Kapitel 10

Kapitel 10

Und wieder waren Jahre vergangen, fünf Jahre, in denen sich wenig geändert hatte. – Dieselbe Heimat, dieselben Menschen! Nur die Kinder waren vollends herangewachsen. Der Buchenhof war völlig wieder ausgebaut und in tadellosem Zustande. Er war stattlicher und schöner als je. So war die Prophezeiung des Mathias wahr geworden: daß es nicht schwer sein würde, die Wirtschaft wieder emporzubringen.

Auch die Ziegelei hatte sich gut bewährt. Das Lehmlager in dem Hügel hatte sich als viel ergiebiger und besser herausgestellt, als anfänglich erwartet worden war. Der Betrieb war geordnet, der Absatz ausgezeichnet. So brachte das Unternehmen Überschüsse, und etliche Leute rechneten aus, daß der Buchenbauer allein durch die Ziegelei ein steinreicher Mann werden müsse.

Da wurde es möglich, nach und nach Schulden zu tilgen. Heinrich bestand darauf, daß Mathias Berger seine Zinsen und seinen Gewinnanteil von der Ziegelei einkassierte und für Liese anlegte. Er selber sparte für seine Schwester Lene.

Also stand alles wohl. Geld ist am Ende von geschickten Leuten immer leicht zu verdienen.

Dagegen waren die Buchenhofleute in der Sympathie ihrer Mitbürger kaum vorwärts gekommen. Die räumliche Heimat hatten sie gerettet, die andere, wirkliche, ideelle war ihnen noch versagt.

Es ist sehr schwer, bei schlichten Landleuten alte Vorurteile auszurotten. Dazu kam, daß sich in all den Jahren im Dorfe nichts Aufregendes ereignet hatte. Die Buchenhofaffäre war aktuell geblieben. Das Unaufgeklärte, Ungewisse behielt den Reiz. Immer blieb die Hoffnung, es werde noch einmal Licht kommen in die dunklen Geschehnisse.

Es soll nicht gesagt sein, daß die Schuld ganz auf der Seite der Dorfleute lag. Die Schlesier sind im allgemeinen gute, gemütliche Menschen, nicht hart, finster und abgeschlossen, wie sonst die Leute in der großen, nordischen Ebene vielfach sind, sondern leicht zugänglich, lustig und eher den fröhlichen Süddeutschen vergleichbar. Das Gebirgsvölklein namentlich ist von leichterem Schlage und hat viel Sonne in der Seele.

So war's auch hier im Dorfe. Aber die Buchenhofleute hielten sich selbst abseits. Sie mochten nicht hingehen und um die Heimatsgemeinschaft werben, und eine freundliche Einladung wurde ihnen nicht zuteil.

Mathias Berger wußte, daß noch jetzt in vielen Behausungen die alten Zeitungsnummern aufbewahrt wurden, in denen die Verhandlung des Brandprozesses geschildert war und seine zwangsweise Abbitte an Schräger stand. Er hatte endlich auch gehört, daß er wegen seines Geldes verdächtigtwurde. Da hatte er sich nicht enthalten können, an Schräger einen Brief zu schreiben, in dem er ihm »spät, aber doch« dafür dankte, daß er ihn ehemals habe fünf Mark gewinnen lassen, für die er ein Glückslos gekauft habe. Das Geld habe gerade dazu gereicht, den Buchenhof zu halten, der wohl sonst das Besitztum des Wirtes unnütz vergrößert hätte. Der Brief war an einer neuen Injurie gerade noch knapp vorbeigegangen. Schräger hatte gewettert und geflucht, und die Dorfleute hatten die Lotteriegeschichte nicht geglaubt, sondern desto eifriger nach einer recht abenteuerlichen Lösung der Bergerschen Vermögensfrage gesucht.

Am wenigsten fand Heinrich den Weg, obwohl seine weiche Seele ihn suchte. Oftmals zwar redete er sich ein, er brauche die Gemeinschaft nicht, er habe ja Gesellschaft auf dem Hofe, lauter liebe Leute, die's treu zu ihm meinten. Aber er kam nicht um die alte Wahrheit herum, daß der Mensch nicht immer mit denselben Menschen verkehren kann. Die Schiffsleute, die lange auf demselben Fahrzeug eng zusammenlebten, gehen auseinander, wenn sie ans Land kommen. Sie haben einmal das Bedürfnis, die alltäglichen Gesichter auf eine Weile nicht zu sehen. Und es gibt viele Leute, die in Bureaus, Geschäften, Schulen friedlich und freundlich zusammenarbeiten und sich doch in ihren Freistunden nicht sehen und treffen mögen, sondern lieber Fremde aufsuchen oder allein sind.

Die Buchenhofleute lebten zusammen wie auf einem großen, einsamen Schiff. Im Winter vergingen Wochen, ohne daß sie ein Wort mit jemand von auswärts wechselten. Und so kam es, daß ein Händler, wenn er sich in das Gehöftverirrte, wie ein lieber Gast festgehalten und nach allem möglichen befragt wurde.

Am schwersten litt an solch trüben Wintertagen der Hannes. Es kam vor, daß er sich auf die Ofenbank legte und vor lauter Einsamkeit heulte. Dann schwor er hoch und teuer, wenn erst der Frühling käme, zöge er in die Fremde. Wenn die Lene das hörte, sagte sie, er solle nur geschwind machen, daß er fortkäme. Und das nahm er dann immer übel.

Auch Mathias litt an der Einsamkeit. Manchmal, wenn er den alten Pluto streichelte, der immer noch das Gnadenbrot bekam, dachte er an seine Lumpenmannszeit, und da kam es ihm vor, als sei er damals ein junger, glückseliger Vagant gewesen, der frei und unverdrossen auf grünen Straßen fuhr, heute hier, morgen dort, immer wieder bei anderen Leuten, immer lustig und überall gern gesehen.

Heinrich saß zu solchen Zeiten hinter seinen Büchern und studierte. Nur eine war glücklich und ganz zufrieden: das war die Liese. Diese einsamen Stunden waren ihre seligste Zeit. Dann saß sie mit ihrem Nähzeug still und freundlich da und hob nur manchmal die Augen, um nach Heinrich zu schauen.

Aber drüben im Buchenkretscham wohnte noch ein einsameres Menschenkind, ein Kind, das gar keine Heimat hatte: das war Lotte Schräger.

Sie hatte niemand. Der Vater war fast täglich betrunken, der Bruder ein Idiot. Und ihr verhältnismäßig hohes Maß von Bildung vermehrte nur das Unglück, erhöhte das Grauen, das ihre »Heimat« ihr einflößte.

Von den Buchenhofleuten sah sie selten jemand. Sie wurde auch von ihnen gar nicht beachtet. Die stolze Lene Raschdorf hatte ihr sogar zweimal einen Gruß nicht erwidert. Aber die Lene blieb manchmal stehen und sah sie mit ihren kohlschwarzen Augen herausfordernd und feindselig an. Sie war ganz wie ihr Vater, der alte Raschdorf, vor dem sich die Lotte auch immer ein wenig gefürchtet hatte. Und sie trug neuerdings am Sonntag modische Kleider. Sie trug sie wie eine Dame, ohne Fehler. Aber Lotte wußte, daß sie es ihr nachmache.

Den Heinrich Raschdorf sah Lotte sehr selten. Gesprochen hatte sie nicht mehr mit ihm nach jenem Tage, da sie ihm den Strauß geschenkt und den Koffer getragen hatte. Damals war sie ja ein dummes Kind gewesen, aber sie wurde jetzt noch rot, wenn sie an die alten Tage dachte. Daß er sie geküßt hatte, daß sie ihm zugeredet hatte, er möchte sie heiraten, daß er dann ihren Strauß auf die Straße geworfen hatte, daran dachte sie oft.

Wenn er sie jetzt traf, zog er mit städtischer Höflichkeit den Hut, und sie neigte ebenso kalt-höflich den Kopf. Sie wußte kaum, wie er aussah; nur daß er einen Schnurrbart trug, hatte sie einmal gesehen.

So war es wieder einmal Frühling geworden. Draußen war ein wunderbarer, weicher Abend, aber der Kretscham war voll von Leuten. Die saßen alle in üblem Tabaksqualm und sehnten sich nicht nach der herrlichen Luft draußen, durch die die Nachtigallen sangen, durch die der Flieder duftete, durch die die Sterne leuchteten.

Bauern haben gern schlechte Stubenluft, viel lieber noch als die Städter. Das ist merkwürdig genug, da doch die Luft im Freien, die sie meist atmen, die Bauern wählerisch und verwöhnt machen müßte. Es ist anzunehmen, der Tod habe das so eingerichtet, denn wenn die Bauern auch noch gesund wohnten und schliefen, so wie sie gesund arbeiten, würden wohl alle über hundert Jahre alt werden. Und das gäbe zu viele Auszügler. – – – –

Es war Steuertag. »Gemeindegebot, Rente, Schulgeld, Schornsteinfegergeld und Nachtwächtergeld« wurden eingenommen. Da waren die meisten Hausväter persönlich erschienen, um ihre Steuer zu bezahlen. Kam aber irgendeine Frau, so neckten sich alle mit ihr, und Schräger mußte ihr einen Ingwer einschenken, den irgendeiner zum Besten gab. Das ist bäuerliche Ritterlichkeit.

Vom Buchenhofe brachte stets eine Magd die Steuer. Sie allein bekam keinen Ingwer.

An diesem Tage war im Buchenhofe große Aufregung gewesen, denn Hannes hatte plötzlich und ohne alle äußere Veranlassung erklärt, er werde selber gehen, um die Steuer abzuliefern. Er fügte noch die kühne Behauptung hinzu, daß er sich auch vor dem Teufel nicht fürchte, und daß er den Leuten beweisen wolle, daß der Buchenhof ebenso das heilige Recht habe, seine Steuer persönlich zu zahlen wie alle anderen. Zudem läge die Sache günstig, denn Mathias sei nicht zu Hause, der sonst dagegen reden würde.

Was Hannes zu seinem kühnen Plane begeistert hatte, ist, wie gesagt, schwer zu bestimmen. Es war zum TeilLaune, zum Teil die Lust, endlich einmal etwas Neues zu erleben und der Einsamkeit entrissen zu werden.

Wie nun aber immer bei der Entscheidung »prinzipieller Fragen« viel und klug geredet wird, so auch hier. Sogar der Schaffer beteiligte sich an der Debatte, scheinbar gegen Hannes, im Grunde aber doch wie immer für ihn. Heinrich war unschlüssig, und nur Lene widersprach aufs heftigste. Aber schließlich siegte Hannes. Er bekam das Steuerbuch ausgehändigt, und Lene zählte ihm aus der »Schwinge« den Steuerbetrag auf und noch eine Mark darüber, wie Hannes wünschte. Sie mußte ihm sogar das große Paradeportemonnaie des alten Raschdorf borgen, das dieser immer nur bei besonders feierlichen Anlässen gebraucht hatte.

Also ausgerüstet schritt Hannes in seinem Sonntagsanzug über die Straße, stolz wie ein Held, der in den Kampf zieht, einer gegen alle.

Die Buchenhofleute sahen ihm vom Fenster aus nach. Das Herz klopfte allen, am meisten dem besorgten Vater des Helden. Am besten sei es, meinte der Schaffer, er bewaffne sich mit einem tüchtigen Stecken und stelle sich hinters Hoftor, damit er gleich hinüber könne, wenn er etwa den Hannes schreien höre.

Aber Hannes schrie nicht. Mit einem Ruck riß er drüben die Tür des Kretschams auf und trat hocherhobenen Hauptes in die Stube. Sein urplötzliches Erscheinen hatte wirklich den gewünschten Erfolg. Die Bauern waren über die Maßen verblüfft, und es entstand eine große Stille.

Diese Wirkung gedachte Hannes noch zu steigern. Er schnitt also ein Gesicht, das hoheitsvoll sein sollte, in Wirklichkeitaber verunglückte, trat an den Gerichtstisch und grüßte mit nachlässiger Stimme:

»Mahlzeit!«

In dem städtischen Gruße »Mahlzeit«, meinte Hannes, liege die ganze Summe von Hoheit und Vornehmheit, über die ein Mensch verfügen könne, klar ausgedrückt.

»Mahlzeit!« wiederholte er, da niemand antwortete. »Ich bringe persönlich die Steuer vom Buchenhofe, denn der Buchenhof hat das Recht dazu!«

Das bestritt niemand. Es antwortete überhaupt keiner der Anwesenden.

»Wieviel macht es?« fragte Hannes und zog das riesige Paradeportemonnaie des alten Raschdorf mit viel Umständlichkeit aus der Tasche. Er wußte zwar die Summe ganz genau, aber er hatte durch seine Frage Gelegenheit, das Portemonnaie herausfordernd in der Hand zu halten, während der Gerichtsschreiber die Summe ausrechnete.

»Also so?« sagte er, als er den Steuerbetrag erfahren hatte, und fing an, das Geld langsam aufzuzählen, wobei er jedes Stück einzeln aus dem Portemonnaie nahm. Gegen Ende hin aber wurde er plötzlich unruhig, überflog den aufgezählten Betrag, guckte betroffen ins Portemonnaie, zählte nochmals, verfärbte sich ein wenig und fragte beklommen:

»Wieviel macht es?«

Der Gemeindeschreiber wiederholte den Betrag.

O, ihr lieben Heiligen! Hannes hatte eine Mark zu wenig, statt einer Mark zu viel. Wie ein greller Blitz fuhr ihm die Erkenntnis durch den Kopf, die Lene habe einen Taler für ein Fünfmarkstück angesehen.

»Es langt nicht!« flüsterte irgendwo eine Stimme unter den gespannt zuschauenden Bauern, und ein heimliches Kichern brach an. Hannes richtete sich wütend empor.

»Was? Es langt nich? Bei wem langt's nich?«

Und er wandte sich wieder an die Ortsbehörde.

»Das Kleingeld langt allerdings nich,« sagte er und strich den aufgezählten Betrag wieder ein. »Können Sie auf einen Hundertmarkschein herausgeben?«

»O ja,« sagte der Schulze, »das können wir schon. Wo ist der Hundertmarkschein?«

Das hatte Hannes nicht erwartet. Er wurde fürchterlich verlegen. Als aber nun die Bauern und die Steuerbeamten in eine unbändige Heiterkeit ausbrachen, raffte er sich auf und schrie:

»Hundertmarkschein? Wir haben massig Hundertmarkscheine! Aber ich muß meinen unterwegs verloren haben. Wer ihn find't, kann ihn behalten. Versteht Ihr? Kann ihn behalten! Und ich geh einen neuen holen.«

Er gab sich Mühe, mit möglichster Würde wieder hinauszuschreiten, was die Bauern nicht hinderte, in ein dröhnendes Gelächter auszubrechen.

Wütend schritt Hannes über die Straße, nicht, ohne sich ein paarmal umzusehen, als ob er etwas suche. Hinter dem Tor traf er seinen Vater, der einen dicken Knüppel in der Hand hatte.

»Haben sie Dir etwas getan?« fragte der Schaffer.

»Laß mich!« knurrte Hannes und stampfte nach der Stube. Dort wurde er mit erwartungsvollen Gesichtern empfangen.

»Plamiert sind wir!« schrie der heimgekehrte Gesandte und sank auf einen Stuhl. »Bis auf die Knochen plamiert! Ich hab' 'ne Mark zu wenig gehabt; die Lene hat mir 'n Taler für 'n Fünfmarkstück gegeben.«

Der Schaffer hieb mit seinem Knüppel auf den Tisch, daß die Stube dröhnte. Heinrich knurrte verdrießlich etwas von Albernheiten, und nur die Lene lachte.

Da fuhr Hannes zornig auf:

»Lene,« keuchte er, »hast Du das etwa gar absichtlich gemacht?«

Das Mädchen schaute ihn blitzend an.

»Meinste etwa, ich kann nich zählen? Meinste, ich kenne das Geld nich?«

»Lene, das is frech; das is – ich – ich – o, da habt Ihr den Quark; ich – ich – das is 'ne Gemeenheet – das laß ich mir nich gefallen – zum Vierteljahr zieh ich fort – werden schon sehen –«

»Werden schon sehen!« stimmte der Schaffer bei und stampfte hinter Hannes aus der Stube.

Auf dem Boden lag das Paradeportemonnaie des alten Raschdorf.

Die beiden Geschwister waren allein. Auch Heinrich war aufgebracht.

»Warum machst Du das, Lene? Warum blamierst Du ihn und uns?«

Das Mädchen sah ihn zornig an.

»Von uns hat niemand was bei den Leuten dort drüben zu suchen. Wenn's keiner versteht, ich versteh's! So ein Esel – es ist ihm recht!«

Sie schob das Portemonnaie mit dem Fuße beiseite und ging hinaus.

Der junge Buchenbauer sah ihr nach. Zum erstenmal fiel ihm auf, wie wenig er im Grunde genommen auf seinem Hofe zu sagen habe. Er war nicht der Herr. Kein Mensch kümmerte sich um seine Meinung, höchstens Mathias. Sie waren alle Herren: Hannes, der Schaffer, am meisten Lene. Er hatte immer geschwiegen in dem Gefühl, daß die anderen es ja besser verstünden, und daß er ihnen doch zur Dankbarkeit verpflichtet sei.

Aber jetzt regte sich in seiner weichen Seele der Trotz. Er hob das Portemonnaie seines Vaters auf und schüttelte den Inhalt in seinen eigenen Geldbeutel.

Nun würde er selber zur Steuer gehen! Jawohl!

Die Berger-Liese kam herein.

»Heinrich, es muß jemand zur Steuer; es is die höchste Zeit. Ich werd geh'n. Mir werden sie ja nischt tun.«

»Nein, Liese, Du gehst nicht! Du am allerwenigsten! Aber Du bist ein vernünftiges Mädel!«

Er reichte ihr die Hand. Liese errötete, denn Heinrich sprach selten mit ihr.

»Wer soll denn aber gehn? Hannes mag nicht; ich hab' ihm schon zugeredet, aber er will nicht, und der Schaffer ist furchtbar böse.«

»Ich gehe selber!«

In diesem Augenblick kam Lene wieder in die Stube.

»Ich gehe selber zur Steuer!« wiederholte Heinrich.

Da wurde das Mädel blaß.

»Du gehst nicht!« sagte sie bestimmt und heftig.

»Jawohl, ich gehe! Ich gehe bald!«

»Du gehst nicht, sage ich!«

Er sah sie an.

»Lene, der Herr bin ich! Merk' Dir das!«

Sie ging auf ihn zu und faßte ihn ins Auge.

»Heinrich, wenn Du zur Steuer gehst, lauf' ich fort!«

»Dann laufe fort!« sagte er gleichgültig.

Und er ging aus der Stube mit festem Schritt.

Dennoch zitterte ihm die Hand, als er die Türklinke zum Buchenkretscham berührte. Seit seiner Kindheit Tagen war er in diesem Raume, der doch bloß auf der anderen Seite der Straße lag, nicht gewesen.

Die Tür ging auf.

Einige Sekunden sah Heinrich nichts als Rauch.

»Guten Abend!«

Niemand antwortete. Alle sahen verblüfft auf den jungen Herrn vom Buchenhof, und Schräger, der schon wieder betrunken war, torkelte gegen das Schanksims und stierte den Eintretenden an, der einige Sekunden an der Tür stehen blieb.

Da sprach endlich einer: »Der Hundertmarkschein kommt!«

Das war der Bader. Aber nur der junge Riedel lachte; die anderen schwiegen.

Heinrich ging durch die Stube zum Gemeindetisch.

»Ich bringe die Steuer,« sagte er leise und zählte den Betrag auf.

Der Gemeindeschreiber quittierte.

»Sechs Dreier und einen Hund!« sang in einer Ecke der Idiot. Es lachten zwei. Aber Heinrich beachtete es nicht.

»Guten Abend!« sagte er, nahm das Steuerbuch und wandte sich zum Gehen.

Da trat ihm einer entgegen. Es war der alte, grauhaarige Hirsel-Bauer. Er streckte ihm die Hand hin.

»Herr Raschdorf,« sagte er freundlich, »mögen Sie einen Schnaps mit mir trinken?«

Heinrich war ganz erschrocken. Unschlüssig blickte er nach links und rechts auf die vielen Leute und sagte dann stockend: »Nein, ich – ich muß Ihnen danken, Herr Hirsel! Gute Nacht!«

Und er drückte ihm flüchtig die Hand und ging schnell hinaus.

Kopfschüttelnd setzte sich der alte, freundliche Mann. Der Bader aber sprang auf den Stuhl.

»Habt Ihr's gesehen? Das hat nu der Hirsel davon! Der Raschdorf und ein'n Schnaps mit jemand trinken! Da müßt' a keen Raschdorf sein! Das is un bleibt 'ne hochnäsige Bande!«

Und nun hatte der Bader wieder alle für sich. –

Draußen vor der Haustür traf Heinrich Lotte Schräger.

Er blieb betroffen stehen.

Auch sie sagte kein Wort.

Aber dann sahen sie sich scheu an wie zwei Menschen, die sich gekannt haben vor langer Zeit und sich wiedertreffen und nun nicht wissen, ob sie Freunde sind oder Feinde.

»Guten Abend!« sagte Heinrich und zog den Hut. Damit wollte er gehen. Aber er besann sich.

»Fräulein Lotte,« sagte er leise und hastig, »ich – ich hab' Ihnen immer noch was zu sagen.«

Er brach ab. Er wartete wohl auf ein Wort von ihr, aber sie sagte nichts. Da begann er wieder:

»Sie sind einmal sehr freundlich zu mir gewesen – Sie wissen wohl – damals, als wir noch Kinder waren – es ist ja jetzt an die acht Jahre her – aber ich wollte Ihnen bloß sagen, den Strauß hab' ich nicht auf die Straße geworfen – ich nicht! Sie sind mir gewiß recht böse gewesen die lange Zeit.«

Sie sah ihn errötend an, schüttelte den Kopf und ging rasch ins Haus.

Langsam schritt Heinrich über die Straße. Beim Hoftor blieb er stehen und holte tief Atem. Nach dem Buchenkretscham schaute er, hinter dessen erhellten Fenstern ein wüster Lärm war. Es war ihm doch sehr wohl.

Daß er ihr das hatte sagen können, das machte ihn froh. Es hatte ihn bedrückt all die Jahre.

Sie war ein herrlich schönes Mädchen geworden. Das hatte er erst heute so recht gesehen. So reif und so schön!

Warum klopfte ihm das Herz so laut?

Er sah immer hinüber nach der Stelle, wo er mit ihr gestanden hatte. Sie hatte kein Wort gesagt, sie hatte ihn nur angesehen.

In einer Giebelstube des Buchenkretschams wurde es hell. Heinrich schaute hinauf.

Jetzt kam eine Gestalt ans Fenster.

Das war Lotte!

Sie lehnte sich an die Scheiben und schaute hinüber nach dem Buchenhofe.

O, wie ihm das Herz schlug! Er betrachtete ihr dunkles Schattenbild und vermochte sich nicht zu rühren.

Da sah sie ihn unten im Mondlicht stehen.

Erschreckt legte sie eine Hand auf die Stirn. Bald darauf ging sie vom Fenster hinweg, und das Licht erlosch.

Eine Minute lang stand Heinrich noch still, dann ging er.

Im Hausflur auf der Treppe saß seine Schwester Lene. Sie hatte den Kopf auf beide Hände gestützt. Neben ihr stand Mathias, der in der Stadt gewesen und eben heimgekommen war.

»Du warst im Kretscham, Heinrich?«

»Ja, ich habe die Steuer hinübergetragen!«

Mathias sah ihn milde an.

»Es ist schon recht, Heinrich, Du kannst ja tun, was Du willst.«

»Aber ich – ich lauf' fort!« rief Lene.

Sie sprang auf.

»Geh in die Stube, Heinrich! Die Lene laß mir! Fortlaufen darf sie ja nich. Sie gehört ja ebensogut hierher wie Du!«

Heinrich ging nach der Stube. Liese Berger brachte ihm das Abendessen. Freundlich sah sie ihn an.

»Ist es gut gegangen?« fragte sie.

»Ja, Liese, ganz gut.«

Das blasse Mädchen nickte freudig.

»Und die Lene wird schon dableiben, wir reden ihr ja alle gut zu.«

Sie bediente ihn mit ihrer großen Freundlichkeit und ihrem stillen Eifer. Sie reichte ihm alles zu und fragte, ob es ihm auch schmecke.

Er mußte sich zwingen zum Essen. Und er wünschte fast, die freundliche Liese sei nicht bei ihm. Ihre Freundlichkeit tat ihm heute weh!

Sie sah ihn besorgt an.

»Du mußt Dich nicht so ärgern, Heinrich. Es wird ja alles wieder gut. Du mußt essen, Heinrich!«

Bald darauf ging er nach seinem Zimmer. Er mußte allein sein. Um alles in der Welt wollte er jetzt mit niemand sprechen, auch mit der Lene nicht. Er dachte kaum an sie.

Er wollte nachdenken, aber er vermochte nicht auf seinem Stuhle stillzusitzen. Angekleidet warf er sich aufs Bett und blinzelte in das Lampenlicht.

Ja, es war so. Er war froh, daß er in den Kretscham gegangen war. Er war froh, auch wenn es allen anderen nicht paßte.

Er war mutig gewesen. Und dieses schöne Bewußtsein trieb ihm, wie allen weichherzigen Leuten, die es nicht gewöhnt sind, das Blut in den Kopf. Wie ein Rausch war's. Denn das ist ja wahr, daß Mut trunken macht, einen früher, einen später, je nachdem, wieviel er verträgt.

Sie hatten geschwiegen; nur zwei hatten über ihn gelacht, die zwei kläglichsten. Die anderen nicht. Und einer hatte ihn sogar zu einem Trunke eingeladen. Der gute alteMann! Es war schade, daß er es ausschlagen mußte, aber sich da hinsetzen, unter diese Leute, das wär' ja unmöglich gewesen.

Ob's der Hirsel übel genommen hatte? Vielleicht! Wahrscheinlich sogar!

Heinrich sprang auf, setzte sich an den Tisch und schrieb an Hirsel einen langen Entschuldigungsbrief.

Ein Gefühl der Liebe für den alten Mann flutete durch das Herz des Jünglings. Wenn er jetzt einmal ins Dorf hinabsah, wußte er doch, daß dort unten jemand war, der's gut mit ihm meinte.

Ach, er war so glücklich, daß er ein ganz kleines Stückchen Heimat gewonnen hatte.

Als die Mitternacht vorbei war, hatte der junge Buchenbauer noch immer keinen Schlaf gefunden. Er mußte jetzt doch an seine Leute denken. Zum ersten Male hatte er sich in Widerspruch zu ihnen gestellt, zum ersten Male war er aufgeregt und glücklich, während sie gewiß alle mit bedrückten Herzen zur Ruhe gegangen waren.

Eine leise Reue kam, oder doch der Wunsch, sie recht bald alle wieder zu versöhnen, auch die Lene.

Freilich hatten sie ja nichts verloren.

Nichts?

Die Lotte fiel ihm ein.

Was sie wohl sagen würden, wenn sie wüßten, daß er mit Lotte Schräger gesprochen hatte? Eigentlich mußte er es ihnen erzählen. Das wäre aufrichtig.

Aber er schämte sich und beschloß, die Begegnung für sich zu behalten.

Was war auch geschehen? Entschuldigt hatte er sich wegen einer Ungezogenheit, wahrlich spät genug entschuldigt. Sonst nichts.

Und nun war er quitt mit Lotte Schräger.


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