Kapitel 15
Frühling und Sommer waren vergangen, der Herbst stand vor der Tür. Es war eine arbeitsreiche Zeit gewesen. Die Buchenhofleute waren noch viel stiller geworden als sonst, und sie gingen alle nebeneinander her wie Fremde.
Die Liese war vom Buchenhof weggezogen und wohnte unten im Dorf bei ihrer Tante. Und an einem trüben Herbsttag hatte auch Hannes Abschied genommen. Mit seinem kleinen Handkoffer war er in die Wohnstube getreten.
»Ich – ich komme bloß noch Adieu sagen. Es is Zeit auf die Bahn.«
Heinrich reichte ihm mit Herzlichkeit die Hand.
»Leb' gesund, Hannes! Laß Dir's gut gehen bei den Soldaten! Und hab' viel tausend Dank für alles!«
Hannes wandte sich ab.
»Ich – ich dank' auch für alles!«
»Du wirst uns fehlen, Hannes. Mir am meisten! Aber wenn die zwei Jahre um sind, kommst Du wieder zu uns.«
Hannes stand mit gesenktem Haupte da. Er sagte nicht ja noch nein. Er wollte sich beherrschen, aber der Atem ging ihm schwer, und er zitterte leise.
»Wenn Dir was fehlt, schreibst Du! Du darfst keine Not leiden. Hörst Du, Hannes?«
Der sagte kein Wort und stand nur mit bleichem Gesichte da und zerdrückte den Hut zwischen seinen Fingern.
»Hast Du mir noch was zu sagen, Hannes?«
»Nein! – Ich muß gehen! – Es – es ist Zeit. Adieu, Heinrich!«
»Lebe wohl, lieber Hannes!«
Er drehte sich um. Auf der Ofenbank saß die Lene und schälte Kartoffeln.
»Adieu, Lene!«
Das Mädchen wischte sich an der Schürze die Hand ab und reichte sie ihm hin.
»Leb' gesund, Hannes!«
Sie schaute nicht auf. So ging er aus der Stube, und Heinrich begleitete ihn bis in den Hof. Dort saß der alte Schaffer als Kutscher auf dem kleinen Korbwagen und tat ganz gleichgültig, hatte aber doch einen dunkelroten Kopf.
Bald darauf zogen die Pferde an. Ade, alte Heimat!
Es war eine »Mission« im Dorfe abgehalten worden. Ein paar fremde, tüchtige Geistliche hatten täglich mehrere Predigten abgehalten, und die Leute waren scharenweise zur Kirche gegangen.
Ein alter Franziskanermönch hatte auch gesprochen über den »Beruf« und also geschlossen:
»Gott hat einem jeden Menschen seinen Beruf ins Herz gelegt. Ihr aber, wenn Ihr seine Stimme höret, verhärtet Eure Herzen nicht!«
Danach war es zwischen Liese und ihrem Vater zu einer letzten Aussprache gekommen.
Mathias hatte unter allen in den letzten Monaten am meisten gelitten. Ihm war die Veränderung wohl aufgefallen, die mit Heinrich vorgegangen war. Er hatte gesehen, wie der junge Mann mit sich rang; wie er niemals wieder das Haus Schrägers betrat und dafür immer die Gesellschaft der Liese suchte. Er war so freundlich mit ihr in allen Dingen, und der kluge Mathias wußte wohl, daß Heinrich einen Weg, eine Möglichkeit suchte, daß er sich selbst bezwingen wollte, um schließlich, wenn er ein wärmeres Gefühl für die Liese hätte, doch noch den Herzenswunsch des Mathias zu erfüllen.
Und da hatte unverhofft eines Tages die Liese ihren Vater gebeten, daß sie vom Buchenhof weggehen und zur Tante hinunterziehen dürfe ins Dorf.
Mathias wußte, was das bedeutete, und er hatte sich gefügt. Er konnte dem stillen Mädchen nichts mehr versagen. Und ob das Kind all seine irdische Liebe bekämpft hatte und nun täglich in der Kirche kniete – die Frage quälte ihr zartes Gewissen: ob sie noch würdig sei, eine Dienerin Gottes zu werden.
Da kam ein recht stiller, schwermütiger Abend. Draußen auf der Dorfaue spielte der Wind mit welkem Laub, truges hin durch den Staub der Straße und senkte es drüben in den tiefen, schlummernden Teich.
Die Liese hatte lange hinausgesehen, auch nach den grauen Wolken, die am Himmel hingen. Dann wandte sie sich langsam um.
»Vater, ich will heut' zur Beicht', ich will fragen.«
Mathias sagte nichts. Er hatte darauf gewartet.
Er wandte sich ab und hörte kaum, was ihm die Liese noch einmal sagte von Beruf und Gnade, von Nächstenliebe und Herzensfrieden.
Zuletzt sagte er nur die Worte:
»Geh' in Gottes Namen!«
Dann ging er fort – in den Herbst hinaus, über die kahlen Felder bis in den gelben Wald. Aber wie er eine Weile gewandert war, faßte ihn eine furchtbare Bangigkeit und eine zehrende Sehnsucht nach seinem Kinde, und er kehrte um und ging dorthin, wo sie war.
Dunkel lag die Kirche. Das ewige Licht nur brannte rot und magisch vor dem Altar; hie und da flammte ein Lichtlein in den Bänken der Beter, und große Schatten huschten über die alten Bilder.
Mathias Berger kniete in eine Bank und durchlebte die schwersten Minuten seines Lebens.
Im Winkel dahinten im Beichtstuhl, bei dem Franziskaner, war seine Liese, und dort wurde entschieden über sie und über ihn.
Qualvoll langsam verging die Zeit. Sie war so lange, so lange! Freilich, ihre Frage war schwer.
Jetzt kam sie.
Er wandte sich um – sah sie an – fragend – bittend.
Sie lächelte leise und neigte bejahend das Haupt.
Dann kniete sie zu dem Bilde der schmerzhaften Madonna.
Mathias Berger legte das Gesicht auf seine Hände.
Und draußen klang die Abendglocke.
In der großen Wohnstube des Buchenhofes brannte die Petroleumlampe. Heinrich saß, wie fast immer an den Abenden, über einem Lehrbuch, und Lene nähte. Sonst war niemand da.
Da trat Mathias Berger ein. Lene erhob sich:
»Ich bring' Dir gleich das Essen, Mathias.«
»Laß, Lene, laß! Ich will nich essen.«
Sie sah ihn betroffen an.
»Was ist mit Dir, Mathias? Bist Du krank? Du bist ja kreideweiß im Gesichte.«
»Nein, ich bin nicht krank! Aber es – es ist was passiert, und ich muß mit Euch reden, mit Euch beiden.«
Die Geschwister schauten ihn fragend an. Mathias Berger setzte sich. Er sah sie an mit seinen guten, treuen Augen, weh und schmerzlich. – So würgte er hervor:
»Denkt amal: Meine – meine Liese geht ins Kloster!«
»Mathias!«
»Mathias!«
Sekundenlang war es still.
Mathias sprach weiter:
»Es geht ja schon lange drum, und ich hätt' auch schon was gesagt, aber es hat sich heute erst richtig entschieden.«
»Mathias, das – das ist ja nicht wahr, das kann ja nicht sein, das ist ja Unsinn, was Du sprichst.«
»Es ist wahr, Lene, es ist wirklich wahr!«
Heinrich hatte bis jetzt wie versteinert dagestanden. Nun sprach er gepreßt:
»Warum? Warum tut sie das?«
Mathias Berger schlug die Augen nieder.
»Sie sagt, sie hat Beruf dazu. Und das is ja wahr; sie war immer a frommes, guttes Kind, gar nich so für schöne Kleider und Vergnügen, und sie war auch immer gern bei Kranken, das is schon wahr!«
»Darum ist es?« fragte Heinrich. »Bloß einzig darum?«
Mathias antwortete nicht. Die Lene hatte die Schürze vor das Gesicht gepreßt. Wieder blieb es eine Weile still. Da schaute das Mädchen zornig und leidenschaftlich auf: »Nein, nich bloß deswegen! Sie is ihm gutt gewest – dem! Sie hat ihm alles zuliebe getan, immer freundlich, immer so freundlich, aber der hat nischt von ihr wissen woll'n. Tagelang, wochenlang hat a nich mit ihr gered't – und da – und da –«
Sie brach in einen Strom von Tränen aus. Und vor der leidenschaftlichen Anklage verstummte der, den sie anging, und auch der andere, der kein Wort der Entgegnung wußte.
Lene sprach weiter:
»Weißte, Mathias, was wir sind? Lumpe sind wir! Du – Du hätt'st uns damals sollen betteln gehen lassen – rausschmeißen lassen – verkommen – da – da wär's für Dich viel besser gewest! Jetzt haste a Dank!«
»So – so is das nich zu nehmen, Lene! Ihr seid immer freundlich und dankbar zu mir gewest – o ja! – Du mußt 'm Heinrich nich solche Vorwürfe machen; a kann doch nich dafür.«
»Wohl kann a dafür! A is a Mann! A kann durchsetzen, was a will! Und a hätt' a schmuckes, braves Weib gehabt an der Liese. Nein, a wollte nich! A gafft über die Gasse zu der Bande, auf die gezierte Gans.«
»Lene!«
Heinrich rief es, der bisher kein Wort zur Verteidigung gesagt hatte.
»Lene, das verbiet' ich Dir! Mir kannst Du antun, was Du willst, dem Mädel nichts – nichts! Ruhe biet' ich! Sie hat Dir nichts getan, mir nichts getan, uns allen nichts getan! Verdreh' die Augen, wie Du willst, vergreif' Dich meinetwegen an mir, wenn Du's wagst. Ich sag' Dir's geradezu ins Gesicht, auch dem Mathias: Ich kann nicht dafür, ich konnte die Liese nicht heiraten, weil wir beide unglücklich geworden wären.«
»Mensch, wagst Du das wirklich jetzt zu sagen, jetzt? Nein! Weil Du an der anderen hängst, an der – an der –«
»Ja, ich hab' sie lieb! Sehr lieb! Ich fürcht' mich nicht, das auch zu sagen. Ich hab' sie gern, und ich hab' genug gelernt, daß ich weiß, daß sich so was nicht ändern läßt. Aber ich hab' mir Mühe gegeben; ich hab' mit mir gekämpft, das weiß Gott! Es ist nicht gelungen.«
»Nich gelungen? Und das is alles? Und Du – Du sagst wenigstens nich jetzt – jetzt in der letzten Stunde noch,eh' es zu spät is, daß Du die Liese haben willst, daß Du sie dem Mathias erhalten willst?«
»Nein! Ich kann nicht! Was auch passiert – ich kann es nicht!«
»Dann bist Du ein ganz ehrloser Kerl!«
Sie wandte sich nach der Tür, aber Mathias hielt sie zurück.
»Lene, geh nich fort! Bleib hier! Du tust ihm unrecht, Lene! Wenn a auch wollte, es wär' zu spät. Die Liese will ihn nich mehr, schon lange nich mehr, Lene!«
Das erbitterte Mädchen antwortete dem Mathias nicht, sondern wandte sich wieder an Heinrich.
»A ehrloser Kerl! Ich sag's noch amal! Dem Manne, dem wir alles danken, ohne den wir verhungert, verlaust, verlumpt wären, sein Kind nehmen und dann sich großspurig hinstell'n und nischt anderes sagen, wie von der andern reden, kein einziges guttes Wort – pfui – mir würd' der Bissen Brot im Halse stecken bleiben, den ich hier noch äß'. Wir sind fertig mitsammen, wir zwei, für immer fertig!«
»Lene, aber Lene, hör' doch –«
»Mathias, laß mich! Mir graut! Mir graut vor dem da! Ich komm morgen noch amal zu Dir und der Liese runter in Euer Häusel, hier is Zeit, daß ich fortkomme!«
»Lene, wart' doch –«
Sie war hinaus. Heinrich ging auf Mathias zu und streckte ihm beide Hände hin.
»Mathias! Jetzt woll'n wir mitsammen reden, jetzt, da sie raus ist – sie ist ja toll – jetzt mußt Du mir sagen, Mathias, ob Du mich auch für einen ehrlosen Kerl hältst.«
Mathias schüttelte den Kopf.
»Nein, Heinrich! Ich weiß, Du kannst nich dafür.«
Heinrich zitterte vor Erregung.
»Mathias, das schwör' ich Dir: Ich kann keinen Mann mehr achten und keinem mehr dankbar sein als Dir, das ist ja selbstverständlich, und ich hab' die Liese gern gehabt und eine Verehrung für sie gehabt, wie gegen kein anderes Mädel – aber, Mathias, zum Heiraten gehört doch die richtige Liebe, und wenn ich – wenn ich so – nein, das ging nicht! Mathias, das ist wahr, ich hab' Tag für Tag mir eingeredet, ich kann die Liese heiraten, und manchmal da war mir's auch so, als ob es gehen würde, aber dann – wenn ich bloß die Lotte einmal zufällig von weitem sah – da – da – – Mathias, es wär' ja gar nicht darum, ob ich glücklich bin oder unglücklich; ich bin ja mein Leben lang wenig oder gar nicht glücklich gewesen, aber konnt' ich denn Dich und die Liese so betrügen, konnt' ich das? – Und daß sie fortgehen würde ins Kloster, das hab' ich ja nicht gewußt.«
Mathias Berger sah den aufs höchste erregten, jungen Mann ruhig an.
»Setz' Dich, Heinrich, setz' Dich zu mir! Wir wollen ruhig miteinander reden. Es is gutt, daß Du so ganz offen zu mir bist, und ich will Dir auch alles sagen. – Ja, ich hab' darauf gehofft. Wie das so gekommen ist, weiß ich nich. Ich hab' Dir schon gesagt, daß ich Deiner Mutter gutt gewesen bin, als ich jung war. Ich war a armer Kerl und konnt' sie nich haben. Ich weiß, Heinrich, was das heißt, ich weiß! Dann hab' ich doch eine andere geheirat't. Sie hat nur noch a Jahr gelebt; aber ich glaube, wir wär'n guttzusammen ausgekommen. Wenn man jung is, denkt man, 's geht ohne so eine große Liebe nich. Ach ja, es geht doch, 's geht manchmal besser wie bei solchen Leuten, die vor der Hochzeit ganz vernarrt ineinander sind. Daran dacht' ich, wie ich sah, daß meine Liese an Dir hing, und daß Du so gar nischt davon wußtest und nich daran dachtest. Ich hoffte immer, es kann werden, es kann noch gutt werden. Nu is alles anders gekommen. Ich verhehl' Dir nich, Heinrich, mir is heute zumute wie zum Sterben, weil's doch gerade meine Allereinzige is.«
»Mathias! Mathias! Daß ich Dir das antun mußte, das ist schrecklich! Das ist zum Verzweifeln!«
»Heinrich, flenne nich! Böse bin ich ja gar nich auf Dich. Ich kenn' Dich schon. Das is halt gekommen, wie's kommen muß. Und sieh mal, die Liese wird ja nich unglücklich. Die geht ins Kloster; sie is glücklich darüber, das is ja mein Trost. Ich hab' immer die Mütze abgenommen, wenn ich 'ne Krankenschwester traf. Und wenn ich mich erst werd' besser reingefunden haben, da werd' ich ganz zufrieden sein. Bloß fürs erste fällt's halt schwer.«
Heinrich sah seinen alten Freund plötzlich verängstigt an.
»Mathias! Du wirst doch aber auch bei mir bleiben?«
»Nein! Erschrick nich! 's beste is, wir sprechen heute gleich alles aus.«
»Du willst fort? Fort von uns?«
»Ja, Heinrich! Reg' Dich nich so auf! Wir wollen ruhig reden. Sieh mal, ich muß fort!«
»Das ist die Strafe? Das?«
»Aber doch keine Strafe, Heinrich! Wir gehn in Friede und Freundschaft auseinander.«
Ein verzweiflungsvolles Lachen brach dem jungen Buchenbauer vom Munde.
»In Friede und Freundschaft! Und ich bleib' allein! Und hab' zuletzt niemand mehr auf der ganzen Welt! Und verlier' meinen einzigen Freund! In Friede und Freundschaft!«
Er sprang auf, trat ans Fenster und sah hinaus in die Nacht. Plötzlich wandte er sich um. Mit bitterer Stimme sagte er:
»Deshalb hast Du uns aufgezogen, den Hof aufgebaut, alles in Ordnung gebracht, daß Du jetzt fort willst, weil die eine Sache fehl ging? Und Du sagst doch selbst, ich kann nicht dafür!«
»Ja, Heinrich! Sieh mal, Mensch is Mensch! Ich könnte hier nich mehr sein. Ich würd' immer an die Liese denken müssen. Und dann, es is zu einsam. Es is mir so schon manchmal schwer geworden. Jetzt hielt ich's gar nich mehr aus. Glaub' mir's. Ich hab' darüber nachgedacht. Es geht nich! Rein verdüstern tät' ich. Ich will wieder fort zu Leuten.«
»Doch nicht wieder –«
»Als Lumpenmann? Jawohl, Heinrich! Gerade das! Das hat mir damals auch geholfen.«
»Das kannst Du nicht, Mathias? Was werden die Leute sagen?«
»Die Leute? Mögen sie sagen, was sie wollen. Das kümmert mich nischt. Ich bin's gewöhnt.«
Heinrich eilte auf den alten Mann zu und faßte ihn an beiden Schultern:
»Mathias! Wenn Du mir das antust, ich weiß nicht, was ich anfange. Mathias, kannst Du mir's nicht verzeihen im Herzen? Du sagst ja, Du bist nicht böse auf mich; aber Du bleibst nicht bei mir, Du willst fort, läßt mich allein, weißt, daß ich Dich brauch' wie das tägliche Brot, nicht bloß in der Wirtschaft, nein, tausendmal mehr als Mensch und als Freund, und Du willst fort! Besinn' Dich, Mathias, besinn' Dich anders, und wenn ich ein grundschlechter Kerl wär' – bleib' bei mir!«
Der Alte wandte den Kopf zur Seite.
»Bleib' da, Mathias! Ich bitt' Dich kniefällig!«
»Ich – ich kann nich, Heinrich! Ich brächt's nich fertig. 's geht über meine Kräfte. Und für Dich wär's auch nich gutt, wenn Du mich immer so sähest, und dann, wenn Du die Lotte heirat'st, ging' ich doch.«
»Wer sagt denn, daß ich die Lotte heiraten will? Daß ich ihr gut bin, das kann ich nicht ändern. Aber ich will sie doch nicht heiraten! Das denkt doch bloß die Lene!«
»Es kommt, Heinrich, es kommt bestimmt! Aber es is besser, wir reden lieber nich darüber. Für mich is heute schon a bissel viel gewest. Aber das hatt' ich mir schon lange vorgenommen, Dir's bald zu sagen, wenn sich's mit der Liese entschieden hätte, daß ich da fort will. Und daran will ich auch nichts ändern. Das muß jetzt sein!«
Heinrich trat zurück und lehnte sich bleich an den Tisch.
»So geh! Geht alle! Laßt mich allein, wenn Ihr denkt, daß ich das verdiene! – So sind also auch wir beide mitsammen fertig.« –
Es entstand eine schwere Pause.
»Und Du willst nicht, daß wir weiter Freunde sind, Heinrich?«
»Nein! Wenn Du mir das antust, dann tust Du mir mehr an als mein ärgster Feind!«
»So – so leb' gesund, Heinrich!«
Heinrich antwortete ihm nicht.
Da verließ Mathias Berger den Buchenhof.
Droben in ihrem Stübchen saß Lene Raschdorf und schrieb einen Brief. Dieser lautete:
Lieber Hannes!Die Liese geht zu den Grauen Schwestern. Der Mathias sagt, sie habe Beruf und gehe gern ins Kloster. Aber ich weiß, daß die Liese unserem Heinrich gut gewesen ist und daß er sie nicht gemocht hat. Er sagt, er wäre mit ihr unglücklich geworden. Das ist aber nicht wahr, denn die Liese ist ein braves, tüchtiges Mädchen. Und er hat es bloß deshalb getan, weil er in die Lotte Schräger vernarrt ist und sie gern heiraten will. Lieber Hannes! Das ist eine solche Schande, daß der Heinrich so etwas tut und daß er unserem guten Mathias solches Herzeleid macht, daß er von jetzt ab nicht mehr mein Bruder ist. Und deshalb schreib' ich an Dich, daß ich Dich heiraten werd', wenn Du vom Militär los bist und wenn wir einAuskommen haben. Ich denke, Du gehst in die Kohlengrube. Wenn Du Dich eingerichtet hast, verdienst Du 15 Mark die Woche. Und ich werde für die Leute nähen. Da werden wir schon auskommen. Lieber Hannes! Ich will Dir heute schreiben, daß ich Dich lieb hab' und auch wirklich gern heirate. Aber damals, als Du von der Gestellung kamst, konnte ich es Dir nicht sagen, denn ich dachte, ich müßte immer beim Heinrich bleiben und ihm helfen und beistehen, wie es immer war. Aber Heinrich ist schlecht und verdient's nicht, und deshalb gehe ich fort, und es ist mir ganz egal, was jetzt aus unserem Hofe wird. Ich fahre zur Tante Emilie nach Waldenburg. Dort werde ich auch das Nähen lernen und bleiben, bis wir heiraten. Lieber Hannes! Du mußt mir aber versprechen, daß Du immer brav und ordentlich sein wirst, damit wir auskommen. Sonst sollst Du aber lustig sein, denn das habe ich an Dir immer gern gehabt, weil ich selber nicht lustig sein kann. Und ich werde Dich auch nicht ärgern, sondern gut mit Dir sein.Besten GrußLene Raschdorf.
Lieber Hannes!
Die Liese geht zu den Grauen Schwestern. Der Mathias sagt, sie habe Beruf und gehe gern ins Kloster. Aber ich weiß, daß die Liese unserem Heinrich gut gewesen ist und daß er sie nicht gemocht hat. Er sagt, er wäre mit ihr unglücklich geworden. Das ist aber nicht wahr, denn die Liese ist ein braves, tüchtiges Mädchen. Und er hat es bloß deshalb getan, weil er in die Lotte Schräger vernarrt ist und sie gern heiraten will. Lieber Hannes! Das ist eine solche Schande, daß der Heinrich so etwas tut und daß er unserem guten Mathias solches Herzeleid macht, daß er von jetzt ab nicht mehr mein Bruder ist. Und deshalb schreib' ich an Dich, daß ich Dich heiraten werd', wenn Du vom Militär los bist und wenn wir einAuskommen haben. Ich denke, Du gehst in die Kohlengrube. Wenn Du Dich eingerichtet hast, verdienst Du 15 Mark die Woche. Und ich werde für die Leute nähen. Da werden wir schon auskommen. Lieber Hannes! Ich will Dir heute schreiben, daß ich Dich lieb hab' und auch wirklich gern heirate. Aber damals, als Du von der Gestellung kamst, konnte ich es Dir nicht sagen, denn ich dachte, ich müßte immer beim Heinrich bleiben und ihm helfen und beistehen, wie es immer war. Aber Heinrich ist schlecht und verdient's nicht, und deshalb gehe ich fort, und es ist mir ganz egal, was jetzt aus unserem Hofe wird. Ich fahre zur Tante Emilie nach Waldenburg. Dort werde ich auch das Nähen lernen und bleiben, bis wir heiraten. Lieber Hannes! Du mußt mir aber versprechen, daß Du immer brav und ordentlich sein wirst, damit wir auskommen. Sonst sollst Du aber lustig sein, denn das habe ich an Dir immer gern gehabt, weil ich selber nicht lustig sein kann. Und ich werde Dich auch nicht ärgern, sondern gut mit Dir sein.
Besten Gruß
Lene Raschdorf.