Kapitel 18

Kapitel 18

Im Buchenhofe schlug eine Uhr die dritte Morgenstunde. Heinrich Raschdorf lag wach im Bett. Aus dem Dämmerlicht leuchtete matt eine Silberschrift von der Wand: »Des Vaters Segen bauet den Kindern Häuser.«

Der Ruhelose schloß die Augen und sprach mit sich selbst, weil er sprechen mußte.

Der schuld war, lag drüben stumm und kühl. Seine arme Seele war hinüber. Und den Reinen gehört das Leben. Das zertrümmert nichts: kein Freundeszorn, kein Schwesterfluch. Auf ein reines Leben kommt kein Unsegen hernieder, auch nicht von einem Geopferten.

So kämpfte Heinrich Raschdorf wider sein empfindsames Herz. Er kämpfte lange vergebens. Drunten schlug die heisere Uhr viermal, dann fünfmal, ohne daß sich die Qual des jungen Mannes vermindert hatte. Erst gegen Morgen fiel er in schweren Schlummer.

Als der Tag lange schon ins Zimmer leuchtete, wachte Heinrich Raschdorf auf. Es war zehn Uhr vorbei. Hastig kleidete er sich an und ging sofort hinüber nach dem Kretscham.

»Ich hab's verschlafen, Stenzeln. Wie geht's? Was macht Lotte?«

Die Stenzeln ging nach der Kommode.

»'n Brief schickt sie, sie is in die Stadt. Um sieben schon. Sie muß sich ja die Trauersachen besorgen. Und der Herr is in seiner Stube und kommt nich raus. Da is der Brief! 's is a Jammer, wie das Kind ausgesehen hat heute früh.«

Heinrich zerriß den Briefumschlag und las einen Satz. Dabei schluckte er heftig, wischte sich mit dem Handrücken über die Augen und trat mit dem Briefe ans Fenster.

»Sie! – Sie! – Sie! – – Stenzeln! – – Da – da – sie ist ja fort – sie ist ja fort, Stenzeln!«

»Herr Raschdorf! Jeses, was reden Sie denn?«

»Stenzeln, sie ist fort! Sie kommt nicht wieder! Sie kommt nicht wieder!«

»Ach Gott, Herr Raschdorf, ach Gott. Das ist ja nich möglich – was –«

Er schob sie beiseite und stürmte die Treppe hinauf.

»Herr Schräger! Machen Sie auf!«

Von den Schlägen seiner Fäuste dröhnte die Tür.

Ein Stöhnen kam aus der Stube.

»Aufmachen! Ich hau' die Tür ein! Ich hau' wahrhaftig die Tür ein!«

Die Tür ging auf.

»Da – der Brief! Sie ist fort! Sie schreibt, sie will mich nicht heiraten! Sie kommt nicht wieder! Das ist ja verrückt! Das ist ja total verrückt!«

Schräger starrte mit bleichem Gesicht und weitgeöffneten Augen den rasenden jungen Mann an.

»So reden Sie doch! Reden Sie doch ein einziges Wort! Wissen sie, daß sie fort ist, daß sie nicht wiederkommt?«

Schräger keuchte.

»Ja!«

»Sie wissen's? Und Sie sagen mir nichts? Sie lassen sie fort? Sie lassen mich schlafen? Mensch!«

Er erhob die Fäuste gegen ihn. Schräger duckte sich zusammen.

»Wegen 'm Gustav! Bloß wegen 'm Gustav,« stammelte er.

»Wohin?! Wohin ist sie?«

»Ich – ich weiß nich.«

»Das ist nicht wahr! Das ist Schwindel! Das ist 'ne Lüge! Ich will's wissen! Wohin ist sie? Wohin ist die Lotte?«

»Sie – sie hat mir's nich gesagt.«

»Wohin ist sie?!«

Das schrie er.

»Ich weiß nich, wahrhaftig, ich weiß ja nich! Ich kann nischt dafür! Ich kann ja gar nischt dafür!«

Heinrich Raschdorf stand zitternd vor ihm. Auf Sekunden mußte er mit sich kämpfen, den Mann nicht zu mißhandeln, ihm nicht mit Gewalt das Geständnis zu entreißen. Dann aber warf er den Kopf zurück, grub die Hände in die Taschen und ging ein paarmal rasch durch die Stube. Schließlich setzte er sich auf einen Stuhl, Schräger gegenüber.

»Ich will ja vernünftig sein, ich will ja nicht schreien, ich will ja alles auf mich nehmen, aber das müssen Sie mir sagen, wohin sie ist. Es ist ganz klar, daß Sie mir das sagen müssen. Sie ist doch meine Braut!«

»Heinrich, ich weiß nich! Sie will weit fort. Und ich soll die Wirtschaft verkaufen, und dann soll ich nachkommen.«

»Wohin sollen Sie nachkommen?«

»Das weiß ich nich. Das wird sie erst viel später schreiben, sagte sie. Sie wird erst einen Ort suchen.«

Es wurde still. Heinrich Raschdorf starrte mit bewegungslosem Gesichte den alten Schräger an. Unten wurde die Tür geöffnet; – zwei Männer stapften in den Hausflur und setzten etwas nieder.

»Guten Tag! Wir bringen den Sarg!« sagten sie.

Der alte Schräger hörte es und legte die Hände über das Gesicht. »Ich wollte, es gält' mir!«

Heinrich hörte von alledem nichts. Nach einer Weile erhob er sich.

»Und sie hat nichts für mich hinterlassen als den Brief?«

»Sonst nichts!«

»Sagen Sie: Können Sie mir schwören, daß Sie nicht wissen, wohin sie ist, warum sie fortgeht, schon vor dem Begräbnis? Können Sie mir das schwören?«

»Schwören?! Nein, schwören tu ich nich! Nein! Aber ich weiß nich, wo sie hin ist. Ich hab' sie selber gefragt; sie sagte, ich würd' es Ihnen verraten, und gerade deshalb sagte sie mir's nich.«

»So leben Sie wohl, Herr Schräger! Ich hab' hier weiter nichts mehr zu tun.«

»Heinrich! Herr Raschdorf! Bleiben Sie noch, bleiben Sie noch ein kleines bißchen! Es ist schrecklich so alleine. Und dann – ich hab' eine Bitte, die hat mir noch die Lotte aufgegeben.«

»Was?«

Schrägers Gesicht wurde feuerrot, und das Wasser stieg ihm in die Augen.

»Was für eine Bitte?« drängte Heinrich.

»Kaufen Sie mir – kaufen Sie mir meine Wirtschaft ab. Ich – laß' sie Ihnen für das halbe Geld.«

Die Tränen liefen dem Manne übers Gesicht, und man sah, wie er die Worte unter furchtbarem Schmerz und schwerer Überwindung hervorbrachte.

»Ihre Wirtschaft? Das will die Lotte?«

»Ja! Ich hab's ihr in die Hand versprochen. Und wenn ich's nich tue, seh' ich sie nich wieder.«

Heinrich war nicht gleich fähig, etwas zu sagen. Nach einer Weile erst fragte er:

»Warum will sie das?«

»Sie meint, weil Ihr – weil die Raschdorfs durch uns – ich will sagen durch unseren armen Gustav geschädigt worden sind.«

»Ja so! Und vielleicht auch, weil sie mich ohne Abschied im Stich läßt. Da soll ich eine Wirtschaft zu halbem Preis kriegen. Eine Abfindung soll ich bekommen.«

Er lachte bitter. Sie ging nicht nur ohne Abschied von ihm, sie schied mit einer Beleidigung.

»Herr Schräger, ich mag Ihre Wirtschaft nicht, ja, Sie können erleichtert aufatmen! Ich mag sie nicht umsonst! Sie ist auch umsonst noch zu teuer. Wenn die Lotte das Gewissen drückte, dann hätte sie wissen müssen, daß es einen einzigen Schadenersatz für mich gab, und das war sie selbst. Mit einer Wirtschaft ist mir nicht gedient. Im Gegenteil!Wenn Sie den Buchenhof haben wollen, spottbillig haben wollen, können Sie ihn heute oder morgen haben. Heute oder morgen, je eher, je lieber!«

Ein ganz leises, verirrtes Leuchten blitzte durch die Äuglein des alten Wirts; es erlosch gleich wieder.

»Den Buchenhof? Billig? – Was nützt's! Es is zu spät! Es geht nich mehr!«

»Und hat Ihnen die Lotte nicht gesagt, wann sie Ihnen Nachricht geben will?«

»Ja! Zeitigstens in einem Jahre! Ich hab' ihr tausend Mark mitgeben müssen. So lange das reicht, schreibt sie nich.«

»So leben Sie wohl, Herr Schräger! Lassen Sie sich's gut gehen!«

»Bleiben Sie noch ein bißchen, ein kleines bißchen.«

»Nein! Ich hab' keine Zeit. Ich habe schon zu viel Zeit hier zugebracht. Leben Sie wohl!«

Die Treppe ging er hinab. Er hielt sich fest an das Geländer und schwankte doch und trat schwer auf.

Unten aus dem Hausflur klang Schritteschlürfen und gedämpftes Sprechen. Sie legten den Toten in den Sarg.

Heinrich wandte sich nicht um, und als die Stenzeln kam und ihn in der Haustür am Ärmel faßte, schüttelte er sie ab.

Drüben in seiner Wohnstube sah er sich um.

Da war er! Da kam er wieder! Er kam von drüben, kam wieder nach Hause.

Sein Lachen schallte unheimlich auf.

»Ist das schön! Ist das schön zu Hause!«

Langsam setzte er sich hinter den Tisch und lehnte den heißen Kopf gegen die kühle Mauer. Die Augen starrten ausdruckslos nach der Decke; der Mund war ein wenig geöffnet. Wie schwere Betäubung lag's auf seiner Stirn. Eine graue Spinne kroch aus einem Winkel, blieb an der Decke gerade über ihm stehen und starrte ihn mit ihren unbeweglichen Augen unheimlich an.

Lange saß er so am Tisch, ohne sich zu rühren. Dann ging er schwer durch die Stube, zog Lottes Brief aus der Tasche, öffnete den Ofen und warf den Brief hinein.

»Da, du verfluchter Wisch! Da brennst du, brennst wie Schwefel! Oho, da steht das Wort »Liebe«! Siehst du, wie schön eine Lüge brennt? O ja! Und jetzt ist's gut, jetzt ist's aus!«

Er setzte sich auf die Ofenbank. Des Vaters Jagdgewehr fiel ihm ein. Es war zweiläufig. Die eine Patrone war abgeschossen, die andere steckte noch. Am Ende wäre sie noch brauchbar. Schade um so eine Patrone, wenn sie jahrelang unbenutzt in einem Laufe steckt!

Er sah hinüber nach des Vaters Bilde.

»Jawohl, du – wir haben hübsche Nachbarsleute! Da ist was zu holen, etwas ganz Bestimmtes, das keiner zweimal braucht!«

Eine halbe Stunde verging. Grauen, Schmerz, Wut wechselten in seiner Seele ab, über alles ging eine riesengroße Verwunderung, die Verwunderung, daß ein Mensch so handeln könne wie die Lotte, die Verwunderung, daß einen Menschen ein so jammervolles Schicksal treffen könne wie ihn. –

Das Hoftürchen ging draußen, und ein Männerkopf wurde an den Fenstern sichtbar – Mathias!

Heinrich rührte sich nicht, sagte auch kein Wort, als es leise an die Tür klopfte. Da öffnete Mathias behutsam und trat ein.

»Heinrich!«

Der regte sich nicht und sah auf den Fußboden.

»Heinrich, die Lotte schickt mich zu Dir! Sie hat mir einen Brief geschrieben.«

»So? Dir auch? Da kannst Du lachen! Mein Brief steckt schon im Ofen!«

Mathias trat zu ihm und legte ihm eine Hand auf die Schulter.

»Wir müssen miteinander reden, Heinrich!«

»Reden? Nein! Ich will nicht! Tu mir den Gefallen und geh' wieder. Was kommst Du wieder? Ich kann niemand gebrauchen. Dich auch nicht! Wirklich nicht! Sieh mich nicht so an! Es ist mir lästig!«

Mathias legte ihm beide Hände auf die Schultern.

»Nein, alter Heinrich! Ich geh' nich! Ich geh' bestimmt nich! Ich geh' überhaupt nich mehr!«

Heinrich schüttelte die Hände ab.

»Gehst überhaupt nich mehr? Meinetwegen! Mir ist's egal! So bleib' halt!«

Mathias ging nach dem Tische, nahm sich einen Stuhl und setzte sich.

»Weißte was, Heinrich, ich hab' mir's auf 'm Wege hierher überlegt – Du mußt fort!«

Heinrich hob das Haupt und sah den Alten kurz und scheu an.

»Fort? Stimmt! Ich muß fort! Da hast Du recht.«

»Ja, wenigstens auf a Jahr. Nach Breslau mußt Du! Fort hier aus dem Loche, wo Dir das Leben leid wird. In Breslau mußte Dich amüsieren oder a bissel studier'n oder Geld totschlagen, is alles egal, bloß, Du mußt hin!«

Heinrich lachte.

»Täusch' Dich bloß nicht! Ich geh' schon, geh' schon, aber nach Breslau? Nein! Täusch' Dich bloß nicht!«

»Da is gar nischt zu täuschen! Du bist a ganz verpfuschter Kunde, Heinrich! Zum Bauer taugste nich, mit a Leuten verstehste Dich nich, der alte Großknecht und die Schwester laufen Dir fort, die Braut rückt och aus – Du paßt höchstens in die große Stadt. Dort wirste noch als a Staatskerl gelten, dort gibt's viele solche Knöppe wie Du einer bist!«

Heinrich sah auf.

»Weißt Du nicht sonst noch ein paar Witze, Mathias?«

»Witze sind das nich, Heinrich! Sieh mal, darauf kannste nu Gift nehmen: die allermeisten Menschen sind riesig dumm. Ich och und Du erst recht! Ich alter Esel rück' aus, weil mir was nich paßt, und Du junger Kerl sitzt dort, wo für Dich 's meiste Pech hingeschmiert is. Und das sag' ich Dir: die Schräger-Lotte hat zehnmal mehr Verstand im Leibe, wie Du und ich zusamm'n.«

Heinrich lachte höhnisch.

»Ja, das muß man sagen!«

»Man muß wirklich sagen! Die hat 'n Charakter! Das is amal eine, die nich an sich denkt. Dagegen sind wir alle klunkrige Kerle. Und was das Schlimmste is, daß ich das erst einseh'n lern', wo sie fort is. Das is a Prachtmädel, die Lotte!«

Heinrich stand von der Ofenbank auf.

»Ich möchte wissen, was das alberne Gerede für einen Zweck hat. In Wirklichkeit ist sie eine dumme Gans, oder religiös-verrückt, oder so – alles dasselbe! Weil ihr blödsinniger Bruder meinem Vater die Scheune angezündet hat, läuft sie mir fort, macht sie mich unglücklich. Damit sühnt sie das! Na, Mensch, siehst Du nicht ein, daß das hirnverbrannt ist?!«

Er lachte, daß er sich schüttelte.

Mathias sah ihn milde an.

»Auf a bissel Geschimpfe kommt's nich an, Heinrich. Aber das sag' ich Dir: wenn Du Dich etwa umbringen tät'st, wärste a Schmachtlappen!«

Der junge Buchenbauer fuhr wild auf.

»Was?! Wie?! Wer sagt das! Was geht Dich das an? Was? Hast Du mir was zu sagen? Du?!«

»Nö! Aber raten möcht' ich Dir was: Leg' Dich a bissel schlafen!«

»Mathias! Bist Du denn besoffen? Wie kommst Du denn bei meiner jetzigen Lage zu solch dämlichem Gerede?«

»Es wär' Dir sehr gutt, wenn Du a bissel schlafen tät'st, nachher könnt' man doch mit Dir reden. Ob Du nu willst oder nich, das is egal. Wir müssen auch endlich amal miteinander verrechnen. Wer weiß, was nu aus Dir wird, und um mein Geld möcht' ich nich kommen.«

Der Buchenbauer sah Mathias unsicher an.

»Das sind Ausreden! Um das Geld ist Dir's nicht. Ich versteh' Dich schon!«

»Schön, wenn Du mich verstehst! Jawohl, ich geh' Dir nich vom Halse, bis Du schläfst, oder bis Du wieder andere Augen hast – nich solche! Verstehste mich? Und rausschmeißen kannste mich nich, keen Knecht packt an, und alleine biste zu schwach. Ich geh' Dir nich vom Leder, Heinrich, Du magst machen, was Du willst.«

Heinrich Raschdorf trat mit verbissenem Zorn ans Fenster. Der Mann wollte ihn durch das Gerede um seine Stimmung bringen, um seine Stimmung. Das merkte er.

»Mathias, Du hast mich seither nicht gefunden, warum kommst Du jetzt? Ich brauch' Dich nich, ich will Dich nich! Ich will, daß Du mich machen läßt, was ich Lust hab'! Ich nehm' von Dir keine Lehre mehr an, verstehst Du! Und wenn Du durchaus hier bleiben willst, gehe ich!«

»Wenn Du gehst, geh'n wir zusammen, Heinrich,« sagte Mathias und erhob sich.

Voll Ingrimm sank der junge Buchenbauer auf einen Stuhl.

Bis gegen zwei Uhr nachmittags zankten sie miteinander. Gegen drei Uhr schlief Heinrich Raschdorf wirklich auf dem Sofa ein. Seit drei Nächten hatte er nicht mehr ordentlich geschlafen, und es lag wie schwere Betäubung auf seinem Hirn.

Mathias setzte sich in den Lehnstuhl am Fenster und wachte bei ihm. Durch den tiefen Ernst seines Gesichtes schimmerte ein Lächeln über den Sieg, den er errungen. Nach einiger Zeit kam der Schaffer in die Stube getappt.

»Pst! Tritt doch nich so auf, Mensch!«

Der Schaffer zog die Holzpantinen aus und nahm sie in die Hand.

»Is wahr?« fragte er leise und zeigte mit den Pantinen erst auf Heinrich und dann nach dem Kretscham.

Mathias nickte.

»Ja, sie is fort! Weil ihr Bruder angezünd't hat, denkt sie, sie darf nich als Frau uff a Buchenhof kommen. Sie hat zuviel Ehrgefühl.«

Dem Schaffer fiel eine Pantine auf den Fußboden.

»Pst – Mensch! Halt' doch Deine Latschen feste! A muß schlafen!«

»A is wull – a is wull – ganz disperate um a Kopp?«

»Ja, aber geh' lieber raus! Ich erzähl' Dir's heute abend.«

Der Riese bückte sich gehorsam nach seinem verlorenen Pantoffel und schlich aus der Stube.

Der Abend kam. Mathias saß noch immer im Lehnstuhl und sah nach dem Schlafenden, manchmal sehr sorgenvoll, aber dann auch wieder mit all seiner zärtlichen Liebe. Es war doch sein guter, lieber Heinrich! Er hatte ihn schwer vermißt die wenigen Wochen und nur immer keinen Mut gefunden, wieder zu ihm zu gehen. Jetzt kann er ihn ohne allen Groll anschauen. Die Liese ist im Frieden. Die einzige von allen, die im Frieden ist! Die anderen alle sind zerstreut in der Fremde.

Nun war es schon ganz finster, und Heinrich schlief noch immer. Draußen pfiff der Wind durch die Äste der Bäume.

Da ging die Tür leise auf. Eine dunkle Gestalt erschien und blieb regungslos stehen.

»Wer kommt? Wer ist da?« flüsterte Mathias.

Ein leises Schluchzen kam von der Tür.

»Mathias! Ich bin's!«

»Lene! Du?«

Er ging hin, faßte sie an der Hand, zog sie nach dem Hausflur und schloß vorsichtig die Tür.

»Wo kommst Du her? Was willst Du?«

»Die – die Schräger-Lotte hat an mich geschrieben. Heute nachmittag kriegt' ich den Brief.«

»Auch an Dich? Komm mit 'rauf, Lene; da drinnen schläft der Heinrich.«

In der Giebelstube saßen sie beide zusammen. Lene lag mit dem Gesicht auf dem Tisch. Mathias las den Brief.

Liebes Fräulein Raschdorf!Eine Unglückliche schreibt an Sie. Ich bin die Braut Ihres Bruders geworden, weil ich ihn liebte und weil ich des festen Glaubens war, daß die Vorwürfe, die Sie und Mathias Berger meiner Familie machten, unbegründet seien. Durch den Tod meines unglücklichen Bruders habe ich die traurige Gewißheit gewonnen, daß ich mich getäuscht habe und daß Sie im Recht waren. Deshalb gebe ich die Verlobung auf, weil ich nicht in ein Haus eindringen will, das durch meine Familie so schwer geschädigt worden ist. Ich gehe in die Fremde und bin, wenn Sie diesen Brief bekommen, schon weit von der Heimat, wohin ich nie zurückkehren will. Ich gehe fort, weil IhrBruder alles versuchen würde, mich umzustimmen, weil ich mich zu schwach fühle, auf die Dauer zu widerstehen, unfähig, ihm auch nur noch einmal unter die Augen zu treten, und weil ich nicht sein werden könnte, ohne ihn zu betrügen. Ich bitte Sie um alles Kummers willen, den Sie durch uns erfahren haben, um Verzeihung und flehe Sie an, zu Ihrem unglücklichen Bruder zurückzukehren, da er jetzt nicht allein sein kann und darf.Charlotte Schräger.

Liebes Fräulein Raschdorf!

Eine Unglückliche schreibt an Sie. Ich bin die Braut Ihres Bruders geworden, weil ich ihn liebte und weil ich des festen Glaubens war, daß die Vorwürfe, die Sie und Mathias Berger meiner Familie machten, unbegründet seien. Durch den Tod meines unglücklichen Bruders habe ich die traurige Gewißheit gewonnen, daß ich mich getäuscht habe und daß Sie im Recht waren. Deshalb gebe ich die Verlobung auf, weil ich nicht in ein Haus eindringen will, das durch meine Familie so schwer geschädigt worden ist. Ich gehe in die Fremde und bin, wenn Sie diesen Brief bekommen, schon weit von der Heimat, wohin ich nie zurückkehren will. Ich gehe fort, weil IhrBruder alles versuchen würde, mich umzustimmen, weil ich mich zu schwach fühle, auf die Dauer zu widerstehen, unfähig, ihm auch nur noch einmal unter die Augen zu treten, und weil ich nicht sein werden könnte, ohne ihn zu betrügen. Ich bitte Sie um alles Kummers willen, den Sie durch uns erfahren haben, um Verzeihung und flehe Sie an, zu Ihrem unglücklichen Bruder zurückzukehren, da er jetzt nicht allein sein kann und darf.

Charlotte Schräger.

Mathias Berger schob den Brief zurück und wurde rot im Gesicht.

»Lene, wir haben ihr unrecht getan. So – so wie die wird selten eine sein.«

Das Mädchen antwortete nicht; sie schluchzte nur heftig. Nach einer Weile sagte sie:

»Sie muß zurück – sie muß zurück zu ihm!«

»Geht nich, Lene, geht ja nich! Es weiß niemand, wo sie is, nich amal ihr Vater!«

Und an den zwei Menschen erfüllte sich wieder, was so alt ist wie die Welt: In allen Feindseligkeiten der Menschenkinder ist es die edle Tat allein, die den Sieg findet, die hinübergeht ins feindliche Lager, den Gegner anschaut mit milden, magnetischen Augen und, während sie ihn verwirrt und bestürzt macht, ihm die Waffen sacht, aber unwiderstehlich aus der Hand nimmt.

Die beiden schämten sich voreinander und vor sich selbst. Dann suchten sie einen Trost herbei: sie hätten's nicht besser gewußt.

Sie sprachen eine Weile miteinander, dann gingen sie leise hinab nach der Wohnstube. Die Lampe brannte, und Heinrich saß am Tisch. Er schaute nicht auf, als sie eintraten.

Wieder blieb die Lene an der Tür stehen; dann plötzlich eilte sie durch die Stube und kniete vor dem Tisch nieder.

»Heinrich!«

Er sah sie überrascht an.

»Lene – was willst Du hier?«

Das Mädchen war unfähig, ein Wort zu reden.

Mathias faßte Heinrich um die Schultern.

»Sei gut, Heinrich! Die Lotte hat an sie geschrieben. Sie sieht ja jetzt auch ein, daß sie der Lotte unrecht getan hat, und ich auch.«

Heinrich lachte.

»Das ist alles, was sein kann, daß Ihr das einseht! Das ist ja gerade noch zeitig genug. Nachdem alles kaput gegangen ist, sehen sie's ein!«

»Heinrich, laß mich wieder hier, laß mich wieder bei Dir!« schluchzte Lene.

»Nein! Wer fortläuft, braucht nicht wiederzukommen! Niemand! Nicht Mathias, nicht Du und auch die drüben nicht! Sie hätte nicht nötig gehabt, so heimlich zu tun; ich hätt' sie nicht geholt. Und Dich brauch' ich nicht mehr! Ich brauch' niemand!«

Die Lene erhob sich.

»Soll ich – soll ich wirklich gehen, Heinrich?«

»Ja!«

»Nein, sie geht nich, und ich geh' auch nich! Wir bleiben hier. Morgen früh, wenn Du willst, werden wir gehen.Nich jetzt in dem Wetter und in der Nacht! Das kannste nich verlangen!«

Heinrich antwortete nicht. So setzten sich beide an den Tisch. Eine Weile waren alle stumm, dann sagte Mathias:

»Heinrich, willste uns nich sagen, was Du machen wirst?«

»Ist nicht nötig!«

Da sagte Mathias nichts mehr. Er wußte, daß der junge Buchenbauer, in dem es fürchterlich arbeitete, von selbst sprechen würde. So kam es auch. Er sprang nach einer Weile auf und reckte die Arme in die Luft.

»Fort muß ich – fort, fort aus diesem elenden, verfluchten Hause – oder – oder –«

»Heinrich, sieh mal, es wär' schon gutt, wenn Du vernünftig mit uns reden tät'st. 's beste is, Du verkaufst a Hof, und bis Du ihn los bist –«

»Soll ich hier bleiben? Hier? Nicht einen Tag! Nicht einen halben Tag mehr!«

»Das sag' ich auch. Du mußt bald fort! Morgen! Und daß die Wirtschaft nich allein is, bleiben die Lene und ich hier, bis wir sie los sind. Dann schicken wir Dir das Geld, und Du brauchst Dich um nichts weiter mehr zu kümmern, auch um uns nich.«

Darauf hörte Heinrich, und es kam eine Unterredung zustande, bei welcher Mathias Berger fast ganz allein sprach, in deren Verlauf er aber doch den jungen Buchenbauer vollends für seine Pläne zu bestimmen wußte.

So nahm Heinrich Raschdorf am anderen Tage Abschied vom Buchenhofe. Er war blaß, sonst verriet keine Miene seine Aufregung. Mit Mathias und Lene sprach er nur von rein geschäftlichen Dingen. Dem Mathias würde er alsbald eine gerichtliche Vollmacht schicken, den Buchenhof zu verkaufen.

Kurz nach Mittag gab er dem Schaffer den Befehl, anzuspannen. Er selbst trat noch einmal in die Wohnstube.

»Meine Kleider und Bücher schickt Ihr mir nach, wenn ich Euch meine Adresse werde geschrieben haben!«

»Ja, Heinrich!«

»Sonst bleibt alles hier! Ihr könnt ja Auktion machen. Und wenn Ihr selbst was zum Andenken behalten wollt, nehmt Ihr's Euch vorweg. Ich will nichts.«

»Ja, Heinrich!«

Er ging noch einmal durch die Stube und sah auf einige Sekunden zum Fenster hinaus. Dann wandte er sich um.

»So lebt wohl! Der Schaffer wird fertig sein.«

Die Lene brach in leidenschaftliches, lautes Weinen aus, und Mathias hielt sich bleich an der Tischecke fest.

Heinrich blieb mitten in der Stube stehen. Ein paarmal hob sich seine Brust krampfhaft, dann zuckte er die Schultern und ging rasch hinaus.

Unhörbar glitt der Schlitten aus dem weitgeöffneten Tor des Buchenhofes, das bald darauf ein Knecht verriegelte.

Mit geschlossenen Augen fuhr Heinrich Raschdorf den Bergweg entlang; erst als er in den Wald kam, blickte er auf.

Jetzt war nichts mehr von den Höfen zu sehen, nichts mehr vom Dorfe. Es lag alles hinter ihm begraben dort unten in dem verschneiten Tal. Nur die Stelle sah er, wo er ihr einmal die Maiglöckchen gepflückt hatte. Dort lag jetzt eine Schneeschanze. Und das Brünnlein, das damals so lieblich durch die Mittagsstille sang, war tot und still.

Ein Weilchen später tagte ein Turm auf. In dessen Nähe war der Bahnhof. Dort liefen in die weiße, dunstige Ferne die Eisenschienen hinaus in die Welt.

Gestern sie – heute er! Jedes seinen Weg! Viel Schienen laufen vom gleichen Platz, die sich auf keiner Station der Welt mehr kreuzen.


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