ERSTE SPAZIERFAHRT.
Feliciane kleidete sich nun, wie sichs zu einer so wichtigen Unternehmung ziemte, wobey ihr das übrige Frauenzimmer unter tausend lustigen Anmerkungen hülfreiche Hand both. Ihr Kleid, das auch nicht den kleinsten Reitz ihres Wuchses dem Aug’ entgehen ließ, war vom grünem Atlasse, und sehr einfach gemacht. Ihr schwarzes Haar, das nur mit einem Bande von derselben Farbe durchflochten war, blieb in schöner Unordnung, und schien von der Natur gelockt. Sie gefiel sich, wie sie da vor dem Spiegel saß, so gut, daß sie beynahe an sich selbst die erste Eroberung gemacht hätte. Nun war sie fertig, und sprang mit so leichtem Blute in den Wagen, als wohl noch nie in weiblichen Adern getanzt hatte. Sie war ihres glücklichen Erfolges beynahe gewiß, und nahm denn die Glückwünsche, die ihr die Fächer ihrer Gesellschaft noch aus dem Fenster zuwinkten, nur als Ceremonie auf.
Sie fuhr auch nicht so ganz auf blindes Glück fort, sondern hatte schon ihr Augenmerk auf einen tüchtigen Fang gerichtet, den sie an die Angel kriegen wollte. Es war ein reicher Mailänder, der sich seit kurzer Zeit am Hof’ aufhielt, und eine Summe von mehr als funfzig tausend Ducaten zu empfangen hatte, die ihm nach dem Tode eines Vetters, der keine Kinder hinterlassen hatte, zugefallen war. Er trieb eigentlich ein Kaufmannsgeschäft, und war übrigens gerade der Mann, von dem man erwarten konnte, daß es ihm nicht sauer werden würde, die Erbschaft eben so leicht wieder los zu werden, als er sie gemacht hatte. Horazio, so hieß er, war beyläufig zwey und zwanzig Jahre alt, hatte eine einnehmende Bildung, einderbes, frisches Ansehen, und — was kein gleichgültiger Umstand war — konnte die castillanische Sprache nicht sehr behende sprechen, obschon er sie sehr gut verstand. Übrigens that er sich nicht wenig auf seine Geschicklichkeit zu Gute, mit der er die Laute und die Theorbe spielte. Er pflegte auch immer wie ein echter Spanier des Abends vor den Fenstern der Damen Ständchen zu halten. Er wohnte in der großen Alcalastraße, und bewohnte das Haus, an dem ein großer Garten war, ganz allein. Sein ganzes Hausgesinde bestand aus zwey Bedienten, einem Pagen, den er von seinem Vetter geerbt hatte, einer mailändischen Haushälterinn, die die Küche besorgte, einem Kutscher, der über zwey rothe Friesländer hofmeisterte, und einem elenden Klepper, auf dem er selbst zu Madrit angekommen war, und um den sich nun weiter niemand mehr bekümmerte. Über diesen Jüngling suchte nun Feliciane ihr Netz auszuwerfen.
Die Zeit, die sie zu ihrer ersten Spazierfahrt bestimmte, war sehr glücklich gewählt. Es war eine schöne warme Nacht,mitten im Julius, und der Mond schien spiegelhell. Sie nahm eine alte Magd mit sich, die sie als Duenna kleidete. Über dieß hatten sie auch einen alten Escudero mitgenommen, der sie nun schon seit längerer Zeit im Hause bediente. In dieser ausgelernten Gesellschaft fuhren sie beyläufig um neun Uhr an des Mailänders Hause vorüber. Sie trafen den Zeitpunct so glücklich, daß der Mailänder eben auf dem Balcon in der angenehmen Kühle bey dem Abendessen saß. Er hatte nur Beinkleider und ein Wamms an, und klimperte eben auf der Theorbe. Der Wagen fuhr dicht an der Mauer des Hauses vorüber, und als er der Thür gerade gegen über war, rief man mit lauter Stimme: „Halt! Kutscher, halt!“ der Wagen hielt an, und der Mailänder hörte auf, seine Theorbe zu spielen, um zu hören, was Feliciane sagte. Er horchte ganz leise, und vernahm folgende Worte: „Sie bemühen sich vergebens, meine Mutter! und eher würd’ ich mir mit dem Messer, das ich in der Brieftasche trage, das Leben nehmen, als nur einen einzigen Schrittvorwärts thun. So hat man mich betrogen? Solche Fallstricke hat man mir gelegt?“
Nun hörte er eine andere Stimme, welche die Duenna, oder eigentlich die alte Magd war. Sie sagte: „Meine Beste! fluchen Sie ihrer Mutter nicht; gehorchen Sie ihr, und machen Sie ihr Alter nicht unglücklich. Wie viele würden das Glück, das Sie von sich stoßen, mit beyden Händen ergreifen!“
„Es ist Verrätherey,“ sagte Feliciane wieder; „es ist Grausamkeit, mich zu dem zwingen zu wollen, was mir unmöglich ist. Niemand hat mit meiner Freyheit zu schalten. Die Natur hat sie mir gegeben, und ich werde sie gegen jedermann bis auf den letzten Blutstropfen zu vertheidigen wissen.“
Bey diesen Worten fing sie bitterlich zu weinen und zu schluchzen an. Der Mailänder hatte keine Sylbe verloren, und zu gleicher Zeit lehnte sich der alte Escudero an den Wagenschlag, und sagte: „Mäßigen sie doch Ihre Stimme, gnädiges Fräulein, sonst laufen uns Leute zusammen, und meinen am Ende, es sey etwas an der ganzen Sache.“ „Nun denn,“ schrie Feliciane in einer Art von Verzweiflung, „so ist denn die Flucht mein letztes Mittel, und ich will sehen, wer im Stande seyn soll, sie zu hindern.“
Dem Mailänder schien, daß sie nun im Wagen handgemein würden, und er irrte auch nicht; denn sie rangen wirklich zum Scheine mit einander. Der Escudero schien sich besonders tapfer zu widersetzen; endlich gelang es Felicianen doch, aus dem Wagen zu springen, wobey sie, um das Schauspiel tragischer zu machen, den Mantel und einen Schuh verlor. Sie sprang gerade in des Mailänders Haus, und schrie: „Dieses Haus, wem es immer gehören mag, soll meine Freystätte seyn. Es wird mich aufnehmen, und sollte es eine Löwengrube seyn, so hoffe ich doch mehr Menschlichkeit darin zu finden, als unter euren Händen.“ Bey diesen Worten legte Horazio sein Instrument weg, nahm seinen Degen, und eilte die Treppe hinunter. Feliciane stürzte ihm sprachlos zu den Füßen. Die Duenna und der Escudero standenstumm da. Nun schien sich Feliciane aus ihrer Betäubung zu erhohlen. „Unbekannter Ritter,“ sagte sie, indeß sie immer noch fortweinte, und durchaus Horazio’s Knie umfassen wollte, — „unbekannter Ritter, wenn Sie Menschengefühl im Herzen haben, so erbarmen Sie sich meiner, und lassen Sie mich von Ihren Bedienten unterstützen; denn meine Nerven sind mir abgerissen; ich kann nicht aufrecht stehen.“ Horazio ließ sogleich Licht bringen, und befahl die Hausthür zuzusperren, damit kein Auflauf würde. Man brachte Lichter, und Horazio erstaunte über Felicianens Schönheit; denn ihr Schmerz kleidete sie noch ein Mahl so reitzend, und die Stellung, in der sie hingesunken war, hätte zum Modelle dienen können. Horazio sagte der Duenna und dem Escudero voll edlen Unwillens, und mit einer Kühnheit, über die sie als Komödianten nach allen Regeln der Wahrscheinlichkeit erschrecken konnten, daß sie sich ja nicht einbilden sollten, er werde diese schöne Dame von ihnen an einen Ort schleppen lassen, gegen den sie Abneigung trüge; er würde sie vertheidigen,und wenn er darüber sein Leben einbüßen sollte. „Aber um Gottes willen,“ schrie die Duenna, und rang die Hände, „was werden wir ihrer Mutter sagen? In ihrer Gegenwart ist sie mit uns fortgefahren; wo ist sie nun hingekommen?“ „Was kümmert mich das?“ sprach Horazio; „ich bin ihr Beschützer gegen Gewaltthätigkeit, und für das Übrige mögt ihr sorgen.“ „Nun,“ sagte Mogrobejo, so hieß der Escudero, „so ist es um mich geschehen; ich darf mich in Madrit nicht mehr sehen lassen.“ „Nein,“ schrie die Duenna wieder, „ich kann mich nicht von meinem Fräulein trennen, und sollt’ alles zu Grunde gehen!“ „Ich auch nicht,“ sagte Mogrobejo; „aber nicht aus einfältiger Liebe, sondern weil es meine Pflicht ist, sie nicht aus den Augen zu lassen.“ „Alter Verräther,“ schrie Feliciane, „ihr sollt mich gewiß nicht anders, als stückweise, von der Stelle bringen. Ich weiche keinen Schritt. Morgen bin ich in einem Kloster, und vor eurer Boßheit für immer sicher.“ Was wollten sie thun? Der Escudero kehrte den Rücken, setzte sich in den Wagen und fuhr fort. Horazio nahm aber seinen schönen Gast an der Hand, und führte ihn in einen niedern Saal, der zunächst bey ihnen war; die Duenna ging langsam nach. Das Herz schlug ihm laut, als ihm die schöne Unbekannte durch einen matten Druck der Hand Dank sagte. Sie setzten sich, und Feliciane wußte ihren Kummer durch so manigfaltige reitzende Bewegungen zu äußern, daß Horazio’s Seele die ganze Tonleiter der Empfindungen hinauf kletterte, und er endlich in folgende Worte ausbrach: „Reitzende Unbekannte, wie glücklich bin ich, daß ich dazu bestimmt war, Sie aus der dringendsten Gefahr zu befreyen! Wie überglücklich wär’ ich, wenn ich Sie vor allen weiteren Verfolgungen sicher stellen könnte! Rechnen Sie aber darauf, daß ich nichts unversucht lassen werde, diesen hohen Zweck zu erreichen, der mich von nun an ganz allein beschäftigen soll. Mein ganzes Haus steht Ihnen unumschränkt zu Befehle; Sie können da so lange verborgen bleiben, als es Ihnen räthlich scheinen wird. Wohin Sie es immer verlangen, werde ich Sie bringen. Ich bin Edelmann,und denke auch edel. Ihre Tugend läuft bey mir keine Gefahr; und nur wenn es zu Ihrem eigenen Besten nöthig ist, daß ich Ihre Geschichte erfahre, wünsche ich sie zu hören, so hohen Antheil ich auch an Ihrem Schicksale nehme.“
Während dieser ganzen Rede hatte Feliciane von einem prächtigen Ringe, den Horazio am Finger trug, und dessen Billanten sie allzu schön anfunkelten, kein Aug’ abgewendet. Er mußte an ihren Finger herüber kommen, und gehe es, wie es wolle; das war nun einmahl beschlossen. „Ich finde keine Worte,“ sagte sie „mit denen ich Ihnen bezeugen könnte, was in meinem Herzen vorgeht. Die Vorsicht hat mich Ihnen zugeführt, großmüthiger Mann! hätten Sie sich nicht durch mein Unglück rühren lassen, so wär’ ich jetzt schon ohne Rettung verloren. Die nähmliche Großmuth, die Sie zu meiner Befreyung angetrieben hat, wird Sie auch auffordern, die Rechte einer Freystätte, für die ich Ihr Haus nun ansehe, nicht zu verletzen. Ich werde von Ihrer Güte Gebrauch machen, und werd’ Ihnen solange hier lästig fallen, als es unumgänglich nöthig seyn wird.“ „Um Sie vollends zu beruhigen,“ sagte Horazio, „will ich nicht einmahl im Hause hier bleiben, sondern mich bey einem Verwandten aufhalten, bis Sie mit Ihrer Mutter ausgesöhnt sind.“ „Nein, durchaus nicht!“ fiel ihm Feliciane in die Rede; „Sie müssen hier bleiben; denn ich will sie überzeugen, daß ich unumschränktes Vertrauen in Sie setze. Wenn man käme, und mich mit Gewalt fortführen wollte, wer würde mich vertheidigen?“ „Was für ein Befehl könnte mir auch willkommener seyn?“ sagte Horazio.
Er hatte sein Abendessen, wie wir wissen, noch nicht eingenommen, und da ihn eben ein Bedienter daran erinnerte, suchte er Felicianen zu bewegen, daß sie mit ihm einige Erfrischungen nähme. Sie war ihm zu viel Dank schuldig, als daß sie ihm nicht hätte Gesellschaft leisten sollen, und er wußt’ es durch seine unwiderstehliche Beredtsamkeit gar dahin zu bringen, daß sie aß und trank, wie ein kummerloser Mensch. Sie sah zu deutlich, wie sehrsie auf ihren Wirth Eindruck gemacht hatte, als daß sie diese Episode in ihr Schauspiel nicht hätte einrücken sollen. Horazio war nun schon so über und über verliebt, daß er nicht mehr im Stande war, auch nur dem geringsten Verdachte gegen die Wahrheit der Geschichte Platz zu geben. Er war der einzige am Tische, der keinen Bissen aß, und doch machte ihn dieser Umstand nicht aufmerksam.
Er hätte nur gar zu gern Nahmen, Stand, und die Geschichte der Dame erfahren; er durfte es aber nicht wagen, die Wunde wieder aufzureißen, und ihren Kummer etwa zu verdoppeln. Es war nun hohe Zeit, dem Fräulein Ruhe zu gönnen, die ihr so nöthig schien. Er begleitete sie denn selbst in das Gemach, das er für sie und Banuelos, die Duenna, hatte bereiten lassen. Er tröstete sie noch mit den zärtlichsten Ausdrücken, und begab sich in das obere Stockwerk. Es läßt sich denken, daß Horazio und Feliciane die Nacht in ganz verschiedenen Betrachtungen zubrachten. Horazio konnte kein Auge zuthun, und sann unablässig auf Mittel, ihre Verbindlichkeit zu fesseln, und ihre Liebe zu verdienen. Feliciane aber weidete sich an dem glücklichen Erfolge ihrer List, und erwog, wie sie dieses Haus mit dem möglich größten Gewinne in möglich kürzester Zeit verlassen könnte. Sie berathschlagte sich mit ihrer wohlerfahrnen Banuelos, und überließ sich endlich einem gesunden, ungestörten Schlummer. Was sie in ihrem Rathe beschlossen haben, werden wir hören.
Horazio war vor Tages Anbruche schon auf den Beinen, kleidete sich an, und konnte den Augenblick nicht mehr erwarten, in dem er seinen Gast wieder würde sehen und sprechen können. Er konnt’ es auf seinem Zimmer nicht aushalten, und ging denn in den Hof hinunter, um sein Herz in der Morgenluft zu erleichtern. Wie er die Treppe hinunter kam, fand er die Duenna, die sorgfältig etwas auf dem Boden zu suchen schien, und mit unter tiefe Seufzer ausstieß. Er fragte sie voll Besorgnis, was sie suche; sie antwortete aber ganz ängstlich: „Nichts, gnädiger Herr!“ seufzte aber noch tiefer, als zuvor. Horazio besorgte, daß irgend ein Unglück geschehen seyn dürfte, und bestand durchaus darauf, daß sie mit der Sprache heraus solle. „O gnädiger Herr,“ sagte die alte Schlange, „ich will es Ihnen wohl sagen; verrathen Sie mich aber nicht.“ Er gab ihr sein Wort, und sie sprach: „Was ich suche, ist ein Ring, den mein Fräulein verloren hat. Sie glaubt, es sey geschehen, als sie aus dem Wagen sprang; denn zuvor hat sie ihn gehabt, und nachher vermißt. Er war von Diamanten von großem Werthe, und das schlimmste bey der Sache ist, daß er nicht ihr selbst, sondern einer von ihren Freundinnen gehört, der sie dagegen einen andern, der besondern Fassung und eines Nahmens wegen, auf kurze Zeit geliehen.“ Horazio tröstete sie, schickte einen Bedienten vor die Hausthür, um den Ring zu suchen, und sagte zur Duenna, sie möchte sich nicht betrüben; denn wenn er sich auch nicht fände, solle es ihrem Fräulein doch nicht an andern fehlen, und die von größerm Werthe wären. Er wünsche nur, flickte er hinzu, mehrere Gelegenheiten zu haben,dem Fräulein auf eine wesentlichere Art beweisen zu können, wie sehr er sie hoch — schätze und — liebe. Er war so begeistert, daß er die Alte in seine Arme schloß, und so heiß küßte, als ob sie Feliciane selbst gewesen wäre. Sie stellte sich nun getröstet an, und meldete ihm für seine Großmuth, daß er ihr Fräulein nun schon werde sprechen können. Er eilte mit ihr ans Gemach, und Feliciane war wirklich schon halb angekleidet. Horazio wollte durchaus nicht ins Zimmer treten, bevor nicht Banuelos erst zu ihr hinein gehe, und sie frage, ob er ihr nicht ungelegen falle. Feliciane rief aber mit lauter Stimme durchs Vorzimmer: „Bester Horazio! in Ihrem eigenen Hause sollte ich Ihnen den Zutritt versagen? Sie erweisen mir so viele Güte, und ich sollte so unartig seyn? Ich bin ja schon angekleidet; kommen Sie doch!“ Er ließ sichs nicht zwey Mahl sagen, eilte hinein, und fragte sie, wie sie die Nacht zugebracht habe.
„Wie anders,“ sagte sie, „als in der größten Unruhe: ich habe kein Auge zugethan. Banuelos ist mein Zeuge.“
„Ja wohl,“ sage die Alte; „das war eine Nacht! Wenn Sie noch mehrere solche haben, gnädiges Fräulein, so sind Sie bald eine Leiche. Wenn sie auch ein wenig schlummerte, das liebe Fräulein, so saß sie doch gleich wieder im Bett’ empor, und häftete den Blick starr an die Wand, als ob sie ein Gesicht sähe.“
„O meine arme Mutter!“ stimmte Feliciane wieder an; „verzeihe mir den Kummer, den du vielleicht jetzt um meinetwillen leidest. Es ist aber nicht meine Schuld; du magst mir vergeben, daß ich es für Verbrechen halte, sich dem Eigensinn’ eines Menschen aufzuopfern, und wenn dieser Mensch eine Mutter wäre.“
„Trösten Sie sich doch,“ sagte Horazio, „obschon dieser edle Schmerz Ihrem Herzen Ehre macht; Sie sind aber sich selbst Mäßigung schuldig.“
Feliciane vergaß auch bey dieser Unterredung nicht, jeden Vortheil, den ihr die leichte Morgenkleidung anboth, geltend zu machen; sie sprachen noch manches, und endlich fragte Feliciane die Alte wie im Vorbeygehen, ob sich der Ring gefundenhabe. Banuelos antwortete, daß er noch nicht gefunden sey, daß aber Horazio’s Bediente eben mit dem Suchen beschäftiget wären. Feliciane dankte ihm für seine zuvor kommende Gefälligkeit, und Horazio sagte: „Es ist mir wahrhaftig sehr unangenehm, daß Sie mit dem Verluste des Ringes Verdruß haben; belieben Sie aber diesen hier anzusehen.“ Hier zog er den seinigen vom Finger; sie betrachtete ihn mit ungehäucheltem Vergnügen, und sprach: „Dieser Ring macht Ihrem Geschmack Ehre; er ist unvergleichlich gefaßt, und übertrifft den verlornen an Werthe ungemein. Dieser war nicht über drey hundert Escudo’s werth; und dieser gilt wenigstens acht hundert.“
„Sie sind wahrhaftig eine Kennerinn,“ erwiederte Horazio, „und sie haben wenigstens nahe an den eigentlichen Werth gerathen; denn er kam meinem Vater, dem ihn der Herzog von Savoyen überließ, auf etwas über tausend Escudo’s. Darf ich Sie aber um eine Gefälligkeit bitten? Darf ich Sie vorläufig um die Versicherung bitten, daß Sie mir sie nicht abschlagenwerden?“ Feliciane merkte zu gut, wo er hinaus wolle, und antwortete: „Bester Horazio! Sie haben mir gestern Ihr Ehrenwort gegeben, daß ich nicht ein unanständiges Wort aus Ihrem Munde hören werde; ich hoffe, Sie sind ein Mann. Übrigens bin ich Ihnen zu viel Dank schuldig, als daß ich Ihnen was immer für eine Gefälligkeit abschlagen sollte.“
„Sie geben mir also Ihr Ehrenwort?“
„Ja.“
„So nehmen Sie also auch,“ fuhr Horazio voll Feuer fort, „diesen Ring anstatt des verlornen an.“
Feliciane stellte sich betroffen, und schob seine Hand sachte zurück.
„Sie weigern sich, ein unbedeutendes Andenken von dem Manne zu nehmen, der nichts so innig wünscht, als nie von Ihnen vergessen zu werden?“
„Horazio!“ rief Feliciane.
„Sie wollen also Ihr Ehrenwort brechen? Sie kränken mich unaussprechlich!“
„Nein! Das will ich nicht,“ sagte Feliciane wieder, und wusste ihren Augenliedern einen so geschickten Druck zu geben, daß eine helle Thräne ihre Wange herunter rollte. „Ich nehm’ ihn, und will ihn als Andenken ehren. Aber halt! ich darf ihn nicht nehmen. Nur dann könnte ich ihn als Andenken nehmen, wenn er an meinem Finger bliebe: ich hatte den verlornen aber nur von einer Freundinn auf einige Zeit ausgetauscht; denselben kann ich ihr nicht wieder zurückgeben; ich werd’ ihn ihr also zu ersetzen wissen. Ich denke nun der Verbindlichkeit meines Ehrenwortes ledig zu seyn.“
Horazio antwortete: „Nein, meine Beste! Sie sind Ihres Ehrenwortes nicht ledig. Ihre Freundinn wird sich den Ring nicht mit Geld ersetzen lassen, sondern wird sich mit einem andern Ringe von gleichem Werthe begnügen müssen. Mein Andenken haben Sie angenommen“ — nun sprang er zu einer auf einem Kasten stehenden Schatoulle, und hohlte ein Futteral mit sechs anderen brillantenen Ringen hervor — „und nun werden Sie von diesen hier einen für Ihre Freundinn annehmen.“
„Was denken Sie von mir, Horazio?“ sagte Feliciane; „ich würde fähig seyn,die Verletzung des Gastrechts so weit, bis zur Unverschämtheit zu treiben?“
„Schönste Feliciane,“ sagte der Sophist, „Sie sind es ja nicht, die den Ring annimmt; und ich würde es nicht gewagt haben, Ihrer Delicatesse nahe zu treten. Ihre Freundinn ist es ja, die ihn von mir annimmt, und der ich ihn für das Vergnügen schuldig bin, den mir das Andenken hier an ihrem Finger macht.“
„Trauen Sie also meiner Freundinn weniger Delicatesse zu, als mir?“ sagte Feliciane. „Wie Sie auch die Sache drehen! wie Sie mir die unschuldigste Absicht übel ausdeuten!“ sagte Horazio. „Wie kann es die Delicatesse Ihrer Freundinn reitzen, wenn sie von einem Manne etwas annimmt, was er ihr eigentlich schuldig ist, da es in seinem Hause verloren worden; von einem Manne, den sie nicht einmahl kennt; wenn sie es nimmt, ohne selbst zu wissen, woher es kommt? Warum wollen Sie mir dieß Vergnügen versagen, das Ihnen weiter keine Beschwerlichkeit macht, als daß Sie etwas mit der einen Hand nehmen, und mit der anderen abgeben?“ „Denken Sie also,“ sagte Feliciane, die herzlich froh war, daß sie nun plötzlich auf einen andern Weg einlenken konnte, „denken Sie also, daß ich bey einem Vergnügen, das ich Ihnen verschaffen soll, auch nur daran zu denken im Stande sey, was es für einen Eindruck auf mich machen werde? O Sie kennen mich noch sehr wenig; und um Sie zu überzeugen, daß ich von so einer niedrigen Bedenklichkeit weit entfernt bin, geb’ ich Ihnen nach, und will nicht einmahl erwägen, ob mich Ihre Gründe, oder Ihre Beredtsamkeit bestimmt.“
Horazio öffnete das Futteral, und Feliciane war bey dem Anblicke der sechs kleinen Fixsterne nicht wenig überrascht. „Wählen Sie nach Geschmacke,“ sagte Horazio; aber Feliciane konnte sie nicht bestimmen, denn sie war keine große Kennerinn, und hätte doch gern dem würdigsten die Ehre der Wahl erwiesen. „Nun müssen Sie mir ein Mahl nach meinem Kopfe thun. — Eingeschlagen!“ — Horazio that es, und Feliciane fuhr fort: „Für meine Freundinn werden Sie nunwählen.“ Horazio konnte nichts entgegen sagen, und hob den vorzüglichsten aus, der ebenfalls über tausend Escudo’s werth war. Nach einem kurzen Gespräche ließ er sie allein, damit sie sich vollends ankleiden konnte. Sie war nun Besitzerinn eines Schmuckes von mehr als zwey tausend Escudo’s, und Horazio hatte ein Vergnügen darüber, das er um drey tausend nicht hätte entbehren wollen.
Er fuhr aus, sprach verschiedene Freunde, hüthete sich aber, ein Wort von seinem schönen Gaste zu verlieren; auch seinen Bedienten hatte er ein strenges Stillschweigen eingeschärft.
Gegen Mittag kam er wieder nach Hause, wo er den alten Escudero fand, der ihm meldete, daß er sich, um seiner Frau wieder unter die Augen treten zu dürfen, einer Lüge bedient, und ihr gesagt hätte, daß sie ihre Tante binnen drey oder vier Tagen abholen würde, und daß er der Tante gesagt habe, er hätte das Fräulein in ihrer Mutter Hause gelassen. Feliciane war mit seinem Einfalle wohl zufrieden, und Horazio gab ihm eine Dublone. „So sauermir auch das Lügen wird,“ sagte die Duenna, „so könnte ich doch für Don Horazio immerhin eine wagen.“ Horazio hatte nun eben die Hand im Beutel, und bezahlte auch ihr diese liebevolle Äußerung mit einer Dublone. Feliciane befahl ihr zwar, sie nicht anzunehmen; aber Horazio bestand durchaus darauf.
Sie gingen nun zu Tische, und nachdem sie wacker gegessen hatten, äußerte Horazio wieder seinen Wunsch, Felicianens Geschichte zu hören, und diese konnte sie ihm nicht länger vorenthalten. Sie begann denn.
„Don Lope Zopata von Meneses, der zweyte Sohn des Don Bernardo Zopata, war mein Vater; er diente in Flandern, und bracht’ es bis zum Capitäne. Er kam an den Hof zurück, um eine Zulage an Gehalt zu begehren, und verliebte sich da in meine Mutter, aus dem Hause Arancivica, einer der ansehnlichsten Familien in Biskaja. Er wußte ihre Ältern in wenig Tagen zu gewinnen, erhielt sie zur Gattinn, und mit ihr einen Eisenhammer zur Mitgift; ein ganz ansehnliches Geschenk, daer über jährliche vier tausend Escudo’s eintrug. Sie hatten zwey Töchter, mich, Blanca, und meine jüngere Schwester Lucretia. Mein Vater diente noch mehrere Jahre, und starb als Seneschall in Cordova. Dort gefiel es einem Edelmanne, mich ins Auge zu fassen, und mir mit seinen zudringlichen Erklärungen so unablässig in den Ohren zu liegen, daß er mir vollkommen zuwider war, und ich ihn ohne innigen Verdruß nicht mehr nennen hören konnte. Nach meines Vaters Tode zog meine Mutter nach Madrit, wo wir nun zwey Jahre sind. Sie hat eine Schwester, eine Wittwe mit zwey Töchtern, in deren Hause wir uns meisten Theils, obschon in verschiedenem Gelaß’, aufhalten. Der Ritter von Cordova kam auch hierher, nicht aber in der Absicht, seine Werbung um mich fortzusetzen, sondern sein Augenmerk war auf die Tochter eines Rathes gerichtet, die ihn aber bald abfertigte. Als er dort kein Gehör fand, fand er es für gut, sich wieder an mich zu wenden, und beschloß endlich zur größeren Sicherheit seines Erfolges, mich geradezuzur Ehe begehren. Ich will Ihnen eine kleine Schilderung von ihm machen. Er ist sehr leibig, und dabey sehr klein, sieht sehr tückisch her, und ist auch wirklich, wie seine Bedienten einhällig sagen, meistens von so übler und ungestümer Laune, daß er sich mit niemanden vertragen kann. Urtheilen Sie nun selbst, ob ich recht that, daß ich die Hand so eines Mannes ausschlug. Unterdessen so sehr sich mein Herz gegen eine Verbindung mit ihm von jeher empört hatte, so wenig mißfiel er doch meiner Mutter. Sie hatten öfters besondere Unterredungen, und ich entdeckte bald, daß ihm meine Hand verheißen sey. Sie waren auch nur mehr über die Bedingnisse uneinig. So reich er ist, macht’ er doch große Forderungen, zu denen sich meine Mutter nicht verstehen konnte, weil sie selbst größten Theils nur vom Wittwengehalte lebte, und ihr Vermögen eigentlich nur für uns Schwestern ersparen wollte. O sie ist doch eine gute Mutter, und sie hat seinen Antrag gewiß nur darum so eifrig begünstigt, weil sie mich noch an ihrem Leben versorgtsehen wollte, und mich bey ihm gut versorgt glaubte.“ — Sie weinte, und Horazio überzeugte sich wieder neuerdings, daß eine vortreffliche Seele in diesem makellosen Körper wohne.
„Endlich,“ fuhr sie fort, „ließ er doch von seinen Forderungen ab, und erklärte sich, daß er mir auch ohne Mitgift die Hand reichen wolle. Der Tag zur Unterzeichnung war bestimmt, und es war so abgekartet, daß ich in das Haus meiner Tante geführt werden sollte, um mein Todesurtheil zu unterzeichnen. Man befahl mir, ohne der Hauptsache nur mit einem Worte zu erwähnen, mich anzukleiden, und sagte mir nur, daß ich abgeholt werden würde. Mir kam alles verdächtig vor, und das Herz schlug mir mächtig; indessen konnt’ ich nichts vorschützen, warum ich nicht zu meiner Tante fahren wollte. Der Wagen kam, und wir stiegen ein; mit jedem Schritte schlug mein Herz stärker; Banuelos sichtbare Ängstlichkeit, des Escudero ununterbrochenes Schweigen, ihrer beyder Verlegenheit, wenn ich sie fragte, warumwir zur Tante führen, enträthselten mir alles. Nun wollt’ es mich nicht mehr im Wagen leiden; ich forderte, sie sollten anhalten lassen; sie thaten’s nicht: ich schrie dem Kutscher selbst zu; er hielt gerade vor Ihrem Hause an: ich sprang aus dem Wagen, — das übrige wissen Sie selbst.“ — Nun vergoß sie wieder einen Strom von Thränen; die Duenna schluchzte, und Horazio selbst weinte mit. Nachdem sie sich alle wieder erhohlt hatten, erklärte Feliciane, daß sie überhaupt, so lange sie nun Madrit bewohne, in einer seltsamen Stimmung sey, und in einer ununterbrochnen Fröhlichkeit ihrem Herzen nie eine ernsthafte Neigung habe nahe kommen lassen. Horazio’s ganzes Wesen heiterte sich nun auf; denn er hatte nicht mehr und nicht weniger vermuthet, als das sie am Ende ihrer Erzählung das Geständniß hinzu fügen würde, daß ihr Herz schon an einen andern verschenkt gewesen sey.
„Eine glückliche Stimmung, in der Sie waren!“ sagte Horazio; „denn was ist wohl glücklicher, als durch sein Leben munter und sorgenlos wie durch einen Garten hinhüpfen zu können! Wenn nun aber einmahl diese Art von unversuchter Fröhlichkeit, die in unsern Verhältnissen auch nicht lange währen kann, vorüber ist, dann gibt es auch wirklich keinen Zustand, der uns für jenen schadlos halten könnte, als den Zustand einer glücklichen Liebe. O ja!“ fuhr er mit einer Art von Begeisterung fort, „so vielen Kummer eine unglückliche willkürliche Liebe, so viele Nachreue eine unvorsichtige und zu rasche nach sich zieht; so übergroße Seligkeit bringt auch eine glückliche, und so viele Vorwürfe haben sich zwey Herzen zu machen, die sich vielleicht wechselseitig auf immer glücklich machen könnten, und doch“ — — bey den letzten Worten hatte er Felicianens Hand mit einer Art von Wuth ergriffen; sein Blick hing starr an ihrem Auge; und diese Zauberinn, der alle animalischen Verrichtungen des Körpers zu Gebothe zu stehen schienen, wußte sich schnell die gehörige Masse Bluts in die Wangen zu pumpen, das sich wie ein Rosenflor über sie ausbreitete. „O Gott!“ seufzte Horazio, und Felicianesagte ganz leise, und indem sie sich eine Thräne vom Auge zu wischen schien: „Wollen Sie mir nicht die Theorbe spielen?“ Er dachte weiter nichts, als daß sich Feliciane aus einer nur allzu sichtbaren Verlegenheit zu retten wünsche, und nahm die Theorbe augenblicklich zur Hand. Er spielte und sang mit wahrem Eifer; was er aber dieß Mahl an Ausdrucke gut machte, das verdarb er mit falschen Griffen. Als er geendigt hatte, sagte Feliciane, daß auch sie eine große Liebhaberinn von Musik wäre, und zu Hause eine Harfe und eine Guitarre habe. Horazio sprang auf, hohlte seine Guitarre, und ließ nicht eher ab, bis sich auch Feliciane zu einem kleinen Gesang’ entschloß. Man hätte eine große Wette eingehen können, daß kein Mädchen in Madrit die Guitarre mit mehr Grazie zu halten im Stande war, als sie; man wußte nicht, wenn sie spielte, ob man sich von dem sanften Auf- und Abgleiten ihrer Finger, oder ihrer ausdrucksvollen Stimme, oder von dem reitzenden Wiegen ihres Körpers, mit dem sie den Gesang begleitete, hinreißen lassen solle. Sie sang:
Ein Vöglein auf dem Felde saß;Es pfiff und sang ohn’ Unterlaß;Es saß bald hier, es saß bald dort,Und sang, und trillert’ immer fort.Im Herbste und im Winter warEs fröhlich, wie im frühen Jahr;Es saß bald hier, es saß bald dort,Und sang und trillert’ immer fort.Doch lange hatt’ ihm schon im Feld’Ein Vogelsteller nachgestellt;Er pfiff — es pfiff den Wald hinein,Im Netze war das Vögelein.
Ein Vöglein auf dem Felde saß;Es pfiff und sang ohn’ Unterlaß;Es saß bald hier, es saß bald dort,Und sang, und trillert’ immer fort.Im Herbste und im Winter warEs fröhlich, wie im frühen Jahr;Es saß bald hier, es saß bald dort,Und sang und trillert’ immer fort.Doch lange hatt’ ihm schon im Feld’Ein Vogelsteller nachgestellt;Er pfiff — es pfiff den Wald hinein,Im Netze war das Vögelein.
Ein Vöglein auf dem Felde saß;Es pfiff und sang ohn’ Unterlaß;Es saß bald hier, es saß bald dort,Und sang, und trillert’ immer fort.
Ein Vöglein auf dem Felde saß;
Es pfiff und sang ohn’ Unterlaß;
Es saß bald hier, es saß bald dort,
Und sang, und trillert’ immer fort.
Im Herbste und im Winter warEs fröhlich, wie im frühen Jahr;Es saß bald hier, es saß bald dort,Und sang und trillert’ immer fort.
Im Herbste und im Winter war
Es fröhlich, wie im frühen Jahr;
Es saß bald hier, es saß bald dort,
Und sang und trillert’ immer fort.
Doch lange hatt’ ihm schon im Feld’Ein Vogelsteller nachgestellt;Er pfiff — es pfiff den Wald hinein,Im Netze war das Vögelein.
Doch lange hatt’ ihm schon im Feld’
Ein Vogelsteller nachgestellt;
Er pfiff — es pfiff den Wald hinein,
Im Netze war das Vögelein.
Feliciane hatte eine so angenehme Melodie zu diesem Texte gewählt, daß Horazio, der den Inhalt des Gesanges ohne allen Anstand auf sich auslegte, ganz bezaubert war. Er pries ihre Talente in seiner halb castellanischen Sprache mit so sonderbaren Ausdrücken, daß sich Feliciane kaum des Lachens erwehren konnte.
Ihr Gespräch war durch die Ankunft des alten Escudero gestört, der einen kleinen Pack, mit einem sonderbarem Überzuge von Leinwand, trug. Er nahm ihn unter seinem Mantel hervor, und öffnete ihn. „Wie?“ sagte Feliciane; „wo hast du das Kleid, das ich ausdrücklich verlangt habe?“ „Ich bitte um Vergebung! gnädiges Fräulein; es war aber unmöglich: denn alle Ihre Kleider hat man schon in die Wohnung der gnädigen Tante geschafft.“
„Wie werden wir sie nun kriegen?“ sagte Feliciane; „nun muß ich immer das nähmliche auf dem Leibe tragen.“ Sie stellte sich sehr verdrießlich an, und Horazio, der jede Gelegenheit, sie sich verbindlich zu machen, mit beyden Händen ergriff, unterbrach sie, und sprach: „Lassen Sie sich doch nicht so eine Kleinigkeit kümmern, beste Donna Blanca! so einem Übel wird doch bald abgeholfen seyn. Bis heute Abends lassen sich wohl zwey Kleider ganz nach Ihrem Geschmacke, mit allem Zugehöre verfertigen.“ Feliciane warf ihm einen zärtlichen Blick zu, und sagte: „Sie sind wirklich zu gefällig, und ich sollt’ Ihre Güte nicht mißbrauchen. Wenn Sie mir aber in dieser Verlegenheit auf meine Rechnung zwey Kleider verschaffen wollen, werden Sie mich Ihnen unendlich verbinden.“ Horazio war voller Freuden, und machte, nachdem er sich noch genau Farbe, Stoff und Zugehör hatte vorschreiben lassen, die nöthigen Anstalten. Nun suchte Feliciane das Gespräch auf einen andern Gegenstand zu leiten. Sie sagte ihm, daß sie dem Escudero, ungeachtet aller Betheurungen, doch nicht vollkommen traue, und daß sie unaufhörlich der Zweifel peinige, ob es wohl wahr sey, daß er sie von beyden Seiten, so wohl bey ihrer Mutter, als bey ihrer Tante sicher gestellt habe. „Sie, Horazio,“ sagte sie, „wären im Stande, mich hierüber vollkommen zu beruhigen. Hören Sie, in meiner Tante Wohnung wird ein Gelaß vermiethet; wenn sie es besuchen wollten, könnten Sie bey dieser Gelegenheit auch meine Tante selbst sprechen, und so im Gespräch’ abnehmen, wie sie gestimmt, und ob sie meiner Flucht nicht etwa auf der Spur sey.“ Horazio nahm den Auftrag desto freudiger an, da er zugleich eine nähere Auskunft über Felicianens Schicksal, und über die ganze Geschichte zu erhalten hoffte; Feliciane schickte aber in der Eile ihrer Mutter durch den Escudero einen Zettel, in der sie ihr ganz kurz meldete, wie sie sich gegen Horazio zu benehmen habe.
Horazio ging nun fröhlich zum Thore von Quadalaxara hinaus, und kaufte den Stoff für die zwey Kleider; auf das eine schwarzen Atlaß, und auf das zweyte blaß rosenfarbigen Taffet. Als er auch die Verfertigung besorgt hatte, ließ er den Wagen gerade an das Haus der Tante seiner Feliciane fahren, und an der Hausthür halten. Er schickte einen Bedienten um die Schlüssel zu dem Gelasse, das hier vermiethet wurde, hinein; eine Magd kam, zeigte ihm das Gelaß, und er fragte nun nach der Person, mit der er sich über den Preis zu besprechen hätte; man nannte sie ihm, und er erkannte sogleich an dem Nahmen Laura, daß es Felicianens Tante wäre. Er ward zu Theodoren geführt, und fand sie in einer sehr betrübten Stellung; sie kamen über den Preis überein, und Theodora bath ihn, ihr auch den Nahmen der Person, für die er das Gelaß gemiethet hätte, bekannt zu machen. Horazio sagte ihr, daß es eine Wittwe, eine Base von ihm, wäre. „O bringen Sie mir sie doch bald!“ sagte Theodora; „denn ich leb’ ohne dieß wie im Kerker, ohne alle Gesellschaft, und leide besonders seit zwey Tagen großen Kummer.“ „Das zeigt sich nur zu deutlich an Ihrer Miene,“ antwortete Horazio; „und so wird sich meine Base vortrefflich zu Ihnen schicken, denn sie ist immer sehr munter und aufgeweckt.“ „Nun,“ antwortete Theodora, „bringen Sie mir sie doch recht bald! ich trage schon eine rechte Sehnsucht nach ihr.“ „In der That,“ erwiederte Horazio, „Ihr Kummer geht mir nahe, und wenn es nicht unbescheiden wäre, würd’ ich es wagen, Sie um die Ursache desselben zu fragen.“
„O mein Bester!“ sagte Theodora; „das ist es eben, was ihn noch größer macht, daß ich ihn nicht mittheilen kann.“
„So will ich auch nicht weiter in Sie dringen; indessen, wenn dieser besondere Umstand nicht eingetreten wäre, so hätt’ ich Ihnen meine Dienste angebothen. Ich bin zwar kein Spanier, aber doch Edelmann, und schmeichle mir, hier mit ansehnlichen Häusern in Verbindung zu stehen.“
„Sie sind also kein Spanier?“
„Nein, wie Ihnen auch schon meine schlechte Aussprache zeigt; ich bin aus Mailand, und nur eines Geschäftes wegen hier, übrigens aber, wie gesagt, zu jedem Dienste bereit, den ich Ihnen leisten kann.“
„Ich danke Ihnen, vortrefflicher Mann! Nach Ihrer freundschaftlichen Äußerung, zu der Sie nur Menschenliebe auffordern kann, da Sie mich nicht einmahl kennen, würd’ ich wirklich undankbar seyn, wenn ich Ihnen die Ursache meines Kummers noch länger vorenthalten wollte. Belieben Sie in dieses Gemach herein zu kommen; hier könnte man uns belauschen.“ Sie gingen hinüber, setzten sich, und Theodora begann: „Ja mein Bester! diesem Hause ist ein großes Unglück widerfahren. Ich hatte die Tochter meiner Schwester, und einen Ritter von gutem Charakter und untadelhaftem Vermögen zu mir bestellt, um zwischen ihnen einen Heirathsvertrag richtig zu machen. Ich muß freylich gestehen, daß das Mädchen eben nicht besondere Neigung gegen den Ritter trug; unerfahrne Mädchen wissen sich aber nicht selbst zu rathen, und so glaubte ich denn meine Pflicht zu thun, wenn ich meine Erfahrung anstatt der ihrigen gebrauchte, und sie so gewisser Maßen zu dieser Verbindung nöthigen würde, wofür sie mir in der Folge noch danken dürfte. Es war schon alles verabredet; sie war mit ihrer Duenna, unter der Begleitung eines Escudero, abgehohlt; aber, Gott weiß wie es geschehen seyn mag, mit einem Mahle verschwanden sie dem Escudero aus den Augen, und der gute Alte weiß nicht im geringsten zu sagen, wo sie hingekommen sey. Ich habe sie bey allen Bekannten, in allen Klöstern aufsuchen lassen; aber nirgends ist sie zu finden. Ihre Mutter liegt krank, und meint, sie sey in meinem Hause. O mein Bester! Sie kommen in viele Gesellschaften; wie würden Sie mich nicht verbinden, wenn Sie nur die geringste Nachricht von ihr geben könnten, damit meine Unruhe nur in etwas gemildert würde. Vielleicht ist sie nicht einmahlmehr in Madrit; von einem entschlossenem Mädchen ist alles zu fürchten. Gern will ich ihr vergeben, wenn sie vielleicht mit einem Ritter von ihrem Stande ein geheimes Liebesverständniß gepflogen hat: wenn sie aber ihr Blut verläugnet; wenn sie sich von einer blinden Leidenschaft hinreißen läßt, und sich etwa einem Häuchler aus niederm Rang’ in die Arme wirft, o Gott! dann ist es um die Ruhe meines Lebens auf immer geschehen. Wie leicht ist ein unschuldiges Mädchen nicht verführt; besonders ein so schönes Mädchen! O Mädchen, Mädchen! was für Kummer machst du mir!“
Horazio, der nun eher an Gottes Wort, als an der Wahrhaftigkeit dieser Erzählung gezweifelt hätte, antwortete ihr: „Ich danke Ihnen von ganzem Herzen, gnädige Frau, für das Zutrauen, das Sie mir schenkten, und will es durch eine Nachricht zu bezahlen suchen, die Ihnen wahrscheinlich willkommen seyn dürfte. Ich weiß nun eine Dame, die nur drey Tage von Haus’ entfernt ist; sie heißt Donna Blanca.“ „Was höre ich,“ schrie Theodora; „das ist meine Nichte! das ist meine verlorne Blanca! Engelsmann!“ schrie sie, und küßte ihn, „wo ist sie? ich sterbe vor Freuden; ein Engel hat mir’s eingegeben, daß ich Ihnen alles erzählen sollte. Wo ist sie denn? wo ist sie denn?“ Er erzählte ihr denn, daß sich Donna Blanca in seiner Wohnung befinde; wie sie zu ihm gekommen sey; daß er sich auf ihren Befehl hier befinde, und das Gelaß nur zum Vorwande gemiethet habe. Sie überströmte ihn nun wieder mit einem Hagel von Küssen, und dankte ihm für sein gütiges Benehmen gegen ihre Nichte; um aber das Frohlocken noch feyerlicher zu machen, schrie sie: „Louischen! Louischen! komm geschwinde, wie du auch aussehen magst! fröhliche Neuigkeiten! gute Nachrichten!“ Louise kam in einem blaßgelben Habite, die Haare in Unordnung, herein geflogen, und so schön sie war, war Horazio’s Fantasie doch schon von Felicianens Bilde zu sehr befangen, als daß ihre Reitze mit voller Gewalt auf ihn hätten wirken können. Sie grüßte den Ritter sehr artig mit einem schwebenden Complimente, und hüpfte ihrer Mutter zu.„Dieser Herr hier, oder vielmehr dieser Schutzgeist,“ sagte Theodora, „hat mir von Blanca Nachrichten gebracht.“
„Gott sey Dank!“ schrie Louise.
„Sie ist in seiner Wohnung, und wir werden sie wieder haben.“
„Wir waren auch schon alle beynahe todt vor Angst,“ sagte Louise wieder.
„Sie sind aber doch verheirathet?“ fragte Theodora.
„Nein,“ antwortete Horazio; „seyn Sie aber versichert, daß Donna Blanca bey mir mit aller Ehrfurcht behandelt wird, die ihrem Range gebührt.“
„Daran trage ich auch nicht den geringsten Zweifel,“ erwiederte sie.
Unter diesem Gespräche war die Dämmerung eingefallen; man steckte Lichter an, und eine Magd meldete, daß Don Diego de Orozo im Vorzimmer wäre. Horazio war bereit, sich zu entfernen; aber Theodora bath ihn, zu bleiben, da der Besuch nicht von Belange wäre. „Es ist nur ein Freyer um Louisen,“ sagte sie, „der ihr aber, wie mehrere andere, nicht ansteht, weil er so wenig Welt, und überdieß auch nicht hinlängliches Vermögen hat, um ein Weib standesmäßig zu ernähren.“ Nun trat Don Diego ein; man reichte ihm einen Stuhl, und sprach eine Weile von gleichgültigen Dingen. Da er sah, daß ihm Mutter und Tochter ungünstige Blicke zuwarfen, sprach er: „Ich habe Donna Louisa schon seit mehrern Tagen in übler Laune gefunden; ich habe denn heute versuchen wollen, ob ich sie nicht aufzuheitern im Stande bin. In dieser Absicht hab’ ich einen geschickten Tonkünstler mitgebracht, den man auch bey Hofe gerne hört, und der Sie ein wenig unterhalten soll.“ Man fand seinen Antrag sehr artig; der Tonkünstler trat ein, nahm sein Instrument zur Hand, und sang mit einer sehr angenehmen Stimme ein schmelzendes Adagio. Mit einem Mahle änderte er aber den Ton, und sang unter verschiedenen Grimassen folgendes Lied:
Liebe Inez, höre mich,Höre mich doch an!Liebe Inez, liebe mich;So bin ich dein Mann.Deine Schönheit thu’ ich kund,Ach, zu meiner Qual:Purpurroth ist dieser MundWie ein Cardinal.Deine Augen schwarz und trautBlicken durch den Schleyer schlau,Wie durchs Fenstergitter schautEine Klosterfrau.Deine Tugend zu erheben,Fehlen Worte mir:Denn es ist dein ganzes LebenEine Tugend schier.Alle Menschen zu ertragenIst dir keine schwere Pflicht.Drum verschmähest du die KlagenSelbst der Götzendiener nicht.In dem Drange des GewimmelsFolgst du standhaft deiner Spur,Und versichert deines Himmels,Lebest du dem Menschen nur.Weil zum Beyspiel böser LaienNiemahls dich der Himmel straft,Bist du selbst, dich zu casteyen,Fromme Seele! — lasterhaft.
Liebe Inez, höre mich,Höre mich doch an!Liebe Inez, liebe mich;So bin ich dein Mann.Deine Schönheit thu’ ich kund,Ach, zu meiner Qual:Purpurroth ist dieser MundWie ein Cardinal.Deine Augen schwarz und trautBlicken durch den Schleyer schlau,Wie durchs Fenstergitter schautEine Klosterfrau.Deine Tugend zu erheben,Fehlen Worte mir:Denn es ist dein ganzes LebenEine Tugend schier.Alle Menschen zu ertragenIst dir keine schwere Pflicht.Drum verschmähest du die KlagenSelbst der Götzendiener nicht.In dem Drange des GewimmelsFolgst du standhaft deiner Spur,Und versichert deines Himmels,Lebest du dem Menschen nur.Weil zum Beyspiel böser LaienNiemahls dich der Himmel straft,Bist du selbst, dich zu casteyen,Fromme Seele! — lasterhaft.
Liebe Inez, höre mich,Höre mich doch an!Liebe Inez, liebe mich;So bin ich dein Mann.
Liebe Inez, höre mich,
Höre mich doch an!
Liebe Inez, liebe mich;
So bin ich dein Mann.
Deine Schönheit thu’ ich kund,Ach, zu meiner Qual:Purpurroth ist dieser MundWie ein Cardinal.
Deine Schönheit thu’ ich kund,
Ach, zu meiner Qual:
Purpurroth ist dieser Mund
Wie ein Cardinal.
Deine Augen schwarz und trautBlicken durch den Schleyer schlau,Wie durchs Fenstergitter schautEine Klosterfrau.
Deine Augen schwarz und traut
Blicken durch den Schleyer schlau,
Wie durchs Fenstergitter schaut
Eine Klosterfrau.
Deine Tugend zu erheben,Fehlen Worte mir:Denn es ist dein ganzes LebenEine Tugend schier.
Deine Tugend zu erheben,
Fehlen Worte mir:
Denn es ist dein ganzes Leben
Eine Tugend schier.
Alle Menschen zu ertragenIst dir keine schwere Pflicht.Drum verschmähest du die KlagenSelbst der Götzendiener nicht.
Alle Menschen zu ertragen
Ist dir keine schwere Pflicht.
Drum verschmähest du die Klagen
Selbst der Götzendiener nicht.
In dem Drange des GewimmelsFolgst du standhaft deiner Spur,Und versichert deines Himmels,Lebest du dem Menschen nur.
In dem Drange des Gewimmels
Folgst du standhaft deiner Spur,
Und versichert deines Himmels,
Lebest du dem Menschen nur.
Weil zum Beyspiel böser LaienNiemahls dich der Himmel straft,Bist du selbst, dich zu casteyen,Fromme Seele! — lasterhaft.
Weil zum Beyspiel böser Laien
Niemahls dich der Himmel straft,
Bist du selbst, dich zu casteyen,
Fromme Seele! — lasterhaft.
Während dieser Hymnus gesungen wurde, stand Diego rückwärts mit verhaltenem Munde, um das Lachen zu verbeißen. Die beyden Damen bedurften keines Dolmetschers, um das Loblied Strophe für Strophe auf Louisen auszudeuten. Louise warf ihm einen Blick voll Verachtung zu, und sagte: „In der That, Don Diego, Sie sind ganz dazu gemacht, eine Gesellschaft in eine andere Stimmung zu bringen; Sie haben den Tonkünstler wohl immer im Solde? Verfertigen wohl gar die Poesie?“ „Wahrhaftig,“ sagte Theodora, indem sie nach der Uhr sah, „schon so spät! das hätt’ ich nimmermehr gedacht. Ich dank’ Ihnen, Don Diego, daß sie uns einen so langen Besuch haben schenken wollen; unterdessen, dieser Herr hat mit mir Sachen von Wichtigkeit abzuthun; und da ich nicht verlangen kann, daß er sich so lange hier aufhalte, werden Sie es nicht unartig nennen, wenn ich Sie bitte, uns morgen dafür einen allenfalls noch längern Besuch zu schenken.“ Der hämische Diego war mit dem Unwillen, den er an ihrer Stirn las, vollkommen zufrieden, und ging fort, zum Glück’, ohne nach Felicianen zu fragen, und die ehrliche Theodore wieder zu einer Nothlüge zu zwingen. Horazio blieb nun allein bey ihnen, und Theodora sagte: „Dieser abgeschmackte Ritter hat sich in dieses Haus eigentlich eingedrungen, und mich hat wirklich nur die gute Nachricht von Blanca bey Laune erhalten, sonst würd’ ich ihn mit seiner einfältigen Musik in die Schenke gewiesen haben.“ Sie fügte hinzu, daß sie ihrer Nichte einen kleinen Zettel schreiben wolle, und Horazio sich unterdessen mit ihrer Tochter unterhalten möchte. Sie ließ sie denn allein, und schrieb geschwinde zwey Zettel. Den einen gab sie dem Escudero, und schärfte ihm ein, geschwinde zu laufen, damit ihn Feliciane noch erhielte, bevor Horazio nach Hause käme. Mogropejo lief auch an der Stelle ab, und Theodora kam,den andern Zettel in der Hand, in das Gemach zurück. „Bester Horazio,“ sagte sie, „übermorgen werd’ ich meiner Schwester Wagen hohlen lassen, und werde dann meine Nichte bey Ihnen abhohlen; bis dahin muß ich Sie bitten, sie bey sich zu behalten. Daß ich es nicht länger gestatten kann, sehen Sie selbst ein; Sie sind unverheirathet, und mir liegt Ihre Ehre und Ihr Ruf so nah’ am Herzen, als der Ruf meiner Nichte.“ Horazio konnte nichts entgegen sagen; er fühlte aber schon ganz die Bitterkeit der bevor stehenden Trennung. Er nahm von Louisen den wärmsten Abschied, und eilte nach Hause.
Feliciane hatte den Zettel ihrer Mutter, der einen ausführlichen Unterricht enthielt, schon erhalten; sie empfing ihn mit anscheinender dringenden Ungeduld, und fragt’ ihn, wie es ihm mit ihrer Base gegangen sey. „Gut und nicht gut,“ antwortete Horazio; „gut, weil ich eine Frau, wie Ihre Tante, kennen gelernt habe; und nicht gut, weil alles, was der Escudero gesagt hat, grundfalsch war, und sie Ihre Flucht schon wußte. Ich fand sie so innigst bestürzt,und so voll Sehnsucht nach Ihnen, daß ich sie nicht länger hätte ungetröstet lassen können. Ich sagte ihr denn, daß Sie sich in meiner Wohnung befänden, worüber sie in ein lautes Frohlocken ausbrach, und an der Stelle den Entschluß faßte, Sie übermorgen bey mir abzuhohlen.“ Feliciane sank ohnmächtig auf den Stuhl; die Duenna und Horazio sprangen ihr zu Hülfe. „Was ist Ihnen, Blanca?“ schrie Horazio. „So gibt’s denn nichts, als Unglück!“ schrie die Duenna. „O ich seh’ es nur zu spät ein, daß ich der Tante nichts hätte merken lassen sollen.“ „Sie haben der Tante also wirklich entdeckt, daß das Fräulein hier ist?“ sagte die Duenna. Horazio bejaht’ es, und Banuelos fuhr fort: „Gott im Himmel, was haben Sie gethan? Was für ein böser Geist hat Sie dazu angetrieben? Was haben wir nun zu erwarten? Die Tante ist noch weit unbarmherziger, als des Fräuleins Mutter. Wer hat Sie denn zu ihr geschickt?“ „Donna Blanca selbst;“ antwortete Horazio; „auf ihr Geheiß bin ich hingegangen.“ Unterdessen erhohlte sich Feliciane aus ihrer Ohnmacht, und sagte: „Bester Horazio! wenn Sie meine Beherbergung in Verlegenheit setzte, hätten Sie mir es nur erinnern dürfen, und ich hätte mich zu einer meiner Freundinnen begeben. Nur meine Tante weiß, daß ich mich hier aufhalte; ich bin verloren; und ich fürchte nicht sie allein, sondern auch meine Onkel, denen sie auch ohne Zweifel an der Stelle davon Nachricht geben wird. Nun wird man mich erst zwingen wollen, und ich bin zu edel geboren, als daß ich meinem Herzen den geringsten Zwang anthun lassen sollte.“ So schrien sie und die Duenna unablässig fort, daß Horazio ganz verwirrt war, und das Zimmer auf- und ablief, ohne sich im geringsten Rath schaffen zu können. Daß Feliciane aus seinem Hause kommen sollte, war ihm ein unerträglicher Gedanke, und beschäftigte ihn mehr, als was Mutter und Tante mit dem armen Mädchen vorhaben dürften. Er gerieth auf dieß und das; ein Anschlag verdrängte den andern, und sein Entschluß, der am Ende heraus kam, war, daß er der ganzen Welt Trotz biethen, und bis zum letzten Blutstropfen hindern wolle, daß man sie ihm entreiße. Um nun diesem Unglücke vorzubeugen, schlug er ein anderes Mittel vor. Er sagte ihr nähmlich, daß der Garten seines Hauses mit dem Garten des nächsten daran zusammen stoße; daß dieser Garten nun leer stehe, und er ihn für sich gemiethet habe; daß in der Spalierwand, die beyde Gärten von einander trenne, eine kleine Thür wäre, die man nicht bemerke, und durch die sie sich retten könne, wenn man sie abzuhohlen käme. Da er allein der Tante die Nachricht gebracht habe, wolle er sie nun standhaft läugnen.
Feliciane nahm den Vorschlag an, und sammelte nun bald ihre Kräfte wieder. Sie gingen auch gleich alle in den Garten, versuchten die Thür, und versprachen sich den besten Erfolg. Die Tante beliebte sich den folgenden Tag noch nicht einzufinden, sondern ließ nur melden, daß sie sich übel befinde; und nun schöpfte Horazio wieder neuen Muth. Denselben Tag nach dem Abendessen seufzete Feliciane tief, und sagte: „Wahrhaftig, bester Horazio! ich komme mir in dem Verhältnisse gegen meine Mutter so abscheulich vor, und kann es doch nicht aufheben, ohne mich auf immer unglücklich zu machen. Wenn ich mir meine Lage da so lebhaft vorstelle, so möcht’ ich weit über die Grenzen Spaniens hinaus fliehen, und hoffe nur weit von hier Ruhe zu finden.“ Nun sah Horazio den Himmel offen. „Ist’s möglich?“ sagte er; „sollten Sie wohl diesem Vorsatze treu bleiben? Ich will ihn ausführen; ich will Sie auf die anständigste Art nach Mailand bringen; nicht unter dem Titel der Gamahlinn: denn leider hab’ ich, bevor ich Sie kennen lernte, meine Hand schriftlich einer Dame zugesagt, und ihr meine Erklärung auch schon geschickt. Ich will Sie aber unter dem Nahmen einer Verwandten hinführen, will Sie wie meine Schwester lieben; und wenn diese Dame bey der Schilderung der Leidenschaft, die ich für Donna Blanca empfinde, bewegen läßt, meinem Herzen freye Wahl zu lassen, und mir meine Erklärung zurück zu geben, so ist niemand meiner ewigen Liebe so würdig, als Sie.“
Feliciane hatte nichts sehnlicher erwartet, als eine Erklärung aus seinem Munde. Sie sprang auf, und sagte, indem sich ihr ganzes Wesen aufzuheitern schien: „Horazio, ich will alle Ziererey des Frauenzimmers abwerfen. Sie haben alles, folglich auch das Größte um mich verdient. Ich gesteh’ Ihnen denn, daß es mir unmöglich ist, ohne Sie jemahls wahrhaft glücklich zu seyn. Ich muß bey Ihnen bleiben; und kann ich Sie nicht als Gattinn lieben, so will ich Ihre Schwester seyn. Machen Sie Anstalt zur Reise, so bald Sie wollen. Ich gehe mit; hier ist meine Hand.“ Horazio war trunken vor Entzücken; er wagte es, sie zu umarmen, und sie küßte ihn so feurig, als er sie. „Vielleicht,“ schrie er, „ist der Courier, dem ich die Schrift mitgegeben habe, noch nicht fort; vielleicht kann ich sie zurück nehmen; o dann wäre ich der glücklichste Mensch auf Erden! Erlauben Sie nun, daß ich hineile, und nicht einen Augenblick verliere.“ Sie umarmten sich noch ein Mahl feurig; er eilte fort, und kam mit der glücklichen Nachricht zurück, daß die Schrift nochnicht abgelaufen sey; daß er binnen drey Tagen alle seine Geschäfte abgethan habe, und daß sie dann ungehemmt auf den Flügeln der Liebe nach seinem Vaterlande eilen könnten. Sie gingen freudig zu Bett; aber Horazio konnte kein Auge zuthun. Den nächsten Morgen ließ er für sich und Felicianen zwey Reisekleider nach italienischer Tracht machen; alles war zur Abreise bereitet, und den folgenden Tag des Abends sollten sie abfahren.
Mit einem Mahle hielt Theodorens Kutsche an der Hausthür. Sie trat ein, und erkundigte sich nach Felicianen: Horazio sagte ihr aber, daß ihre Nichte des Morgens zur Beicht gefahren wäre, und daß sie selbe vermuthlich noch in der Kirche treffen würde. Theodora stellte sich treulich an, als ob sie es glaube; indessen war Horazio doch übel zu Muthe, daß er sie auf keine klügere Art abgefertigt habe, da sie diese nicht auf lange Zeit entfernen könnte. Er eilte daher zu Felicianen, und sagte ihr, was vorgegangen sey. Feliciane war damit ganz zufrieden, und nun ging es wieder hastig über dieAnstalten zur Abreise her. Besonders sorgte Feliciane, daß so viele Kleider, als möglich, eingepackt wurden. Um die Stunde des Abendgebeths hielt Theodore schon wieder mit dem Wagen vor der Thür; sie erfuhr von einem Bedienten, daß Horazio zu Hause wäre, und ließ ihn rufen. Er war sehr ungehalten, daß sie ihn nicht verläugnet hatten, und daß er sich nun wieder mit einer List behelfen sollte, was, wie wir nun gesehen haben, überhaupt eben nicht seine Sache war. Er meldete Felicianen mit sichtbarer Ängstlichkeit, daß Theodora schon im Vorhofe stehe, lief dann zu ihr hinunter, und sie fragte ihn rasch, wo ihrer Nichte Zimmer wäre. Er sagte ihr, daß es ihm leid thue, sie noch ein Mahl vergebens bemühet zu haben, sie sey aber wirklich heute Morgens schon, was er nicht gewußt habe, zu einer Freundinn gefahren, von der sie noch nicht zurück gekommen sey. „Vortrefflich, vortrefflich!“ sagte Theodore mit verbissener Wuth; „genug, daß ich weiß, daß sie hier im Hause ist! Ich will sie durchaus sehen, und mit mir nehmen. Solche zügellose Mädchen, wie mein artiges Nichtchen, haben keinen eignen Willen. Nicht genug, daß sie, wie ein Ausreißer, davon läuft, und wie ein Landstreicher im nächsten besten Haus übernachtet, ohne zu denken, was ihre Ehre dabey leidet; nun fährt sie auch noch sorglos spazieren, und spielt die Hausfrau, als ob man sie aller mütterlichen Gewalt entlassen hätte.“ Horazio bestand darauf, daß das Fräulein wirklich nicht in seinem Hause sey; und Feliciane eilte mit der Duenna in demselben Augenblicke durch den Garten in das andere Haus. Ein Bedienter gab Horazio ein Zeichen, daß die Auswanderung glücklich überstanden sey, und Horazio bath Theodoren nun, nicht unmuthig zu werden, und sich durch den Augenschein zu überzeugen, daß er die lautere Wahrheit spräche. Er reichte ihr den Arm, und führte sie Treppe auf, Treppe ab, Stube aus, Stube ein, bis das ganze Haus rein durchsucht war. „Sie sehen nun selbst,“ sagte er, „daß ich Sie nicht getäuscht habe, und ich versichere Sie vielmehr, daß mir über ihr langesAußenbleiben selbst bange wird. Es ist schon spät; wenn ihr nur kein Unglück widerfahren ist!“
„Ungerathenes Kind! Unvorsichtiges Kind!“ murmelte Theodora zwischen den Zähnen. „Was ist nun zu thun?“
„Nichts,“ antwortete Horazio, „als daß Sie die Güte haben, ein wenig zu warten.“
Sie wartete gegen einer Stunde; da sie aber sah, daß es vergebens sey, fragte sie, zu was für einer Freundinn sie gefahren wäre. Man rief den Kutscher; es war aber schon abgeredet, daß er nicht kommen sollte. Endlich sagte Theodora: „Das Mädchen scheint zu wissen, was es zu thun habe; aber auch ihre Oheime werden ihre Pflicht kennen, und werden sie zurück zu halten wissen, wenn sie sich auch selbst in’s Unglück stürzen will. Leben Sie wohl!“ Mit diesen Worten stieg sie in den Wagen, und fuhr fort.
Es vergingen nicht zwey Stunden, so kamen auch schon zwey Bekannte Theodorens, und fragten nach Donna Blanca.
Die Bedienten hatten schon den Auftrag, jedermann zu sagen, daß sie des Abends nicht zu Hause speise, und daß sie sich, wenn es dringend wäre, nach Mitternacht, oder den folgenden Tag sehr früh wieder einfinden könnten. Die Oheime gingen denn wieder die Straße hinunter, und Feliciane sagte, als sie sie erblickte: „Wehe mir! das sind meine Oheime.“ Den nächsten Morgen brachte Horazio seine Blanca in das Haus, das er gemiethet hatte, machte sich aller Geschäfte ledig, und bestellte des Nachts Wagen und Maulthiere, um nach Barcelona abzufahren. Nach Tische besann er sich, daß er mit einem unbeschuheten Carmeliten noch etwas abzuthun habe, und wollte noch in das Kloster, das ganz in der Nähe war, hinüber gehen. Er gab Felicianen unterdessen ein kleines Felleisen, in dem über zwölf tausend Escudo’s an Geld’ und Geschmeide waren, in Verwahrung, und eilte hinüber. Dieser kleine Umstand löste nun den Knoten mit einem Mahle. Ohne nun weiter auf etwas zu denken, packten Feliciane, Banuelos und Mogrobejo das Felleisen und das Bündel mit FelicianensKleidern zusammen, schlichen durch das andere Haus, und erreichten die Wohnung Stephaniens, einer guten Freundinn Felicianens, mit heiler Haut. Horazio kam zurück, und ließ den Wagen an der Thür des anderen Hauses, in dem Feliciane seyn sollte. Er suchte sie überall, und fand sie nicht. Er fragte die Haushälterinn nach ihr; diese wußt’ ihm aber nichts zu sagen, als daß sie das Fräulein auf die Straße geschickt habe, um zu sehen, ob nicht etwa ihre Oheime wieder kämen. Horazio war ganz verwirrt, suchte sie neuerdings, und beschloß endlich, die Nachbarn zu fragen, ob sie keiner gesehen habe. Niemand hatte sie gesehen; nur einen einzigen Bedienten hatten zwey Ritter, denen drey oder vier Bediente nachtraten, nach ihnen gefragt. Horazio dachte sogleich, daß dieß die Oheime gewesen seyn dürften, und es befiel ihn eine solche Angst, daß er sich plötzlich auf einen von den Mauleseln, die zur Abreise in Bereitschaft standen, setzte, und nach Alcara ritt; seinen Bedienten aber befahl er, Donna Blanca, so bald sie zurückkäme, zu sagen, daß sie ihm mit dem Wagen folgen sollte. In Todesangst kam er zu Alcara an, und konnte mit sich selbst über Blanca’s schnelles Verschwinden nicht einig werden. Vier Tage hielt er sich dort auf, und wartete voll Ungeduld; da sie aber noch nicht kam, war er überzeugt, daß sie ihren grausamen Oheimen in die Hände gefallen sey. Er war so gutmüthig, daß er ihr Schicksal beweinte, und der sichern Hoffnung war, daß sie ihm ihre Lage in einem Briefe nach Mailand schildern werde. Um nun ja gewiß bey der Ankunft desselben in seiner Vaterstadt zu seyn, und ihn nicht eine Stunde auf der Post liegen zu lassen, eilte er, was er konnte, nach Barcelona, und Feliciane feyerte unterdessen den Triumph ihrer List, und die Niederlage seiner Zärtlichkeit.