Kapitel 17

Kapitel 17

Draußen flockte leise der Schnee. Im Wohnzimmer des Buchenkretschams war es wohlig warm, und Lotte bereitete den Vespertisch. Heinrich sah ihr lächelnd zu. Jetzt setzte sie eine goldgeränderte Tasse vor ihn hin, darauf war geschrieben: »Dem Bräutigam«, und daneben stellte sie eine Tasse mit der Aufschrift: »Der Braut«.

»Aus den Tassen haben Vater und Mutter bei ihrer Hochzeit getrunken,« sagte sie.

Er sah sie an, wie sie in herziger Hausfrauenschönheit vor ihm stand, und legte den Arm um ihre Schultern.

»Lotte! Ich kann Dir nicht sagen, wie mir zumute ist. Ich denke, so mag einem sein, der aus einem Schiffbruch gerettet wurde und in einer sicheren, warmen Stube sitzt.«

Erst als sie draußen den Vater kommen hörten, gingen sie auseinander.

Mißmutig trat Schräger in die Stube.

»Was sagt man dazu – die Bande kommt nich! Alle lassen sie absagen, alle; der einzige Hirsel will kommen.«

Heinrich biß die Zähne aufeinander. Der Wirt hatte seine früheren Stammgäste, die in letzter Zeit immer mehr und mehr ausgeblieben waren, zu einer Verlobungsfeier eingeladen und zu diesem Zwecke ein Faß echten Bieres kommen lassen.

Nun wollte niemand erscheinen.

»Ja, es ist arg,« sagte Heinrich. »Ich hätte nicht gedacht, daß sie es so weit treiben würden. Aber der Riedel hat heute ein Fest unten im Dorfe in Polers Wirtshaus angesagt und Freibier versprochen, und der Barbier ist durchs ganze Dorf, um dazu einzuladen. Das ist niederträchtig, das ist einfach niederträchtig!«

Schräger grub die Hände tief in die Hosentaschen.

»Bankrott wird man noch werden,« knurrte er in tiefstem Unmut.

Ein Schatten flog über Heinrichs Gesicht. Lotte bemerkte es wohl und legte ihrem Vater die Hände auf die Schultern.

»Vater, sei nicht mürrisch! Nicht heute! Die Leute werden schon wiederkommen. Lange wird's ihnen beim Poler nicht gefallen. Dann kommen alle wieder zu Dir.«

Schräger knurrte etwas und ging hinüber nach der Wirtsstube. Dort goß er ein großes Glas voll Rum und trank es aus.

Das Mädchen ging nach der Küche, und Heinrich war allein. Er trat ans Fenster und sah nach seinem Hofe hinüber. Je eher, je besser wollte er die Lotte hinüberholen. Denn mit Schräger war auf die Dauer nicht auszukommen.

Wie er so dastand und in das Schneewetter hinaussah, dachte Heinrich an die letzten Tage und konnte sich keiner Stunde erinnern, die er glücklich und zufrieden mit seinem zukünftigen Schwiegervater zugebracht hätte, angefangen von dem Augenblick, wo ihm dieser Mann mit schwerer, lallender Zunge das Jawort gab, bis heute. Damals hatte er ihn angewidert. Nicht einmal an dem wichtigen Tage, da eine jahrelange Feindschaft begraben und die Verbindung seiner einzigen Tochter mit dem Gegner beschlossen werden sollte, konnte dieser Mann nüchtern bleiben. Und es war vormittags 10 Uhr gewesen. Aber die Lotte hatte auch damals ihren Vater zu entschuldigen gesucht und gesagt, er habe wohl in übergroßer Aufregung getrunken.

Er hatte sich das so schön, so feierlich, so groß vorgestellt, diese Stunde der Aussöhnung, und der – war betrunken. Er hatte nichts anderes sagen können als immer dasselbe: »Laß die Toten ruhen! Laß die alten Geschichten! Nehmt Euch! Alles is gutt! Ich kann für nischt! Laßt mich in Ruh'! Meinetwegen macht, was Ihr wollt.«

Und dann hatte er nach der Ziegelei und nach den Überschüssen des Gutes so gierig und interessiert gefragt, trotz seiner Trunkenheit, daß dem jungen Freiersmanne gegraut hatte. Und er hatte immer nach der lieblichen, unschuldigen Lotte sehen müssen, die mit schwerverhaltenen Tränen neben ihm saß, daß er nur Herr seiner selbst blieb.

Auch der schwachsinnige Bruder machte es ihm schwer. Dieser Bursche hatte eine ganz unbegreifliche Scheu vor ihm. Immer lief er fort, wenn er ihn nur witterte, und einmal, als die Lotte ihn eingeschlossen hatte, um eine Begegnungzu erzwingen, und Heinrich ein ganzes Paket Schokolade mitbrachte, die der Bursche sehr gern aß, war er im letzten Augenblick schreiend durch das Fenster entflohen.

Eine ganze Nacht war er fortgewesen und erst am Morgen wiedergekommen. Seit der Zeit wurde er außer acht gelassen.

Der Buchenhof! Wie er so sacht einschneite und nun so friedlich dalag, so recht lockend und einladend, einzutreten und allen Sturm und alles böse Wetter draußen zu lassen, heimisch zu sein in diesen festen Mauern. Recht wie eine Heimat sah das Haus aus. Aber der, dem es gehörte, wußte, daß es keine Heimat war.

Jetzt eben dachte er wieder darüber nach, und ein Gedanke ging ihm durch die grübelnde Seele: Heimat ist nicht Raum! Heimat ist auch nicht Freundschaft! Wird Heimat Liebe sein? –

»Lotte, wenn es Dir recht ist, wollen wir bald nach Weihnachten heiraten,« sagte er zu seiner Braut, als sie zurückkam.

Das Mädchen sah ihn freundlich an.

»Ja, Heinrich; ich weiß auch, warum. Und Du hast recht.« Sie kam ganz nahe an ihn heran.

»Aber gar zu böse mußt Du nicht sein mit ihm. Im Grunde ist's ja doch aus Gram um Deinen Vater!«

»Ja, Lotte, ich weiß es!«

»Ist es Dir unlieb, wenn ich immer für ihn spreche?«

»Nein! Er ist Dein Vater. Wer keine gute Tochter war, wird kein gutes Weib.«

Heinrichs Verlobungsabend war gekommen. Schräger hatte trotz dringender Abwehr das große Bierfaß in die Wirtsstube heraufschaffen lassen. Das stand nun in seiner ganzen tragikomischen Größe in der einsamen Gaststube.

Die Stenzeln hatte ein gutes Abendbrot bereitet, das hatten Heinrich, Lotte und Schräger schweigend verzehrt. Zuweilen nur fluchte der Wirt stumpf vor sich hin.

Gegen sieben Uhr kam der alte Hirselbauer. Schräger lachte spöttisch.

»Na, Hirsel,« sagte er in grimmiger Selbstironie und klopfte auf das große Faß, »da kannste trinken, da kannste aber trinken!«

»Wird niemand kommen, niemand sonst?« fragte Heinrich. Hirsel schüttelte verlegen den Kopf.

»Verhetzt! Alle verhetzt! Der Barbier is a Schandkerl.«

»So setzen Sie sich, Herr Hirsel: ich werd's Ihnen nicht vergessen, daß Sie gekommen sind.«

Es war eine trübselige Verlobungsstimmung. Schräger stierte immer vor sich hin und schimpfte in sich hinein, Heinrich und Lotte hielten sich an den Händen, und der alte Hirsel saß vor seinem Bierglase und wollte nicht trinken. Vom Wetter sprachen sie schließlich, von den Rübenpreisen, von ein paar nebensächlichen Ereignissen aus dem Dorfe. Dann waren wieder lange Pausen, und die alte Wanduhr tickte trostlos, einförmig. Niemand wollte reden, niemand wußte etwas zu sagen.

Mitten in all dieser Stille war Heinrich in schwerer Erregung. Zuweilen preßte er die Hand des geliebten Mädchens. Da wünschte er sich weit fort mit ihr. Wenn er eineneinzigen Freund gehabt hätte, jemand, der sich mit ihm freute! So war er allein. Und das war der Abend, der für die meisten Menschen der strahlendste und glücklichste des Lebens ist, an welchem sich an jeden ein paar gute Menschen drängen, um Freundschaft zu zeigen, um Glück zu wünschen.

Hier war es so erschreckend öde. Kaum, daß ihm der alte Hirsel manchmal ein wenig zulächelte.

Dann dachte er daran, daß nun doch die eigentliche Verlobung vollzogen werden müsse. Wer sollte das tun? Wer? Schräger würde nicht anfangen.

Also er selbst! Aber es fiel ihm maßlos schwer, in solcher Umgebung und solcher Stimmung ein so schweres, entscheidendes Wort zu sprechen. Und dann, wie sollte er den Mann anreden? Jetzt mußte er »Vater« zu ihm sagen! Und es war ihm, als ob vor seiner Seele eine bleiche Gestalt auftauche und ihm mit gebietendem Blick sage: »Mißbrauche nicht meinen Namen!«

So schob er's auf in innerer Unrast, und es verging eine halbe Stunde und noch eine. Die Uhr schnarrte durchs Zimmer, und dann war wieder diese bedrückende Stille. Da, als ihn Lotte einmal bang anschaute, stand Heinrich auf: »Va– Vater, Sie haben mir Ihr Jawort gegeben bei meiner Werbung, und Lotte und ich werden uns jetzt mit Ihrer Zustimmung verloben.«

Er wartete auf eine Antwort. Schräger stierte auf.

»Ja,« sagte er, »ja, meinethalben! Prosit!«

Und er trank.

Heinrich wurden die Augen heiß, und Lotte fing leise an zu weinen. So steckte er ihr den goldenen Ring an denFinger und sie ihm den seinen. Der alte Hirsel stand auf und sprach ein paar Glückwunschworte. Und dann war es wieder still. –

Da klopfte es ans Fenster.

»Und einen Hund, einen gro…o…oßen Hund!«

Der Bruder! Den ganzen Nachmittag war er schon wieder abwesend und nicht aufzufinden gewesen. Jetzt stand er draußen am Fenster und blökte die Zunge herein. Schimpfend erhob sich Schräger und ging hinaus. Nach kurzer Zeit kam er wieder und sagte, der Junge sei verschwunden. Vielleicht sei er nun schlafen gegangen. Man solle ihn sein lassen.

Draußen aber an der Gartenmauer des Buchenhofes kauerte Gustav Schräger. Er war unten im Dorfe gewesen in Polers Gasthaus, der Barbier hatte ihm viel Bier zu trinken gegeben, und alle hatten über den Idioten gelacht, bis ihn ein vernünftiger Bauer nach Hause jagte.

Jetzt kauerte der Bursche in halbem Dusel an der Gartenmauer. Manchmal sah er nach den erleuchteten Fenstern der Wirtsstube, ballte die Fäuste, knirschte mit den Zähnen oder blökte die Zunge heraus.

Dann suchte er in seinen Hosentaschen nach und brachte eine Schachtel Streichhölzer heraus. Ein böses Grinsen ging über das verblödete Gesicht, und die Fäuste ballten sich wieder.

Der Idiot betrachtete die Streichholzschachtel mit funkelnden Augen. Dann hielt er sie gegen das Ohr, schüttelte sie und freute sich an dem leisen Geklapper.

»Viel sind's,« grunzte er, »viel!«

Leise richtete er sich auf, wandte lauernd und spähend den Kopf und schlich endlich lautlos und gebückt die Gartenmauer entlang. Das Hoftürchen zum Buchenhof öffnete er. Es knarrte laut. Aber der Bursche ließ sich nicht abschrecken. Er sah sich nur ein wenig um und rannte dann schnell über den Hof bis zur Scheune.

Das Tor war nicht verschlossen, aber es verursachte ein Geräusch, als er öffnete. Nun war er in der Scheune. Er blieb stehen, holte tief Atem, und seine Augen funkelten.

»Oh! Ooh! Hoch! Hoch! Es wird brennen! Brennen!« Und er reckte die Arme in die Höhe.

Dann strich er ein Streichholz an. Es zerbrach und fiel verlöschend auf die leere Tenne. Ein zweites Streichholz! Es brannte, und in seinem Schein ging der Idiot nach dem getreidegefüllten Bansen.

»Du! Was machst Du da?«

»Jeses!«

Ein Schrei! Ein zweiter!

Das Streichholz erlosch. Eine Jagd ging los. Voran der Idiot, hinterher ein Knecht des Buchenhofes, der das Geräusch der Tore gehört hatte und dem Burschen nachgeschlichen war.

»Stehen bleiben! Halt! Stehen bleiben!«

Ein furchtbares Brüllen kam dem Jungen vom Munde. Er fiel über einen Gegenstand, stand auf, sprang weiter und fand in der Angst nicht das Tor. Es war rabenfinster. Man hörte das Keuchen der beiden Menschen. Ein paarmal streifte der Knecht mit der Hand den Jungen. Der aberwich immer geschickt aus. Es war ein furchtbares, entsetzliches Suchen und Haschen. – Eine Leiter stand da, die nach dem Getreideboden führte – jetzt faßte der Idiot die Leiter und stieg hinauf, lautlos wie eine Katze.

Der Knecht stand unten lauschend still. Wo war er?

»Wo bist Du, Lump? Wart', vielleicht auf der Leiter – wart', da krieg ich Dich!«

Ein Rutschen – ein schwaches Knacken – dann ein markerschütternder Schrei, und ein schwerer Körper sauste aus der Höhe auf die Tenne. Einen lallenden Schreckenslaut stieß der Knecht aus. Dann war Totenstille.

Auf das Schreien des Knechtes kamen die Leute mit Lichtern nach der Scheune gestürzt, dann eilte eine Magd über die Straße hinüber nach dem Kretscham. Sie riß die Tür auf und schrie in die Stube:

»Jeses, a Unglück, a Unglück! Der Gustav hat unsre Scheune anzünden woll'n, und da is a von der Leiter gestürzt und hat a Hals gebrochen!«

»Du – Du – o Du – ich – i – was – was? –«

Lotte stierte in wahnsinnigem Entsetzen die Magd an; wollte reden, schreien, fragen, konnte es aber nicht.

Heinrich nahm sie fest am Arm.

»Schräger! Herr Schräger! Ihr Gustav! Ach Gott, ach Gott! Den Hals gebrochen!« wimmerte die Magd.

Schräger saß da wie ein Bild aus Stein, gänzlich wortlos. Er stöhnte nur. Ein dumpfes Gurgeln drang ihm aus der Kehle; die Augen stierten entsetzt die Magd an, die immerfort weiter schrie, weiter jammerte, dann fingen seine Händean zu tasten, seine Füße an zu rutschen, und so glitt er schwer unter den Tisch.

Ein paar Minuten später brachten sie den Verunglückten auf einer Futtertrage herüber. Er war tot.

Auf die Diele der Gaststube legten sie ihn und standen dann alle stumm an der Tür. Schräger, dem Hirsel und Heinrich auf die Bank geholfen hatten, hatte lautlos zugesehen. Jetzt erhob er sich. Er wollte hingehen, aber die Glieder versagten ihm. Mitten in der Stube fiel er nieder, und ehe ihn die anderen aufrichten konnten, kroch er wie ein Tier auf Händen und Füßen zu seinem toten Kinde, legte sich mit seinem Körper über die Leiche und blieb zuckend und wimmernd liegen. Lotte führten die Frauen hinüber nach der Wohnstube. –

In später Nacht ging Heinrich Raschdorf heim. Als er die Lampe angezündet hatte, sah er sich scheu um. Das große Bild seines Vaters schaute von der Wand herunter. Und der Sohn sah das Bild an in der Stille dieser seiner Verlobungsnacht, und ein tiefes Schauern ging ihm durch Leib und Seele.

»Nun bist Du gerechtfertigt, Vater! Gerechtfertigt und gerächt!«

Dann stieg er langsam wie ein Kranker hinauf in seine Stube.

Ein stürmischer Tag folgte dieser Nacht. Der Wind jagte die Schneewolken über Wald und Dorf und peitschte Häuser und Bäume. Und also stürmte es auch in denGeistern der Leute. Wie ein Blitz ein schwarzes, enges Tal, in das kein Auge zu schauen vermochte, urplötzlich durchleuchtet, so war es hier. Die Leute erkannten nun, wer das erste Mal der Brandstifter gewesen war.

Die Arbeit ging an diesem Tage lässig in allen Häusern, denn alle Leute redeten, standen zusammen und plauderten erregt. Das fühlten alle: daß an den Buchenhofleuten schwer gesündigt worden sei. So manchen kam die Reue an, und er nahm sich vor, wieder gut zu machen, wo er etwa gefehlt habe. Die Männer namentlich bedauerten, daß sie der Einladung zur Verlobung im Kretscham nicht Folge geleistet hätten, weil sie dadurch den Raschdorf-Heinrich aufs neue gekränkt hatten. Den Barbier aber trafen die schwersten Vorwürfe, weil er dem Idioten Bier gegeben hatte, und alle meinten nun, er sei schuld an Gustav Schrägers grauenvollem Tode, er sei überhaupt immer der Hetzer und der Schuldige gewesen; ohne ihn wäre alles nicht so schlimm geworden.

So kam es, daß der Barbier in dieser Zeit seine Heimat verlor. Schon nach wenigen Wochen ließ sich ein flinker Konkurrent im Dorfe nieder, und ein wenig später zog der Barbier verachtet und heimatlos von dannen. Auch im Dorfleben ist die öffentliche Meinung souverän; wer bei ihr in Ungnade fällt, dem steht keine Berufung zu; er zieht in die Verbannung.

Über Schräger waren sich die Leute nicht einig. Seine Person blieb im Dunkel. Die Weiber waren geneigt, ihn zu verurteilen, aber die Männer meinten, nun sei es angebracht, recht oft in den Buchenkretscham zu gehen, um am Ende einmal etwas herauszukriegen oder zu erleben. –

Gegen neun Uhr vormittags ging Heinrich Raschdorf nach dem Kretscham. Die Leute hatten eben den Toten in eine leere Kammer zu ebener Erde gelegt. Eine Öllampe hatten sie ihm zu Häupten gestellt, die brannte in trübem Schein.

Erschüttert betrachtete Heinrich die Leiche. Der Verderber seines Hauses, der Bruder seiner Braut und alles in allem ein unglücklicher, beklagenswerter Mensch!

Draußen traf er die Stenzeln und fragte sie nach Lotte. Das Weiblein wischte sich mit der Schürze übers Gesicht. »Ach, du mein Gott! Die hat sich in ihre Stube geschlossen und kommt nicht heraus und gibt keine Antwort.«

Er stieg die Treppe hinauf und klopfte an ihre Türe.

»Lotte! Lotte!«

Ein leises Weinen.

»Lotte! Gib Antwort! Bist Du krank?«

»Heinrich, ich kann nicht heute – nicht heute –«

»Bist Du krank, Lotte? Sollen wir einen Arzt holen?«

»Nein, nicht – nicht! Ich bin nur müde – müde!«

»Reg' Dich doch nicht so auf, liebe Lotte! Ich bitte Dich!«

»Ja, Heinrich, ja!«

Er stand noch ein Weilchen an der Tür, aber sie sagte nichts mehr. So ging er und schärfte der Stenzeln ein, die Lotte nicht allein zu lassen.

Schräger war noch nicht zu sehen. Auch er hatte sich in seine Stube eingeschlossen und kam nicht heraus; er gab auch keine Antwort. Nur sein schlürfender Schritt war manchmal zu hören.

Schon gegen drei Uhr nachmittags erlosch der Tag. Heinrich kam aus der Stadt zurück, wo er einiges für das Begräbnis besorgt hatte. Wieder verlangte er Lotte zu sehen. Aber die Stenzeln überbrachte ihm nur die Bitte, sie ganz allein zu lassen.

»Stenzeln! Was macht sie denn? Was tut sie so allein?«

Die Frau zuckte die Schultern.

»O du mein lieber Gott! Was wird sie machen? Nischt! Sie sitzt da und grübelt und sagt kein Wort!«

»Stenzeln, bringen Sie ihr die Rosen und sagen Sie, ich will ihr heute Ruhe gönnen; aber morgen muß ich sie sehen. Auf jeden Fall! Und sie soll sich nicht grämen, der Gustav war ein armer, unglücklicher Mensch; er hat's nicht besser verstanden.«

Die Stenzeln nickte und versprach alles auszurichten. Dann ging Heinrich nach Hause.

Gegen sieben Uhr klopfte die Stenzeln an Schrägers Tür. »Herr Schräger, machen Sie auf! Sie müssen doch was essen!«

Er öffnete. Entsetzt wich die Stenzeln zurück. Dieser Mann sah aus wie ein zusammengeducktes, furchtsames Tier.

»Herr Schräger! Jeses! Wie sehn Sie denn aus?«

Er lehnte sich an die Wand und sah sie lauernd an.

»Ist jemand gekommen? Hat jemand gefragt?«

»Wer soll denn gekommen sein?«

»Niemand gefragt? Nach mir? Nach mir, Stenzeln?«

»Wer denn? O Gott, wer denn?«

»Stenzeln, wenn der Wachtmeister kommt, ich – ich bin nicht da! Hörst Du? – Nich da! – Fort – verreist! – Hörst Du?«

»O du mein Himmel, er kommt ja nicht! Ach Gott, so ein Unglück, so ein schreckliches Unglück!«

Er kam ihr ganz nahe.

»Stenzeln! Sagen die Leute was über mich?«

»Was sollen sie denn sagen?«

»Ich hab' nischt gewußt, Stenzeln! Hörst Du? Nischt gewußt! Sag's den Leuten! Ich – ich kann nich dafür, ich bin unschuldig! Hörst Du? Sag's den Leuten, sonst verklag' ich sie, sonst verklag' ich sie alle! Sag' ihnen das!«

Er sank auf einen Stuhl. Die Stenzeln fing an zu weinen.

»Kommen Sie doch mit herunter, Herr Schräger! Bleiben Sie doch nich so alleine!«

Er schüttelte sich.

»Geh' Stenzeln, geh' raus! Es kommt jemand im Hausflur. Geh'! Sachte! Sachte! Sag' nischt, Stenzeln, sag' nischt! Ich bin nich da! Hörst Du? Geh', geh' raus! Stenzeln, geh' raus!«

Er drängte sie durch die Tür und schloß hinter sich ab.

Tief in der Nacht war's. Die Lotte lag mit weit geöffneten Augen im Bett. Es war stockfinster in der Stube, und die Uhr war stehen geblieben. Draußen stieß der Sturm an den Giebel, und die Äste eines hohen Baumes schlugen manchmal an die Fenster.

Das Mädchen faltete die Hände. Da drückte sie etwas – das war der goldene Ring!

Sein Ring! Und drunten lag ihr Bruder!

Wie die Rosen dufteten!

»Er hat's nicht besser verstanden, der arme, unglückliche Mensch!«

So edel war der Heinrich!

Aber sie – sie? War es nicht ein Verbrechen, daß sie diesen Ring trug? Daß sie in einer Familie Liebe und Glück suchte, wohin ihr Bruder Armut, Not, Tod und Schande getragen?

Die Lene! O Gott, was würde die Lene sagen! Wenn sie das jetzt erfuhr, dann ruhte ihr Fluch über ihrer und Heinrichs Liebe, jetzt mit Recht.

Der Ring! Wie er grausam drückte!

Wenn sie sterben könnte, und das auslöschen könnte, dann stürbe sie gern, noch diese Nacht!

Da! – Draußen ging ein Schritt, ein ganz leiser Schritt! – Jetzt! – Ein matter Lichtschein huschte unten an der Türschwelle vorbei. Was war das? – Was war das? – Und nun ein Wimmern, ein furchtbares, schwer unterdrücktes Wimmern unten im Hausflur.

»O Gott, der Vater!«

Nach kurzer Zeit schlich sie die Treppe hinab. Sie beugte sich über das Geländer. Da sah sie ihn. In der offenen Tür zu der Totenkammer kniete er, zusammengekauert, den Kopf an den Türpfosten gepreßt.

Das Licht, das er getragen hatte, war erloschen; nur das Totenlämplein schien fahl aus dem Gewölbe.

»Vater! Vater!«

Sie flüsterte es. Entsetzt zuckte er zusammen.

»Wer ruft mich? O, Du Lotte, Du – bloß Du – bloß Du!«

Sie eilte hinab und faßte ihn an der Hand.

»Komm mit! Komm mit zu mir herauf!«

»Ja! – Ja! – Ja! – Lotte – zu Dir – oh – da – da –«

Er sah noch einmal auf den Toten, auf sein schreckliches, angstverzerrtes Gesicht und die zertrümmerte Stirn. Da schloß Lotte das Gewölbe.

Droben zündete sie mit bebenden Händen die Lampe an.

Als Licht wurde, stöhnte er auf. Dann würgte er um Worte.

»Ich halt's nich aus – ich muß Dir's sagen, es erwürgt mich – ich hab' so schrecklich Angst – Lotte – ich – ich bin schuld an allem!«

Sie sah ihn verständnislos an.

»Lotte, ich hab's ja gewußt, ich hab's ja immer gewußt.«

»Was? – Was?«

»Daß er – daß unser Gustav angezündet hat!«

»Das hast Du gewußt?«

Sie stammelte es.

Er sah sie an, duckte sich zusammen und stand wortlos da.

»Rede! Rede! Sag' alles! Alles! Rede! Sag's! Sofort! Sag' alles! Ich will's!«

Er ächzte, aber er brachte kein Wort heraus.

»Wann hast Du's gewußt?«

Der Verbrecher stand vor ihren zürnenden Richteraugen.

»Lotte! Hab' – hab' Erbarmen, Lotte!«

»Wann hast Du's gewußt?«

»Gleich – gleich am ersten Tage!«

»Vor dem Gerichtstag?«

»Ih – ih – ja – ja – vor dem Gerichtstag!«

Eine furchtbare Pause. Mit ganz leisem, teuflischem Pfeifen zog der Wind um die Ecke des Hauses.

»Du! – Du! – Du!«

Sie ging auf ihn zu mit furchtbarem Haß in den Augen.

»Sag' alles! Alles!«

»Ich – ich – ich hab' falsch – falsch geschworen, Lotte!«

Sie sprach nicht. Sie hörte nur –! Ein Posaunenstoß dröhnte übers Haus, ein Knirschen und Klappern und ein winselndes Wimmern.

»Falsch geschworen? Warum?«

»Den Buchenhof wollt' ich – den Buchenhof – für – für Euch.«

»Den Buchenhof wolltest Du?«

Das sagte sie mit gebrochener Stimme.

Dann ging sie langsam durch die Stube, schob den Vorhang vom Fenster weg und sah hinüber nach dem Buchenhofe.

Schräger setzte sich auf den Rand ihres Bettes und starrte sie an.

Sie stand regungslos, die Hände hingen ihr schlaff herab.

Nach langen Minuten wandte sie sich um. Langsam kam sie vom Fenster zurück und trat an den Tisch. Dort zog sie den goldenen Ring vom Finger, küßte ihn und legte ihn neben die Rosen.

»Was machst Du, Lotte?«

Sie sah ihn mit toten Augen an.

»Das ist jetzt natürlich aus! Die Tochter und die Schwester von solchen – solchen Verbrechern – – kann er nicht heiraten.«

»Was willst Du tun, Lotte?«

»Ich werd' ihm alles sagen!«

Er stöhnte auf.

»Ihm sagen!«

Dann war es still. Die Lampe qualmte auf. Nach einer Weile schlug ein Ast ans Fenster, und es sprang eine Scheibe. Da stand Schräger auf. Langsam ging er durch die Stube bis zu einem Korbe, nach dem er in der Zwischenzeit hingestarrt hatte.

Aus dem Korbe nahm er eine Wäscheleine. Lotte hörte das leise Geräusch, blickte auf und sah den Vater mit dem grauen Strick in der Hand.

»Vater!«

Er drehte sich nicht um.

»Vater!«

Sie war bei ihm, riß ihm den Strick aus der Hand und schleuderte ihn hinter sich. Er fiel auf ihr Bett und lag wie eine graue Schlange über den weißen Kissen.

»Wenn Du's ihm sagst, komme ich auf meine alten Tage ins Zuchthaus! Da is es besser – Schluß!«

»Vater, ich sag's ihm nicht – ich werd's ihm nicht sagen, ich werd' Dich ja nicht verraten, aber Du mußt alles tun, was ich will – alles!«


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