Kapitel 19
Auf dem Freiburger Bahnhof in Breslau stand ein Rekrut. Zwei Bahnschaffner und drei Frauen hatte er bereits gefragt, ob denn der Zug von Waldenburg her immer noch nicht komme, und jedesmal erfahren, daß er sich noch gedulden müsse. So setzte er sich verdrossen auf eine Bank der zugigen Halle, zog ein Telegramm aus der Tasche und las:
»Heinrich kommt vier Uhr nach Breslau. Abholen! Wichtiges vorgefallen. Mathias.«
Hannes befühlte seine Soldatenbeine. Es steckte jetzt noch ein furchtbarer Schreck darin, denn er hatte immergedacht, ein Telegramm könne bloß kommen, wenn jemand gestorben sei. Er hatte auch augenblicklich angefangen zu heulen, als ihm das Telegramm übergeben wurde, und dafür von seinem Hauptmann, der zufällig anwesend war, einen Rüffel und gleich hinterher »Nachturlaub« bekommen, als dieser das Telegramm gelesen hatte. So war der Alte: erst anschnauzen und dann von selber Urlaub geben!
Die Beine, die Beine! Hannes ist fest überzeugt, daß er hinkt, wie er so in schweren Gedanken wieder durch die Halle schreitet. Wichtiges vorgefallen! Er ahnte, daß es nichts Gutes sein könne, und war überhaupt nicht für »wichtige« Dinge.
Da fuhr der Zug donnernd in den Bahnhof! Der junge Vaterlandsverteidiger lehnte sich an eine Säule und ließ die Leute an sich vorübergehen. Nicht lange, da sah er ihn, den er suchte.
»Heinrich! Heinrich, was ist denn passiert? Was ist denn Wichtiges passiert?«
»Du – Hannes! Wo kommst Du her? Woher weißt Du denn, daß ich –«
»Vorsicht! Platz da! Vorsicht!«
Sie gingen hinaus auf den freien Platz vor dem Bahnhof.
»Heinrich, sag' mir, ist jemand gestorben?«
Der sah ihn ernst und wortlos an.
»Heinrich, sag' mir's doch! Ist – ist vielleicht mein Vater gestorben?«
Dem Rekruten schoß das Wasser in die Augen.
»Nein, Hannes! Sie sind alle gesund. Nur ich – nur ich wäre beinahe gestorben.«
»Du? Was fehlt Dir?«
»Jetzt nichts mehr! Jetzt fehlt mir gar nichts mehr!«
In einem Gasthause fanden sie einen stillen Winkel. Dort erzählte Heinrich kurz, hart, oft vom eigenen Lachen unterbrochen, was ihn hergeführt habe. Was er hier wolle, wisse er nicht. Nur von Hause wolle er fort sein. Es sei ja so herrlich in Breslau. Dann gingen sie auf Heinrichs Wunsch in ein Variété. Und ob Hannes noch im Gasthause steinunglücklich gewesen war, hier war er überrascht von den blendenden Dingen, die auf der Bühne vor sich gingen, und er vergaß vor lauter Staunen allen Kummer.
Heinrich saß still neben ihm. Er fühlte den Hohn dieser Lage. Vor einer Woche, ja noch gestern früh hätte er das nicht gedacht.
Eine Tiroler Sängertruppe trat auf. Sie sang ein Heimwehlied. Da ging Heinrich nach dem Büfett und trank ein Glas Bier, während Hannes in stummer Andacht dasaß. Die ganze Nacht saßen sie in Gasthäusern herum, und beiden glühte der Kopf. Bis zur Kaserne begleitete Heinrich seinen Freund.
»Gute Nacht, Hannes! Du warst noch der einzige, der mir treu geblieben ist, Du und Dein Vater. Jetzt werden wir uns ja hier auch manchmal sehen!«
Dann, wie er durch die nächtlichen Straßen irrte, wußte er: Es gibt keinen Ort, wo man so sterbensallein sein kann, wie in der großen Stadt.
Der Gymnasialdirektor war von jeher Heinrich Raschdorf sehr gewogen gewesen. Er erinnerte sich seiner sehrwohl; denn Heinrich war ehemals ein Freund seines Neffen und als solcher auch einigemal im Hause des Direktors zu Besuch gewesen.
Jetzt, als er die Lebens- und Leidensgeschichte seines früheren Schülers erfuhr, wurde sein Interesse wieder in hohem Maße wach. Es ergab sich, daß die jahrelangen, eifrigen Studien Heinrichs von großem Erfolg gewesen waren, und der Direktor versicherte, wenn Heinrich Privatunterricht nähme und fleißig studiere, würde er alle Aussicht haben, beim nächsten Abiturium als Hospitant das Examen zu bestehen.
So mietete sich Heinrich ein Zimmer und ergab sich eifrig dem Studium. Es wunderte ihn, daß eine heimliche Freude in ihm aufgeblitzt war, als der Direktor ihm die erfreuliche Aussicht eröffnet hatte. Und als er sich selbst einen Stunden- und Arbeitsplan entwarf und seine Bücher ordnete und aufstellte, mutete ihn das neue, fremde Zimmer ein ganz klein wenig heimatlich an.
So kam es, daß Heinrich Raschdorf ein stiller Mann wurde, einer, der nie lachte, aber auch nicht mehr klagte oder mit dem Schicksal grollte.
An den Sonntagen besuchte ihn Hannes. Der brachte immer ein gut Teil urwüchsiger Laune mit. Heinrich ließ ihn plaudern und lachen. Nur von der Heimat durfte er nicht reden. Und Heinrich Raschdorf wußte gar nicht, daß er in diesem schlichten, gutmütigen Hannes immer noch ein Teilchen Heimat liebte und für seine Sonntagssehnsucht begehrte, denn ohne Hannes wäre kein Sonntag gewesen.
Kleine Episoden ereigneten sich, die den Kampf ums Vergessen erschwerten. Einmal stiegen die jungen Freunde auf die Liebichshöhe. Es steht da ein stattlicher Aussichtsturm, von dem man das Häusermeer der Stadt Breslau gut übersehen kann und auch einen schönen Fernblick genießt. Hannes verfiel wieder ins Staunen, Heinrich aber schaute über die Stadt hinaus. Weit in dunstiger Ferne, im Südwest waren die Waldenburger Berge sichtbar, die Berge seiner Heimat. Das wußte er noch von seiner ersten Gymnasialzeit her, wo er oft dort oben seine Träumer- und Heimwehstunden gehabt hatte. Und auch jetzt konnte sich seine verbitterte Seele der tiefen Poesie, die von den Bergen der Heimat herüberstrahlte, nicht ganz verschließen.
Ja, es ist so: Wenn uns Menschen eine Sehnsucht faßt, stehen wir immer auf einem hohen Turm, von dem wir nach der Heimat schauen.
»Du, Heinrich, wo guckst Du hin? Dort nach dem großen Hause mit dem runden Dache und dem Stern oben? Das is die Synagoge, das is nämlich die Judenkirche.«
Heinrich antwortete nicht, er stand ins Schauen versunken stumm da.
Da legte auch Hannes die Hand über die Augen und sah in die Ferne. Und da kam eine große Beweglichkeit in ihn.
»Du, Heinrich, was – was sind denn das für Berge ganz da hinten? Dort? Dort drüben!«
»Rat' mal, Hannes, rat' mal!«
»Ich weiß nich – es sind doch nich, es sind doch nich etwa –«
»Ja! Die Waldenburger Berge sind's!«
»Heinrich!«
Der stieg schon rasch die Treppe hinab, während der Rekrut wie gebannt dort oben stand und keinen einzigen Blick mehr übrig hatte für die große Stadt, sondern mit sehnsüchtigen Augen nach dem Horizont schaute, an dem doch nichts zu sehen war als ein paar matt abgegrenzte, graublaue Linien. –
Ein andermal kam Hannes zu Heinrich, legte ein Paket auf den Tisch und sagte:
»Da! Es ist Wurst! Es ist a Schiff von Hause gekommen, und da haste die Hälfte!«
Heinrich sah ihn unwillig an.
»Wer heißt Dich das, Hannes?«
»Niemand! Ich selber! Ich will mich auch amal nobel machen, weil Du mich doch immer freihältst.«
»Du nimmst das Zeug wieder mit, Hannes! Ich hab' genug zu essen!«
»Ich och! Und zu trinken och! Und für mich braucht keen Mensch mehr zu bezahl'n, wenn Du das nich nimmst; ich hab' meine Löhnung. Verstehste?!«
Heinrich mußte die Wurst behalten; aber an dem Abend, da er davon aß, konnte er nicht studieren. So schenkte er den ganzen Vorrat seiner Wirtin. –
Als das Frühjahr kam, wurde Heinrich unruhig: der Bauer regte sich in ihm. Täglich dachte er an die Feldarbeiten, für die nun die Zeit gekommen war, und einmal ging er soweit spazieren, bis er einen pflügenden Bauer traf. Dem sah er länger als eine halbe Stunde zu. Langsam und intiefen Gedanken ging er dann noch am Oderfluß entlang, und als er heimkam, schrieb er an Mathias, er solle einstweilen seine Bemühungen um den Verkauf des Buchenhofes einstellen. Er selbst werde allerdings nie nach Hause zurückkehren, aber es könne doch sein, daß er für den Hof noch eine andere Bestimmung träfe. – So kam die Zeit des Examens heran. In den letzten Monaten arbeitete Heinrich mit Anspannung aller Kräfte, und sein Gesicht wurde blaß und schmal. Die Hände waren längst wieder weiß und weich.
Einige Zeit später erhielt Hannes wieder ein Telegramm. Er erschrak abermals heftig, beschloß aber, sich diesmal in keine vorzeitige Trauer zu stürzen, sondern öffnete und las:
»Examen bestanden. Komme so bald als möglich zu mir. Heinrich.«
Der junge Kriegsmann stand ganz fassungslos, erstens, weil der Heinrich nun ein wirklicher Student war, und zweitens, weil es möglich war, aus demselben Ort, wo man lebt, ein Telegramm zu erhalten.
Er besorgte sich Urlaub, überzählte sein Geld, lieh sich noch drei Mark hinzu, kaufte einen Bierkrug und machte sich mit dem Geschenk auf den Weg zu Heinrich.
»Heinrich! Mensch! Ich bring' Dir ein sehr schönes, teures Bierseidel, weil Du doch jetzt Studente bist!«
Da lachte Heinrich Raschdorf seit langer Zeit wieder das erste Mal.
Er schüttelte dem Freunde die Hand.
»Hannes, alter Kerl! Freust Du Dich wirklich so?«
»Freuen? Ich freu' mich so schrecklich, daß ich jetzt bestimmt wieder mal Arrest krieg'. Denn ich hatte ganz gewiß gedacht, Du fällst durch!«
Als sie dann beisammen saßen und Heinrich aus dem neuen Kruge getrunken hatte, sagte er:
»Hör' mal, Hannes, nun wollen wir mal über die Zukunft reden. Bis jetzt war mir alles so recht egal, aber heute will ich wieder mal Pläne machen. Also ich studiere Medizin.«
»Was?«
»Weißt Du, ich werd' ein Doktor. Kranken Menschen helfen, das ist noch etwas, was sich lohnt. Die Liese ist auch glücklich, weil sie bei Kranken ist. Und Du, Hannes, wirst wieder Bauer, wenn Du vom Militär los bist. Mit dem Bergmann werden, das ist nichts für Dich.«
»Nee, wirklich nich! Aber es is um die fünfzehn Mark wöchentlich und um die Lene. Die will ich doch heiraten.«
»Ja natürlich! Also kurz gesagt: Du pachtest mir den Buchenhof ab.«
Hannes zwinkerte ihn wehmütig an.
»Den Buchenhof abpachten? Das wär' was! Mein ganzes Vermögen is a Taler Schulden.«
»Vermögen brauchst Du nicht; etwas hat ja die Lene. Du bezahlst die Zinsen, und was von dem Gute und von der Ziegelei jährlich heraushängt, das heißt, was übrig ist, davon gibst Du mir die Hälfte als Pacht, wenn das Jahr um ist.«
Wenn Heinrich Raschdorf dem Hannes seine mathematische Prüfungsaufgabe vorgerechnet hätte, so hätte ihm der mit keinem fassungsloseren Gesicht gegenüber sitzenkönnen als jetzt. Also gab ihm Heinrich einen langen, deutlichen Bericht über alle Ausgaben, die der Buchenhof erforderte, über die durchschnittlichen Erträgnisse und über den voraussichtlichen Gewinn, mit dem beide zufrieden sein könnten, wenn sie sich bescheiden einrichteten.
Das Ende vom Liede war, daß Hannes dem Heinrich um den Hals fiel und zum Steinerweichen zu heulen anfing. Erst allmählich gewöhnte er sich an das riesengroße Glück, das ihm bevorstand. Pächter vom Buchenhofe! Er, der arme Sohn des Schaffers! Und die Lene sein! Und er konnte wieder aufs alte, heimatliche Feld!
Nach einer Weile machte er plötzlich ein auffällig schlaues Gesicht, entschuldigte sich, ging auf eine Viertelstunde fort und kehrte mit vor Aufregung glühenden Wangen zurück.
»Weißte, was ich gemacht hab'?« fragte er, noch keuchend vor Aufregung. »Telegraphiert hab' ich! Nach Hause telegraphiert, daß ich Pächter bin. Die könn'n auch amal erschrecken, und ich kann mir das Telegraphieren leisten!«
Ein paar Tage später kam ein langer Brief des alten Mathias an Heinrich. Eine Stelle darin hieß:
»Ich bin so froh, daß Du Arzt wirst. Du wirst ein guter Doktor sein, weil Du fleißig und gewissenhaft bist. Es ist gut, daß Du hier los bist von der Landwirtschaft. Es war nicht Deine Sache. Die Liese ist jetzt als Schwester eingekleidet. Ich habe sie besucht, und ich schreibe Dir, lieber Heinrich, daß ich ganz glücklich und froh wiedergekommen bin. Ich werde auf meine alten Tage zufrieden sein, dennder Liese geht es gut. Und es wird alles gut sein, wenn Hannes und die Lene die Wirtschaft haben. Ich will gern bei ihnen bleiben, ich bin viel zu alt, daß ich jetzt wieder so herumfahre. Und ich hab' gesagt: »Das ist unser guter Heinrich«, wie ich es von Hannes und der Lene hörte. Von Lene liegt ein Brief bei. Der Schaffer wollte auch gern einen schreiben, aber er bringt nichts zustande. Er arbeitet jetzt von früh bis spät und will bald gar nicht mehr schlafen gehen. Und manchmal, wenn er auch ganz allein ist, fängt er ganz laut an zu lachen. Sagen läßt er Dir bloß: er läßt sich schön bedanken. Aber da steckt alles darin. Die Dorfleute sind jetzt ganz verändert zu uns. Sie sind sehr freundlich zu mir, und wenn sie die Lene sehen, ziehen sie von großer Weite die Mützen. Und die Ziegeln kaufen sie auch aus dem Dorfe alle von uns. Das war ja früher nicht. Lieber Heinrich! Ich halte es für meine Pflicht, Dir jetzt noch zu schreiben, daß seit vorgestern die Lotte Schräger wieder zu Hause ist. Der alte Schräger hat die Wassersucht. Er hat ihr nicht nachreisen können. Da ist sie ihn pflegen gekommen. Sie ist in Pommern gewesen, bei einer Verwandten von ihrer Mutter. Wer es ihr vom Vater geschrieben hat, weiß niemand. Wir haben sie noch nicht gesehen, ich schäme mich jetzt, hinüber zu gehen. Wir haben jetzt mit dem Schräger manchmal verkehrt. Er hat von selbst mit uns angefangen. Er wollte mir immer für Dich den Kretscham verkaufen. Aber wie er dann krank wurde, wollte er nicht mehr fort von zu Hause. Die Lene ist auch manchmal drüben gewesen, als er krank war. Und wie jetzt die Lotte heimgekommen ist, hat die Lene fragen lassen, ob sie etwas helfen kann.Aber die Lotte hat sagen lassen: Nein, sie lasse sich bedanken für den guten Willen. So mag alles Gott befohlen sein, und am meisten Du, mein lieber Heinrich.«
Zehnmal, zwanzigmal las Heinrich Raschdorf diesen Brief. Zuletzt setzte er sich auf das Sofa und schloß die Augen.
Sie war wieder zu Hause!
Zuerst war es ganz still in ihm. – Aber dann begann das Blut zu hämmern in seiner Brust und in seinen Schläfen. Ein Wirbeln faßte ihn an, und nach der dumpfen Gewitterschwüle trostloser, heißer Arbeitstage erhob sich ein Sturm, der jäh durch seine junge Seele ging. Unaufhörlich dachte er an sie und gab sich keine Mühe, wie sonst, den Gedanken los zu werden. Deutlich traten ihre Gestalt, ihr Gesicht vor seine Seele; er hörte ihre Stimme, fühlte wieder ihren Kuß.
Sie war zu Hause, war nahe, erreichbar! Lotte!
Was war geschehen mit ihm, in ihm? Der wonnige Schreck, den ihm die kurze Nachricht gebracht, hatte allen Trotz, alle Bitterkeit niedergebrochen, hatte liebe verschleierte Bilder enthüllt. Im leuchtenden Blitzfeuer seiner neu erwachten Leidenschaft lag das alte Land erhellt vor seinen Augen, das Land, aus dem er geflohen war und nach dem ihn seine Sehnsucht doch alle Tage wieder zurückwies.
Er vermochte an seinen trotzigen Prinzipien nicht festzuhalten, da das Blut dagegen revoltierte; denn er war jung, und all sein Kampf gegen sich war greisenhaft gegen das Gefühl, das ihn mit elementarer Kraft wieder faßte.
Ein kleiner, kurzer Zweifel kam noch, dann kniete er schon vor einer Kiste, warf Bücher und Briefe heraus und fand ein kleines Bild.
Das war die Lotte! Jetzt schauten ihn diese süßen Augen an, jetzt lächelte ihm dieser Mund zu, und ehe er Zeit hatte, sich Rechenschaft zu geben, riß er das Bild, das er in all den langen Monaten nicht einmal angesehen hatte, an die Lippen und küßte es, küßte es mit jenem Glückshunger, mit jener verzweifelten Gier, wie er einst die Lotte selbst geküßt hatte im Herbstnebel.
Ein weinendes Jauchzen ging ihm durch die Seele, die Liebe lohte heiß, flammend, leuchtend wieder auf in seinem Herzen. Die Stube ward ihm zu eng, er rannte hinaus, fuhr vor die Stadt, lief stundenweit und kam ebenso erregt, wie er gegangen war, wieder nach Hause.
Die Nacht kam, er fand keine Ruhe. Auch die Zweifel kamen wieder, die Kämpfe. Ehrlich wollte er sein, ehrlich auch mit sich selbst. Wieder rief er sich ihren Treubruch vor die Seele, den tiefen Jammer, den sie ihm gebracht, aber der Groll blieb aus, der Zorn, das Feindschaftsgefühl kam nicht wieder, die Hoffnung fegte sie weg wie dürres Laub. Er rief sich alles ins Gedächtnis, was Mathias und Lene zu ihrer Rechtfertigung gesagt, dachte erst jetzt zum erstenmal darüber redlich nach, wie groß das Leid für sie gewesen, ihn aufzugeben und fortzugehen. Denn sie hatte ihn geliebt, wahr und wahrhaftig geliebt, wie ein Weib nur einen Mann lieben kann.
O, er mußte sie wieder haben!
Sollte er nach Hause? Hin zu ihr? In kaum drei Stunden konnte er sie sehen!
In drei Stunden! Sie sehen, sie haben, sie nicht mehr loslassen!
Ein Zittern überlief ihn. Er zog sich an, sagte seiner Wirtin ein paar Worte und stürmte fort. Der Nachtzug mußte noch da sein. Ja! Er kaufte die Fahrkarte. Die Stimme zitterte ihm, als er die heimische Station nannte. Er kam noch zu zeitig. Die kühle Nachtluft strich um seine Stirn. Er ging erregt auf dem Bahnsteig auf und ab und blieb dann plötzlich stehen.
Machte er sich lächerlich? Wie würde das sein, wenn er jetzt in tiefer Nacht nach Hause käme? Dorthin, wohin er nie mehr zurückkehren wollte? Wohl, sie war auch wieder heimgekommen. Aber der todkranke Vater hatte sie zurückgerufen! Und was würde sie sagen? Die Schwester hatte sie nicht sehen wollen! Und ihn? Wenn sie ihn wieder abwies oder gar vor ihm aufs neue floh? War das nicht eine furchtbare Übereilung? Mußte er sich's nicht erst genauer überlegen?
So war er plötzlich wieder mitten drin in tollen Zweifeln.
»Steigen Sie ein, mein Herr!«
»Danke – danke, ich fahre nicht mit!«
Ein Pfiff, der Zug setzte sich in Bewegung und fuhr in die Nacht hinaus, der Heimat zu – ohne ihn.
Langsam schlich Heinrich die erhellten Straßen heim. Überall lustige, lachende Leute. Keiner von diesen allen sah ihn auch nur an. Eine schwere Verachtung gegen sich selbst wollte in ihm aufkeimen, aber es blieb bei dem Gefühl der Ratlosigkeit.
In seiner Stube brütete Heinrich lange vor sich hin. Es war indes Mitternacht vorbei. An Ruhe war nicht zudenken. So kam er auf den Gedanken, an Lotte zu schreiben. Er schrieb einen Brief um den andern. Gefallen wollte ihm keiner. Endlich gegen vier Uhr glaubte er das richtige gefunden zu haben.
Er setzte sich ganz mit ihr auseinander. Er schrieb ihr von allen seinen Qualen und Leiden. Und er suchte ihre Bedenken zu zerstreuen. Der Bruder sei für seine Tat nicht verantwortlich; sie aber, Lotte, sei doch ganz unschuldig. Und wenn etwas zu sühnen wäre, so könne es nur dadurch geschehen, daß sie ihn glücklich mache. Auch die Stellung der Seinen zu ihr habe sich gänzlich geändert, nachdem diese eingesehen, eine wie rechtliebende Seele die Lotte sei. Und so schrieb er am Schluß:
»Ich will nicht ungeduldig sein; ich will Dir Zeit gönnen und Dich erst dann sehen, wenn Du es willst. Um eines aber bitte ich Dich, Lotte: Du hast noch meinen Ring. Steck' ihn wieder an, wenn Du diesen Brief gelesen hast; sei wieder meine Braut!«
Die Sterne glänzten am Himmel, die Straßen waren ganz leer. Da ging Heinrich Raschdorf abermals zum Bahnhof. Noch einmal las er die Briefaufschrift, die für ihn den teuersten Namen der Welt enthielt, und legte den Brief in den Kasten. Um neun Uhr am Vormittag würde sie ihn schon haben. Das war in vier Stunden. In nur vier Stunden!
Ein qualvoller Tag verging, eine lange Nacht. Mit überwachten Augen und doch mit brennend roten Wangen saß Heinrich Raschdorf frühmorgens am Fenster seiner Stube und lugte aus nach dem Briefträger. Endlich kam er; er kam auf das Haus zu. Heinrich Raschdorf ging durch die Stubehinaus ins Entree und lehnte sich an die Tür. Jetzt! – Da! – »Herrn Heinrich Raschdorf!«
In seiner Stube besah er den Brief.
»Inliegend ein goldener Ring.«
Er tastete nach einem Stuhl. Dort öffnete er den Brief. Ein goldener Ring fiel heraus, klang kurz auf und rollte über die Diele. – Er las bruchstückweise:
»Sie beurteilen mich falsch, Sie können mir nicht in die Seele sehen – Sie wissen nicht alles – ich kann Sie nicht betrügen – kommen Sie nicht her –«
Als die Vermieterin in die Stube trat, fand sie ihren Zimmerherrn bewußtlos auf dem Fußboden liegen. Die Erschöpfung und Erregung war zu groß, die Enttäuschung zu grausam gewesen.
Es war ein Jahr später. Hannes saß bei Heinrich in der Stube und trug seinen Zivilanzug. Er war heute vom Militär entlassen worden.
Melancholisch starrte der Bursche vor sich hin.
»Nu freu' ich mich gar nich mehr a bissel, daß ich nach Hause komme.«
»Wart' nur, Du wirst Dich schon freuen! Wenn Du erst auf der Bahn bist und gar, wenn Du das Dorf sehen wirst –«
»Aber die Lene, Heinrich, die Lene! Das verwindet die ihr Lebtag nicht, daß Du nich zu unserer Hochzeit kommst, und ich – ich auch nich.«
Heinrich schwieg eine Weile; dann sagte er:
»Sieh mal, Hannes, es geht nicht! Wenn »sie« nicht mehr dort wäre, oder wenigstens nicht so in der Nachbarschaft, dann bestimmt. Aber so ist's unmöglich.«
»Und willste überhaupt nich mehr heimkommen?«
»Kaum! Vielleicht später einmal. Aber Ihr müßt mich besuchen, so oft Ihr könnt!«
Sie saßen wieder eine Weile stumm da.
»Daß mir's schwer fällt, Hannes, das kannst Du mir schon glauben. Ich hätte die Lene gern einmal wiedergesehen nach so langer Zeit und gar an ihrem Hochzeitstage. Sie ist meine einzige Schwester!«
Hannes seufzte beklommen. Dann sagte er:
»Der alte Schräger macht nich mehr lange. A hat jetzt auch noch Leberkrebs. Mathias hat's geschrieben. Na, und wenn a tot ist, wird ja die Lotte fort aus 'm Dorfe. Dann kannste wieder heimkommen.«
»Ja, dann komme ich wieder nach Hause.«
Beim Abschied weinte Hannes.
»Heinrich, vergelt' Dir Gott alles! Gerade, wenn Du halt noch zur Hochzeit gekommen wärst, da wär' unser Glück voll gewest.«
»Weine nicht, Hannes! Auf einen Hochzeitsgast kommt's ja nicht an. Sei halt froh, daß Du heiraten kannst. Grüß' schön und reise glücklich!«
Einige Wochen darauf klopfte es an Heinrichs Tür. Eine Frauensperson trat ein.
»Heinrich!«
»Lene! Du – Mädel – Du?«
Die Geschwister lagen sich in den Armen und küßten sich innig.
»Lene, was willst Du, was willst Du heute? Du hast doch morgen Hochzeit.«
»Ja, und ich komme Dich holen. Du mußt dabei sein, Du mußt! Ohne Dich mach' ich nich Hochzeit. Ich hab' keinen Vater, keine Mutter, keine Schwester, bloß ein'n einzigen Bruder, und der – der will auch noch nich mit mir in die Kirche gehn?«
»Lene, ich kann ja nicht, ich kann ja nicht –«
»Du kannst, und Du mußt auch! Im geschloss'nen Wagen fahr'n wir nach Hause, im geschloss'nen Wagen fährst Du mit in die Kirche; sie sieht Dich nicht, sie sieht keine Spur von Dir, und nach der Trauung kannst Du ja bald wieder fort.«
»Aber Lene, heute kommst Du, heute?«
»Ja! Vormittags sind wir auf dem Standesamt gewesen, und dann bin ich gleich nach Breslau.«
»Aber Mädel, warum kommst Du denn gerade an Deinem eigenen Polterabend?«
»Daraus mach' ich mir nichts, und wenn ich früher gekommen wär', hätt'st Du Dir's wieder noch anders besonnen. Jetzt mußt Du mit, jetzt nehm' ich Dich bald mit.«
Er sah das gesunde energische Mädchen an und konnte nicht hindern, daß seine Augen glänzten.
»Lene, was bist Du für eine hübsche Braut! Und dann, Courage hast Du, das muß ich sagen. Lene, ich freu' mich über Dich – ich bin stolz auf Dich – ich komme mit Dir!«