Kapitel 12
Durch die Mainacht ging der Mond.
Drunten im Dorfe schlug es Mitternacht. Da hatten die Buchenhofleute den Frieden des Schlafes noch nicht gefunden. Und doch war ein jeder in seiner Kammer seit langen Stunden.
Droben im ersten Stock lehnte der junge Buchenbauer am Fenster und schaute hinüber nach der Giebelstube des Kretschams.
Ein Licht schimmerte durch die Nacht herüber.
Dort war sie!
Der junge Träumer schloß die Augen.
Da sah er ein Meer und in dem Meer ein fernes Eiland. Von diesem Eiland schien das Licht wie ein winkendes Leuchtturmfeuer, das den Weg zeigt zu einem heimatlichen Hafen.
Aber wenn Heinrich Raschdorf die Augen öffnete, sah er die Dorfstraße. Die lag zwischen ihm und ihr wie ein unüberbrückbarer Abgrund. Er riß das Fenster auf. Schwerer Duft traf ihn, das Silberlicht gaukelte vor seinen Augen, und ein Vogel in der Nähe sang ein wonniges Lied.
Da schlug die Liebe in das junge Blut, und all ihr taumelndes, berauschendes Glück kam über den Einsamen. Eine heiße Röte flammte über Heinrichs Gesicht, und ein Vorsatz formte sich in seinem Herzen, sein Glück zu suchen. Und immer wieder ging er die wenigen Minuten im Geiste durch, die er mit ihr verlebt hatte, brachte sich alles in Erinnerung, was sie gesprochen, und war ganz außer sich vor lauter Aufregung, Liebe und Mitleid.
Da klopfte es an die Tür.
Heinrich lauschte, aber er rührte sich nicht.
Abermaliges Klopfen.
Nun ging er und öffnete.
Seine Schwester Lene stand draußen, völlig angekleidet. Das Erstaunen Heinrichs war groß; die Schwester hatte mit ihm seit dem Tage, da er im Buchenkretscham zur Steuer war, nicht mehr gesprochen.
»Du bist es, Lene? Was willst Du?«
»Mit Dir reden! Ich sah, daß Du noch wachst.«
»Komm herein!«
Er schloß die Tür hinter ihr. Sie schaute sich um und bemerkte alsbald das offenstehende Fenster und das Licht drüben über der Straße.
Sie sah ihn scharf an, und er konnte nicht hindern, daß er errötete. Er mußte an den Vater denken, wie sie so stolz und kalt vor ihm stand.
»Willst Du sie heiraten?« fragte sie unvermittelt. Ihre Stimme klang heiser.
»Heiraten? Wen?«
»Wen?«
Sie lachte scharf und kurz, trat ans Fenster und schloß es. Da überkam ihn der Trotz wieder.
»Lene, ich will Dir was sagen: so lasse ich mich nicht behandeln. Verstehst Du? Was ich tue oder lasse, ist schließlich meine Sache.«
»Nein!« Das sagte sie laut und heftig. »Es ist nicht Deine Sache, es geht uns alle an! Wir haben alle für Dich gearbeitet. Was Du hast, hast Du von uns!«
»Von Euch! Das weiß ich. Du kommst also, um mir zu sagen, was ich Euch alles schuldig bin, kommst, um mir das vorzurechnen?«
Ihr war jede Sentimentalität fremd.
»Ja, deswegen komm ich! Du bist uns genug schuldig, das Meiste! Beinah alles! Und ich red' nicht von mir, aber vom Mathias red' ich.«
»Vom Mathias? Was schadet es denn, wenn ich – wenn ich –«
»Wenn Du zum Schräger laufst? Hinter der Lotte her bist? Es ist wahr! Es wird sich hübsch machen, wenn Du mit der Lotte zur Trauung gehn wirst.«
»Sei still, Lene! Das geht Dich nichts an, solches Gerede leid' ich nicht!«
Sie ließ sich nicht stören.
»Ja, und der besoffene Schräger wird als Schwiegervater hinterher geh'n.«
»Lene, ich werf' Dich raus!«
»Erst red' ich! Es wird hübsch sein, wenn Ihr bei Vaters Grab vorbeigehn werdet, den die Bande auf 'm Gewissen hat, und – und der Mathias wird auch zusehn müssen,den sie ins Gefängnis gebracht haben. Sehr hübsch wird's sein! Du bist ein Staatskerl, Heinrich!«
»Hör' auf, Lene! Du machst mich verrückt!«
Er setzte sich auf einen Stuhl. Sie sagte nichts, lehnte sich an die Wand und sah ihn streng, ja haßerfüllt an. Ihn aber hatte sie mit dem einzigen Hinweis auf den Vater geschlagen. Da begann er endlich: »Es ist nichts erwiesen!«
»Daß der Vater tot is, das is erwiesen!«
Darauf wußte er nichts zu entgegnen. Endlich sagte er: »Der Vater ist verunglückt.«
»Nein!«
Dieses »Nein« klang furchtbar in der Stille der Nacht. Heinrich traf es wie ein Schlag, und er fröstelte in sich zusammen. Er hatte nie dieser schrecklichen Frage gegenüberstehen können, ohne eine versöhnliche Antwort mit aller Macht zu erzwingen. Dieses herbe Mädchen gab die Antwort. Er sah sie scheu an.
»Wie kannst Du – wie kannst Du das nur sagen, Lene? Vom Vater?«
Auf einen Augenblick kämpfte sie mit Tränen. Dann kam der Groll wieder über sie.
»Vaters Tod ist ganz klar. Und der Schräger hat's gewollt. Der hat unseren Vater ums Geld gebracht, dann hat er falsch geschworen, und zuletzt hat er das Geld gekündigt. Da wußt' sich der Vater keinen Rat mehr. Und jetzt – jetzt laufst Du hin – der einzige Sohn –«
Es war aus mit ihrer Fassung. Sie sank auf einen Stuhl, bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und fing leidenschaftlich an zu weinen.
Er saß ihr in zusammengesunkener Stellung und mit unbewegtem Gesicht gegenüber. Endlich sagte er tonlos: »Hör' auf zu weinen, Lene. Es ist ja nichts geschehen. Ich will nicht leugnen, daß ich der Lotte gut bin – lange schon, länger, als ich's selber weiß, aber das – das wird sich ja überwinden lassen – weil es muß – weil es muß –«
Er stand auf und wandte sich ab. Da war sie plötzlich hinter ihm, umschlang seinen Hals und küßte heiß seine Wange.
»Heinrich, weißte denn gar nichts – gar nichts von der Liese?«
»Wie? Was? Was soll ich von der Liese wissen?«
»Daß sie Dir – daß sie Dir so unendlich gut is, Heinrich!«
Er fuhr herum. »Mir? Die Liese? Mir gut? Lene!«
»Und der Mathias hat immer drauf gehofft.«
Er sah sie erstaunt an. Eine grelle, wehe Erkenntnis kam ihm. »O Lene, das – das hätt' ich nicht gedacht!«
Schwer setzte er sich wieder auf den Stuhl.
Sie legte den Arm auf seine Schulter.
»Du mußt nicht denken, Heinrich, daß der Mathias alles bloß deswegen gemacht hat. Das wär' schlecht, so was von ihm zu denken. Aber ich weiß, daß a drauf gehofft hat. Und nu – Heinrich, es hat mir das Herz umgedreht, wie a heute rumgegangen is, so weiß im Gesichte, und a wollt' nichts zeigen, und a wollt' immer mit der Liese lustig sein – das war zum Erbarmen –«
Er starrte sie an, schüttelte sich und schloß die Augen.
»Lene, das – das könnt Ihr nicht von mir verlangen.«
Sie sah wehmütig vor sich hin.
»Das verlangen wir ja nicht, aber das andere, Heinrich, das darfste uns nich antun.«
Es entstand eine lange Pause.
Draußen sang immer noch der kleine Vogel sein süßes Lied. Und über der Straße schimmerte das warme Licht.
Das Mädchen war verändert. Mit scheuer Zärtlichkeit ergriff sie die Hand des Bruders.
»Heinrich, fällt Dir's so schwer?«
Er antwortete heiser:
»Ich weiß es erst jetzt – jetzt, da ich sie nicht haben darf, wie lieb ich sie hab', wie unsinnig lieb!«
Und nach einer Weile schluchzte er auf:
»Lene, wir haben ein schreckliches Leben!«
Ihr Gesicht verzog sich.
»Ich weiß ja, ich bin häßlich zu Dir und zu allen Leuten, ich ärgere Euch alle – alle, aber ich kann nicht dafür.«
Er antwortete nicht.
»Aber ich mein's auch gut, bloß ich kann's nicht so zeigen, ich bin ein so schrecklich grobes, dummes Ding. Und mich kann niemand leiden!«
Sie fing wieder leidenschaftlich an zu weinen. Trotz seines eigenen Leides fühlte er, daß auch die Schwester einsam und glücklos sei.
»Lene,« sagte er, »wir wollen versuchen, daß wir uns jetzt besser vertragen. Ich weiß schon, was ich Euch schuldig bin. Ich werd' mir Mühe geben, Lene, in jeder Weise Mühe geben!«
Und drüben über der Straße?
Die alte Stenzeln war eingeschlafen bei der Krankenwache. Jetzt schreckte sie empor.
»Ach Gott, ich bin wohl – ich bin wohl eingeschlafen? Fehlt was, Lotte?«
Das schöne Mädchen schüttelte den Kopf.
»Ich bin ganz zufrieden.«
Auch sie hörte den kleinen Vogel, der draußen sang. Und auch sie dachte daran, wie sie mit Heinrich durch den Wald gefahren war. Wie sie da beide so still und glückselig waren. Die Maiglöckchen, die er ihr gepflückt, standen in einer kleinen Vase am Bette. Sie waren ihr teuer. Und sie freute sich, daß sie bei dem Sturze vom Wagen nur ihre goldene Brosche verloren hatte, nicht diese drei Blumenstengel.
»Wie kam es denn, Stenzeln, daß Herr Raschdorf nach dem Arzte gefahren ist und nicht jemand von uns?«
»I du meine Güte, das hätt' lange gedauert! Na, Du weißt ja, Lotte! Aber der junge Herr drüben is gefahren wie a Toller.«
Lotte lächelte.
»Weiß er schon, daß ich den Fuß gebrochen habe?«
»Freilich, freilich! A hat ja unten im Hause gewartet, bis ich ihm alles gesagt hab'. Na, und a läßt Dich schön grüßen, und es tät ihm schrecklich leid!«
Lotte lächelte wieder.
»Ja, Stenzeln, das glaub' ich, daß es ihm leid tut; er ist ein sehr guter Mensch.«
Die Stenzeln nickte und dröselte ein Weilchen für sich hin. Dann hustete sie und sagte: »Na, eigentlich soll ich's janich sagen, aber Du wirst ja nischt verraten – da sieh mal!«
Sie zeigte ein Fünfmarkstück und mäßigte ihre Stimme zu einem Flüstern: »Das hat a mir geschenkt, der junge Raschdorf, und ich soll Dich nur gut pflegen, hat a gesagt –«
Eine tiefe Röte zog über das Gesicht der Kranken, und ein glückliches Leuchten brach aus ihren Augen.
»Ja, und jeden Abend um neune will a mich unten an der Haustür fragen kommen, wie's Dir geht.«
»Hat er das gesagt?«
»Freilich hat a! A hat 'ne schreckliche Bangigkeet um Dich.«
Die Stenzeln seufzte.
»Schade is! Schade, daß a nu grade der Raschdorf is. Sonst is a wirklich a sehr schmucker Mensch.«
Lotte antwortete nicht; nur die Hand irrte auf dem Deckbett hin und her, und auf ihren Wangen brannte die Röte.
»Ja, und gewundert hab' ich mich, daß Dein Vater weiter nischt gesagt hat. Na, aber bei dem kommt's vielleichte noch. O, das wird a Aufsehen sein im Dorfe! Da werden sie ja wieder was zusammenquatschen. Is doch aber nischt dabei. Denn an was anderes is ja hier gar nich zu denken.«
Lotte lag ganz still. Ihre Augen wurden ernst und traurig.
»An etwas anderes ist ja hier gar nicht zu denken!«
Eine heiße, qualvolle Unruhe kam, die mehr weh tat als die Schmerzen des kranken Fußes.
Das junge Mädchen starrte vor sich hin. Da – mitten durch ihr Herzeleid schimmerte es immer wieder duftig und silbern –
Ein paar Blumen! Ein glänzendes Geldstück!