Kapitel 11

Kapitel 11

So ist ein neuer Kampf in Heinrich Raschdorfs junges Leben getreten. Und im alten Kampf um die Heimat rückten die Bundesgenossen einen Schritt von ihm ab. Seine Schwester Lene weit! Sie sprach nicht mehr mit Heinrich; sie ging immer mit finsterem, verschlossenem Gesichte herum. Es kränkte ihren Stolz, daß sie gedroht und dann die Drohung nicht ausgeführt hatte.

Sie war schwach gewesen und unterlegen.

Und es war nicht bloß der beleidigte Trotz, daß ihr Wille nicht durchgegangen war; es lebte in diesem Mädchen auch das feine Empfinden, daß in die starke Position der Buchenhofleute eine Bresche geschlagen worden sei durch eigene Schuld.

Das wußte auch Mathias.

Einmal war er selbst es gewesen, der den Frieden gepredigt hatte, damals, als die tote Frau noch auf der Bahre lag, als er die Kinder übernahm und einen Weg für sie nach der Heimat suchte. Da erkannte sein kluger Sinn allein im Frieden mit den Leuten das Heil.

Wie eine stolze, halbzerstörte Festung kam ihm der Buchenhof damals vor, ein gar schwacher Platz, der nicht zu halten war, wenn ihn die Gegner unten im Tal mit zäher Feindseligkeit belagerten und ihn qualvoll aushungerten an Liebe und Freude.

Ein Tag mußte kommen, an dem sich die Burgleute ergaben auf Gnade und Ungnade, um in die Verbannung zu ziehen.

Deshalb wollte sich Mathias vergleichen. Aber als er einen Weg hinüber suchte, mit der weißen Fahne in der Hand, wurde er heimtückisch angefallen, er und Heinrich, und auch nach der lieben Toten warfen sie ihre schmutzigen Geschosse.

Da wußte Mathias nichts mehr von Frieden, da kam der Groll, der Trotz, und er baute den Buchenhof neu, stark, unantastbar, wie er meinte.

So war es gut gegangen all die Jahre. Gut?

Hatten sie nicht alle quälenden Hunger gelitten nach Liebe, nach Freundlichkeit, nach menschlicher Gemeinschaft?

Eine Festung ist keine Heimat. Heimat braucht offene Tore, breite, freie Straßen, an denen keine Fangeisen liegen und an denen keine Warnungstafeln stehen, sondern freundliche Wegweiser.

Jetzt also ging der junge Herr ins feindliche Lager. Er ging nicht, Verrat zu üben, er ging nur, Vertrauen zu zeigen und nach und nach Vertrauen zu gewinnen.

War er nicht zu loben?

Aber eine quälende Unruhe war in Mathias, der junge Herr vom Buchenhofe werde da drüben verunglücken.

Der Unfriede war auf den Buchenhof gekommen aus winzigem Anlaß. Auch der Schaffer war finster und sprach kein Wort. Er zürnte schwer mit Lene, und es war anzunehmen, daß er den schlimmen Streich, den sie seinem Sohne gespielt, nie mehr im Leben vergessen würde.

Hannes betrug sich ganz ungebärdig. Zunächst beschloß er, einen Tag »blau« zu machen. Ferner nahm er sich vor, am anderen Tage in den Buchenkretscham zu gehen und ein Säuferleben anzufangen, der Lene zum Trotz. Da er sich aber schließlich schämte, das Lokal wieder zu betreten, in dem er eine so wenig rühmliche Rolle gespielt hatte, ging er nach dem Nachbarort, trank in einem Gasthause drei Glas Bier und kam auch wirklich schwer betrunken nach Hause.

In der Nacht war er sehr krank, und sein stämmiger Vater betrachtete mit besorgten Blicken den Sohn, von dem er annahm, daß er nun dicht am Abgrunde des körperlichen und seelischen Verderbens stehe.

Am anderen Morgen glaubte Hannes selbst, seine allmähliche Auflösung sei nahe. Die Krankheit in ihren wilden Erscheinungen war zwar vorüber, dafür hatte sich aber ein Zustand eingestellt, der ihn befürchten ließ, daß seine Kräfte sich langsam vollends abschwächen würden.

Um so freudiger überrascht war er, als er gegen Mittag Hunger bekam und sich nach der Mahlzeit wieder recht leidlich fühlte. Also beschloß er, sich langsam wieder ans Leben zu gewöhnen und auch das Arbeiten wieder aufzunehmen.

Eine Woche lang schmollte er mit Lene, dann hielt er es nicht länger aus und sagte zu dem Mädchen: »Lene, das is auf die Dauer zu tumm. Reden wir lieber wieder!«

Die Lene lachte und sprach auch wieder mit dem Hannes, aber sie dachte bei sich selbst: »Er ist kein rechter Mann. Das durfte er sich nicht gefallen lassen. Er hätte mich müssen laufen lassen; so ist er ein Trottel.«

Und der gute Hannes pfiff derweil vergnügt und hatte gar keine Ahnung, daß er ein Trottel war. Er kannte das Leben nicht, er kannte das Bier nicht, er kannte das Weib nicht. Er war ein harmloser, lustiger Bursche, dem es sicher noch einmal sehr schlecht gehen mußte, ehe er dieses gutmütige, dumme Pfeifen sein lassen würde.

Es war an einem sommerheißen Maitag, kaum eine Woche später. Heinrich war nach der Stadt gefahren, um etliches zu besorgen. Nun war er auf dem Heimwege. Ganz allein saß er auf der kleinen Droschke und ließ das Pferd gemächlich seines Weges ziehen. Dabei konnte er ungestört seinen Gedanken nachhängen.

Daran dachte er, daß der junge Riedel sich um die Lotte bewarb. Und obwohl sich der Buchenbauer alle zwei Minuten sagte, daß ihn die Sache nichts angehe, gab er sich doch immer wieder Mühe, mit hundert Gründen und Einwendungen das Unsinnige einer solchen Verbindung zu beweisen. Und er redete sich selber in großen Zorn.

So kam es, daß er heftig erschrak, als er plötzlich die Lotte kaum dreihundert Schritte weit vor sich auf der Straße gehen sah. Sie war offenbar auch in der Stadt gewesen. In der Hand trug sie ein kleines Paket.

Dem Buchenbauer wackelten die Zügel in der Hand, und er wußte nicht, ob dieses Zusammentreffen ein Glück oder ein großes Unglück sei.

Was sollte er tun? Was sollte er nur tun?

Sie auffordern, mitzufahren, sie und er ganz allein – sie, die Schräger Lotte, und er, ein Raschdorf? Seine Leute, was würden die sagen? Das kam doch heraus, das ging doch nicht zu verheimlichen. Der Mathias, die Lene – alle – was würden sie sagen?

Heinrich zupfte an der Leine, und das Pferd schlich langsam im Tritt. Es war ein bequemes Rößlein, das seinerseits sich gegen ein vorsichtiges, abwartendes Tempo nicht sträubte.

Aber trotzdem – in wenigen Minuten mußte er sie eingeholt haben! Was dann? Sollte er an ihr vorüberfahren? Sie laufen lassen in diesem Staub und in dieser Hitze? Sie, die ihm einstmals den schweren Koffer getragen hatte? Und ganz abgesehen davon – vorüberfahren, unhöflich sein, grob – das ging nicht, das ging nicht!

Kurz entschlossen rückte sich Heinrich stramm auf und hieb auf das Pferd ein. Und in kaum zwei Minuten war er an Lottes Seite.

»Guten Tag, Fräulein! Darf ich Sie auffordern, mit mir zu fahren?«

Sie schaute zu ihm auf. Ihr Gesicht glühte von der Anstrengung des Laufens, und sie zitterte ein wenig, als sie sagte:

»Ich – ich danke, Herr Raschdorf – ich werde jetzt gleich den Feldweg gehen. Es ist ja nur eine halbe Stunde nach Hause. Ich danke!«

»So schlagen Sie mir's ab?«

»Ich – ich möchte Ihnen keine Ungelegenheiten bereiten, Herr Raschdorf!«

»Ungelegenheiten? Wieso?«

»Ja! Sie wissen ja – es ist um die Ihrigen – es war mir so furchtbar peinlich, als ich sah, daß Sie hinter mir –«

Da sprang er auf die Straße.

»Lotte, Sie müssen mit mir fahren, jawohl, Sie müssen! Sie kränken mich, wenn Sie mir's abschlagen. Wir haben doch nichts gegeneinander – nichts – nichts – rein gar nichts!«

Sie schaute ihn mit ihren großen, dunkelgrauen Augen eine Sekunde an.

»Nein, wir haben wohl nichts, aber es ist besser, ich danke, Herr Raschdorf, ich bin ja in einer halben Stunde zu Hause.«

»Lotte!«

Er ergriff sie an der Hand.

»Lotte – Fräulein Lotte, wissen Sie noch – damals vor acht Jahren, als ich heimkam, auf diesem selben Wege, als wir den Koffer miteinander trugen, wissen Sie noch?«

»Ja, aber da waren wir Kinder – jetzt – es ist schon besser, wenn ich zu Fuß gehe.«

Er ließ ihre Hand los. Tonlos sagte er:

»Ja, vielleicht ist's besser; vielleicht wär's eine Schande für Sie, wenn Sie mit mir führen.«

»Heinrich Raschdorf!«

»Was sehen Sie mich so an? Es ist doch so! Von dem Raschdorf Heinrich mag kein Mensch im Dorfe was, keineGefälligkeit, keinen kleinen Dienst, keine Freundlichkeit; der ist ja ausgestoßen.«

»Herr Raschdorf! Sagen Sie nicht so was! Ich fahre mit!«

»Lotte, das will ich Ihnen danken!«

Er half ihr auf den Wagen und stieg nach. Zitternd ergriff er die Zügel wieder. Es war nur ein Sitz da. So saßen Sie dicht nebeneinander. Minutenlang fuhren sie die Straße entlang, ohne daß eines ein Wort gefunden hätte. Und die Maisonne lachte, und das Rößlein ging so wonnig sachte.

So war dem jungen Buchenbauer noch niemals im Leben zu mute gewesen. Das Herz war ihm übervoll, und doch fand er kein armseliges Wörtlein. Endlich raffte er sich auf:

»Sie müssen mir noch sagen, Fräulein Lotte, ob Sie mir wegen des Straußes böse gewesen sind!«

»Ach, ich habe mich damals wohl sehr geärgert. Aber ich weiß ja jetzt, daß Sie ihn nicht weggeworfen haben!«

»Nein, wirklich nicht, ich wollte, ich besäße ihn noch jetzt.«

»Den armseligen Kinderstrauß?«

»Ja, denn damals war doch noch eine bessere Zeit. Da war ich noch nicht gar so einsam.«

»Fühlen Sie sich einsam?« fragte sie leise.

»O, Lotte, Sie wissen gar nicht, Sie können gar nicht glauben, was das heißt: so leben wie ich.«

»Sie haben eine Schwester und gute Freunde.«

»Ja, das weiß ich, das schätze ich auch, aber das langt nicht, das langt nicht auf so viele lange Jahre. Ein bißchenVertrauen, ein bißchen Freundlichkeit von den Leuten, sehen Sie, das fehlt mir.«

Sie schwieg.

Er sah sie schmerzlich an. Dann sprach er leidenschaftlich:

»Und doch schwör' ich Ihnen, Lotte: Ich war unschuldig an dem Unglück, und mein toter Vater auch!«

Sie war tief erschüttert. Leise sprach sie:

»Das weiß ich, das hab' ich auch immer geglaubt.«

»Lotte, das ist gut von Ihnen!«

Er preßte ihre Hand. Ein Weilchen hielt er sie so fest, dann erschrak er und gab sie frei.

Einige Minuten fuhren sie wieder schweigend dahin, dann sagte Lotte leise:

»Und wie denken Sie, daß mir's geht?«

Er suchte nach einer Antwort. Der trunksüchtige Vater fiel ihm ein, der idiotische Bruder, und ihre ganze trostlose Verlassenheit kam ihm zum Bewußtsein.

»Ja, ich weiß wohl, ich ahne es, es tut mir leid, Lotte, aber die Leute im Dorfe, die achten und ehren Sie doch.«

»Die Leute im Dorfe! Wenn ich eine rechte Heimat hätte, brauchte ich keine Leute aus dem Dorfe. Ich will sie nicht.«

Der Widerspruch zwischen ihr und ihm selbst fiel ihm auf.

»Lotte, ich glaube, wir sind beide nicht glücklich. Wir haben beide ein Haus, in dem wir wohnen, und haben doch beide keine Heimat.«

Sie sah zu ihm auf. Ähnliche Gedanken hatte sie schon oft gehabt; nur diese klare Form hatte sie ihnen nicht geben können.

»Ja,« sagte sie, »Sie haben recht!«

Dann sprachen sie von der Kinderzeit, von jenen goldenen Tagen, als sie noch glücklich waren, als sie beide noch eine Heimat hatten.

Darüber vergaßen sie ihren Kummer, und manchmal schauten sie sich heimlich und schnell in die Augen – so, wie man ein altes, heimgekehrtes Glück herzklopfend betrachtet. Und sie waren beide rot im Gesicht, und tief in den Augen strahlte es wie eine ganz leise Erlösungshoffnung.

Die Straße führte durch den Wald. Da schwiegen sie wieder.

Über den Schattenweg huschten einzelne goldene Lichter, und fern sang ein Brünnlein durch die Mittagsstille.

Ganz langsam fuhr das Gefährt die weiche Straße entlang, und die beiden jungen Menschenkinder schauten hinab nach dem blühenden Wegrande. Dort, wo die Maiglöckchen blühten, hielt er an, sprang hinab, pflückte drei Stengel und reichte sie ihr.

»Wir haben keine Feindschaft, Lotte!« sagte er bewegt.

»Nein – nein, Heinrich!«

Und dann wieder weiter, den grünen Frühlingswald entlang, der still in blühender Freundlichkeit die beiden anschaute aus märchentiefen Augen. Zwei bunte, seltsame Schmetterlinge gaukelten vor ihnen her; denen schauten sie nach mit träumenden Augen, und ihre Hände lagen dicht beieinander und berührten sich leise.

Da war ihnen wohl. Sie waren zu Hause. Auf diesem kleinen Wagen war die Heimat.

Als sie aber hinaus ins Lichte kamen und die Buchenhöfe sahen, fröstelten sie vor dem grellen, heißen Sonnenlicht. Da wußten sie, daß sie dort beide wieder in der Fremde sein würden.

Er faßte wieder ihre Hand.

»Lotte, wenn wir uns manchmal – nur manchmal sprechen könnten, das wär' ein Glück!«

»Es ist ja nicht möglich!«

»Es muß möglich sein, Lotte! Wir wollen Freunde sein!«

»Hallo! Hallo! Hallo!«

Der Idiot sprang aus dem Walde. Er hatte eine riesige Tüte in der Hand, ganz gefüllt mit Maikäfern.

Die beiden erschraken, und auch der Idiot blieb erstaunt stehen. Er sperrte den Mund auf.

»Und – und – und einen Hund,« grunzte er überrascht, das einzige, was ihm immer einfiel, wenn er jemanden vom Buchenhofe sah.

»Mein Bruder! O Gott, mein Bruder!«

Auch Heinrich war peinlich überrascht.

»Die Lotte und der – und der – und einen Hund, einen großen Hund!« krähte der Idiot.

»Lassen Sie mich absteigen, Herr Raschdorf – ich muß mit ihm reden.«

Heinrich Raschdorf hielt an. »Bleiben Sie, Lotte! – Gustav, Gustav, komm einmal her!«

»Schön tumm! Du schmeißt mich ins Feuer. Du sperrst mich ein. Und einen gro–o–ßen Hund!«

»Ich will hinab, Herr Raschdorf – ich muß zu ihm, adieu – Sie wissen nicht –«

»Wann sehen wir uns, Lotte?«

»Ich weiß nicht! Lassen Sie meine Hand los, ich will absteigen.«

Der Idiot war inzwischen tückisch herangeschlichen und schleuderte urplötzlich dem Pferde die Tüte mit den Maikäfern an den Kopf. Das Pferd fuhr auf, rückte an und raste davon, während Lotte, die im Absteigen begriffen war, mit einem Aufschrei auf die Straße stürzte.

Mit verzweifelter Kraft brachte Heinrich das zitternde Tier zum Stehen und lief den Weg zurück.

Da lag Lotte Schräger auf der Straße. Das Hinterrad war ihr über den linken Fuß gegangen.

»Lotte, um Gottes willen, was ist geschehen?«

»Mein Fuß – mein Fuß – überfahren – ach, mir wird schwindelig –«

»Lotte, geliebte Lotte!«

Er tastete nach ihrem Fuße; aus dem niederen Schuh quoll das Blut. Da raffte er das Mädchen auf und trug es nach dem Wagen.

Der Idiot stand mit entsetztem Gesichte da und schrie:

»Es blutet! Es blutet!«

Und er verkroch sich im Walde.

Vorsichtig hob Heinrich die Verwundete auf den Wagen. Ein Frösteln ging durch seine Seele.

An derselben Stelle hatte vor Jahren Mathias Berger seinen sterbenden Vater auf seinen kleinen Schlitten geladen. Und nun ging es wie damals behutsam die Anhöhe hinab den Buchenhöfen zu.

»Heinrich!«

Sie klammerte sich fest an ihn.

»Lotte, Lotte! Geliebte Lotte!«

Sie war ohnmächtig.

Er bettete sie an seine Brust und schlang den rechten Arm um sie. Mit der linken Hand hielt er die Zügel.

So bleich und so schön war sie, und sie atmete schwer, aber doch nicht schwerer als der junge Buchenbauer. Er betrachtete immer ihr süßes, bleiches Gesicht. Und einmal bückte er sich hastig scheu über sie und küßte sie auf den Mund. Ein Seligkeitsschauer glühte ihm durch den Körper. –

Als sie in die Nähe des Buchenhofes kamen, gingen zwei durch den Garten – Mathias und Liese.

Sie hielten Ausschau. Und nun gewahrten sie ihn. Die Hände legten sie über die Augen, um besser sehen zu können. So standen sie regungslos wie Bildsäulen.

Aber plötzlich kam Leben in die beiden Leute. Sie sprachen erregt miteinander, zeigten nach ihm, und auf einmal wandte sich die Liese um und lief ins Haus.

Mathias Berger aber ging langsam nach dem nächsten Baume und lehnte sich an.

Heinrich hatte das alles wohl gesehen, aber es war ihm so, als ob es ihn nichts anginge. Er nickte nur grüßend und fuhr vorbei, hinüber zum Kretscham.

Zwei Mägde und die alte Wirtschafterin sahen durchs Küchenfenster und kamen schreiend herausgelaufen. Heinrich unterrichtete sie kurz und übergab ihnen Lotte. Dann fragte er nach Schräger.

Der saß in der Gaststube und schlief. Er hatte sich am Vormittag schon wieder betrunken.

Heinrich rüttelte den Schlafenden. Der öffnete die Augen, sah den jungen Raschdorf und grunzte auf.

»Erschrecken Sie nicht, Herr Schräger, es ist ein Unglück passiert. Fräulein Lotte ist ein Stück mit mir gefahren, und als sie absteigen wollte, hat der Gustav das Pferd scheu gemacht. Da ist sie gefallen, und der Fuß ist ihr überfahren worden.«

Schräger starrte ihn verständnislos an.

»Herr Schräger, es muß augenblicklich jemand nach dem Arzt fahren!«

»Nach – nach dem – dem Arzte fahren?«

Heinrich sah, daß der Mann betrunken war.

»Ja, es ist keine Zeit zu verlieren! Hören Sie, Herr Schräger, ich werde selbst den Arzt holen. Hören Sie?«

»Ja – ja – den – Doktor –«

Heinrich war schon draußen. Der Wirtschafterin schärfte er ein, den Schuh und den Strumpf vorsichtig abzuziehen und den Fuß immerfort mit kaltem Wasser zu kühlen. Er fahre nach dem Arzt.

Dann sprang er auf die Droschke und fuhr nach dem Buchenhof. Auf den Stufen vor der Haustür standen Hannes und Lene. Mathias und Liese waren nicht zu sehen.

»Hannes, schnell die beiden Rappen einspannen! Ich fahr' nach dem Arzt. Fräulein Schräger ist verunglückt.«

Hannes und Lene sahen ihn wortlos an.

»So steht doch nicht so blöde da! Sie ist ein Stück mit mir gefahren, und als sie absteigen wollte, ist sie gefallen, und der Fuß ist ihr überfahren.«

»Sie haben ja selber Fuhrwerk drüben,« sagte Hannes.

»Ja, aber das dauert alles zu lange; ich fahre, das ist doch Christenpflicht.«

Lene lachte laut und spöttisch auf.

»Christenpflicht!«

»Hannes, willst Du helfen oder nicht?«

»Wehe Dir, Hannes, wenn Du eine Hand rührst!«

»Hannes, bin ich der Herr oder die? Und läßt Du Dich von einem Weibe kommandieren?«

Hannes war in schwerer Verlegenheit. Aber schließlich sagte er: »Es ist ja Mumpitz, aber helfen tu ich!«

Lene warf ihm einen verächtlichen Blick zu und ging ins Haus. Wenige Minuten später sauste das Gefährt Heinrichs nach der Stadt.

In ganz verhältnismäßig kurzer Zeit brachte er den Arzt.

Unten im Hausflur stand er und wartete auf Nachricht. Die Wirtschafterin kam.

Der Fuß wäre gebrochen, aber es sei keine Gefahr. Bei guter Pflege würde alles recht schön heilen.

»Werden Sie das Fräulein auch gut pflegen, Stenzeln?«

Die Alte sah den jungen Mann freundlich an und versprach ihr Bestes. Er gab ihr ein Geldstück.

»Hier, nehmen Sie das! Sagen Sie aber keinem Menschen davon! Und grüßen Sie das Fräulein! Sie soll nicht böse sein auf mich. Mir tut das Unglück sehr leid. Und, Stenzeln, alle Abende um neun Uhr kommen Sie mal an die Haustür. Ich will Sie fragen, wie's geht!«


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