Kapitel 16

Kapitel 16

Am Tage war der Novembersturm jäh und tückisch zur Höhe gefahren und hatte die Wolken angefaucht wie ein bissiger Steppenwolf eine Herde weißer, schwarzer und scheckiger Rosse, so daß alle ratlos durcheinander rannten, sich stießen und ängstlich drängten und alle in großer Not waren, während die ersten, vordersten von dem Ungetüm zerrissen wurden. Aber dann hatte sich die Herde gesammelt, war vorgerückt gegen den Feind, hatte ihn zurückgedrängt, langsam, schrittweise, und ihn erdrückt, als sie ihn am Erdboden traf.

Jetzt lagen die Himmelsrosse müde und sicher auf Feldern und Wiesen, und ein Mensch, der hinausging, mußte sich durchdrängen zwischen ihren weißen und grauen Leibern.

In trübseligem, grauem Licht lag die Wohnstube des Buchenhofes. Heinrich Raschdorf war allein. Lange warer für sich auf- und abgegangen; jetzt lehnte er am Ofen und sah hinaus in den nebligen Tag.

Im ungewissen Licht des trüben Novembertages sah der Buchenbauer erschreckend aus. Die Augen waren tief eingefallen und hatten einen krankhaften Fieberglanz, die Wangen waren farblos, welk, und die ganze Gestalt matt und schlaff.

Das kam vom vielen Grämen am Tage und langen Wachen in der Nacht. Das kam von der Einsamkeit, kam davon, daß Heinrich Raschdorf erst in diesen Tagen ein gänzlich Heimatloser geworden war.

Lene war fort.

Einmal hatte er noch versucht, sich mit ihr auseinanderzusetzen, ihr alles zu erklären. Es war erfolglos gewesen. Nur in neuen Zorn waren beide geraten, und die Kluft zwischen ihnen hatte sich vertieft.

So war sie fortgegangen aus der Heimat. Fest und sicher war sie aus der Tür getreten und hatte den Wagen bestiegen, ohne sich noch einmal umzusehen.

Sie hatte auch keine Träne vergossen auf der ganzen Fahrt. So sagte der Knecht. Nur beim Mathias unten im Dorfe war sie abgestiegen und über eine Stunde geblieben.

Seit der Zeit war Mathias nicht mehr heraufgekommen, und Heinrich hatte ihn auch nicht aufgesucht. Ein bitterer Hochmut hatte ihn erfaßt, der allen denen als Helfer kommt, die sich ungerecht verurteilt glauben.

Was hatte er getan? Er war gegen sich selbst und gegen sein bestes Gefühl nicht treulos geworden. Deshalb hattensie ihn verlassen, alle verlassen in wenigen Tagen. Manchmal lachte er auf, wenn er daran dachte.

So mochte es sein! So würde er sich darein fügen und keinem mehr ein gutes Wort geben, so tot sein für sie alle, wie sie für ihn waren.

Die Einsamkeit spann ihn ein, aber sie brachte ihm keinen Frieden; sie band nur seine Seele fest, daß er alle Qualen widerstandslos erdulden mußte wie ein Kranker, der auf die Bank geschnallt wurde, an sich schneiden und brennen läßt.

Solange er draußen auf dem Felde war, war's erträglich, aber in dem leeren Hause packte ihn oft das Grauen. Und wenn die Abende kamen, saß er allein und fürchtete sich am eigenen Herde.

Dann meinte er, es gäbe nur einen Ort auf der Welt, wo es schrecklich sei: diese Heimat.

Oft überdachte er sein Schicksal. Schuldlos hatte er die Heimat verloren, hatte um eine neue Heimat gelitten, gekämpft, gebangt, hatte von allen den Millionen auf der großen, weiten Erde ein paar Menschen gefunden, die es gut mit ihm meinten, und auch diese wenigen wieder verloren.

Warum? Darüber brütete er. Wenn ihn ein Groll erfaßte gegen seine früheren Leute, dann war ihm noch wohl. Da war doch ein Kraftgefühl in seiner matten, vereinsamten Seele. Aber Stunden kamen, wo sich neben die graue, schweigende Frau Einsamkeit jene andere an seinen Herd setzte, ihre Tochter: die Reue.

Das sind die Quälerinnen. Die alte, häßliche, dürre Mutter Einsamkeit hält den Armen fest mit ihren Spinnenfingern,bindet ihm jedes Glied, lähmt ihm jeden Muskel, umschließt ihm Mund und Ohren, daß er nicht schreien, nicht fortlaufen, nicht Hilfe holen kann, und derweil treibt ihr grausames Kind, die Reue, ein bestialisches Spiel, sticht und kratzt, brennt und schneidet, preßt das Herz zusammen mit rauhen Händen, greift durch die Stirn in den Kopf hinein, lockert dort Faden auf Faden, zerreißt die Stränge des Willens, trübt und verrückt die Bilder klarer Vorstellungen und gießt ein schleichendes, tödliches Gift in das wallende Gefühl. Wer sich nicht aufrafft mit energischer Kraft, die Alte beiseite schleudert, ihre Bande zerreißt und zu gesunden, frohen Menschen flüchtet, der ist verloren. Im günstigsten Falle ruft die Alte eine neue Tochter: die Schwermut, ein untüchtiges, krankes Weib mit lahmen Händen und traurigen Augen, und vermählt sie dem Opfer zu unlöslicher Ehe, oder ihr scheußlichster Sohn, der Wahnsinn, kommt und mordet ihn ab.

Heinrich Raschdorf hielt still. Manchmal dehnte er ein wenig die Glieder gegen die Bande, aber als der trübe November kam, gab er sich mutlos verloren.

Es waren gute, liebe Menschen gewesen. Sie waren gegangen. Folglich war er schuld, war er der Schlechte, sie die Gerechten. In diesem Zirkel bewegten sich schließlich beständig seine Gedanken.

So stand er an den Ofen gelehnt, indes draußen der weiße Nebel braute. Seit Mittag hatte er mit keinem Menschen ein Wort gesprochen. Und da war es auch nur ein Knecht gewesen, den er etwas gefragt hatte.

Wo war seine Kraft geblieben, der Mut, den er noch hatte, als er mit Mathias und Lene sprach, der Trotz, mit dem er schließlich die Schwester ziehen ließ?

Die Einsamkeit hatte ihn mürbe gemacht.

Jetzt trat er ans Fenster. Vielleicht, daß er einen Menschen vorbeigehen sah. Das würde ihm wohltun. Und dann – dort drüben wohnte das Mädchen, um dessentwillen alles gekommen war. Als Mathias und Lene ihn verlassen hatten, war stundenweise eine wilde Lust in ihm gewesen, ein Freiheitsgefühl, der Gedanke, erlöst zu sein von einer falschen Heimat, die Möglichkeit zu besitzen, nun sein Glück zu suchen, sein einziges, sein wahrhaftiges Glück.

O, wie liebte er die Lotte! Seit jenem Maitage war ihr Bild nicht mehr aus seiner Seele gewichen, was er auch getan hatte, es zu verhüllen. Eine taumelnde Freude hatte ihn erfaßt, wenn er das Mädchen einmal sah, und ob er das Gefühl bekämpfte wie Versuchung und Sünde, es kam immer wieder, immer in tiefgeheimer süßer Wonne.

Und auch jetzt, wie er so hinüberblickte, sah er sie. Sie trat, zum Ausgehen angekleidet, in die Haustür und spähte nach den Fenstern des Buchenhofes herüber. Heinrich wollte zurücktreten in die Stube, aber sie hatte ihn schon gesehen. So sahen sie sich ins Gesicht, wohl eine halbe Minute lang. Sie stand ganz bewegungslos, und ihr Blick hatte etwas Forschendes. Dann neigte sie grüßend ein wenig das Haupt und ging hinab nach dem Dorfe.

Heinrich geriet in schwere Aufregung. Die Stunde war da, wo er tobte gegen die Fesseln der Einsamkeit. Mit tausend Armen winkte es ihn hinaus aus diesem fürchterlichenHause, das keine Heimat war, das nie eine gewesen war.

Wie ein Rausch kam es über ihn; die Bangigkeit fiel von ihm ab wie ein toter Plunder, das Blut floß wieder jung und schnell durch die Adern, und der Wille straffte sich zu dem Entschluß: Geh ihr nach! Geh zu dem jungen, schönen Mädchen! Bei ihr ist Rettung und Glück!

Er suchte den Hut und band einen Kragen um.

Da grinste ihn warnend der alte Zweifel an.

Hinter einem Bilde seines toten Vaters sah er hervor. –

Er stand still. Er wagte nicht, sich umzusehen. Es war ihm, als ständen an der Stubentür all die Seinigen: Lene mit zürnend abwehrenden Armen, Mathias mit einer stummen Bitte in den guten Augen, die Liese mit traurigem Gesicht, und ganz im Hintergrunde, draußen auf dem dämmerigen Hausflur, schemenhaft die Toten: Vater und Mutter.

Entmutigt sank er auf einen Stuhl und stöhnte laut. Und die Einsamkeit ging und schloß die Tür, nahm ihm den Hut vom Kopfe und sang ihr monotones, totes Lied.

Aber sie täuschte sich. Sie sang das Lied um eine Nuance zu schauerlich, um ein klein wenig zu hart, um ein paar Grade zu höhnisch. Sie sang es unerträglich für den, der es anhören mußte.

»Ich ertrag's nicht länger; und wenn's unter tausend Flüchen wär' – ich geh ihr nach!«

Mit wenigen Schritten war er draußen. Mit roten Wangen stürmte er durch den Herbstnebel. Das Blut brauste ihm im Herzen und im Kopfe. Der Nebel hüllte ihn ein, er konnte den Weg ins Dorf nicht übersehen.

So lief er, jagte dahin, wie einer, der auf verzweiflungsvoller Flucht ist, oder einer, der dem letzten, rettenden Heil nachjagt, das er zu verlieren glaubt.

Jetzt – jetzt tauchte die Gestalt eines Mädchens aus dem Nebel auf. Ein paar Schritte noch, dann erkannte er sie deutlich.

»Lotte!«

Wie ein Schrei tönte der Name durch die stille Luft.

Sie wandte sich erschreckt um. Mit großen Schritten und glühendem Gesicht kam er ihr näher.

»Lotte – sei nicht böse – ich muß Dir nach – ich werde verrückt allein!«

»Heinrich, o Gott, Heinrich, was ist Ihnen? Wie sehen Sie aus?«

»Tu mir den Gefallen, Lotte, sprich »Du« zu mir, wie früher; sei ein klein bißchen freundlich! Ich halte so das Leben nicht mehr aus! Ich gehe zugrunde!«

»Heinrich! Lieber Heinrich!«

Sie sah ihn mit ihren schönen Augen mitleidsvoll an, und er stand vor ihr zitternd, bebend; der Atem ging ihm schwer, die Augen glühten ihm, und sie war so schön, so herrlich schön, und da riß er sie wortlos in seine Arme mit einer Wut und Glut, wie das Tier sein Opfer faßt aus schmerzhaftem Hunger, und überdeckte ihr Gesicht mit rasenden Küssen.

Wie mit eisernen Armen hielt er sie fest; wie ein Ertrinkender sich an seinen Retter klammert, so klammerte er sich an sie, und mit dem ganzen fiebernden Heißhunger einer glücksgierigen Seele küßte er sie. Sein Gesicht verändertesich, seine Augen bekamen einen fremden, unheimlichen Glanz; all die Leidenschaft, die jahrelang zurückgedämmt war, brach durch, all der brennende Durst nach Glück und Liebe wollte sich sättigen.

Sie lag erschreckt, aber glückselig an seiner Brust.

»Heinrich! Lieber Heinrich!«

»Du mußt mein sein, Lotte, und wenn die Welt in Stücke geht, und wenn sie mich ausstoßen wie einen Lump, und wenn's ein Verbrechen ist – Du mußt mein werden!«

Sie sah zu dem zitternden Manne auf.

»Hast Du mich lieb, Lotte? Ein bißchen lieb?«

»Ja, ich hab' Dich lieb, Heinrich!«

»Lotte!«

Ein jauchzender Jubelruf, ein Erlösungsschrei durchtönte die fahle Herbstluft. Der Heimatlose hielt das Glück in seinen zitternden Armen und schaute es an und hätte laut lachen mögen vor übergroßer Freude.

»Lotte, jetzt bin ich reich! Jetzt hab' ich alles gewonnen! Jetzt ist mir wohl! Jetzt werd' ich wieder leben können! Jetzt ist alles andere ganz gleichgültig.«

Sie sah ihn an, und ihre Augen glänzten feucht.

Eine lange, selige Pause kam, jene große Stille, in der alles tot ist, außer der Freude.

Doch allmählich breitete sich ein Schatten über ihr Gesicht.

»Heinrich! Sind sie wirklich alle fortgegangen von Dir um meinetwillen?«

»Ja, Lotte! Aber laß sie, sprich nicht von ihnen, denk' nicht an sie! Wenn ich Dich hab', mögen sie fort sein; alle – alle –!«

Er lachte wieder, ließ sie los und schüttelte sich, als ob er etwas Unsichtbares von sich abzuwälzen hätte.

»Komm, wir wollen ein Stück gehen, wir wollen alles miteinander besprechen.«

Sie gingen Hand in Hand, und die Nebel hüllten sie schützend ein. Er erzählte ihr von seiner Liebe zu ihr, wie sie eigentlich immer in ihm gelebt hätte seit den Tagen der Kindheit, wie er sie nur all die Zeit zurückgedrängt habe in langen, schmerzhaften Kämpfen, und wie diese Kämpfe furchtbar geworden seien nach jenen Tagen im Mai. Dann erzählte er ihr auch von der Liese, vom Mathias, von der Lene und von dem Ende.

Sie blieb stehen. Leise und bang fragte sie:

»So hab' ich Dir wirklich die Heimat zerstört, Heinrich? Ich?«

Er schüttelte nachdenklich das Haupt.

»Nein! Ich hab' viel darüber nachgedacht. Was ist überhaupt die Heimat? Ich weiß es nicht! Ich weiß bloß, daß ich nie eine gehabt hab', es wär' denn als Kind. Wir haben kein glückliches Leben gehabt – alle nicht! Und so wär' es geblieben, wenn ich die Liese genommen hätte. Nein, es wär' noch viel schlimmer geworden. Denn Dich hätt' ich doch nie aus dem Sinn gebracht, niemals!«

Sie lehnte den Kopf an seine Schulter, und er küßte sie wieder.

Tief aufatmend richtete er sich auf und stand still, als ob er sich besinnen müsse. Wie war ihm? Frei, leicht, stark war ihm zumute, so, als ob Lasten von seiner Seele geglitten und neue, heitere Wege ihm eröffnet wären.

»Lotte, jetzt wird das Glück kommen!«

Sie schmiegte sich an ihn und erzählte nun von sich, von ihrem trostlosen Heim, von der Seligkeit, die sie im Mai trotz ihres kranken Fußes empfunden über seine Fürsorge, von der langen, glücklosen Zeit, als täglich der Barbier aufs neue erzählt habe, wie sehr sich der Heinrich um die Liese bemühe, und der junge Riedelbauer sie mit seinen Zudringlichkeiten belästigt, und dann davon, wie sie gehört habe, die Liese gehe ins Kloster und Mathias habe sich mit Heinrich verfeindet. Da habe sich eine neue Hoffnung in ihr Herz geschlichen. In den Wochen darauf aber, als auch die Lene fort war und sie ihn so müde und krank herumgehen sah, da hätten die Mägde erzählt, der junge Buchenbauer werde tiefsinnig, er esse nicht mehr und wache ganze Nächte in seinem Zimmer, und dann sei wieder der Barbier gekommen und habe gesagt, der Heinrich gräme sich zu Tode um die Liese. Da sei es freilich aus gewesen mit all ihrer Hoffnung.

»Aber jetzt, Heinrich, jetzt ist doch alles anders!«

Die Glückseligkeit der Liebe strahlte auf dem Gesicht des Mädchens.

Er blieb stehen.

»Es ist mir etwas eingefallen, Lotte: Wo zwei Heimatlose sich treffen, die sich lieb haben, da wird eine Heimat.«

Sie sah ihn an voll Vertrauen und Glauben und nickte mit dem Kopfe.

Sie gingen ein Stückchen weiter. Das Mädchen kämpfte mit einem Gedanken, der endlich hervorbrach:

»Eines muß ich wissen, Heinrich: Was macht Ihr meinem Vater zum Vorwurf? Das mußt Du mir sagen!«

»Lotte, liebe Lotte, quälen wir uns doch jetzt in unserer ersten guten Stunde nicht mit den alten Geschichten.«

Sie senkte den Kopf.

»Doch, Heinrich, es ist nötig! Darüber müssen wir klar sein. Da darf nichts zwischen uns liegen! Dieses unausgesprochene Mißtrauen zwischen den beiden Höfen, das war ja das Schlimme. Das darf zwischen uns beiden nicht sein!«

»Es wird nicht sein, Lotte!«

»Aber wir müssen uns aussprechen!«

Sie machte wieder eine Pause. Dann brachte sie mit großer Überwindung heraus:

»Glaubt Ihr, daß – daß mein Vater – Euren Hof angezündet hat?«

»Nein, Lotte! Das ist ja gar nicht möglich! Er war ja immerfort zu Hause!«

»Aber – aber Ihr denkt, daß er jemand dazu angestiftet hat oder daß er davon gewußt hat?«

Heinrich zögerte.

»Du weißt, Lotte, daß Mathias das behauptet hat und darum auch bestraft worden ist.«

»Und Du?«

Sie sah ihm angstvoll in die Augen.

»Ich, Lotte – ich glaube es nicht! Es kann irgend jemand gewesen sein: ein Dienstbote aus Unvorsichtigkeit, ein Bummler, ein unbekannter Feind. Weiß Gott!«

»Es ist gut, Heinrich, denn sonst – und was macht Ihr ihm weiter zum Vorwurf? Was sagt die Lene? Sag' mir alles! Ich bitte Dich, Heinrich!«

»Lotte, es fällt mir schwer – gerade schon heut –«

»Ja, schon heut! Wenn es herunter ist vom Herzen, dann werden wir erst ganz glücklich sein. Was sagt die Lene?«

»Sie sagt – unser – unser Vater hat sich erschossen, weil ihm Dein Vater das Geld gekündigt hat.«

Lotte nickte.

»Ja, ich weiß! Der Vater hat mir's erzählt. Er ist bei Euch drüben gewesen und hat gut mit Deinem Vater reden wollen; aber der ist vergrämt gewesen und hat ihm sogar das »Du« gekündigt, und da – da hat mein Vater das Geld verlangt. Daß aber alles so kommen würde, hat er aber nicht geahnt. Und, Heinrich, daß das gekommen ist wie ein unvorhergesehenes Unglück, deshalb trinkt ja der Vater, das hat ihn ja zugrunde gerichtet.«

Sie weinte.

»Lotte, liebe Lotte! Du hast auch schon bittere Dinge erlebt.«

»O, Heinrich! Und ich hab' keine Seele gehabt, zu der ich mich aussprechen konnte. Niemand! Ich hab' alles für mich tragen müssen. Und der einzige, den ich lieb hatte, warst Du – und – und –«

»Liebes, liebes Mädel!«

Er küßte sie wieder, lange und innig.

»Ich bin so glücklich, Heinrich, daß wir das ausgesprochen haben. Wenn Du so schlecht von meinem Vater gedacht hättest, hätten wir uns ja nicht haben dürfen. Nein, Heinrich, gewiß nicht, dann wär' ich Deiner nicht wert, dann wär' es ganz unmöglich. Aber das kannst Du glauben: Mein Vater hat seine Fehler; aber etwas Schlechtes hat er nichtgetan. Deine Leute tun ihm unrecht, das kann ich Dir beteuern, und deshalb kann ich auch Deine Frau werden! Wenn Du's nur fest glaubst.«

»Ich glaube es, Lotte!«

Sie nickte glücklich, und sie gingen wieder ein paar Schritte weiter.

»Und was nun weiter, Lotte? Was wird Dein Vater sagen, wenn ich komme und Dich zum Weibe haben will?«

Sie senkte das Haupt.

»Er wird erschrecken, vielleicht auch sehr schimpfen. Das mußt Du nicht übel nehmen. Das ist ja natürlich. Aber er wird nicht »Nein« sagen, nicht auf die Dauer. Er kann mir keine einzige Bitte abschlagen – keine! Und Du – wie wird's bei Dir sein?«

»Ich? Ich bin mein eigener Herr! Ich hab's durchgesetzt bis jetzt und führ's zu Ende. Mit den andern hab' ich gebrochen. Ich bin jetzt zwar einsam, aber ich bin frei! Wenn ich Dich hab', Lotte, verschmerz' ich alles. Und die Zeit ändert manches. Meine Leute werden sich allmählich anders besinnen.«

»Hoffen wir es!« –

Lotte hatte im Dorfe einen Besuch machen wollen. Sie gab die Absicht auf.

Auf einem breiten, stillen Feldrain ging das junge Paar, und die Nebel schützten es vor neugierigen Augen. Von ihrer Zukunft sprachen sie und bauten an einer neuen Heimat. Von Westen leuchtete durch die weißen Nebel ein roter Schein. Dort ging die Sonne unter.

»Ich muß jetzt heim,« sagte Lotte. »Vielleicht, wenn der Vater allein ist, sag ich's ihm schon heute.«

»Lotte! Willst Du das wagen? Oder ist's nicht besser, wenn ich es tue?«

»Nein, Heinrich! Wenn's der Vater zugibt, tut er's bloß, weil er mich lieb hat und mir nichts abschlägt. Ich geb Dir Nachricht.«

Sie gingen ganz langsam heim. Als die Buchenhöfe aus dem dicken Nebel auftauchten, nahmen sie einen langen Abschied.

Als Heinrich in seine Stube trat, war's, als ob eine Trunkenheit ihn fasse.

Er vermochte nicht stehen zu bleiben an einem Ort, nicht zu sitzen; er ging immer hin und her in seliger Unrast, und manchmal schlug er die Hände vor das glühende Gesicht, und immer wieder trat er ans Fenster und sah hinüber über die Straße.

Er fühlte auch jetzt noch ihren weichen, warmen Mund. Das liebe Mädchen. Wenn sie sein würde, dann war alles gut, dann kam ein ganzes Meer von Sonne und Wonne in diese leere Stube, dann mußte hier eine herrliche Heimat sein.

Wenn er nur mit jemand reden könnte, jetzt nicht wieder allein sein müßte! Er besann sich und ging hinüber zum Schaffer.

Der Schaffer saß an seinem Tisch und studierte an einem Briefe. Er wollte das Schriftstück verstecken, aber dann besann er sich, schob es Heinrich hin und knurrte:

»Is egal! Da! Vom Hannes!«

Heinrich las:

Lieber Vater!Indem ich Dir auch wieder einmal schreibe. Du sollst keinen Kummer um mich haben. Es geht mir gut. Aber ich hab drei Tage Arrest gekriegt. Du mußt aber keinen Kummer haben, denn sie sind schon rum. Und es war zum Aushalten. Weil nämlich die Lene an mich geschrieben hat, daß sie mich heiraten wird, da hab ich die Knöpfe nicht geputzt und bin zum Appell zu spät gekommen. Wobei einen der Unteroffizier gleich klemmt. Wogegen ich mir eins gepfiffen hab, wie ich im Kasten war. Denn ich freu mich so, daß mich die Lene heiraten tut, weil ich ihr gut bin, und weil sie ein schönes, starkes Mädel ist. Dann werde ich Bergmann, und sie näht. Da kommen wir aus, weil ich nicht trinke und auch nicht tanze. Lieber Vater, es tut mir sehr leid, daß die Lene mit dem Heinrich so Krach gemacht hat und weg ist. Die Tante Emilie, bei der sie jetzt ist, kann ich nicht gut leiden, sie ist eine alte Kröte. Aber ich muß jetzt tun wie tulpe und zu der Lene halten, weshalb ich ihr Bräutigam bin. Wo ich ja jetzt auch auf den Heinrich schimpfen muß, indem sie mich sonst nicht nimmt. Was aber alles bloß Getue ist. Denn der Heinrich ist immer mein Freund gewesen, und das laß ich nicht. Aber jetzt tu ich so und schimpf auf ihn, soviel ich kann. Das mußt Du ihm sagen, daß er's nicht übel nimmt, wenn er mal was hört. Wenn ich die Lene werd geheiratet haben, bin ich der Herr im Hause. Da wird's anders, da gibt's dann keinen Krach mit demHeinrich mehr. Hauptsache, erst heiraten! Daß Mathias auch weg ist und die Liese, das ist sehr schade. Indem sich das aber nicht ändern läßt. Und Du mußt bleiben auf dem Buchenhof, sonst geht alles pleite. Lieber Vater, wenn ich zu Weihnachten Urlaub krieg, fahr ich nach Waldenburg. Da mußt Du am ersten Feiertag hinkommen. Denn auf den Buchenhof komme ich wegen der Feindschaft nicht. Und wenn ich keinen Urlaub krieg, da komm ich überhaupt nicht. Wegen der drei Tage! Und mußt keinen Kummer haben und den Heinrich schön grüßen und ja nichts der Lene sagen von allem. Dann kannst Du mir nötig zehn Mark schicken.Besten GrußDein SohnJohannes Reichel.

Lieber Vater!

Indem ich Dir auch wieder einmal schreibe. Du sollst keinen Kummer um mich haben. Es geht mir gut. Aber ich hab drei Tage Arrest gekriegt. Du mußt aber keinen Kummer haben, denn sie sind schon rum. Und es war zum Aushalten. Weil nämlich die Lene an mich geschrieben hat, daß sie mich heiraten wird, da hab ich die Knöpfe nicht geputzt und bin zum Appell zu spät gekommen. Wobei einen der Unteroffizier gleich klemmt. Wogegen ich mir eins gepfiffen hab, wie ich im Kasten war. Denn ich freu mich so, daß mich die Lene heiraten tut, weil ich ihr gut bin, und weil sie ein schönes, starkes Mädel ist. Dann werde ich Bergmann, und sie näht. Da kommen wir aus, weil ich nicht trinke und auch nicht tanze. Lieber Vater, es tut mir sehr leid, daß die Lene mit dem Heinrich so Krach gemacht hat und weg ist. Die Tante Emilie, bei der sie jetzt ist, kann ich nicht gut leiden, sie ist eine alte Kröte. Aber ich muß jetzt tun wie tulpe und zu der Lene halten, weshalb ich ihr Bräutigam bin. Wo ich ja jetzt auch auf den Heinrich schimpfen muß, indem sie mich sonst nicht nimmt. Was aber alles bloß Getue ist. Denn der Heinrich ist immer mein Freund gewesen, und das laß ich nicht. Aber jetzt tu ich so und schimpf auf ihn, soviel ich kann. Das mußt Du ihm sagen, daß er's nicht übel nimmt, wenn er mal was hört. Wenn ich die Lene werd geheiratet haben, bin ich der Herr im Hause. Da wird's anders, da gibt's dann keinen Krach mit demHeinrich mehr. Hauptsache, erst heiraten! Daß Mathias auch weg ist und die Liese, das ist sehr schade. Indem sich das aber nicht ändern läßt. Und Du mußt bleiben auf dem Buchenhof, sonst geht alles pleite. Lieber Vater, wenn ich zu Weihnachten Urlaub krieg, fahr ich nach Waldenburg. Da mußt Du am ersten Feiertag hinkommen. Denn auf den Buchenhof komme ich wegen der Feindschaft nicht. Und wenn ich keinen Urlaub krieg, da komm ich überhaupt nicht. Wegen der drei Tage! Und mußt keinen Kummer haben und den Heinrich schön grüßen und ja nichts der Lene sagen von allem. Dann kannst Du mir nötig zehn Mark schicken.

Besten Gruß

Dein Sohn

Johannes Reichel.

»Weißt Du was, Schaffer,« rief Heinrich glücklich, »schick' ihm dreißig Mark! Da sind sie! Schick's ihm! Er ist ein Prachtkerl!«

Heinrich legte das Geld auf den Tisch.

Der Riese starrte ihn blöde an, aber dann grinste er und stützte je einen Finger seiner rechten Hand schwer auf die Goldstücke, als fürchte er, ein Luftzug könne sie wegblasen.

»Und Du, Reichel, Du bleibst mir treu? Was auch kommen mag? Ja? Du bleibst bei mir, wenn sie auch alle gehen – alle!«

Der Riese sann schwer nach. Dann sagte er:

»A alter Kater geht nich weg vom Hofe!«

»Das ist hübsch von Dir, Reichel! Wir bleiben Freunde! Und jetzt kommst Du mit hinüber. Wir wollen eine Flasche Wein mitsammen trinken, weil sich der Hannes verloben wird. Auf Hannes' Wohl, hörst Du? Nur auf Hannes' Wohl! Der hat's uns ja angezeigt.«

Reichel meinte, wenn er Wein trinken solle, müsse er sich erst waschen und die Sonntagsjacke anziehen und sein gesticktes Vorhemdchen ummachen, sonst ginge es nicht. Dann werde er aber kommen.

Als Heinrich wieder in den Hof trat, traf er die alte Stenzeln.

»Pst! Das is gutt! Da macht's kein Aufsehen! Hier! Vom Fräulein! Gute Nacht!«

Sie huschte davon.

In der Wohnstube erbrach Heinrich den Brief.

Lieber Heinrich!Es ist alles gut. Der Vater wird einwilligen. Komm morgen früh um 10 Uhr zu uns herüber. Gute Nacht, Liebster! Es küßt Dich herzlichDeine überglückliche Lotte.

Lieber Heinrich!

Es ist alles gut. Der Vater wird einwilligen. Komm morgen früh um 10 Uhr zu uns herüber. Gute Nacht, Liebster! Es küßt Dich herzlich

Deine überglückliche Lotte.

Heinrich hob den Brief hoch und preßte ihn an seine Stirn. Dann sah er auf das große Bild seines Vaters, das an der Wand hing.

»Vater, du mußt »Ja und Amen« sagen. Ich bin zu glücklich, zu glücklich!«

Einsamkeit und Reue waren weit.

Der Mond hatte die Nebel vertrieben. In später Nacht lugte er in drei Stuben der Buchenhöfe.

Da sah er, wie der alte Schaffer seinem jungen Herrn die Hand gab und mit noch schwererer Zunge als sonst sagte:

»Die Lotte is gutt! Sie kann für nischt! Und es geht mich nischt an. Und ich bin Schaffer.«

Da schien er auch dem alten Schräger ins Gesicht, der heute nüchtern oben am Giebelfenster stand und hinuntersah nach dem Kirchhof und sagte:

»Nun sei zufrieden und laß mich in Ruh'.«

Und er streute silberne Funken auf Stirn und Mund der Lotte, die glückselig in ihrem Bette lag und von einer neuen, schönen Heimat träumte.


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