußte wohl, wo er Auskunft bekommen würde, aber zur Freundin wagte er nicht zu gehen. Da klopfte es an die Tür, und als er öffnete, stand das Kinderfräulein draußen, glitt schnell ins Zimmer hinein und verschloß die Tür.
»Ich muß mit Ihnen sprechen, Gustav!« rief sie. »Hier geschieht so vieles im Hause, was ich nicht verstehe …«
»Setzen Sie sich, liebe Freundin, und sagen Sie mir, was Sie wissen.«
»Ja, ich weiß nichts Bestimmtes; aber oben auf dem Boden wohnt jemand, der sich nicht zeigt. Es wird ihm Essen hinaufgetragen, und die gnädige Frau geht dorthin …«
»Was sagen Sie?«
»Und unten im Flügel sind auch Gäste; die Mädchen antworten mir nicht und behandeln mich wie eine Feindin …«
»Was hat man vor? Was glauben Sie?«
Da begann das Fräulein zu weinen, und Gustav Borg, der den ganzen Zusammenhang ahnte, ging an den Schreibtisch, um zu telephonieren, was, wußte er selbst nicht; es war wohl ein Ausdruck der Sehnsucht, hinauszukommen.
Da wurde zweimal an die Tür geklopft, und auf dem Korridor erklangen Schritte.
Im nächsten Augenblick hatte Gustav Borg das Fenster geöffnet, um die Tiefe zu messen; aber im Schneelicht sah er zwei Männer, die er nicht kannte.
Das Klopfen an der Tür wurde wiederholt, und jetzt hörte man eine Stimme:
»Bitte aufmachen. Der Amtmann ist hier!«
Die beiden Eingeschlossenen erstarrten, als plötzlich das Telephon zu läuten begann. Von der Macht der Gewohnheit getrieben, ging Gustav Borg an den Apparat und rief hallo!
Da hörte man, wie ein Instrument ins Türschloß geschoben wurde; der Schlüssel auf der Innenseite wurde umgedreht, ins Zimmer gestoßen und die Tür geöffnet.
Draußen standen in einer Gruppe der Amtmann, Frau Brita, Doktor Henrik Borg und alle Dienstboten.
Als habe er diese Lösung erwartet, ging der auffrischer Tat ertappte Mann geradeswegs hinaus, die Treppen hinunter. Auf dem Flur zog er sich an, lief nach dem Stall, wo er sich Pferde und Schlitten geben ließ; befahl dann: nach Langvik! und fuhr davon, um ein Obdach zu suchen bei dem Sohn, der ihm immer ergeben gewesen war und für den er bedeutende Opfer gebracht hatte.