Kapitel 5

Kapitel 5

Das Verhör des Angeklagten war beendet. Hermann Raschdorf hatte die Schuld, die ihm zugemessen wurde, nicht eingestanden. Der Zuhörerraum war überfüllt. Wer aus dem Dorfe hatte abkommen können, war zur Verhandlung gefahren.

»A sieht riesig schlecht aus,« flüsterte der Schmied dem Krämer zu.

»Na, das is aber och,« sagte der. »Das nimmt einen schon mit. Überhaupt so eenen wie den! Na,sehoch, was a für graue Haare gekriegt hat.«

»Nich a eenzigesmal sieht a sich um,« sagte die Glasen. »A schamt sich halt zu sehr!«

»Da soll sich eener och nich –«

»Ruhe im Zuhörerraum!«

Der Gastwirt Julius Schräger wurde aufgerufen. Mit glühend rotem Gesicht trat er vor den grünen Tisch. Nicht einen Blick sandte er nach dem Angeklagten, der seinen Nachbar mit verängstigten Augen betrachtete.

»Ich mache Sie auf die Heiligkeit und Wichtigkeit des Eides aufmerksam! Sprechen Sie mir nach!«

»Ich schwöre, daß ich die reine Wahrheit sagen, nichts verschweigen und nichts hinzusetzen werde! So wahr mir Gott helfe!«

Die Personalien des Zeugen wurden festgestellt, und dann wurde Schräger aufgefordert, alles zu sagen, was er etwa über die Entstehung des Brandes wisse.

In unbeholfener Rede begann er. Er erzählte, daß Raschdorf am Nachmittag des Brandtages bei ihm gewesen sei, daß sie zuerst über die mißliche Vermögenslage des Angeklagten gesprochen hätten; dann sei der Riedel-Bauer gekommen und hätte von einem Feuer in der Nachbarschaft erzählt. Und da hätte der Raschdorf gesagt, so schlimm sei das Abbrennen gar nicht, weil doch die Versicherung zahle und weil alle Leute einem Abgebrannten helfen.

»Was haben Sie zu solchen Redensarten gesagt?«

»Ich hab' gesagt, er solle sich nich versündigen!«

»Jawohl, das war auch das einzig Richtige, was Sie sagen konnten. Erzählen Sie weiter!«

Ja, weiter wisse er nicht viel. Der Riedel hätte gesagt, die Gebäude des Raschdorf seien doch sehr gut; aber da hätte der Raschdorf entgegnet, der Stall tauge nichts und die Dächer seien schadhaft; es gäb' überhaupt immer Flickereien. Der Raschdorf sei etwas betrunken gewesen. Um sieben Uhr sei er fortgegangen, und um halb acht Uhr sei eine Magd vom Buchenhof gekommen und habe das Feuer gemeldet.

»Sie haben mit dem Angeklagten in Geldgeschäften gestanden?«

»Ja, ich hab' ihm manchmal borgen müssen.«

»Zuletzt hat der Angeklagte einen großen Verlust durch Aktienkauf gehabt. Es heißt, Sie hätten ihm zu diesem Geschäft dringend geraten. Wie steht das?«

Schräger wurde verlegen. Er erzählte, vor Jahren sei ein Fabrikunternehmen als Aktiengesellschaft gegründet worden. Da hätte er dem Raschdorf geraten, sich zu beteiligen. Der Raschdorf hätte das auch getan.

»Aber er hat damals eine Hypothek aufnehmen müssen, um die Aktien zeichnen zu können?«

»Ja, aber damals hat der Raschdorf noch sehr gut dagestanden.«

»Es war ein gewagter Rat von Ihnen! Aber Sie meinten wohl, die Sache sei sicher und werde rentabel werden?«

»Ja – ja, das meint' ich!«

»Das is nich wahr! Das is a Schwindel!«

»Ruhe im Zuhörerraum! Wenn das noch einmal vorkommt, laß ich den Störenfried sofort hier vorführen!«

Die Dorfleute duckten sich zusammen und rückten ein wenig von Mathias weg, der zitternd an der Barriere stand und die Worte gerufen hatte.

»Wissen Sie, Herr Schräger, wer der Brandstifter gewesen ist?«

»Nein!«

Der Verteidiger erhob sich.

»Eine Frage! Herr Schräger, Sie sind ein Freund und Nachbar des Angeklagten gewesen. Sie kennen ihn genau von Jugend auf. Halten Sie ihn der Brandstiftung für fähig?«

Schräger wurde sehr unruhig. »Ich – ich weiß es nich genau. Aber ich denke – a wird's wohl gewest sein!«

»Das is nich wahr! Das is 'ne Gemeinheit! Der Raschdorf war's nich! Eher war's der Schräger schon selber!«

Der Präsident fuhr empört in die Höhe.

»Gerichtsdiener! Der Mann dort an der Barriere, der das gerufen hat, ist sofort hier vorzuführen!«

Ein Gerichtsdiener kam in den Zuhörerraum, und Mathias Berger wurde dem Richter vorgeführt. Die Dorfleute wagten kaum noch zu atmen.

Die Personalien Bergers wurden festgestellt.

»Wie können Sie sich erdreisten, hier wiederholt die Verhandlung zu stören?«

»Ich – ich halt' mich nicht, wenn ich seh', wie der – der – der Lump da falsch aussagt!«

»Ich werd' ihn verklagen!« sagte Schräger krebsrot vor Wut.

»Das ist Ihr Recht, Zeuge!«

Der Staatsanwalt erhob sich.

»Ich beantrage gegen Mathias Berger wegen groben Unfugs vor Gericht drei Tage sogleich zu vollstreckender Haft!«

So wurde erkannt und Berger abgeführt.

Draußen auf dem langen Gerichtskorridor lehnte in einer Fensternische Heinrich Raschdorf. Mathias Berger, den der Gerichtsdiener sacht am Arme hatte, ging an ihm vorüber und sah ihn mit einem wehen Blicke an.

»Mathias – Mathias, was ist –?«

»Heinrich, Dein Vater ist verloren!«

»Mathias, ich will – ich – ich –«

Er klammerte sich verzweifelnd an den Lumpenmann.

»Geh weg, mein Junge, laß los!«

Er ließ nicht los, da schob ihn der Gerichtsdiener energisch zur Seite.

Der Knabe sah den beiden nach, die in dem langen Korridor verschwanden. Dann trat er ans Fenster und starrte hinab in den kahlen Gerichtshof.

Drinnen im Gerichtssaal wurde eine Magd verhört.

Sie habe im Kuhstall zu tun gehabt, aber dann habe sie einen Futterkorb aus der Scheune holen wollen, und da habe sie gesehen, daß es brenne. Da sei sie nach der Wohnstube gelaufen.

»Was hat der Angeklagte gesagt, als Sie ihm die Meldung machten?«

Die Magd schwieg.

»Was Ihr Herr gesagt hat, als Sie ihm sagten, daß es brenne, frage ich.«

»A – – a hat gesagt: »Es – es brennt!« Und dann hat a – hat a – gelacht!«

Eine Bewegung ging durch den ganzen Gerichtssaal, und der Angeklagte zuckte zusammen.

Dann ein Knecht. Er sagte aus, der Herr sei in den Pferdestall zu ihm gekommen und sehr lange dagewesen. Er hätte über alles mögliche geschimpft, und dann sei er gegangen. Wohin, das wisse der Zeuge nicht.

»Heinrich Raschdorf!«

Kein Atemzug war hörbar im weiten Gerichtssaal. Der Angeklagte nur fuhr herum und wandte sein erdfahles Gesicht der Tür zu.

Gesenkten Kopfes, mit blutleerem Angesicht trat Heinrich Raschdorf in den Gerichtssaal. Ein einziges Mal irrtenseine dunklen Augen im Kreise. Als er den Vater sah, öffnete sich ihm der Mund, das Gesicht verzog sich, und er blieb stehen. Aber dann senkte er die Augen und trat vor den Richter.

Der betrachtete den bildschönen Knaben, und durch die kalten, forschenden Juristenaugen zuckte ein warmer Strahl.

»Mein Kind! Du bist als Zeuge vorgeladen. Der Angeklagte ist Dein Vater. Du darfst das Zeugnis verweigern. Dann kannst Du bald wieder gehen!«

Der Knabe hob die Augen und sah den Richter ängstlich an.

»Ich – ich will alles – alles sagen. Ich – ich habe – habe selber angezündet!«

Ein paar Schreie tönten aus dem Zuhörerraum, und der Präsident vergaß den Ordnungsruf.

»Du hast angezündet?«

»Ja! – Ich – ich hab' Zigaretten – Zigaretten rauchen wollen – in der Scheune – und da – da –«

Der Angeklagte erhob die Hand.

»Heinrich! Heinrich, ist das wahr?«

Heinrich Raschdorf sah ihn nicht an und sagte:

»Es ist wahr!«

»Junge, wie kannst Du das so sagen? Du wirst ja sofort eingesperrt, wenn das wahr ist. Bedenke doch das!« mahnte der Richter.

»Es ist wahr!« wiederholte Heinrich.

Daran wurde er blaß und fing an so heftig zu zittern, daß ihm der Richter gebot, sich einstweilen zu setzen, bis er sich erholt habe.

Die Verhandlung nahm ihren Fortgang.

»August Reichel!«

Der Riese tappte schwer in den Saal. Die Eidesformel murmelte er so leise, daß ihn der Präsident ermahnen mußte, vernehmbar zu sprechen.

Mit unbeholfenem, ängstlichem Gesicht stand er vor dem Gericht. Er sollte erzählen, aber er knurrte nur, brummte unverständliches Zeug und brachte keinen Satz heraus. Da verlegte sich der Richter aufs Abfragen.

»Waren Sie zur Zeit der Tat im Hofe oder in den Wirtschaftsgebäuden?«

Reichel starrte den Richter an und schwieg.

»Ich frage, ob Sie an dem betreffenden Tage abends in der Zeit von 7 bis ½8 Uhr sich im Hofe, im Stalle oder in der Scheune aufgehalten haben?«

Der Schaffer schüttelte den Kopf.

»Nee!«

»Wo waren Sie in dieser Zeit?«

Reichel besann sich und sagte dann langsam:

»Derheeme!«

»Was heißt »derheeme?« Sie meinen, Sie waren zu Hause in Ihrer Stube?«

Reichel nickte.

»Wer war bei Ihnen?«

»Der Hannes und der Heinrich!«

»Was haben die Knaben bei Ihnen gemacht?«

»Sechsundsechzig!«

»Was?«

»Sechsundsechzig! Ich bring's ihn' bei!«

Ein paar Geschworene grinsten.

»Also die Knaben haben Karten gespielt? Wie lange?«

»Bis um halb achte!«

»Wieso gerade bis ½8 Uhr?«

»Wie's halb schlug, nahm ich die Karten weg.«

»So! Und dann ist Heinrich Raschdorf fortgegangen? Allein?«

»Nee, mit Hannes!«

»Wissen Sie etwas über die Entstehung des Brandes?«

Reichel schüttelte den Kopf.

»Aber der Herr is 's nich gewesen!« sagte er.

»Wieso ist er's nicht gewesen?«

Reichel zuckte die Schultern.

»Wissen Sie etwas, was dafür spricht, daß Ihr Herr unschuldig ist?«

Reichel nickte bedeutsam.

»Ich sprech's!«

Der Richter fuhr sich mit der Hand übers Gesicht.

»Ich meine, Reichel, das ist doch nur Ihre Ansicht! Haben Sie irgendeinen Beweis dafür?«

»A tutt's nich! A tutt's nich!«

»Setzen Sie sich!«

Der Schaffer setzte sich auf die schmale Zeugenbank und streckte die mächtigen Beine weit in den Saal. Er machte ein finsteres Gesicht, denn das viele Reden hatte ihn verdrossen. –

»Johannes Reichel!«

Hannes wurde halb zwangsweise in ganz jämmerlicher Verfassung herbeitransportiert. Er zappelte an Händenund Beinen und heulte zum Steinerweichen. Der Richter redete ihm gut zu, aber davon wurde das Geheul ärger. Da brüllte ihn der Beamte riesig an, und das half.

Der Richter stellte zunächst fest, daß Hannes mit seinem Vater und Heinrich zusammen gewesen sei.

»Was habt Ihr gemacht?« fragte der Richter in seiner wohlwollenden, aber etwas kurzen Weise.

Über diese Frage erschrak der gute Hannes mächtig. Er fing an zu heulen, hob die Hände bittend auf und schluchzte: »Sechsundsechzig gespielt – aber ich werd's ja nich mehr machen – ich werd's ja nich mehr machen – bloß nich einsperr'n – och – och je – och je –«

»Sei mal ruhig, Junge! Ob Ihr Karten gespielt habt, ist mir egal. Da passiert Dir nichts. Erzähl' mal, wie der Heinrich Raschdorf nach Hause gegangen ist. Aber nun sag' die Wahrheit! Wehe Dir, wenn Du lügst. Also wie war das?«

Hannes erzählte, er sei mit Heinrich sofort hinüber nach der Wohnstube gegangen.

»Sag' mal, mein Junge, Karten gespielt habt Ihr also; habt Ihr nicht auch geraucht?«

»Nee, geraucht haben wir nich – gar nich geraucht – gar nich a kleenes bissel –«

»Johannes, lüge nicht! Ihr habt geraucht?«

»A eenziges Mal haben wir Zigaretten geraucht, aber das war im Sommer auf'm Felde – der Heinrich zwei und ich eine – aber da wurd' uns so schlecht –«

»Ob Ihr an dem Tage geraucht habt, wie's bei Euch brannte?«

»Nee, da nich, da hatten wir ja gar keene Zigaretten. Wahrhaftig nich!«

»Seid Ihr nicht, ehe Ihr zu Raschdorf in die Wohnstube ginget, in der Scheune gewesen?«

»Nee, wir sind bald rübergegangen.«

»Heinrich Raschdorf!« Der Knabe trat wieder vor.

»Du hast gehört, was Dein Freund aussagt. Das ist gerade das Gegenteil von dem, was Du sagst. Wer lügt nun von Euch beiden?«

»Ich – ich hab' geraucht – allein geraucht – in der Scheune –«

»Du hast allein geraucht? Wann hast Du geraucht? Wann bist Du allein gewesen?«

Der Knabe kam in tödliche Verlegenheit und wußte keine Antwort. Hannes faßte Courage und meldete sich mit dem Zeigefinger wie in der Schule.

»Herr Lehrer, a schwindelt! A war ja immerfort bei uns, und dann, wie wir rübergegangen sind, da is noch der Robert mit uns gegangen, der Knecht.«

»Robert Kirschner!«

Der Knecht sagte aus, er sei aus dem Wagenschuppen gekommen, da habe er die beiden Knaben aus dem Gesindehause kommen sehen, und weil er den Heinrich, der gerade erst zu den Ferien gekommen sei, noch nicht gesprochen habe, sei er mit den Knaben gegangen und habe sie bis zur Tür begleitet. Den Heinrich habe er in die Stube gehen sehen, und mit dem Hannes habe er noch geplaudert. Und da sei schon die Karoline gekommen und habe gesagt, daß es brenne.

»Heinrich Raschdorf! Warum lügst Du vor Gericht? Warum beschuldigst Du Dich selbst?«

»Mein Vater! Mein Vater!«

»Du hast Deinen Vater retten wollen?«

Der Knabe nickte unter heftigem Schluchzen. Es war aus mit seiner Fassung.

»Hat Dir jemand zugeredet zu einer solchen Aussage? Sag' jetzt die Wahrheit, mein Junge! Du weißt, Gott sieht Dir ins Herz. Und Du darfst Dein Herz nicht beflecken. Hat Dir jemand zugeredet, Dich selbst falsch anzuklagen?«

»Es hat mir niemand zugeredet!«

»Wirklich nicht? Wie kamst Du darauf?«

»Ich hab' so Angst – so schrecklich Angst!«

»Setz' Dich, Heinrich Raschdorf!«

»Frau Anna Raschdorf!«

Die schwindsüchtige Frau wankt in den Saal. Auf ihren Wangen blühten die Kirchhofsrosen.

»Wollen Sie von Ihrem Recht der Zeugnisverweigerung Gebrauch machen, Frau Raschdorf?«

»Nein!«

Sie sagte aus, was sie wußte. Sie leugnete nicht, daß Ihr Mann nicht nüchtern gewesen sei; aber als er dem Knaben mitgeteilt, der Ruin stehe vor der Tür, habe er gebebt. Und durch den Brand sei es nur schlimmer geworden. Maschinen seien verbrannt, die nicht versichert seien, die ganze, reiche Ernte sei verbrannt, das Vieh müsse auswärts sein. Das Elend sei erst durch den Brand voll geworden.

Eine Reihe anderer Zeugen wurde noch vernommen, ohne daß etwas Erhebliches zutage gefördert wurde.

Die Plaidoyers begannen.

Der Staatsanwalt führte aus:

Der Angeklagte sei in einer verzweifelten Vermögenslage gewesen. Er habe am Johannitermin die Zinsen nicht zahlen können und am Michaelitermin auch nicht. Dazu sei eine Wechselschuld gekommen, die er nicht habe tilgen können. Am Nachmittag des Brandtages nun sei durch die Erzählung des Bauern Riedel die Phantasie Raschdorfs angeregt worden; er habe in einem Brande einen günstigen Ausweg erkannt und diesem Gedanken auch durch außerordentlich belastende Worte Ausdruck verliehen. Sein Hirn sei durch reichlich genossenen Alkohol weiter erhitzt worden, und so sei der Vertreter der Anklage der vollen Überzeugung, der Angeklagte habe das Feuer in der Scheune angelegt, sei darauf in den Pferdestall gegangen, wo er durch ganz unmotiviertes Herumschimpfen sich habe gleichgültig und unverdächtig stellen wollen, und habe sich dann nach der Wohnstube begeben. Im Rausch hätte er es dann nicht verhindern können, zu lachen, als die Magd das Feuer meldete. Welcher Bauer lache wohl, wenn ihm Feuer in seinem Gehöft gemeldet würde? Die Tatsache, daß sich die Vermögenslage des Angeklagten durch den Brand verschlechtert habe, könne entlastend nicht ins Gewicht fallen. Raschdorf habe einen vorläufigen Aufschub, eine Wendung der Dinge gewünscht; die Aussicht, viel bares Geld in die Hand zu bekommen, habe ihn verlockt. Verdächtig erscheine dem Staatsanwalt auch die Aussage des Heinrich Raschdorf. Welches Kind klage sich selbst eines so furchtbaren Verbrechens an, wenn es nicht dazu angeregt, geradezu verführt worden sei? Ein Kind habeAngst vor dem Gericht; es suche sich eher reinzuwaschen als sich zu belasten. Dieser Knabe Heinrich Raschdorf habe entlastend wirken wollen, aber das Gegenteil sei eingetreten. Es sei eine verunglückte Komödie gewesen. Auch den anderen Zwischenfall wolle der Staatsanwalt nicht unerwähnt lassen. Vom Zuhörerraum sei Partei genommen worden für den Angeklagten, und der Hauptbelastungszeuge Schräger sei beleidigt und geradezu selbst beschuldigt worden. Gerade dieser Zeuge sei aber durchaus glaubwürdig. Durch den Brand sei sein eigenes Gehöft, das ganz in der Nachbarschaft liege, höchst gefährdet gewesen; dazu komme, daß Schräger den ganzen Nachmittag in Gesellschaft seiner Gäste in der Wirtsstube gewesen sei bis zum Ausbruch des Brandes. Und dieser Mann, der den Angeklagten von Jugend auf kenne, der sein Freund sei und ihm dutzendmal aus finanziellen Notlagen geholfen habe, der nun bei Verurteilung des Angeklagten und dem daraus resultierenden finanziellen Zusammenbruch wahrscheinlich sein Geld verliere, sei unter dem Druck des Eides doch nicht fähig gewesen, auszusagen, daß er seinem Freund, Nachbar und Schuldner die Tat nicht zutraue. Er, der Staatsanwalt, bitte die Herren Geschworenen, das Schuldig auszusprechen, damit die Bestrafung des Verbrechers erfolge.

Ein Schrei. Heinrich Raschdorf lag mit weit ausgestreckten Armen im Gerichtssaal, mit dem Gesicht auf der Erde.

Der Schaffer hob ihn auf und trug ihn behutsam aus dem Saale. Ihm folgte Frau Anna.

So war Hermann Raschdorf allein. Weder Frau noch Kind hörten die Rede des Verteidigers. Die Ausführungendieses Mannes bestanden in der Hauptsache darin, daß Hermann Raschdorf, der ein gewisses Maß von Bildung besitze, nie und nimmer ein so plump angelegtes Verbrechen begangen haben könne. Er würde sich, selbst im Rausche, gehütet haben, kurz nachdem er die unvorsichtigen Worte gesprochen, eine Tat zu begehen, deren er mit großer Wahrscheinlichkeit verdächtigt werden mußte. Dazu komme, daß Raschdorf durch den Brand seine Vermögenslage verschlechtert sehe. Er, Verteidiger, sei der Ansicht, daß das Feuer schon angelegt gewesen sei, als Raschdorf noch in der Schenke saß. Um seinen psychologischen Tiefblick könne der Verteidiger den Herrn Staatsanwalt nicht beneiden. Es komme sehr wohl vor, daß ein Mensch, dem ein furchtbares Unglück gemeldet würde, jäh auflache, das sei ein viel intensiverer Ausdruck des Jammers als Tränen; denn so, wie es Freudentränen gibt, so gibt es ein Lachen der Verzweiflung, und das sei bei Hermann Raschdorf wohl vorauszusetzen gewesen, der kurz vor der Meldung des Feuers seinem Sohne Mitteilung von dem drohenden Bankrott gemacht und sich in schwerer Gemütsbewegung befunden habe. Noch mehr tue es aber dem Verteidiger leid, daß der Herr Staatsanwalt die Kindesliebe des kleinen Heinrich Raschdorf, die hier so echt und ergreifend in Erscheinung getreten sei, eine verunglückte Komödie genannt habe. So geschickt spiele auch der befähigtste Knabe nicht Komödie, daß er ohnmächtig zusammenbricht, wenn er von schwerer Strafe hört, zu der er den geliebten Vater schon verurteilt glaubte. Sehr wohl komme es aber vor, daß ein Kind in der Angst seines Herzens sich fälschlich selber anklage, um ein geliebtes Wesen zu retten. Der Idealismusliege eben einer Kindesnatur näher als einem Staatsanwalt. »Meine Herren Geschworenen! Ich erwarte von Ihrem Gerechtigkeitsgefühl aufs bestimmteste, daß Sie diesen Mann nicht ins Zuchthaus schicken werden auf einen bloßen Verdacht hin, dessen Beweis in keiner Weise gelungen ist; daß Sie einem so heldenmütigen Knaben nicht den Vater, einer so kranken Frau nicht den Mann, einem so verwüsteten Besitztum nicht den Retter nehmen werden. Im ganzen aber appelliere ich nicht an Ihr Mitleid, sondern an Ihre Gerechtigkeit und erwarte den Freispruch.«

Die Geschworenen zogen sich zurück. Die Wintersonne schien strahlend in den kahlen Gerichtsraum, Schellengeläute ertönte von draußen, und das Lachen lustiger Menschen schallte von der Straße.

Und hier saß ein Mann, dessen Schicksal in den Händen schwacher Menschen lag.

In der Ferne schlug eine dumpfe Glocke dreimal.

»Drei! Paß auf, a kriegt drei Jahre,« flüsterte erregt die abergläubische Glasen im Zuhörerraum.

»Mir wird schlecht,« sagte die Krämerin und ging hinaus.

Und nun wieder diese schwere Stille. Hin und wieder hörte man leise die Feder des zurückgebliebenen Staatsanwalts kratzen, der gleichmütig Akten las und unterschrieb.

Die Geschworenen kamen zurück. Kein Laut ging durch den weiten Saal. Auch draußen war's still.

»Die Geschworenen haben die Schuldfragen verneint. Hermann Raschdorf ist freigesprochen und alsbald aus der Haft zu entlassen.«

Da begrub der Mann auf der Anklagebank sein Gesicht in beide Hände und weinte wie ein Kind. Eine Qual taute auf, eine furchtbare, lange Qual.

Die große Gaststube des »Gelben Rosses« war überfüllt. Es war nachmittags gegen 4 Uhr. Nur Bauern waren da, die von der Schwurgerichts-Verhandlung kamen und im »Gelben Roß« ihre Pferde und Fuhren untergebracht hatten.

Da herrschte wüstes Stimmengewirr. Die Leute hatten alle rote Gesichter, und auch die Langsamen und Schläfrigen unter ihnen waren aufgeregt und redeten viel oder grunzten wenigstens viel öfter und intensiver als sonst. Die viele innere Hitze brachte reichlichen Alkoholgenuß und der Alkohol wiederum viel innere Hitze zuwege, und die Bestellungszurufe an die Bedienung wie die Prostschreie waren das einzige, was abseits der Affäre Raschdorf gesprochen wurde.

Irgendein Verein zog draußen mit klingender Musik vorbei. Aber nur wenige Weiber traten ans Fenster. Den Männern war das Schauspiel, das sie sonst sicher über die Maßen interessiert hätte, heute gleichgültig.

Ein Bauernbursche kam in die Stube und meldete seinem Herrn, das »Handpferd tue so komisch, es kriege vielleicht die Kolik«. Zu jeder anderen Zeit wäre eine solche Meldung ein Alarmsignal zu allgemeinem Aufbruch nach dem Pferdestall gewesen, wo jeder seine Weisheit und Erfahrung zeigen konnte; heute hatte der Besitzer Mühe, seinen Schwager zu bereden, mit ihm »zum Rechten« zu sehen.

Wie wenn eine Dreschmaschine in einem großen Hofe summt, zischt, poltert, klappert, rasselt, qualmt, – so war's.

Aber eine Stimme im Bauernhofe gibt's, die selbst den Lärm der Dreschmaschine übertönt, das ist, wenn ein rechter Hahn kräht, und eine Stimme gab's auch in dieser Versammlung, die über all den wüsten Skandal sich erhob, das war die des Barbiers.

»Der Staatsanwalt, der – der is mei Mann! Der Verteidiger – äh, das is 'n Jude. Der macht's fürs Geld! Aber der Staatsanwalt, der hat's ihm gegeben! Donnerschlag, der Mann hat was weg!«

Es wurde ein bißchen ruhiger, und der Barbier konnte fortfahren: »Wer soll's denn eigentlich gewesen sein? Is 'n eenziger Bummler an dem Tage im Dorfe gewesen? Was? Habt Ihr einen gesehen? Ich nich! Und einer aus'm Dorfe? In unserm Dorfe gibt's kein'n Anzünder, es wär' denn grade –«

»Du, sag' bloß nischt vom Gastwirt Schräger,« warnte einer.

»Wer spricht 'n vom Schräger? Höchstens der Berger! Und der wird ja wissen, warum a zu Raschdorfen hält!«

Da wurde es noch stiller. Nur einige lachten vor sich hin, und die Glasen versuchte, verschämt auszusehen.

Der Barbier nahm wieder das Wort:

»Ich gönn' keinem was Schlechtes, aber dem Berger, dem is recht. Da hat a doch amal was uff sei großes Maul. Damals, wie a das Schandgedichte uff mich gemacht hat: »Versichert's Leben, der Bader kommt!« – Ja, da lacht Ihr schon wieder – wie damals – wie damals lacht Ihr, aber wen läßt denn der Berger in Ruh'? Keenen! Keen' eenzigen! A bild't sich ein, a is klüger wie a Bauer. So aLumpenmann, so a Stromer! Jetzt hat a Zeit, Gedichte zu machen, drei Tage lang! Der Staatsanwalt läßt sich nischt vormachen. Jetzt kann a die Gefängnismauer abschmatzen!«

»Der Barbier is a Hauptkerl!« sagte einer voll Anerkennung.

»Na, ich sag' Euch,« fiel dieser geschmeichelt ein, »ich hätt' nich Zeuge sein dürfen, da wär's anders gekommen, ganz anders; ich hätte schon gered't, ich hätt' den Herren schon a Lichtel uffgesteckt. Aber wenn solche Mohhörner dastehn wie der Reichel-Schaffer –«

Alle lachten.

»Vom Sechsundsechzigspiel'n quatscht das Rindvieh, als wenn das dazu gehörte – 's ganze Gericht hat ja gelacht, wie der sich blamierte. Aber solche Zeugen brauchte der Raschdorf!«

»Na, aber gutt sah der Raschdorf nich aus, wie a so uff der Anklagebanke saß.«

»I ja, da vergeht ein'm 's Dicketun! Früher da konnt' a nischt fein genug haben. Ich durft' ihm die Haare und a Bart nich verschneiden. »Sie schneiden mir Treppen in a Kopp,« sagt a, und da fuhr er in die Stadt und gab 20 Pfennig fürs Haarschneiden. Na, wer's so häufig zum Wegschmeißen hat!«

»'n riesigen Stolz hatt' a, das is wahr,« sagte wieder ein anderer; »wenn nich einer gerade auf der Schulbanke mit ihm gesessen hatte, mit dem machte der nich Brüderschaft.«

»Nee, nee, nee!«

Es entstand wieder allgemeines Gespräch.

Da kam Schräger. Wenn der Pfarrer in die Stube getreten wäre, es wäre nicht halb so still geworden wie jetzt.

Der Gastwirt sah sich verdrossen um und ging an einen Tisch. »'ne Tasse Kaffee und a Paar Wiener!« bestellte er.

»Prosit, Herr Schräger!« schrie der Barbier und näherte sich dem Tisch.

Die andern sahen gespannt zu.

»Prosit! Prosit!« antwortete Schräger kurz. In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und hinter einer Dienstmagd, die flüchtig hereinkam, trat Heinrich Raschdorf in die Stube. Niemand sah auf die Magd und den Knaben; alle blickten nach dem Tisch Schrägers. Heinrich blieb erst unschlüssig stehen, dann setzte er sich auf einen Stuhl, der in einem Winkel am Schanksims stand. Die Mutter hatte ihn, als ihm unwohl geworden war, nach dem Gasthause gebracht; aber er hatte sich rasch wieder erholt. Dann war jemand gekommen, der gesagt hatte, der Vater sei freigesprochen, und da war die Mutter gegangen, den Vater zu holen. Er selbst mußte zurückbleiben und wartete hier auf die Eltern.

»Nu, Herr Schräger, Sie sind ja so stille,« sagte der Barbier, »Sie ärgern sich doch nich etwa?«

»Da soll sich einer nich ärgern! Aber ich verklag' den Berger, ich verklag' den Kerl! Das laß' ich mir nich gefall'n!«

»Nu, das könn'n Sie sich ja gar nich gefall'n lassen. Wir haben gerade davon gesprochen. Der Berger hat halt Ursache, daß a zu Raschdorfs hält – na, Sie wissen ja – und Sie haben ja glänzend dagestanden, Herr Schräger.Wie Sie der Staatsanwalt rausgestrichen hat, und a hat doch gesagt, Sie sind ganz unverdächtig.«

»Das will ich meinen, daß der's nich gewesen is, der a ganzen Tag in der Stube steckt und sein Geld zusetzt. Oder traut mir das überhaupt jemand zu?«

Schräger stand auf und musterte herausfordernd den Kreis. Ein lebhaftes Protestieren ging los, und ein paar Bauern schüttelten dem Wirt die Hände.

»Wir wissen 's schon, wer 's gewesen ist,« krähte der Barbier; »und wenn ihn 's Gericht zehnmal freispricht, der Raschdorf war's doch. Die stolze Bande –«

»Jeses, der Junge!«

Ein Weib schrie es, und nun sahen alle nach dem dunklen Winkel, aus dem Heinrich Raschdorf hervortrat. Mit glühenden Augen, wie ein gereiztes Raubtier, so stand er da; die weißen Zähne blitzten und bissen knirschend aufeinander; die Fäuste ballten sich – er bückte sich ein bißchen, sprang an, kletterte an dem langen Bader empor und hieb ihm die Faust ein paarmal derart auf Mund und Nase, daß dem Manne das Blut übers Gesicht rann.

»Ich schlag' Dich tot, Bader, ich schlag' Dich tot!«

Der Bader fluchte, schrie, wehrte sich und machte sich mühsam frei. Er wollte sich auf das Kind stürzen, aber das Blut rann ihm so reichlich und die Augen tränten ihm so stark, daß er hinaus nach dem Hofe mußte.

Die anderen waren starr.

Heinrich Raschdorf stand mitten in der Stube.

»Wer das noch einmal sagt – das von meinem Vater, den hau' ich gerade so!«

Ein paar Leute brummten oder lachten leise.

»Mein Vater ist freigesprochen – er ist unschuldig – das Gericht hat's gesagt, und das müßt Ihr glauben!«

Niemand rührte sich. Heinrich schoß das Wasser in die Augen.

»Ist jemand, der das nicht glaubt, daß mein Vater unschuldig ist?« fragte er hilflos.

Kein Laut in der Stube.

»Aber er gehört doch zu Euch, Ihr müßt es doch glauben!« Das sagte er in bettelndem Tone.

Ein gegnerisches Gemurmel erhob sich. Kein freundlicher Zuruf erfolgte. Da brach Heinrich Raschdorf in bittere, zornige Tränen aus:

»Dann – dann – seid Ihr alle – alle miteinander Schufte!«

Und ehe noch die Männer sich schwerfällig und schimpfend erhoben, den Knaben zu strafen, war Heinrich Raschdorf verschwunden.

Eine stille Straße entlang kam müde ein Mann gegangen, und neben ihm ging eine hustende Frau.

Ihnen trat Heinrich entgegen.

Er blieb vor dem Vater stehen, aber er gab ihm nicht die Hand. Scheu sah er mit seinen Kinderaugen den Vater an.

»Vater, sag' mir, ob Du's gewesen bist?«

Hermann Raschdorf fühlte die Wucht des Augenblicks.

»Nein, Heinrich, ich war's nicht!«

Er sagte es ruhig und fest.

Da atmete der Knabe tief auf, erfaßte die Hand des Vaters und küßte sie.

Bis vor die Stadt gingen die drei und warteten, bis der Schaffer kam und sie in sein Gefährt aufnahm.

Nicht ein Wort wurde gesprochen auf der langen Fahrt. Der frühe Abend war schon angebrochen, als sie zu Hause ankamen. Einen langen, scheuen Blick warf der Buchenbauer hinüber nach den verwüsteten Gebäuden. Da fuhr ein kalter Windstoß über die Trümmer und traf den Buchenbauer ins Gesicht, wie ein eisiges Urteil.

»Der Raschdorf is freigesprochen,« sagte auf dem Heimweg der Barbier. »Aber ich räch' mich an ihm, und der Kanaille, dem Jungen, streich ich's an. Wenn mir bloß nicht immer so leichte die Nase blut'te! Ich hätt'n ermurkst! Aber den Alten bring' ich rein, und wenn a zehn Juden bezahlt. Ich ruh' nich, bis alles raus is und bis a drinne sitzt!«

Und ob der böse Schaumschläger seine lächerliche Drohung auch nicht erfüllen konnte, er tat etwas Schlimmeres. Von Haus zu Haus führte sein Geschäft, und in jedem Hause stahl er den Raschdorfs etwas von der heiligen Erde, auf der wir allein unsere Heimat gründen können – von dem Herzenslande der Liebe und Sympathie der Gemeindegenossen.

Wer keinen Hof und keinen Fuß breit eigenen Bodens besitzt, kann doch eine Heimat haben, aber wem die Mitbürger ein Plätzchen idealen Baugrundes in ihren Herzen verweigern, der ist heimatlos.


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